Geschichte & Biografie

Barschengrund

Hermann Schnyder

Barschengrund

Leseprobe:

Sumatra
Schlangen

Verbogen wie Draht ist die Gruben-Versteifung mit den fußhohen Stahlprofilen. Emsig schaufeln die Arbeiter den Aushub in die Körbe, andere tragen sie zum nahen Krankorb. Barfuß, manche mit zerrissenen Leibchen. Hager und ausgemergelt, viele mager und krank. Und alle hatten diesen Scheißjob nur mit Beziehungen bekommen, froh, ein paar Rupiah zu verdienen. Unterwürfig schauen sie auf zu den „Langnasen“. Wer hat sie so eingeschüchtert?
Wie fast jedes Kraftwerk braucht auch Belawan das Kühlwasser vom Meer, 12.000 l/sec. Eine Grube, zweimal so breit wie ein Mehrfamilienhaus und viermal so lang, vier Stockwerke tief, drei davon unter dem Meeresspiegel. Eine Herausforderung für die Planer und die Bauunternehmung. Doch diese Zeiten sind vorbei. Längst sind die Aufträge pauschal vergeben. Die Indonesier könnten das ebenso gut. Eine Studie nach westlicher Art ist viel zu teuer. Jedes Kilo nicht eingebauten Stahls ist verdientes Geld. Unausgesprochen ist ein Menschenleben gleich viel wert wie 500 kg Stahl. Und es wird schon nichts passieren und zur allgemeinen Absicherung wird Johann Barsch die Arbeiten überwachen als Berater, Berater einer einstürzenden Baugrube mit 50–60 armen Chaiben, die ahnungslos ein paar Rupiah verdienen wollen. Und da ist ja noch die Kundin, die staatliche Elektrizitätsgesellschaft. Sie habe ein beachtliches und erfahrenes Ingenieurteam – denkste – die wurden geschmiert und gesalbt, schon vor Baubeginn, sie sind auf Stillhalten getrimmt worden. Und doch wird offiziell gestritten, nichts sagend und nichts bewirkend, man weiß ja nie, ob man auf der rechten Seite steht.
Dunst liegt über der Stadt Medan vom gerade erwachten Tag. Gespenstisch ragen die Palmwipfel in den Himmel. Abdullah, der Nachtwächter, salutiert, wie Poniman und Johann durch das Gartentor Richtung Belawan fahren. In der linken Hand die Torkette – der alte Militär hat’s nicht verlernt. Die Betschakfahrer schlafen auf dem Kundensitz. Aus Lautsprechern ertönt ein Turnprogramm, Hunderte folgen auf dem Fußballfeld und schlauchen sich mit den Übungen. Die Gassen riechen noch immer nach Durian, zu Tausenden sind sie gestern an der Straße feilgeboten worden. Kiloschwere, stachelige Früchte mit schleimigem Inhalt, der Geschmack ist nach Knoblauch. Nichts für europäische Zungen. Poniman lacht verschmitzt, wie er Johann zwei Früchte aushändigt zum Probieren. Doch sie riechen stark nach Knoblauch, was munden kann, aber der schlüpfrige Inhalt erinnert an irgendetwas nicht Essbares, vielleicht rohe Austern. Im Schwemmland vor Medan ist wieder eine Hütte entstanden mit Abfallmaterial der Millionenstadt. Palmwedel decken das Dach. Eine junge Frau tritt aus der Türöffnung, die verhängt ist mit Lumpen. In der einen Hand ein blecherner Schnabelkrug. Sicher will sie Wasser holen, aber wo, in dem verseuchten Schwemmland? Die in der Nähe stehende Palme beherbergt vielleicht 20 Vögel, sie haben sich für die Nester Löcher in den Stamm geschlagen. Ein paar Kies-Camions kommen entgegen, voll beladen mit Wasserbüffeln. Zum Ende vom Ramadan, dem Fastenmonat, spendet die Regierung die Tiere. Das Fleisch wird den Armen verschenkt. „Wie arm muss man da sein, Poniman?“ „Weiß nicht – aber wir sind in Indonesien.“ Doch Johann steht der Sinn nach etwas anderem. Das verflixte Pumpenhaus hat ihn ein paar Stunden Schlaf gekostet. Was tun? Sich auf den Berater-Status berufen, nörgeln, nichts bewirken, während die Grube einstürzt? Sich versetzen lassen auf ein anderes Kraftwerk, den Rücken kehren? Auf eine weiße Weste achten und bloß schön säuberlich rapportieren? Nein, dies ist nicht das, was er mitbekommen hatte im Elternhaus.
