Sonstiges & Allerlei

Wegwärter

Lia Becker

Wegwärter

Leseprobe:

Kapitel 1

„Schatz, weißt du, wo ich diese verdammten Schlüssel nun wieder hingelegt habe?“, rief Benno aus der Küche quer durch den langen Flur in Richtung Badezimmer, in dem Anna unberührt von seinem fluchenden Ton weiter ihren Lidstrich verfolgte. „In den Kühlschrank auf die Tomaten“, erwiderte sie ganz selbstverständlich. Benno hatte am Vortag kaum die Wohnung betreten, da war er auch schon zum Kühlschrank gestürmt und hatte das kühlende Wasser runtergekippt, und nebenbei hatten die Haustürschlüssel ihren neuen Aufenthaltsort wohlgebettet auf prallen, roten Tomaten gefunden. Anna hatte die Szene beobachtet, aber sie machte ihn schon lange nicht mehr auf diese Dinge aufmerksam. Sie hatte sich längst daran gewöhnt. Ihn immer wieder darauf hinzuweisen, eins nach dem anderen zu tun und eine gewisse Ordnung zu finden, machte ihn nur wütend und änderte nichts. Zu Beginn ihrer Beziehung war sie geradezu fasziniert davon gewesen, wie er völlig unbedacht seine Sachen irgendwo hingelegt hatte, um sie dann völlig aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Doch nach ein paar Monaten hatte es sie entsetzlich genervt und sie waren immer wieder in heftige Streitereien miteinander geraten. Doch diese Phase war, in Anerkennung dessen, dass es nicht zu ändern war, von einem entspannten Automatismus abgelöst worden. Er suchte etwas und sie antwortete. Wenn er so geschniegelt und gestriegelt in seinen teuren Anzügen erschien, hätte niemand auch nur im Ansatz vermutet, dass er zu Hause in ein mittelschweres Chaos verfiel. Ein großer schlanker Mann mit strohblondem Haar, der im Vorstand einer Bank nahezu immer und unaufhörlich arbeitete. Manchmal fragte sich Anna, wie er einen so akkuraten Beruf ausüben konnte. Anna hatte ihren Platz an seiner Seite gefunden. Der gute Geist, der immer alles in Ordnung hielt und ihn trotz seines Chaos liebte. „Was würde ich nur ohne dich machen?“, fragte er, als er das Badezimmer mit seinem gekühlten Schlüssel in der Hand betrat. „Dein Müsli in den Klavierkasten stellen oder dein Auto im See parken oder einfach deinen Kopf unter dem Couchtisch vergessen.“ Benno lachte und zog sie mit seiner Hand an ihrem Bauch fest an sich. Er schob ihre langen schwarzen Haare von ihrer Schulter und küsste ihren Nacken. Annas tiefblaue Augen schlossen sich und sie nahm den Duft seines Aftershaves tief in sich auf. Seine Lippen tasteten ihren Hals ab, und als sie sich gerade diesem wohligen Gefühl hingeben wollte, drückte er sie noch einmal fest an sich, bevor er von ihr abließ. Sie öffnete ihre Augen wieder und blickte in den Spiegel vor sich. „Bis heute Abend. Bye.“ Eine kurze und schnelle Verabschiedung, wie jeden Morgen. Kein Gedanke daran, dass es ein Tagesbeginn voller Leidenschaft hätte werden können. „Bis dann“, rief sie ihm nach und schon vernahm sie die Tür, die sich hinter ihm schloss. Anna blickte erneut in den Spiegel und sie sah eine Frau, der die Enttäuschung anzusehen war. Sie vermisste seine Zärtlichkeiten schon geraume Zeit. Immer seltener hatten sie gemeinsame freie Zeit, seit Benno in dieser hohen Position arbeitete. Aber sie hätte sich niemals darüber beklagt. Sie freute sich, dass er sein lange ersehntes Ziel erreicht hatte. Sie liebte ihn, und ein letzter Blick in den Spiegel verriet ein Schmunzeln auf ihren Lippen bei diesem Gedanken. „Und ich bin einfach Telefonistin“, dachte sie sich und wendete den