Sonstiges & Allerlei

SeelenMeer

Arno A. Gander

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Leseprobe:

Mordsgeschichte


Liviu S. war gut. Eigentlich war er der Beste, wenn es darum ging, in anderer Leute Häuser und Wohnungen einzubrechen. Unter den Rumänen Wiens hatte er einen fast schon legendären Ruf und das kam nicht von ungefähr. Er nahm einfach seine Profession sehr ernst. So auch an diesem Morgen, als er am Tresen seines Stamm-Beisls auf der Hütteldorferstraße stand und aufmerksam die Todesanzeigen der Kronenzeitung studierte. Eine Tätigkeit, der er, wenn er nicht gerade einen Rausch ausschlief, jeden Tag mit vorbildlichem Eifer nachging. Schließlich waren Begräbnistermine auch ideale Einbruchstermine. Man konnte davon ausgehen, dass für eine bestimmte Zeit die Zielobjekte leer standen. Während er seine Augen über die Anzeigen huschen ließ, schlürfte er genüsslich seinen lieb gewonnenen Pharisäer. Dieser Kaffee mit viel Rum und Obers hatte es ihm besonders angetan und er ließ sich dabei vortrefflich mit einem Schluck aus dem Flachmann in seiner Manteltasche strecken.

Sein Blick fiel auf eine Anzeige in der linken oberen Ecke. Überrascht pfiff er durch die Zähne. Das bekannte Gesicht einer Frau blickte ihm entgegen, letzte Woche noch hier in diesem Beisl kennengelernt. Hatte sich mit ihren geschätzten fünfzig Lebensjahren an ihn, einen Landsmann herangemacht. Dabei war sie so professionell vorgegangen, dass er dahinter gleich einschlägige Erfahrungen im Rotlichtmilieu vermutete. Sie hatte ihm eine ganze Stunde lange von abenteuerlichen Zeiten in Thailand erzählt und dass sie dort in knapp zehn Jahren mehr Geld verprasst hätte, als andere in ihrem ganzen Leben verdienen würden. Und sie hatte den Fehler begangen, ihm zu erzählen, wo sie wohnte.

Am Tage der Beisetzung stand er in aller Früh vor dem altertümlichen Etagenlift des Gemeindebaus. Nach dem Schließen der Doppelgitter und Drücken auf den antiken Porzellanknopf setzte sich der Eisenkäfig ruckelnd in Bewegung. An die Haustür im zweiten Obergeschoss legte er für einen Moment sein Ohr und lauschte. Ein letzter Kontrollblick das Stiegenhaus hinauf und hinunter. Dann vollführte sein Dietrich einen kurzen Tanz im Schloss und schon war er drin. Vorsichtig drückte er die Tür hinter sich zu und stand dann mit prüfendem Blick im dämmrigen Flur der Wohnung. Alles hier war vollgestellt mit Schachteln, Abfallsäcken und sonstigem Müll. Es stank nach Schweiß und Zigaretten und säuerlich nach verdorbenen Lebensmitteln. Gleichzeitig wehte eine melancholische Ruhe durch die Räume der Wohnung. Weit weg von der Straße und bei verrammelten Fenstern war von draußen kaum was zu hören. Je weiter er sich in die Wohnung kämpfte, umso chaotischer wurde das Durcheinander. Er schien in einer Messi-Wohnung gelandet zu sein. Kein guter Boden für seine Zwecke. In der Küche herrschte dasselbe Tohuwabohu. Der alte Küchentisch, die zwei zusammenbrechenden Stühle davor und das zerschlissene Sofa in der Ecke - bis oben hin mit Unrat vollgestellt.

Sein vom Alkohol vernebeltes Gehirn brauchte jetzt erstmal eine Pause. Mit dem Fuß stieß er randvolle Plastiksäcke und vergilbte Kartons vom Sofa, räumte sich einen Platz zum Sitzen frei. Dann nestelte er in seinen Jackentaschen und zog seinen Flachmann samt Zigaretten und Feuerzeug daraus hervor. Was sollte er hier? Außer Müll schien es hier nichts Verwertbares zu geben. Scheißtag heute, wenn man noch seinen Kater dazu zählte. Ein tiefer Zug aus seiner Zigarette, dann fiel sein Blick auf das vergilbte Bild der Frau, das, in einen billigen Rahmen eingezwängt, auf dem staubigen Fenstersims stand.

Vielleicht war es der Alkohol, vielleicht auch nur eine Welle der Wehmut, die ihn im Angesicht der Gebrechlichkeit des menschlichen Daseins überkam. Wer war diese Frau, die der Tod so früh zu sich gerufen hatte? Wie war sie gestorben? Lebte ihr Andenken fort im Herzen trauernder Angehöriger? Oder war sie verweht wie zarter Rauch, wie ein leiser Klang im Lärm des rastlos vorwärtsjagenden Lebens? Lange saß er da, hing seinen trüben Gedanken nach. Dann stand er seufzend, resignierend wieder auf. Sein Blick blieb in einer Ecke des Sofas hängen. Dort zeichnete sich unter dem Stoff der Sitzfläche deutlich etwas ab. Sein Klappmesser, das er für alle Fälle immer in seiner Hosentasche trug, brachte dicht beschriebenes Papier ans Tageslicht. Ein paar Seiten nur, wie hastig aus einem Notizbuch, einem Tagebuch herausgerissen. Vielleicht waren es die vertrauten Worte seiner Muttersprache, vielleicht auch nur die Neugier, die ihn zwang, die ersten Zeilen zu lesen. Danach war es um ihn geschehen. Der Strudel der niedergeschriebenen Ereignisse trug ihn mit sich fort …


