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Nach mir die Sintflut! Oder lieber doch nicht???

Herbert Kessler

Nach mir die Sintflut! Oder lieber doch nicht???

Leseprobe:

Alfred fährt nach München. Schon lange hat er auf dieses wichtige Treffen hingearbeitet. Nun endlich ist es so weit.
Er steigt bei einer Textilfirma als Investor ein. Sein Lobbyist August hat wirklich viel erreicht, was er ihm natürlich nicht unter die Nase gerieben hat. Wenn er dies ihm gegenüber erwähnen würde, würde dieser sofort noch mehr Provision verlangen. Er bezahlte ihm ohnehin schon horrende Beträge. Aber er brauchte August. Dieser hatte die notwendigen Kontakte, die er benötigte, um sein Kapital zu vermehren.
Alfred hält sich immer im Hintergrund. So kann er die Puppen tanzen lassen und ist emotional nicht mit diesen verstrickt. Auf diese Weise muss er sich nicht auf sie einlassen, wird emotional nicht berührt und kann besser den Überblick behalten. Sich mit ihnen einzulassen, dazu ist er viel zu feige. Deshalb ist er auch mit niemanden per Du und ausnahmslos mit allen per Sie. Alfred wird sich an August, wenn notwendig, schadlos halten. August ist erzschwul. Ist groß und breit gewachsen, hat schwarze Haare und einen dunklen Teint und dazu ein Gesicht wie ein Model. Auch seine Figur war tadellos. Alle Frauen schmolzen dahin, wenn sie ihn erblickten. Um den Schein nach außen zu wahren, hat August Sabine geheiratet. Sabine ahnt nicht, dass sie nur benutzt wird, um August ein angenehmes Doppelleben zu ermöglichen. Wenn Sabine erfährt, dass August schwul ist, wird sie kurzen Prozess mit ihm machen und ihn öffentlich bloßstellen und aus dem Haus werfen. Davon war Alfred überzeugt.
Alfred hasst alle Menschen.
Aber die Schwulen hasst er ganz besonders. August hat sich vor einem Monat in einer Bar in Franz verliebt. Da sie im selben Hotel übernachteten, sah Alfred zufällig August, als er um drei Uhr früh aus dem Zimmer von Franz kam. Alfred sprach August beim Frühstück darauf an. Morgen August. Gut geschlafen? Deine Nacht war heute ja sehr kurz. Was meinst du damit, fragte August. Ich habe dich gesehen, als du um drei Uhr aus dem Zimmer von Franz gekommen bist. August lief rot an. Alfred, ich verstehe das selber nicht, aber auf einmal ist das vor zwei Jahren über mich gekommen. Über Nacht. Gegen diese Gefühle konnte ich mich einfach nicht wehren. Wenn ich das vorher geahnt hätte, wäre es für mich viel einfacher gewesen, dazu zu stehen als jetzt. Bitte verrat mich nicht an Sabine. Natürlich nicht, versprach Alfred. Dieses kleine Geheimnis war aber sehr gut bei Alfred aufgehoben. Von da an konnte Alfred sich auf die Loyalität von August verlassen. Sollte August nicht mehr spuren oder er einen Reinfall mit seinen Tipps haben, würde er Sabine eine Information über die beiden zuspielen. Und er lachte in sich hinein, dann würde August nach seiner Scheidung gerupft, geteert und gefedert von dannen ziehen müssen. Darin ist er wirklich gut. Noch niemals hat ihm jemand Geld abgeknöpft, ohne sich ihm mit Haut und Haar auszuliefern. Nicht dass Alfred sich auf einen schlechten Tipp von August gefreut hätte. Aber nichts befriedigte ihn mehr, als seine Mitmenschen fertigzumachen. Sie zu erniedrigen, auszunützen, und wenn er mit ihnen fertig ist, fallen zu lassen. Er war ein richtiger Menschenhasser. Der Grund dafür lag in seiner Kindheit, denn seine Großmutter hatte sich mit den Nazis verbündet, um den Familienbesitz zu vergrößern und abzusichern. Dass darunter andere zu leiden hatten, daran dachte sie keine Sekunde. Es galt, die eigenen Interessen zu verfolgen.
Jeder muss schließlich selber schauen, wo er bleibt.
