Belletristik

Trapper

Rieke Mertens

Trapper

Leseprobe:

Kapitel I



„Was bist du nur für ein Monster!“, sind die letzten Worte der Frau mittleren Alters. Dann hat sich ihr Körper so weit aufgelöst, dass sie stirbt.
Ein kleines Mädchen, gerade einmal zehn Jahre alt, fängt erneut an, ängstlich und entsetzt zu schreien. Sie starrt weinend von ihrer toten Mutter zu ihrem auf die gleiche Art und Weise getöteten Vater.
Etwas abseits steht ein Junge mit pechschwarzen Haaren, vor Entsetzen völlig erstarrt.
Er sieht von den Körpern seiner toten Eltern zu demjenigen auf, der sie kaltblütig und mit einem Lächeln im Gesicht umgebracht hat. „Wieso? Wieso hast du das getan?“ Seine Stimme bricht beim Sprechen.
Doch anstatt zu antworten, geht der junge Mörder auf das Mädchen zu und sieht sie mit kaltem, hasserfüllten Blick eindringlich an.
Daraufhin beginnt sich ihr Körper aufzulösen.
Mit Tränen in den Augen sieht sie den Jungen mit den schwarzen Haaren an und flüstert nur noch gebrochen: „Bitte … hilf … mir …“
Dann erschlafft ihr leblos gewordener Körper, und das Leben weicht aus ihren mit Tränen gefüllten Augen.

Entsetzt sieht der Junge mit den pechschwarzen Haaren auf seine tote kleine Schwester. In seinem Kopf hallen ihre letzten Worte nach: „Bitte, hilf mir.“

Es ist, als würde sich ein Schalter in ihm umlegen.
Etwas, von dem er nicht einmal zu träumen gewagt hätte, sprudelt aus ihm heraus.

Doch der Preis dafür ist hoch und noch kennt er ihn nicht.

Sein Hass lodert auf wie ein Lauffeuer.


Seit dem plötzlichen Auftauchen der Humanless, gewissenlosen und verbrecherischen Monstern, die ihre Menschlichkeit verloren haben, sind mittlerweile über zehn Jahre vergangen.
Noch immer hat niemand die Ursache für die grundlos plötzlich auftretende Stärke gefunden, die einige Menschen in Strongest verwandelt. Diese Strongest begehen in ihrem Übermut immer mehr Verbrechen und werden schließlich zu Humanless.
Die Polizei versucht jedoch, die Humanless aufzuhalten, wenn nötig werden sie erschossen. Das geschieht recht häufig. Aber auch die Humanless sind nicht vollkommen dumm. Sie haben festgestellt, dass Geiselnahmen die Polizei und auch ihre Spezialkräfte in Bedrängnis bringen.

In einer kleinen, eher abgelegenen Stadt.
Ein Humanless überfällt einen Juwelier und hat die Leute im Geschäft als Geiseln genommen. Dementsprechend kann die Polizei nicht einfach in das Gebäude stürmen.
In der Zwischenzeit frisst der Humanless genüsslich einen Edelstein nach dem anderen, um seine persönliche Gier zu befriedigen.
Entsetzt müssen die Geiseln dies mit ansehen. Vollkommen hilflos. Ohne die Möglichkeit, das Monster aufzuhalten.

