Sonstiges & Allerlei

Versteckte Farbenpracht

Victoria Franziska Schwarz

Versteckte Farbenpracht

Leseprobe:

1


Im Laufe eines Menschenlebens, verteilt über viele Jahre hinweg, verändert sich nahezu alles. So kamen auch diesmal die Veränderungen auf leisen Pfoten herangeschlichen, unwahrnehmbar träge mischten sie sich unerkannt in den grauen Alltag, bis man sich an den neuen Zustand gewöhnt hatte. Meist bemerkte man diese hinterlistigen Eindringlinge erst, wenn man sich unbequemer Tatsachen bewusst wurde. Die Einsicht kam dafür dann aber rasch, von einem Moment auf den anderen sah man sich gezwungen, der ernüchternden Realität ins Auge zu blicken.
Es hatte eine Zeit gegeben, genau genommen war es noch gar nicht so lange her, da hatte Iris ihre Samstage in vollen Zügen genossen. Samstag war der Tag gewesen, den sie sich die gesamte Woche lang still herbeigesehnt hatte. Am Samstag konnte sie sich endlich Zeit nehmen, meist hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt. Die ganze Woche lang kamen ihr Ideen in den Sinn, es gab so viele herrliche Dinge, mit denen man die spärliche Freizeit füllen konnte. Meist endete sie dann aber bei einem späten, jedoch ausgiebigen Frühstück; nebenbei lief irgendeine Radiosendung, Iris hörte selten aufmerksam zu, sie war damit beschäftigt, ihre Sinne schweifen zu lassen. Ausschlafen konnte sie nur am Samstag, und diese Gelegenheit hatte sie regelmäßig in vollen Zügen ausgenutzt. Danach konnte viel passieren, beinahe jedes Mal warf sie ihre Pläne über Bord und tat, wonach ihr der Sinn stand. Veranstaltungen, Bücher, Kino oder aber auch Museen warteten darauf, entdeckt zu werden. Am Samstag allerdings musste man es ruhig angehen lassen, und Iris gönnte sich, wonach ihr der Sinn stand. Am Abend wurde es meist recht spät, was gab es Schöneres, als den Samstagabend in Gesellschaft von Freunden zu verbringen? Bei einem guten Glas Wein, ausgelassener Musik, anregenden Gesprächen und dem gelegentlichen Flirt fühlte man sich im Mittelpunkt des Lebens.
Dann war Stephan in ihr Leben getreten, und die Dinge wandten sich, jedoch nicht unbedingt zum Schlechteren. Iris musste sich eingestehen, dass es durchaus auch schöne Momente in ihrer kurzen Ehe gegeben hatte. Den Samstagen hatte sie auch damals einen besonders hohen Stellenwert eingeräumt. In vielerlei Hinsicht war die Zeit sogar noch kostbarer gewesen, zu zweit kam man auf ganz neue Ideen, und von der jungen Liebe beflügelt ließ man sich gerne auf neue und spannende Waghalsigkeiten ein. Lediglich die Abende waren kürzer geworden, Iris hatte ihren Freundeskreis hinten angestellt; sie fragte sich, was mittlerweile aus ihren vielen Freunden geworden war, nur noch zu Magdalena hielt sie Kontakt, all die anderen Menschen hatten sich wie Sand im Wind verstreut.
Damals war es Iris gar nicht aufgefallen, erst als die erste Krise über sie hereinbrach und sie sich die Vergangenheit zurückwünschte, bemerkte sie, wie weit sie sich von ihrem ehemaligen Leben bereits entfernt hatte. Von diesem Leben war ihr heute nur noch sehr wenig geblieben.
Als Nächstes erblickte Elias das Licht der Welt, nur drei Jahre später folgte ihm seine Schwester Laura. Die Woge aus Verantwortung kam gut getarnt durch die Hintertür, Glück und Stolz überwogen, erst sehr viel später realisierte Iris, was für Einbußen sie hatte tätigen müssen. Das Leben, das sie einst gekannt und geliebt hatte, war verschwunden. Es gab keine lebhaften Samstagabende mehr, auch ans Ausschlafen war nicht mehr zu denken, der Energiehaushalt ihrer Kinder war nahezu unerschöpflich, und Iris tat ihr Bestes, um die beiden beschäftigt zu halten.
