Sonstiges & Allerlei

Steine der Macht - Band 2

Stan Wolf

Steine der Macht - Band 2

Die Zeitkorridore im Untersberg

Leseprobe:

Kapitel 1
3
Untersberg 20 n.?Chr.
Die drei Soldaten waren schon eine geraume Zeit in dem engen, finsteren Gang unterwegs. Er führte sie direkt durch das Massiv des Untersberges. In diesem mächtigen Gebirgsstock, einem sagenumwobenen, dreiecksförmigen Berg im süddeutschen Raum, hatten sie bereits seit über zwei Monaten ihre Unterkunft. Im letzten Jahr war dort eine geheime Station mit einem für viele Monate ausreichenden Vorrat an Lebensmitteln errichtet worden. Nun sollten die drei eine Depesche zum Führerhauptquartier auf den Obersalzberg bringen.
Es hieß zwar, dass der Obersalzberg Ende April bombardiert worden wäre, und wenn das stimmte, würde sich jetzt kaum jemand noch dort oben aufhalten. Wem sollte dann die Depesche übergeben werden? Darüber nachzudenken war aber nicht ihre Aufgabe. Sie hatten einen Befehl und den galt es auszuführen. Es war feucht in der Höhle. An manchen Stellen tropfte es von den Wänden und am Boden bildeten sich kleine Lachen. Das Wasser spritzte beim Hindurchgehen manchmal bis zu ihren Knien hinauf. Der Gang war sehr lang und sie wussten nicht, wie weit es noch bis zum Ausgang war. Ihr Ziel war jedenfalls der Obersalzberg. Sturmbannführer Hübner, der das Kommando hatte, blieb stehen und prüfte, ob seine Maschinenpistole noch gesichert war. Er war zuvor mit seiner MP an einem Felsvorsprung hängen geblieben. Es war alles in Ordnung, der Sicherungshebel war noch in der richtigen Stellung. Scharführer Bauer, welcher als Erster ging, unterbrach die schon fast monotone Stille in dem finsteren Gang: „Herr Sturmbannführer, da vorne sieht man Licht, ich glaube, dass wir bald den Ausgang erreicht haben werden.“
Nach einer halben Minute krochen die drei Soldaten durch eine halb verschüttete Öffnung ins Freie. Ein bitterkalter Wind blies ihnen Schneeflocken ins Gesicht. Nur noch wenige Schritte, und sie erreichten ein kleines Felsplateau unweit eines vereisten Wasserfalles, an einer unwegsamen, steilen Flanke des Berges.
Hübner nahm seinen Kompass heraus, er kniff seine Augen zusammen und schaute abwechselnd auf das Instru­ment und wieder auf die Umgebung.
„Der Obersalzberg sollte dort drüben auf der anderen Talseite liegen.“ Er deutete mit der Hand nach rechts oben. Man konnte dort aber kaum etwas erkennen, denn der leichte Schneefall verhinderte die Sicht auf die Berge ringsum.
„Wir müssen uns beeilen, es dürfte hier draußen schon später Nachmittag sein. Sehen wir also zu, dass wir auf die Straße hinunterkommen. Wir werden dort einen Wagen anhalten, der soll uns dann zum Führersperrgebiet hinaufbringen.“
Ihr Einsatzbefehl war von Obergruppenführer Dr. Kammler unterzeichnet und sollte ihnen als Passierschein dienen.
Die im Tal verlaufende, gut ausgebaute Straße, welche von Salzburg nach Berchtesgaden führte, müsste eigentlich in höchstens einer Stunde zu erreichen sein.
„Ich sehe hier weit und breit keine Häuser und auch nicht die Spur eines Weges“, gab Bauer zu bedenken.
„Das wird am Schneefall liegen, so wie es aussieht, dürfte es hier in der letzten Zeit sehr viel geschneit haben“, antwortete der Sturmbannführer. Er war bereits bis über die Knie im lockeren Pulverschnee eingesunken.
