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Warum Superhelden keine Superkräfte brauchen

Nina Michaelis

Warum Superhelden keine Superkräfte brauchen

Leseprobe:

Februar


Es war eine Sache, mitten im Schuljahr auf eine neue Schule zu kommen. Es war eine andere, wenn man in eine Schule gesteckt wurde, für die sich offensichtlich selbst der Direktor entschuldigen wollte.
„Ein paar Schüler hier verstehen es noch nicht, gewisse Grenzen einzuhalten. Aber wir arbeiten daran“, erklärte der Mann und seine Halbglatze glänzte im Sonnenlicht wie eine polierte Motorhaube.
Direktor Hobbs kompensierte die fehlende Haarpracht mit einem dichten, aber äußerst gepflegten Bart, über den er schon seit geraumer Zeit strich. Vielleicht wirkte das beruhigend auf ihn, vielleicht war es auch einfach nur eine Angewohnheit, die er nicht mehr loswurde.
„Versuch dich einfach von den schlimmsten Unruhestiftern fernzuhalten. Dann kann ich dir eine ruhige Schulzeit garantieren. Du bist im vorletzten Jahr, also hast du es bald geschafft. Im Gegensatz zu mir. Bis zu meiner Pension habe ich noch zehn Jahre. Es sei denn, ich bekomme vorher noch einen Herzinfarkt“, Hobbs strich sich ein letztes Mal durch den Bart und atmete hörbar tief durch. „Noch irgendwelche Fragen?“
„Äh …“, machte Jake und schluckte trocken.
Es war nicht das erste Mal, dass er neu an einer Schule war. Durch den Job seines Vaters hatte er mittlerweile schon in halb Amerika gewohnt, aber so ein Einführungsgespräch hatte er noch nie gehabt. Wenn dieser Mann vor ihm gerade versuchte, ihm Mut zu machen, war das gänzlich in die Hose gegangen. An Motivationssprüchen konnte Hobbs eindeutig noch feilen.
„Wer sind denn die schlimmsten Unruhestifter?“, wollte Jake wissen und rutschte im Stuhl etwas herum.
Hobbs verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln.
„Das ist eigentlich nicht schwer herauszufinden. Spätestens in der Mittagspause wirst du bestens Bescheid wissen. Sie haben den großen Tisch in der Mitte der Mensa für sich beansprucht. Also setz dich dort lieber nicht hin. Alles klar?“
„Ja … Alles klar.“
Nein, nichts war klar. Diese Schule klang, als sei sie die Hölle auf Erden. Was machte er da überhaupt?!
Doch anstatt die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, versuchte er nur das schiefe Lächeln des Direktors zu erwidern. Zum Abschied gab es einen feuchten Händedruck, bei dem unklar war, wer mehr schwitzte. Das war wohl auch Hobbs aufgefallen, denn er warf ihm einen verständnisvollen Blick zu und wandte sich ein letztes Mal ab, um eine Mappe aus seiner Schreibtischschublade herauszuholen.
„Bevor ich dich in diesen Dschungel entlasse … Hier ist dein Stundenplan mit den Raumnummern. Und hier der Lageplan. Das hier ist ein Handbuch zu unseren Schulregeln, aber du wärst der Erste, der es auch wirklich durchlesen würde. Im Prinzip sind es dieselben Regeln wie an jeder anderen Schule auch. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Waffen und kein Sex. Ach ja, und keine Feuerwerkskörper.“
Jake nahm die Mappe an sich, die ihm vor die Nase geschoben wurde, und nickte zu jedem Verbot. Auch wenn er nicht wusste, was jemand hier mit Feuerwerkskörpern machen sollte. Aber so wie Hobbs es betont hatte, diente dieses Verbot nicht nur zur Prävention. Dann warf er einen kurzen Blick auf den Stundenplan. Bevor er hierher gewechselt war, hatte er seine Leistungskurse wählen müssen, und er war sichergegangen, dass darunter auch Musik war. Denn das war das Einzige, womit er wirklich etwas anfangen konnte. Wenigstens schien diese Schule einen recht motivierten Musiklehrer zu haben, denn der Direktor hatte ihn in den höchsten Tönen gelobt. Das hob diese Sache mit den Unruhestiftern geringfügig wieder auf. Er würde einfach in der Masse untertauchen und die Zeit hier absitzen, bis er den Abschluss in der Tasche hatte. Das sollte doch nicht so schwierig sein.
