Geschichte & Biografie

Auf hohem Ross

Dörthe Pietruska

Auf hohem Ross

Biographische Geschichte in Anlehnung an das Leben meines Großvaters

Leseprobe:

Zwiesprache

Erzähl mir dein Leben, Opa,
ganz laut und ganz leise.
Erzähl mir dein Leben, alter Mann,
und tu nicht so weise.
Erzähl mir dein Leben, du Lieber,
ich bin jetzt ganz Ohr.
Erzähl mir dein Leben, du Mensch,
ich stell mir Bilder dazu vor.
Erzähl mir dein Leben, Großvater,
ich werde es weitertragen.
Erzähl mir dein Leben, du Starker,
Keiner wird mehr Verurteilung wagen.
Erzähl mir dein Leben, Alterchen,
ich werde mit dir lachen.
Erzähl mir dein Leben, du kleiner Großer,
ich werd ein Geschichtsbuch draus machen.






Kapitel 1

Glücklich und verliebt waren sie, die Eheleute Johann und Marie Gube. Bereits als Kinder hatten sie miteinander gespielt und in der Jugend waren sie einander eng verbunden, es war nur eine Frage der Zeit, dass sie heirateten. Gut ein Jahr nach ihrer Hochzeit bekamen sie den kleinen Hans. Die Zeit war wirtschaftlich nicht günstig. Johann war ein arbeitsloser Gestütswärter und Marie, die Tochter eines Steinmetzes, nie eng verbunden mit dem elterlichen Betrieb. Aber wann ist schon der richtige Zeitpunkt für ein Kind?
Am 26.06.1926 erblickte also der kleine Hans das Licht der Welt. Er wurde in Cosel, einer Stadt in Oberschlesien am linken Ufer der Oder, mitten in den Wirren der jungen Weimarer Republik geboren. Die Eltern konnten ihm nicht viel mehr bieten als Liebe und Geborgenheit. Sie wohnten zu dritt auf dem Grundstück von Johanns Mutter im Hinterhaus. Es war ein Haus mit Treppenaufgang, sie hatten ein Zimmer und eine Küche, Wasser und eine Toilette gab es auf dem Hof. Es gab kein elektrisches Licht in der Wohnung und so lebten sie bescheiden, aber zufrieden. Hans’ Vater suchte bereits seit drei Jahren verzweifelt nach einer passenden Anstellung und verdiente in der Zeit den Lebensunterhalt für seine kleine Familie mit den zwei geerbten Zugpferden. Er trug seine Frau auf Händen und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, Marie genoss jeden Augenblick ihrer gemeinsamen Zeit.
Hans war aufgeweckt, fröhlich und konnte bereits mit einem Jahr ganze und vollständige Sätze sprechen. Nur das Laufen fiel ihm schwer. Seine Beine wollten nicht, wie sich seine Mutter das gewünscht hätte, und so entschied Johann, den Jungen, sobald die Beinchen stark genug waren, aufs Pferd zu setzen. Stolz wie ein kleiner Husar thronte Hans hoch zu Ross und das Laufen wurde zur Nebensache.
Die Liebe von Johann und Marie war groß und so folgten in den kommenden drei Jahren zwei jüngere Schwestern. Ilse und Elsbeth waren um zwei beziehungsweise drei Jahre jünger als Hans und waren der ganze Stolz des großen Bruders. Er bewachte sie wie seinen Augapfel, sobald sich die Mutter von den beiden entfernte. Hans war sehr zuverlässig und erklärte den beiden Schwestern seine kleine Welt.