Der Abstieg vom Berg gestaltete sich nicht allzu schwierig, sie rutschten mehr, als dass sie gingen. Hübner dachte bereits an den Rückweg, denn bergauf würde es bei dieser Schneelage mit Sicherheit eine Tortur werden. Als sie endlich den Talgrund erreicht hatten, war von Häusern, und vor allem von der Straße, welche sich unmittelbar neben dem kleinen Fluss dahinziehen sollte, keine Spur zu sehen. Ja es schien so, als hätte es hier niemals etwas anderes als diese Wildnis gegeben. Hatten die Alliierten dieses Gebiet so gründlich bombardiert, dass rein gar nichts mehr übrig geblieben war? Und nun war alles tief verschneit. Nicht die Spur einer Zivilisation war zu entdecken.
Oder war das das Werk einer sogenannten Atombombe, welche ja bereits existieren sollte? Aber das konnte doch alles nicht geschehen sein. Der Obersalzberg wurde doch erst vor einem Monat bombardiert und sie sollten ja um sechs Jahre früher aus dem Gang herauskommen.
Das Rattern einer Maschinenpistole schreckte Hübner jäh aus seinen Gedanken. Untersturmführer Müller, der Jüngste des Kommandos, hatte geschossen. Ein großes, braunes Etwas war direkt vor ihm, hinter einem verschneiten Gebüsch, aufgesprungen.
„Ich konnte nicht wissen, was es war“, stammelte Müller, dem die Angst noch ins Gesicht geschrieben stand.
Die drei Soldaten standen um den toten Hirsch herum.
„Solch ein Schaufelgeweih habe ich noch nie gesehen“, sagte Hübner, „das sieht wie bei einem Damhirsch aus, und so etwas hier in den Alpen. Solche Tiere gab es in dieser Gegend vor vielen Hundert Jahren. Wir werden jetzt dem Fluss folgen, irgendwo müssen wir ja auf die Straße stoßen.“
Hier unten im Tal war der kleine Trupp zwar weniger dem eisigen Wind ausgesetzt, dafür wurde die Sicht wegen des einsetzenden Schneefalls rapide schlechter. Sie stapften mühsam flussaufwärts und mussten sich dabei zwischen hohen, verschneiten Gebüschen hindurchkämpfen. Schnee rieselte ihnen ins Genick. Der kleine Fluss auf der linken Seite war teilweise dick zugefroren. Sie wollten aber, um kein unnötiges Risiko einzugehen, trotzdem eine der wenigen Brücken suchen, um dort sicherer ans andere Ufer zu gelangen.
„Wenn es so weiterschneit, werden wir dann den Weg zurück zur Höhle überhaupt noch finden? Wir haben keine anderen Anhaltspunkte als unsere Spuren.“ Hübner bemerkte, dass Müller bereits unruhig wurde. Auch ihn überkam jetzt ein merkwürdiges Gefühl. Was war hier geschehen, die Topografie stimmte zwar, nirgendwo jedoch waren Anzeichen einer Zivilisation. Doch schon im nächsten Moment deutete Untersturmführer Müller mit einem argwöhnischen Blick auf einen Baumstamm, dessen Rinde seltsame Kerben aufwies. Das waren eindeutig Zeichen, ähnlich den germanischen Runen, mit einer Axt frisch in die Rinde einer mächtigen Tanne geschlagen. Also musste es zumindest irgendwo Menschen in der Nähe geben. Langsam spürten die Männer, wie die Kälte durch ihre inzwischen nass gewordenen Uniformhosen kroch.
Sturmbannführer Hübner überlegte schon, ob es nicht besser wäre, den Auftrag abzubrechen und wieder, den eigenen Spuren folgend, zurück zur Höhle zu gehen. Da brach plötzlich ein Haufen Wilder, mit Fellen bekleidet und mit Speeren bewaffnet, laut schreiend durch das Dick­icht am Ufer des Flusses.
Hübner brachte mit einem schnellen Griff seine Maschinenpistole in Anschlag, was aber auf die herbeistürmende Horde überhaupt keinen Eindruck zu machen schien. Auch Müller und Bauer entsicherten ihre Waffen.
