Geschichte & Biografie

Befreiung nach 20 Jahren Krieg in meinem Kopf

Thulani Tomose

Befreiung nach 20 Jahren Krieg in meinem Kopf

Leseprobe:

Befreiung nach 20 Jahren Krieg in meinem Kopf



Dies ist meine Geschichte, meine Verarbeitung und Anerkennung. Ich hatte mehrere Auslöser in meinem Leben, die mich, meinen Willen und meine Ansichten vom Leben geprägt haben. Ich hatte früher Angst, dieses Buch über mein Leben zu schreiben. Die Meinung anderer Menschen war mir wichtiger als meine eigene Meinung und mein eigener Wille.
Mein Buch ist nicht für jeden Menschen geeignet, sondern ist an gewisse Menschen gerichtet. Ich schreibe dieses Buch nicht, um jemanden von etwas zu überzeugen, sondern ich mache es für mich und für die Menschen, die es motiviert, zu lesen, wie ich mit meinem Problem umgegangen bin und was mir geholfen hat. Vielleicht hilft es jemandem da draußen, mit den eigenen Problemen oder Schicksalsschlägen des Lebens besser fertig zu werden. Ich bin nicht die Einzige, die solche schlimmen Situationen erlebte oder gerade jetzt erlebt. Viele trauen sich nicht, von ihren persönlichen Schicksalsschlägen zu erzählen. Dies kann viele verschiedene Gründe haben, die ich verstehen kann, denn ich gehörte selbst lange zu dieser Gruppe. Aber ich möchte diese Menschen dazu ermutigen, sich jemandem anzuvertrauen, um nicht alleine damit konfrontiert zu sein. Ich wusste früher nicht, wie ich mich jemals selber aus diesem Krieg in meinem Kopf mit all den tiefen Wunden, Verletzungen und Gefühlen befreien oder mir selbst da heraushelfen kann. Ich wusste nicht, wie ich jemals wieder zu mir finden und die Freude am Leben zurückgewinnen kann – nach den schweren Missbräuchen in meiner Kindheit. Ich sehe mich nicht als Allwissende, Ratgeberin oder sonst was. Ich bin weder eine Autorin, noch bin ich weltberühmt. Ich habe nur meine Geschichte, die ich erzählen möchte.
Ich erfuhr zu früh von der Grausamkeit des Lebens und wurde viel zu früh mit erwachsenen Problemen konfrontiert. Ich musste lernen, damit umzugehen. Mein Vertrauen wurde zu früh zerstört oder gebrochen durch Menschen, denen ich als Kind vertraute und die ich liebte. Es war keine Kindheit, die man sich oder anderen wünscht. Ich habe dadurch gelernt, dass ich das Leben mit anderen Augen sehe als die meisten Menschen. Ich fühlte mich lange außergewöhnlich in meinem Leben und heute kann ich verstehen, woran es lag.
Ich will meine Geschichte offen erzählen, genau so, wie sie verlief, ohne jegliche Tabus. Jedoch ohne jemanden damit zu verletzen. Ich möchte meine Geschichte erzählen, so wie sie verlaufen ist, denn es hilft, wenn sie nicht verschönert wird, sondern genau so erzählt wird, wie sie war. Manchmal passieren im Leben schlimme Dinge, auf welche wir keinen Einfluss haben. Sie sorgen dafür, dass wir uns einsam, isoliert, wütend, depressiv, verflucht, außergewöhnlich, kontrollsüchtig, rechthaberisch und sogar lebensmüde fühlen. Aber auch hier habe ich einen Weg gefunden, mich zu befreien, denn es gibt einen Weg, um damit fertig zu werden, wenn man den Willen dazu aufbringt. Es ist nicht einfach, aber es ist befreiender, als im Loch der dunklen Gedanken zu leben, wie ich es 20 Jahre lang tat. Ich habe es erlebt und weiß, wie es ist, eine traumatisierte Kindheit zu haben. Ich weiß, was es bedeutet, sexuell missbraucht und überhaupt körperlich misshandelt zu werden. Ebenfalls weiß ich, was es bedeutet, Schicksalsschläge des Lebens zu bewältigen, wie beispielsweise die eigene Schwester durch Mord in der Familie zu verlieren oder Opfer eines schlimmen Autounfalls zu werden. Ich habe es niemals für möglich gehalten, sich von der Vergangenheit frei und erlöst zu fühlen. Heute sage ich: Es ist sehr traurig, wie ich das Leben und mich selber betrachtet habe, aber es gab sehr viele Gründe dafür, warum ich das Leben so grau, hoffnungslos und lustlos empfunden habe.