Die Stahl-Spundwand hatte sich über Nacht weitere 20 mm geneigt. Es ist genug. Johann verwehrt den Zutritt zur Grube. Krisnahadi, der Chief Ingenieur, übersetzt die Forderung auf Indonesisch. Einen Höllenkrach werde das absetzen bei der Direktion in Jakarta und Baden, Klagen wegen verlorenem Verdienst werden folgen. Johann ist mulmig zumute, was ist, wenn sie ihn entlassen? In der Schweiz ist keine Arbeit, mit 54 Jahren fände er auch keine Stelle mehr. Bei Eschlauber, Raggeris Hans rechter Hand, stempeln gehen? Unvorstellbar. Der erste Schritt ist getan, nun müssen Vorschläge und Pläne her. Urs Rader, der Schweizer Geologe, berät ihn, möchte aber nicht genannt werden. So werden auf dem kleinen Schreibtisch Pläne gezeichnet. Die Stahl-Spundwände auf 24 m verlängert, die horizontalen Sprießringe verstärkt, der Stahl vom nahen Singapur eingeschifft. Aber niemand widerspricht so richtig, ein paar Sticheleien fallen wegen Kompetenzüberschreitung und Anmaßung. Das war alles, es war vielleicht niemandem so richtig wohl bei der ersten Lösung. Doch es kommt dicker: „Johann, pass auf, ich habe deine geologischen Gutachten studiert“, Urs Rader am anderen Telefon. „Ihr schwächt mit dem Aushub die lehmige Schicht und nur 2 m tiefer ist eine reine Kiesschicht. Ziemlich sicher hat diese Schicht den Wasserdruck vom nahen Meer. Die Überdeckung in eurer Grube wiegt etwa noch 3 t, der Auftrieb darunter aber 7 t, Grundbruch, die Grube wird einstürzen!“ Und wieder zeichnet Johann Pläne, diesmal für Entlastungsbrunnen. Archimedes lässt grüßen. Schließlich waren es 123 Pläne insgesamt wegen falscher oder gesparter Ingenieurarbeit.
Hunderte von kleinen Schlangen tummeln sich früh am Morgen am Strand. Wie die Arbeiter kommen, verschwinden sie im trüben Schlick. Sie sind weiß und orange geringelt, kaum ein Fuß lang, eine junge Brut wahrscheinlich. Auch die Affen haben sich nicht vertreiben lassen durch den Kraftwerksbau auf dieser Insel. Neugierig hocken sie auf den Ästen und bemustern die komischen Menschen.
Und weitere Schwierigkeiten stehen an: Eine indonesische Firma von Java liefert den Stahlbau. Die Trägeranschlüsse sind viel zu schwach. Doch diesmal waren die Pläne aus der Schweiz falsch. Eine miserable Arbeit. 2000 t Stahl müssen geändert werden. Und wieder hatte Johann die Hand im Spiel. Nicht so beim nächsten Fall: Mit vorgehaltener Hand raunt Mrs. Sari, des Kunden Ingenieur, Johann ins Ohr: „Hast du die hochfesten Stahlschrauben geprüft?“ „Ja, sie sind mit der Prägung versehen für hochfesten Stahl, genau nach DIN.“ Doch er hat verstanden und die Universität in Jakarta bestätigt die Befürchtung. Es sind gar keine hochfesten Schrauben, gewöhnlicher Baustahl nur. Ein Chinese hatte sie gefertigt und für gutes Geld an den Mann gebracht. Jetzt läuft’s aber rund: Evakuierung der Baustelle, nach jeder Berechnung müssten die 25 m hohen Hallen bereits eingestürzt sein. Not-Sprießungen mit langen Baumstämmen und Einfliegen von 10 t Schrauben aus Europa. Und immer sind Menschen in unmittelbarer Gefahr. Und Johann ist längst kein Berater mehr, sondern der Garant für egal was, er hat sich die Verantwortung selber eingebrockt. Etwas Achtung vielleicht erwirkt, die Neider geweckt, es „mänschelet“ nicht nur in Brütten.