„Feuer!“, schrie der Sturmbannführer und mit einer Garbe aus seiner MP streckte er zwei der Angreifer nieder. Seine Kameraden feuerten ebenfalls fast gleichzeitig und abermals fielen einige der Wilden schreiend in den Schnee. Die anderen hielten kurz inne und stürmten dann erneut gegen die drei Soldaten vor. Hübner wechselte das erste Magazin seiner MP, um mit den nächsten zweiunddreißig Patronen wieder etliche dieser unerschrockenen Wesen aus einer längst vergangenen Zeit niederzustrecken. Sie kamen nun von beiden Seiten und es schien, als tauchten jetzt immer mehr von ihnen wie aus dem Nichts zwischen den Bäumen auf. Die drei Soldaten feuerten, was sie konnten. Als Scharführer Bauer das vorletzte seiner sechs Magazine wechseln wollte, wurde er von einem Wurfspeer direkt in die Brust getroffen. Ohne einen Schrei sank Bauer tödlich verletzt zu Boden. Er blieb stumm auf dem Rücken liegen, die Augen starr zum Himmel gerichtet. Helles Blut quoll aus seinem Mund. Ein Jubelschrei unter den Wilden, die mittlerweile über ihre toten Krieger hinweg immer näher zu den zwei verbliebenen SS-Soldaten herankamen. Noch einmal ratterte die Maschinenpistole von Sturmbannführer Hübner und wieder fielen einige dieser mordwütigen Gesellen den Neun-Millimeter-Geschossen zum Opfer.
„Schau, dass du zurück zur Höhle kommst, ich halte dir eine Weile die Biester vom Leibe“, rief Hübner Untersturmführer Müller zu. Als er dann sah, dass Müller sich zu seinem leblosen Kameraden hinunterbeugte, ein volles Magazin für seine Waffe an sich nahm und weiterschoss, herrschte er ihn in rauem Befehlston an: „Dreh dich um und lauf, was du kannst, das ist deine einzige Chance! Wenn du nicht schnell zur Höhle zurückkommst, ist es aus mit dir“, Im selben Moment bohrte sich unmittelbar neben Untersturmführer Müller ein Speer, mit knirschendem Geräusch, in den gefrorenen Boden. Panik erfasste den jungen Mann, er wusste nun, dass hier ein Kampf aussichtslos war. Es waren einfach zu viele Gegner, und die hatten offenbar keine Angst vor dem Tod.
Müller lief jetzt, wie es Hübner befohlen hatte, so schnell er konnte, zurück. Er rannte um sein Leben. Im Laufen hörte er noch das Bellen der Feuerstöße und die gellenden Schreie der tödlich Getroffenen. Er wusste, dass sich der Sturmbannführer höchstens noch einige Minuten gegen die todesverachtende Übermacht der Angreifer halten können würde.
Doch diese Zeit sollte ihm genug Vorsprung verschaffen, um die rettende Höhle zu erreichen. Der von den Sträuchern herabfallende Schnee rieselte über sein Gesicht. Müller spürte keine Kälte mehr. Dann sah er auch schon die Spuren im Schnee, die ihm den Weg zum Plateau wiesen. Er war froh, dass er den Weg noch erkennen konnte, hatte doch mittlerweile wieder starker Schneefall eingesetzt. Während er sich mühsam im tiefen Schnee den steilen Hang zum Untersberg hinaufarbeitete, legte er den Sicherungshebel seiner Waffe um. Sollte er verfolgt werden und schießen müssen, so konnte er dies rascher tun.