Der Plan war gut. Wenn nur die Nazis den Krieg nicht verloren hätten. Der gesamte Familienbesitz musste an die verhassten Juden zurückgegeben werden. Das war sehr bitter. Denn sein Vater Detlef war mit zwölf Jahren über Nacht vom geachteten Kronprinzen zum verspotteten und verachteten Proletensohn degradiert worden. Mit dieser von Grund auf geänderten sozialen Situation konnte sich dieser niemals zurechtfinden. Schließlich ist sein Vater auf dem Bau gelandet. Den ganzen aufgestauten Zorn und Hass hat er an ihm ausgelassen. Sein Vater traf sich jeden Abend mit seinen Arbeitskollegen in der Stammkneipe. Dort trank er so lange, bis er stockbesoffen war. Sobald er zu Hause eintraf, lenkte seine Mutter Lilli, so oft sie konnte, geschickt die Aggressionen mit Bemerkungen, was in der Schule los gewesen war oder was er getan hatte, was im Grunde immer Nichtigkeiten waren, auf ihn, und dann gab es Prügel. So lange, bis sich sein Vater den ganzen Hass aus dem Leib geprügelt hatte und er nicht mehr konnte. Aber dieser Hass traf nicht nur ihn, auch seine Mutter bekam fast jeden zweiten oder dritten Tag ihr Fett ab.
Ja, ja, an blauen Flecken hat es ihm damals nicht gemangelt.
Und der Mutter tat es gut, nicht alleine die Hiebe abzubekommen. Schließlich ist geteiltes Leid halbes Leid. Wie, wusste er nicht, aber er hatte diese schmerzvollen Erfahrungen irgendwie überlebt.
Seit diesem Zeitpunkt vertraute er niemandem mehr über den Weg. Das war seither sein Lebensmotto, und damit war er gut gefahren.

Alfred ist jetzt 45 Jahre alt, 1,85 Meter groß, mit einem Bierbäuchlein, aber ansonsten hat er eine sehr sportliche Figur. Seine Arme und Beine sind sehr muskulös wie die eines Athleten. Er hat pechschwarze Haare und einen dunklen Teint, dazu einen für Frauen sehr erotischen Mund und eine edel geformte Nase. Seine Augen sind dunkelbraun und können auf den ersten Eindruck sehr vertrauenerweckend wirken. Sein bestes Stück, und das wurde ihm schon von vielen Frauen bestätigt, kann sich wirklich sehen lassen. Im Anzug, und er tritt immer im Anzug auf, wirkt er wie ein rundherum seriöser Geschäftsmann. Wie gesagt, sehr vertrauensvoll.
Aber in Wahrheit war er ein Wolf im Schafspelz der übelsten Sorte.
Er muss heute noch oft an die Anfangszeit zurückdenken, als er seine Firma gegründet hatte. Es war eine sehr riskante, turbulente und eine über alle Maßen tolle Erfolgsstory.
Er war als tüchtiger Verkäufer in einem Schweizer Unternehmen als Maschinenverkäufer angestellt. Da die Umsätze durch seinen Einsatz stark gestiegen waren, wurde er beauftragt, eine Ausstellungshalle für die Maschinen zu organisieren. Er fand einen pfiffigen Bauunternehmer, der die Halle nach den Vorstellungen des Konzerns baute. Allerdings hatte sich dieser schlaue Fuchs eine Sicherheit eingebaut, nämlich einen Zehnjahresvertrag, an den musste sich der Konzern binden. Was der auch tat, denn die Aussichten auf Erfolg standen sehr gut. Kaum war die Halle fertiggestellt, aber noch nicht eröffnet, brachen die Umsätze drastisch ein. Der Konzern trat nun an Alfred heran und beauftragte ihn damit, die Halle wieder abzustoßen oder aus dem Vertrag auszutreten. Einen anderen Mieter zu finden, dazu hatte Alfred keine Lust. Denn dann würde die Filiale aufgelöst, und er würde seinen Job wieder von zu Hause aus erledigen müssen. Das wollte er auf keinen Fall, denn dies hätte bei seinen Bekannten einen enormen Imageverlust zur Folge gehabt. Die anderen Arbeitskollegen Frankie und Hendrik hätten dann ihren Job verloren, was ihm eigentlich egal gewesen wäre. Aber er hatte gründlich darüber nachgedacht, unter Umständen könnte es auch ihn erwischen, und das war ihm nicht egal, ganz im Gegenteil. Er konnte in dieser Zeit die ganzen Nächte kein Auge zumachen, und Albträume suchten ihn heim.
