Sonstiges & Allerlei

Zwei Seiltänzer

Nina Piorr

Zwei Seiltänzer

Leseprobe:

Für Maman und Peter.
In Liebe.



PROLOG

Sie wanderte. Hastete. Rannte.
Stunde um Stunde,
Tag für Tag,
Jahr für Jahr.

Rastlos.
Ringend.
Angsterfüllt.
Wütend.

Schemenhaft die Bäume und Häuser,
an denen sie vorüberzog;
schemenhaft sie selbst?

All die Jahre flüchtend;
flüchtend vor sich selbst?

Dunkel wurde es, und mit der Dunkelheit brach die Kälte herein, hüllte sie ein in ihren klammen Mantel und verdeutlichte ihre Einsamkeit, wie jeden Tag aufs Neue.

Woher sie kam? Sie hatte es vergessen. Trübe Erinnerungen an ebenso trübe Tage hatten ihr Herz, ihre Seele gefüllt.
Bedrückende Fülle.

Wohin sie gehen würde? Sie wusste es nicht, noch nicht. Immer geradeaus, nicht zurück.
Bloß nicht zurück.



1

Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet. Die schwere Nässe triefte von den Blättern, tränkte die Straße, als würde der Himmel weinen.
Olivia blickte nach draußen: Dunkelschwere Wolken drängten sich am regennassen Himmel; die Sonne ohne Kraft, sie zu durchbrechen. Wohlig sog Olivia die faszinierende Vielzahl an Schattierungen in sich auf. Dunkelgrau, fast schwarz, mit einem Fetzen Weiß. Als würde ein Kind mit einem Pinsel panschen. Der Wind blies das Fleckchen Weiß den Himmel entlang, stürmisch, wild, bis es von erneutem Grau verschluckt wurde.
Der Regen setzte wieder ein, Olivia jedoch durchdrang verheißungsvolle Wärme. Heute würde sie ihre Bewerbungen abschicken. Nachdem sie ihre großen Leidenschaften – die Malerei und ihre Entwicklung über die Jahrhunderte – zum Inhalt ihres Studiums der Kunstgeschichte gemacht hatte, wollte sie ihnen auch im Berufsleben treu bleiben. Auch wenn es utopisch klang, träumte sie davon, später einmal ihr eigenes Museum zu leiten. Zunächst wollte sie jedoch Ausstellungen vermitteln, Führungen anbieten, an Konzepten zur Rezeption arbeiten. Sie hatte schon mit mehreren Museen Kontakt aufgenommen. Und sie würde es schaffen. Sie war zuversichtlich.
Noch einen Augenblick verharrte sie vor dem Fenster. Niemand schien sich bei diesem nassen Herbstgruß vor die Tür zu wagen, fast niemand: Lediglich ein kräftiger, junger Mann, der seinen ebenfalls nicht mageren Hund ausführte. Er zog an seiner Zigarette. Olivia sah ihn fast täglich. Immer mit dem Glimmstängel zwischen den Lippen. Selbst heute.
Sie grinste still vor sich hin.



2

Eine lange nicht mehr gespürte Zufriedenheit erfüllte Olivia, als sie am Nachmittag zu dem Betonbau am Stadtrand aufbrach, der an diesem grauen Novembertag noch trister wirkte als sonst. Verblassende Plastiklettern aus den siebziger Jahren, die schon bessere Tage gesehen hatten, prangten über der Eingangstür: „Seniorenheimat Waldesruh“. Zumindest die alten Bäume, die das Grundstück säumten, verhießen eine gewisse Geborgenheit.
Dennoch nahm ein beklemmendes Gefühl von Olivia Besitz: Welche Überwindung es Leopold gekostet haben musste, sein Zuhause für dieses bescheidene, vermutlich letzte Domizil aufzugeben! Seine vertraute Umgebung zu verlassen. Sich einzugestehen, Hilfe für die alltäglichsten Dinge zu benötigen. Zu wissen, dass die eigene Kraft mit jedem Tag nachlassen würde, weil dies der gewohnte Lauf der Dinge sei. Doch was hieß hier „gewohnt“? Es machte einen Unterschied, etwas mit dem Verstand zu begreifen und dies dann auch erleben, ertragen zu müssen. Am eigenen Leib.
Ein kräftiger Windschub wirbelte das bunte, vom Regen durchnässte Herbstlaub auf. Fröstelnd zog sie ihren wollenen Mantel enger. Die aufbrausende Luft erfasste einzelne Strähnen ihres offenen Haares, das die Farbe glänzender Kastanien hatte, hob sie empor und ließ sie wieder fallen. Leicht kitzelig und doch samtig weich fühlte es sich an, als ob der Wind es genoss, mit ihren Haaren zu spielen.

