Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Der harte Weg zur Blumenkönigin

Edith Slapansky

Der harte Weg zur Blumenkönigin

Leseprobe:

Ich sitze am Schreibtisch vor dem geöffneten Fenster. Die Sonne scheint auf das Blatt Papier vor mir, was sie nicht immer tut. Vor mir - der Raum liegt im Obergeschoss des Hauses - habe ich einen Weitblick über saftige Wiesen und Felder, die ab und zu von einem Bauernhaus als Farbtupfer in ihrem Grün unterbrochen sind. Es ist friedlich, nur in der Ferne die Glocken der Kühe, wenn sich diese bei der Futtersuche auf den Wiesen bewegen. Nichts regt sich. Sonntagsstille! Wie verlassen liegt die Landschaft da.

Friede! Aber wo endet er? Denn unsere Nachbarländer führen Krieg. Die Zeitungen bringen die Nachrichten über die Zerstörungen ins Haus und abends im Fernseher sieht man all die Gräuel, wie Menschen im tiefsten Elend um ihr Leben zittern.

Ein Schatten verdeckt das Sonnenlicht und das Herz wird schwer. Wie soll man helfen, was kann man tun?! Wir sitzen im warmen Nest und können nur hoffen, dass die Menschen, die ihr eigenes Land zerstören, zur Einsicht kommen, sodass endlich auch bei ihnen wieder Friede ist. Es wäre wohl zu schön.

Gar nicht lange ist es her, oder doch? Ja, es sind schon Jahrzehnte vergangen, als wir selbst im Kriege standen, als über unser Land die Bombenflieger kreisten. Auch bei uns war Zerstörung an der Tagesordnung. Nie werden sich diese Erlebnisse in der Seele löschen lassen. Es sind Mahnmale, wenn es uns zu gut geht.

Doch vorher waren da einige friedliche Jahre. Zwar hatten wir Frieden, und doch waren es die Jahre der größten Not. Die Menschen hatten nicht einmal das tägliche Brot für ihre Kinder. Elend und Not waren an der Tagesordnung. Aber es war ein Zustand, an den die Menschen sich gewöhnt hatten. Man freute sich über die Dinge, die nichts kosteten, und empfand ein Butterbrot schon als schönstes Geschenk.

Lichte, zarte Streifen würde man in den Himmel malen, die ersten Jahre des Lebens! Die Erinnerungen daran sind ja nur Bruchstücke, aber einige Bilder davon prägten sich in meine Seele, sodass sie mir immer in Erinnerung sind. Das einzige Bild meines Vaters: Eine hohe, ernste Gestalt, schwarze Brille, betritt das Kinderzimmer und schon ist die Erinnerung vorbei.

Meine Mutter sagte mir später, dass bald danach mein Vater gestorben sei. Er hatte damals das Kinderzimmer betreten, um noch einmal sein Töchterchen - nicht mich, sondern meine Schwester Maria, die vier Jahre älter war als ich - zu liebkosen, vielleicht, um Abschied zu nehmen. Ich war klein, verspürte kein Weh, dass ich nicht beachtet wurde, mein Vater war mir fremd.

Bald danach sein Begräbnis und wieder ein Erinnerungsbild: Lange Schlangen von Menschen, die den Sarg meines Vaters vom Hause wegtragen zum letzten Geleit auf den Friedhof. Der Trauerzug kommt nur langsam vorwärts. Hinter dem Sarg geht die Mutter im Trauerschleier gehüllt, an jeder Hand ein Kind.

Es war der Krampustag, damals noch sehr gefürchtet von den Kindern, und an diesem Tag war es nicht anders. Um die Ecke kam ein Krampus, wir zwei an der Hand der Mutter sahen ihn und schon rissen wir uns los von ihrer Hand und liefen weg vom Leichenzug. Ich weiß, dass wir damals viel Wirbel verursacht hatten und wir von den Verwandten, als Strafe dafür, ins Bett gesteckt wurden.
Heut würde man sagen: Solch einem Schock setzt man Kinder nicht aus. Und warum war das damals möglich?

Dann die Zeit nach dem Begräbnis, und unsere Mutter musste unser Leben selbst bestreiten. Aber wie?

Arbeitslosigkeit, keine Arbeit für Männer, kaum eine Chance, dass eine Frau Arbeit bekam. Aber wir wollten leben!

