Sonstiges & Allerlei

Sandra und der russische Graf

Angelika Theussl

Sandra und der russische Graf

Leseprobe:

Drei Jahre waren seither vergangen und aus der kleinen, schüchternen Sandra war eine begehrenswerte Frau geworden. Kaum einer dachte mehr daran, dass sie eigentlich aus dem niedrigen Stande kam - man zählte sie zur Hocharistokratie, und das mit Recht. So viel Anstand und Würde konnte kein einfaches Mädchen besitzen. Das Kaiserpaar hatte das Mädchen sehr ins Herz geschlossen und behandelte sie wie eine eigene Tochter.
Auch ihren Eltern leuchtete das Glück aus den Augen. Sandra war ihr ganzer Stolz, denn trotz des hohen Niveaus hatte sie ihre Natürlichkeit und Heiterkeit nicht verloren.
Auch mit Ludwig und Cäcilia hatten sie großes Glück. Und jetzt auch mit dem eineinhalbjährigen Franzi. Ein kleiner aufgeweckter Bursche, der seine Großeltern ganz schön auf Trab hielt. Vor allem auf seine Tante Sandra wartete er immer sehnsüchtig, denn wenn sie kam, brachte sie ihm ein paar Süßigkeiten mit. Noch war er allein, aber in kurzer Zeit würde er seine geliebte Tante mit einem Geschwisterchen teilen müssen.
Vor zwei Jahren hatte Sandra ihren Traumprinzen, wie sie meinte, im Theater kennen- und lieben gelernt. Er hieß William und war der Sohn des Herzogs von Teck, welcher als britischer Militärattaché in Wien weilte. Es war bei beiden Liebe auf den ersten Blick, die jedoch seither geheim gehalten wurde. Sooft Sandra von sich erzählen wollte, schloss er ihren Mund mit einem Kuss. Mit William ging ihr Kindertraum in Erfüllung, von dem sie nie zu träumen gewagt hatte. Aus Angst, dass alles zerbrechen könnte.
„Sandra, Darling, endlich sehen wir uns wieder, die eine Woche ohne dich war grauenvoll!“, rief William, als er das junge Mädchen im Park des Schlosses Belvedere erblickte.
„William!“
Beide fielen sich in die Arme und küssten sich. „Wie sehr hast du mir gefehlt. Ich habe eine Überraschung für dich!“
Gespannt und erwartungsvoll blickte sie in seine blauen Augen. „Was ist es denn?“
„Ich werde morgen um deine Hand anhalten. Wir wollen es nicht länger geheim halten!“
„William, ist es dir wirklich ernst?“
„Ja, ich möchte, dass du meine Frau wirst!“
„Wie glücklich ich bin und erst meine Eltern. Sie werden es wahrscheinlich kaum glauben, dass mich ein Herzog heiraten möchte. Mich, ein Mädchen aus niedrigem Stande. Oh William, ich liebe dich so sehr!“
Erschrocken blickte er sie an und schob sie von sich. „Was sagst du? Aus armen Verhältnissen, weshalb erfahre ich das erst jetzt? Du hast mich die ganze Zeit belogen. Ich dachte, du gehörst zum Adel!“, schrie er und wandte sich um.
„Wie oft wollte ich es dir sagen. Du lachtest immer und meintest, das wäre unwichtig. Hätte ich gewusst, dass du niemals ein armes Mädchen heiraten würdest, hätte ich dir nicht meine Liebe geschenkt. Oh, wie dumm und naiv ich doch war. Wie konnte ich auch glauben, dass der Standesunterschied unwichtig sei. Natürlich, ein Herzog und ein Bauernmädchen, welch einen Skandal gäbe das!“
„Wie konntest du glauben, dass mein Vater seine Zustimmung geben würde zu solch einer Verbindung. Leb wohl Sandra, aber zwischen uns gibt es nichts mehr zu bereden. Wir sollten uns auch nicht mehr treffen!“
„Ist das alles, hast du mich denn je wirklich geliebt? Nach diesen Worten bezweifle ich das.“
„Es ist alles gesagt!“
Nach diesen Worten verabschiedete er sich und ließ das Mädchen allein und gedemütigt zurück.
