Sonstiges & Allerlei

Wie wär's mit Probefahren

Sophie-Marie Ruesch

Wie wär's mit Probefahren

Mein Ferienhund und ich

Leseprobe:

Eigentlich hätte ich gerne selber einen Hund.
Ist es aber das Richtige, um Liebe zu verschenken und Liebe zu empfangen? Leuchtende, schwarze, treue Augen dürfen nicht ausschlaggebend sein.

Jedermann, der sich einen Gebrauchtwagen anschafft, würde diesen selbstverständlich Probe fahren.
Wie aber verhält sich das, wenn dieser Jedermann sich einen Hund zulegt und sich auf einmal überfordert fühlt?
Es würde bestimmt mit Vorwürfen enden.
Ein Thema, wozu ich potentielle Hundebesitzer aufrufe, auch dies vorher, wie es sich gehört, gut zu überdenken.

***

Ich lasse mich also auf einen echten Herzensbrecher ein und genieße mit voller Überzeugung das wahre Erlebnis. Ich erkläre mich einverstanden, während einer Ferienzeit von vierzehn Tagen einen Hund bei mir aufzunehmen. Ich versuche, für mich selber den Beweis zu erbringen, dass ein Hund in jedem Falle eine Bereicherung ist, obwohl es turbulente Zeiten geben könnte.
Ranja ist sieben Jahre alt. Sie hat mich schon vor den eigentlichen Ferien einmal mit ihrem Frauchen aufgesucht, um einen Tag mit mir zu verbringen.

In der ersten Nacht läuft sie immer wieder zur Türe.
Nach neun Uhr schletzt die Nachbarin erneut etwa vier Mal die Tür beim Rein- und Rausgehen. Ranja aber schnüffelte nur noch einmal beim Eingang. Sie merkt jetzt, dass es nicht ihr Frauchen ist, und gibt auf. Könnte sein, dass auch sie sich langsam daran gewöhnt.
Ich verbuche das als Erfolg.
Ich befürchte, sie hat „Längizity“.

Um 01.00 h erwache ich abrupt aus einem Traum. An die Handlung des Traumes kann ich mich nicht mehr erinnern. Womöglich aber hatte ich gesprochen und Ranja stößt mich am Bettrand stehend mit ihrer Schnauze an. Vielleicht versucht sie, mich zu trösten.
Ich schlafe sofort wieder ein. Schnell liegt auch sie wieder auf ihrem Lager.

Am Morgen weckt sie mich mit Charme um 05.00 Uhr. Auf vorangehenden Rat ihres richtigen Frauchens mache ich ihr klar: „Es ist noch nicht Zeit, geh noch ein wenig ins Körbchen.“
Abermals schlafe ich schnell wieder ein. Um 05.45 h schleckt sie mich erneut ab und macht sich bei mir bemerkbar. Diesmal muss ich es gutheißen.
Ich verlasse mein Bett, gebe Ranja ihr Futter und frühstücke gemütlich.
Nach meiner Dusche ist die halbe Stunde verstrichen, die Ranja üblicherweise benötigt, um sich zu entleeren, nachdem sie gefressen hat. Beim ersten Rundgang am frühen Morgen zu den Bäumchen erledigt sie sofort ihre Geschäftchen.

Vor dem Mittagessen wandert sie in beiden Zimmern umher, als wollte sie mir etwas sagen. Sie hat eine Gabe, mich anzusehen, daß mir klar wird, worum es geht.
Wieder raus mit ihr, in der ersten Ecke im Gras macht sie tatsächlich ihr „Biseli“, zu meinem Vorteil, das hätte ich nicht erwartet. Unsere Kommunikation funktioniert.

Hocherfreut fahren wir am ersten Tag mit dem FUNIC nach Magglingen. Danach gehts zu Fuß bis ans End der Welt und weiter durch den Wald bis nach Leubringen. Eine wunderbare Route, um sich in Kürze zu entspannen.

Von dort erneut mit der Schienenseilbahn zurück in die Stadt. Triumphierend stelle ich fest, Ranja liebt Bahnfahren.
An der Elfenaustraße schaut sie gespannt den Entchen im fließenden Wasser zu. Oft genügt nur ein schwimmendes Blatt, das Ranja fesselt und eine magische Wirkung auf sie hat.

Der schwarze Schwan jedoch löst bei ihr Erschrecken aus, ich möchte gar sagen, sie fürchtet sich vor ihm. Er aber er auch vor ihr.
Wenn ich mit Ranja spazieren gehe, mag ich es, wenn die Leine immer noch etwas locker ist. Strafft sich die Leine, sage ich ihr nur: „Langsam“, und schon legt sie einen Gang zurück, gehorsam, wie sie ist.

Erstmals ziehe ich heute die Wanderschuhe an, weil ich bereits ein Bläschen an der linken großen Zehe entdecke. Wenn das so weitergeht mit Wandern, ist Vorbeugen besser als heilen. Aber hurra, ich habe auch schon ein Kilo abgenommen.

