Geschichte & Biografie

Choreografie (m)eines Lebens

Kristina Brandt

Choreografie (m)eines Lebens

Leseprobe:

Die Tage mit der Schwiegermutter waren für mich alles andere als erheiternd. Obwohl ständig auf Wohnungssuche, waren wir bis dahin glücklos geblieben, und die Aussichten waren nicht gerade rosig.
Immer wieder mal erwähnte sie, dass Ken sich ihrer Meinung nach eigentlich nicht für die Ehe eignete. Stets habe er nur kurzlebige Verhältnisse mit Frauen gehabt, und sie sei überzeugt gewesen, dass er niemals heiraten würde. (Ich hatte dabei das Gefühl, sie wollte mir Angst machen, damit ich mich im letzten Moment vielleicht noch mal „eines Besseren“ besinne.)
Denn das war der springende Punkt! Sie wollte nicht, dass er heiratete. Sie wollte ihn ganz für sich, wollte ganz allein für ihn sorgen, wie früher, als er noch ein süßer, blond gelockter Junge war, der im Kirchenchor sang und selbst wie ein Engel ausgesehen hatte.
Niemals brauchte er sich um etwas zu kümmern; alles hatte sie ihm abgenommen, und auch jetzt ließ sie mich keine Aufgabe übernehmen. Sie wollte alles selbst erledigen. Beim Kochen durfte ich nur zusehen und sie sonnte sich in dem Lob der Männer, wenn ihr mal wieder der Yorkshire-Pudding gelungen war – ein fader, trockener Mehlteig, dessen einziger Pluspunkt darin bestand, dass er locker war.
Ich fühlte mich total überflüssig. Allerdings ließ sie mich einkaufen, weil sie das selbst nicht gern tat und es für Einkäufe auch kein Lob gab.
Ich kaufte gern ein und kannte mich bald mit Qualität und Preisen aus wie eine Einheimische. Ich kannte die vielen Fischsorten und wusste, welches Stück Beef sich zum Braten am besten eignete. Aber kochen durfte ich nicht.
Die Tage schienen mir unendlich lang. Ich sah ihr zu beim Waschen, beim Kochen, beim Bügeln und meistens auch beim Putzen. Sie betrachtete sich als absolut unentbehrlich für die Männer. Die einzige Arbeit, die ich ganz übernehmen durfte, war das Polieren der vielen Messinggegenstände im Haus einmal pro Woche.
Vorsichtig versuchte ich, Ken das klarzumachen. Allerdings war es ihre Wohnung, ihr Haushalt und ich wollte auch nicht als Eindringling erscheinen.
Ken begriff sofort. Er sprach von mütterlicher Eifersucht und von ihrer Enttäuschung, dass er bald sein Junggesellenleben aufgeben würde. Mit Josie, der Damenhaften, die uns in der High Street begegnet war, hätte sie sich vielleicht eher abgefunden.
Ich dagegen war noch längst keine Dame – trotz des Hutes und meiner schicken Pumps; und dazu war ich noch eine Deutsche! Der Deutschenhass war unterschwellig – verständlicherweise – noch präsent, davon zeugten auch die vielen antideutschen Kriegsfilme. Irgendwann ließ Kens Mutter sogar einmal durchblicken, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn Ken eine Engländerin geheiratet hätte.
Kens Freunde waren zum Glück sehr nett zu mir und akzeptierten mich sofort als ihresgleichen. Trotzdem hatte ich nie das gleiche Selbstwertgefühl, das ich zu Hause hatte, und schon gar nicht die gleiche Anerkennung. Ich fühlte mich immer, als sei ich nicht ganz „up to standard“ – wenigstens für Kens Mutter.