Es gehörte zu Alfreds Masche, wenn es etwas Unangenehmes gab oder er keine Entscheidung treffen wollte oder er paralysiert und unfähig war, eine zu treffen, saß er dies einfach nur aus und tat nichts. In der Regel erledigte sich dann alles von selbst. Das hatte in der Vergangenheit schon immer am besten funktioniert. Das machte er auch diesmal so. Der Konzern kam immer mehr unter Druck und musste eine rasche Lösung finden. Nun hatte er diesen dort, wo er ihn haben wollte. Es gab viele Gespräche, um eine geeignete Lösung zu finden. Schließlich baten sie ihn, in die Schweiz zu kommen. Das Gespräch wurde von Hubert mit Alfred sehr freundlich geführt. Hubert war der CEO des Konzerns in der Schweiz. Hubert begann sehr einschmeichelnd. Alfred, wir haben die Sachlage lange geprüft und haben überlegt, wie wir aus diesem Zehnjahresvertrag rauskommen könnten. Die Rechtsabteilung ist der Meinung, es gibt keine Chance, vorzeitig aus dem Vertrag auszusteigen. Es wäre für uns alle sehr vorteilhaft, wenn Sie eine eigene Firma gründen würden und den Zehnjahresvertrag der Halle übernähmen. Dafür bekämen Sie von uns einen Sondervertrag mit dem Recht, die Originalprodukte des Konzerns in ihrem VK-Gebiet verkaufen zu dürfen. Und Sie dürften unser Firmenlogo verwenden. Was halten Sie davon? Für wie lange würde das denn gelten? Denn ich kann keine Firma gründen, ohne das Risiko vorher genau abzuwägen, fragte Alfred. Schriftlich garantiere ich es Ihnen zumindest die nächsten zehn Jahre. Danach sehen wir weiter. Es kommt darauf an, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt. Wir werden aber im Vertrag festhalten, dass sich dieser immer wieder um weitere fünf Jahre verlängert, wenn er nicht gekündigt wird. Somit haben Sie fünfzehn Jahre Sicherheit. Alfred, das ist Ihre Chance, was sagen Sie zu diesem Vorschlag?
Der Vorschlag gefällt mir. Ich werde das überschlafen und gebe Ihnen Bescheid. Aber ich denke, so könnten wir es machen, sagte Alfred. Ich melde mich wieder bei Ihnen, wenn ich alles gecheckt habe, O.K.?
Natürlich Alfred, das verstehe ich. Überlegen Sie es sich gut. Aber bitte lassen Sie sich nicht zu lange Zeit. Alfred musste nur noch die Arbeitskollegen überreden mitzumachen. Besser gesagt, Frankie. Denn diesem hatte Alfred Versprechungen gemacht und dann nicht eingehalten, was dieser ihm übel genommen hatte. Da er Frankie dringend benötigte, um seine Pläne umzusetzen, musste er diesen umstimmen und auf seine Seite ziehen. Dies fiel ihm besonders schwer, er musste bei Frankie zu Kreuze kriechen, und das tat ihm in der Seele weh. Aber ohne diesen waren die Pläne einfach nicht umsetzbar. Frankie war der Einzige, der einen Erfolg garantieren würde. Die Kunden vertrauten ihm, und er war bei diesen sehr beliebt. Deshalb war er für ihn so wichtig. Nach wochenlangen Gesprächen mit Frankie konnte er diesen doch noch umstimmen. Dazu griff Alfred wieder in seine bewährte Trickkiste – Versprechungen machen, die er nicht einzuhalten gedachte. Und schließlich prostituierte er sich noch, indem er Frankie immer wieder und immer wieder versicherte, dass er ihn brauchte. Alfred sagte, Frankie, man bekommt im Leben nur einmal so eine Chance. Machen Sie mit, wir können alles erreichen. Sie bekommen dann einen tollen Firmenwagen. Welchen denn …? Das können Sie sich dann aussuchen … Sie haben die einmalige Gelegenheit, bei einer Firmengründung vorne mitzumachen, und wenn wir dann erfolgreich