Sonstiges & Allerlei

Taxi

Cornelius Heß

Taxi

Facetten eines Berufes

Leseprobe:

Einleitung

Immer wieder wurde ich danach gefragt, ob ich über meinen Beruf nicht ein Buch schreiben wolle, denn ich würde doch genügend Geschichten erleben, um ein solches Projekt umsetzen zu können. Das stimmt schon. Aber welche Erlebnisse wären wert, berichtet zu werden und was von dem nicht? Für mich war und ist das hier Alltag. Die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, sah nicht jeder. Ich fuhr sie und ich fuhr oft ihren Ehemann. Diese Begegnungen waren – und sind – mir nichts besonders Spektakuläres. Diese Touren gehören auch nicht zu denen, über die man sagt: „Hey, das ist das Highlight des Tages gewesen.“ Aber der Außenstehende ist darauf erpicht, zu erfahren, ob ich denn einmal Promis fuhr und wie sie sich denn in dieser Atmosphäre verhalten. Im Kapitel VIII. „Kurioses“ flechte ich meine Erlebnisse mit Prominenten mit ein. Dabei werde ich mich aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mit Beiträgen dieser Art zurückhalten müssen.
Oft werde ich gefragt, ob ich Opfer eines Überfalls geworden bin oder in eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Fahrgästen verwickelt wurde. Ich war nicht erfreut, diese Frage gestellt zu bekommen. Das wäre doch so, als ob ein Passagier die Stewardess fragt: „Was haben Sie am 11. September 2001 gemacht?“ (Das war der Tag, an dem unter anderem zwei Verkehrsflugzeuge von Terroristen gekapert und in das WTC in New York gesteuert wurden.) Mit dieser Gegenfrage ist jede Sensationslust befriedigt. Ebenso, wie man während eines Fluges keine Filme von Abstürzen oder Katastrophen mit Flugzeugen zu sehen bekommt, werde ich in diesem Buch diese Fragen ebenfalls nicht behandeln. Andere Kapitel ergaben sich aus Gesprächen mit Fahrgästen, Freunden und anderen Leuten. So habe ich die Kapitel III. „Alte Bekannte“ und VII. „Tiere“ verfasst, sowie IX. „Rund um den Alkohol“ neu strukturiert. Beim Nachdenken darüber, wie ich den Leserinnen und Lesern mein Berufsbild nicht verzerrt, aber auch ungeschminkt vermitteln kann, ergaben sich die Kapitel I. „Kollegen“, II. „Stammkunden“ sowie IV. – VI. („Fahrzeuge“, „Stadtführungen“ und „Die Fa. Schreiber“). Ich habe kein Kapitel „Chefs“ eingebaut: Im Kapitel VI. habe ich einen Betrieb zu porträtieren versucht, andere Chefs und die Begegnungen mit ihnen sind so umfassend, dass sie Aspekte weise in den einzelnen Kapiteln behandle. Ich liebe meinen Beruf. Ich mag den täglichen Umgang mit den verschiedenen Fahrgasttypen. Ich liebe auch das Autofahren. Ja, ich liebe Autos. Als beispielsweise Daimler-Benz vor über zehn Jahren eine neue Generation von Elektronik in seinen PKWs einführte, war sie noch nicht ausgereift. Aufgrund der starken Beanspruchung ihrer Fahrzeuge waren Taxifahrer die Beschwerdeführer, die als Erstes in den Werkstätten die neuen Mängel beklagten. Mit einiger Verbitterung haben sich meine Kollegen als Versuchskaninchen bezeichnet. – Der Autor eines Presseartikels formulierte es neutraler: Wir seien die Testfahrer von Daimler-Benz. Wegen eines Defektes (Kombination von Erdgasantrieb und Automatikgetriebe) hat Volkswagen zur Zeit der Arbeit an diesem Buch massive Probleme. Ein Werkstattmeister modifizierte mir gegenüber neulich diese Aussage des Presseautors wie folgt: „Ihr seid nicht nur bei Daimler-Benz die Testfahrer. Ihr fahrt am meisten. Daher treten die Verschleißerscheinungen bei euch auch als Erstes auf.“ Deshalb habe ich das Kapitel IV. den Fahrzeugen gewidmet.