Sobald sie das Seniorenheim betreten hatte, wurde sie von der muffigen, mit leisen Noten von Desinfektionsmitteln durchzogenen Luft verschluckt. Im Eingangsbereich zwitscherten Wellensittiche in den trüben Herbstnachmittag hinein, neben ihrem Käfig saßen einige Heimbewohner auf vereinzelten Stühlen. Leopold Norberth war nicht unter ihnen.

Sie fand ihn auf seinem Zimmer. Er lag im Bett. Regungslos, als ob er schliefe, seine Augen starr an die Decke gerichtet. Sein gestreiftes Hemd war sorgfältig, fast liebevoll zugeknöpft, darüber trug er einen beigen Pullunder.
Er sah irgendwie verloren aus. Traurig verloren.
Vor dem Bett standen seine in die Jahre gekommenen Pantoffeln, gefüttert mit Schafschurwolle.
Es sah aus, als warteten sie – auf bessere Zeiten.
Auf dem kleinen Nachttisch neben seinem Bett war ein Foto mit goldenem Rahmen platziert. Eine lachende Frau mittleren Alters mit leicht gelocktem, kinnlangem Haar strahlte in die Kamera. Hinter ihr stand ein wesentlich jüngerer Leopold und legte beide Arme fest um ihre Schultern.
Die melancholische Stimmung im Raum an diesem Nachmittag übermannte Olivia. Ihr „Guten Tag, Herr Norberth!“, mit dem sie gegen ihr mulmiges Gefühl anzukämpfen versuchte, war vielleicht eine Spur zu munter.
Als er ihre Stimme vernahm, regten sich seine Gesichtsmuskeln. Er versuchte sich an einem Lächeln; es erstarrte zu einer grotesken Maske. Dennoch hatte Olivia das Gefühl, dass er sich über ihren Besuch freute.
„Darf ich Sie zu einem kleinen Spaziergang begleiten?“, versuchte sie ihn aufzumuntern.
Er zuckte mit den Achseln, zögerte, setzte sich dann jedoch müde im Bett auf. Er zog seinen Rollator heran, stützte sich darauf ab und kam schwerfällig zum Stehen. Leicht schnaufend verharrte er: „Mit mir ist einfach nichts mehr anzufangen. Werden Sie bloß keine 80.“
Mit zittrigen Händen fuhr er sich durch sein feines, weißes Haar, das ein wenig wirr von seinem Kopf abstand.
„Na, Ihren Humor haben Sie immerhin nicht verloren“, freute sich Olivia.
„Sie sagen doch immer, ich dürfe mich nicht hängen lassen“, erwiderte er und diesmal war sein Lächeln echt.