1932 kam er in die Schule. Von Beginn an war er ein aufmerksamer und wissbegieriger Schüler. Er sog das Gelehrte förmlich in sich auf. Seine Mutter sagte auch später sehr häufig: „Der Hans war wie ein Schwamm. Gab es eine Neuigkeit zu erlernen, war er zur Stelle und löcherte seine Mitmenschen, bis das kleinste Detail dargestellt war.“ Nach der Schule ging er nach Hause. Meist holte ihn aber der Vater mit der Kutsche ab, und dann berichtete er ihm vom Schultag. Seine kleinen Schwestern bekamen täglich Unterricht von ihm und erst, wenn sie alle Informationen nachsprechen konnten, gab Hans Ruhe. Dann ging er in den Stall zu Vaters Pferden und erklärte auch ihnen seine Sicht auf die Welt.
Die Pferde und seine Sprache waren sein ganzes Glück. Die Existenzsorgen der Eltern und die ständigen Streitereien zwischen seiner Mutter und seiner Großmutter nahm Hans nicht wahr. Seine Schwester Ilse berichtete ihm mehrfach, dass die Mutter am Vormittag wieder geweint habe, aber Hans erwiderte daraufhin immer nur: „Die Welt ist so groß, da sind Mutters Sorgen doch ganz winzig.“
1935 bekam der Vater endlich eine feste Anstellung als Gestütswärter. Die Familie, mittlerweile zu sechst – der kleine Bruder Alfred war geboren – zog in das Gestüt an der Oder um. Hans’ Horizont erweiterte sich. Hier gab es nicht nur die zwei Zugpferde vom Vater, sondern dutzende Reitpferde. Er bekam richtigen Reitunterricht und wusste bereits nach wenigen Monaten alles über Pferde. Wie ihr großer Körper funktionierte, was sie fraßen, was ein gutes von einem schlechten Reitpferd unterschied, jede Information war wichtig. Seine Geschwister, deren Interesse an Pferden sehr viel weniger ausgeprägt war, wurden despotisch von ihm zum Pferdeunterricht gezwungen. Alfred rebellierte als Erster. Sobald er selbstständig laufen konnte, stand er auf und verließ den Unterricht. Es kam schon früh zu Streitigkeiten zwischen den ungleichen Brüdern. Alfred ertrug Hans’ Besserwisserei nicht und Hans sah mit Argwohn, dass sein kleiner Bruder über eine unglaubliche Geschicklichkeit und Schnelligkeit auf den Beinen verfügte. Aber Elsbeth vergötterte ihren großen Bruder über die Maßen. Kein Mensch auf der Welt war schlauer als Hans, davon war sie fest überzeugt.
Bei den Mitschülern war Hans nicht sonderlich beliebt. Er fand die meisten Kinder seines Alters blöd und sie fanden ihn eingebildet und altklug. Elsbeth prügelte sich oft für ihren großen Bruder, wenn ihn wieder jemand auslachte oder verspottete. Hans war das egal. Für ihn war seine Welt in Ordnung, wie sie war. Er bewunderte seine Lehrer für ihr großes Wissen und ward gleichermaßen von ihnen für seinen Fleiß und seine Intelligenz geschätzt. Einzig der Lehrer Fytell war ihm etwas suspekt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt begann dieser, alle Orte und Familien mit polnischen Namen ins Deutsche umzubenennen. Hans begann das erste Mal in seinem Leben aufzumucken. Er korrigierte den Lehrer jedes Mal, wenn er das tat. Das blieb nicht folgenlos. Johann, Hans’ Vater, wurde in die Schule bestellt und dazu aufgefordert, seinem renitenten Sohn Zucht und Ordnung beizubringen. Mit den Worten „der Junge passt sonst nicht ins System“ wurde der Vater eingeschüchtert.