Ebenso, wie ich viele Erlebnisse für normal halte und meine Zuhörer als wert zu berichten erachten, gibt es auch merkwürdiges, die mir zu denken geben, auf die aber meine Zuhörer von sich aus nicht gekommen wären. Oftmals lassen sich diese Kuriositäten dadurch erklären, indem jede Seite in ihrer eigenen Welt lebt und denkt. So fragte mich neulich eine Touristin: „Where is here a gasoline station?“ Da ich ein Erdgasfahrzeug fuhr, achtete ich bei dem Wort ‚gasoline‘ (Benzin) nur auf den ersten Bestandteil des Wortes und wollte den Weg zur einzigen Erdgas-Tankstelle in Kiel erklären. Doch dachte ich noch einmal über ihre Frage nach und erkannte meinen Fehler. Insgesamt ergaben sich solche kuriosen Situationen oft mit dementen Fahrgästen. Hierzu habe ich ebenfalls einige Beiträge im Kapitel VIII. „Kurioses“ zusammengestellt. Nicht zuletzt nutze ich diese Gelegenheit, den vorliegenden Band zu schreiben, um viele Geschichten, die ich aus der Situation heraus für bemerkenswert halte, festzuhalten, damit sie nicht durch die Mühle des Alltages dem Vergessen anheimfallen.
1998 begann meine Karriere in diesem Gewerbe bei „Minicar im ZOB“ in Kiel. Dieser Zentrale Omnibus Bahnhof war seit jeher ein schäbiger, zugiger Ort, über dem zwei Parkdecks gebaut wurden. Auf dem unteren hatten unsere Unternehmer ihre Mietwagen abgestellt und auf diesem Deck stand auch das Häuschen, das unsere Zentrale war. Im Personenbeförderungsgesetz gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den Taxis: die „Rückkehrpflicht“. Ein Minicar gilt als Mietwagen mit Fahrer und darf nur in Aktion treten, wenn es gerufen wird. Ein freies Taxi muss auch anhalten, wenn es vom Straßenrand herangewinkt wird. Mietwagen dürfen nicht am Taxistand stehen, für Taxis sind sie eingerichtet. (An dieser Stelle sei eine weitere Frage beantwortet: Innerhalb meines Pflichtfahrgebietes, also in Kiel, darf ich an jedem Taxistand stehen.) Verstöße gegen diese Beschränkung konnten geahndet werden, und kämen dann den Unternehmern (nicht den Fahrern) mit tausenden von DM richtig teuer zu stehen. Wartezeit konnte aber nicht berechnet werden. Deshalb war die Benutzung eines Minicars günstiger, als die des Taxis. Daraus lässt sich erklären, dass wir einen größeren Kundenstamm als die Taxis hatten und in einem harten Konkurrenzkampf miteinander lagen, bevor wir 2001 miteinander fusionierten.
Als meine Mutter im Jahr 2000 verstorben war, verließ ich Kiel für 15 Monate. Dass es nur so lange dauerte, wusste ich nicht, denn ich wollte eigentlich ein für alle Mal dieser Stadt den Rücken kehren und zog in ein von meiner Mutter an mich vererbtes Haus. Doch gab es mit diesem Projekt Probleme und meine beruflichen Vorstellungen erfüllten sich ebenfalls nicht. Daher fuhr ich für eine gewisse Zeit in Bad Harzburg Taxi. Die dort gesammelten Erfahrungen habe ich im Kapitel VI. zusammengefasst. Nach dem Scheitern dort kehrte ich wieder nach Kiel zurück, wo mich mein vormaliger Chef sofort wieder anstellte, denn ihm fehlte ein Wochenendfahrer. Zwischenzeitlich fand die bereits erwähnte Fusion statt. Damit ging eine aufreibende Rivalität zu Ende und wir konnten endlich auch vom „Kuchen“ des Einsteigergeschäftes etwas abbekommen. Trotzdem empfanden wir uns auch weiterhin als „ehemalige ZOB-Fahrer“ und als eine eingeschworene Gemeinschaft, die von der großen Genossenschaft „Taxi Kiel“ ja nur geschluckt wurde. Ich war noch nicht lange genug dabei gewesen, um mich mit „Minicar im ZOB“ so zu identifizieren, dass