Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Aufstehn, sammeln, links und nahebei. Was denn sonst?

Rainer Thiel

Aufstehn, sammeln, links und nahebei. Was denn sonst?

Analysen jüngster Geschichte zur Überwindung tiefliegender Folgen sowie Vorschläge für Gegenwart und Zukunft

Leseprobe:

1
Lust und Liebe zur Kreativität
in der jüngsten Geschichte


Man hörte, dass Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine aufrufen zum Aufstehen und zum Sammeln, zum Sammeln links und nahebei. Siehe auch „Google aufstehen.de“. Zeitgenossen wissen auch, dass Sahra der Linksfraktion im Bundestag vorsteht, zusammen mit Dietmar Bartsch, dass sie immer etwas zu sagen hat, auch in Talkshows, Interviews und etlichen selbstverfassten Büchern. Inzwischen hat der Bundesvorstand der Linkspartei dazu einen ausgewogenen Beschluss gefasst. Das war im Oktober 2018. Doch das reicht noch nicht.
Sahra hatte schon vor dem Bundesparteitag der Linkspartei im Juni 2018 in Leipzig als Rednerin auf Landesparteitagen in Magdeburg und in Hannover ihre ermunternde Haltung zur politischen Realität in Deutschland und Europa zum Ausdruck gebracht und auf dem Parteitag in Leipzig im Juni 2018 erneut. Stets empfing Sahra begeisterten Beifall, obwohl manche Delegierte die differenzierenden Anmerkungen von Sahra zur Asylantenfrage kritisch bewerteten. Im Internet konnte man jedenfalls den überragenden Applaus zu ihren politischen Aussagen erleben.
Nun müssen wir uns mal dreißig Minuten mit Geschichte befassen. Dazu aufzurufen bin ich auch den Mitbürgern schuldig, die schon mehrmals aufgestanden waren, viel Kraft aufgebracht und sich gesammelt haben – doch meistens unbekannt geblieben sind. Das Schönste, was ich erzählen kann: Wie ich Aufstehende erlebt habe.
Aufstehende gab es 1989 in Leipzig. Sie riefen „Wir sind das Volk“ und trugen Kerzen in der Hand. Die Staatsmacht der DDR verzichtete darauf, einzugreifen. In Berlin versammelten sich Aufstehende am 7. Oktober 1989 und kurz darauf am 4. November auf dem Alexanderplatz. Theaterschaffende hatten die Initiative ergriffen und mit der Volkspolizei ein Sicherheitsabkommen geschlossen. Stundenlang hörte eine Million Teilnehmer die Sprecher, die eine neue DDR wünschten. Nur noch fünf Tage, dann sollte die Mauer durchlässig werden. Das sollte geordnet geschehen, denn die Mauer war Folge des Kalten Krieges, der nun zu Ende gehen sollte. Ein Tollpatsch aus der SED-Führung vermasselte das. Und aus dem Westen kam der Bundeskanzler Helmut Kohl, der schnell begann, den Bürgern der DDR „blühende Landschaften“ zu versprechen. Sofort wurden auch Bananen in den Osten geliefert, und in die Läden kamen Waren aus dem Westen. Im Osten brach die Arbeitslosigkeit aus. Im Fernsehen erlebte ich, wie das von Regine Hildebrandt kommentiert wurde. Zwischen zwei Fernsehleuten saß der Chef der sog. Treuhandanstalt, Karsten Detlef Rohwedder, und spulte ab, wie die Betriebe der DDR stillgelegt werden, sodass Millionen Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Da plötzlich sagt ein Fernsehmann: „Hinter dem Vorhang sitzt Frau Hildebrandt. Sie hat alles mitgehört. Jetzt holen wir Frau Hildebrandt hervor!