Kaum waren Elias und Laura in Iris’ Leben getreten, hatte Stephan die Bildfläche verlassen. Seither war wirklich nichts mehr, wie es einst gewesen war, und doch war sich Iris gerade eben erst dieser Tatsache bewusst geworden. Zwei Jahre hatte es gedauert, seit satten zwei Jahren lebte sie nun schon so vor sich hin. Alleine, ohne Mann an ihrer Seite, mit zwei Kindern, einer Freundin, mit der sie bestenfalls alle vierzehn Tage telefonierte, und einem deutlich begrenzten Budget.
Das war es dann also, das wirklich Essenzielle an Veränderungen, sie kamen schnell und unerwartet, und trotzdem fiel es ihnen sonderbar leicht, sich unerkannt in den Alltag zu integrieren. Die Gefahr erkannte man erst, wenn es bereits viel zu spät war. In der Zwischenzeit hatte sich Iris’ Welt in ein neues Gefüge geschoben, die Pflicht stand an erster Stelle, selbst der Samstag hatte sich in den schalen Alltag eingefügt. Iris kam es so vor, als hätte das Leben an Farbe verloren. Ihre Wochenenden verbrachte sie nun eingepfercht zwischen Wäschesäcken, Hausaufgaben, Spielwarenläden und anderen Besorgungen. Der Samstag war beinahe schon am wenigsten zu ertragen. So konnten sich die Dinge ändern.
Iris streckte die schmerzenden Beine von sich und breitete sich auf der Parkbank aus, die drei Einkaufstaschen hatte sie neben sich abgestellt, zu viel Zeit durfte sie sich nicht gönnen, Milch und Butter hatten es eilig, in den Kühlschrank zu gelangen. Ein wenig Ruhe wollte sich Iris aber trotzdem gönnen, sonst kam sie ja nicht mehr dazu. Der kleine Spielplatz hatte sich für sie in einen Hort des Friedens und der Idylle verwandelt. Obwohl nur wenige Schritte von der eigenen Haustür entfernt, war Iris dieser Spielplatz früher kaum aufgefallen, allerhöchstens die Teenager, die sich in der späten Nacht gerne hier die Zeit vertrieben, waren ihr hin und wieder ins Auge gestochen. Tagsüber zeugten nur die Zigarettenstummel vom Besuch dieser zwielichtigen Gestalten. Wer hätte jemals gedacht, dass sich dieser Ort in eine Oase der Einsamkeit verwandeln konnte? Die Kinder brüllten zwar wild um die Wette, aber davon durfte man sich einfach nicht ablenken lassen. Iris hatte gelernt sich in Bescheidenheit zu kleiden, Gefallen konnte sie daran freilich nicht finden, aber wie die meisten Menschen fand sie sich mit ihrem Schicksal ab.
Es war einfach, Lauras Interesse für den Spielplatz zu wecken, das Mädchen war sechs Jahre alt und hatte gerade mit der Schule begonnen. Sie war leicht zu begeistern und fand schnell Spielkameraden, jeden Tag schloss sie neue, vorläufige Freundschaften. Des Öfteren hatte Iris dieses Talent mit Neid verfolgt und fragte sich, ob es ihr auch einmal so leicht gefallen war. Mittlerweile tat sie sich ziemlich schwer damit, mit fremden Menschen überhaupt erst ins Gespräch zu kommen.