Johann sah sich aber außer Stande seinen Erstgeborenen zu kritisieren. Er bat ihn allenfalls an der einen oder anderen Stelle genau abzuwägen, wann er widersprach und wann nicht. „Die Zeiten sind schwierig, mein Junge. Du kannst nicht jedem deine Meinung sagen, das hat Folgen, und Gott weiß, ob wir diese wirklich überleben.“ Hans war sehr unzufrieden mit den Aussagen seines Vaters und doch folgte er seinem Rat und schwieg ab sofort an der einen oder anderen Stelle.
Am 28.08.1939 sahen die Kinder besagten Lehrer Fytell mit Offizierskleidung in einem Fahrzeug der deutschen Wehmacht in Richtung Gleiwitz fahren. Dort begann der Krieg am 01.09.1939. Hans fing nun an Fragen zu stellen. Unangenehme Fragen, die ihm kein Erwachsener beantworten konnte oder wollte. Alle Wortfetzen über Krieg, Tote, Juden, Polen oder Deutschland versuchte er fortan zu einem Großen Ganzen zusammenzusetzen. Aber wie sollte das für einen Jungen allein gehen?
Im August 1940 musste die gesamte Familie wegen einer Versetzung des Vaters nach Schillersdorf im Hultschiner Ländchen umziehen. Es war ein Teil Tschechisch-Schlesiens, das Gebiet an der Grenze zu Polen, und nach der nahe gelegenen Stadt Hultschin benannt.
Zum ersten Mal musste Hans etwas Liebgewonnenes, Vertrautes aufgeben. Seine kleine Welt geriet ins Wanken. Auf Grund seiner intellektuellen Fähigkeiten und seiner Begabung zur Wissensvermittlung entschieden die Eltern: „Der Hans wird Lehrer.“ Normalerweise war eine solche Ausbildung in diesen Kreisen undenkbar. Nur Kinder aus politisch untadligen und ausgerichteten Familie durften diesen Berufsweg einschlagen. Aber die Familie Gube galt als anständig, unauffällig und damit dem Führer zugewandt, und so durfte der Junge etwas aus seinen Fähigkeiten machen. Es sollte ihm einmal besser gehen als dem Vater. Johann war so stolz es ihm mitzuteilen. Umso größer war die Enttäuschung über Hans’ Unwillen. Er wollte doch Reiter werden. Pferde, die waren sein Leben. Auf einem Gestüt zu leben und zu arbeiten war sein Traum.
Und doch begann er im September 1940 seine Ausbildung zum Lehrer in der Lehrerbildungsanstalt in Neiße, Oberschlesien. Sehr schnell begriff Hans, welches Privileg ihm damit zuteil wurde. Er war plötzlich umgeben von Seinesgleichen, Menschen mit Bildungshunger und Freude am Lernen. Er war kein Außenseiter mehr. Er war einer von vielen. Seine Lust auf Bücher, Sprache, Geschichte und die vielen Diskussionen erfüllten ihn mit Begeisterung. Endlich wurden all seine Fragen beantwortet. Bei politischen Gesprächen schwieg er zumeist. Denn dass jedes falsche Wort in diesen Zeiten seinen Abstieg bedeuten konnte, war ihm mittlerweile nur allzu klar. Aber zur Propagandamaschine des Dritten Reiches wollte er sich nicht ausbilden lassen. Er behielt seine Meinung und differenzierte genau. Hans erkannte, mit wem er über Hitler, über Krieg, die aussichtslose Hoffnung auf den Endsieg und diesen ganzen Wahnsinn reden durfte und vor wem er besser mit „Heil Hitler“ strammstand. Drei Jahre lang währten dieses Glück und die Hoffnung auf eine gute Zukunft.
Im August 1943 wurde er mit gerade mal 17 Jahren als Soldat der deutschen Wehrmacht eingezogen.