Ich wuchs an verschiedenen Orten in Südafrika auf. Am Anfang lebte ich gemeinsam mit meinen Eltern und meinen zwei Geschwistern in einem Township namens Mdantsane NU14. Mein Vater Robert war selbstständiger Taxifahrer und meine Mutter Notiti hatte verschiedene Jobs, unter anderem als Putzfrau, Schuhverkäuferin und Boat-Designerin. Meine Eltern trennten sich, als ich zwei Jahre alt war. Meine ältere Schwester Zoleka wurde im Jahr 1975 und mein Bruder Xolisile 1980 geboren. Im Laufe der Zeit erfuhr ich, dass ich noch weitere Geschwister aus verschiedenen Affären meines Vaters während der Ehe meiner Eltern habe. Wenn ich richtig gezählt habe, sind wir insgesamt zehn Kinder von verschiedenen Frauen. Ich bin das jüngste Kind meiner Eltern.
Ich heiße Thulani Tomose und bin am 14. Februar 1984 in der Stadt East London in Südafrika geboren worden.








Die dunkle Seite meiner Kindheit



So begann der Krieg in meinem Kopf. Mein Vater entschied sich eines Tages dazu, meine Mutter und ihre drei Kinder aus dem Haus zu werfen. So wurde mir das jedenfalls von meiner Mutter übermittelt, denn ich war gerade mal zwei Jahre alt, als sie sich trennten.
Meine Mutter ging mit mir und meinen zwei älteren Geschwistern Zoleka und Xolisile zu meiner Großmutter mütterlicherseits ins Dorf Kwelerha Nokhala. Meine Großmutter war eine wunderbare Frau. Sie gab ihr letztes Hemd, um meine Mutter und uns zu unterstützen. Mami musste unerwartet alleine mit ihren drei Kindern ohne Mann zurück ins Dorf gehen und dort leben und bekam keine finanzielle Unterstützung von unserem Vater.
Meine Mutter ist mein Idol. Stark und gleichzeitig sehr einfühlsam, und eine Frau, der ich so in meinem 32-jährigen Leben nie wieder begegnet bin. Sie ist eine einzigartige Frau, nicht weil sie meine Mutter ist, sondern weil sie eine Frau ist, die ich bewundere. Vielleicht hat sie ihre Stärke von meiner Großmutter geerbt, die auch allein vier Kinder großgezogen und sich 1962 dazu entschieden hatte, nach zwei unglücklichen Beziehungen allein zu leben, nur mit ihren vier Kindern. Nach zwei gescheiterten Ehen wollte sie nie wieder einen Mann an ihrer Seite haben und sie hielt ihr Wort und war glücklich mit ihrem spirituellen Leben. Die Jahre vergingen und meine Mutter arbeitete immer noch in der Stadt als Putzfrau bei einer hellhäutigen Familie in East London. Damals waren in Südafrika Dunkelhäutige und Hellhäutige noch extrem getrennt. Sie hatte Glück, bei einer Familie zu arbeiten, die sehr nett zu ihr war. Später bekam sie einen besseren Job in einem Wasserski-Unternehmen namens Kola-Ski und war sehr zufrieden dort.
Mein Vater kam im Laufe der Zeit zu meiner Großmutter und wollte mich und meine Geschwister zu sich holen. Meine Mutter weigerte sich aber, uns ihm zu überlassen. Meine Großmutter überredete meine Mutter dazu, dass mein Vater uns über das Wochenende zu sich holen durfte. Damals war ich noch klein und ich kann mich nicht daran erinnern. Es gibt zwei oder drei Bilder von mir als Kind, die ich zu Gesicht bekam. Mein Vater beschloss, uns nicht wie besprochen wieder zu unserer Mutter zurückzubringen. Meine Mutter holte uns schließlich mit Gewalt und Drohung meines Onkels Maboy wieder zu sich. Seither hat mir meine Mutter den Umgang mit meinem Vater verboten. Sie lernte später einen neuen Mann kennen: Markus. Am Anfang fühlte es sich mit ihm sehr fremd an, denn wir waren es nicht gewohnt, einen Hellhäutigen in unserem Dorf zu sehen. Der einzige hellhäutige Mann hieß Mores und betrieb in unserem Dorf einen Laden.