sind, und wir werden sicher erfolgreich sein, werden wir im Geld schwimmen. Sie haben dann einen sicheren Job in einem kleinen Familienbetrieb und müssen sich keine Sorgen mehr machen. Wir werden unabhängig sein und müssen uns von diesen Arschlöchern vom Konzern nicht mehr reinreden lassen. Am Anfang kann ich Ihnen natürlich nicht zu viel Gehalt geben, aber sobald wir in die Gewinnzone kommen, werde ich sehr großzügig sein. Er dachte, wenn Frankie erst einmal dabei ist, werde ich ihn dafür, dass ich hier zu Kreuze kriechen muss, bluten lassen. Das Auto und ein größeres Gehalt kann er sich auch in die Haare schmieren. Oh, wie er diesen Frankie dafür hasste. Frankie glaubte ihm kein Wort, lenkte aber doch ein und machte mit. Ausschlaggebend für den Meinungsaustausch bei Frankie war ein gemeinsames Erlebnis. Sie wurden zur 40er- Geburtstagsparty des Baulöwen, der die neue Halle gebaut hatte, eingeladen. Bei dieser Party war ein Karussell, und als Frankie Alfred auf dem Karussell fahren sah, erblickte Frankie in Alfred nur noch das unschuldige und hilflose Kind. In diesem Augenblick nahm es Frankie als seine Bestimmung an, Alfred zu helfen. Nie könnte Frankie ein hilfloses Kind im Stich lassen. Auch wenn ihm im selben Moment bewusst war, dass es so enden würde wie damals bei Don Pedro de Valdes. *Gegenspieler von Sir Francis Drake in der Karibik. Dieser war spanischer Gouverneur von Kuba. Fiel durch Intrigen am Hofe von Spanien in Ungnade und wurde in Ketten nach Spanien zurückgebracht und für den Rest seines Lebens eingekerkert.
Vierzehn Tage später schloss Alfred den Vertrag mit Hubert ab und gründete seine eigene Firma. Die Firma taufte er auf den Namen AlDIA GmbH. Alfred hatte sich schon als kleines Kind sehr stark zu seiner Großmutter hingezogen gefühlt. Er eiferte ihr nach und wollte auch so erfolgreich sein wie sie. Dazu musste er sich aber aus dem selbst gebastelten Gefängnis seines Vaters befreien und die Dämonen ziehen lassen. Nun, mit der Firmengründung, hatte er das Gefühl, seinen lang gehegten Wunsch umsetzen zu können. Ab jetzt ging er seinen eigenen Weg. Den eines Gewinners und nicht den eines Versagers. Er hasste seinen Vater abgrundtief für seine Schwäche und für die Schläge, die er ihm all die Jahre verpasst hatte. Am liebsten hätte er ihn dafür abgestochen. Im ersten Jahr war die Bilanz durch den außerordentlichen Einsatz von Frankie schon viel positiver als erwartet. Im zweiten Jahr konnte Frankie die Umsätze um hundert Prozent steigern, im dritten vierten und fünften Jahr abermals um je hundert Prozent. Aber nicht nur die Umsätze, auch die Erträge sprengten alle seine Vorstellungen. Er gehörte von nun an zu den Gewinnern. Das war super, endlich ging sein Stern auf. Aber es lag noch ein weiter Weg vor ihm. Alle seine Bekannten und Verwandten sollten zu ihm aufsehen und ihn bewundern. Die Firma zählte nach drei Jahren schon fünfzehn Mitarbeiter und wuchs ständig weiter.
Was ist denn jetzt mit einem Firmenauto, fragte Frankie. Was meinst du damit, was für ein Firmenauto?, fragte Alfred. Du hast mir doch eines versprochen, wenn die Geschäfte laufen? Und besser können die Geschäfte nun wirklich nicht mehr laufen, sagte Frankie. Was versprochen? Ich kann mich nicht erinnern dir eines versprochen zu haben, entgegnete Alfred. Hast du das schriftlich? Nein? Na also. Gibt es sonst noch etwas zu besprechen? Nein, sagte Frankie. Drehte sich um und verließ das Büro.
