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Trentens Weg in eine andere Welt

Ralf Blaustein

Trentens Weg in eine andere Welt

Leseprobe:

Trenten hatte lange Zeit gespart. Zwei Jahre hatte es gedauert, den großen Kahn zu bauen, der eine unschätzbare Menge an Menschen aufnehmen und in die Neue Welt bringen sollte. Genauso lange hatte Trenten auf all die Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet. Nicht einmal ein Glas Bier zur Feier der Fastnacht oder der Kirchweih hatte er sich gegönnt, nichts weiter als das Vorübergehen an einer Kneipe mitten in der Nacht, um wenigstens den Geruch all dessen aufzunehmen, was im realen Leben an ihm vorüberziehen musste. Selbst das Geld, um sich die langen Haare schneiden zu lassen, hatte er am Ende auf ein Drittel reduziert.

Dann war endlich der große Augenblick gekommen. Trenten war es schon so lange leid, all die schönen Dinge des Lebens entbehren zu müssen, nur um irgendwann das nötige Geld beisammenzuhaben. Und dann immer diese offene Frage: Wann? Wann wird das sein? Irgendwann! Würde er selbst es überhaupt noch erleben? Von einer Minute auf die andere kann das Leben eines Menschen zu Ende gehen. Als Staatsbediensteter hatte Trenten schon viele Menschen scheiden sehen. Zu viele. Trenten schmerzte es schon seit geraumer Zeit, seinen Dienst zu versehen. Und so kratzte er seine roten und hellen Rundlinge zusammen, legte alles auf die Seite, damit sie zu einem Teil des großen Ereignisses würden, wenn die Königin aller Schiffe endlich ihren Hafen verlassen würde. Doch würde, so musste man sich im Laufe der Zeit fragen, dieser Tag jemals seine Wellen schlagen, baute man doch schon Woche für Woche, Monat für Monat, Winter für Winter? Eines schönen Tages jedoch, man hatte das große Werk noch nicht aus seinem Dock gezogen, da öffneten die Schalter ihre Klappläden, und ein Ansturm noch nie gesehenen Ausmaßes setzte sich wie auf Befehl in Bewegung. Trenten, des langen Wartens müde, wollte sich schon einreihen. Doch als er jene unüberschaubar großen Züge erblickte, nahm er sich vor, die Vorhut gewähren zu lassen und seinerseits lieber erst einmal noch einen oder zwei Tage zu warten. Erzählte er allerdings, so dachte er bei sich, den vor ihm stehenden Menschen hier, auf welche Weise er sein Geld verdiente, so ließe man ihn ganz gewiss sofort an einen der vielen Schalter gelangen, nur, um ihn nicht in den eigenen Reihen zu wissen, denn kein Mensch auf dieser Welt würde wirklich gerne einem Angehörigen seiner Berufsgruppe gegenübertreten wollen. „Aber nein“, meuterte Trentens innere Stimme der Gerechtigkeit in solchen Sekunden, „das wäre dann auch nicht freundlich den anderen gegenüber. Und es wäre schließlich auch nicht nur von Vorteil für mich selbst, wüssten während der langen Reise alle Menschen, wer ich bin und was ich mache.“ So blieb er weise und geduldete sich noch für einen Tag, für eine Woche, für so manche Stunde mehr, die zu zählen er nicht fähig war. Dann aber, als die Schlangen an den Ausgabestellen langsam schrumpften, schickte er sich an, und so stand er schließlich selbst bald einem Verkäufer gegenüber.