Markus war der erste hellhäutige Mensch, den ich aus der Nähe gesehen hatte und dem ich so nahestand. Ich konnte zu dieser Zeit kein Englisch, nur meine Muttersprache Xhosa. Markus gab sich Mühe, unsere Sprache zu lernen und konnte sich recht gut mit uns verständigen, da er ein wenig Xhosa von seinen Angestellten in Südafrika gelernt hatte. Alle waren angetan von seiner tollen Art. Markus und meine Mutter waren sehr verliebt. Markus stammte ursprünglich aus der Schweiz und lebte bereits mehrere Jahre in Südafrika. Er hatte bereits eine kinderlose Ehe hinter sich. Er nahm uns an wie eigene Kinder. Markus wollte zurück in die Schweiz und meine Mutter mitnehmen.
Meine Mutter hat sich zunächst geweigert, mit ihm zu gehen, aber meine Großmutter versprach ihr, gut auf mich und meine Geschwister zu achten, so wie sie es immer getan hatte. Also ging meine Mami 1990 in die Schweiz, wenige Monate vor meinem sechsten Geburtstag.
Meine Mutter organisierte aber eine Haushaltshilfe für meine Großmutter. Großmutter war krank. Sie litt an Diabetes, Thrombosen und alten Wunden und konnte nicht lange stehen und laufen. Die Hausgehilfin war älter als meine Mutter. Wir nannten sie Qhini. Das was ihr Stamm-Name Die älteren Menschen in meinem Xhosa-Stamm lieben es, mit dem Stamm-Namen angesprochen zu werden. Qhini war toll zu uns und unserer Großmutter. Sie war sehr warmherzig zu allen Menschen. Sie war Analphabetin, ebenso wie meine Großmutter und meine Mutter auch.
Mami und Markus kamen nach sechs Monaten wieder zurück zu uns nach Südafrika und brachten so viele tolle Sachen mit. Kleider und natürlich Süßigkeiten, die wir sonst sehr selten aßen, denn sie waren sehr teuer. Es war wunderbar, meine Mami wiederzusehen und wieder um uns zu haben. Sie nahm uns zum 15 km entfernten Strand mit dem Auto mit. Es war ein schöner Sommertag. Die ganze Familie war beisammen. Wir grillten, hörten laut Musik und wir Kinder tanzten. Die Erwachsenen haben getrunken und geredet und sich amüsiert wie wir Kinder auch.
Schon damals als Kind tanzte ich leidenschaftlich gern. Am Abend fuhren wir gemeinsam mit verschiedenen Autos von Freunden von Mami zurück ins Dorf. Leider kam schon bald der Tag, an dem Mami und Markus nach vier Wochen Urlaub zurück in die Schweiz reisten. 1990 heirateten sie dort. Es war niemand anwesend von Mamis Familie oder ihren Freunden, denn eine Reise in die Schweiz konnten wir uns nicht leisten. Damals hatte auch niemand von unserer Familie im Dorf ein Telefon, telefonieren konnte man somit nur in der Stadt in einer öffentlichen Telefonkabine.
Die Stadt liegt 15 Straßenkilometer entfernt von unserem Dorf. Damals besaß niemand von meiner Familie ein Auto und es war zu teuer, mit dem Taxi nur zum Telefonieren in die Stadt zu fahren. Und so sahen wir Mami nur einmal im Jahr in dieser Zeit. Mami musste für alles Finanzielle aufkommen – für ihre eigenen drei Kinder und die fünf Kinder meiner Tante Nokuku, der jüngsten Schwester meiner Mutter. Natürlich kam sie auch für unsere Großmutter und Qhini und noch eine andere Cousine, Neli, auf. Großmutter bekam nur eine geringe Rente. Und davon bediente sich auch noch meine Tante Nozintombi. Sie ließ meiner Großmutter so gut wie nichts übrig.
Meine Mutter schickte auch Geld, um uns zu unterstützen. Meine Tante gab uns nichts von diesem Geld, sondern kaufte lediglich mal einen Sack Grieß und Amasi (Naturjoghurt aus vergorener Milch), Umngqusho, Bohnen, ein wenig Zucker, Öl und Salz, und schickte jemanden, der uns das brachte. Manchmal gab es auch Hühnerfüße von den Hühnern, die sie im Dorf verkaufte. Meine Großmutter verdiente mit ihrer Naturheilung manchmal ein wenig Geld. Doch das Geld reichte nicht aus und es kam auch nicht täglich jemand, um sich von Großmutter behandeln zu lassen. Hinzu kam, dass sie ihre Dienste aus Leidenschaft anbot, um anderen Menschen zu helfen und nicht, um Geld zu verdienen, wie sie immer zu mir sagte. Ein wenig Kleingeld oder auch nur ein Dankeschön reichten meiner Großmutter vollkommen aus.