“ Das geschah, und Regine Hildebrandt macht den Chef der sog. Treuhandanstalt mit ihren Worten k.o.: „Sie haben ja geredet wie ein Betriebswirtschaftler, gegen alle Vernunft, die volkswirtschaftlich sein muss.“ Da wurde Rohwedder nachdenklich und begann zu überlegen, ob er seine Politik ändern könnte. Nach ein paar Wochen wurde Rohwedder an einem Sonntag – am Fenster seines Privathauses stehend – von einem Scharfschützen erschossen. Wer war der Schütze? Ich hörte Nachrichten, las Zeitungen, doch nach drei Tagen waren die polizeilichen Ermittlungen eingestellt. Völlige Ruhe um den sensationellen Mord. Rohwedder wurde standesgemäß bestattet, doch wie er zu Tode gekommen war, wurde beschwiegen. Regine Hildebrandt aber sorgte sich für die Bürger, sie hatte selbst in einem VEB in Ostberlin gearbeitet. Die Bürger aus der DDR verliehen ihr den Ehren-Titel „Mutter Courage“, obwohl die hochcouragierte, besorgte Mutter in dem Theater-Stück von Bertolt Brecht mit ihren Kindern immer wieder in einen Krieg gezogen war. Regine Hildebrandt war im Land Brandenburg Ministerin der SPD. Doch sie wollte eine Koalition mit der linken PDS statt mit der CDU. Eine tödliche Krebskrankheit nahm ihr die Kraft. Und es dauerte eine Zeit, bis es wieder „Aufstehende“ gab. Kurz vor der Jahrtausend-Wende versammelten sich zwanzigtausend Bürger aus dem ganzen Bundesland Brandenburg in Potsdam vor dem Landtag. Sie waren besorgt um die Schulbildung ihrer Kinder. Da hatte sie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zusammengerufen.
Vor Jahren fand ich in meiner abonnierten Zeitung ein Zitat: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ (Richard v. Weizsäcker, er hatte das im hohen Alter verstanden und ausgesprochen als damaliger Bundespräsident) PDS und Linkspartei haben in Potsdam zu ihrer Lobpreisung Sockel errichtet, doch zu bequem für Selbstkritik. Deshalb haben sie Wählerstimmen verloren.
PDS und Linkspartei sprechen von Solidarität für die Armen und Ärmsten. Doch diese bemerken es gar nicht. Hat die Partei eine Strategie zur Problemlösung? Daran fehlt es. Das muss geändert werden: Die Linkspartei müsste an der Spitze aller Parteien stehen.
Doch die Bürger – mit Aufstehen beginnend – hätten sich vervielfachen und sich miteinander verbinden müssen. GEW und die linke PDS hätten sie unterstützen müssen. Aber gerade diese Unterstützung ist ausgeblieben.
Dass jetzt in Berlin und im Westen linke Mitbürger in die Partei eintreten, steht für Unausrottbarkeit einer linken Partei. Aber PDS und Linkspartei standen hinter ihrer blassen Fassade am Abgrund. Vor allem im Bundesland Brandenburg. Die Folgen sitzen tief. Deshalb müssen die Linken das Aufstehen trainieren. Heute – zwei Tage vor Weihnachten – finde ich in meiner Zeitung ND ein Inserat 11 mal 11 cm vom Landesverband Berlin „Die Linke“ mit den Worten: „Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen – denn Zukunft kann man bauen.“ ANTOINE DE SAINT-EXUPERY, der weltbekannte Dichter, ein Kommunist, der sein Leben im Kampf gegen den Hitlerfaschismus opferte.