dieser Abschied zu einer Trauer führte. Andere hingegen arbeiteten nahezu ihr gesamtes Berufsleben im ZOB und mit der Schließung der Zentrale auf dem Parkdeck endete nicht nur eine Tradition, sondern auch eine psychologische Existenzgrundlage. Die Leidtragenden waren die Tourendisponenten, die diese Tätigkeit auf Vollzeitbasis ausübten. Mit Ausnahme von Angela (Namen geändert) und Ulla, die übernommen wurden, verloren sie ihre Arbeit. Ernst ging in Rente, Wolfram und Susanne wechselten den Beruf und arbeiten heute noch im Krankentransportwesen oder als Portier zusammen. Andy warf diese Fusion aus der Bahn.
Nach meiner Rückkehr leistete ich mir nur noch 2007/08 eine Unterbrechung, in der ich es versuchte, in meinem erlernten Beruf unterzukommen und darin Karriere zu machen. Meines Erachtens war das der letzte Moment, diesen Schritt zu gehen, aber die Personalmanager und Geschäftsleiter auf der anderen Seite der Schreibtische meinten, dass ich für eine Festeinstellung zu alt sei. Das war meine „Midlife-Crisis“. Danach begann ich wieder versicherungspflichtig als Fahrer zu arbeiten. Allerdings hatte mein erster Chef, zu dem ich nach der Harzburger Zeit wieder zurückkehrte, zurzeit kein freies Taxi für mich, sodass ich mir einen anderen Unternehmer suchen musste, bei dem ich fahren konnte. Hier half mir die Zeit, während ich bei „Minicar im ZOB“ fuhr, denn bei einem von den Unternehmern, Fritz, fand ich Arbeit. Fritz war ein guter Chef und es lag nicht an mir, dass diese Zeit nur sechs Monate dauerte: Drei Fahrer, die bei ihm fest angestellt waren, haben in sehr kurzer Zeit zusammen mehr als drei Totalschäden verursacht. Dabei ist – rein rechnerisch betrachtet – jeder der Unfallfahrer mit der maximal möglichen Kosten-Nutzen-Relation davongekommen, denn: Ein Totalschaden brachte dem jeweiligen Fahrer eine Abmahnung ein. Dieser reagierte darauf mit dem nächsten, verschuldeten Unfall. Dafür erntete er die Kündigung. Fritz hatte sechs Taxis laufen. Obwohl er die drei Fahrer hinauswarf, hatte er nun mit der Versicherung ein Problem. Nun drohte ihm eine gewaltige Hochstufung! Es sei denn, er machte plausibel, dass alle Schäden mit Fahrzeugen verursacht wurden, die unter einer Ordnungsnummer liefen. Also alles Schlechte wurde wie bei einer „Bad Bank“ auf eine Nummer konzentriert und diese wurde dann abgeschafft. Er reduzierte seinen Fahrzeugpark von sechs auf fünf. Aber dafür musste er sich auch von Fahrern, die nichts mit diesen Unfällen zu tun hatten, trennen. Ich war einer der Letzten, die hinzukamen. Daher musste ich gehen. Mit dieser Kündigung in der Hand gingen wir zu meinem vormaligen Chef – der nur in zehn Metern Entfernung in seinem Büro saß – der jetzt selber in Vollzeit bei Taxi Kiel arbeitet und ich zeigte ihm das Schreiben. Im nahtlosen Übergang fand ich bei ihm wieder Beschäftigung. Dieses Erlebnis zeigt einerseits, wie dicht Pech und Glück beieinanderliegen. Andererseits illustriert es, welchen Ton wir hier miteinander pflegen. Zwischen Fritz und mir war ja persönlich nichts Schlimmes vorgefallen und mit meinem vormaligen Chef hatte ich mich ebenfalls nicht persönlich in der Wolle gehabt. Ich wollte beruflich etwas Lukrativeres und dafür hatte er Verständnis. Aber dafür musste ich auch die Ruppigkeiten des Lebens in Kauf nehmen.
Bei meinen Gesprächen mit den Fahrgästen, Freunden und Sportkollegen stellte ich fest, dass eine echte, positive Resonanz für ein solches Buch vorhanden ist. Daher wage ich das Projekt im vorliegenden Werk.