„Majestät, ist Sandra womöglich krank? Schon seit ein paar Wochen spricht sie kaum etwas und ihre Fröhlichkeit fehlt bei all unseren Festen. Man ist beunruhigt deswegen. Es ist so furchtbar langweilig ohne sie. Ihr müsst etwas unternehmen, bevor es zu spät ist.“
„Ihr habt recht, Baron von Auersbach. Wenn ich so überlege, dann ist sie seit Wochen so deprimiert. Schickt sie bitte zu mir in mein Arbeitszimmer!“
„Ich eile!“
Zögerlich trat Sandra ein. „Ihr wünscht mich zu sprechen?“
„Ja, setz dich, mein Kind. Und nun sage mir, was dich so bedrückt, dass sich bereits der ganze Hofstaat Sorgen um dich macht.“
Tränen kullerten aus Sandras schönen blauen Augen. „Ich möchte Euch nicht damit belasten. Ihr habt genug Probleme. Was kümmert Ihr Euch also um mich?“
„Ich werde sehr böse, wenn du so weitersprichst. Du bist wie eine Tochter für mich.“ Sanft drückte sie das Mädchen an sich. „Nun erzähle!“
„Ihr kennt doch Herzog William von Teck. Vor zwei Jahren haben wir uns kennen- und lieben gelernt. Wir hielten es immer geheim. Vor ein paar Wochen wollte er bei meinen Eltern um meine Hand anhalten. Ich schwebte wie auf Wolken, doch das Erwachen war zu schrecklich. Wie konnte ich auch annehmen, dass ein Herzog ein armes, einfaches Mädchen heiraten würde. Als er es erfuhr, ließ er mich fallen. Da war von Liebe keine Spur mehr, nur noch Verachtung!“
„Meine arme Sandra, es ist schwer, eine solche Liebe zu überwinden. Aber glaube mir, wenn man wirklich liebt, dann ist der Standesunterschied nicht wichtig. Da ist es gleich ob man arm oder reich ist - daran erkennt man die wahre Liebe. Du brauchst diesem Herzog nicht nachzutrauern, er ist es nicht wert!“
„Wenn es so einfach wäre, zwei Jahre zu vergessen!“
„Glaube mir, du wirst den richtigen Mann finden, der dich liebt. Dich allein ohne Konsequenzen. Und nun versprich mir, dass du wieder Schwung in unsere Feste bringst. Es ist nämlich sehr langweilig ohne dich. Übrigens, in einer Woche treffen russische Gäste ein. Ein Graf Jurejew mit seiner Cousine. Ihnen zu Ehren veranstalten wir einen großen Ball. Und nun Kopf hoch und lächle wieder.“
„Ich verspreche es Euch!“, antwortete Sandra, knickste und schloss die Türe. Auf dem Wege zu ihrem Arbeitszimmer begegnete sie Baron von Borschowj.
„Küss die Hand, schönes Fräulein!“, rief er schon von Weitem und verbeugte sich.