„Guten Tag! Ein Ticket bitte! Nur für rüber. Einfach! Hinfahrt! Nicht gerade die teuerste Karte!“ „Eine billige Hinfahrt, der Herr, ich verstehe“, antwortet der schnöde Snob, der seine sorgfältig geordnete Haartracht unter einem beinahe an das Militär erinnernden Mützchen verbirgt, „Sie reisen alleine?“ Trenten schluckt, als er diese Worte vernimmt. Wie soll er diese Frage nun verstehen? Er nickt nur. „Wie kommt es nur“, interessiert sich da der Fahrkartenverkäufer, während er sich selbst über die schlanke dunkelblaue Fliege am Kragen seines weißen Hemds streichelt, „dass ein so gut gebauter junger Mann wie Sie allein reist?“ „Oh Gott, auch das noch!“ Trenten fährt es wie Starkstrom in Person durchs Gebein. Würde dieser ansonsten doch so höflich wirkende Mann in Uniform und Dienstmützchen jeden Fahrgast hier so fragen, dann wären damit zumindest die langen Warteschlangen sehr leicht zu erklären. Andererseits würde er ­keinen Penny darauf wetten, dass dieser Amtmann so zuvorkommend und verständnisvoll bliebe, erzählte ihm Trenten, dass er einer der wenigen allseits verspotteten Männer dieser großen Stadt ist, die in seiner Freizeit durch die Wälder der Grafschaft Wembley rennen, um auf diese Weise ihren Körper in Hochform zu halten. Genauso wenig, so reimt sich Trenten zusammen, wäre es wohl seiner Sache dienlich, gäbe er nun preis, dass er zurzeit der Henker von London ist. So schweigt er einen Augenblick lang, was den schmächtigen Mann am Schalter jedoch nicht davon abbringt, ihn zu verulken: „Ja, ja. Der Herr reist alleine. Wohl noch keine abgekriegt, was? Und dann auch noch die Hinfahrt ohne Wiederkehr! Sie werden es doch nicht mit der Justiz zu tun haben? Entflohen oder so?“ Trenten traut jetzt seinen Ohren nicht mehr. Mit einer solchen Frage hätte er nicht im Geringsten gerechnet. Der schmale Schnauzer am Schalter bemerkt sogleich, dass sein letztes Gefasel nicht wirklich zu den großen Glanzlichtern der Unterhaltung zählt, und weicht rhetorisch zurück: „Na ja. Das war alles nicht so ganz ernst gemeint. Im Grunde genommen möchte ich ja eigentlich gar nicht wissen, wer da alles mitfährt.“ „Ganz im Vertrauen“, flüstert nun Trenten ins offene Fenster, „ich habe mit der Justiz zu tun. Aber, wenn diese Häftlinge hier zu mir kommen, dann sterben sie alle meist recht schnell. Jetzt möchte ich mich eben einmal da drüben umschauen, in der anderen Welt. Dazulernen. Gern auch drüben bleiben. Neue Dinge ausprobieren. Könnte ich jetzt bitte mein Ticket ­haben?“ „Zweites Unterdeck, ja? Das macht dann siebzig Pfund.“ „Stimmt!“ Trenten reicht das Geld hinein. Ein braungraues Ticket findet den Weg zu ihm hinaus. Geschafft! Trenten hält in diesem Moment ein kleines Stück kartoniertes Papier in seinen Händen, von dem er so viele Monate geträumt und das er sich viel größer vorgestellt hatte. Sein Plan, für den er all die lange Zeit gearbeitet hat, ist nun in Erfüllung gegangen. Er hat es endlich geschafft! Er, der er nur ein kleiner Staatsbeamter und nicht gerade wohlhabend ist, konnte sich jetzt seinen Traum erfüllen, von dem die allermeisten seiner Zeitgenossen rund um den Globus ein Leben lang nur träumen konnten: Er hat DAS TICKET!

Tage später. Trenten geht inzwischen längst wieder seinem Dienst nach, nächtens die große Stadt von den kriminellen Elementen zu befreien, die irgendwelche Richter, die sich meist selbst nicht wirklich durch eine bessere Lebensweise auszeichneten als jene sogenannten „dunklen Elemente“, die ihnen gegenüberstanden, des weiteren Lebens in dieser schönen Stadt, in diesem so sittsamen Land, auf dieser heiligen Erde für nicht würdig erachteten. Trenten widerte es an, einen Menschen ins Jenseits zu befördern, nur weil der einen anderen Menschen zu Tode gebracht hatte, und das auch oft nur aus Versehen. In seinen jüngsten Träumen stand Trenten bereits selbst regelmäßig vor Gericht. Sein eigener Anwalt sollte dem Richter nun erklären, weshalb ausgerechnet er selbst dem Galgen entgehen sollte, hatte er doch schon weit mehr Menschen an demselben verabschiedet, als er selbst zu zählen fähig oder auch willens war. Aber dieser Anwalt in seinen Träumen war alles andere als in der Lage, gute Argumente vorzubringen. Des Richters Hammer fällt. Trenten blickt erschrocken zu seinem Verteidiger.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 41
ISBN: 978-3-99003-219-0
Erscheinungsdatum: 08.09.2010
EUR 13,90
EUR 8,99

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