Plötzlich wurde es still unten am Fluss, das Rattern der Maschinenpistole hatte aufgehört. Müller wusste nun, dass der Sturmbannführer nicht mehr am Leben war. Einzig ein fernes Siegesgeheul war vom Talgrund zu hören. Er konnte es sich ausmalen, dass die Wilden jetzt wahrscheinlich auf ihn Jagd machen würden. In Todesangst kletterte er den steilen Hang im Schnee hinauf. Immer wieder rutschte er ab. Er hielt sich an allem fest, was ihm irgendwie Halt bot. Als er zurückblickte, konnte er fünfzig Meter unter ihm bereits eine der Fellgestalten ausmachen. Seinen Speer nach oben schleudern konnte der Wilde nicht. Zu weit war Müller noch von ihm entfernt. Der Untersturmführer überlegte, ob er schießen sollte, verwarf aber den Gedanken sogleich wieder. Seine Maschinenpistole war zwar eine wirksame Waffe, aber die Distanz für einen Einzelschuss war einfach zu groß. Und mit einem oder zwei Feuerstößen würde er sicher die Hälfte des Magazininhaltes verbrauchen. Er wollte in jedem Fall Munition sparen; denn bis zum Höhleneingang war es mindestens noch eine halbe Stunde. Seine Hände bluteten, sie waren aufgerissen von den scharfen, eisverkrusteten Felsen und das taube Gefühl in den nasskalten Füßen nahm er gar nicht mehr wahr. Wie weit war der Wilde mittlerweile näher gekommen? Um nachzusehen, musste sich Müller jedes Mal umdrehen, und das kostete ihn wertvolle Zeit. Panik überfiel ihn. Er blieb halb am Hang gelehnt stehen, nahm das vorletzte Magazin seiner MP aus der Tasche und steckte es an die Waffe. Jetzt musste er nur noch abwarten. Zur Sicherheit klappte er noch die Schulterstütze seiner Maschinenpistole aus. Die Treffsicherheit sollte damit größer sein. Das Warten zehrte an seinen Nerven. Würde er dadurch nicht seinen wertvollen Vorsprung vergeuden? Seine Arme zitterten. War es die Kälte oder war es die Angst? Der Fellbekleidete mit seinem Speer kroch unaufhaltsam wie ein Roboter nach oben. Der Untersturmführer konnte nun schon das grimmige, bärtige Antlitz seines Verfolgers erkennen. In einem Anflug von Todesangst hob er seine Maschinenpistole hoch. Den zitternden Finger am Abzug, die Waffe fest an seine Schulter gepresst. Dieses Mal musste er treffen. Er wartete, bis der Verfolger auf zehn Meter an ihn herangekommen war, dann sah er allerdings auch noch einige andere nachkommen. Der Wilde hob bereits den Speer zum Wurf. Müller drückte den Abzug durch. Ein Feuerstoß – und der Angreifer fiel mit einem gurgelnden Laut nach hinten. Der Speer entglitt seiner Hand, sein Körper rutschte den steilen, eisigen Hang hinunter. Ein zweites und noch ein drittes Mal ratterte die MP. Gleich vier Fellgestalten sanken leblos in den Schnee. Das vorletzte Magazin mit seinen zweiunddreißig Schüssen war jetzt auch leer. doch wenigstens hatte es dem Gejagten nun einen großen Vorsprung verschafft. Das letzte Magazin aufstecken und weiterlaufen. Sein Atem ging stoßweise, seine Lungen brannten wie Feuer. Müller konnte über sich schon den gefrorenen Wasserfall und das daneben liegende Felsplateau erkennen. Mit letzter Kraft erreichte er den niedrigen Höhleneingang und ließ sich von dem davor liegenden Schuttkegel in das Innere des Berges hinunterfallen. Hier drinnen in der Höhle war es merklich wärmer. Er raffte sich auf, nahm seine Taschenlampe he­raus und hastete weiter. Vermutlich würden ihm die furchtlosen Wilden auch bis ins Innere des Berges folgen.
Der Gang machte nun eine leichte Biegung und er konnte den Lichtschein vom Höhleneingang nicht mehr sehen. Da hörte er von ferne ein Platschen in den Wasserlachen am Boden. Das mussten die Fellschuhe der Wilden sein. Die Geräusche kamen rasch näher.