„Baron von Borschowj, was veranlasst Euch, uns wieder einmal zu besuchen? Es ist schon lange her, dass wir uns gesehen haben.“
„Ihr habt recht, aber wie könnte ich Euch vergessen!“
Sandra spürte eine heiße Welle in sich aufsteigen und meinte, dass er doch nur scherze. Nun, Baron von Borschowj war sechsundzwanzig Jahre alt, groß, schlank, hatte dunkelbraune Haare und braune Augen und sah in seiner Uniform fantastisch aus. Bei seinem Anblick schlug so manches Frauenherz höher. „Wollt Ihr mich beleidigen? Das war ein Kompliment. Wie könnte ich je ein so schönes Mädchen vergessen? Ihr müsst doch spüren, wie sehr ich Euch verehre. Ich werbe um Eure Gunst, aber Ihr beachtet mich ja kaum.“
Zarte Röte umspielte ihr Gesicht. „Ich habe es sehr wohl bemerkt, aber ich bin ein armes Mädchen.“
„Das ist wahr, aber dies wäre kein Hindernis. Ich würde Euch sofort heiraten.“ „Bitte seid still. Ich bin Eurer Liebe nicht wert. Istvan, ich liebe Euch nicht. Aber wenn Ihr einverstanden seid, dann schenkt mir Eure tiefe, ehrliche Freundschaft. Mehr kann ich Euch nicht anbieten!“
„Auch wenn es mir schwerfällt, Euch nur meine Freundschaft zu schenken, so verspreche ich Euch, dass Ihr jederzeit auf mich zählen könnt. Ich werde meine Gefühle unterdrücken, selbst wenn es mir das Herz bricht. Einen kleinen Freundschaftskuss darf ich Euch aber geben?“
„Aber nur einen!“, lachte sie. Behutsam berührte er ihre Lippen und verabschiedete sich rasch mit der Begründung, er müsse noch ein sehr wichtiges Gespräch mit dem Kaiser führen. Wie hätte er sonst verantworten können, wenn er dieses Mädchen in seine Arme genommen und mit Küssen bedeckt hätte. Ein Wunsch, der wohl nie in Erfüllung gehen würde.
Die Vorbereitungen für den Ball nahmen sie die ganze Woche über in Anspruch und es schien ihr, als habe sie ihren Kummer nach all den Wochen endlich vergessen. Doch kurz vor Ballbeginn begegnete sie dem Herzog wieder, der in Begleitung von Baronin Theres von Langenburg, seiner neuen Eroberung, kam.
„Bitte geht schon vor, ich komme gleich nach!“, erklärte William und gab ihr einen Kuss. „Ich habe noch etwas zu erledigen. Sandra, Sandra bitte bleibe kurz stehen“, rief er ihr nach und hielt sie zurück.
„Was willst du noch? Lass mich los, zwischen uns gibt es nichts mehr zu besprechen. Warum lässt du mich nicht in Ruhe?“
„Ich wollte dich um Verzeihung bitten. Meine Worte waren sehr hart. Aber glaube mir, es liegt nicht in meiner Macht, dich als meine Frau heimzuführen. Mein Vater besteht auf eine standesgemäße Heirat. Wenn ich entscheiden könnte, würdest du jetzt an meiner Seite stehen. Versuche doch bitte zu verstehen! In ein paar Jahren kehre ich zurück nach England. Dort wärst du in den Augen der Aristokratie ein Emporkömmling. Ich kann nicht erwarten, dass du mir je verzeihst. Aber du sollst wissen, dass ich dich noch sehr liebe. Ich bin deiner nicht würdig. Ich habe dich, wenn auch nicht mit Absicht, um deine Liebe und Treue betrogen. Die Stunden sind mir un­vergesslich und ich weiß auch, dass du mir diese nur geschenkt hast in der Gewissheit, dass ich dein Mann werde.“
„Sprich nicht weiter“, flüsterte Sandra, „deine Worte schmerzen mich zutiefst, wenn es auch die Wahrheit ist. Unsere Liaison ist beendet. Keiner wird je davon erfahren. Von nun an lebst du dein Leben und ich meines. Adieu William, und werde glücklich!“
„Das wünsche ich dir auch. Einen Mann, der dich trotz deines Standes heiraten kann und der dich ehrlich liebt.“ Zögernd blickte sie zu ihm auf. „Sandra“, hauchte er und umarmte sie leidenschaftlich, „bitte verzeih mir!“
Sie nickte, während in ihren Augen Tränen schimmerten, die wie Edelsteine funkelten. Behutsam bog er ihren Kopf nach hinten, küsste sie mit all seiner Kraft, gab sie danach frei und eilte davon.