Blick von ihrem Spiegelbild ab. Sie hatte sich durchaus andere Ziele ausgemalt. Sie hatte Journalistik studiert und träumte von der ganz großen Karriere. Aber sie hatte sich irgendwann dem ständigen Kampf und der Tatsache, sich immer wieder neu beweisen zu müssen, entzogen und gab ihre Stelle bei einem Starmagazin auf. Sie war dankbar für ihren neuen Job, der ihren Unterhalt finanzierte und in dem sie gut war, auch wenn er nicht ihre erste Wahl war. Sie kleidete sich an und band sich die Haare zusammen. Als sie den schlauchartigen Flur entlangging, vorbei an ihrem Schlafzimmer in die offene Küche, die mit dem Wohnzimmer eine Einheit bildete, schlüpfte sie in ihre schwarzen Pumps. Klackernden Schrittes erreichte sie die Theke und machte sich gleich daran, Bennos halb liegen gebliebenes Brot aufzusammeln. Sie frühstückte nie. Zur schlaftrunkenen Morgenstunde bekam sie einfach nichts runter. Sie schnappte sich eine Tasse Kaffee und ging auf die Terrasse. Die Stadt war noch nicht vollends erwacht. Noch ließ der Berufsverkehr auf sich warten. Sie genoss die vermeintliche Reinheit der Luft, wenn der Smog und die Hitze noch nicht das Atmen erschwerten. Ein arbeitsreicher Tag lag vor ihr. Als sie am späten Nachmittag wieder in die Straße einbog, in der sie wohnte, war sie überrascht, Bennos Auto zu erblicken. Sofort flackerte die Sorge in ihr auf, dass etwas mit ihm sein könnte, war er doch sonst nie so früh wieder zurück, sogar vor ihr. Normalerweise hatte sein Tag mindestens zehn Stunden. Sie parkte ihr Auto am Straßenrand und ging eiligen Schrittes zu ihrem Apartment. „Benno? Ist alles okay?“ Beinahe hätte sie den wunderbaren Geruch von gegrilltem Gemüse und Knoblauch nicht wahrgenommen. Es duftete einfach köstlich und ihre Zunge verriet ihr bereits, wie gut es schmecken würde. „Benno?“, rief sie erneut, doch sie bekam keine Antwort. Als sie das Wohnzimmer erreichte, stand er mit dem Rücken zu ihr und wendete geschäftig das Fleisch auf dem Grill, der auf der Terrasse stand. Als er sich umdrehte, um weiter den Tisch zu decken, bemerkte er Anna, die völlig sprachlos und verdutzt in der Tür stand. „Hey Schatz“, begrüßte er sie mit einem Kuss auf ihre Lippen, die so schnell nichts erwidern konnten, „hattest du einen anstrengenden Tag?“ „Ich bin verwirrt.“ „Das dachte ich mir. Also ist meine Überraschung geglückt?“ „Allerdings. Was machst du denn schon hier? Und seit wann haben wir einen Grill?“ „Ich habe mir einen halben Tag Urlaub genommen, und den“, er deutete auf den silbernen Hightech-Edelstahlgrill mit Gasflasche, „haben wir seit heute.“ Grinsend nahm er ihr ihre Tasche ab, schob sie an den Tisch und platzierte sie auf ihrem Stuhl. Völlig verblüfft ließ Anna dies mit sich geschehen und beobachtete Benno, wie er stolz seine Kreationen auf die Teller drapierte und etwas ungeschickt servierte. „Danke schön“, sagte Anna irritiert. „Freust du dich?“, fragte Benno wie ein kleiner Junge. „Ja, klar. Ich bin wirklich überrascht.“ Er nahm ihre Hand und küsste sie sanft. „Weißt du, nach heute Morgen fiel mir auf, dass unser letzter gemeinsamer Abend schon eine ganze Weile zurückliegt. Du sahst traurig aus, da wollte ich dir einfach eine Freude machen. Lass es dir gut schmecken. Ich liebe dich.“ Betört von dieser Ansage bemerkte Anna, wie ungläubig sie immer noch war. Er hatte ihre Enttäuschung gesehen! Das Glücksgefühl, das sich langsam in ihr ausbreitete, ließ sie verstummen und mit einem immer größer werdenden Lächeln im Gesicht zu Benno blicken. „Danke, Schatz, ich freue mich wirklich sehr.