Hobbs erhob sich, um ihn bis zur Tür zu begleiten, und klopfte ihm aufbauend auf die Schulter. „Ein Mädchen namens Olivia wartet draußen auf dich und bringt dich zur Klasse. Sie hat fast denselben Stundenplan wie du. Wenn du Fragen hast, dann wende dich an sie.“
„Mach ich.“
„Gut. Willkommen an der Golden Willow High, Jacob“, Hobbs öffnete die Tür und winkte ein Mädchen zu sich, dessen braune Lockenpracht vermutlich auch Shakiras Haare in den Schatten stellte.
Sie hatte das Gesicht einer Elfe, mit einem kleinen Mund, großen runden Augen und langen Wimpern. Aber auf ihrem schwarzen überlangen T-Shirt stand in großen weißen Lettern „FUCK YOU!“. Er war sich nicht ganz sicher, ob dieses T-Shirt ihrer Einstellung entsprach.
„Das ist Jacob. Unser Neuzuwachs. Zeig ihm, was er wissen muss.“
„Bekomm ich dann meine Kopfhörer wieder?“, fragte Olivia und gähnte Hobbs ins Gesicht, was ihn nur leise seufzen ließ.
„Zeig ihm, was er wissen muss. Dann sprechen wir noch mal darüber. Und halte ihn von Ärger fern.“
Olivia musterte Jake mit einem prüfenden Blick von Kopf bis Fuß und schnalzte dann missbilligend mit der Zunge.
„Er sieht aus wie ein Opfer.“
Das war nicht gerade das, was Jake hören wollte. Aber er war zu einfallslos, um sich zu verteidigen. Vielleicht weil er sich selbst manchmal so sah. Er war kleiner als der Durchschnitt, hoffte aber stets, dass er mit seinen 17 Jahren noch einen Wachstumsschub bekommen würde. Seine Haare waren derart widerspenstig, dass er sich manchmal gar nicht erst die Mühe machte, sie zu frisieren. An der Benennung der Haarfarbe schieden sich die Geister. Einige würden es als Braun bezeichnen, andere wiederum als Rot. Er fand, es war Rostbraun. Ein paar Sommersprossen im Gesicht hatten ihm schon mehr als einmal den Spitznamen Pippi Langstrumpf beschert. Das Einzige, was er wirklich an sich mochte, waren die hellblauen Augen. Aber Olivia sah ihn nur entgeistert an, also starrte er ebenso entgeistert zurück.
„Mir ist egal, wie er aussieht. Ich will nur nicht, dass er gleich am Anfang in irgendwelche Probleme hineinrutscht. Ist das klar?“, hörte er Hobbs sagen.
„Klar“, erwiderte Olivia schulterzuckend und drehte sich dann um.
Hobbs schüttelte den Kopf und murmelte etwas in seinen Bart hinein, als er bemerkte, dass Jake noch neben ihm stand.
„Geh. Sie wird nicht auf dich warten.“
Und das tat er dann auch. Im Laufschritt war er schnell an ihrer Seite. Sie sah stur geradeaus, als er sie einholte. Offensichtlich war sie nicht an Small Talk interessiert. Sollte ihm nur recht sein. Sie war ungefähr gleich groß wie er, aber sie war zügig unterwegs und er musste aufpassen, dass er ihr Tempo halten konnte, ohne mit anderen zu kollidieren.