Elias, ihr Erstgeborener, hatte mit anderen Problemen zu kämpfen. Mit neun Jahren fühlte er sich eindeutig zu erwachsen für den Spielplatz, er wollte nach Hause, um sich dort mit seinen Videospielen zu beschäftigen. Das war Iris eigentlich ganz recht, so verhielt sich Elias zumindest ruhig und machte keinen Ärger. Leider vergaß er über das Spielen hinweg oft auch seine Hausaufgaben, und dann gab es doch noch Ärger. Jedes Mal weigerte sich Elias mit auf den Spielplatz zu kommen, er maulte und quengelte, zog an Iris’ Armen, drohte ihr die Einkaufstaschen aus der Hand zu reißen, und ließ sich manchmal sogar zu Beschimpfungen hinreißen. Iris wusste nicht, wo er diese wüste Umgangssprache aufgeschnappt hatte, zuerst hatte sie Stephan, ihren Exmann verdächtigt. Es war allerdings wahrscheinlicher, dass sich die Schuldigen auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern wiederfinden ließen. Iris hatte Elias’ Schandmaul mit diversen Verboten entgegengesetzt, eine Methode, die meist ihre Wirkung nicht verfehlte, es endete aber damit, dass Elias sich dann noch unerträglicher verhielt, vor allem seiner kleinen Schwester gegenüber. Nur auf die Schimpfwörter und Flüche verzichtete er. In solch einer Situation wusste sich Iris nicht mehr zu helfen, Elias konnte nichts mit sich anfangen, alles war ihm verboten worden, also brüllte er sich die Seele aus dem Leib, trat gegen seine Zimmertür und boxte gegen die Wände. Jedes Mal plagten Iris die Schuldgefühle, und so endete es doch wieder damit, dass Elias vor den Computer verfrachtet wurde. Es war die einfachste Lösung, mit Sicherheit aber nicht die beste, und trotzdem wusste sich die alleinerziehende Mutter keinen anderen Rat.
Am Spielplatz angelangt bot sich auch jedes Mal dasselbe Trauerspiel. Zuerst jammerte Elias, protestierte und wich seiner Mutter nicht von der Seite. Dann schlug er die Anschaffung eines Gameboys vor, eine Diskussion, der Iris beizeiten überdrüssig geworden war. Um ehrlich zu sein, wenn sie sich dieses kleine, elektronische Gerät hätte leisten können, dann hätte sie kein zweites Mal darüber nachgedacht. Leider fehlte es an der Finanzierung. So musste sie diese Schlacht jedes Mal aufs Neue schlagen, einen Gewinner gab es nicht. Elias wurde laut, grob und unhöflich, Iris ignorierte ihn, so gut sie konnte. Es dauerte ewig, aber irgendwann ging auch Elias die Luft aus, bevor er sich schmollend eine stille Ecke suchte, weit weg von seiner Mutter. Wenige Minuten später fand auch er Spielgefährten, irgendwo gab es immer jemanden, der Frisbee oder Fußball spielte und nach einem Mitspieler suchte. In diesen Momenten tat Iris ihr Möglichstes, den angesammelten Ärger herunterzuschlucken. Insbesondere den Ärger über Elias’ irrationales Verhalten. Am Ende kam ihr Sohn immer auf seine Kosten, hatte seinen Spaß und kam ihr dann mit breitem Grinsen und strahlenden Augen entgegengerannt. Spätestens dann verflog der Ärger, wenn auch nur für kurze Zeit. Momentan allerdings haderte Iris noch mit ihrem Zorn, sie war sich sicher, dass Elias absichtlich eine Szene veranstaltete, nur um sie zu ärgern. Sie wusste nur nicht, warum. Sie wischte sich das aschblonde Haar von der verschwitzten Stirn, die Zornesröte war ihr wieder einmal zu Kopf gestiegen. Sie wollte das alles für den Augenblick vergessen, den Stress und den Groll über sich hinwegschweben lassen, um für ein paar Minuten die Freiheit des Samstags zu genießen. Mehr war ihr davon nicht mehr geblieben.
Aber dieses Mal wurde ihr nicht einmal diese kurze Verschnaufpause gewährt. Argwöhnisch beobachtete sie eine ältere Dame, die auf einen Gehstock angewiesen durch den Park humpelte. Solch alte Mütterchen hatten es sich oft genug schon zur Aufgabe gemacht, Iris ihrer spärlichen Freizeit zu berauben. Diese in die Jahre gekommenen Frauen sehnten sich wohl nach etwas Gesellschaft und wollten lediglich plaudern. Dafür hatte Iris generell Verständnis, vor allem wenn sie sich an die eigene, einsame Mutter erinnerte. Trotzdem wollte sie es möglichst vermeiden, zum Ziel dieser Plaudereien zu werden. Sie verfügte einfach nicht über die nötigen Nerven, um fremde Lebensgeschichten über sich ergehen zu lassen. Sie hatte bereits selbst mit genug Problemen zu kämpfen.