Wir konnten nur von Glück sprechen, dass der Hausherr des Hauses, in dem wir wohnten, der Mann meiner Tante war. Auch das Gasthaus in diesem Haus gehörte der Schwester meiner Mutter und ihrem Mann. Dort fand meine Mutter Arbeit. Bezahlung war gleich null, doch unser tägliches Essen war gesichert.

Dann wieder ein Begräbnis, der Hausherr, mein Onkel, war gestorben und das Gasthaus wurde verkauft. Meine Tante zog zu Verwandten nach Deutschland. Was nun?

Unsere arme Mama! Nun begann für diese geplagte Frau ein vierzehn- bis fünfzehnstündiger Arbeitstag, den diese schlanke, zarte Frau kaum bewältigen konnte. Und doch musste sie Wäsche waschen für die wenigen, vom Schicksal privilegierten Menschen, die sich den Luxus einer Wäscherin leisten konnten. Die paar verdienten Schillinge reichten gerade aus, dass wir die Miete für unser Wohnen hatten.

Aus dieser Zeit habe ich nur sehr nebulose Erinnerungen. Ich weiß noch, dass meine Mutter selten zu Hause war und ich fürchterlich litt. Zu der Zeit nach dem Tod meines Vaters wohnte zu meinem Glück noch eine jüngere Schwester meiner Mutter in einem Kabinett bei uns. Sie war Schneiderin und arbeitete zu Hause in unserer Wohnung. Sie war mein einziger Trost, wenn meine Mama fort war. Von ihr wurde ich gut versorgt und gut behandelt. Es ergaben sich auch noch andere Vorteile für mich. Zu meiner großen Freude nähte sie aus Stoffresten die schönsten Kleidchen für mich. Meine Freude war grenzenlos. Ich war ein eitles kleines Mädchen und kam mir in ihnen wie eine Prinzessin vor. Sie kümmerte sich auch sonst liebevoll um mich und ich nannte sie: „Tantchen!“ Sie war sozusagen mein Mutterersatz.

Wo meine Schwester geblieben war, weiß ich nur aus Erzählungen. Angeblich war sie bei einer älteren Schwester meiner Mutter. Wir sahen einander nur selten. Meistens an den Wochenenden oder an Feiertagen, wenn unsere Mutter zu Hause war. Unser gemeinsames Sonntagsessen ist mir auch noch in Erinnerung geblieben: Einen Sonntag gab es Schnitzel mit Erdäpfelsalat, den anderen Schweinebraten mit Kraut und Knödeln oder Geselchtes mit Püree und Salat. Das war wunderbar, solange wir diesen bescheidenen Wohlstand zumindest alle zwei Wochen genießen konnten. Denn unter der Woche gab es wieder Schmalzbrot mit Tee. Ich habe mich nie daran überessen und habe es trotz der Einfachheit in guter Erinnerung, bis heute im hohen Alter.

Sonntags nach dem Mittagessen machten wir meistens einen Ausflug auf den Kahlenberg. Diese Ausflüge liebte ich sehr. Hie und da konnte meine Mama es sich leisten, mir und meiner Schwester gemeinsam ein Kracherl zu kaufen. Das war für uns ein Höhepunkt und wir tranken dieses himmlische Getränk nur in winzigen Schlucken, damit wir recht lange etwas von diesem Genuss hatten. Aber das geschah leider nur allzu selten. Anschließend setzten wir unseren sonntäglichen Spaziergang fort.

Zwei- bis dreimal im Jahr marschierten wir gemeinsam auf den Zentralfriedhof. An einer bestimmten Stelle verweilte meine Mama, faltete die Hände zum Gebet und es liefen ihr dabei die Tränen über die Wangen. Das konnte ich nicht verstehen und fragte sie: „Mama, warum bist du traurig und weinst hier auf der Wiese?“ Darauf antwortete sie: „Mein Kind, an diesem Platz ist dein Vater begraben.“ Das begriff ich nicht - da war doch nur eine gewöhnliche Wiese. Heute weiß ich, dass wir uns keinen Grabstein leisten konnten.

