Geschichte & Biografie

9. November – Schicksalstag der Deutschen

Heide Hanxleden

9. November – Schicksalstag der Deutschen

Heiteres und Besinnliches einer am 9. November Geborenen

Leseprobe:

1 – Geburt am 9. November 1939, einen Tag nach dem misslungenen Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller in München

Als meine Mutter in einem Wuppertaler Krankenhaus mit den Wehen kämpfte, die mein Erscheinen hervorrufen sollten, berichtete ihr die Hebamme, am Abend vorher hätte es ein Attentat im Münchner Bürgerbräukeller auf Hitler gegeben. Der Führer lebe aber Gott sei Dank und sei gesund.
Meine Mutter sagte nichts dazu, sondern dachte nur: Wenn du wüsstest, wie wenig mich das jetzt interessiert!
Die historischen Hintergründe haben sie später in ihrer Tragweite sicher sehr interessiert. Was wäre bei Gelingen des Attentates uns und der halben Welt erspart geblieben!
Hitler hatte eine enge Vertraute, Unity Valkyrie Mitford, eine englische Adelige.
Ihr Traum war eine Verbindung von Deutschland und England, von beiden Ländern also, die sie liebte.
Sie verbrachte viel Zeit mit Hitler und genoss Ansehen und Annehmlichkeiten mit und durch ihn.
Als England nach einem verstrichenem Ultimatum Deutschland den Krieg erklärte, brach für sie eine Welt zusammen. Sie unternahm einen Selbstmordversuch, indem sie sich in die Schläfe schoss.
Als Hitler am 8. November 1939 nach München kommt, um wie jedes Jahr an der Gedenkfeier für die Gefallenen des Hitlerputsches teilzunehmen, besucht er vorher Unity im Krankenhaus. Erschüttert von dem desolaten Zustand seiner Freundin, vergeht ihm jede Lust,zu feiern. So hält er seine geplante Rede, um dann gleich danach wieder abzuziehen. (Eine andere Theorie besagt, dass Hitler wegen des Nebels einen Zug nach Berlin erreichen musste.)
13 Minuten später explodiert die Bombe, die der schwäbische Tischler Georg Elser in einer tragenden Säule angebracht hatte. Die Saaldecke stürzt ein, begräbt acht Menschen unter sich und verletzt weitere sechzig Menschen.
Als Hitler und Goebbels davon erfahren, notiert Goebbels: „Wunder“ und „Vorsehung“. Michaela Karl schreibt in der Biografie Als ich in der Vogue blätterte, sprach mich der Führer an: „Für Hitler könnte seine Walküre am 8. November tatsächlich zur Schicksalsgöttin geworden sein.“
Für Millionen von Menschen auch!


2 – Kein Sieg ohne meine Mitwirkung

Polen war ohne große Probleme besiegt. Da eilte mein Vater gleich nach meiner Geburt in den Krieg, weil er nicht wollte, dass dieser ohne ihn gewonnen würde. So berichtete mir später meine Mutter in einem Brief zu meinem 50. Geburtstag:

