Sonstiges & Allerlei

Wer nicht mit den Wölfen heult

Anneliese Jenni Thomsen

Wer nicht mit den Wölfen heult

Leseprobe:

<strong>KAPITEL 1</strong>

An diesem frühen Sonntagmorgen präsentierte sich allen Naturfreunden ein weiterer Erlebnistag innerhalb der anhaltenden Schönwetterperiode. Aus tiefblauem Himmel strahlte die Sonne mit ihrem bezauberndsten Lächeln. Selbst der Wind genoss den Wochen-Ruhetag, kaum ein Lüftchen bewegte die Blätter der nahen Bäume. So war es Gitte nach dem Blick durch das geöffnete Fenster leichtgefallen, sich für den Besuch des großen Reitturniers zu entscheiden, das alljährlich in der Nähe stattfand. Nichts Außergewöhnliches, aber Treffpunkt aller Pferdeinteressierten. Dafür hatte sie sich besonders hübsch herausgeputzt. Schließlich besuchten viele junge Burschen aus nah und fern diese Veranstaltung.
Ihre Wahl war zugunsten eines blauen, ärmellosen Kleides mit kleinen weißen Punkten und einem Stufenrock ausgefallen. Blau stand ihr besonders gut und bestach durch den ganz entzückenden Kontrast zu ihrer wundervoll gebräunten Haut. Den langen, dunkelblonden Haarschopf hatte sie am Hinterkopf mit einer Libellenspange zusammengebunden. Ein kleiner, weißer Stehkragen schmückte ihren langen Hals, und der ­gleichfarbige breite Gürtel betonte auf dezente Weise die schmale Figur mit der Wespentaille, die nur Mädels ihres Alters ausgezeichnet stand. Lange Beine steckten in hauchdünnen Nylons, bei denen sie darauf achten musste, nirgends anzuhaken oder mit einem Reißen des Fingernagels ein Loch in den Strumpf zu fabrizieren. Die Männerwelt nannte eine solche Ribbelspur dann frech „Kondensstreifen“ und machte aus der einfachen Laufmasche ein Beweismittel für einen „Einflug“. Derlei frivole Bemerkungen aus dem Bordkoffer einer Flugbegleiterin hatte sie bisher stets geflissentlich überhört. Im Alter von gerade mal siebzehn Lenzen war ihr deren Zweideutigkeit auch völlig schnuppe. Dem aufmerksamen Betrachter mussten da schon eher die sehr schön geformten schlanken Beine auffallen, die in weißen Sanda­letten mit Fesselriemchen endeten.
An Gittes Arm hing ein silberweißes Handtäschchen, und weiße Netzhandschuhe verbargen ihre langgliedrigen Finger, als sie im Schlenderschritt die aufmerksamen Zuschauerreihen passierte. Alle verfolgten gebannt das Springreiten, das in einer entscheidenden Phase zu sein schien, denn der Lokalmatador war gerade in die Hindernisbahn eingeritten. Endlich hatte Gitte eine Stelle gefunden, wo sie ihre Chance witterte, näher an das Geschehen auf dem Parcours heranzukommen, und sie arbeitete sich durch die kleinen Lücken nach vorn durch. Die Leute machten ihr bereitwillig Platz, sobald sie erkannten, wer da mit einem reizenden Lächeln um Durchlass bat.