Jetzt konnte er bereits die Stimmen seiner Verfolger wahrnehmen. Stehen bleiben, die Maschinenpistole in Anschlag bringen und schießen? Er konnte die Wilden nicht sehen, er müsste einfach, ohne zu zielen, in die Finsternis feuern. Was aber, wenn er nicht gleich traf? Durch einen Schuss allein würden sich die Angreifer nicht aufhalten lassen. Er entschied sich instinktiv fürs Weiterlaufen. Just in diesem Moment sah er für einen Sekundenbruchteil im Lichtkegel seiner Taschenlampe einen Speer an seinem Kopf vorbeifliegen. Müller hörte den Aufschlag am Boden viele Meter vor ihm. Blitzartig drehte er sich um, die Maschinenpistole fest umklammert, und feuerte sekundenlang in die absolute Dunkelheit, bis auch das letzte Magazin seiner Waffe leer war. Das Pfeifen der von den Felswänden abprallenden Geschosse, gefolgt von den gurgelnden Schreien der Getroffenen und dem schweren Aufklatschen der Körper auf dem nassen Boden, gaben Müller Gewissheit, dass er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Er konnte jetzt wohl gefahrlos weiterlaufen. Nach endlosen Minuten tauchte die rettende Türe zur Station im schwachen Licht seiner Lampe auf. Doch schon wieder hörte er etwas hinter sich. Diesmal waren es langsamere, humpelnde Schritte. Einer der Wilden, der von den Kugeln vermutlich nur verletzt worden war, folgte ihm. Untersturmführer Müller drehte sich nicht mehr um. Munition zum Schießen besaß er ohnehin keine mehr. Er hastete, so schnell er konnte, zur Türe und öffnete sie mit einem schnellen Ruck. Das warme Licht der Lampen in der Station strahlte für ihn etwas von Geborgenheit aus. Im selben Moment war aber auch schon der verletzte Keltenkrieger hinter ihm. Dieser hielt zwar keinen Speer mehr in der Hand, stürzte sich aber dennoch auf Müller, riss ihn zu Boden und packte ihn mit beiden Händen am Hals. Im Fallen spürte der Untersturmführer die rauen Pranken des Wilden, welche wie ein Schraubstock seine Kehle zudrückten. Dann verlor er das Bewusstsein.

[...]

Kapitel 3
3
Das Keltengrab
Es war heißes Frühsommerwetter. Selbst am eintausend Meter hohen Dürrnberg, gegenüber dem Massiv des Untersberges, war es sehr warm. Das Keltenforschungszentrum hatte, so wie in jedem Jahr, wieder mit Grabungen begonnen. Hier am Dürrnberg, wo sich früher eine der größten Keltensiedlungen im deutschsprachigen Raum befand, gab es fast alljährlich sensationelle Funde. Dieser Platz, welcher in unmittelbarer Nähe zum deutschen Obersalzberg und zum Untersberg gelegen war, wurde von den Kelten schon vor über zweitausend Jahren als Salzabbaustätte geschätzt.
Grabungsleiter Moosbauer vom Keltenmuseum machte sich gerade Notizen über die Lage der neu gefundenen Gräber. Er staunte nicht schlecht, als ihn einer der Studenten, welche seit einem Monat das Gräberfeld am Dürrnberg bearbeiteten, herbeirief. Das dreilagige Keltengrab war fein säuberlich Schicht für Schicht abgetragen worden. In der letzten, der untersten Schicht erwartete sie eine Sensation. In einer Tiefe von eineinhalb Metern war dort ein Eisenhelm, oder besser gesagt das, was von ihm noch übrig war, zum Vorschein gekommen. Vorsichtig befreite Moosbauer eigenhändig den Helm vom Erdreich und verpackte ihn professionell zum Transport in das Keltenmuseum im Tal.
Er informierte den Leiter des Museums noch von der Grabungsstelle aus. Moosbauer ließ alle Arbeiten an der Fundstelle vorläufig einstellen und fuhr sofort vom Berg hinunter in die Stadt zum Museum. Dort erwartete ihn bereits der Direktor in seinem Büro und ließ sich das Artefakt zeigen.