2
Wir haben sehr viel aufzuholen.
Bericht und erste Folgerungen


Mit meinem Bericht begründe ich auch eine Variante zu dem Buch „Aufstehen“, das im Oktober 2018 von Rainer Balcerowiak publiziert wurde. Wir beiden Rainer sind leidenschaftlich fürs Aufstehen links. Doch wie wir uns als Autoren äußern – darin unterscheiden wir uns. Beifall für Rainer B. zu seinem Buch, zu seinen Polit-Analysen und zu seinem Zeitungsbericht „Aufstand gegen Mietwucher“ am 27. 10. 2018 in „Neues Deutschland“. (Inzwischen mehrere weitere Texte von R. B. und auch von andren Journalisten, z. B. von Ines Wallrodt und Uwe Kalbe.)
Aufstehen, Sammeln, dominierte nach dem Krieg spontan beim Wiederaufbau verwüsteter Städte. Beim Trümmer-Wegschaffen war ich auch dabei. Denkwürdig geworden sind die sog. Trümmerfrauen. In Berlin steht ein Denkmal vor dem Rathaus. Von den Trümmerfrauen gibt es viel zu wenige Denkmale. Findet ihr eins, verneigt euch. Doch nach der fürchterlichen Hitler-Zeit verharrte die Mehrheit unsrer Mitbürger in politischer Agonie. So ist das noch heute. Massen von Mitbürgern sagen heute noch oder schon wieder: „Die da oben machen ja doch, was sie wollen.“ Das beginnt schon im Industrie-Betrieb. Selbst zum Tarif-Vertrag wird selten geschritten. Wir brauchen Mitbürger, die über den Aufsteh-Aufruf mit Mitbürgern sprechen.
Aber ich habe während der vergangenen zwanzig Jahre Wochen und Monate des Aufstehens erlebt. Dafür präsentiere ich nachfolgend auch Fotos und kurze Erzählungen. Die parteinahe Tageszeitung „Neues Deutschland“ hatte selbst auf ihrer Brandenburg-Seite nicht darauf reagiert. Natürlich dominierte wieder die Obrigkeit – durch demokratische Phrasen geschmückt – mit Verletzungen von Landesverfassung und Landesgesetzen. Lügen und Diktatur. Da kuschelte meist auch die PDS. Bis hinein in die Linkspartei. Das sitzt ihr in den Knochen. Da müssen wir ran. Die Partei bemerkt gar nicht, wie sie durch ihre Geschichte geprägt ist. Das kommt einem Zirkelschluss gleich: Weil sie es nicht bemerkt hat, bemerkt sie kein Erfordernis zur Analyse der jüngeren Geschichte. Darüber muss endlich gesprochen werden, damit erfolgreich aufgestanden und gesammelt wird.
Im zweiten Teile meines Buches mache ich Konzepte bekannt, die es seit Langem gibt, doch kaum bekannt geworden sind: Beiträge zur Strategie, von der Partei und ihren Mitgliedern nicht bemerkt. Im letzten Viertel biete ich einen Vorschlag, den wir im Aufstehen-Team beraten sollten: Eine Variante für unsre Mach-Arbeit.




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Nun sag doch mal,
wie du „Aufstehen“ erlebt hast