Endlich konnte Gitte innehalten und die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Es faszinierte sie, wie einige Reiter eins waren mit den Pferden, wie ihnen Hindernisse nichts zu bedeuten schienen, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen auch hohe Sprünge elegant meisterten und dafür am Ende reichlich Beifall ernteten. Für die zahlreichen Besucher galt hier, wie auf vielen anderen Veranstaltungen auch: sehen und gesehen werden. Und Gitte sah einen – der stach aus seiner Umgebung förmlich heraus – von kräftiger Statur, vortrefflich gebaut. Nein, kein Wallach, ein Mann, und was für einer! Zu seinem gebräunten Gesicht unter blondem Haar passte ausgezeichnet das blaue Hemd, dessen Ärmel er ein Stück weit aufgekrempelt trug. Ihr stockte der Atem. Das war er, so sah ihr Traummann aus! Sie musste ihn unverwandt angestarrt haben, denn er blickte von der Tribüne in ihre Richtung, und sie meinte sogar, er sah sie an. Schnell wandte sie den Kopf zur Seite und tat so, als ob etwas anderes ihr Interesse gefunden hätte. Doch eine unwiderstehliche Kraft drehte ihren Kopf wieder in die vorherige Richtung, scheinbar ohne ihr Zutun, und suchend glitten ihre Augen zu der Stelle, wo sie „ihn“ gesehen hatte – doch er stand nicht mehr dort, war wie vom Erdboden verschluckt.
„Schade“, dachte sie in einem Anflug von leichter Trauer, „ihn hier in dem Getümmel zu suchen, dürfte kaum aussichtsreich sein.“ Gitte wusste ja nichts über ihn, nicht wer er war und woher er kam. Manche Besucher nahmen lange Fahrstrecken auf sich, um diesen Turnierplatz aufzusuchen; ihren Traummann wiederzusehen, würde sich also in die Reihe einiger anderer Ereignisse einfügen. Diese Chance hatte sie verpasst. Wäre sie auf ihrem Platz stehen geblieben, dann hätte er sie dort finden können – falls er nach ihr gesucht haben sollte. Aber war sie ihm überhaupt aufgefallen? Noch eine Zeit lang ging sie ruhelos auf und ab, bevor die Anspannung endlich von ihr abfiel und sie, einigermaßen konzentriert, den Rest der Veranstaltung verfolgen konnte. Nach dem Beifall für den Turniersieger machte sie sich auf den Heimweg.

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Gewohnt, zeitig aufzustehen, hatte Bernhard den Morgenkaffee mit seiner Mutter bei angeregter Unterhaltung genossen. Das Frühstücksei war auf den Punkt genau richtig gekocht, und er hatte sie dafür gelobt. Ihm war es am liebsten, wenn vom Eigelb der größere Teil noch dickflüssig war. „Bist du zum Essen zurück, oder hast du vor, länger fortzubleiben?“, wollte sie wissen. „Rechne lieber nicht mit mir, es könnte Abend werden“, gab Bernhard zur Antwort. Sollte seine Mutter doch ebenso ihren Tagesablauf frei gestalten können, wie er es sich erlaubte.
Noch nie war er dem jährlich stattfindenden Reitturnier ferngeblieben. Der Pferdesport war ihm von klein auf nahegebracht worden. Sein Vater hatte ihn doch schon als Kleinkind vor sich auf den Pferderücken gesetzt, damit er sich an den Geruch und die neuartige Fortbewegung gewöhnen konnte. Hatte er dem Braunen in die Mähne gegriffen, mit aller Kraft seiner kleinen Patschhändchen daran gezogen und sich das große Tier danach in Bewegung gesetzt, war es für ihn sein Erfolg gewesen. Dann hatte er sich zu seinem Vater umgedreht und ihn angestrahlt. Dass sich so etwas auch durch Papis leichten Schenkeldruck verwirklichen ließ, konnte seinen Triumph nicht schmälern. Seitdem fragte ihn sein Vater regelmäßig, ob er ihn zu Turnieren begleiten wollte. Niemals war ihm das Spiel wichtiger gewesen als der Aufenthalt in der Nähe von Pferden. Es dauerte gar nicht lange, da saß er bereits ganz allein im Sattel und startete selbst zur ersten Trophäenjagd.