„Leb wohl, mein Liebster!“, flüsterte sie und trocknete ihre Tränen. Ein paar Minuten saß sie mit geschlossenen Augen am Kanapee und sammelte neue Kräfte. Es war aus und vorbei und sie hatte der Kaiserin versprochen, wieder strahlender Mittelpunkt zu sein.
Sie war so vertieft, dass sie den Kaiser nicht hörte und erschrak, als er vor ihr stand. „Sandra, ich wollte dich nicht erschrecken. Bitte komm, ich möchte dir unsere russischen Gäste vorstellen. Du wirst dich in den kommenden Tagen um sie kümmern.“
„Aber Majestät, wie komme ich zu dieser Ehre? Ich bin doch nicht wichtig!“
„Das wird Euch der Graf selbst beantworten!“
Mit rasendem Herzen folgte sie ihm. Schon von Weitem sah sie einen jüngeren Mann in schicker Uniform und neben ihm eine wunderschöne Frau.
„Graf, darf ich Euch nun unsere Alexandra vorstellen!“
„Graf Jurejew!“, antwortete sie ehrfürchtig und fiel in den Hofknicks, ebenso vor der Gräfin.
„Darf ich um diesen Tanz bitten?“
Mit glühenden Wangen folgte sie ihm auf die Tanzfläche. „Graf Jurejew, wie komme ich zu dieser Ehre? Wie Ihr sicher wisst, stehe ich im Dienste der Kaiserin. In diesem Moment kompromittiert Ihr alle anwesenden Damen, die Rang und Namen haben. Darüber müsst Ihr Euch im Klaren sein. Ich selbst bin ein Mädchen aus niedrigem Stande. Doch Kaiserin Sisi gewährte mir die Gunst, bei ihr arbeiten zu dürfen. Viele würden mich gerne außerhalb des Schlosses sehen.“
„Ist Eure Predigt nun beendet? Ob Ihr es hören möchtet oder nicht - ich wollte mit Euch und keiner anderen tanzen. Euer Ruf ist weit verbreitet. Ihr werdet als charmant und bezaubernd geschildert. Ich habe auch erfahren, dass Ihr sehr gebildet seid und aus diesem Grunde wollte ich Euch kennenlernen. Selbst der Kaiser schwärmt in den höchsten Tönen von Euch. Er hat mir viel von Euch erzählt, kleine Sandra. Ich heiße übrigens Mihael Nicolai Jurejew und lebe am Stadtrand von Moskau.“
„Es freut mich sehr, dass ich Euch kennenlernen durfte. Aber nun müsst Ihr mich kurz entschuldigen!“, erklärte Sandra erhitzt und verschwand in Windeseile. Eine Erfrischung benötigte sie jetzt am dringendsten. Ein kühler Orangensaft ließ sie wieder zu klarem Verstand kommen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, gefiel ihr der Graf außerordentlich gut. Er mochte nicht älter als 28 Jahre alt sein. Seine schwarzen Augen hatten sie sehr durcheinandergebracht. War es möglich, dass sie sich in ihn verliebt hatte? Doch das durfte nicht sein. Sie und ein reicher russischer Graf. Sie musste sich eingestehen, dass sie immer nur ein armes, einfaches Mädchen sein würde, auch wenn sie eine hohe Stellung innehatte. Das durfte sie niemals vergessen noch leugnen, weder ihren Eltern noch einem Mann gegenüber, wenn sie ihn auch noch so lieben sollte.