Vor dem Juweliergeschäft tritt ein etwa sechzehnjähriger Junge über die Polizeiabsperrung, eigentlich eine Schutzmaßnahme, um zu verhindern, dass noch mehr Leute in den mutmaßlichen Aktionsbereich des Humanless gelangen.
Der Junge geht geradewegs und ohne zu zögern zum Eingang des Juweliers.
Als ein Polizist das sieht, versucht er, ihn aufzuhalten: „Hey, Junge! Bist du lebensmüde? Bleib sofort stehen! Hörst du schlecht? In dem Juwelier ist ein Humanless! Der tötet dich, sobald du dich der Tür näherst!“
Da dreht sich der Junge um und schaut den Polizisten mit kaltem Blick an: „Nicht, wenn ich ihn vorher töte.“
Erschrocken weicht der Polizist zurück und betrachtet den Jungen genauer: Ein nachtschwarzer zerfetzter Mantel, pechschwarze, wirre Haare und eisblaue, emotionslose Augen. „Bist du etwa dieser Trapper?“
Verächtlich lächelt der Junge und schweigt, während er den Polizisten abfällig mustert.
Sprachlos sehen ihn die Polizisten an.
Ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, läuft der Junge, Trapper, weiter zur Tür des Juweliers, aber noch bevor er diese erreicht, springt der Humanless durch die Scheiben. Direkt vor Trappers Füße.
Erschrocken und aufgebracht fangen die Passanten und Schaulustigen an zu kreischen und brechen in Panik aus.
Genervt verdreht Trapper die Augen: „Könnt ihr nicht mal ruhig sein? Das Geschrei ist ja echt nicht auszuhalten!“
Sofort ist alles still. Alle Augen sind auf Trapper gerichtet.
Der Humanless sieht ihn verächtlich an: „Was soll das denn? Die hören ja tatsächlich auf so einen Knirps wie dich! Kein Wunder, dass die Menschen so schwach sind!“
Trapper geht auf diese Provokation nicht ein, er sieht den Humanless gleichgültig an: „Bist du einer von Deathgods Anhängern?“
Erstaunt mustert der Humanless Trapper: „Was willst du denn vom stärksten Humanless aller Zeiten?“
Anstatt auf die Frage des Humanless, antwortet Trapper auf seine eigene: „Etwas so Schwaches wie du gehört in hundert Jahren noch nicht zu Deathgod.“
Da Trapper den Nagel auf den Kopf getroffen hat, wird der Humanless wütend und stürzt sich schreiend auf ihn: „Was weiß ein Kind wie du schon von der Welt der Erwachsenen!“
Trapper macht einen Schritt zurück, um Schwung zu holen, und zieht seine Kette ab, welche die Form eines Schwertes hat. In seiner Hand wird sie zu einem echten Schwert. Seine Stimme ist schneidend kalt wie Eis: „Ich weiß, dass der Stärkere den Schwächeren beherrscht.“
Noch bevor der Humanless irgendwie reagieren kann, hat Trapper ihn bereits in zwei Teile getrennt. Der tote Humanless zerfällt zu Staub und verteilt sich im Wind. Die Edelsteine, die er gefressen hat, fallen klirrend zu Boden.
Die Begeisterungsrufe der Passanten und die sprachlosen Gesichter der Polizisten missachtend, verschwindet Trapper wieder in der Menschenmenge.

Am nächsten Tag herrscht in der städtischen Hochschule noch immer große Aufregung. Jedes Gespräch dreht sich um den gestrigen Humanlessangriff und das Auftauchen von Trapper. Alle sind von ihm begeistert.

Dann klingelt es.
Ein paar Minuten später kommt ein Lehrer mit einem neuen Mitschüler in seine zehnte Klasse.
Augenblicklich schenkt ihm jeder seine Aufmerksamkeit, denn der neue Mitschüler hat mit seinen pechschwarzen Haaren, leuchtend eisblauen Augen sowie gepiercten Ohren eine ungewöhnliche Ausstrahlung, noch dazu kommt ein Schulwechsel mitten im Schuljahr nicht sehr häufig vor.
Als Erstes begrüßt der Lehrer seine Klasse und diese antwortet, sie ist jedoch noch immer auf den fremden Jungen fixiert.
Dann stellt der Lehrer ihn endlich vor: „Das ist Shiva Heavil. Er ist vor Kurzem hierhergezogen.“ Zu Shiva, dem schwarzhaarigen Jungen neben ihm, meint er freundlich: „Setz dich doch bitte auf den freien Platz in der vorletzten Reihe.“
Shiva nickt und setzt sich.

In der Pause wird Shiva sofort von seinen neuen Klassenkameraden umringt. Ein Mädchen fragt interessiert: „Warum bist du denn so plötzlich hierhergezogen?“
Alle starren Shiva neugierig an. Doch dieser meint zu ihrer Enttäuschung bloß: „War nichts Besonderes.“
Da betritt ein Junge mit blonden Haaren den Raum und schaut Shiva mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Also dafür, dass es nichts Besonderes ist, wird ganz schön viel Wirbel um dich gemacht. Ich bin übrigens Nico. Wie heißt du gleich noch mal?“
Shiva antwortet mit einem überzeugend echt wirkendem Lächeln: „Shiva. Freut mich, Nico.“
Dieser nickt: „Das ist aber ein ziemlich ungewöhnlicher Name. Woher kommt der?“
Ein Lächeln umspielt für einen kurzen Sekundenbruchteil Shivas Lippen: „Ja, das finde ich auch. Aber der Name kommt wohl von dem hinduistischen Gott der Zerstörung, Shiva. Die Idee hatten meine Eltern anscheinend von meinem Onkel, der begeisterte sich bereits vor vielen Jahren für den Hinduismus. Wir wurden alle nach hinduistischen Wesen benannt.“
Mit großen Augen sieht Nico ihn an: „Krass …“
Shiva nickt nur.
Da klingelt es zur nächsten Stunde.