Der Tag der Trauung, am 2. November 1947, war nicht besonders aufregend. Eigentlich war es ein Tag fast wie jeder andere. Wir fuhren zu viert ins Rathaus nach Wandsworth, und die eigentliche Zeremonie war schnell vorüber. Ich trug meinen neuen Mantel, die neuen, immer noch zu engen Schuhe, das unmögliche Häubchen mit Samtaufschlag und die letzte Neuerwerbung, eine sehr hübsche braune Handtasche, die ich mir ausnahmsweise einmal selbst hatte aussuchen dürfen. Einen Brautstrauß gab es für mich nicht.
Als wir die Rathaustreppe wieder hinunterstiegen, war ich eine Mistress. Ich trug nun den Ehering, davor den silbernen Verlobungsring, wie es üblich war. Wir steuerten ein Pub an, wo ich als frischgebackene Ehefrau ein mir aufgezwungenes Guinness trank, das mir zu schmecken hatte, da es bekanntermaßen der Gesundheit zuträglich und ein typisches Frauengetränk sei.
Anschließend fuhren wir nach Hause. Es gab zur Feier des Tages einen selbst gebackenen englischen Kuchen mit Rosinen, nicht etwa so eine zwei- oder dreistöckige Torte, wie ich sie aus Filmen kannte.
Von dem Zeitpunkt an stand für Kens Mutter nun endgültig fest, dass es keine Hintertür mehr geben würde, durch die sie mich vielleicht wieder hätte hinauswerfen können. Gelegentlich konnte sie es sich nicht verkneifen, mir eins auszuwischen, indem sie zum Beispiel abends beim Essen verkündete: „Ich hab heute in der High Street Josie getroffen. Die war vielleicht mal wieder chic!“

Ken hatte drei Tage Heiratsurlaub bekommen und es war verabredet worden, sie zu Hause zu verbringen.
In dieser Nacht schliefen wir das erste Mal miteinander, doch ehe es zum wirklichen „Vollzug der Ehe“ kommen konnte, arteten Kens Bemühungen in dieser Hinsicht in echte Schwerstarbeit aus, sodass mir ernsthaft Bedenken kamen, ob bei mir vielleicht eine erbliche Abnormität vorläge. Und da die Präliminarien mich bereits in den Himmel katapultiert hatten, war der Teil der Aktivitäten, auf den die Männer aufgrund ihrer Sonderausstattung stets so stolz sind, für mich gar nicht mehr so außerordentlich bedeutend.
Am folgenden Morgen, in aller Frühe, während wir so beieinanderlagen, wie man das nach einer Hochzeitsnacht üblicherweise erwartet, klopfte es an der Tür, und im selben Augenblick stand die Mutter mit einem Tablett und zwei Tassen Tee im Zimmer.
Mir ging hier – innerlich – der sprichwörtliche Hut hoch! Als sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, stürzte Ken aus dem Bett ins Wohnzimmer, und es entspann sich eine nicht zu überhörende Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meine Schwiegermutter betonte immer wieder, sie habe es doch nur gut gemeint und sich nichts dabei gedacht.
Ken warf ihr vor, das sei eben das Grundübel, dass sie sich nie über etwas Gedanken machte. Und dann sagte er ihr etwas, das sie sehr erschüttert haben muss und in mir schon wieder Schuldgefühle aufkommen ließ, nämlich dass sie von nun an nicht mehr die Nummer eins in seinem Leben sei.
Es wurde laut, sie weinte, stammelte etwas von Undank und ich konnte mir ausmalen, wie sich meine zukünftigen Tage mit ihr gestalten würden, denn letzten Endes würde sie mir alle Schuld zuweisen.