Es war ein guter Trick, den Alfred im Konzern gelernt hatte. Einfach alles versprechen, und wenn man bekommen hat, was man wollte, einfach alles abstreiten. Das funktionierte immer. Schriftlich gab er prinzipiell nichts her, so kam er nie in die Verlegenheit, etwas einhalten zu müssen. Nicht einmal Arbeitsverträge. Wie blöd doch die Leute sind, dachte sich Alfred. Diese Methode machte ihm richtig Spaß. In seiner Position als Chef konnte er diese Karte immer lässig ausspielen. Keiner hatte den Mut, gegen ihn aufzumucken.
Frankie verzieh ihm wie immer und dachte an seine Bestimmung. Er war sich schon lange darüber im Klaren, dass Alfred es mit seinen Versprechungen wie ein Politiker handhabte. Ob er nun ein Firmenauto bekam oder nicht, war ihm völlig egal. Er wollte Alfred nur daran erinnern, dass er dessen Versprechungen nicht vergessen hatte. Er musste darüber lachen, wie Alfred sich immer wieder selbst der Lächerlichkeit preisgab. Und das wegen so einer Lappalie.
Bei Alfred setzte eine Wandlung ein. Er wurde sicherer in seinem Auftreten. Sein Umfeld wickelte er mit Geld beliebig um den Finger. Noch nie hatte Alfred so viele gute Freunde gehabt. Dies war für Alfred eine total neue und tolle Erfahrung. Er bezahlte seinen neuen Freunden gemeinsame Urlaube und ging mit diesen golfen und ließ sich feiern. Das machte unheimlich viel Spaß und gute Laune.
In dieser Zeit machte der Konzern einen Wandel durch. Sie hatten einen neuen CEO. Und dieser wechselte mittlerweile die Manager wie die Hemden. Sobald einer nicht nach seiner Pfeife tanzte, wurde er ausgetauscht. Es war für ihn nur eine Frage der Zeit, bis der Konzern seine Sonderstellung infrage stellte und aufkündigte, um die Umsätze und Erträge wieder in den Konzern zurückzuholen.
Diese Situation beschäftigte Alfred Tag und Nacht. Er hatte schließlich eine Menge zu verlieren.
Angesichts dieser Situation konnte Alfred kein Auge zumachen. Ununterbrochen suchte er nach einem Ausweg aus dieser brenzligen Lage. Er entschloss sich, die Initiative an sich zu reißen und der Situation entgegenzuwirken. Er musste sich ein zweites Standbein schaffen. Er wollte vollkommen unabhängig sein und sich von niemandem mehr irgendetwas vorschreiben lassen.
Um diesen Wunsch umzusetzen, benötigte er aber noch das Wichtigste, nämlich ein eigenes Produkt. Er hatte da zwei, drei Ideen, die ihm diese Unabhängigkeit garantieren konnten. Er entschied sich für ein spezielles technisches Gerät für die Maschinen, die er verkaufte. Damit das Vorhaben auch gelang, suggerierte er Frankie seine Ängste und den Traum von Freiheit. Wenn du einen Traum hast, sagte Großmutter immer zu Alfred, zum Beispiel, über die Meere zu segeln und fremde Länder kennenzulernen, musst du den Wunsch, fremde Länder zu sehen und Reichtümer zu erobern, in die Köpfe derer pflanzen, die das umsetzen sollen. Dann beginnen diese von selbst, das Schiff zu bauen.
Frankie hatte zwischen den Zeilen Alfreds Angst herausgespürt, die ihn beschlichen hatte. Und um ihm zu helfen und ihm seine Ängste zu nehmen, konzentrierte Frankie seine ganze Kraft, die ihm zur Verfügung stand, in dieses Projekt – in der Hoffnung, dass Alfred Ruhe finden würde. Dies wünschte sich Frankie aus tiefstem Herzen für Alfred.