Aufstehen fällt der Klientel von Linksparteien nicht leicht. Die werktätigen Massen sind an industrielle Disziplin gewöhnt. Die Langzeit-Arbeitslosen sind traumatisiert und liegen psychisch darnieder. Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Ratet mal wieso. Aufstehen habe ich seit 1946 praktiziert, schon im Gymnasium.
Meine Lehrer – das waren kurz nach dem Krieg zumeist junge Frauen. Sie sahen mit Sympathie, wie ich lebhafte, wenn auch gewaltfreie Auseinandersetzungen in Bewegung setzte, im Klassenzimmer, auch Kooperation mit jungen Proletariern einer Maschinenfabrik, Schul-Wandzeitung, Podiumsgespräche in der Aula nach dem Unterricht und Kunstausstellung im Lehrerzimmer zum Besuch in den Unterrichtspausen. Alles, ohne Mitglied des parteiorientierten Jugendverbands zu sein. Immerhin lehnten die jungen Genossen meine Bemühungen nicht ab. Sie machten mich zum Mitglied und zum Funktionär im Jugendverband FDJ.
Während des Studiums organisierte ich an der Universität das sogenannte FDJ-Lehrjahr, zusammen mit meinem Freund Joachim Pohl, während sich übergeordnete Funktionäre in ihrem Sitzungszimmer aufhielten. Danach war ich gewählter Vorsitzender der FDJ in der philosophischen Fakultät der Uni Jena. Ich überschätzte meine Kräfte und bekam Schwierigkeiten im Studium. Doch linker Aufsteher und Sammelnder blieb ich, trotz ekligem Rausschmiss aus der SED und aus dem Studium, weil ich meinem Stellvertreter anvertraut hatte, dass mir Honeckers Jubel über den angeblich stolzen 2-Millionenverband FDJ Sorgen bereitet. In meinem Buche „Neugier, Liebe, Revolution – mein Leben 1930–2015“ habe ich auch dieses Kriminalstück detailliert erzählt. Auf einer Baustelle wurde ich zum Vorarbeiter (Brigadier) gewählt. Da sagten mir sonntags beim Wodka meine Kollegen: „Uns hat der Staat drei Mal beschissen: Beim Kaiser, in der Weimarer Zeit und bei Hitler. Jetzt wollen wir mal den Staat bescheißen.“ Meine Kollegen konnten toll arbeiten, doch sie wollten mit ihrer Kreativität geizen. Da habe ich ihnen erklärt, wofür wir echte Normübererfüllung brauchen. Das hat sie beeindruckt.
Schließlich war ich wieder an einer Uni. Unter den Funktionären gab es viele, die zu sehr in ihre Karriere verliebt waren und mit Kreativität geizten. Das war oftmals grotesk: Ich war Leiter einer kleinen Forschungsstelle geworden, von „oben“ her waren mir bislang hochrangige Leute unterstellt. Nun sollten wir einen Beschluss des Politbüros zur Gestaltung der Hochschulbildung vorbereiten. Aus Recherchen in der Industrie wusste ich, wie das gehen könnte. Also los, hinein in die Mitte der Probleme. Doch die mir Unterstellten, kurz zuvor noch hochrangig weit über mir – sie protestierten: Sie schrieben seitenweise Erfolgsberichte ihrer ehemaligen Dienststellen ab, und ich wurde vom Institutsdirektor mit Gebrüll davongejagt.
Aber als ein Aufstehender war ich bekannt bei Helmut Koziolek, der selber Mitglied des Zentralkomitees der Partei war und das große Institut zur Weiterbildung von Ministern und Generaldirektoren leitete, in Berlin-Rahnsdorf am Müggelsee. Er lud mich ein, war aber selbst verhindert und hatte zwei seiner Professoren beauftragt, mich anzuhören. Aber was gaben sie mir als Antwort? „Wenn der neue Politbüro-Beschluss zwanzig Jahre lang gewirkt haben wird, dann sind alle Probleme gelöst.“ Doch gerade weil ich einen wirksamen Beschluss anstrebte, war ich ja gefeuert worden. Helmut Koziolek traf ich erst nach der Wende wieder. Wir verstanden uns gut, doch Helmut verstarb schon bald. Seine Verwandtschaft ließ sich mit Sahra fotografieren.