„Hobbs hat dir erzählt, wie es hier abläuft?“, fragte sie dann doch, als sie die Treppe hochmarschierte.
„Er hat gesagt, ich solle mich von den Unruhestiftern fernhalten.“
Olivias Mundwinkel zuckte leicht, als wolle sie zu einem Lächeln ansetzen. „Das ist schon mal ein guter Ansatz. Aber wenn ich dir einen Ratschlag geben darf … Such dir so schnell wie möglich Anschluss. Als Einzelgänger wirst du es hier drinnen nicht sehr lange überleben. Die Warren-Brüder sind immer auf der Suche nach einem neuen Spielzeug, das sie zerlegen können, bis es kaputt ist oder sie das Interesse verlieren.“
Das … war auch nicht das, was Jake hören wollte. Machte sie das etwa absichtlich??
„Die Warren-Brüder?“, fragte er, um nicht auf seine Opferrolle einzugehen, die er in ihren Augen offenbar schon längst eingenommen hatte.
„Seth und Ian Warren. Der Ursprung allen Übels. So böse wie Voldemort und Melkor.“
„Melchior?“
War das nicht einer von den Heiligen Drei Königen?
Olivia antwortete ihm mit einem entnervten Stöhnen und blieb schließlich stehen, um ihn anzusehen, als hätte er gerade einen fetten Minuspunkt bei ihr kassiert.
„Herr der Ringe? Mittelerde? Silmarillion?“, zählte sie stirnrunzelnd auf. „Sauron? … Das sagt dir doch etwas, oder?“
„… Ja?“
Eigentlich sagte ihm das gar nichts. Er konnte gerade mal etwas mit „Herr der Ringe“ anfangen, aber er war kein Fan von Fantasy-Genre. Ihr das zu sagen, fühlte sich jedoch wie sozialer Selbstmord an. Sie stöhnte erneut auf und schob ihn dann durch die Tür, vor der sie stehen geblieben waren.
„Und so einen wie dich soll ich babysitten?“, hörte er sie hinter sich grummeln.
Sie zog ihn an einen freien Tisch in der letzten Reihe und fixierte ihn mit einem finsteren Blick. Dann schnalzte sie mit der Zunge und ging an ihren Platz, wo sie erst mal ihre halbe Tasche entleeren musste, um das richtige Buch für den Unterricht zu finden.
Das lief ja … gar nicht mal so schlecht. Er fuhr sich schon jetzt völlig erledigt über das Gesicht. Er hoffte nur, dass er der Vorstellungsrunde aus dem Weg gehen konnte. Manche Lehrer waren ganz besessen davon, Frischlinge vor der Klasse stehen und sie von ihrem Leben erzählen zu lassen, um sie besser in die Klasse integrieren zu können. Aber ihm waren die Lehrer lieber, denen das herzlich egal war. Er stand nicht gerne im Mittelpunkt. Er war lieber ein U-Boot. Im Großen und Ganzen nicht sichtbar. Das lag nicht einmal daran, dass er nicht auf dem Radar der Warren-Brüder erscheinen wollte. Er wollte generell auf keinem Radar erscheinen, es sei denn, er wollte tatsächlich Freundschaften schließen.
In der ersten Stunde hatte er Englisch und eine junge Frau mit einem dunkelhaarigen Bobschnitt, Miss Robinson, trat energiegeladen ins Klassenzimmer. Sie warf schwungvoll das Klassenbuch auf den Lehrertisch und klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit ihrer Schüler zu bekommen, denn einige schienen noch nicht bemerkt zu haben, dass der Unterricht bereits begonnen hatte.
„Ladys und Gentlemen, ich habe eine erfreuliche Nachricht für euch“, sagte sie strahlend und lehnte sich gegen den Tisch.