Nach Schulschluss stellt Nico fest, dass Shiva in derselben Richtung wohnt wie er, und begleitet ihn.

Am nächsten Tag kommen Nico und noch einige weitere Klassenkameraden nach der letzten Unterrichtsstunde zu Shiva.
Nico fragt ihn: „Hey Shiva, hast du Lust, noch ein bisschen mit uns in der Stadt rumzuhängen?“
Gespielt interessiert fragt Shiva: „Was habt ihr denn vor?“
Grinsend erwidert Nico: „Nur ein wenig bummeln, und wir können dich bei der Gelegenheit auch gleich ein bisschen herumführen.“
Shiva antwortet mit einem Nicken. „Dann lasst uns mal los.“

In der Innenstadt albern sie herum und erzählen Shiva alle möglichen Geschichten, als sie eine riesige, nervöse und aufgebrachte Menschenmenge sehen.
Gespannt vor Neugier fragt Nico einen der Umstehenden: „Was ist denn hier los?“
Der angesprochene Mann dreht sich mit nervösem Gesichtsausdruck um: „Da vorne wüten zwei Humanless. Sie greifen die Menschen an. Aber die Polizei kann nichts dagegen unternehmen, außer eine Abgrenzung zu ziehen, um weitere Menschen zu schützen.“
Shiva schaut von dem Mann zur Menschenmenge und verschwindet darin, noch bevor ihn jemand aufhalten kann.
Einer der beiden Humanless stürzt sich auf eine junge Frau, die gerade einmal knapp über zwanzig ist. Kurz bevor er mit seinen prankenartigen Händen zupacken kann, zuckt er schreiend vor Schmerz zurück.
Verwirrt starren beide Humanless auf seine blutüberströmten Hände. Dabei bleiben ihre Blicke an dem geraden und tiefen Schnitt hängen: „Was war das? Wie ist das passiert?“
„Da kann ich euch weiterhelfen“, meint da ein Junge mit wirren, schwarzen Haaren, emotionslosen, eisblauen Augen und nachtschwarzem zerfetzten Mantel. Trapper.
Er steht dort, wo vor Kurzem noch die junge Frau unter Todesangst kauerte, die sich nun aber in Polizeischutz befindet.
Wie zur Erklärung schwenkt Trapper sein Schwert, an dem Blut heruntertropft.

In der Zwischenzeit haben sich Nico und seine Freunde durch die Menschenmassen nach vorne gekämpft, direkt hinter die Absperrung, doch Shiva haben sie nicht wiedergefunden.

Wütend schreit der verletzte Humanless Trapper an: „Wie kannst du es wagen, mich zu verletzen!“
Dieser lächelt nur verächtlich und schweigt.
Der andere Humanless richtet sich herablassend an Trapper: „Die Menschen sind doch selber Schuld! Sie verdienen es doch gar nicht anders!“
Trapper sieht ihn emotionslos an und seufzt hörbar enttäuscht: „Ihr gehört nicht zu Deathgod.“
Der unverletzte Humanless grinst hinterhältig: „Aber wenn wir dich töten, den Mörder von unzähligen Humanless, dann werden wir garantiert von Deathgod aufgenommen!“
Mit diesen Worten stürzt sich der Humanless auf Trapper.
Doch der schlägt ihm mit seinem Schwert eiskalt und ohne zu zögern den Kopf ab, sodass dieser in Sekundenschnelle zu Staub zerfällt.
Entsetzt sieht der andere Humanless auf die Überreste seines Partners: „Wie kannst du Mistkerl es wagen! Ich bring dich um!“
Trapper bleibt ungerührt.
Er hebt sein noch blutbeflecktes Schwert erneut und durchtrennt den auf ihn zukommenden Humanless ohne zu zögern in der Mitte. Schreiend zerfällt auch er zu Staub.
Trapper dreht sich um. Er hat vor, zu gehen.
Doch ein Polizist richtet mit zitternden Händen seine Waffe auf ihn: „Warte, Trapper! Bleib stehen! Wir verhaften dich wegen Mordes!“
Hämisch grinsend und mit einem ungewöhnlichen Funkeln in den Augen dreht Trapper sich um und sieht den Polizisten herausfordernd an: „Versucht es doch. Ihr werdet es nicht schaffen.“
Dabei konzentriert Trapper seinen Blick auf die Steinplatten des Weges, die daraufhin in hunderttausend winzige, sandkorngroße Bröckchen zerbersten.
Diese Sandwand umgibt Trapper und versperrt den Umstehenden die Sicht.
Als sich die Sandwand wieder legt, ist Trapper verschwunden.
Die Polizisten verziehen vor Wut ihre Gesichter.
Die Passanten schauen hingegen begeistert auf die Stelle, wo Trapper noch bis vor Kurzem gestanden hat.