Bernhard ging bereits auf die dreißig zu. Kein Wunder also, dass sein Interesse am heutigen Tag nicht nur den schönen und stolzen Pferdeleibern galt. Mit Kennerblick hatte er zum wiederholten Mal das Publikum gegenüber überprüft, als er einen Neuzugang wahrnahm, bei dessen Anblick ihm der Atem stockte. Das war sie! Die Frau dort drüben gefiel ihm in ihrer Gesamtkomposition auf Anhieb. Ihre anmutige Erscheinung faszinierte ihn auf eine bisher nicht gekannte Weise. Täuschte er sich oder hatte sie nicht gerade seinen Blick erwidert? Diese Schönheit wollte er aus der Nähe betrachten. Sie konnte die Frau aus seinen Träumen sein, nach der er schon so lange suchte. Keinen Moment länger zögerte er und hastete von seinem Tribünenplatz hinunter in die Menge. Er kam dabei nur sehr zäh voran, weil niemand sonst vorzeitig aufbrach. Bernhard erntete Kopfschütteln bei den anderen Zuschauern, die wohl überwiegend meinten, er müsse einem dringenden körperlichen Bedürfnis der üblichen Art unaufschiebbaren Tribut zollen. Wie sollten sie auch ahnen, dass es noch viel schlimmer war und Amors Pfeil ihn direkt ins Herz getroffen hatte. Als er zu der Stelle kam, an dem er die Evastochter zuletzt gesehen hatte, war sie verschwunden. Die durch ihren Weggang entstandene Lücke war bereits von den Umstehenden geschlossen worden. Er folgerte daraus, dass sie nicht wiederkommen wollte. Dabei war er doch so kurz vor dem Ziel gewesen! Blieb er heute dazu verdammt, aufgeben zu müssen? Noch nie war ihm so etwas passiert. Vergeblich hielt er noch einige Zeit nach der sich scheinbar in Luft aufgelösten Himmelserscheinung Ausschau, musste dann jedoch enttäuscht aufgeben. War er vielleicht doch einer Sinnestäuschung erlegen? Hatte es ihn so sehr erwischt, dass er sich alles nur einbildete? Bernhard kam sich abgestraft vor, haderte mit sich und der Welt. Sich selbst Mut zusprechend, hoffte er, dass, wenn das Geschick es wollte, es ihn irgendwann mit ihr zusammenführen würde.

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Sie lag auf der Couch und träumte mit offenen Augen. Wie in Trance hatte Gitte den Rückweg zurückgelegt und sich eine Auszeit von der Realität genommen, während ihre Mutter außer Haus bei einer Bekannten weilte. Nichts wünschte Gitte sich mehr als eine heile Familie. Bis zum Alter von sieben Jahren hatte sie wohlbehütet und unbeschwert in ihrem Familienkreis aufwachsen dürfen. Doch zum Ende des Zweiten Weltkrieges war ihr zuerst der Vater brutal entrissen worden, kurze Zeit später auch noch ihr Bruder, der auf grausame Weise an einem Gehirntumor verstarb. In tiefem Schmerz klammerte sich die Mutter danach an Gitte. Auch in späteren Jahren war sie nicht in der Lage, ihre Tochter loszulassen. Nur äußerst schwer fügte sie sich in das ihr vom Schicksal zuerkannte Witwendasein und lebte von nun an die versprochene Ehegattentreue über den Tod hinaus. Damit verzichtete sie auf weiteres Lebensglück in einer neuen Partnerschaft, auf die Gitte so viele Hoffnungen gesetzt hatte.
Beide wohnten auf dem kleinen Hof von Oma Jenni, ihrer Großmutter väterlicherseits. Gitte aber träumte nur noch von einer eigenen Familie auf einem großen Bauernhof. Doch welcher Landwirt wollte schon die Tochter einer Kriegerwitwe? Sollte doch einer in Liebe zu ihr entflammen, würden mit ziemlicher Sicherheit die Eltern etwas gegen eine solche Verbindung haben. Töchter von Witwen galten nämlich als schlecht erzogen, weil die starke Hand des Vaters fehlte. Und wer von den jungen Bauernmännern wollte schon gern seine Frau im Doppelpack mit der Schwiegermutter? Gittes Mutter hatte andere Pläne für sie erdacht und wollte, dass ihre Tochter eine Bürotätigkeit ausübte. Die aber fühlte sich der Natur stark verbunden und bestand deshalb auf einer landwirtschaftlichen Lehre, um am Ende der Ausbildung ihr Examen zur Landwirtschaftslehrerin ablegen zu können. Noch bevor sie die abschließen konnte, kam es zu einer überraschenden Fahrplanänderung im Kursbuch ihrer Lehrzeit.