Wir erwarten unser erstes Kind
Wir schreiben 1939, unser erstes Kind ist unterwegs. Wir freuen uns sehr und mit uns die Großeltern und die Urgroßmutter.
Da bricht am 1. September der Krieg aus. Freunde werden zum Kriegsdienst eingezogen. Unser Vater ist ungehalten, dass man ihn nicht einberufen hat. Ich freue mich, ihn noch bei mir zu haben, erwarten wir doch Ende Oktober unser Kind. Die Anzeichen stellen sich auch termingerecht ein, aber man schickt mich wieder nach Hause. Ich soll noch warten.
Da kommt zum 10. November die Einberufung für unseren Vater, und wenn das Kind bis dahin nicht da ist, soll die Geburt am 9. November eingeleitet werden, an diesem geschichtsträchtigen Datum, das Heide im Laufe der Jahre immer wieder fragen ließ: „Was ist denn noch alles am 9. November passiert?“
Dass der behandelnde Arzt mir stolz das Fahrtenmesser zeigt, das er seinem einberufenen Sohn schenken will, und dass am Abend vorher ein Attentat auf Hitler misslungen ist, interessiert mich nur am Rande, halte ich doch ein gesundes Kind im Arm.
Nachdem der Vater abends seine Tochter besichtigt hat und sie als das schönste Baby weit und breit lobt, wird er am nächsten Morgen „zu den Waffen geeilt“, wie er zu sagen pflegt. Sicher wird er bald geholfen haben, den Krieg zu gewinnen und zu beenden, um wieder bei seinen Lieben zu sein, sind wir doch im Siegesrausch! Wer kann schon ahnen, dass es 6 Jahre werden!
Das erste Kriegsweihnachtsfest verleben wir ohne den Vater. Er muss Wache schieben. Was er uns erst Jahre später beichtet: Er sitzt im Gefängnis von Zülpich (Eifel) bei Wasser und Brot. Er hat mit dem Zapfenstreich Schwierigkeiten gehabt!
Silvester ist Taufe, eine sehr feierliche Haustaufe, die ausnahmsweise erlaubt wird, weil unserer 91-jährigen Urgroßmutter der Weg zur Kirche nicht zuzumuten ist. Wir haben Fleischmarken gesammelt. Es gibt Sülzkoteletts mit Bratkartoffeln. Heide wächst unbeschwert mit vielen Kinderkrankheiten heran, während der Vater durch Belgien und Frankreich marschiert, wo er bis 1942 als Besatzung erst einmal in Sicherheit ist.
Nachdem er später in Russland im Orelbogen eingesetzt wird und in russische Kriegsgefangenschaft gerät, bekommen wir ihn schließlich dünn, aber unverletzt wieder.

Wie ein Familienvater aus bürgerlichem, nicht militärisch geprägtem Haus nur 21 Jahre nach dem Ende des furchtbaren Ersten Weltkriegs so denken konnte, werde ich nie verstehen. Vielleicht fehlte damals das Fernsehen mit grauenhaften, aber einprägsamen Bildern, die sich für immer einbrennen?
Gott sei Dank wurde mein Vater schnell desillusioniert und setzte alles daran, heil wieder nach Hause zu kommen.
Erst dann haben wir uns richtig kennengelernt, denn wenn er einmal kurz Urlaub hatte, musste er ertragen, dass seine Tochter fragte: „Was will der fremde Mann hier?“
Damals konnte ich noch nicht wissen, dass dieser „fremde Mann“ mich davor bewahrt hatte, „Olga“ zu heißen. Meine Mutter wollte mich so nennen, weil sie vermutlich für Olga Tschechowa schwärmte. Mein Glück, dass mein Vater eine Kuh kannte, die Olga hieß.
(Sicher hätte sich der „Führer“ auch gegen Olga und für Heide entschieden, wenn er gefragt worden wäre! Wurde er aber Gott sei Dank nicht!)


3 – Bomben und ein Gefühl für Joseph Beuys?

Im März 1943 wurde unser Haus von Bomben getroffen und total zerstört. Es stand unglücklicherweise nahe dem Elektrizitätswerk, einem Ziel für Angriffe.
Meine Mutter konnte mich nur noch aus dem Bett reißen, mir über mein Nachthemd eine Trainingshose ziehen und mit mir auf dem Arm nach draußen rennen. Überall Feuer – Scherben – und Schreie.
Eine Frau war aus dem Fenster gesprungen und hatte beide Beine gebrochen. Wie viel ich davon mit meinen 3 ½ Jahren wirklich in Erinnerung habe oder aus Erzählungen weiß, ist nicht auszumachen.
Meine Mutter machte sich mit mir auf, einen unendlich langen Weg den Berg hinauf zu unserem „Hüttchen“ (vergleichbar einer „Datscha“ mit Schlafgelegenheiten) zu gelangen. Als wir erschöpft den halben Weg hinter uns hatten, tauchten zwei junge Soldaten auf, denen wir leid taten. Sie zogen eine graue Filzdecke aus ihrem Gepäck, breiteten sie zwischen sich aus und legten mich hinein. So trugen sie mich bis zu unserem „Hüttchen“.
Ich bin sicher, mich an das Gefühl zu erinnern, in dieser Filzdecke sicher, warm, behaglich, geborgen zu sein!
Als ich mich sehr viel später mit Joseph Beuys beschäftigte, hörte ich auch die Legende vom Absturz seines Kampflugzeugs auf der Krim. Da die Krimtartaren ihn angeblich tagelang mit Fett und Filz am Leben gehalten hatten, verwendete er diese Materialien auch in seinen Kunstwerken.
Obwohl ich irgendwann aufgab, seine Kunst und Philosophie verstehen zu wollen (Ich werde mir auch den nicht gut besprochenen Film „Beuys“, der jetzt in den Kinos anläuft, nicht ansehen.), meinte ich doch, seine Erinnerung an den warmen, schützenden Filz nachempfinden zu können!
Damit aber war ich einer Legende aufgesessen! Etwa 2003 erzählte uns Dr.?K., ein Kollege und Freund meines Mannes, wie es wirklich war, denn Beuys war Funker in einem der Flugzeuge seines Konvois:
Das Kampfflugzeug, in dem Beuys saß, stürzte wirklich ab, bohrte sich aber in den tiefen Schnee, der auf der Krim lag, und landete darum relativ weich. Nicht lange danach, eine halbe bis eine Stunde später, besuchte unser Freund Beuys im Lazarett, wo dieser von einem Tierarzt (Krimtatar) behandelt worden war und ihn mit den Worten begrüßte: „Glaubst du, meine Nase ist gebrochen? Und wenn, wird sie wieder gerade?“
Auch die Erklärung, Beuys trage darum einen Hut, weil er eine Platte im Kopf habe, ist Legende. Seine Kopfhaut war an einer Stelle verletzt und dort fehlten natürlich die Haare. So wurde der Hut sein Markenzeichen.