Langsam löst sich die Menschenansammlung wieder auf.
Nico und seine Freunde sehen sich suchend nach Shiva um.
Sie finden ihn nur ein paar Meter von ihnen entfernt und gehen eilig zu ihm. Nico klopft Shiva von hinten auf die Schulter: „Mensch, Shiva! Was machst du nur? Dir hätte wer weiß was passieren können!“
Er grinst nur: „Mir ist aber nichts passiert.“
Nico verdreht zum Spaß die Augen und lächelt amüsiert: „Du bist einfach unverbesserlich!“

Gegen Abend kommt Shiva nach Hause.
Er wohnt in einem Apartment, welches nur für eine Person eingerichtet ist.
Shiva zieht seine Jacke und Schuhe aus, macht sich ein Brot und einen Kaffee und setzt sich an seinen Laptop.
Nach nur wenigen Sekunden ist er auf der Homepage einer Website namens all-about-the-most.er. Diese Website sammelt Informationen über Humanless. Dort wird über Humanlessattacken und -sichtungen berichtet und in Chats werden Informationen untereinander ausgetauscht. Deathgod ist als stärkster und grausamster Humanless auch ein häufiges Thema in den Eintragungen.
Innerhalb weniger Klicks loggt sich Shiva als Trapper1911 auf ebendieser Website ein. Er informiert sich über die aktuellsten Angriffe und bemerkt, dass bereits über den heutigen Angriff der beiden Humanless berichtet wurde.