„Wir haben es hier mit einem sehr sonderbaren Eisenteil zu tun. Fragmente eines Helms. Dieses Stück sieht aber anders aus als die sechs bisher entdeckten Eisenhelme. Er ist rund, rund wie ein Stahlhelm. Da sind zwei Lüftungsösen, einen halben Zentimeter groß, und er hat einen Wulst. Ja, er sieht haargenau so aus wie ein Stahlhelm der deutschen Wehrmacht. Nur, dass er eben zweitausend Jahre alt ist.“ Bei der anschließend durchgeführten metallurgischen Analyse zeigte sich, dass der höhere Kohlenstoffanteil in dem verrosteten Metall dieses eindeutig als Stahl identifizierte. Stahl gab es jedoch erst seit dem neunzehnten Jahrhundert. Dieser Helm musste aber aufgrund der Fundstelle zweifelsfrei auf fast zweitausend Jahre geschätzt werden. Auch ein nachträgliches Einbringen in das unterste der drei Gräber wäre gar nicht möglich gewesen. Man hätte dazu durch die zwei oberen Schichten hindurchgraben müssen und das war nicht der Fall. Die beiden oberen Grabebenen waren absolut unberührt gewesen.
Der Helm wurde in der dritten, der untersten Schicht des Grabes, zu Füßen eines männlichen Skelettes gefunden. Wie um Himmels willen kam aber dieser Stahlhelm in das alte Keltengrab?
Der Direktor, dem dieser Fund absolut unerklärlich war, saß nachdenklich an seinem Schreibtisch. Er packte eines der empfindlichen Metallsuchgeräte in seinen Wagen und fuhr ganz alleine zum Gräberfeld auf den Berg hi­nauf. Die Studenten waren alle schon ins Tal gefahren und hatten zuvor die freigelegten Gräber sorgfältig mit Planen abgedeckt. Die Sonne war bereits hinter dem Untersberg verschwunden und die letzten Strahlen zauberten einen rötlichen Saum über den Konturen des Berges. Der Leiter des Keltenmuseums ging zielstrebig zu dem Grab, in dem der Helm entdeckt worden war. Nachdem der Direktor die Plane von der Grabungsstelle abgenommen hatte, umrundete er mit dem Metalldetektor das noch halb im Erdreich liegende Skelett des Kelten. Am Kopfende angekommen, schlug das Suchgerät aus. Mit einer kleinen Schaufel kratzte er etwas frei, das wie ein dreißig Zentimeter langes Eisenrohr aussah. Eine Art Überwurfmutter war auf der dickeren Seite des Rohres zu sehen. Staunend hielt er das Teil in der Hand und wusste in diesem Moment bereits, dass es sich um den Lauf einer deutschen Maschinenpistole handelte. Als Junge, im Alter von kaum zehn Jahren, hatte er viele solcher Waffen in den Wäldern um den Dürrnberg gefunden. Hier in der Nähe des ehemaligen Führerhauptquartiers am Obersalzberg befanden sich damals zu Kriegsende noch starke SS-Einheiten, welche sich vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen noch rasch ihrer Waffen entledigt hatten.
Jetzt war für ihn zweifelsfrei klar, dass hier in dieses Grab vor zweitausend Jahren Teile einer Maschinenpistole und ein deutscher Stahlhelm als Grabbeigabe gelegt wurden. Wie sollte so etwas möglich gewesen sein? Das wäre eine Sensation! Aber es war ja eigentlich gar nicht möglich. Sollte er gleich die Presse verständigen? Eine solche Meldung würde um die Welt gehen. Er wollte noch abwarten und von den Funden vorerst niemandem etwas erzählen. Doch irgendwer vom Grabungsteam musste bereits Informationen über die Entdeckung des Helms weitergegeben haben.

Am nächsten Tag läutete im Büro des Keltenmuseums das Telefon.
Mag. Pollux, der Chef vom BVT, dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, rief persönlich beim Museumsdirektor an. „Wir haben über die Presse erfahren, dass Sie angeblich einen deutschen Stahlhelm in einem Keltengrab gefunden haben. Diese Informationen dürfen von Ihrem Institut keinesfalls wiederholt oder bestätigt werden. Sie müssen diesen Helm unter allen Umständen verstecken. Er darf auch nicht im Keltenmuseum aufbewahrt werden.“
Pollux, welcher früher beim Heeresnachrichtenamt tätig war, war ein Experte für alte Kriegsrelikte. Als er das Bild des verrosteten Stahlhelms sah, wusste er sofort, dass es sich um ein Ausrüstungsstück aus Beständen der deutschen Wehrmacht oder der SS handelte.