Jakes Hoffnung, sich nicht vorstellen zu müssen, sank gerade auf null. Denn diese Einleitung kannte er nur zu gut. Nachdem sich niemand großartig für ihre „erfreuliche Nachricht“ zu interessieren schien, sprach Robinson einfach weiter und machte eine einladende Handbewegung in seine Richtung. Automatisch rutschte er in seinem Stuhl etwas hinunter.
„Ab sofort haben wir einen neuen Mitschüler in unserer Runde. Jacob, willst du dich nicht kurz vorstellen?“
Nein … Eigentlich nicht.
Doch Jake lächelte tapfer und erhob sich, als sie ihn zu sich bat. Er konnte die Blicke der anderen auf seinem Rücken spüren. Mittlerweile hätte er das durch die letzten Schulwechsel schon gewohnt sein müssen, aber es schmeckte ihm trotzdem nicht. Es war jedes Mal eine Qual. Er wurde noch eine Spur unsicherer, als seine Mitschüler zu tuscheln anfingen und er Wörter wie „klein“ oder „Sommersprossengesicht“ aufschnappen konnte. Nervös rieb er sich die Hände und er hatte das Gefühl, dass seine Gesichtsmuskulatur zu zucken angefangen hatte. Aber er versuchte sein Bestes, sich nichts davon anmerken zu lassen. Als er jedoch in die Gesichter sah, die ihm aus der ersten Reihe entgegenstarrten, wusste er, dass sein Versuch kläglich gescheitert war. Sie sahen es ihm an, wie nervös er war. Eindeutig. Vermutlich, weil er jetzt ein Gesicht zog wie ein Reh vor dem herannahenden Scheinwerferlicht.
„Hi“, begann er dann und seine Englischlehrerin, die er gerade innerlich für diese Misere verfluchte, nickte ihm aufmunternd zu. „Ich bin Jacob West. Aber ihr könnt mich Jake nennen. Ich bin gerade aus Chicago hergezogen … Freut mich, euch kennenzulernen.“
„Aww“, machte Robinson und klatschte entzückt in die Hände. „Danke, für deine Vorstellung, Jake. Hat noch jemand Fragen an ihn?“
Doch Jake flüchtete schon auf seinen Platz und versteckte sich quasi hinter seinem Vordermann, der groß genug war, um ihn unbeabsichtigt abzuschirmen. Miss Robinson warf noch einen abwartenden Blick durch das Klassenzimmer, sah jedoch schnell ein, dass es vergebene Liebesmüh war, auf interessierte Fragen zu warten, und begann mit dem Unterricht, den Jake damit verbrachte, das lachende Smiley auf dem Rücken seines Vordermannes zu betrachten. Witziger Pullover.


*


Nach der ersten Stunde hätte Jake gerne den Rest des Schultages ausfallen lassen. Aber noch bevor er sich aus dem Klassenzimmer begeben konnte, wurde er von ein paar neugierigen Mitschülern umringt. Auch das hätte er mittlerweile gewohnt sein müssen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er sich unter so vielen Augenpaaren unwohl fühlte. Und dann kamen letztendlich doch ein paar Fragen, auf die Robinson vorhin noch gewartet hatte. Die Fragen waren die gleichen wie sonst auch: Warum bist du hierhergezogen? Wie groß bist du? Was sind deine Hobbys? Was machst du so am Wochenende? … Solche und ähnliche Fragen dienten im Prinzip nur dazu, ihn in eine Kategorie stecken zu können. War er Sportler, Nerd, Emo oder Hippster? Es war anstrengend, sich kategorisieren zu lassen, aber er wusste, dass das ein Tick der Gesellschaft war. Sie würden noch früh genug merken, dass er in keine dieser Kategorien passte. Als sich Olivia einen Weg durch die kleine Menschentraube bahnte, hätte er beinahe erleichtert aufgeatmet. Obwohl er bei ihrem finsteren Blick bestimmt alles andere als erleichtert sein sollte. Aber im Moment war ihm ihre Gesellschaft lieber als die der anderen.