Solange ich mein Tantchen hatte, war die Welt für mich heil. Bei ihr war ich gut aufgehoben. Aber leider nicht mehr lange. Sie hatte nämlich einen Mann kennengelernt, der sie heiraten wollte. Eines Tages zog sie mich schön an und sagte zu mir: „Mein liebes Kind, heute machen wir einen Ausflug nach Böheimkirchen, zu meiner neuen Familie.“ Was immer das für mich bedeuten sollte, verstand ich damals noch nicht. Aber auf den Ausflug freute ich mich.

Wir fuhren mit der Bahn. Die erste Bahnfahrt in meinem Leben, ein völlig neues Erlebnis für mich. Ich hatte einen Fensterplatz und sah, wie die Natur geschwind an mir vorbeihuschte, und wenn ich auch noch ein Reh zusehen bekam, sprang ich vor lauter Freude von meinem Sitzplatz auf und schrie: „Tante, schau schnell! Ein Reh, ein Reh!“ Meine Freude kannte keine Grenzen, es war wie ein Wunder für mich, und mein Tantchen freute sich mit mir, weil ich so glücklich war.

Am Bahnhof wurden wir von einem sehr netten Mann erwartet, der mein Tantchen umarmte und küsste. Dies muss wohl der Mann sein, den sie heiraten will, dachte ich bei mir. Ich fand ihn auch ganz nett. Er nahm mich auf den Arm, und ich bekam zur Begrüßung auch einen Kuss auf jede Wange. Nach der Begrüßung brachte er uns zu seiner Familie. Der Weg dorthin war nicht weit und wir gingen zu Fuß.

Bei ihm zu Hause herrschte große Aufregung wegen des Besuchs aus Wien. Wir wurden herzlich in Empfang genommen und vom Rest der Familie begrüßt. Meiner Person wurde besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt und ich wurde zum Abbusseln herumgereicht, was mir gut gefiel. So viel Aufmerksamkeit meinetwegen bekam ich sonst nie.

Im Wohnzimmer war schon zu Mittag gedeckt und es gab lauter leckere Speisen, die mir gut schmeckten. Nun wurde ich nicht mehr beachtet, weil die Erwachsenen sich während des Essens gut unterhielten. Also ließ ich gelangweilt meine Blicke in die Runde schweifen, während die Erwachsenen weitersprachen. Kein Mensch interessierte sich momentan für mich. Ich stand auf, ließ meinen fast leeren Teller stehen und machte mich unbemerkt auf Entdeckungstour.

Eine halb geöffnete Tür fand mein Interesse, und ich warf einen Blick hinein. Oh, was sah ich denn da? Vor einem Fenster stand ein Schaukelstuhl, in dem ein alter Mann saß und schlief. Er hatte einen langen grauen Bart, fast bis zum Bauch. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich besah ihn von allen Seiten genau und kam aus dem Staunen nicht heraus. Wer ist das?, fragte ich mich. Ist das gar der Weihnachtsmann, der sich hier ausruht? Auf alle Fälle schlief er tief und bemerkte mich nicht. Nein, der Weihnachtsmann konnte er nicht sein, weil es doch Sommer war und er sicher nicht hier wohnte.

Bei genauerer Betrachtung fand ich, dass der Bart zu lang sei. Also überlegte ich, was ich tun könnte. Mir kam eine großartige Idee. Wenn ich eine Schere fände, könnte ich den Bart vielleicht etwas kürzen. Dann wäre er doch viel schöner. Sofort durchsuchte ich die Laden der Kästen, die sich im Zimmer befanden, und wurde fündig. Nun ging ich sofort zur Sache und begann halt irgendwo mit dem Kürzen des Bartes. Es war gar nicht leicht für mich, die harten Barthaare zu schneiden. Zu allem Übel hatte ich auch noch schief geschnitten und die eine Seite war länger als die andere. Aber er gefiel mir schon besser und ich begab mich auf die andere Seite des Stuhls, um die längere Seite des Bartes auch noch ein wenig zu kürzen. Ich war noch nicht ganz fertig mit meiner Aktion, als ich hinter mir einen Aufschrei hörte und eine der Frauen zu mir sagte: „Kind, was treibst du da mit dem Großvater? Du kannst ihm doch nicht den Bart verstümmeln!“ Ganz erschrocken antwortete ich: „Ich will ihn doch nur schön machen, weil der lange Bart so hässlich ist.“
Dann standen plötzlich alle um mich herum, einer von ihnen konnte sich das Lachen nicht verkneifen, und auf einmal lachten alle. Nur mein Tantchen nicht. Sie war sehr traurig, dass ich ihr diese Blamage angetan hatte. Der Bart wurde noch von einer der Frauen gleichmäßig gestutzt, und der Großvater, der sowieso fast nur schlief, hatte von alldem nichts mitbekommen.