„Erzählen Sie der Presse etwas von einer Kopfbedeckung aus einem anderen Kulturkreis oder Ähnliches. Es darf über diesen Fund nichts veröffentlicht werden, was auf einen deutschen Stahlhelm hinweisen könnte. Gar nichts. Verstehen Sie? Ich muss Sie um höchste Geheimhaltung ersuchen. Es geht um die nationale Sicherheit.“
„Das soll wohl ein Scherz sein? Wir graben hier seit Jahren alte Artefakte aus und jetzt auf einmal geht es um die nationale Sicherheit. Ich verstehe Sie wirklich nicht.“ Der Museumsdirektor schüttelte den Kopf.
„Glauben Sie mir, das mit dem Helm ist eine brisante Geschichte und die sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn es mir möglich ist, werde ich Ihnen später mehr dazu sagen, im Moment kann ich das aber nicht.“ Mit diesen Worten beendete Pollux das Gespräch.
Weshalb interessierte sich der Chef vom Bundesamt für Terrorismusbekämpfung für einen verrosteten Helm aus einem Keltengrab? Und was für ein Sicherheitsrisiko sollte so ein Helm schon für Österreich bedeuten?
Der Direktor gab den unscheinbaren, verrosteten Stahlhelm in eine Schachtel und nahm diese mit nach Hause. Er legte das Fundstück in ein Regal in seiner Garage. Hier, zwischen Blumentöpfen und Gartengeräten, würde den Helm sicherlich niemand vermuten.
Am nächsten Tag wurde am Berg wieder normal weitergearbeitet. Grabungsleiter Moosbauer ließ das Skelett des Kelten ausgraben. Es sollte zu Untersuchungszwecken in das Museum ins Tal gebracht werden.
Als er den vom Erdreich gesäuberten Schädel in der Hand hielt, stockte ihm der Atem. Da war ein kreisrundes kleines Loch im Kopf, direkt über dem linken Auge. Das Loch hatte etwa den Durchmesser von einem Zentimeter. Der gegenüberliegende Teil des Hinterkopfes war großflächig aufgebrochen. So unglaublich es auch schien, das Ganze sah nach einer Schussverletzung aus. Schusswaffen gab es aber damals noch nicht.
Als Moosbauer dem Museumsdirektor den Schädel zeigte, war dieser gar nicht sonderlich erstaunt. „Ach was, von wegen Schussverletzung! Mit welchen Waffen denn? Das ist vermutlich der Versuch einer frühzeitlichen Kopfoperation, man sieht keinerlei Verwachsungen an dem kleinen Loch, daher ist anzunehmen, dass dieser Mann an den Folgen des Eingriffes gestorben ist.“
Moosbauer wunderte sich, weshalb der Direktor so rasch zu einem Urteil gelangen konnte. „Wir lassen das Skelett in seinem Grab am Berg und werden es nach Abschluss der Grabungen wieder zuschütten.“ Der Grabungsleiter ließ den Schädel im Büro des Museumsdirektors stehen und fuhr wieder auf den Dürrnberg.
Nachdem Moosbauer den Raum verlassen hatte, nahm der Direktor den Totenkopf in die Hand und sah sich das Einschussloch nochmals genau an.
Es stammte eindeutig von einem Neun-Millimeter-Geschoss, wie es in den deutschen Maschinenpistolen verwendet wurde.
Wenn er den im Grab gefundenen Stahlhelm, den ­MP-Lauf und jetzt dieses Loch im Kopf eines Keltenkriegers zu einem Ereignis zusammenfügen würde, dann konnte dies nur einen Kampf zwischen deutschen Soldaten und Kelten bedeuten. Einen Kampf, der vor fast zweitausend Jahren stattgefunden haben musste und der sowohl dem Kelten, als auch zumindest einem deutschen Soldaten das Leben gekostet hatte. Er würde niemandem davon berichten. Aber was war damals wirklich geschehen? Der Direktor war ratlos.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 229
ISBN: 978-3-99003-510-8
Erscheinungsdatum: 09.11.2010
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