Ich sehnte die Wochenenden herbei, wenn Ken zu Hause war. Aber es gab eben auch fünf Wochentage! Es entging mir nicht, dass sich in ihrem Inneren Hass auf mich anstaute, denn sie zog sich zurück und die Atmosphäre wurde merklich kühler. Irgendwann lief das Fass bei ihr über, und sie gestand mir ganz offen, dass sie es mir verüble, ihr den Sohn entfremdet zu haben.
Ich ließ mich auf keine Diskussion mit ihr ein, war aber zutiefst getroffen, da ich wirklich alles versucht hatte, mich anzupassen und meine Meinungen und Auffassungen nicht offen ausgesprochen hatte.
Sie fand immer einen Anstoß zu meckern, vor allem wenn Ken und ich etwas unternehmen wollten, ohne sie vorher großartig eingeweiht zu haben. Selbst unsere gemeinsamen Kinobesuche sah sie nicht gern, da wir ja dann mehr als drei Stunden allein und ohne ihre Schirmherrschaft waren.
Diese Kinobesuche waren etwas, auf das ich mich freute. Freitags war unser Kinotag. Der erste dieser Besuche hatte mich in Erstaunen gesetzt, als ich vor dem Kinopalast mehrere Menschenschlangen in ordentlichen Zweierreihen sah, die sich jeweils hinter einem großen Preisschild aufgestellt hatten. Es gab vier Schlangen, für jede Preiskategorie eine. Vor den teuersten Plätzen warteten meistens die kürzesten Schlangen, vor den billigsten die längsten. Manchmal wechselte der eine oder andere herüber oder hinüber, je nach sich verkürzender Schlange oder nach Geldbeutel. Sobald Sitzplätze frei wurden, kam der Türsteher und rief die freien Plätze aus. Man wartete geduldig, es gab kein Drängeln, kein Murren, alles hatte seine Ordnung.
Genauso verhielt man sich an den Bushaltestellen. An jeder Haltestelle stand eine Schlange, und niemals wäre es jemandem in den Sinn gekommen, sich vorzudrängeln. War der Bus voll, wartete man geduldig auf den folgenden. Das hat mich sehr beeindruckt – wenn ich an unsere Züge zu Hause dachte, wo man schob, drängelte, knuffte und schimpfte.
Die Kinobesuche waren für mich außerdem sehr lehrreich. Ich erweiterte meine Kenntnisse in Konversationsenglisch, bereicherte mein Vokabular, lernte den englischen Humor kennen, wurde modebewusster und kannte nach und nach alle englischen und amerikanischen Stars.

Irgendwann war schließlich das Maß voll. Nach einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Ken und seiner Mutter machte er ihr deutlich, dass ein Zusammensein unter einem Dach nicht mehr tragbar sei, und wir würden nun doch dieses kleine, möblierte Zimmer nehmen, von dem wir gehört hatten, ganz gleich wie mies es auch sein möge.
Noch am selben Abend ging Ken zu der Vermieterin, um sich zu erkundigen, ob es noch zu haben war. Wir hatten Glück. Das Nötigste wurde zusammengepackt, und unter tränenreichen Vorwürfen der Mutter und mit ihrem Rat, er solle mich doch wieder nach Deutschland schicken, damit alles wieder so werde wie früher, verließen wir das Haus. In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie so erleichtert gefühlt wie an diesem Abend.
Das zu vermietende Zimmer befand sich nur einige Straßen entfernt auf der anderen Seite der U-Bahn. Es war keine gute Wohngegend. Die Straße bestand aus kleinen, alten, ärmlichen Häuschen. So standen wir nun mit zwei Koffern vor der Tür von Cottage Grove Nr. 33.
Wir hatten das Zimmer bis zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal gesehen. Auch die Vermieterin kannte ich noch nicht. Sie stand nun vor uns, freundlich lächelnd und ich glaubte, die leibhaftige Hexe aus „Hänsel und Gretel“ sei wieder auferstanden!
Mrs. Baily war sehr klein, pummelig mit einem deutlichen Buckelansatz, einem Orang-Utan-Gebiss und einem Glasauge, das nicht in der Mitte der Augenhöhle zu sitzen schien. Dennoch rang ich mir ein verbindliches Lächeln ab – gelernt ist gelernt – und sie führte uns in unser neues Heim.
Zuerst traute ich meinen Augen nicht! Nie hätte ich gedacht, dass es so etwas überhaupt gäbe! Es war unbeschreiblich, verkommen, dunkel, winzig und ohne Fenster. Doch zurück wollte ich auf keinen Fall. Lieber nahm ich dies hier in Kauf.
Der Mietpreis wurde ausgehandelt. Sie verlangte genauso viel pro Woche wie meine schönen, neuen Pumps gekostet hatten. Sie schwänzelte um uns herum, zog dauernd die Nase hoch und schniefte, nannte mich Darling und Ducky und ich konnte gar nicht begreifen, dass sich in solch einem hässlichen Menschen ein so freundliches Naturell verbarg.
Als sich die Tür hinter uns schloss und wir endlich allein waren, fiel mir trotzdem der berühmte Stein vom Herzen. Es war wenige Tage vor Weihnachten. Wir waren beide hundemüde und fielen halb tot ins Bett.