Iris behielt die alte Dame im Auge. Als sie langsam näher kam, atmete Iris erst erleichtert durch. Es war kein Gehstock, den die Dame an der Hand führte. Außerdem trug sie eine Brille im Gesicht, die Gläser so schwarz wie ihre runzelige Haut. Die Frau war offensichtlich blind und tastete sich vorsichtig über den kleinen, betonierten Gehweg.
Aus irgendeinem, unersichtlichen Grund beruhigte Iris die Blindheit der fremden Dame. Sie verspürte einen gewissen Reiz bei dem Gedanken daran, zu sehen, aber nicht selbst gesehen zu werden. Trotzdem zog sie die Beine ein und rutschte an die Ecke der Bank, als die Frau näher kam. Zuerst stieß ihr Blindenstock, den sie in ausschweifenden Bögen vor sich hergezogen hatte, an den steinernen Fuß der Bank. Die Frau blieb sofort stehen. Iris hielt unbewusst den Atem an und beobachtete. Sie musste allerdings schnell feststellen, dass es für sie zumindest so gut wie unmöglich war, zu deuten, was diese Frau dachte, ohne dabei ihre Augen zu sehen. Die Dame bewegte und verzog zwar andauernd den Mund, aber diese Mimik kannte Iris nur zu gut: Es bedeutete, dass das falsche Gebiss nicht richtig saß. Auch das hatte sie schon oft an der eigenen Mutter beobachtet, mitunter ein Grund dafür, dass Iris das Alter fürchtete.
Die ältere Dame ließ sich von den vielen Hindernissen nicht weiter stören, selbstbewusst und routiniert streckte sie die rechte Hand aus und tastete nach der Bank. Beinahe zielsicher, hätte man es nennen können, denn sehr lange fuchtelte die Frau nicht durch die Luft. Die Bewegung wirkte automatisiert, einstudiert, wie von selbst fand die Hand ihr Ziel und umfasste den Rücken der Bank. Etwas träge drehte sich die Frau und verfrachtete sich mit einem lauten Seufzer auf die Sitzfläche. Den Blindenstock klemmte sie zwischen zwei Holzbrettern an der Sitzfläche am Ende der Bank ein. So unbeirrt wie ein Sehender, der seine Kleider einer Garderobe anvertraute.
Das alles beobachtete Iris still, auf der einen Seite tief beeindruckt und auf der anderen auch etwas neugierig. Trotzdem behielt sie ihre Gedanken für sich, sprach kein Wort und versuchte sich an die Präsenz der Dame zu gewöhnen, um wieder die wenigen, kostbaren Minuten der Einsamkeit auszukosten. Da hatte es schon so seine Vorteile, blind zu sein, man verbrachte quasi seine gesamte Existenz in der abgeschotteten Dunkelheit, und wenn man es wirklich nötig hatte, dann konnte man sich immer noch taub stellen. Der Gedanke allein war schon perfide genug, trotzdem konnte Iris sich nicht helfen, manchmal hätte sie gerne die blinde und taube Frau gemimt. Diese Momente häuften sich in letzter Zeit.
Es war einfach, sich an die Gesellschaft einer Person zu gewöhnen, die alleine und in sich zurückgezogen lebte, wahrscheinlich nicht wusste, wie man sich die Existenz vorzustellen hatte, und es sich nicht einmal dann hätte vorstellen können, wenn man ihr ausführlich davon berichtete. So dachte Iris zumindest, so hatte sie es sich vorgestellt. Jedoch, Veränderungen kamen meist auf Samtpfoten herangeschlichen, und man bemerkte sie erst, wenn man mit einer unbestreitbaren Tatsache konfrontiert, vor den Kopf gestoßen wurde.
Auch die alte Dame hatte die Füße von sich gestreckt, die Hände im Schoß gefaltet und wippte den Kopf von einer Seite zur anderen, als würde sie einer sanften Symphonie lauschen. Dann wedelte sie plötzlich mit der Hand vor dem Gesicht.