Ich kam mit einer Rüge davon, weil man meinte, das Kind sei noch zu jung, um zu verstehen, was es angerichtet hatte. Aber am Retourweg im Zug sah ich mein Tantchen weinen, sie war sehr traurig und ich mit ihr. Nur verstanden habe ich es nicht, denn der Großvater war doch jetzt viel schöner als vorher.

Unaufhaltsam rückte der Tag näher, an dem mein Tantchen den netten Mann heiraten und uns nach ihrer Hochzeit verlassen sollte. Für mich war es dramatisch. Meine heile Welt war plötzlich zusammengebrochen und meine Mutter wusste wieder einmal nicht, wohin mit mir. Die Schwester meiner Mutter, bei der schon meine Schwester untergekommen war, erklärte sich bereit, mich so lange mitzuversorgen, bis meine Mutter einen anderen Platz für mich gefunden hatte. Sie musste schließlich für unseren Unterhalt sorgen und arbeiten gehen, damit sie das Taggeld für unseren Pflegeplatz bezahlen konnte und wir einmal am Tag bei den Verwandten ein warmes Mittagessen bekamen.

Des Abends marschierten meine Schwester und ich gemeinsam nach Hause, wobei wir immer hofften, dass unsere Mutter schon vor uns da war. Sonst konnte es vorkommen, dass wir vor verschlossener Tür, bis in die Nacht hinein auf der Stiege sitzend, auf sie warten mussten.

Zum gemeinsamen Nachtmahl mit unserer Mama gab es immer Tee mit Zitrone und Schmalzbrot. Doch oft fehlten sogar diese Grundnahrungsmittel und unsere Mama aß dann kaum etwas. Ich glaube, sie wollte uns nichts wegessen. Oft weinte sie aus Verzweiflung.
Bei der Tante, die uns zum Mittagstisch duldete, war es alles andere als schön. Immer wieder wurden wir zu Arbeiten herangezogen und selten durften wir mit anderen Kindern spielen. Es waren zwar keine schweren Arbeiten, aber sie beschäftigte uns ständig, mit Geschirrabwaschen, Staubwischen, Mülleimer ausleeren - bis zu der Zeit, zu der meine Mama selbst das karge Kostgeld für meine Schwester und mich nicht mehr bezahlen konnte.

Aber in der größten Not wurde uns wieder einmal geholfen. Meine Schwester kam in einem Tagesheim von der Gemeinde, wo es ihr sehr gut gefiel, kostenlos unter. Mich wollte man in einem Klosterkindergarten unterbringen. Ich erinnere mich noch, als ich zum ersten Mal an der Hand meiner Mutter dort hinging. Alles war so fremd, so finster, und die Klostertracht der Schwestern machte mir Angst. Ich zitterte am ganzen Körper und weinte, hier wollte ich auf keinen Fall bleiben. Dann sah ich Tränen in den Augen meiner Mutter und sie flüsterte: „Versuch es doch bitte, die Schwestern sind so lieb und so gütig.“ Gütig waren sie nicht. Das bekam ich schon bald zu spüren. Die Schwestern hatten nämlich eine sehr lockere Hand und schon für kleinste Vergehen gab es Ohrfeigen. Nach einer Ohrfeige, die ich bekommen hatte, war ich bockig, aß nicht, saß nur in einer Ecke und weinte und wartete darauf, dass meine Mutter mich von hier fortbrachte. Alle Bemühungen und Anstrengungen, mich mit den Kindern dort anzufreunden und mich dort zu lassen, misslangen.

Arme Mama! Aber in ihrer großen Verzweiflung, wo sie mich tagsüber unterbringen sollte, weil sie mit mir litt, ergab sich Gott sei Dank sehr schnell eine Lösung. Nach langem Hin und Her fiel ihr endlich die bestmögliche Entscheidung für mich ein. „Mein Kind, du musst halt in den Städtischen Kindergarten gehen, aber für den muss ich bezahlen“, sagte sie.