Am nächsten Morgen nahm ich in aller Ruhe die Umgebung in Augenschein, nachdem man am Abend zuvor beim Schein der 15-Watt-Birne nicht viel hatte erkennen können. Das Zimmer war etwa 14 Quadratmeter groß. Anstelle eines Fensters hatte eine zweite Tür ein kleines Oberlicht und führte in einen überdachten, alten, dreckigen offenen Schuppen, in dem Brennholz, Kohle und allerhand Gerümpel aufbewahrt waren. Von dort aus gelangte man in den „Garten“. Diese Bezeichnung war völlig unzutreffend, denn es handelte sich um ein kleines, eingefriedetes Brachland-Grundstück, eine Art Hof; aber auch diese Bezeichnung wäre viel zu hoch gegriffen. Hier befand sich auch die Toilette in einem halb verrotteten, grünen Holzhäuschen.
Ohne künstliches Licht würde ich mich also nie in diesem Zimmer aufhalten können, denn das kleine Oberlicht von ca. 40 x 60 cm wurde von dem davorstehenden Schuppen wieder verdunkelt.
Das unbestritten schönste Stück des Raumes war das breite Ehebett, antik, mit geschnörkelten Messingteilen. Es gab auch einen offenen Kamin – wenn man diesen als solchen überhaupt erkennen konnte. Er war winzig, total verdreckt und verrostet und der Einsatz war nahe daran durchzubrechen. Rechts und links davor hatten gerade zwei uralte, fleckige Sessel Platz, durch die man die Sprungfedern deutlich sehen und vor allem spüren konnte. Zwischen den beiden Sesseln, also direkt vor dem Kamin, stand ein runder, wackeliger, abgeschabter Holztisch, auf den mit Mühe zwei Gedecke passten. In einer Ecke des Zimmers gab es noch eine kleine, vorsintflutliche Kommode mit Schubladen, und neben der Tür, die zum Schuppen führte, stand ein Waschtisch mit Kanne fürs Wasser und einer zerbeulten, abgesplitterten Schüssel. Fließendes Wasser gab es nicht im Zimmer und natürlich gab es auch kein Bad im Haus. Das Wasser musste ich mir in einem Eimer aus der Scullery – einem Zwischending von Küche und Waschküche – holen. Auf dem schiefen, knarrenden Holzboden lag etwas, das man vor Urzeiten einmal als Teppich hätte bezeichnen können.
Dies war von nun an mein neues Zuhause! Zwangsläufig entwickelte ich eine nie gekannte Putzwut, die mich selbst in Erstaunen versetzte.
Ken musste im monatlichen Wechsel in seiner Presseagentur auch nachts arbeiten. Der Zeitplan sah so aus, dass er um 18 Uhr wegging und kurz nach 7 Uhr morgens wieder zu Hause war. Dann frühstückten wir zusammen. Anschließend schlief er bis 16 Uhr. Danach gab es die Hauptmahlzeit.
Was es mich für Mühe, Anstrengung, Vorsicht und Rücksicht kostete, ihn diese acht bis neun Stunden ungestört schlafen zu lassen, ist schwerlich zu beschreiben. Ken hatte einen leichten Schlaf, und er ging ihm über alles – über alles! Nie hätte ich es mir verziehen, wenn er wegen eines von mir verursachten Geräusches aufgewacht wäre, durch ein Fallenlassen des Messers, ein Stolpern, ein Wassergeräusch oder, das Beschwerlichste, das Anmachen des Kamins.
Um diese acht Stunden für mich zu verkürzen, teilte ich sie mir folgendermaßen ein: Nach dem Frühstück legte ich mich noch einmal eine gute Stunde zu ihm ins Bett. Dann stand ich auf und bewegte mich wie eine Elfe, wusch mich, zog mich an, schminkte mich (!!!) meistens im Schuppen wegen des Tageslichts und ging dann einkaufen. Diese Einkäufe dehnte ich aus, solange ich konnte, um dann für die Essensvorbereitungen zurückzukehren. Wenn es eine Olympiadisziplin gegeben hätte für die geräuschlose Zubereitung einer Mahlzeit oder für blitzartige Reaktionen bei etwaigen Pannen mit dem Küchengerät, ich wäre als Sieger hervorgegangen! Gekocht wurde auf einer rostigen Doppelkochplatte, die neben dem Kamin auf dem Boden stand.
Bald jedoch erbot sich Mrs. Baily, mich ihre Scullery mitbenutzen zu lassen. Dort konnte ich unter normalen Bedingungen das Essen zubereiten, waschen, Schuhe putzen etc.
Mrs. Baily war immer zu einem Schwätzchen bereit. Als typische Teetante trank sie eine unvorstellbare Menge Tee, und da wir unsere Teemarken nie verbrauchten, war sie überglücklich, wenn ich ihr meine Marken im Tausch für Kleiderpunkte, die es zu diesem Zeitpunkt noch immer gab, überließ.
Sie konnte humorvoll und spannend erzählen, obwohl man, da bin ich sicher, einige Abstriche machen musste, was die Wahrheit betraf. Sie erzählte zum Beispiel, dass ihr Mann Fred, ein sehr lieber, ruhiger Mann, der irgendwo als Wachmann arbeitete, ihr im Streit ein Auge ausgeschlagen habe, und als Beweis drückte sie mit zwei Fingern an ihrem Auge herum und hielt mir die Glaskugel unter die Nase.
Sie war immer nett und hilfsbereit, obwohl es mir schwerfiel, sie während der Unterhaltung anzusehen, da sie unbeschreiblich hässlich war. Vor jedem Satz zog sie die Nase hoch und hatte die unangenehme Angewohnheit, während des Gesprächs ganz dicht an einen heranzukommen, sodass man ihre feuchte Aussprache wie eine feine Zerstäuberdusche zu ertragen hatte. Ich hatte während des Gesprächs mit ihr immer das Bedürfnis, die Luft anzuhalten. Sie besaß die typische Cockney-Aussprache der Londoner Unterschicht, undeutlich, mit verschluckten oder entstellten Silben. Jeder ihrer Sätze war am Anfang oder am Ende begleitet von Sweety, Darling oder Love. In abgeschwächter Form war das allerdings auch anderswo üblich.
Von Anfang an hatte ich mich überall (außer bei Kens Freunden) als Österreicherin ausgegeben. Das hörte sich weniger provokant an und geschah auf Kens Vorschlag! Und als Mr. Baily mir eines Tages erzählte, dass mein Landsmann Richard Tauber gestorben sei, der in England überaus beliebt gewesen war, hätte ich mich beinahe verraten. Es lag mir auf der Zunge zu sagen: „Tauber war doch Österreicher.“