Drei Wochen Jahresurlaub durfte Gitte gestalten, da kam ihr ein Sportfest gerade recht. Am Abend war Tanz angesagt und sie wollte sich auch mal wieder einen schönen Abend gönnen. Doch so richtig konnte sie diesmal nicht warm werden. Weder die anderen Gäste an ihrem Tisch noch die Musik waren imstande, sie zum Bleiben zu bewegen. „Dann lieber mit einem guten Buch in die Horizontale wechseln, als hier zu versauern“, dachte sie und machte Anstalten zu gehen.
Auf der kleinen Treppe im Lokal begegneten sie sich – da war er wieder, ihr Traumprinz! Aus blauen Augen lachte er sie mit zwei Reihen weißer Zähne triumphierend an und war offenkundig erfreut, sie hier zu treffen. Für Gitte gingen Sonne und Mond gleichzeitig auf, so toll fand sie seine Erscheinung. „Dich hab ich gesucht, wohin willst du? An welchem Tisch darf ich auf dich warten?“, fragte er mit warmem Klang. „Ich will gerade gehen, mir gefällt’s hier nicht so“, hörte Gitte sich sagen, obwohl sie viel lieber gejubelt hätte: „Fein, dass wir uns endlich wiedersehen und du mich ansprichst!“ Er berührte ihren Arm, an dem das Handtäschchen hing, als ob er sie festhalten müsste, um sie nicht gleich wieder zu verlieren; schon dieser kleine Kontakt ging ihr durch und durch. „Bitte, aber einmal möchte ich mit dir tanzen“, bat er beschwörend. Kein „Sie“, einfach gleich das vertraute „Du“, das war schon etwas ungewohnt.
Natürlich ließ sie sich gern auf die Tanzfläche führen, wo die Kapelle den nächsten Dreier gerade mit einem beschwingten Wiener Walzer begonnen hatte. Seine rechte Hand spürte sie auf ihrem Rücken, und ein Kribbeln durchzog ihren Körper, als sie sich im Takt der Musik zu drehen begannen. Ihre Seelen schienen nur auf diese Gelegenheit gewartet zu haben, sie tanzten beschwingt vor ihnen her. Gittes Hand ruhte in seiner, und sie fand es traumhaft, so dicht bei ihm zu sein. Hoffentlich bemerkte er nicht ihre feuchten Handflächen – vermutlich mussten die vor lauter Aufregung zu schwitzen angefangen haben. Durch seine weiten Ausfallschritte erlaubte er ihren Körpern, miteinander zu verschmelzen, und sie begrüßte das. Sie schwebten förmlich über das Parkett, mal rechts, mal links herum. Einfach göttlich! Bernhard, so hatte er sich zwischenzeitlich vorgestellt, war ein exzellenter Tänzer. Mit traumhafter Sicherheit wich er gekonnt jedem Hindernis aus, bis die Musik verstummte. An dem Tisch, an dem Gitte sich vor wenigen Minuten noch gelangweilt fühlte, wurden gerade zwei Plätze von einem Pärchen freigegeben, die sie dankbar belegten. Dann begannen sie von sich zu erzählen – eigentlich er mehr als sie. Gittes Augen forschten neugierig im Gesicht ihres Gegenübers, sie wagte kaum zu blinzeln, um nichts zu verpassen und sich jedes Detail sorgfältig einzuprägen.