Ein besonders großes linkes Aufsteh- und Sammlungsprojekt war mir der technisch-ökonomische Fortschritt in der DDR geworden: Ingenieure waren massenhaft in klassischer Weise bestens ausgebildet, doch sie waren nicht vorbereitet, unter schwierigen Bedingungen in der Praxis den lebenswichtigen Fortschritt voranzutreiben. Deshalb fand sich ein Kollektiv zusammen von parteilosen, aber links denkenden Aufstehern und Sammlern, das DDR-gemäß mit Leidenschaft sog. Erfinderschulen gründete in der Industrie und im Ingenieurverband „Kammer der Technik“, KDT: neben ihrer dienstlichen Tätigkeit wochenweise freigestellt von ihren Chefs im Betrieb. Vom Präsidium der KDT war unserer Arbeitsgemeinschaft auch ein Aufpasser übergeordnet. Wenn wir uns zum Erfahrungsaustausch zusammenfanden, raubte er uns kostbare Zeit, um uns zu belehren, was wir denken müssten, doch was wir aus freien Stücken längst schon dachten und praktizierten, damit unsre Industrie gedeihe. Wir adaptierten und ergänzten auch außergewöhnliche Erkenntnisse aus der Sowjetunion, die heute in allen Industrieländern geachtet werden. Mögen sie beitragen, unsre Erde zu bewahren.
Wir entwickelten auch Erkenntnisse für unsre unterstützenden KDT-Lehrbriefe. Später fanden diese auch Beachtung in den alten Bundesländern. In dem DDR-weiten Erfinderschul-Kollektiv war ich das einzige SED-Mitglied. Im Berliner Bezirksverband der KDT war ich gewählter Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Schöpfertum und Erfindertätigkeit“. Vom ehrenamtlichen Bezirksvorsitzenden in Berlin, dem Generaldirektor des Kabelkombinats Berlin-Oberschöneweide, Dr. Dr. Georg Pohler, spät erst in die SED eingetreten, war ich wegen meines Konzepts gelobt worden. Aber: Von SED-Mitgliedern im Berliner Bezirksvorstand wurde ich bald darauf abgesetzt. Mein Nachfolger – ein SED-Mitglied – ließ sich nicht sehen.
Doch im November des Wendejahres 1989, Tage nach dem Mauerfall, trug ich noch das Parteiabzeichen am Rockaufschlag. Die Mitglieder meiner Arbeitsgemeinschaft – alles Parteilose – hatten sich so zahlreich wie noch nie versammelt, um zu beraten, was in unsren Industrie-Betrieben zu tun sei. Wir alle waren sehr besorgt und suchten Ideen, um volkseigene Betriebe auf neue Wege vorzubereiten. Ich stellte meine Wahlfunktion zur Verfügung, wurde aber – auch mit Parteiabzeichen – wiedergewählt.
Sechs Wochen später – im Januar 1990 – versammelte sich unsre zentrale DDR-bezogene Arbeitsgemeinschaft. Zwei Mitglieder aus dem Industriezentrum Teltow schilderten, wie vor ihrem VEB beschlipste Herren mit Mercedes und leichten Koffern angefahren kamen und nach zwei Stunden den VEB wieder verließen, gen Westen, mit schweren Koffern, vermutlich mit Arbeitsplänen, Kundenlisten und Patent-Akten, mit Informationen, die weit über Moskau und Sibirien hinaus bis zum Stillen Ozean reichten. Die beiden parteilosen Kollegen – vermutlich Sympathisanten von Bündnis 90 – waren wütend. Auch ich war wütend und fragte, was wir denn zu tun gedächten. Doch unsre DDR-zentrale Arbeitsgemeinschaft hatte schon seit Jahren zwei Aufsichtler, zwei SED-Mitglieder, einer davon Professor für Ökonomie. Beide forderten von uns Beruhigung. Sie sagten: „Wir müssen uns jetzt anpassen.“ Aufstehen und sammeln? Kein Wort davon. Das ist im Stil der PDS verblieben.
Nach der sog. Wende musste natürlich anders als zuvor aufgestanden und gesammelt werden. Anders als zuvor mussten wir – mein parteiloser Partner Dr. Ing. Jochen Rindfleisch (Verdienter Erfinder der DDR) und ich – nunmehr ganz anders versuchen, Erfinderschulen zu arrangieren, um dort als Dozenten und Trainer wirksam zu werden. Das gelang uns nicht, weil in unsrer Industrie 85 Prozent der Ingenieure arbeitslos geworden waren. Einige sehr wenige gründeten Unternehmen mit eigenen Ideen. Ich wurde in die ostdeutsche, die sog. Berliner Betriebsräte-Bewegung eingeladen. Dort waren viele Dutzend