Meine Mama hatte nämlich das Glück gehabt, dass sie einige Wochen zuvor eine Arbeit in der Wiener Innenstadt in einer Apotheke gefunden hatte. Hier arbeitete sie halbtags um 5,- S in der Woche, und mit diesem zusätzlich verdienten Geld, das sie zu ihren übrigen Arbeiten verdiente, konnte sie meinen Kindergartenplatz bezahlen. Für sie blieb nach Abzug aller Unkosten kein Groschen übrig, nicht einmal das Fahrgeld für die Straßenbahn. Darum musste meine arme Mama den langen Weg von mehr als einer Stunde von Neuwaldegg bis zum Michaelerplatz zu Fuß gehen. Diese Strapazen nahm sie nur deshalb auf sich, um mir den ungeliebten Klosterkindergarten zu ersparen.

Damit meine Mama pünktlich am Arbeitsplatz sein konnte, musste sie sehr früh aufstehen, damit sie mich auf ihrem Weg vorher noch in den Kindergarten bringen konnte. Aber so zeitig in der Früh war der Kindergarten noch geschlossen und meine Mutter stellte mich vors Eingangstor. Bevor sie ihren Weg in die Innenstadt fortsetzte, sagte sie beim Verabschieden zu mir: „Susi, du musst hier schön brav stehen bleiben und warten, bis aufgesperrt wird. Der liebe Gott wird dich beschützen.“

Da stand ich nun eineinhalb Stunden mutterseelenallein, war todunglücklich und fing sogleich zu weinen an. Vom langen Stehen begannen mir die Füße wehzutun und ich trat von einem auf den anderen. Da es leicht zu herbsteln begonnen hatte, war es in der Früh schon recht kühl, und mir wurde zusätzlich auch noch kalt.

Mitten in meiner Verzweiflung hörte ich von gegenüber eine Stimme leise zu mir sagen: „Wer bist du, mein Kind? Warum weinst du und was machst du da alleine?“ Im ersten Augenblick glaubte ich, dass der liebe Gott zu mir sprach. Aber bald entdeckte ich, dass er es nicht war, sondern der Herr Pfarrer, der von der gegenüberliegenden Kirche des Kindergartens aus dem Fenster schaute und zu mir sprach.

Ich war ängstlich und antwortete nicht sogleich. Er sagte: „Komm doch zu mir, mein Kind, und sage mir, wie du heißt und warum du weinst.“ Ein wenig verunsichert ging ich auf die andere Straßenseite und stellte mich unter das geöffnete Fenster des Herrn Pfarrer. Dann erzählte ich ihm meine traurige Geschichte: „Ich heiße Susanne und warte darauf, dass der Kindergarten geöffnet wird, und ich bin traurig, weil meine Mama mich hier alleine gelassen hat, weil sie arbeiten gehen muss.“ Worauf der Herr Pfarrer sagte: „Warte einen Moment, mein Kind, ich sperre dir die Kirchentür auf und du kannst drinnen warten.“

Nach einem ungeduldigen Augenblick des Wartens sperrte er endlich die große Tür für mich auf und ließ mich eintreten. Ich bedankte mich mit einem Knicks und war überglücklich, mich endlich niedersetzen zu können. Ich nahm Platz in der letzten Reihe - in Türnähe, um besser hören zu können, wenn sich draußen etwas bewegte. Ich wollte auf keinen Fall die Öffnung des Kindergartens verpassen.

Wie ich so andächtig gedankenverloren dasaß, stand der Herr Pfarrer plötzlich wieder neben mir mit einigen Marienbildern in der Hand und sagte: „Ich schenke dir die schönen Bilder, damit du nicht so einsam bist.“ Dann verabschiedete er sich und ging. Nun war ich wieder alleine. Aber im Haus des lieben Gottes fühlte ich mich geborgen. Meine Angst ließ nach und mir wurde wieder wärmer. Dann betrachtete ich andächtig die schönen Marienbilder, die mir der Herr Pfarrer geschenkt hatte. Plötzlich wurde ich mitten aus meiner Betrachtung herausgerissen - ich hörte nämlich Kinderstimmen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 144
ISBN: 978-3-99064-470-6
Erscheinungsdatum: 27.05.2019
EUR 14,90
EUR 8,99

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