Kapitel 2

Morgens um 5:00 Uhr sollte es losgehen. Pünktlichkeit war das A und O, das hatte ihm sein Vater schon eingeschärft. 100 Mal war Hans diesen Morgen in Gedanken durchgegangen, doch egal, was er sich einredete, seine Aufregung war grenzenlos. An Schlaf war in der Nacht davor nicht zu denken. Ein tränenreicher Abschied stand ihm bevor. Seine Mutter hatte in den vorangegangenen Tagen bereits so viel geweint, ihre Tränen hätten versiegt sein müssen. Hans stand auf, wusch sich wie immer, frühstückte – es gab frische Eier vom Hof und Elsbeth hatte ihm noch frisches Brot gebacken –, trank den bereits zum zweiten Mal aufgebrühten Kaffee, zog die graubraune Uniform und die furchtbar unbequemen Stiefel an und fügte sich ins Unvermeidliche.
Würde er seine Familie jemals wiedersehen? Würde der Hof unbeschädigt bleiben? Konnte sein Vater die noch verbliebenen Pferde vor der Front bewahren? In den vergangenen Wochen waren immer wieder Abgesandte der Wehrmacht gekommen und hatten fronttaugliche Tiere einfach abgeholt.
Hans hatte furchtbare Angst. In den letzten zwei Jahren hatte er sich schon so erwachsen gefühlt, aber am Tag der Abreise oder besser des Abtransports in den Krieg war er ein Kind. Jung, unbeholfen, verängstigt, hilflos und völlig planlos gegenüber dem, was vor ihm lag. Die ganze Familie stand weinend vor ihm. Sogar sein Vater und Alfred konnten ihre Tränen nicht verbergen. Er vergoss keine einzige Träne. Tapfer beugte er sich seinem Schicksal. Egal was kam, Hans wollte durchhalten.
Am Ortsausgang war die erste Sammelstelle. 20 junge Männer standen dort und wurden gleich zu Beginn von einem Unteroffizier so dermaßen zusammen gebrüllt, wie Hans es noch nie in der Vergangenheit erlebt hatte. Jetzt kam das, wovor Hans die meiste Angst hatte, der Fußmarsch. Er hasste laufen, seit seiner frühesten Kindheit taten seine Beine nicht das, was sie sollten. Ihm blieb keine Wahl, der Marsch ging los. Der Schreihals am Rand stellte ein Motto für die nächsten 100 km auf: „Schnauze halten, dankbar sein!“ Hans fragte sich, wofür er dankbar sein sollte, aber er schwieg und marschierte. Er versuchte sein Gehirn auszuschalten und dem Gleichschritt der anderen zu folgen. Es ging, aber er war sich sicher, noch nie in seinem Leben nicht gedacht zu haben. Sein Kopf arbeitete immer, und alles, was er dachte, musste er erzählen. Ab jetzt war damit Schluss, das war ihm sofort klar. „Schnauze halten, dankbar sein.“
An den folgenden Ortsrändern kamen immer wieder neue junge Männer dazu, am Ende waren sie ungefähr 300 Mann. Viele waren noch kleiner und jünger als Hans. Einige waren sehr dienstbeflissen und taten sich hervor, indem sie gleich zu Beginn betonten, wie stolz sie seien für Volk und Vaterland sterben zu dürfen. Hans schwieg, er marschierte, oder zumindest dachte er, dass das ein Marsch sein müsste. Keine Freunde, keine Feinde, nach unten schauen und gehen. So wollte er das Unvermeidliche überleben.
Als sie am Ziel angekommen waren – er hatte gar nicht gewusst, dass Troppau das Ziel war –, wurde er zum Arbeitsdienst eingeteilt. Zwei Monate Gräben ausheben, Pferde versorgen, Wagen hin- und herschieben und schwere Kisten mit Munition aufladen. Hier konnte er mit seinem Organisationstalent und seinem Pferdeverstand punkten. Sogar einfache Verletzungen an Pferden versorgte er. In all den Wochen tat er nur das, was ihm aufgetragen wurde und immer ein kleines bisschen mehr. Dabei achtete er peinlich genau darauf, nicht zu sehr aufzufallen, denn ob positiv oder negativ, es bedeutete meistens mehr Arbeit. Noch mehr Bewegung und Last hätte sein untrainierter Körper nicht ertragen. An den Abenden begann er seinen Kameraden Geschichten zu erzählen, meist zur eigenen Ablenkung. Er erzählte von grünen Wiesen, vom Essen seiner Mutter, von Büchern, die er während seiner Lehrerausbildung gelesen hatte. Schon bald hatte er den Spitznamen „Schiller“ und irgendwie schmeichelte ihm das.
Im Oktober 1943 ging es dann aber richtig los. Sie wurden mit Güterfahrzeugen abtransportiert, Ziel: Auslandseinsatz. Gerade hatte Hans angefangen sich an seine neue Lebenssituation zu gewöhnen, da begann schon wieder etwas Anderes. „Schnauze halten, dankbar sein.“ Sie fuhren von Troppau über Radibor, Breslau, Dresden, Frankfurt, Straßburg, Lyon und Marseille zur Endstation Nizza. Es war warm und die Franzosen schienen irgendwie bunter auszusehen als die Deutschen, aber dem Ernst der Lage entsprechend wurden Hans und seine Kameraden mit sehr viel Argwohn und Misstrauen betrachtet.