Sehnsüchtig erwartete ich den Monat der Tagesarbeitszeit. Ich hatte den Raum, so gut es ging, etwas freundlicher hergerichtet, aber wenn nicht gerade die Sonne durch das Oberlicht hereinschien, musste ich den ganzen Tag bei künstlichem Licht verbringen. In diesem einen Raum war die Hausarbeit natürlich schnell erledigt, und so ging ich oft hinaus in den Park oder öfter zum Einkaufen als nötig, um mir den Tag zu verkürzen.
Das Schlimmste an der Nachtarbeit waren nicht die Schwierigkeiten tagsüber oder etwa die nächtliche Einsamkeit, denn ich war nachts niemals allein! Es gab im Zimmer ganze Armeen von Mäusen, die meisterlich organisiert waren. Da waren Fußballvereine, Schlittschuhläufer, Eintänzer, Gipfelstürmer und sogar Stuntmen! Niemals hätte ich geglaubt, dass diese kleinen, grauen Vierbeiner so überschäumend lebendig und unternehmungslustig die Nächte verbrachten. Angst oder Ekel empfand ich nicht. Früher habe ich sie sogar oft aus Katzenpfoten gerettet und gesund gepflegt. Nur den Schlaf ließ ich mir von ihnen ungern rauben. Ich wusste mir keinen Rat. Natürlich hätte ich Fallen aufstellen können, jedoch hätte mir dieses Verfahren erst recht den Schlaf geraubt, denn der Anblick der kleinen, zerquetschten Körper war mir unerträglich.
In der Stille der Nacht konnte man die einzelnen Sportvereine gut unterscheiden. Den meisten Lärm machten die Schlittschuhläufer. Sie hatten ein unvorstellbares Tempo, wenn sie von einer Wand zur anderen wie der Blitz in Gruppen über den Holzboden schlitterten. Die Gipfelstürmer waren zwar ruhiger, aber sie hatten es meistens auf mein Bett abgesehen, was auch nicht gerade angenehm war. Manche quietschten herzerfrischend während ihrer sportlichen Aktivitäten vor überschäumender Vitalität, und alle schienen sich bester Gesundheit zu erfreuen.
Nach etlichen schlaflosen Nächten ließ ich mich dazu überreden, es doch einmal mit einer Falle zu versuchen. Irgendwann in der folgenden Nacht schnappte sie zu und für einen Moment war es ganz ruhig im Zimmer. Ich malte mir aus, dass die Maus vielleicht gar nicht tot war und sich nur ihr Schnäuzchen eingeklemmt hatte, ihre Vorderbeinchen oder das Schwänzchen. Ich stand auf und sah nach ihr. Es war ein herzzerreißender Anblick! Das arme Ding lebte noch, denn der Bügel hatte nicht ihr Genick gebrochen, wie vorgesehen, sondern ihre Wirbelsäule. Die runden, schwarzen Knopfäuglein waren weit aufgerissen, der Körper in der Mitte ganz platt gedrückt, und die Hinterbeinchen lagen leblos auf dem Holz. Vorsichtig löste ich den Bügel. Sofort versuchte sie zu fliehen und es gelang ihr, sich mühsam mit den Vorderbeinchen etwas fortzubewegen.
Mein Herz klopfte wild und ich überlegte, wie ich sie am schnellsten von ihrem Leiden erlösen könnte. Ich wickelte sie in ein Tuch, ging in den Schuppen und nahm einen Klinkerstein … Das war das erste und das letzte Mal, dass ich eine Mausefalle aufgestellt habe.
Ich musste mir also etwas anderes einfallen lassen. Und so veranstaltete ich jede Nacht vor dem Schlafengehen dasselbe Ritual: Ich legte mir etwa 100 kirschgroße Staniolkügelchen neben das Bett, und immer, wenn ich geweckt wurde, warf ich ein paar davon mit Schwung über den Boden. Sofort flitzten alle Mäuse in ihr Versteck und für eine Weile kehrte Ruhe ein. Dann schlief ich wieder ein bis zum nächsten Wecken, um dann die nächste Handvoll durch die Gegend zu schleudern. Ich stopfte mir noch zusätzlich Watte in die Ohren, geholfen hat das jedoch kaum.