4 – Und wo ist euer Gepäck?

Wie meine Mutter es geschafft hat, in dieser chaotischen Zeit unsere Reise zu den Großeltern nach Lilienthal, später zu Verwandten nach Falkenberg, Dörfer in Norddeutschland zwischen Bremen und Worpswede, zu organisieren und durchzuführen, habe ich sie leider nie gefragt. Sie war wohl sehr stark und tapfer.
Ihre ganze Contenance aber brach zusammen, als meine Großmutter fragte:
„Und wo ist euer Gepäck?“
Den Krieg und die Hungersnot überstanden wir auf dem Land recht gut, wobei auch die sehr willkommenen Pakete mit Corned Beef und anderen uns fehlenden Lebensmitteln von Verwandten aus Amerika halfen. (Aus Norddeutschland waren viele Deutsche nach Amerika ausgewandert, darunter Verwandte meiner Mutter. Diese hatten sich wohl so gut integriert, dass eine Tante inzwischen Direktorin einer Highschool geworden war.)
Einmal wurde auch ein Kalb geschlachtet. Da das streng verboten war, wurde mir (Ich war fünf Jahre alt.) erzählt, das leckere Fleisch sei von unseren Kaninchen.
So kam es, dass ich Jahre später in Erinnerung an dieses besonders köstliche Mahl meine Mutter fragte: „Können wir nicht noch einmal Kaninchenschnitzel essen? Das war wohl das Leckerste, was ich je gegessen habe!“
Die ab 1942 gesenkten Brotrationen bestanden im Allgemeinen aus Maisbrot Einmal im Monat gab es frisches Graubrot und gute Butter. Meine Mutter und ich machten daraus einen Festtag: Wir sparten nicht an Butter und aßen uns satt an den Leckerbissen. Dann gab es eben schon am nächsten Tag wieder Maisbrot!
Ich musste auch nicht frieren, weil ich eine Mutter hatte, die ungeheuer praktisch und geschickt war. Sie zupfte z.?B.in unserer Umgebung Schafwolle von den Zäunen, verspann sie und strickte für mich eine Jacke.
Aus der „Seide“ von Fallschirm-Ballons nähte sie Kleidungsstücke. Von dieser Fähigkeit habe ich viele Jahre profitiert. Aus notwendiger Sparsamkeit verwandelte sie alte Sachen zu schicken „neuen“ und nähte mir später Kleider je nach Mode.
Obwohl die Sachen qualitativ sicher meist besser als die gekauften waren (Es gab ja lange nur Baumwoll- und Wollstoffe.), hätte ich doch auch gerne einmal ein Kleid von C&A wie die anderen in meiner Klasse gehabt. Solange man als Teenager kein gesundes Selbstbewusstsein hat, traut man sich oft nicht recht, „anders“ zu sein.
Zum Abitur bekam ich mein erstes gekauftes Kostüm.
Bei „Kostüm“ denke ich daran, wie konservativ unser Leben in Wuppertal war und wie wenig wir vom Studentenleben in Großstädten wussten:
Ich durfte einen Freund, der Student in München war, besuchen. Für die Reise mit der Bahn und den „Auftritt“ in München-Schwabing hatte mich meine Mutter mit einem schicken Kostüm mit Lederpaspeln ausstaffiert. Dazu trug ich eine Seidenbluse und Pumps.
Als ich in München ankam, erwartete mich der Freund mit Schwester und Kusine. Sie starrten mich an wie eine vom anderen Stern Erschienene!
Die Damen überlegten sofort, wie sie mich passend umkleiden konnten. So saß ich eine Stunde später mit weißen Hosen, einer rosa-weißen Vichy-Karo-Bluse (damals 1961 ganz modisch) auf dem Roller und trug darunter zum Schwimmen im Starnberger See meinen allerersten Bikini. In Wuppertal wäre das revolutionär gewesen!