Sala Nama

„Nein, nicht da durch, da durch.“ Mit seiner kalten Tabakpfeife kniet Ruedi vor der abnormal großen Schildkröte. Bedrohlich hat sie Kurs genommen auf Ruedis Nachtlager, wollte Eier legen im kurzen Sandstück, bevor das Urwalddickicht beginnt. Nicht ahnend, dass sich ein paar Europäer aus Abenteuerlust auf diese Insel „Saal Nama“, Insel ohne Namen, verirrt haben. Nach ausgiebigem Grill-Abendessen und viel, viel zu viel Whiskey liegen sie irgendwo unter offenem Himmel am Strand, schnarchen und träumen. Nur Johann hat sich eine Hängematte gespannt zwischen weit ausladenden Ästen. Sein Nachtlager kann er nur erreichen über das seichte Wasser am Strand. Mit der Tabakpfeife und glänzenden Augen zeigt Ruedi der Schildkröte einen anderen Weg – ohne Erfolg, sie baggert weiter. Schließlich packen sie zu dritt am Panzer und tragen das Ungetüm weiter nach oben. Im Schein vom Lagerfeuer baggert sie weiter und Ruedi schläft sofort wieder ein, die kalte Pfeife noch immer in der Hand. Johann schläft unruhig, der gestrige Tag hat ihn aufgewühlt. Zuerst wollte die Polizei im Fischerdorf die Bleichgesichter nicht gehen lassen, um auf der Sala Nama zu kampieren. Komisch abweisend hatten die Dorfbewohner reagiert. Nur mit Mühe fanden sie einen Skipper und dieser war nur scharf auf das Geld. Auf einer Sandbank nahe vom Dorf hatte er sie abgesetzt, angeblich hatte er einen Auftrag vergessen, den er vor der Überfahrt noch ausführen sollte, ansonsten würde er viel Geld verlieren. Nun, das viele Geld waren schließlich 10 US$ und die Reise konnte weitergehen. Zuerst hatten sie die Insel umrundet, vielleicht 300 m im Durchmesser, ein kleiner Bach war auch da, viel Steilküste, dichter Urwald überall und nur eine Bucht, die sich zum Landen anbot. Und auch hier wollte oder konnte der Skipper nicht anlegen, mit dem Gepäck auf dem Kopf mussten sie das letzte Stück durchs Wasser waten. Nein, bleiben könne er auch nicht über Nacht. Er würde uns aber morgen Nachmittag bestimmt abholen, es koste auch nicht mehr. Endlich an Land traut sich Ruedi ins kristallklare Wasser, schon lange wollte er wieder einmal so richtig schwimmen und tauchen. Aber es vergeht nicht viel Zeit, da kommt er wieder zurück. Haie, jede Menge, und für kein Geld steige er noch einmal ins Wasser. Rolli und Johann wollten die Insel durchqueren. Gut ausgerüstet schlagen sie sich einen Weg mit dem haarscharfen Buschmesser durch das Niederholz. Es raschelt im fußtiefen Laub, vor ihren Fratzen versperrt ein Spinngewebe mit exotischem Bewohner den Weg. Und der Mut, etwas zu erleben, ist schon dahin, sie gehen zurück, froh, wieder Quarzsand vom Strand unter den Füßen zu haben. Wie dann noch ein Adler mit einer Schlange in den Krallen vorbeifliegt, fühlen sie sich nicht mehr so wohl. Früh morgens raschelt es im Gebüsch. Unglaublich, eine schwarze Echse wagt sich aus dem Gebüsch. Wie sie den komischen Menschen in der Hängematte gewahr wird, zieht sie sich zurück. Zu schnell, sie überschlägt sich, ihren cadmiumgelben Bauch zeigend. Das meterlange Tier verschwindet im Unterholz. Sie war wohl auf der Suche nach den Eiern von der gestrigen Schildkröte. Keiner sagt es, aber alle sind froh, wie der Skipper in der Bucht erscheint und es heimwärts geht.