„Landwirt bin ich“, gab Bernhard Antwort auf ihre brennendste Frage, obwohl Gitte die noch gar nicht gestellt hatte, „ich bewirtschafte selbst meinen Hof.“ War ihre Freude noch steigerungsfähig? Ihr Herbeigesehnter ein Bauer – mit eigenem Hof, besser ging’s nicht! Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie musste sich ganz schön zusammenreißen, um klar und verständlich weitersprechen zu können. Dieses Hochgefühl war durch nichts zu trüben, auch nicht, als er von seinem Vater berichtete, der viel zu früh an Tuberkulose erkrankt und an den Folgen einer Lungenblutung verstorben war. Laut Testament hatte Bernhard den Hof in jungen Jahren übernehmen müssen, mit weitreichenden Altenteilsverpflichtungen seiner Mutter gegenüber. Der letzte Teil seiner Worte war ihr zwar in seiner vollen Konsequenz nicht so ganz verständlich gewesen, aber ihr Verstand fuhr sowieso gesondert auf einem Parallelgleis.
Aufmerksam folgte er den Ausführungen seines Gegenübers, als Gitte von ihrer Mutter berichtete und deren Werdegang nach dem Tod von Vater und Bruder. Ihm schien zu gefallen, dass sie eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin machte. Nur dass sie so schnell wie möglich eine Familie mit Kindern anstrebte, behielt sie noch für sich – schließlich wollte sie ihn ja nicht gleich am ersten Tag verprellen.
Dass Gitte ihm tatsächlich auf dem Turnierplatz aufgefallen war, schilderte Bernhard ihr nun. „Du hast einen umwerfenden Eindruck bei mir hinterlassen, kamst mir in der Zuschauer­masse vor wie eine Fee im Walde. So schnell, wie du mir als Märchengestalt erschienen warst, so geschwind hattest du dich gleich wieder davongemacht. Danach hoffte ich auf das Schicksal, das uns zusammenführen sollte. Doch so lange wollte ich nicht untätig warten, deshalb schien mir der Tanz hier auf dem Sportfest eine reale Chance zu bieten, der Vorherbestimmung helfend unter die Arme zu greifen. Natürlich musste ich dich erst einmal aus der Nähe sehen, aber ich versichere dir, du übertriffst meine Erwartungen noch um ein Vielfaches. Weißt du, ich habe entschieden, mich bei der Suche nach der idealen Frau vor der Eheschließung gründlich umzuschauen – viele Männer tun dies erst nach der Hochzeit.“ Seine Offenheit und sein Humor gefielen ihr, und an Komplimenten sparte er auch nicht. Bernhard schien auf Anhieb schwer verliebt zu sein; von Gitte ganz zu schweigen – sie hätte mit ihren Flammen jede mit Heu gefüllte Scheune abgefackelt, wenn sie darin gewesen wären …

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Gitte hatte zum Zeitpunkt der Wiederbegegnung mit Bernhard ihr erstes Lehrjahr auf einem kleineren Bauernhof absolviert. Die Lehrfrau war, nachdem ihr Ehemann im Krieg gefallen war, mit der kaum schulterbaren Verantwortung für ihre zwei Söhne und den Hof zurückgeblieben und befand sich so genau in der gleichen verheerenden Situation wie Gittes Mutter. Wie ein Wachhund passte sie auf, dass keiner ihrer Söhne ein Techtelmechtel mit einem der weiblichen Lehrlinge begann. Sie wollte so lange wie möglich die alleinige Herrscherin auf dem Hof bleiben. Dazu gehörte, dass sie den Umgang ihrer Söhne kontrollierte, damit die erst gar nicht in die Lage gerieten, eine nicht standesgemäße Auswahl ihrer Zukünftigen zu treffen. Natürlich war der Lehrfrau nicht entgangen, dass der älteste Sohn und Gitte sich mochten. Mit Argusaugen überwachte sie die beiden, denn eine solche Verbindung kam für sie überhaupt nicht infrage. Gittes Herkunft war ihr keineswegs ausreichend, und zum Glück musste die nach dem Ausbildungsplan für das zweite Lehrjahr sowieso die Hofstelle wechseln. So ließ sie ihr Lehrmädchen besonders hart arbeiten, deckte es zusätzlich noch mit Feldarbeit ein, damit es am Abend so geschafft war, dass das Verlangen nach Vergnügungen in überschaubaren Grenzen gehalten wurde.