Belegschaften miteinander verbunden. Dort waren Aufstehende versammelt. Doch es waren zumeist neu gewählte Betriebsräte, denen jegliche Erfahrung fehlte. Die zweite Konferenz der Berliner Betriebsräte-Bewegung nahm meinen Vorschlag in ihr Programm, in den Resten unsrer Industrie um Innovationen zu ringen. Doch dazu war es längst zu spät. Einst wurden wir in den Betriebsrat einer Maschinenfabrik in Berlin-West eingeladen. Wir sagten, was wir bieten könnten, ein Ingenieur war begeistert, doch die Arbeiter sagten, ihr Unternehmer solle Innovationen lieber einkaufen.
Ab 1994 folgte ich meiner atmungskranken Frau von Berlin aufs Land. Mein Wohnzimmer in der Stadt war auch immer teurer geworden, und an der Humboldt-Universität war nichts mehr los. Zusammen mit einer Berliner Genossin, die meiner neuen Heimat entstammte, suchte ich in der neuen Kreisstadt zwischen Spree und Oder Genossen zum Aufstehen und Sammeln. Doch wir fanden nur zwei verschlossene Zimmer und einen Genossen, der gerade seine Koffer packte, um sich einen neuen Beruf zu suchen. Ich fand keine Gelegenheit mehr, Parteibeitrag zu zahlen. So wurde ich ein Parteiloser, nach 43 Jahren Mitgliedschaft. In einem kleinen Städtchen, das bald mein Dorf zu schlucken hatte, besuchte ich dennoch zeitweilig Versammlungen, damals dort an die vierzig Personen. Zwei der Genossen – also 5 Prozent – waren als Aufstehende und Sammelnde aktiv. Diese versuchte der Vorsitzende an die Leine zu legen. Also fragte ich den Vorsitzenden: „Wann warst du denn das letzte Mal in der Stadtverordneten-Versammlung?“ „Vor einem Jahr.“ „Warum gehst du nicht häufiger hin?“ „Da schlafe ich doch ein.“ Der Genosse war Oberstleutnant in der Nationalen Volksarmee NVA gewesen. Ich versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Doch jedes Mal wich er aus und erzählte, wie ihm einst ein General die Hand geschüttelt hatte.
Also suchte ich deutlich zu machen, wie wir zuvor als SED das Aufstehen und Sammeln vermasselt hatten. Auch Ideen gab ich zum Besten, um es besser zu machen. So entstand mein Büchlein „Marx und Moritz. Unbekannter Marx. Quer zum Ismus“, 1998 im trafo verlag Berlin. Darauf komme ich noch zu sprechen.
Und ich begann auch frühere Studien wieder aufzunehmen, um zu beleuchten, was die entschiedensten Kommunisten – meine Brüder im Geiste – mit ihrem Entweder-oder-Denken hindert, ihre Begeisterung für Revolution auch sinnvoll wirksam zu machen. Sie denken, quantitative Wandlungen – genügend lange andauernd – schlagen plötzlich um in qualitative Wandlungen. So hatte es Stalin missverstanden: Revolution träte plötzlich ein. Richtig verstanden aber, wird ein längerer Prozess des Aufstehens und Sammelns benötigt: Nicht auf plötzlichen Ausbruch einer Revolution zu warten macht uns glücklich, sondern kontinuierliche Arbeit mit Aufstehen und Sammeln jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr. Im Sommer 2000 war mein Buch „Die Allmählichkeit der Revolution. Blick in sieben Wissenschaften“ gedruckt. In höchster Eile sandte ich kurz vor einem Parteitag der PDS ein Exemplar an meinen Kampfesfreund Professor Dieter Klein, der im engsten Kreis der Partei-Spitze engagiert war. Ich hoffte, die Partei würde nun ihre Mitglieder anregen zum Aufstehen und Sammeln. Leider geschah das nicht. Die Masse ihrer Mitglieder und Vorstände hatte keine Neigung, aufzustehen und zu sammeln links und nahebei. Die Partei flog bald hinaus aus dem Bundestag. Das alles gehört zu ihrer Geschichte, die endlich ausgewertet werden muss. Sonst wird es nichts mit Aufstehen, Sammeln, links und nahebei.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-95840-914-9
Erscheinungsdatum: 02.09.2019
EUR 17,90

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