„Ah Sandra, kommt her und setzt Euch ein wenig zu uns!“, bat Baronin Hildegard von Schnepfen und zog sie zu sich. „Geht es Euch schon wieder besser? Man hatte uns gesagt, Ihr hättet eine Influenza gehabt!“
„Es geht mir schon wieder bestens!“
„Stellt Euch vor“, begann Gräfin Rosalinde der Baronin von Schnepfen zu erzählen, „meine Zofe hat sich in den Baron von Schönherr verliebt. So ein dummes Ding, sie glaubt tatsächlich, der Baron würde sie heiraten. Wenn sie wüsste, dass sie nur ein kleiner Zeitvertreib ist, würde sie große Augen machen. Aber ausreden kann man es ihr nicht. Sie sieht sich schon als zukünftige Baronin an.“
„Warum glaubt Ihr, dass der Baron sie nicht heiraten wird?“, unterbrach sie Comtesse Anna.
„Glaubt Ihr denn wirklich, dass er eine Zofe - ein Mädchen aus niedrigstem Stande - heiraten würde? Sie ist arm wie eine Kirchenmaus. Da kennt Ihr aber die Männer schlecht.“
„Aber es heißt doch immer, wahre Liebe kennt keine Grenzen. Wenn man wirklich liebt, dann ist die Herkunft unwichtig.“
„Comtesse Anna, eine Frau, die nichts ist und nichts hat, macht einen angesehenen Mann lächerlich. Wer von den Herren lässt sich gerne wegen einer Frau auslachen? Wir zählen doch alle zur Aristokratie, ein Mensch aus niedrigem Stande würde nicht hierher passen. Habe ich nicht recht, Sandra?“
Das Mädchen blickte die Gräfin traurig an und meinte leise: „Ihr sprecht so schlecht von den Menschen, nur weil sie arm geboren wurden. Man kann sich seine Herkunft leider nicht aussuchen. Wenn jeder zu wählen hätte, gäbe es nur reiche Leute und keine Armen. Der Charakter eines Menschen zählt bei mir, nicht seine Abstammung.“
„Hört, hört - sie nimmt diese Menschen in Schutz?“
„Habt Ihr vergessen, dass auch ich zu diesen Armen gehöre? Ich bin auch ein Mädchen aus niedrigem Stande. Aber ich werde von jedem behandelt, als wäre ich eine von seinesgleichen. Kaum einer macht einen Unterschied. Gewiss würde es manchen freuen, wenn ich von hier fortgehen würde, aber diese Zahl ist nur ein Bruchteil derer, die mich achten, auch wenn ich nur eine kleine Angestellte der Kaiserin bin!“
„Da muss ich Sandra vollkommen recht geben“, mischte sich Istvan von Borschowj ein und setzte sich. „Wenn man ein Mädchen liebt, sollte man es heiraten, egal ob es reich oder arm ist.“
„Wie könnt Ihr es wagen, so etwas zu gestehen?“, erzürnte sich die Gräfin.
„Genug davon, Gräfin!!, meinte die Baronin. „Seht, der Herzog von Teck mit seiner neuen Flamme.“
„Ein schönes Paar. Vor ein paar Wochen hatte man gemunkelt, er hätte eine Liaison mit einem Mädchen vom Schloss. Sicher nur leeres Geschwätz.“
Bei diesen Worten errötete Sandra leicht und öffnete ihren Fächer.
„Wie gefällt Euch der russische Graf, Comtesse Anna?“, fragte Istvan amüsiert. Ein Gemurmel entstand und sie blickte verlegen zu Boden.
„Er sieht ja ganz gut aus in seiner Uniform, aber er lebt in einem wilden Land!“, erklärte die Comtesse wieder gefasst.