„Sie müssen dringend darüber nachdenken, das Parfüm zu wechseln, Liebes. Das Zeug stinkt zum Himmel.“
Innerlich zuckte Iris zusammen, aus großen Augen starrte sie die Dame an und wunderte sich gar nicht darüber, dass auch die Frau ihr das Gesicht zugewandt hatte. Ihrem ersten Impuls folgend, hätte Iris die Dame einfach ignoriert, so getan, als wäre das alles nie passiert, und hätte heimlich darauf gehofft, dass auch ihre Gesprächspartnerin den Vorfall einfach vergaß. Den Gedanken verwarf sie rasch wieder, stattdessen ließ sie sich zu einer empörten Antwort hinreißen.
„Verzeihen Sie bitte, aber das geht Sie wohl kaum etwas an.“
Die Dame zuckte mit den Schultern und wandte ihr Gesicht dann wieder ab.
„Da haben Sie natürlich recht. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, verzeihen Sie meine unhöflichen Worte.“
Iris nickte, auch wenn die blinde Frau es gar nicht hätte sehen können; irgendwie war sie sich aber sicher, dass die Fremde es sehr wohl mitbekam.
Obwohl Iris die Entrüstete gespielt hatte, war sie unsicher. So leise, wie es ihr nur möglich war, hob sie die Hand und roch an ihren Kleidern. Es entsprach der Wahrheit, dass sie wie jeden Morgen Parfüm aufgetragen hatte, riechen konnte sie es aber mittlerweile nicht mehr. Der Duft hatte sich bereits wieder verabschiedet. Sie nahm allerdings eine dezente Note des Weichspülers und allem voran Schweiß wahr. Verärgert rümpfte sie die Nase. Sie hätte die Behauptung doch keinem genauen Test unterziehen sollen. Wenn sie schon nach Schweiß roch, dann wollte sie es wenigstens in die tiefste Ecke ihres Unterbewusstseins verbannen, nun allerdings hatte sie traurige Gewissheit erlangt. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Schweigend verabschiedete sie sich von der Erholung, die sie sich versprochen hatte, nun war sie wirklich endgültig entnervt. Vielleicht konnte ein langes, entspannendes Bad den Tag noch retten. Wenn es sich denn mit ihrem Zeitplan vereinbaren ließ, denn zuerst musste sie sich um die Hausaufgaben der Kinder kümmern. Diesen Sonntag blieb keine Zeit dafür, morgen musste Iris ihre Mutter im Altersheim besuchen. Sonntagabends musste sie dann dafür sorgen, dass sich die Kinder einer ordentlichen Wäsche unterzogen. Außerdem hatte sie sich etwas Arbeit mit nach Hause genommen, die bezahlten Überstunden hatte sie wirklich dringend nötig. Schon allein bei dem Gedanken schien ihr der Kopf zu bersten; die Woche ging dem Ende entgegen, und es gab noch so viel zu erledigen.
„Welches der Kinder gehört denn zu ihnen?“, fragte die alte Dame plötzlich.
Warum wollte die fremde Frau das überhaupt wissen? Woher wusste sie überhaupt, dass Iris mit ihren Kindern hier war?
Die Frage mochte etwas unhöflich erscheinen, Iris war jedoch der Neugierde verfallen.
„Woher wissen Sie, dass ich meine Kinder ausführe?“
„Eine gesunde Mischung aus raten, deduzieren und kombinieren“, antwortete die Dame.
Wie Sherlock Holmes, dachte sich Iris. Nur hatte die Fremde dem Detektiv gegenüber einen ganz eindeutigen Nachteil, sie konnte nicht sehen. Dieses kleine Detail hatte Iris’ Neugierde weiter entfacht.
„Und wie genau haben Sie das gemacht?“
„Das ist ganz einfach, Liebes. Sie sind nicht verabredet, sonst wären sie viel unruhiger, nervös oder von Vorfreude geplagt, aber sie sitzen hier wie eine Steinstatue. Sie blättern auch nicht in einem Buch oder benutzen eines dieser neumodischen Computerdinger, also sind sie nicht hier, um sich unter freiem Himmel zu beschäftigen, und für eine ausruhende Joggerin riechen sie nicht streng genug.“
Die letzte Erklärung zauberte ein schwaches Lächeln auf Iris’ Lippen.