Die Strategie der Chefin erwies sich als erfolgreich, denn die beiden jungen Leute verloren sich rasch aus den Augen, als Gitte ihre zweite Ausbildungsstelle auf einem großen Gutsherrenhof mit entsprechenden Ländereien zur Ostsee hin antrat. Nun wurde sie als eine von drei weiblichen Lehrlingen weiter ausgebildet, ausschließlich im Innenbereich. Für die männlichen Azubis im Außenbereich trug deren Lehrherr die Verantwortung. Wenn Gitte anfangs gehofft hatte, zu dritt würde sich die Arbeit auf mehr Hände verteilen und dadurch für sie insgesamt weniger anstrengend werden, sah sie sich bald eines Besseren belehrt. Haus und Hof waren hier größer, erheblich weitläufiger. Da in gleicher Weise der Hausgarten sich um ein Vielfaches repräsentativer darbot, verlangte er eine entsprechend aufwändigere Bewirtschaftung. Zusätzliche Personen auf dem Gut bedeuteten, hauswirtschaftlich gesehen, jetzt noch mehr Arbeit.
An diesem Ort ging es insgesamt vornehmer zu – eben nach Gutsherrenart. Gitte sollte nun zum Abschluss ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung sozusagen den Feinschliff erhalten; dazu gehörten auch verbesserte Umgangsformen, die ihre Lehrfrau ihr näherzubringen sich abmühte. Das begann im äußeren Erscheinungsbild mit sauberer, adretter Kleidung, stets und besonders blank geputzten Schuhen und endete in der Sprache, wo sie auf höfliches, freundliches Auftreten sowie einen angemessenen Tonfall Wert legte. Das Bedienen des Gutsherrn zum Frühstück kam Gitte anfänglich ziemlich übertrieben vor – hätte sich der die Speisen nicht selbst auflegen und den Kaffee nachschenken können? Fehlte nur noch, dass sie in Butler-Manier die Morgenzeitung bügeln sollte, damit dem Herrn beim Lesen keine Druckerschwärze die Finger beschmutzte! Später bereitete ihr jedoch auch dieser persönliche Service Freude, weil er in einer gediegenen Atmosphäre erfolgte und nicht ohne freund­liches Lächeln mit verbaler Anerkennung blieb. An den vertraglich geregelten Punkten – Arbeitszeit, Urlaub, Wochenendfreigang und Lohn – hatte sich gegenüber ihrem ersten Lehrjahr nichts geändert. Nach wie vor musste sie mit sechzehn D-Mark im Monat auskommen, allerdings ohne nebenbei zusätzliche Arbeiten im Außenbereich mit erledigen zu müssen.
In ihrer Freizeit unternahm sie ausgedehnte Wanderungen, deren Wege sie fast immer durch wunderschöne kleine Wälder zum Strand führten. Je nach Witterung hielt Gitte sich dort länger auf. Mal saß sie kurz im Sand, dann wieder auf einer der Bänke, die am Strand für müde Wanderer oder auch die einzigartige Aussicht genießende Spaziergänger aufgestellt waren.
Bei guter Sicht rückte das von der Sonne beschienene dänische Festland greifbar nahe. Gittes Scharfblick wanderte dann hinüber zum markanten, auffallend großen Schornstein der Ziegelei Cathrinesminde, die sich mit den roten Ziegelsteinbauten von den landwirtschaftlich genutzten Flächen ihrer Umgebung farblich so auffällig abhob.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 392
ISBN: 978-3-99003-288-6
Erscheinungsdatum: 19.04.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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