„Bist du etwa hier festgewachsen? Komm endlich, wir müssen in den anderen Flügel, wenn wir ins Musikzimmer wollen. Du hast doch jetzt auch Musik, oder?“
Jake sah nicht auf seinen Stundenplan, dennoch nickte er eifrig. Er stopfte alles in seinen Rucksack und schulterte ihn um. Als er aufsah, ging Olivia gerade aus dem Zimmer und wieder musste er ihr im Laufschritt hinterherlaufen.
„Danke wegen vorhin“, sagte er ehrlich, kassierte von ihr aber nur einen skeptischen Seitenblick. „Ich hasse erste Schultage. Ich komme mir dann jedes Mal vor wie ein seltenes Tier im Zoo“, versuchte er sich zu erklären.
Olivia schnaubte. „So toll bist du nun auch wieder nicht. Du bist eher wie einer von diesen …“
Sie wandte sich nun gänzlich zu ihm, um ihn noch einmal abzuchecken, „… von diesen Faultieren, die nur im Baum hängen und schlafen.“
Er wusste nicht, ob das eine Provokation sein sollte oder nicht. Er mochte Faultiere irgendwie. Nichtsdestotrotz folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Das war immerhin die schnellste Möglichkeit, den richtigen Kursraum zu finden. Sie durchquerten scheinbar die ganze Schule. Die Gänge waren voll mit anderen Schülern, die ebenfalls den Kursraum wechselten, und der Geräuschpegel war beinahe unerträglich laut. Wie er sich hier in nächster Zeit zurechtfinden sollte, wusste er auch nicht. Das sah irgendwie alles gleich aus, aber er nahm sich vor, am Abend den Lageplan der Schule zu studieren und den Stundenplan mit den jeweiligen Räumen auswendig zu lernen. Dann wäre er nicht ganz so abhängig von dem überaus liebreizenden Mädchen neben ihm.
„Ich hoffe, du spielst ein Instrument“, sagte sie plötzlich und sah auf ihre Uhr. Sie waren offenbar schneller unterwegs gewesen als geplant, weshalb sie ihr Tempo ein wenig drosselte. Jake machte innerlich drei Kreuze.
„Ich spiele Klavier“, erwiderte er dann auf ihre indirekte Frage.
„Gut. Unser Musiklehrer hasst es, wenn man sich nur für den Leistungskurs einträgt, um genügend Punkte zu bekommen. Das hier ist ein Leistungskurs wie jeder andere auch. Das heißt, du musst auch ordentlich was dafür tun.“
„Welches Instrument spielst du denn?“
„Geige“, sagte sie und deutete auf das Zimmer am Ende des Ganges, aus dem man schon hören konnte, wie einige Instrumente von irgendjemandem gequält wurden. Und das hörte wohl nicht nur er, sondern auch jemand hinter ihm. Denn plötzlich wurde er zur Seite geschoben und ein Mann Anfang 30 stapfte wutentbrannt an ihm vorbei, um in dem besagten Zimmer am Ende des Ganges seiner Wut freien Lauf zu lassen.
Als Olivia und er in das Musikzimmer kamen, warf der Mann gerade mit einem Notenheft nach einem Schüler, der die Trompete nicht aus der Hand geben wollte.
„Das ist Mister Baker. Er ist mit der Musik verheiratet, und jeder, dem Noten oder Instrumente egal sind, bekommt seine Wut zu spüren“, Olivia klang irgendwie so, als wäre es das Großartigste, was ein Lehrer tun konnte. Und als er zu ihr schaute, konnte er sie tatsächlich grinsen sehen.