„Ich heiße Iris Wimmer und bin mit meinem Sohn Elias und meiner Tochter Laura hier.“
So offen und ehrlich war Iris schon lang niemandem mehr gegenübergetreten, diese blinde, scheinbar hilflose Frau strahlte aber etwas Beruhigendes aus.
„Mia Fuchs“, antwortete die Fremde und fuhr gleich mit fröhlicher Stimme fort.
„Dann sind es sogar zwei Kinder, kein Wunder, dass sie hier so still sitzen, sie wollten wahrscheinlich nur ein paar Minuten lang den herrlichen Herbst genießen, bevor sie sich wieder in die Schlacht des Alltages stürzen. Und ich alte Plaudertasche schwafle sie hier voll.“
„Das ist schon in Ordnung“, hörte sich Iris zu ihrer eigenen Verwunderung antworten. Eine Antwort, die nicht nur auf falsche Höflichkeit zurückzuführen war, sie meinte es wirklich ernst.
„Haben Sie Kinder?“, fragte die junge Mutter.
Langsam schüttelte die alte Dame den Kopf.
„Nein, ich war zweimal verheiratet. Der Erste heiratete mich aus Mitleid und hat mich aus Eifersucht verlassen. Den Zweiten heiratete ich aus Liebe, und er hat mich der Liebe wegen verlassen. Für Kinder hat es nie reichen wollen, umso mehr erfreut es mich, den tobenden Kleinen zu lauschen. Hören Sie einmal ganz genau hin, klingt das nicht einfach wunderbar?“
Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte Iris genau hin, sie hörte nicht nur teilnahmslos zu, sie lauschte. Unbewusst schloss sie die Augen, und etwas Seltsames ging vor sich. Die Umgebungsgeräusche, die sie sonst meist als störenden Lärm empfand, fühlten sich ganz anders an, angenehmer, auf eine gewisse Art und Weise sogar beruhigend. Sie vernahm Elias’ Stimme, klar und deutlich. Ihr Sohn verlangte nachdrücklich nach einer gewissen Position in einem Spiel, das ihr unbekannt war.
„Es hört sich so an, als hätten die Kinder irrsinnigen Spaß.“
„Genau, das ist Freude. Man kann das Glück aus dem Leben hören.“
Jetzt musste Iris kurz und schallend auflachen. Von dieser Seite hatte sie das noch nie gesehen, sie kannte auch niemanden, der die Welt von diesem Blickwinkel aus betrachtete. Dafür brauchte es wahrscheinlich die Augen einer Blinden.
„In diesem Alter sind sie noch süß und unschuldig; wenn Kinder spielen, dann haben sie Spaß. Sobald sich Erwachsene an ein Spiel wagen, dann geht es hauptsächlich um den Konkurrenzkampf und den Erfolg. Das ist, als würde man einer Horde brunftiger Eber zuhören.“
Wieder lächelte Iris, unfreiwillig an ihren Exmann und dessen Tischfußballmannschaft erinnert. Dabei war sie oft auch so weit gegangen, diesen Sport selbst infrage zu stellen. In dieser Hinsicht war sie wahrscheinlich ein wenig kleinlich und überheblich, aber für Iris war Tischfußball einfach nicht als anständige Sportart zu bezeichnen. Diese Leidenschaft hatte sie mit Stephan schlichtweg nicht teilen können.
„Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht“, antwortete sie, anstatt ihre Gedanken frei kundzutun.
Mia wog den Kopf.
„Nicht immer und nicht überall, aber oft genug.“
Man mochte sich nur an Hooligans erinnern. Eindeutig zu oft, da hatte Mia recht, genau genommen war einmal schon zu viel.
„Wie alt sind die Kinder denn, wenn ich fragen darf?“
„Elias ist neun, Laura ist sechs, sie ist gerade erst in die Schule gekommen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 348
ISBN: 978-3-99048-653-5
Erscheinungsdatum: 22.09.2016
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