“ Auch er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der kulinarische Genuss konnte dem Genuss des Augenblicks nicht standhalten. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit sahen sie sich wieder in die Augen, die Augen, die Anna so sehr vermisst hatte. Sie musste daran denken, wie sie ihn kennengelernt hatte. Es war im Winter vor nunmehr sieben Jahren gewesen. Sie war an einer Raststätte beim Aussteigen weggerutscht und war so unglücklich gestürzt, dass sie sich einen Bänderriss im Fuß zugezogen hatte. Plötzlich stand er vor ihr. Benno, mit seinen wunderschönen, strahlenden Augen. Anna war wie paralysiert. Faszination auf den ersten Blick. So etwas hatte sie noch nicht erlebt. Sie schwelgte in anderen Sphären und hörte gar nicht, dass er sie nach ihrem Wohlergehen fragte: „Haben Sie sich verletzt? Hallo? Geht es Ihnen gut?“ Sie hatte sich sammeln müssen und antwortete gequält: „Ja, na ja.“ „Können Sie aufstehen? Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ „Das ist sehr nett, danke.“ „Ich bringe Sie erst einmal ins Warme.“ Und noch bevor sie den Versuch starten konnte zu laufen, schwebten ihre Beine bereits über der Erde und sie spürte das Muskelspiel seiner Arme in ihrem Rücken und an ihren Beinen. Sie spürte seine Brust und erahnte den schlanken, muskulösen Oberkörper dieses Mannes. In der Gaststätte kamen sie ins Gespräch und nach einem wärmenden Kaffee und einem Blick auf ihren Fuß war ein anschließender Besuch im Krankenhaus unumgänglich. Er hatte sie den ganzen restlichen Tag begleitet, denn auch er war dem Schicksal bereits ergeben. Die Trennung an diesem Abend besiegelte das Unaufhaltbare: Beide hatten sich ineinander verliebt. Diese Gedanken liefen wie ein Film in ihrem Kopf ab und das Gefühl, was sie damals überfallen hatte, kam wieder in ihr auf, als sie sich ihr Weinglas schnappte und sich zu ihm auf das Rattansofa setzte. Er empfing sie mit seinem einladend geöffneten Arm und sie erzählten einander alte Geschichten, aktuelle Tagesthemen oder tauschten einfach nur zärtliche Küsse. Am späten Abend, als sie sich bereit erklärt hatte, den Abwasch zu übernehmen, nahm sie die Teller und das Besteck und marschierte geradewegs in die Küche. Benno folgte ihr. Sie konnte gerade noch alles abstellen, ehe er sie herumwirbelte, ihren Leib umfasste und sie an sich zog. Ein Moment der Erstarrung, ihrer beider Atem wurde hörbar. Sie spürte seinen Körper an ihrem, bekleidet mit scheinbar unzähligen Stoffen, die das Verlangen ins Unermessliche steigerten. Ihrer beider Sinne, die sich einen Weg an die nackte Haut suchten. Noch bevor der erste Kuss sich über ihre Lippen ergoss, erklommen ihre Hände seinen Körper und sie fühlte die seinen ihren Rücken hinabgleiten. Anna fühlte die schwelende Erregung, die sich zwischen ihren beiden Körpern erhitzte und schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie küssten sich leidenschaftlich und ihre Kleidung verlor sich wie Butter, die in der Sonne dahinschmilzt. Ihr Herz schlug heftig und sie hörte seinen Atem im Rhythmus seiner Bewegung, seinen Körper an ihrem, auf ihr. Innig umklammert zum letzten Auftakt, bevor die Spannung in der Schwerelosigkeit, atemlos und begleitet von unhörbar schreienden Lauten, den Verstand aussetzen ließ. In dieser Nacht fühlte Anna Bennos Nähe wie schon lange nicht mehr. Vertrauensvoll gab sie sich seiner Umarmung hin.