I. Kollegen

I. Bertram Seligmann, mein Freund

Mit diesem Kollegen bin ich seit meiner Schulzeit, genauer gesagt 1984, als wir in die 11. Klasse kamen, befreundet. Er war schon immer etwas eigenartig. So war er bei älteren Leuten beliebt, weil er sich immer fürsorglich um sie bemühte. Unsere Väter waren schon Kollegen, weshalb ich die Sekretärin seines Vaters kannte. Diese skizzierte den damals 19-Jährigen mit einem Satz: „Berti ist süß.“ Ebenso, wie sein Vater lispelte auch Bertram, was jetzt nicht mehr so in den Vordergrund tritt. Steht er unter Druck, dann stottert er. Trotzdem hatte er schon immer viel zu erzählen, sodass man ihm eine Karriere als Professor, zumindest aber als Lehrer nahelegte. Als ich ihn kennenlernte, hatte er gerade eine Lehre in der Gastronomie abgebrochen. Die Begründung hierfür bezeichnet man heute mit Mobbing: Wegen seines Verhaltens hatten ihn die Kollegen herausgemobbt! Aber seine berufliche Ausrichtung stand fest: Umgang mit Gästen. Als ich ihn 1985 zu meiner Geburtstagsfeier einlud, riet er meiner Mutter: „Ich hätte es gerne, wenn jeder Gast ein Stück Butter bekommt.“ Das Hotelgewerbe hatte ihn verständlicherweise verschreckt. So schwebte ihm vor, entweder Pilot eines Verkehrsflugzeuges oder Flugbegleiter zu werden. Taktlos, wie wir waren, lachten wir ihn aus und machten uns darüber lustig, wie er mit dem Servicewagen durch den engen Gang in der Flugzeugkabine geht. (Selbst heute noch vergleicht er sein Taxi mit einem Verkehrsflugzeug!) Alternativ sprachen wir über die Idee, Busfahrer zu werden. Unsere gemeinsamen Interessen galten den Flugzeugen und Schiffen, wobei sich Bertram auf die Entwicklungsgeschichte von Fluggesellschaften und Reedereien, ich mich aber auf die Konstruktionsgeschichte und den Aufbau der Flugzeuge, bzw. Schiffe interessierte. Ich entwickelte mit der Zeit meine Fähigkeiten als Schiffsmodellbauer und baute mir meine Modellbauwerft auf. Hier endete unsere Gemeinsamkeit. Ihm fehlte es an Kreativität; er bewunderte die Ergebnisse aus meiner Werkstatt.
Bereits während der Schulzeit hatte Bertram einen Führerschein gemacht und seine Leidenschaft für das Autofahren entwickelt. Das befähigte ihn dazu schließlich am Ende seiner Schulzeit den Personenbeförderungsschein (kurz: P-Schein) zu machen, der ihm die Möglichkeit gab, neben der Schule her Taxi oder Minicar zu fahren. (Soweit ich weiß, fuhr er an den Wochenenden nachts.) Mit dem dadurch verdienten Geld stand ihm ein ganz anständiges Taschengeld zur Verfügung, zumal er davon bei seinen Eltern, wo er noch immer wohnte, nichts abzugeben brauchte. So konnte er sich weite Reisen erlauben. Wie auch ich hatte er in der Schule hinsichtlich seiner Leistungen Probleme. Er blieb sitzen und anstatt des Abiturs strebte er „nur noch“ die Fachhochschulreife an. Die aber erreichte er und absolvierte dann eine kaufmännische Ausbildung mit Abschluss. Auch weiterhin besserte er sich seine Ausbildungsvergütung mit Minicar fahren auf. Zu Hause gab es deswegen Auseinandersetzungen mit seinem Vater. Dieser war damit nicht einverstanden, denn wer – seiner Meinung nach – einmal in dem Gewerbe landet, der bleibt auch darin stecken. Ich vermute, dass dieser Vater den Jungen bereits im Kindesalter zum Perfektionismus angetrieben hat. So sah er sich jetzt, während der Lehre, vor das Problem gestellt, seine Prüfungen so gut, wie möglich zu machen (Notendurchschnitt 1,0!) und die Nachtschichten auch durchzufahren. – Also den Kampf gegen die Müdigkeit zu gewinnen. Sein Nebenjob wurde von seinen Lehrherren akzeptiert und geduldet. – Seine Kollegen reagierten mit Neid. Dabei lässt sich nicht eindeutig zuordnen, ob sie es wegen der Akzeptanz des Lehrherrn waren, oder weil er noch zu Hause wohnte, während sie von ihrer einfachen Ausbildungsvergütung sowohl Essen als auch ihre Miete bezahlen mussten! Bertram kam mit seinen Kollegen nicht so gut zurecht und er wurde nach der Lehre nicht übernommen. – Während seines Wehrdienstes besserte er sich auch den Wehrsold nach alter, bewährter Strategie auf.