„Ich an seiner Stelle würde Österreich sofort wieder verlassen. Der fühlt sich doch bei den Wilden viel wohler“, kreischte die Gräfin von Harmsdorf. „Womöglich gibt es bald Krieg mit Russland.“
„Was heißt Wilde? Andere Sitten und Gebräuche haben sie und einen anderen Glauben, den russisch-orthodoxen. So ähnlich wie der Griechisch-Orthodoxe. Auch der Kaiser ist diesem Glauben nicht abgeneigt. Dr. Repta und der Patriarch von Karlowitz sind öfters im Schloss und gute Freunde des Kaiserpaares. Zwar sind beide sehr römisch-katholisch, doch haben sie ein offenes Ohr für diesen fremden Glauben. Selbst im Wiener Tagesblatt findet man Artikel darüber, auch im Fremdenblatt von Pester Lloyd.“
„Aber es soll Kosaken und Strelitzen geben und ganz gefährliche Organisationen. Sie ermorden sogar ihre eigenen Zaren. Diese Leute sind gefährlich, und darum sollte er besser zurück. Der Kaiser musste die strengsten Schutzmaßnahmen für die beiden anordnen. Sollte auch nur irgendetwas passieren, wäre der Krieg nicht mehr weit!“
Russland hatte Sandra schon immer fasziniert. Doch das, was sie jetzt hörte, erschreckte sie. Ging es wirklich so brutal zu, wie alle schilderten, oder war es nur erfunden? Die einzige Möglichkeit, das wahre Russland kennenzulernen, war der Graf. Noch überlegte sie, ob sie ihn fragen sollte oder nicht.
Die Entscheidung wurde ihr leicht gemacht - der Graf forderte sie zum zweiten Male zum Tanzen auf. Baron von Borschowj entging nicht das Aufleuchten in Sandras Augen, als sie der Graf aufforderte, und in seinem Herzen gab es einen schmerzlichen Stich. Wie gerne würde er ihr seine Liebe schenken und sie beschützen, aber er durfte nur ihr guter Freund sein. Wie schwer fiel es ihm, den beiden beim Tanzen zuzusehen. Instinktiv ahnte er, dass der Graf und Sandra füreinander bestimmt waren. Es war ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte und doch bedeutete es, dass Sandra für ihn für immer verloren war.
„Meine schöne Sandra, Ihr habt mich vernachlässigt. Ich wollte so gerne den Abend mit Euch verbringen, aber Ihr wart plötzlich verschwunden. Versprecht mir, dass Ihr jetzt bei mir bleibt und mir Gesellschaft leistet!“
„Wenn Ihr es wünscht.“
„Das war eine Bitte, kein Befehl! Wenn Ihr nicht wollt, so sagt es nur.“
„Natürlich möchte ich.“
Bis auf den Walzer tanzten sie alle Tänze. Sandra musste dem Grafen versprechen, dass sie ihm diesen Tanz beibringen würde. Während des Abends erfuhr sie dann noch sehr viel über sein Land. Bald hatte sie erkannt, dass vieles nicht stimmte, was sie vorhin gehört hatte.
William von Teck, der ebenfalls mit Theres von Schönburg im Speisesaal saß, spähte verstohlen zu Sandra. Wie viel Kraft musste dieses Mädchen besitzen, ging es ihm durch den Kopf, dass es jetzt charmant und bezaubernd wie eh und je die Gäste unterhalten konnte. Er wusste, dass er sie tief verletzt hatte und doch wirkte sie so unbekümmert und heiter, als wäre nie etwas geschehen.
Was gäbe er, um sie heiraten zu können. Es kam ihm erst jetzt zu Bewusstsein, wie sehr er sie noch liebte. Und doch, sein Blick blieb immer wieder bei der Gräfin Jurejew hängen. Anmutig und ruhig saß sie bei Tisch und trank ihr Glas Wein leer.
Kurz darauf erhob sich das Kaiserpaar und ging wieder zurück in den Festsaal. Die meisten der geladenen Gäste blieben jedoch noch sitzen und schwatzten lebhaft weiter. Der Platz neben der Gräfin war frei geworden und er überlegte, ob er sich ihr nähern sollte. Aber auch Sandra saß allein bei Tisch. Wohin sollte er gehen? Noch ehe er sich entschieden hatte, kam der russische Graf zu Sandra, plauderte kurz mit ihr und gemeinsam verschwanden sie in den Festsaal. Eifersüchtig unterdrückte er seinen Schmerz. Sie war frei und ungebunden, er hatte es so gewollt!