Kapitel 2

Es war unerträglich heiß. Einer dieser verrückten Sommertage, an denen man die Nacht herbeisehnt, voller Hoffnung auf einen winzigen Fetzen Abkühlung. Der Lärm der Stadt dröhnte schallend wie ein Pingpongball zwischen den Häusern hin und her. An solchen Tagen schien es so, als würden die Menschen noch mehr in Hektik und Eile verfallen, als sie es sonst schon taten. Gereizte Nerven elektrisierten den Himmel, gefolgt vom unermüdlichen Hupen der Autos. Stau. Wie jeden Tag um diese Zeit, aber an diesem Tag wollte jeder nur noch ins Kühle, wo auch immer das sein mochte. Selbst durch das geschlossene Fenster schienen all diese lärmenden Wellen durch kleine Poren den direkten Weg in Annas Gehirn zu finden. Sie fasste sich mit den Händen an die Schläfen und massierte sie, um ihrer Angespanntheit etwas entgegenzuwirken. Ihr Telefon klingelte pausenlos. Die immer gleiche Ansage: „Guten Tag, herzlich willkommen im Servicecenter, mein Name ist Anna Rehm, was kann ich für Sie tun?“ Völlig automatisch spulte sich diese Ansage aus ihrem Mund ab, mit dem immer gleichen Tonfall, in der immer gleichen Frequenz, ihrer Frequenz. Und schon in den ersten Worten hörte sie, um was es ging, und begann den Vorgang zu bearbeiten, noch bevor der Anrufer es ausgesprochen hatte. Eine Arbeitsweise, die sie sich angewöhnt hatte, um dem Auftürmen von Anfragen zu entgehen. Sie war sehr geschickt darin, arbeitete schnell und zuverlässig und verließ ihr Büro nie, bevor nicht alles abgearbeitet war. Das war ihr wichtig. Sie pflegte eine akribische Ordnung auf ihrem Schreibtisch. Sie gehörte zu den visuellen Menschen und Unordnung konnte sie geradezu in eine surreale Hektik versetzen. Sie hatte zu jeder Zeit den ordentlichsten Arbeitsplatz von allen. Gepaart mit einer gehörigen Portion Helfersyndrom tat sie alles, um ihren Kunden schnellstmöglich Abhilfe zu verschaffen. Anna arbeitete in der Kundenbetreuung einer großen Telefongesellschaft, und nach Jahren der Erfahrung wiederholten sich die Fragen der Kunden und sie hatte meist sehr schnell eine Lösung parat, um ihren Anrufern weiterzuhelfen. Für diesen Tag hatte sie ihren Schreibtisch leer gefegt und genug Platz für all die Anfragen, die morgen erneut auf sie einströmen würden. Annas Kollege ließ es sich nicht nehmen, vor Feierabend um die Ecke zu schielen. Konstantin Konetzke, ein sehr adretter junger Mann, der mit seinem Charme und seinem äußerst attraktiven Aussehen seine Kolleginnen regelmäßig aus der Fassung brachte. Nur Anna hielt ihm stand. Zumindest tat sie so, als würde er sie nicht im Geringsten interessieren. „Na, Anna, war viel los?“, fragte er mit diesem Sexhotlineton, wie ihn eine Frau nicht besser auflegen könnte. „Wie immer, Konstantin, wie immer“, antwortete sie ihm, während sie ihre Sachen packte und zum Aufbruch bereitete. „Wenn ich dich heute frage, ob wir am Wochenende ausgehen, wirst du mir dann eine Abfuhr erteilen, wie immer?“ Anna musste beinahe schmunzeln, wie er da an ihrem Schreibtisch lehnte mit seinem Sunny-venice-beach-boy-Blick und der schlitzohrigen Erwartung dahinter, dass er heute gewiss ein ‚Ja‘ bekommen könnte. „Wie immer, Konstantin, wie immer“, sagte sie und konnte ihr Schmunzeln nicht mehr unterdrücken. „Na gut“, sagte er mit einem betont pathetischen Seufzer, „dann werde ich wohl morgen mein Glück erneut versuchen müssen.“ „Ja, eben wie immer. Bis morgen.“ Mit einem Lachen ging sie an ihm vorbei und zwinkerte ihm kurz zu. „Bis morgen, Anna“, verabschiedete auch er sich und begrüßte den Anrufer, der sich in ihr Gespräch eingewählt hatte, mit seiner immer gleichen Ansage. Auf dem Weg zu ihrem Auto spürte sie zunehmend die Hitze unter ihre Kleidung kriechen. Die winzigen kleinen Schleusen auf ihrer Haut öffneten sich, und noch ehe sie an ihrem Auto angelangt war, lief ihr der erste Tropfen Schweiß die Stirn herab. Sie blickte zum Himmel und sah riesige Wolkenformationen, die wie erstarrt wirkten und gegen die Hitzewand gedrückt eine bedrohlich dunkle Färbung annahmen. „Ich hoffe, das Gewitter bringt mal ein wenig