Schließlich schrieb er sich an der FH ein, um BWL zu studieren. Innerhalb von kurzer Zeit verlor er seine Eltern. Aus der daraus resultieren Krise ging er als hauptberuflicher, unselbstständiger Taxifahrer und Eigenheimbesitzer hervor. (Was ihm auch heute noch oftmals den Neid seiner Kollegen einbringt!)
Als ich mich mit dem Gedanken trug, meinen P-Schein zu machen, fuhr er schon für unseren Chef. Er half mir bei der Vorbereitung zur Ortskundeprüfung und er war es schließlich, der das erste Gespräch zwischen unserem Chef und mir vermittelte. Auch zu dieser Zeit lebte er in seinem Elternhaus. Ich hingegen war schon längst ausgezogen und hatte die Aufgabe, meine ebenfalls tödlich erkrankte Mutter zu versorgen. Er hatte – wie schon gesagt – wegen seiner Fahrerei Probleme mit seinem Vater und diese Differenzen schienen sich nach dem Tod seiner Mutter zu verstärken. Denn an der FH lief es nicht mehr so rund. Aber wir sahen uns nicht in der Lage, uns gegenseitig auszutauschen und über unsere Gefühle zu sprechen. Deshalb weiß ich seit dieser Zeit über ihn nur Fakten und kenne kaum noch hintergründige Zusammenhänge.
Bertram ist ein sehr gewissenhafter Fahrer. Aber er ist ein langsamer und mitunter umständlich arbeitender Kollege. Vor allem entwickelte er einen Kontrollzwang, der jede Ablösung mit ihm zu einer nicht enden wollenden Geduldsprobe werden ließ. Ein Beispiel aus unserem Privatleben möge diesen Zwang verdeutlichen: Ich lud ihn mal zu meiner Geburtstagsfeier ein und wir beobachteten alle, wie er sein Auto auf dem Parkplatz gegenüber abstellte. Anschließend ging er dreimal um das Auto und kontrollierte, ob alle Lampen aus und Türen verschlossen sind. Als er dann die Straße überqueren wollte, rief ich ihm im Scherz zu: „Bertram! Dein Licht!“ Er flitzte zurück und rannte noch weiterte vier Runden um sein Auto herum. Für dieses Zwangsverhalten, was er sich selber als solches eingesteht und darunter leidet, ist er unter Kollegen und Unternehmern bekannt. Sie nehmen es so hin, aber manchmal wird er dafür auch gehänselt. Unter uns Kollegen hat er einen schweren Stand. Unser Chef sagte mal zu mir: „Weißt du, ich hab’ lieber 10 Bertrams, als manch einen anderen, wie zum Beispiel ? ‚Jacky‘.“ Unser Chef erzählte mir einmal, dass Bertram die besten Umsätze von uns allen macht. Das hat mehrere Ursachen. Neidische Kollegen, wie Ulli (der Fahrer, den unser Chef als seinen Stellvertreter ernannt hat) sagen: „Bertram hat den Papst in der Tasche.“ Andere Leute behaupten, dass Bertram bei einigen Leuten in der Tourenvermittlung einen Stein im Brett hat. Das wage ich zu bezweifeln. Er schafft es nämlich immer wieder, die Kolleginnen dort auf Trab zu halten. Aber er luchst ihnen keine Tour ab. Ich vermute eher, dass es ihm gelingt, Abholungen von Reha-Kliniken und andere lukrative Fahrten zu organisieren. Darin ist er sicherlich ein Fuchs! Ich hingegen bin bei solchen Gesprächen zu dezent. Er aber gilt als nervig. – Uns steht während einer Schicht normalerweise 12 Stunden lang das Auto zur Verfügung. Wenn ich beispielsweise innerhalb von acht Arbeitsstunden 100,- € Umsatz mache, dann ist das gut. Es bleibt