Schips Schips

Ja, so tönt es jeden Freitagmorgen im Garten, schips schips, mit der Schere frisiert er jeden noch so kleinen Strauch. Mary, der Gärtner, meint, sich beweisen zu müssen, dass er seine Arbeit tut. Dass er dabei Johann und Silvie stören könnte beim Frühstück im Garten, übersteigt sein Denkvermögen. In nur vier Monaten hat Mary ein Bijou gemacht aus dem Garten. Es blüht überall und da ist kein abgedorrter Halm mehr zu sehen. Die Gartenwege „rechelt“ er täglich und streut neue Palmnussschalen ein. Ausgestellt kamen sie sich vor an der Kreuzung und jeden Moment beobachtet von den motorisierten Dreiradtaxis – „Betschak“, ein modifiziertes Velo mit Sachs-Motor. Ein jedes eine blaue Wolke hinter sich herziehend. Zu Zigtausenden verpesten sie die Luft in der Millionenstadt Medan auf Sumatra. Es ist fast nicht zum Aushalten, während sich der Erbauer in St. Moritz als Ehrenbürger den Arsch sonnt. Nun musste ein Zaun her, armdicke Bambus-Halbschalen, hoch genug, um nicht mehr so ausgestellt zu sein – gegen die Vorschrift viel zu hoch. Kaum fertiggestellt kommt auch die Behörde daher, zu zweit – der Zaun entspreche nicht den Vorschriften und müsse weg, aber man könne ja reden. Obschon sie kaum ein Wort Englisch sprechen, wird man sich handelseinig. Im Gegenzug wechseln ein Nötli und eine „Attestation of conforming“, eine vorgedruckte, ­notabene, die Besitzer durch das kleine Schlüssel-Türchen am großen Flügeltor. Mit einem Schmunzeln auf den Zähnen schlendern sie weg. Ein schöner Zaun, denkt Johann, und zwei armen Chaiben über die Runden geholfen noch dazu. Hausangestellte zu haben, ist fast eine Pflicht für Weiße in Indonesien. Sparsame bei der UBB haben es zwar ohne versucht. Aber es wurde eingebrochen, die Stromleitung gekappt, das Telefon gestört, die Wasserleitung der Straße abgesperrt, tagelang. Was üblich ist, macht man besser mit und so haben Silvi und Johann die „Servants“ der Vorgänger übernommen. Mary, der Gärtner, erinnert eher an einen kleinwüchsigen Appenzeller. Er trägt immer einen viel zu großen, grauen Schlapphut, darunter sein hageres Gesicht und deprimierte, ergebene Augen. Vater von vier Kindern, nur eine Frau, wenn die Information stimmt. Jeden Morgen um 7.00 Uhr kommt er mit seinem Velo angefahren, arbeitet bis abends um 17.30, mit einem halben Tag frei pro Woche. Die Balance seines Velos reicht fast bis zu seinem Kopf. Den Gepäckträger hat er beladen mit jungen Setzlingen, weiß nicht woher. Er sieht seine vier Kinder also nur des Nachts, denn in diesen Breitengraden ist das Tageslicht jahraus, jahrein gleich. Vor und nach der Arbeit hat er noch eine Stunde zu trampen. Mit Poniman, des Barschen Chauffeur, schon bald Johanns Vertrauter, kann man alles erörtern, so auch das Mary-Problem. „Wie kann man Mary etwas unter die Arme greifen? – Mehr Lohn liegt nicht drin, die Nachbarn sehen es jetzt schon nicht gerne, dass die Barschen überzahlen.“ „Ein Töffli könnten wir ihm kaufen und die Arbeitszeit auf normal schrauben.“ Poniman übernimmt die Fahrschule mit dem Töffli. Doch es wurde nichts daraus, Mary begreift es einfach nicht. Nachdem sie im Graben gelandet sind, geben sie auf. Bleibt nur noch die Anreise mit dem Bus. Gesagt, getan – ein Abonnement ist fast so teuer wie Marys Monatsverdienst. Und wenn schon. Das ging dann zwei Wochen recht gut, doch immer öfter kam er wieder mit dem Velo, nach kurzer Zeit nur noch mit dem Velo – das Abonnement-Geld jedoch brav kassierend. „Er hat damit einem seiner Kinder eine höhere Schule zahlen können“, meint Poniman. Schips Schips, tief in der Hocke macht Mary weiter.