Die Zeit verging und ich wurde sechs Jahre alt. Mein Geburtstag wurde nicht gefeiert, aber das war für mich nicht schlimm. Am meisten freute ich mich auf die Schule. Ich kam also in die erste Klasse. Begleitet wurde ich von keiner erwachsenen Person. Nur meine Cousine und Cousins, die auch bei meiner Großmutter lebten, und meine beiden Geschwister, die bereits in die High School gingen, waren an meiner Seite.
Meine Großmutter konnte nicht lange laufen, deswegen konnte sie mich nicht begleiten. Aber das war nicht schlimm, denn die Freude überwog. Ich freute mich, die Schuluniform anziehen zu können, die alle Schüler in Südafrika trugen. Ich war sehr glücklich an diesem Tag. Der erste Tag in der Schule verlief super. Wir stellten uns vor und bekamen Anweisungen, die ich natürlich nicht alle behalten konnte. Ich war die Jüngste in meiner Klasse, aber ich kannte alle aus meinem Dorf. Ich wollte unbedingt nah am Pult meiner Lehrerin sitzen und alles beobachten, was sie machte. Sie ließ mich am ersten Tag neben ihr sitzen und sagte mir, dass das eine Ausnahme war. Am nächsten Tag müsste ich an meinem Platz sitzen. Das war auch nicht üblich, dass die Lehrerin mir das gestattete, denn sie hatte in der Schule und im Dorf den Ruf, sehr streng zu sein.
Damals durften die Lehrkräfte mit Holzstöcken auf die Handflächen oder Fingerspitzen der Schüler schlagen, wenn die Schüler die Anweisungen der Lehrkraft nicht befolgten, zu spät in die Schule kamen, Hausaufgaben nicht erledigt hatten, frech waren, nicht fleißig genug mitmachten im Unterricht oder Ähnliches.
Die Lehrer hatten in der Schule das Sagen. Aber auch außerhalb der Schule musste man sich in Anwesenheit von Lehrern oder anderen Erwachsenen benehmen und es spielte dabei keine Rolle, ob man sie kannte oder nicht.
Kurz vor der Mittagpause schlief ich am Tisch vor meiner Lehrerin ein. Sie ließ mich schlafen und meine Cousine holte mich und wir gingen zu meiner Großmutter nach Hause. Ich erzählte ihr alles und sie freute sich mit mir und Qhini auch. Die Schule machte mir Spaß und ich hatte immer gute Noten. Ich war fleißig und stolz auf meine guten Noten. Großmutter lobte uns alle und motivierte uns, in der Schule weiterzumachen, wenn wir keine Lust mehr hatten. Sie fragte immer, was wir werden wollten, wenn wir groß sind. Manchmal wollte ich Ärztin werden, manchmal Anwältin. Sie machte immer Witze mit uns, wenn wir keine Lust hatten, Aufgaben zu erledigen, und sagte, wir müssten fleißig lernen und zuhören in der Schule, um das zu werden, was wir wollten.
Das wirkte recht gut bei mir, denn ich wollte was werden, wenn ich groß war, damit ich meinen Familienmitgliedern helfen und ihnen zurückgeben konnte, was sie für mich taten, obwohl sie selber nicht viel hatten. Es herrschte Liebe und Harmonie bei meiner Großmutter und ich fühlte mich wohl, auch wenn ich manchmal meine Mutter vermisste. Mami kam uns dann wieder besuchen mit ihrem Ehemann Markus.
Meine Mutter war glücklich und es tat gut, Mami wiederzusehen und sie bei mir zu haben. Leider gingen sie auch dieses Mal nach vier Wochen wieder zurück, denn beide mussten wieder arbeiten.
Eines Tages ging ich mit meiner Cousine Lindeka von der Schule nach Hause und es stoppte ein weißer Kombi neben Am Steuer saß mein Vater. Ich erkannte ihn wieder, wir beide sahen uns sehr ähnlich.
Er sagte: „Molo Ntombam.“ Hallo, meine Tochter.
Er stieg auch nicht aus dem Auto aus, was mir recht war, denn ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.