Nun kam enormer Schwung in den Laden, die Geräte mussten geplant, durchdacht, konstruiert, getestet und so weit perfektioniert werden, dass diese auf dem Markt platziert werden konnten. Keine leichte Übung. Aber Frankie schaffte das, und es machte ihm offensichtlich richtig Spaß. Frankie hatte einen Freund, der Fred hieß und beim Patentamt arbeitete. Als er Fred von seiner momentanen Tätigkeit erzählte, fragte ihn dieser, warum er nicht ein Patent oder Musterschutz anmelde. Aber Fred, wie soll ich ein Patent oder einen Musterschutz anmelden? Die Funktionsweise des Gerätes entspricht doch dem Stand der Technik. Aber das ist doch egal, meinte Fred, probieren musst du es auf jeden Fall. Vielleicht geht es durch. Meinst du wirklich? Ja, probieren wir es wenigstens, meinte Fred. Frankie sprach Alfred darauf an. Alfred, ich habe mit meinem Freund Fred vom Patentamt gesprochen und er meint, wir hätten vielleicht eine Chance auf ein Patent oder einen Musterschutz. Frankie, das ist super, wenn das durchgeht, lade ich dich und Fred auf eine Woche Urlaub in St. Lucia ein. Frankie machte die Konstruktionszeichnungen, beschrieb die Funktionsweise des Gerätes und reichte die Unterlagen beim Patentamt ein.
Nach langer Wartezeit, nach circa sechs Monaten, wurde das Patent erteilt. Zwar nicht auf die Funktion und Technik, sondern auf die transportable Austauschbarkeit des Gerätes. Das war der blanke Hohn, denn die Technik wurde schon seit dreißig Jahren in der Industrie benutzt. Aber das Patent würde sicher viele Nachahmer abhalten und einschüchtern. Nun war Alfred Besitzer eines Patentes und wurde sogar vom Land für seine Verdienste geehrt. Das hatte schon etwas, das gefiel ihm sehr. Zudem hatte er eine clevere Geschäftsidee. Er würde die Geräte nicht verkaufen, sondern nur vermieten. Dadurch blieben diese in seinem Besitz und mussten von den Kunden an ihn zurückgeschickt werden und durften nicht von der Konkurrenz gewartet werden. Und überwachen ließ sich das ganz einfach mit einem Softwareprogramm. Da konnte kein Kunde ausscheren. Natürlich setzte er den Preis für die Erstbestückung so hoch an, dass der Kunde die Herstellungskosten bezahlte. Nicht nur das, er presste den EKP,den Einkaufspreis, beim Hersteller der Geräte so weit hinunter, dass bei der Erstbestückung schon ein Gewinn zu verzeichnen war.
Die Geräte konnten mit einer speziellen Sonde elektronische Anpassungen an Maschinen vornehmen, damit sie schneller und besser funktionierten. Die hochsensiblen Sensoren mussten alle zwei Jahre wieder abgestimmt beziehungsweise gewartet werden. Frankie bestückte in zwei Monaten den heimischen Markt mit den Geräten. Das war eine mehr als großartige Leistung. Das war genial. Mit Frankie war er bis jetzt wirklich gut gefahren. Auf ihn konnte er sich immer verlassen, aber vertrauen … konnte und tat er nicht. Am Anfang traten bei den Kunden noch technische Probleme auf, aber Frankie konnte diese relativ rasch beseitigen, und alles lief wie geschmiert. Die Firma blühte immer mehr auf. Damit Alfred nicht die Kontrolle darüber verlor, was hinter seinem Rücken geschah, ließ er an einem Wochenende alle Räume mit versteckter Kamera und modernen Abhörgeräten ausstatten. Zudem wurde eine Software installiert, die es ihm ermöglichte, Schlagwörter herauszufiltern. So konnte er gezielt abhören, was über ihn getuschelt wurde und was sonst noch ablief. Er recherchierte auch im Internet auf den privaten Homepages und in allen sozialen Netzwerken. Nichts entging ihm. Da er allen immer einen Schritt voraus war und wusste, wie die betreffenden Personen über ihn dachten und über ihn sagten, war es für ihn ein Leichtes, seine Firma gründlich von illoyalen Mitarbeitern zu säubern. Das bereitete ihm satanisches Vergnügen. Er lachte in sich hinein.
Frankie schüttelte den Kopf voller Unverständnis, als er bei der Rechnungskontrolle über die Belege stolperte. Er hatte alles getan, um Alfred seine Angst zu nehmen und nun diese krankhaften Aktionen. Alfred tat ihm leid, weil er sich nun auf diese Weise endgültig selbst isolierte. Und er ahnte bereits, was da noch kommen würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-99038-962-1
Erscheinungsdatum: 23.06.2014
EUR 13,90
EUR 8,99

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