Da ist auch noch der Nachtwächter Abdullah. Jeden Abend, wenn er denkt, die Barschen schlafen, schleift er einen Wellkarton über den Laubengang. In der Nische legt er sich dann schlafen. Ein gedienter Militär soll er sein und die Nachtwächter der Straße organisieren. Vermutlich hat er das mit Marys Bonus mitbekommen, jedenfalls kommt er immer öfter und fragt um Beihilfe. Es habe ihm das Fundament einer Hausecke weggeschwemmt oder er müsse das Dach neu eindecken. Jeden Morgen, pünktlich um 5:30, öffnet er das große Einfahrtstor, dort steht er stramm. Während Poniman am andern Ende vom Garten mit laufendem Motor lauert, bis Johann sich von Silvi verabschiedet, ein Zeichen, um vorzufahren und die Beifahrertür offen zu halten. Dann brausen sie davon. Abdullah salutiert, schließt das Tor und sichert es mit einer Kette.
„Wir bekommen Nachwuchs!“, sagt Poniman. Während er mit dem Oberkörper hin und her wippt, streichelt er dauernd das Steuerrad, durch die Kurven lehnt er sich hinein. „Ein Zimmer sollte ich anbauen, es hat keinen Platz mehr. Mit den Transportkisten vom Kraftwerk könnte ich das selber tun, mein Schwiegervater würde mir helfen.“ „Ich glaube, das ist kein Problem, ich werde mit dem Eigentümer sprechen. Nur ausnageln musst du selber.“ Und so präpariert er Sperrholztafeln, Balken und Bretter. Eines Tages fährt er mit einem Camion, hoch beladen, zum Kraftwerk hinaus. Das gibt aber ein großes Zimmer, denkt sich Johann. Wochen später: „Ist dein Zimmer endlich fertig?“, wundert sich Johann. „Zimmer – ach nein, das Holz hat für ein ganzes neues Haus gereicht.“
Die Haushälterin Nurscia bewohnt einen extra Hausteil. Immer das gleiche steinerne Gesicht, keine Miene verziehen tagein, tagaus. Was hat sie so verhärmt? Keiner weiß es. Johann beauftragt seine Sekretärin, mit Nurscia zu reden, ob sie nicht korrekt behandelt würde, doch keine Reaktion. Den Einkauf tätigt sie selber. Doch Silvi möchte schon wissen, was die Preise auf dem Markt sind, winkt sich eine Betschak her und lässt sich zum Markt fahren. Doch sie kaufte viel teurer, Nurscia prüft verächtlich – nichts ist recht, der Preis, die Papaya, Mango, Starfruit und das Fleisch sowieso nicht. Sauber ist sie, hält das Haus in Ordnung und die Kakerlaken in Schach. Kakerlaken, eine Schabenart, kastanienbraun, werden dort eine Handbreite lang, mit langen Fühlern. Sie sind der Inbegriff eines nicht sauberen Hauses. Sie leben von Unrat und Fettrückständen in den Ablaufrohren, deren Siphons sie überwinden können. Und schnell sind sie, schwierig zu erwischen. Anders die Geckos, fast handlange Echsen, sie flitzen ungeniert an den geweißelten Decken, „giek, giek“ rufend. Sie halten ihr Revier frei von Mücken. Manchmal fallen sie von der Decke, schon der Gedanke daran ist – besonders am Esstisch – unangenehm. Aber sie gehören in ein gutes Haus wie die Schwalben in Vater Heinrichs Bauernhaus in Brütten.