Auf meinem Fensterbrett sitzen oft Tauben. Das ist für Ranja besser als Kino. Nicht einmal auf der Decke, welche ich ihr hinlegte, will sie sich das Vergnügen ansehen. Wie ein Vorstehhund, außer, dass sie nicht das vordere Beinchen anhebt, betrachte sie alles aufmerksam. Sie lässt sich nichts entgehen und ist durch nichts abzulenken.
Das ist okay, schließlich ist sie, ohne es zu wissen, ein Schnauzer und kein Jagdhund.

Am Freitag machen wir eine Fahrt mit der SBB bis nach Grenchen. Sie kann es fast nicht abwarten einzusteigen. Sich über meine Füße hinlegend schaut sie ruhig und entspannt bis ans Ziel aus dem Fenster.

Im Betagtenheim wäre sie im Geheimen ein geeigneter Therapiehund. Das erste Mal höre ich Ranja bellen. Ich kann mir vorstellen, dass sie noch nie vorher Menschen im Rollstuhl gesehen hat. Das Bellen ist eine Abwehrfunktion, die sie aber nicht missbraucht.
Den alten Leuten hält sie gerne das Köpfchen für Streicheleinheiten hin. Trotzdem zeigt sie sich sehr „wunderlig“. Einer Dame mit knallrot gefärbten Fingernägeln tut sie schnell kund, dass sie von ihr nicht gestreichelt werden möchte.
Auf dem Rückweg mit dem Zug steigt ein Mädchen mit einem Rüden in unser Abteil ein. Beide weißeln, bis der Zug ankommt. Ranja drückt sich mit ihrem ganzen Körper an meine Beine. Sie sucht Schutz, obwohl ich ihr immer wieder sage: „Braver Hund“, wie Frauchen es mir empfohlen hat.

Am zweiten Abend verlege ich den letzten „Gassi-Gang“ auf 20.30 h, weil wir beide müde sind.
D. h., ich bin es auf jeden Fall.

Es kommt mir vor wie mit kleinen Kindern, wenn sie einschlafen sollen. Vier Mal trottet Ranja zur Türe, um nachzusehen, ob nicht doch ihr Frauchen kommen könnte. Es zerreißt mir fast das Herz, weil ich das ignorieren muss. Schlussendlich gibt sie es auf, legt sich in ihr Körbchen und schläft bis zum Morgen.

Ranja weckt mich diesmal schon um 04.00 h. Danach sage ich ihr, dass ich noch schlafen möchte, und sie legt sich kurzerhand in meinem Zimmer auf die Bettvorlage, auf der sie am Tage auch gerne liegt.
Ich nehme an, um so nah wie möglich bei mir zu sein.
Nachdem sie um 05.35 h mit ihrer Schnauze Tagwacht macht, stehe ich auf und bereite ihr Frühstück, welches sie ungeduldig erwartet.
Um 06.10 h, nach meinem Frühstück und der Dusche, machen wir ein kurzes „Spaziergängli“ an den unteren Quai, wo sie ihre Gschäftli erledigt und Zeitung liest. Sie will erfahren, welcher Star oder Nachtschwärmer ihrer Gattung zuletzt die Wege unsicher machte und eventuell Spuren hinterlassen hat.
Ich binde mir zum ersten Mal ein Lämpchen um den Hals, das mir ein Bekannter geschenkt hat, damit ich im Dunkeln sehen kann. Nun hilft es mir, zu entdecken, was und wo Ranja etwas hinterlassen hat. Eine wirklich gute Idee. Am Vortag des jetzt noch dunkeln Herbstmorgens hatte ich nämlich Mühe, das „Scheißerchen“ zu finden.
Wieder zu Hause schlüpfe ich nochmals in mein „Huli“, das ich noch nicht gemacht habe.
Ranja zeigt sich verständnisvoll und ist gleichermaßen noch einmal bereit, sich hinzulegen.
Um 07.00 h begeben wir uns auf den Markt in der Altstadt. Ich kaufe Gemüse und einen großen Blumenstrauß für Müeti und Vaterli auf dem Friedhof. Den ganzen Weg den See entlang bis Nidau-Port, beim Erwachen des Tages, trotten wir fast eine Stunde lang zusammen.
Ranja macht das Spaß. Überall gibt es viel zu schnuppern und zu entdecken. Am See habe ich noch das Gefühl, als meide sie das nasse Gras, um ja ihre Füßchen trocken zu halten. Auf dem Friedhof zieht sie das weich-moosige Gras der anderen Wiesen vor und hüpft mit erhobenem Schwänzchen, so weit ich sie lasse.
Hunde müssten eigentlich dort draußen bleiben.
Nachdem ich meinen Eltern Ranja vorgestellt, die Blümchen eingestellt und ein Kerzchen angezündet habe, beschließen wir, etwas später den Rückweg anzugehen.