Ihr Auftrag war es, eine Brücke im Norden von Nizza im Sechs-Stunden-Takt zu bewachen. Das Anspruchsvollste dabei war das ständige Stehen. Hans’ Beine konnten sich einfach nicht an diese Belastung gewöhnen. Ein Kamerad, Kurt, ein Arztsohn, erklärte ihm, dass es nicht die Beine waren, die streikten, sondern sein Kopf. „Du musst ihnen einfach befehlen, dass sie dich tragen müssen, dann klappt das auch.“ Da kannte er aber Hans und seine Beine schlecht. Beide ließen sich nur sehr widerwillig etwas befehlen. „Schnauze halten, dankbar sein.“ Das funktionierte aber irgendwie.
Der zweite Einsatz war schon anspruchsvoller. Hans war Teil einer vierköpfigen Bewachungstruppe einer deutschen Bank im Zentrum von Nizza. Hier sah man wenigstens außer den deutschen Soldaten noch andere Menschen. Hans unterhielt sich häufig mit den Einheimischen. Er war sprachgewandt, und das half. Mit Händen und Füßen, ein bisschen Englisch und einigen schnell aufgeschnappten Brocken Französisch ging das ganz gut. Ein Mädchen brachte ihnen sogar heimlich etwas zu essen. Hans arrangierte sich so langsam mit seinem Soldatendasein. Kaum noch Fußmärsche, leichte Überwachungsaufgaben, kurze Berichte an den Vorgesetzten, das waren die täglichen Aufgaben.
Die dritte Aufgabe in Nizza war dann der Höhepunkt seiner bisherigen Soldatenzeit. Er gehörte der Kontrollgruppe zur täglichen Absicherung von kulturellen Abendveranstaltungen für deutsche Soldaten an. Dort war immer etwas los. Viele Offiziere sprachen dem guten französischen Wein und den hübschen Französinnen sehr zu. Das führte häufig zu Problemen. Nicht selten kam es zu Schlägereien, Gerangel und Verhaftungen. Hans behielt immer die Nerven. Er versuchte zu vermitteln, viele Dinge ließen sich tatsächlich besser mit Worten als mit Fäusten klären. Seine panische Angst in diesen Konfliktsituationen behielt er für sich. Er war nie ein Held. Niemand hätte vermutet, dass er eigentlich nicht Herr der Lage war.
Eines Tages sickerte durch, dass Hans sehr belesen war, und so sollte er Gedichte rezitieren und kleine Lesungen abhalten, um die Offiziere und ihre Gespielinnen bei Laune zu halten. „Zeig den ungebildeten Franzosen, was das deutsche Volk für große Männer hervorgebracht hat.“ Und so wurde Hans plötzlich, ganz unmerklich, zum Propagandainstrument des Führers. Das gefiel ihm zwar nicht, aber brachte ihm auch die eine oder andere kleine Vergünstigung im Alltag. Er wurde zum Beispiel das erste Mal seit seinem Aufbruch von zu Hause wieder richtig satt. Er durfte den Wein kosten und hatte so seinen ersten kleinen Rausch. Das machte vieles erträglicher, auch das immer häufiger auftretende Heimweh. Durch seine kurzen Auftritte war Hans kein Unbekannter mehr, nicht mehr einer von vielen, sondern Hans Gube, genannt Schiller, der Gebildete.
Im März 1944 erfolgte Hans’ Abtransport zurück nach Deutschland. Er kam nach Breslau. Dort wurde er Student einer Offiziersschule. Bis November 1944 nahm er dort an der Ausbildung zum Unteroffizier teil.
Als frischgebackener Unteroffizier wurde er Ende November 1944 zum Kriegseinsatz nach Ungarn abkommandiert. Bei seiner Ankunft 40 km nördlich von Budapest, auf dem Dach eines Güterwagons sitzend, wurde er von niemand Geringerem als seinem alten Volksschullehrer Major Fytell empfangen. Dieser erkannte ihn noch. Die Schikanen waren dementsprechend, denn Fytell ahnte, dass Hans niemals zum Nazi mutiert war. „Dieser Kerl war schon früher auffällig“, sagte er immer wieder. Weihnachten 1944 verbrachte Hans im Soldatenloch. Nie zuvor war sein Heimweh so groß wie in dieser Nacht. Er erzählte seinen Kameraden Geschichten, noch bunter, noch spannender, noch fröhlicher, um sich selber vom Kummer zu befreien.
Am 12.01.1945 gegen 23:00 Uhr wurde seine Truppe von rumänischen Panzergranaten beschossen und er wurde dabei schwer verwundet. Diagnose: Lungendurchschuss, Oberarmschuss, Kopfschuss.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-95840-907-1
Erscheinungsdatum: 05.09.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90

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