5 – Meine Freundin Marga, Blumensträuße und Kaninchen

Im Rückblick hatte ich eine schöne Kindheit trotz Kriegs- und Nachkriegszeit.
Wir wohnten zwar nur in einem Zimmer, die anderen waren meist von Flüchtlingen besetzt, aber das störte mich nicht. Ich war ja mit meiner Mutter alleine.
Mit meiner Freundin Marga streifte ich durch Felder und Wiesen. Wir pflückten die schönsten Wildblumensträuße, schenkten sie unseren Müttern und malten sie. Meine Mutter hatte eine Schulbank aufgetan mit integriertem Tischchen, so wie sie früher üblich waren. Dort saßen wir und malten, wenn wir nicht nach draußen konnten.
Einmal hatte ich wohl einen besonders schönen Strauß gepflückt. Eine sehr feine Dame aus Bremen, die auf den Zug wartete, fragte mich, ob sie mir den Strauß abkaufen dürfte. Sie durfte, und ich bekam 50 Pfennig. Für mich Fünfjährige viel Geld!
Auf der Stelle ging ich zum Fahrkartenschalter und löste einen Fahrschein nach Lilienthal, dem Nachbarort, wohin ich mit meiner Mutter oft gefahren war und wo mein Freund, der alte Schneider Cordes, wohnte. Nach einem langen Weg vom Bahnhof zu seinem Haus kam ich an. Opa Cordes freute sich, und ich durfte wie immer auf seinem Schneidertisch sitzen und ihm zugucken.
Hier fand mich meine arme Mutter Stunden später, die nach langem, sorgenvollem Suchen auf die Idee kam, mich hier zu vermuten.
Margas Familie hielt Kaninchen, und Marga hatte den Auftrag, für Futter zu sorgen. So pflegte sie, bewaffnet mit einer Sichel, frisches Gras zu schneiden, bis sie ihren Korb gefüllt hatte. Ich begleitete sie.
Einmal passierte es, dass Marga zu rasant mit ihrer Sichel ausholte und meine Füße traf. Der rechte Fuß hatte nur wenig mitbekommen, aber im linken Fußgelenk war eine klaffende Wunde. Ich humpelte zum Haus, wo meine Tante völlig kopflos vor Schreck war – meine Mutter war nicht zu Hause – und das Blut in der Wunde mit Watte stillen wollte.
Als der Arzt kam, bei dem meine Mutter gerade zu Besuch gewesen war, musste er zuerst mit der Pinzette alle Wattefasern entfernen, ehe er die Wunde zunähte und den Fuß schiente. Als er ging, sagte er, ob die Sehne etwas mitbekommen hätte, könne er noch nicht sagen.
Als ich am nächsten Tag mit dem geschienten Fuß vom Tisch sprang, wussten wir, dass die Sehne ganz geblieben war.
Ab dem Moment stand dort, wo in meinen Ausweisen nach unverkennbaren Merkmalen gefragt wurde, immer: „Linke Fußnarbe“.
Als 1945 die amerikanischen Besatzungssoldaten erschienen, die die Häuser kontrollierten, sah ich zum ersten Mal Farbige. Diese waren zu uns Kindern besonders nett.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 76
ISBN: 978-3-95840-548-6
Erscheinungsdatum: 09.11.2017
EUR 13,90
EUR 8,99

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