Als es zum Unterricht klingelte, dauerte es etwas, bis sich alle auf einen freien Stuhl setzten. Baker stand neben dem Klavier, die Arme vor der Brust verschränkt, und warf einen prüfenden Blick durch die Gruppe. Jake nahm an, er würde das neue Gesicht in dieser Gruppe suchen. Doch stattdessen suchte er jemand anderen. Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen fand er denjenigen nicht. Er richtete sich die Brille und griff dann kopfschüttelnd nach dem Klassenbuch.
„Seth fehlt schon wieder? Das ist schon das dritte Mal in Folge. Kann jemand diesem Nichtsnutz sagen, dass ich ihn durchfallen lasse, wenn er weiterhin schwänzt?“, knurrte Baker und schrieb einen Eintrag, ehe er das Buch wieder beiseitelegte und sein stechender Blick zu dem Neuling in der Gruppe wanderte.
„Du musst Jacob West sein. Ich bin Baker, dein Musiklehrer. Hast du schon ein Instrument gelernt?“
Jake saß automatisch aufrecht, als er angesprochen wurde. War der Mann wirklich ein Musiklehrer? Mit der Statur und dem Blick hätte er genauso gut für eine militärische Spezialeinheit arbeiten können. Warum hatte Hobbs ihn nicht vor Lehrern wie ihm gewarnt?
„Klavier“, antwortete Jake und hätte beinahe ein „Sir“ hinzugefügt.
„Klavier, hm?“ Baker deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Kannst du uns eine Kostprobe liefern?“
Jake war vorhin noch dankbar gewesen, die Vorstellungsrunde dieses Mal überspringen zu dürfen. Aber jetzt saß er nur aschfahl da. Es war nicht so, dass er nicht gerne vorspielte. Er mochte es nur nicht, so unvorbereitet etwas zu spielen. Und dann noch vor einem Publikum, das nur darauf wartete, dass er es verhunzte. Doch Baker wirkte nicht wie eine Person, die mit einer Engelsgeduld gesegnet worden war. Und selbst Olivia bedeutete ihm mit einem stummen Blick zum Klavier, dass er gehen sollte. Also stand er auf. Er stakste mehr, als dass er ging, und setzte sich schließlich auf den schwarzen Hocker, während er versuchte, die Blicke zu ignorieren.
Er hasste erste Schultage.
Tief durchatmend legte er schließlich seine Hände auf die Tasten und spielte probeweise eine Oktave mit links und mit rechts, um seine Finger kurz aufzuwärmen. Denn im Moment fühlten die sich richtig steif an. Dann stimmte er eine kurze Melodie an. Nichts Kompliziertes. Etwas, wo die rechte Hand mehr Arbeit leistete als die linke. Aber er spielte fehlerfrei, und das war für ihn die Hauptsache. Als er wieder aufsah, nickte Baker ihm leicht zu und bedeutete ihm, dass er sich wieder setzen konnte.
„Das war okay. Ein wenig emotionslos, aber du kannst immerhin spielen“, sagte der Musiklehrer.
Was danach folgte, war eine Einführung in die Ziele dieses Kurses. Diese Einführung galt höchstwahrscheinlich nur Jake. Denn die anderen versuchten, nicht ganz so offensichtlich Löcher in die Luft zu starren. Baker machte keine Prüfung. Oder Tests. Bei ihm musste man nicht wissen, wann Mozart gelebt hatte. Oder welcher Landsmann Chopin gewesen war. Er ließ seine Schüler jedoch am Ende des Schuljahres ein Konzert veranstalten, das dazu diente, einen Gewinner zu ermitteln. Und dieser Gewinner würde später die Golden Willow High bei einem Bezirkswettbewerb vertreten. Baker überließ ihnen, ob sie allein oder paarweise auftraten. Er überließ ihnen auch größtenteils die Wahl der Stücke. Sie sollten nur einem gewissen Standard entsprechen. Jetzt sah er zu Jake und kratzte sich nachdenklich über seinen Stoppelbart.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 340
ISBN: 978-3-99064-755-4
Erscheinungsdatum: 22.10.2019
EUR 17,90

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