Ich vermisste mein Bad. Mit Wehmut dachte ich an das schöne, türkisfarbene Badezimmer zu Hause bei meinen Eltern mit der großen Wanne und den blitzenden Kacheln … Und ich erinnerte mich an die Sauberkeitsregeln, mit denen mein Bruder und ich aufgewachsen waren. Stets mussten wir uns vor dem Essen mit einer Bürste die Hände reinigen, dreimal am Tag die Zähne putzen, niemals durften wir die Eishörnchen mitessen, auch wenn sie teilweise noch mit Eis gefüllt waren und es doch das Schönste für uns Kinder war, sie langsam von oben her abzuknabbern.
Wenn gewisse Besucher unser Haus verlassen hatten, schleppte unser Vater uns ohne Verzögerung ins Bad, wo wir unter Aufsicht und mit viel Seifenschaum die Hände waschen mussten. Vater hatte eine besondere Art von Hygiene-Tick. Außerdem war er Gesundheitsfanatiker. Gab es Spinat oder Grünkohl, mussten Wolfgang und ich den ekeligen Saft trinken. Da konnten wir noch so lange am Glas herumnuckeln, Vater überwachte uns, bis das Glas leer war. Gab es Sauerkraut, hatten wir vorher ein paar Löffel davon roh zu essen. Wasser aus dem Hahn durften wir niemals trinken. Vor dem Schlafengehen saßen wir auf dem Bettrand und ließen unsere Füße, zur Stärkung der Gelenke, zehnmal rechts und zehnmal links herum kreisen. Wenn meine Eltern meine jetzige Umgebung hätten sehen können!!!
Zum Glück gab es in der Nähe ein öffentliches Bad, wo man für 6 Pence ein schönes Vollbad in aller Ruhe genießen konnte. Mrs. Baily hat nicht einmal gewusst, dass es existierte.