Einerseits freute es mich sehr, meinen Vater zu sehen und mit ihm kurz zu sprechen. Ich war sehr unsicher, als er mit mir sprach, und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Von meiner Großmutter und meiner Tante Nozintombi, bei der ich ebenfalls zeitweise lebte, wusste ich, dass sie beide nicht gut auf ihn zu sprechen waren.
Ich sagte ihm, dass ich nicht mit ihm sprechen dürfte. Ich müsste los, sonst bekäme ich Ärger, wenn das jemand erführe.
Er gab mir und meiner Cousine Lindeka je zwei Rand. Damals war das viel Geld für uns, denn wir besaßen kein Taschengeld oder eigenes Geld. Er wollte uns ein Stück mitnehmen mit seinem Taxi, aber ich habe abgelehnt, weil ich Angst hatte, dass uns jemand sehen könnte.
Also fuhr er mit seinem Kombi weiter und wir gingen zu Fuß nach Hause zu Großmutter. Als wir ankamen, erzählten wir ihr alles und sie war nicht begeistert. Meine Großmutter sagte mir nochmals, dass sie nicht wollte, dass ich mit meinem Vater noch mal auf der Straße sprach. Sie bat mich auch, nichts mehr von ihm anzunehmen. Ich war traurig und verstand es nicht, aber ich ließ mir das vor Großmutter natürlich nicht anmerken, aus Angst vor ihrer Reaktion. Ich war enttäuscht, weil ich mir etwas erhofft hatte, als ich ihr von der Begegnung mit meinem Vater erzählte.
Ich versuchte zu verstehen, was sie für ein Problem mit meinem Vater hatte, denn niemand erklärte es mir, nur dass ich nicht mit ihm sprechen sollte.
Immerhin durften wir das Geld behalten, das wir von meinem Vater erhalten hatten, und wir durften uns davon kaufen, was wir wollten. Es gab Süßigkeiten für alle und alles war wieder gut. Mein Vater fuhr mit seinem Kombi-Taxi ab und zu in unser Dorf, um Fahrgäste abzusetzen.
Ich sah sein Taxi manchmal, während ich draußen spielte und es machte mich traurig, dass ich nicht mit ihm sprechen konnte, aber ich ließ es niemanden wissen, dass es mir etwas ausmachte. Ich hörte immer nur Schlechtes über meinen Vater, konnte es aber selbst nicht sehen. Ich wünschte mir so sehr, dass ich mit ihm sprechen könnte.
Eines Tages lief ich wieder mit meiner Cousine Lindeka durch unser Dorf. Lindeka war wie meine Schwester, wir mochten uns sehr und waren gleichaltrig. Wieder fuhr mein Vater neben uns her und sprach uns an. Er grüßte und strahlte wie immer. Mein Herz ging auf und ich freute mich sehr, ihn zu sehen, aber ich wusste auch, dass ich eigentlich nicht mit ihm sprechen durfte.
Ich sagte ihm das auch. Er sollte mich in Zukunft nicht mehr ansprechen, weil ich sonst wirklich Ärger bekommen würde. Er gab uns trotzdem ein Paket Bananen und ein Paket Äpfel. Ich nahm es an, bedankte mich und umarmte ihn. Ich gab ihm ein Kuss und verabschiedete mich zum letzten Mal. Zumindest dachte ich das.
Meine Gefühle schwankten zwischen Freude und Angst vor meiner Großmutter und insbesondere vor meiner Tante Nozintombi und ihrer Reaktion, wenn sie erfuhren, dass ich mit meinem Vater geredet und die Früchte angenommen hatte. Also gingen wir nach Hause und ich erzählte meiner Großmutter, wie das Treffen verlaufen war und von wem ich die Früchte hatte. Sie war sehr verärgert und sie drohte mir, mich windelweich zu prügeln, wenn ich das nächste Mal etwas von ihm annehmen oder mich mit ihm unterhalten würde. Ich versprach ihr, dass ich das nie wieder machen würde.
Ich war noch trauriger als das letzte Mal und weinte heimlich. Niemand bekam es mit und auch ich tat so, als sei nichts gewesen. Eine Woche verging. Dann sah ich wieder sein Kombi-Taxi auf dem Weg und rannte vor ihm weg. Er hatte mich bemerkt und rief meinen Namen. Aber ich reagierte nicht und schaute auch nicht zurück. So ging das noch ein paar Male, bis ich ihn nicht mehr in unserem Dorf sah.
Die Zeit verging. Meine Großmutter wurde sehr krank und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-99064-086-9
Erscheinungsdatum: 14.09.2018
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