Über der Brücke des Nidau-Büren-Kanals fühlt sie sich nicht sehr wohl. Dicht an meinen Beinen sucht sie Schutz vor den relativ nah fahrenden Fahrzeugen. Wir steigen in das öffentliche Fahrzeug. Ich will mit Ranja noch auszuprobieren, wie sie das Busfahren verträgt, obwohl sie bestimmt auch noch den Rückweg zu Fuß schaffen würde. Wie erhofft ist sie nicht abgeneigt, zu fahren.

Eine bildhübsche Freundin lernt sie auf dem Wege zum unteren Quai kennen. Eine Hündin, die etwas von einem Dackel, Basset oder Laufhund hat. Auf jeden Fall ist es Liebe auf den ersten Blick.
Vielleicht wird Ranja schon in ihren Tagträumen daran erinnert.
Wieder in der Stadt treffen wir auf einen männlichen kastrierten Riesenschnauzer. Beide beschnuppern sich ausgiebig. Würden wir Frauen es besser beherrschen mit unserem Drunter und Drüber der Leinen, die zwei könnten überschreitend spielen für lange Zeit. Allerdings haben wir keine Zeit zu verlieren.
Die Pflicht wartet.
Das Testen und Benutzen des Staubsaugers beruhigt mich sehr. Ich bemerke, dass Ranja überhaupt keine Angst zeigt. Sie weicht dem Gerät ganz einfach aus und setzt sich ins Körbchen.
Die laufende Waschmaschine im Bad nimmt sie gar nicht wahr.

Übrigens, Ranja geht nur ins Badezimmer, wenn sie mir zeigen will, dass die Essenszeit naht. Dann legt sie ihren Kopf auf den Badewannenrand und schaut auf die Seifenschale, wo ich immer den abgewaschenen Fressnapf trocknen lasse.

Wenn Ranja mir beim Benutzen der Nasszelle oder des Kochherdes schon immer um die Beine schleicht, möchte ich doch erwähnen:
wäre es vielleicht gar meine Enkelin, das Kind ist unglaublich gut erzogen. Sobald ich mich nämlich an den Tisch setze, den Teller vor mir habe, legt sie sich ohne Anweisung ins Körbchen. Das ist kein Zufall.
Es geht nichts über eine gute Erziehung.
Am Nachmittag spazieren wir den unteren Quai bis zum oberen Quai entlang, Richtung Madretsch durch den Alleeweg, wo sie ihre Zeitung 20 Minuten vor und zurück richtig lesen darf. Sie schnuppert um die Bäume rum bis zur Madretsch-Strasse.

Weiter ziehen wir gegen die Klinik Linde. Dort kehren wir ein.
Mit anderen Worten, ich setze mich auf einen Stein, gebe ihr aus dem Extra-Schäli ein wenig zu trinken und zwei „Gudeli“. Nach dieser kurzen Ruhepause flanieren wir den Ligusterweg entlang zum Madretscher Wald.
In einem Gehege fürchtet sie sich vor den Schäfchen. Ein Lebewesen, das ihr sicher noch unbekannt ist. Auf schnellstem Weg versucht sie, weiterzukommen.
Am Waldrand auf dem Berner-Wanderweg-Zeichen steht geschrieben, dass es zu Fuß bis zum Häftli über zwei Stunden dauert. Das will ich Ranja nicht mehr zumuten nach dem ausgiebigen Bummel vom Morgen.
Wir machen kehrt und verschieben das Abenteuer, nach Meinisberg zu gelangen, auf später.

Vor der Klinik Linde fotografiert ein Jüngling gerade das Spitalgebäude.
Ich packe diese Gelegenheit und frage ihn, ob er von Ranja und mir nicht ein Föteli machen könnte. Das tut er gerne mit meinem Foto-Apparat.
Später steigen wir in den Bus, der uns zurückführt. Schließlich muss ich mein spezielles Hundekärtchen benutzen, wenn ich es schon aufgeladen habe.

Nach diesem langen Umherspazieren gönne ich mir eine Auszeit. Ich lege mich samt den Kleidern auf meine Liege, die mit einer Bettdecke überzogen ist.
Um mir ganz nahe zu sein, kommt Ranja mit ihrem Köpfchen an die Matratze und forderte ihre Streicheleinheiten. Danach setzt sie sich nicht auf die Bettvorlage, sondern unmittelbar vor meinem Bett auf den Parkettboden.

Lange zuvor stellte ich mir die Frage, was ich tun würde, wenn sie auf mein Bett springen würde. Diese Frage erübrigt sich.
Das würde sie niemals tun. Gelernt ist gelernt.

Kurz nachdem wir die Ehre hatten, vor dem Kino Rex über den roten Teppich zu gehen, der dort wegen dem Festival de Film Français ausgelegt wurde, und erst eine halbe Stunde zu Hause sind, zeigt sie mir unmissverständlich, dass sie die Wohnung erneut verlassen möchte. Sie bringt mir den Ball, mit dem sie aber in der Wohnung nicht zu spielen bereit ist.
Sie macht sich einfach bemerkbar. Ihre Art zu kommunizieren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 36
ISBN: 978-3-99038-573-9
Erscheinungsdatum: 15.10.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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EUR 9,99

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