Ken und ich spekulierten auf das Zimmer, das eine Treppe höher lag, neben dem Schlafraum der Bailys, und das an zwei Männer vermietet war. Unsere Wohnungssuche war bisher stets erfolglos verlaufen.
Eines Tages wurde uns tatsächlich das Glück zuteil, dass die beiden Männer auszogen und wir das Zimmer beziehen konnten.
Im Vergleich zu dem unteren war es wundervoll! Es hatte ein Fenster normalen Ausmaßes zur Straße hin, war um die Hälfte größer, hatte einen richtigen Kleiderschrank, einen normalen Esstisch und eine alte, versenkbare Nähmaschine, die eine zusätzliche Ablagemöglichkeit bot.
Das beste und von mir am meisten geschätzte Stück stand gar nicht im Zimmer selbst, sondern auf dem kleinen Podest außerhalb der Zimmertür: ein Drei-Platten-Herd! Ein richtiger, zwar uralter, aber funktionierender Gasherd mit Backröhre. Und der war für meinen alleinigen Gebrauch bestimmt. Der Anblick des Herdes trieb mir fast die Tränen in die Augen. Endlich würde ich mal ein richtiges Roastbeef machen können, würde mich am Backen versuchen.
Auf fließendes Wasser mussten wir hier oben weiter verzichten. Es wurde eimerweise herauf- und hinuntergetragen. Das jedoch war für mich das geringste Problem.
Mäuse gab es hier oben auch, aber bei Weitem nicht so viele, und irgendwie waren sie hier oben zurückhaltender als ihre Genossen im unteren Stockwerk.
In diesem Zimmer konnte man es aushalten. Ein großer Vorteil war auch, dass ich, wenn Ken tagsüber schlief, außerhalb des Zimmers beim Kochen und Hantieren nicht so vorsichtig sein musste.
Und das große Fenster erleichterte das Schminken sehr, das früher immer eine Sisyphusarbeit gewesen war. Schminken wurde hier ganz groß geschrieben. Ich orientierte mich an Filmstars, an Bildern, studierte Frauenzeitschriften mit Schminktipps. Das wollte alles gelernt sein! Die Engländerinnen schminkten sich fast alle wie Bühnenstars. Man legte sich eine Art Maske auf, die absolut alles abdeckte. Größter Wert wurde auf die Frisur gelegt, ordentlich hatte sie zu sein! „Groomed“ nannte man das.
Tagsüber präsentierten sich die Hausfrauen mit „nackten“ Gesichtern und Lockenwicklern. Je weiter der Tag voranschritt, desto großartiger wurde ihre Erscheinung; und wenn die Männer abends nach Hause kamen, wurden sie alle von Filmstars begrüßt. Eine Frau, die morgens wie eine Klofrau aussah, verwandelte sich abends in eine Hollywood-Schönheit.
Es ist kein Witz, sondern wahr, dass, wenn ein Mann einem anderen erzählte, er würde heiraten, er gefragt wurde: „Have you seen her without make-up yet?“

Ken stellte von Anfang an hohe Ansprüche an mich und war nicht bereit, Zugeständnisse zu machen. Toleranz war für ihn ein Fremdwort, er war herrisch und äußerst leicht erregbar, auch wenn es sich um Belanglosigkeiten handelte.
Als ich einmal Kartoffeln servierte, die nicht ganz weich waren, gab es eine heftige Diskussion. Obwohl ich mir Entschuldigungen oder gar Widerworte längst abgewöhnt hatte, redete er sich so in Rage, dass es schon in Demütigungen ausartete, mir der Bissen im Halse stecken blieb und ich mich völlig deprimiert weinend aufs Bett warf. Nicht dass ihn das in irgendeiner Weise beeindruckt oder Mitleidsgefühle bei ihm ausgelöst hätte. Er ließ sich in seinem nicht enden wollenden Wortschwall nicht unterbrechen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-95840-257-7
Erscheinungsdatum: 29.11.2016
EUR 21,90
EUR 13,99

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