Sein Blick glitt wieder zur Gräfin, die ihn jetzt mit ihren dunklen Augen anlächelte. Und es war gerade dieses Lächeln, das ihn erbeben ließ. So schnell er konnte, eilte er zu ihr und bat um den nächsten Tanz.
Sandra und Graf Jurejew befanden sich inzwischen auf dem Balkon, um ein wenig Luft zu schnappen. Die Sterne erstrahlten in ihrer schönsten Pracht und der Mond blickte hinter den Wolken hervor. Eine ungewohnte, ja unbekannte Unruhe erfasste Sandra plötzlich, sodass sie sich beim Geländer aufstützte und in den Park blickte.
„Wie lange bleibt Ihr noch in Wien?“, fragte sie zögernd.
„Das kann ich Euch jetzt noch nicht sagen. Aber ich kann Euch versprechen, dass es noch recht lange sein wird.“
„Das freut mich. Ihr müsst unbedingt die Stadt besichtigen und vieles mehr!“
„Nur wenn Ihr sie mir zeigt!“, hauchte er, berührte sanft ihre Hand und nahm sie dann in die seine. Ihre Blicke begegneten sich und sowohl der Graf als auch das Mädchen vibrierten innerlich. Eine heiße Woge überfiel sie und ihre Herzen begannen zu rasen. Die Welt um sich vergessend, kamen sie sich immer näher. Zärtlich küsste er ihre Fingerspitzen und flüsterte ihr etwas auf Russisch zu, das sie jedoch leider nicht verstand. Dieser magische Zauber zerbrach, als Baronin von Soldern herbeigeeilt kam und rief: „Mein Gott, ist der Himmel heute klar! Gibt es so einen Sternenhimmel auch in Russland? Graf, Ihr müsst mir unbedingt einiges über Euer Land erzählen.“ Aufdringlich, wie sie nun einmal war, hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn mit sich.
„Ein so schönes Mädchen steht ganz allein am Balkon?“, hörte sie fragen und drehte sich um.
„Baron von Schönburg, wollt Ihr uns schon verlassen, ohne das Feuerwerk gesehen zu haben?“
„Feuerwerk? Da muss ich natürlich noch bleiben. Wollt Ihr mir dabei Gesellschaft leisten?“
„Sehr gerne!“
Während sich die beiden köstlich amüsierten, überfiel man den Grafen mit unzähligen Fragen. Vor allem Comtesse Sophie ließ ihn kaum zu Atem kommen. Völlig abwesend saß er in der Damenrunde, gab bereitwillig Auskunft und doch suchten seine Augen das schönste Mädchen der Welt. Comtesse Sophie fiel es bald auf und sie fragte offen: „Sucht Ihr wen? Warum tanzt Ihr eigentlich nur mit Sandra? Damit kompromittiert Ihr alle anwesenden Damen der Gesellschaft. Ihr wisst wohl nicht, dass sie nur eine Angestellte der Kaiserin ist. Eigentlich gehört sie hier überhaupt nicht her. Seit sie bei Hofe ist, ist sie in aller Munde. Man beneidet sie wegen Ihrer Schönheit und Natürlichkeit und die Männer liegen Ihr zu Füßen. Dass ich nicht lache! Glaubt sie denn tatsächlich, jemals zum Adel zu gehören?“
Comtesse Sophie verstummte plötzlich, als sie ein gefährliches Aufblitzen in seinen Augen wahrnahm, und hielt es für besser zu schweigen. In diesem Moment begann das Feuerwerk und alle schwärmten hinaus ins Freie. So sehr er sich auch umschaute, Sandra konnte er nirgends entdecken.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 392
ISBN: 978-3-99038-307-0
Erscheinungsdatum: 20.02.2014
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