mir überlassen, ob ich die restlichen vier Stunden über den Tag als Pausen verteile, die acht Stunden am Stück arbeite oder diese vier verbleibenden Stunden als Pufferzeit verwende, wenn es mal nicht so gut läuft. Lege ich bei Bertram den gleichen Stundenumsatz zugrunde, wie ich ihn realisiere, dürfte er in seiner Schicht maximal auf einen Umsatz von 150,- € kommen. Aber er prahlt öfters damit, in seiner Schicht 200,- € erreicht zu haben. So muss er ja 16 Stunden gefahren sein! Direkt befragt gab er dann auch zu, von morgens um 6 Uhr bis zum Abend um 22.00 Uhr gefahren zu sein. Dies ist bei ihm in den entsprechenden Schichten deshalb möglich, weil er das Taxi keinem Nachtfahrer übergeben muss. Er kann einfach „open end“ fahren. Das mag eine Erklärung sein, bringt unseren Chef aber in eine Zwickmühle: Zwar gibt es für uns nicht in dem Sinne Lenk- und Ruhezeiten, wie sie für Bus- und LKW-Fahrer vorgeschrieben sind, denn die müssen sie ja auf dem Schaublatt ihres Fahrtenschreibers dokumentieren. Doch wächst auch bei uns das Risiko, wegen Übermüdung entweder einen Unfall zu verursachen oder einen anderen schweren Fehler zu begehen, sprunghaft an. So hat er einmal am Ende von einer solchen Schicht Benzin anstelle des benötigten Dieselkraftstoffs getankt. Dies ist eine Fehlentscheidung, die unserem Chef ansonsten nur von übermüdeten Nachtfahrern bekannt ist. Die anderen Schichten, die Bertram fährt, nutzt er bis zur letzten Minute aus.
Wenn mein Chef nun Bertram – auch zu seinem Schutz – vorschreiben würde, wann er Feierabend macht, begrenzt er ja seinen eigenen Umsatz. Solange es mit diesen exzessiv langen Schichten gut geht –, wieso sollte man dann begrenzend einschreiten? Bertram nimmt nur maximal zweimal im Jahr für eine Woche Urlaub. – Wenn überhaupt. Nach Möglichkeit versucht er, Schichten zu tauschen, so fragt er mich dann immer, ob ich nicht Lust hätte, seine Mittwochs- und Donnerstagsschicht in dieser Woche zu übernehmen. Dafür würde er in der übernächsten Woche meine Montags- und Dienstagsschicht fahren. So hängt er an seine ohnehin freien Tage noch zwei andere dran. – Das nenne ich nicht Urlaub, aber nach seinem Verständnis reicht eine solche Tauscherei aus, um sich zu erholen. Hier ist ein Punkt erreicht, an dem wir uns nicht mehr verstehen und auch nicht miteinander darüber reden können. – Wofür aber verwendet er diese freie Zeit? Die eine Woche verwendet er, um Verwandte zu besuchen. Die andere benötigt er, um seinen Garten im Herbst winterfest zu machen. Unter dem Strich betrachtet, nimmt er keinen Erholungsurlaub in Anspruch, um sich zu regenerieren. Folglich strahlt er ständig ein Gefühl aus, unter Stress zu stehen. Wir Kollegen beobachteten dieses Gebaren schon vor Jahren. Uns ist es immer bewusst, dass man sich regelmäßig mal aus dem Stress herausnehmen muss. Ulli ist sein Wochenende heilig. Er fährt von montags bis freitags und am Wochenende würde der Chef ihn vergeblich bitten, einzuspringen. Egal, welchen Grund er auch vorzubringen weiß. Da ruht sich Ulli aus. Ich fliege grundsätzlich um den 6. 1. eines Jahres für zwei Wochen auf die Kanaren. Andere bleiben zu Hause. Jeder hat irgendwann seine Zeit, in der er nicht erreichbar ist.
Leider schränkte sich im Laufe der Zeit Bertrams Themenspektrum, über das man mit ihm reden kann, stetig ein. Heutzutage kann ich mich mit ihm leider über nichts anderes als unseren Beruf unterhalten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 462
ISBN: 978-3-99038-472-5
Erscheinungsdatum: 13.01.2015
EUR 20,90
EUR 12,99

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