Sie verließen das Pflegeheim und überquerten die Straße davor, um zu einem schmiedeeisernen Tor gegenüber dem Gebäudekomplex zu gelangen. Dahinter versteckte sich ein kleiner Park mit knochigen Bäumen und gusseisernen Parkbänken. Auf einer Anhöhe, die einen Blick über die Kleinstadt und die sie umschließenden Wälder bot, befand sich ihre Lieblingsbank. Olivia wischte die Regentropfen mit einem Papiertaschentuch ab und half dem schnaufenden Leopold, sich zu setzen.
Eine Weile blickten sie schweigend in die Ferne. Am Horizont zeichnete sich die Silhouette einer kleinen Burg auf einem Hügel ab.
Ein Krächzen in der Nähe ließ Olivia aufschrecken: Eine Elster war auf einer Tannenspitze nahe ihrer Bank gelandet und wippte im Wind auf und ab.
Auch Leopold entdeckte sie und starrte versonnen auf den Baumwipfel. Er seufzte. „Das Schlimmste für einen Vogel muss sein, eingesperrt zu sein. Durch Gitterstäbe anderen Vögeln zusehen zu müssen, wie sie sich in die Lüfte schwingen. Frei sind …“
Nachdenklich betrachtete er die Elster, die sich in diesem Moment kopfüber von der Tannenspitze stürzte, sodass sie mit ihrem langen Schwanz als Schweif wie eine Sternschnuppe aussah.
„Ach, Olivia … Ich fühle mich wie ein Vogel mit verletztem Flügel. Ich sehne mich so sehr nach Freiheit. Und doch weiß ich, dass meine Lebenskraft nicht wiederkehren wird.“
Seine Schultern sackten zusammen, als ob er genug zu haben schien.Genug von der grauen Monotonie im Heim, deren Rhythmus Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee und Abendbrot bestimmten. Tagaus, tagein. Genug davon, gepflegt werden zu müssen. Genug von der oft unsensiblen Art der Pfleger, die ihm ihren Willen mit Sätzen wie: „Na, Herr Norberth, wollen wir heute nicht noch etwas mehr essen?“, oder: „Herr Norberth, raus aus den Federn!“, aufzuzwängen schienen. Olivia hatte es mehr als einmal mitbekommen.
Er wollte einfach nach Hause, hatte er vor kurzem zu Olivia gesagt. Doch gab es dieses überhaupt noch für ihn? Er hatte es bezweifelt.
Olivia nahm Leopolds kühle, faltige Hand in die ihre und drückte sie: „Ich bin für Sie da, Herr Norberth.“
Sie wusste nicht, was sie Leopold sonst sagen, wie sie ihn aufmuntern sollte. Ihm zu sagen, es würde schon wieder werden, kam ihr verletzend pauschal vor. Denn es wurde eben nicht wieder, da hatte er recht. Sie selbst wusste, dass sie nicht auf Hilfe angewiesen sein wollte. Und in einem Pflegeheim, noch dazu in der „Waldesruh“, leben zu müssen, fand sie unvorstellbar.
„Vielleicht können Sie ja das Beobachten kreisender Vögel genießen lernen?“
Nach einer Weile des Schweigens setzte Olivia erneut zum Sprechen an: „Ich weiß, dass Sie nicht mehr über dieselbe Vitalität verfügen wie noch vor einigen Jahren. Aber freuen Sie sich, dass Sie nicht gänzlich ans Bett gefesselt sind.“
Erneut stockte Olivia, da ihr Herz bei dem Gedanken, weiterzusprechen, zu hämmern begann. Dann siegte ihr Mut: „Wenn es eines gibt, das ich in den vergangen acht Jahren gelernt habe, dann, dass man das Glück in den kleinen Dingen sehen sollte. Weiß man, wie lange einem freudige Augenblicke beschert sind?“
Er blickte sie fragend an, doch Olivia sagte schnell: „Davon ein andermal. Ich glaube, wir sollten allmählich zurückkehren. Es frischt auf.“
Sie hatte keine Lust auf Erklärungen. Nicht heute.



3

Als sie heimkehrte, sah sie Licht im Wohnzimmer. Stephan musste bereits von der Probe zurück sein. Er war Cellist im Sinfonieorchester der knapp 200.000 Einwohner zählenden Nachbarstadt. Sie klingelte, konnte es jedoch nicht erwarten und schloss selbst die Haustüre auf, um dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, ihre Mietwohnung im zweiten Stock zu erreichen. Stephan öffnete und atemlos fiel sie ihm in die Arme.
„Na, mein kleiner Wirbelwind“, begrüßte er sie und lächelte sie an.
Sie zupfte ihn am Ohr und beschwerte sich: „Wenn du jetzt wieder auf meine Größe anspielst …“ Sie war lediglich ein Meter fünfzig groß.
„Ich? Nein, wie kommst du denn darauf? So etwas würde ich niemals tun!“ Er zog sie an sich und drückte sie kraftvoll.
„Angeber“, murmelte sie grinsend und war zugleich so glücklich, in seinen Armen zu sein. Sein schlanker, warmer Körper verströmte Halt und Geborgenheit. Sie musste daran zurückdenken, wie sie ihm zum ersten Mal in die Arme gefallen war.

Es war ein langer, lauer Sommerabend gewesen. Sie war noch spät zu Freunden in einen Biergarten gestoßen. Auch Stephan war da, sie hatten schon in den Wochen zuvor einige Male über die Tische hinweg Blicke ausgetauscht. Plötzlich saß er neben ihr, an jenem Abend. Sie redeten und lachten. Seine weichen, strahlenden Augen hypnotisierten sie regelrecht.
Mit einem Male waren sie allein. Im Biergarten, unter einem tiefschwarzen Himmel.
Am schönsten war jedoch der Abschied, der von einem neuen Weg flüsterte. Auf einmal war er ihr so nah, auf einmal waren da nur noch ihre beiden Körper, ihre Lippen. Sie küssten sich, beschienen von einer alten Laterne.
Sechseinhalb Jahre später war es für sie jedes Mal wie ein Nachhausekommen, wenn sie vor ihm stand.