Einige Tage später kommen Nico und Shiva morgens ausnahmsweise gleichzeitig zum Klassenraum.
Dort sehen sie, wie drei Jungen einen weiteren, schwächlich aussehenden schikanieren und ihn laut lachend verprügeln. Alle anderen in der Klasse meiden den Blick, keiner von ihnen versucht auch nur, einzugreifen.
Nico sieht Shiva gequält lächelnd an: „So geht das jeden Morgen. Da darfst du dir nichts bei denken.“
Shiva sieht von Nico zu dem Jungen herüber, der mittlerweile am Boden liegt und unter den Schlägen verzweifelt zu weinen begonnen hat.
Murmelnd meint Nico, der seinen Blick gesehen hat, zu Shiva: „Er heißt Matthias.“ Dann betritt er eilig den Klassenraum.
Shiva dagegen macht sich ganz gemächlich auf den Weg zu seinem Platz und wendet die Augen nicht von dem verzweifelten Gesicht des Jungen ab.
Die drei Jungen sehen ihn, lassen von Matthias ab und bauen sich vor Shiva auf.
Der Junge in der Mitte - er hat rote Haare, die ihm wild ins Gesicht fallen, und gepiercte Ohren - mustert Shiva von oben herab: „Gepiercte Ohren? Tust wohl gerne so, als wärst du cool, was, Neuer?“
Ohne mit der Wimper zu zucken, sieht Shiva ihn gelassen und unbeeindruckt an: „Ach, und du nicht?“
Entsetzt wird Shiva daraufhin von seinen Klassenkameraden angesehen. Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.
Der Grund dieser Anspannung liegt darin, dass die drei Jungen mindestens ein Jahr älter als der Rest der Klasse sind, da sie alle drei wenigstens einmal wiederholt haben. Außerdem sind sie äußerst brutal und respektlos, selbst die Lehrer haben Angst vor ihnen. Es hat also niemand den Mut, sich gegen sie zu behaupten.
Die drei Jungen, die es nicht gewohnt sind, dass man ihnen kontert, schauen für einen kurzen Moment überrascht drein.
Der rothaarige Junge, der anscheinend das Sagen hat, meint herablassend, aber mit deutlich aus seiner Stimme herauszuhörender Wut: „Du hältst dich wohl für echt unglaublich cool!“
Shiva entgegnet ihm ruhig, unbeeindruckt und vollkommen gelassen: „Das war keine Frage, falls es dir nicht aufgefallen sein sollte.“
Seine Klassenkameraden halten den Atem an. Die Luft vibriert förmlich vor Anspannung.
Nico ahnt ebenso wie alle anderen, dass sich Ärger anbahnt. Deshalb versucht er beschwichtigend, Shiva zu einer Entschuldigung zu bewegen: „Shiva, hör lieber auf. Diese drei sind nicht nur älter, sondern auch noch stärker als wir. Du solltest also echt aufhören, Marco zu provozieren.“
Grinsend meint Marco, der rothaarige Junge, fast am Platzen vor lauter Selbstbewusstsein: „Du solltest besser auf deinen Freund da drüben hören! Das ist besser für deine Gesundheit! Sonst verbringst du nämlich die nächsten Wochen im Krankenhaus, Neuer!“
Shiva lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken. Er macht sich nicht einmal die Mühe, zu antworten.
Marco kocht über vor Wut. Er ballt die Faust und zielt mit Schwung auf Shivas Gesicht.
Einige Mädchen im Klassenraum kreischen erschrocken auf und schließen die Augen. Sie erwarten Shivas Schmerzensschrei.
Es ertönt das knallende Geräusch des Schlages. Doch Shivas Schrei bleibt aus.
Zögernd öffnen sie die Augen und augenblicklich klappen ihnen die Kinnladen herunter. Sie können nicht glauben, was sie da sehen.
Shiva steht vollkommen unbeeindruckt da. Er hat Marcos Schlag abgefangen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Einfach so.
Jetzt murmelt Shiva, so, dass nur Marco es verstehen kann: „Ich hab schon schlimmere und stärkere Typen als dich erledigt - die haben danach nicht mal mehr einen Krankenwagen gebraucht.“
Marco reißt seine Hand von Shiva los. Er torkelt entsetzt zurück, stolpert über seine eigenen Füße und plumpst fast zu Boden. Doch im allerletzten Moment fasst er sich wieder: „Es gibt doch tatsächlich noch jemanden mit Mumm in den Knochen! Meine Hochachtung, Neuer!“
Shiva setzt sich an seinen Platz, von der ganzen Situation unberührt, als wäre es das Normalste auf der Welt.
Sprachlos, überrascht und vollkommen überwältigt sehen seine Klassenkameraden von Shiva zu Marco. Dieser meint noch einmal herablassend, um seine Position zu bewahren: „Das gerade, Neuer, war einfach nur Glück! Schließlich hatte ich nicht vor, dich, kurz nachdem du hierher gewechselt bist, schon ins Krankenhaus zu verfrachten!“
Es ist deutlich spürbar, wie die Schüler in der Klasse aufatmen.
Nur Matthias’ Blick bleibt weiterhin auf Shiva gerichtet.
Jedoch hat sich für ihn nichts geändert.
Jeden Morgen wird er erneut von Marco und seinen Freunden verprügelt.
Mittlerweile lassen diese jedoch von ihm ab, sobald Shiva auftaucht.

Matthias’ Hass auf Marco und seine beiden Freunde wird mit jedem Tag größer, genauso wie seine Bewunderung für Shiva.
In Matthias keimt der Wunsch auf, genauso stark zu sein wie dieser. Er verflucht seine eigene Schwäche und träumt davon, wie er Marco und seine Freunde zu Boden schlägt und sie monatelang im Krankenhaus liegen.

Dann, ein paar Tage später, als Nico und Shiva wieder einmal gleichzeitig auf dem Weg zum Klassenzimmer sind, hören sie plötzlich Angst- und Schmerzensschreie aus der Richtung ihres Klassenraums.
Überrascht sehen sie sich an, bevor sie zum Klassenraum rennen.
Dort drängen sich ihre Klassenkameraden verängstigt an die Wand.
Matthias hält Marcos Arm fest. Kurz darauf schreit Marco erneut vor Schmerzen auf.
Wie ein Verrückter lacht Matthias schadenfroh.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 116
ISBN: 978-3-95840-498-4
Erscheinungsdatum: 08.11.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 20,90
EUR 12,99

Sommer-Tipps