frischen Wind mit sich“, murmelte sie vor sich hin, öffnete die Autotür, an der sie inzwischen angekommen war, und stieg ein. Auto war an diesem Tag definitiv der falsche Ausdruck für den Blechkäfig, in dem sie saß. Backofen, das wäre angebrachter gewesen. Sie startete den Motor, kurbelte durch einen einzigen Knopfdruck alle Fenster runter und wünschte sich, ohne jeglichen Stopp den Fahrtwind an ihrer schweißnassen Haut zu spüren. Sie hatte sich noch nicht an ihr neues, technisch gut bestücktes Auto gewöhnt und war sich viel zu oft nicht gewahr darüber, dass sie jetzt auch eine Klimaanlage besaß. Aber sie mochte es auch viel lieber, wenn ihr der Fahrtwind um die Ohren sauste und nicht das Gebläse ihres Autos. Das Radio trällerte fröhlich vor sich hin, ein Sommerhit jagte den nächsten und der Moderator schien auch kein anderes Thema als die Temperaturanzeige zu kennen. Mit 38 Grad zählte dieser Tag bisher zu den heißesten des Jahres. Anna hörte nicht wirklich hin. Mit ihren Gedanken war sie bereits zu Hause und bereitete sich ihre Mahlzeit. Völlig unentschlossen, was es nun heute werden sollte, wippte sie mit ihrem Kopf im Takt der Musik. Voll schnörkeligem Schmachten dachte sie an die letzte Nacht und die Innigkeit mit Benno. Es hatte sich etwa so angefühlt wie beim ersten Mal, als sie miteinander geschlafen hatten. Hitzige Leidenschaft, die sich aufbäumte hinter der höflichen Distanz in der Erwartung des ersten Schrittes, der die Grenzen sprengte. Mit einem Mal wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. So, als hätte man sie rückwärts von einer Schaukel gezerrt und auf den Boden geschmettert. Was hatte der Moderator gerade gesagt? Und warum klang seine Stimme plötzlich weiblich? „Wenn du nicht weißt, was du weißt, weißt du nicht, wer du bist.“ Und schon trällerte wieder der nächste Sommerhit munter vor sich hin. Hatte sie das jetzt tatsächlich gehört? Ohne auf den Verkehr zu achten, starrte sie das Radio an. Lautes Quietschen und Hupen riss ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. Sie war auf die Gegenfahrbahn gekommen und konnte gerade noch rechtzeitig ihr Auto wieder zurücklenken. Alles fühlte sich plötzlich komisch an. Sie blickte in den Rückspiegel. War jemand mit in ihrem Auto? Sie konnte niemanden sehen. Anna war kreidebleich im Gesicht und konnte sich selbst nicht verstehen. Es jagte ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. Ihre Härchen an den Armen stellten sich auf und stachen wie viele kleine Nadeln in ihre Haut. Sie war wie geschockt, gelähmt. Sie konnte nicht einordnen, wovon überhaupt. Als sie sich wieder gesammelt hatte, rekonstruierte sie die Situation in ihrem Kopf noch einmal. „Ich bin gefahren, habe mir überlegt, was ich kochen könnte, und der Moderator im Radio war doch eindeutig männlich. Und dann dieser Satz einfach so zwischen den beiden Songs. Mit dieser unmenschlichen und doch irgendwie weiblichen Stimme. Wie war das noch gleich? Was weiß ich nicht?“ Ihr war aufgefallen, dass dieser Satz deutlich lauter gesprochen worden war. Genau wie die Verkehrsansagen, die sich zwischenschalteten, wenn sie eine CD im Auto hörte. Inzwischen lief wieder Wohlfühlmusik und sie schüttelte kurz den Kopf. „Verrückt“, dachte sie und atmete tief durch. „Alles in bester Ordnung. Wahrscheinlich einfach eine neue Rubrik, ‚Weisheit des Tages‘ vielleicht. Aber so kommentarlos zwischen zwei Songs angebracht, hatte es schon etwas Gespenstisches“, sagte sie sich selbst, als würde sie selbst die Haltung einer zweiten Person einnehmen, die sie aus ihrem Schock zurück in die Realität holte. Sie tat ihre Reaktion als völlig überzogen und unangemessen ab und wippte fröhlich summend mit dem Kopf im Takt der Musik. Zu Hause angekommen, klemmte sie sich die Post unter den Arm und nahm das Telefon an, das sich in dem Moment lauthals meldete, als sie ihre Wohnung betrat. Auf dem Display erschien Bennos Name.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 284
ISBN: 978-3-95840-898-2
Erscheinungsdatum: 08.08.2019
EUR 17,90
EUR 10,99

Krampus & Nikolo