Sie wuschelte Stephan durch seine lockigen, dunklen Haare, musste sich dafür jedoch auf die Zehenspitzen stellen.
„Warst du wieder im Seniorenheim?“, wollte er wissen.
Olivia nickte. „Herr Norberth tut mir so leid. Als mein Opa das Zimmer neben ihm bewohnte, kam er mir glücklicher vor. Die beiden haben so viel zusammen unternommen! Weißt du noch, einmal sind sie gemeinsam zu einer Lesung gefahren. So redselig wie die beiden Charmeure waren, mussten sie anschließend natürlich die Autorin auf ein Glas Wein einladen und haben darüber ihren Zug verpasst.“
„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es mehr als ein Glas gewesen ist. Aber sei’s drum. Haben sie dann nicht dich angerufen? Ich meine, mich zu erinnern, dass du sie abgeholt hast und mit ihnen zurück in die ‚Waldesruh‘ geschlichen bist, während ich die Nachtschwester abgelenkt habe“, grinste Stephan.
Olivia nickte lächelnd. Dann hielt sie inne. „Seit mein Opa gestorben ist, wirkt Leopold …“ Sie verschluckte den Rest des Satzes, sann nach. Sie wollte ihm wieder Lust aufs Leben machen.
Denn sie wusste, wie es sich anfühlte, keine Hoffnung mehr zu haben.

Der Regen hatte wieder eingesetzt. Stephan und Olivia gingen früh zu Bett und lauschten den Tropfen, die an die Scheibe prasselten. Der Wind peitschte siekräftig an das Glas, dann wurde es wieder leiser. Olivia liebte dieses Wetter, zumindest nachts. Es war ein wohliges Gefühl, bei dunkler Nässe unter einer Decke schützende Wärme zu finden. Sie spürte, wie Stephan sich sacht an sie drückte. „Ich liebe dich“, flüsterte er, während er ihr sanft durch das Haar strich.



4

Ihr Herz pochte heftig. Sie fühlte sich wie benommen. Ihr Pyjamaoberteil klebte an ihrem Rücken. Dort, wo ihr Oberkörper unter der Decke hervorlugte, war es unangenehm nasskalt. Die Angst packte sie wie eine unerwartete Welle. Schwappte durch ihren Körper.

Glockengeläut wehte durch das geöffnete Fenster, es musste drei Uhr morgens sein. Doch die tiefen Klänge aus dem nahe gelegenen Glockenturm vermochten sie nicht wie sonst zu beruhigen. Der Nachtwind kroch ihr unter das feuchte Shirt wie unter die Haut. Sie zitterte.

Die Stufen! Wie eine Lawine donnerte die Erinnerung durch ihr schläfriges Bewusstsein und türmte alles Vertraute beiseite. Tausende von hölzernen Stufen, die sie in diesem alten Gebäude hatte erklimmen müssen. Stockwerk für Stockwerk waren sie schmaler und brüchiger geworden, die Abstände zwischen den Trittflächen immer größer.
Es hatte kein Geländer gegeben!
Nur diese bodenlose Tiefe, die mit jedem Schritt unheilvoller wurde.
Nur diese bodenlose Angst, die mit jedem Schritt bedrohlicher wurde; die ihr die Luft abschnürte.

Warum schon wieder dieser Traum? Sie war doch so glücklich!
Glücklich gewesen?
Sie versuchte zu weinen, war aber wie betäubt. Ihr Körper zitterte heftiger.

Es war dunkel. Dunkel und kalt. Die nächtliche Kühle hüllte sie ein in ihren klammen Mantel.
Sie versuchte regelmäßig zu atmen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Ein und aus, ein und aus.
Sie wollte wachbleiben, aus Panik davor, wieder in dieses Gebäude zurückkehren zu müssen. Zu den Stufen.
Sie kämpfte gegen ihre Müdigkeit an, doch irgendwann war sie zu schwach und verfiel in unruhigen Schlaf.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-95840-543-1
Erscheinungsdatum: 26.10.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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