***


17. März 2004, Pattaya Beach

Komisch, an welche Kleinigkeiten man sich so im Nachhinein erinnert. Es war ein blutroter Paisley-Schal aus Seide, mit dem ich ihn strangulierte. Ich werde niemals dieses fahle Gesicht vergessen, die hervorquellenden Augen, die mich zuerst lustvoll, dann qualvoll anblickten. Als Domina wusste ich, dass die Ejakulation unmittelbar bevorstand. Danach begann er sich zu wehren. Aber er wollte ja vorher an die Bettpfosten gefesselt werden, und daher hatte er keine Chance. Eigentlich hätte ich jetzt aufhören sollen, aber das war nicht der Plan. Während er langsam in die Bewusstlosigkeit fiel, erweiterten sich seine Pupillen und die erwarteten Krämpfe setzten ein. Ich ertappte mich dabei, den Todeskampf unter mir neugierig zu verfolgen, mit der emotionalen Distanz eines Pathologen. Man hatte mir gesagt, dass jetzt Kot und Urin abgehen würden, und so war es auch. Dass jetzt die Apnoephase anschließt, in der die Atmung für ein bis zwei Minuten völlig zum Erliegen kommt. Dass jetzt der Blutdruck abfällt und der Puls oberflächlich und fliegend wird, bis schließlich für kurze Zeit die allerletzte Schnappatmung einsetzt. Lange vier Minuten später setzt der Hirntod ein. Solange wartete ich, bevor ich erschöpft vom Bett rutschte. Ich verließ sein Hotelzimmer wie ausgemacht, gab mich ganz aufgelöst, als die Polizei am nächsten Morgen bei mir vor der Haustür stand. Der Fall war klar: Eine Prostituierte hatte einen russischen Freier auf seinen ausdrücklichen Wunsch bis zur Bewusstlosigkeit gedrosselt und damit zu Tode gebracht. Einer Sexpraktik, der er sich aber auch schon bei anderen amtsbekannten Dominas der Stadt unterzogen hatte.

Am Straflandesgericht Wien wurde ich dafür zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, wegen absichtlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Schließlich konnte nachgewiesen werden, dass er mich gezielt für eine bis zur Bewusstlosigkeit führende Atemkontrolle engagiert hatte, die leider aus dem Ruder gelaufen war. Zudem war von einer angeborenen Herzschwäche die Rede, die das ihre dazu beigetragen hatte. Das Urteil war vergleichsweise milde, aber ganz so, wie von diesem Unbekannten vorausgesagt.

Ein paar Monate nach meiner Entlassung habe ich mich mit ihm im Café Prückel verabredet. Er schien sehr zufrieden, hat mir ein Kuvert zugesteckt, mit den Worten: „Hier, wie versprochen. Damit hat die Welt einen Schweinehund weniger.“ Die wie nebenbei geäußerte Drohung lässt mich heute noch frieren. „Streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis … es hat mich nie gegeben. Alles andere würde Ihnen nicht guttun.“ Dann ist er gegangen. Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Das Ticket nach Bangkok und der Schlüssel zu einem Schließfach am Bahnhof Hua Lamphong ermöglichen mir jetzt ein Leben in bescheidenem Luxus, hier in Pattaya. Ich hab’ mir das auch wahrlich verdient …


***


Liviu S. legte das Papier beiseite und dachte nach. Er musste sich konzentrieren. Vielleicht ließ sich damit etwas machen. Zeitungen waren doch immer geil auf interessante Storys, und das hier war definitiv eine. Dabei machte sich in ihm ein beunruhigender Gedanke breit. Die Frage ihres verfrühten Ablebens hatte vielleicht mit diesen Aufzeichnungen hier zu tun. Vielleicht sollte er sich den Gang zur Presse doch noch überlegen. Er musste einfach mehr nachdenken, aber je mehr er nachdachte, desto mehr trübten sich seine Sinne. Der Alkohol und die Zigaretten taten ihre Wirkung und ganz langsam dämmerte er in einen Halbschlaf hinüber.


***


Der Bericht der Berufsfeuerwehr Wien ließ nichts aus. In der Nobilegasse im 15. Wiener Gemeindebezirk hätte es einen Etagenbrand gegeben, der aber innert kürzester Zeit gelöscht werden konnte. Mehrere Personen des Gemeindebaus seien mit Rauchgasvergiftung in umliegende Krankenhäuser eingeliefert worden. Die Wohnung Nr. 15 im zweiten Obergeschoss sei vollkommen ausgebrannt und hier sei die halbverkohlte Leiche eines Mannes gefunden worden. Über die Identität und den Hergang des Unglücks könne noch nichts Definitives gesagt werden. Derzeit liefen die Ermittlungen …



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Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 88
ISBN: 978-3-903271-19-7
Erscheinungsdatum: 28.05.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 13,99

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