„Sie haben bei uns eingebrochen!“ Mit Tränen trauert Silvi ihrem Goldschmuck nach, das Geld und die Kamera sind auch weg. Untertags, während Jennie, die „Störmasseuse“, ihrem Gewerbe nachgeht, ist es passiert. Der Hauseigentümer, Jurist, ein älterer Chinese, organisiert die Polizei. 13 Mann hoch rauschen sie an, bewaffnet und in sauberen, hellbraunen Uniformen. Sie lassen keinen Stein auf dem andern. Neugierig, es ist interessant, ein Haus der Langnasen auseinanderzunehmen. Das Verhör der Angestellten ist ruppig und einschüchternd. Wie geschlagene Hunde kommen sie mit schnellen Schritten aus dem Aufenthaltsraum. Aufgeregt kommt Poniman zurück zum Kraftwerk, mit laufendem Motor stürzt er zu Johanns Office: „Tuan, komm schnell, die Polizei hat Mary mitgenommen. Es ist schlimm, ein Geständnis wird normalerweise herausgeprügelt!“ Ausgerechnet unser Mary. „Bitte stellen Sie Ihre Nachforschungen ein und entlassen Sie Mary.“ „Aber Mister Barsch, wir würden den Schuldigen schon finden.“ Zurück nach Hause hockt Mary im Fond vom Suzuky Jeep. Mit niedergeschlagenem Blick, den Schreck ins Gesicht geschrieben. Ohne Schlapphut gibt er seine streng gehütete Mittelkopf-Glatze preis.
Poniman, den Mund halb offen, die Ohren gestellt, stoppt den Suzuky Jeep. „Da ist etwas am Motor!“ Man braucht nicht lange zu suchen, ein Kätzlein, ein paar Wochen alt, krabbelt in der Ölwanne unter dem Motor. Ölverschmiert bis hinter die Ohren, laut schreiend. Und sie nehmen es mit nach Hause. In einen Lappen gewickelt liegt es zwischen Johanns Beinen. Nurscia tut das Ihre, wäscht und schrubbt. Und sauber hockt „Maudi“ vor dem Teller und läppelt Milch, nachdem ihr die Nase darin getaucht wurde, bis sie’s begriffen hat. Rasch entwickelt sich der Kater zu einem ansehnlichen Büsi. Schwarz-weiß, keinen verkrüppelten krummen Schwanz wie die meisten im Medan-Gebiet. Er gehört zum Haus, zu Abdullah, Nurscia, Mary, Poniman und den Barschen. Eines Morgens ist der Kater weg. Johann findet ihn hoch oben im Geäst eines hohen Urwaldriesen. „Miau, miau“, klettern kann ich, nur herunterkommen geht nicht. Mary musste ihn befreien und er konnte klettern, vor- und rückwärts. Die Kater in der Nachbarschaft jagen Maudi immer öfter. Schlimme Bisswunden bringt er nach Hause. Aber wie der Abschied von Medan naht, steht auch fest, Maudi soll mitkommen, mit nach Hause. Eingeschmuggelt ins Hotel verbringt er dort einige Tage. Wie angelernt, benutzt er den Balkonablauf für seine Geschäfte. Lang gestreckt liegt er schlafend an Johanns Seite. „Sie brauchen ein Gutachten, Mister Barsch, geimpft muss er werden, gegen das und das. Und eine normierte Kiste brauchen Sie auch“, sagt der Tierarzt. Und alles kostet, unverschämt viel. Medan Airport, miauend hockt Maudi in der Kiste auf dem Förderband. Kurz bevor es rausgeht, stoppt das Band. „Wem gehört dieser Bastard? Hören Sie, Mister Barsch, alle haben nun etwas verdient, nur ich nicht!“ Mit 5 US$ läuft das Band wieder an. Verächtlich steckt er das Nötli in den Hosensack, kein Danke. Brigitte, Johanns Nichte, nimmt sich Maudis an. Er streift in Brütten herum und bringt neues Katzenblut in die Gemeinde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-99026-838-4
Erscheinungsdatum: 25.02.2013
EUR 15,90
EUR 9,99

Schulschluss-Tipps

Neuerscheinungen