Sonstiges & Allerlei

Mein Walkabout in Australien

Christine Germüller

Mein Walkabout in Australien

Vom Hühnerhof zum Adlerhorst

Leseprobe:

<strong>Die Geschichte vom Adler (nach James Aggrey)</strong>

Ein Mann – so wird erzählt – fing sich im Wald einen jungen Adler. Er nahm ihn mit nach Hause und steckte ihn zu seinen Hühnern in den Hühnerstall. Er gab ihm Hühnerfutter zu fressen, obwohl er doch ein Adler war, der König der Vögel, der König der Lüfte!
Nach fünf Jahren kam einmal ein anderer Mann zu Besuch, der etwas von Naturkunde verstand. Dem fiel der Adler auf, und er sagte: „Der Vogel dort ist kein Huhn, sondern ein Adler.“ „Ja“, antwortete der Mann, „das stimmt. Aber ich habe ihn zu einem Huhn erzogen. Er ist jetzt kein Adler mehr, sondern ein Huhn.“ „Nein“, sagte sein Besucher „er ist noch immer ein Adler, denn er hat das Herz eines Adlers, und das wird ihn hoch hinauffliegen lassen in die Lüfte.“ „Nein, nein“, sagte der Mann, „er ist jetzt ein richtiges Huhn geworden und wird niemals mehr wie ein Adler fliegen.“
Darauf beschlossen sie, eine Probe zu machen. Der vogelkundige Mann nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte beschwörend: „Der du ein Adler bist, der du dem Himmel gehörst und nicht dieser Erde, breite deine Schwingen aus und fliege!“ Der Adler auf der hoch gestreckten Faust blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach ihren Körnern picken, und er flatterte zu ihnen hi­nunter und pickte mit.
Der naturkundige Mann gab aber noch nicht auf. Am nächsten Tag stieg er mit dem Adler am Arm auf das Dach des Hauses, hob ihn empor und sagte: „Adler, der du ein Adler bist, breite deine Schwingen aus und fliege!“ Aber als der Adler wieder die scharrenden Hühner im Hof erblickte, gesellte er sich zu ihnen und scharrte mit.
Da sagte der Mann: „Ich habe es dir ja gesagt, er ist ein Huhn, und er bleibt ein Huhn.“ „Nein“, sagte der andere, „er ist ein Adler, und er hat noch immer das Herz eines Adlers. Lass es uns noch ein einziges Mal versuchen. Morgen werden wir ihn fliegen sehen.
Am nächsten Morgen ging er mit dem Adler vor die Stadt auf einen hohen Berg. Er hob den Adler empor und sagte zu ihm: „Adler, du bist ein Adler. Du gehörst dem Himmel, nicht dieser Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!“ Der Adler zitterte, aber er flog nicht. Da ließ ihn der naturkundige Mann direkt in die Sonne schauen, und plötzlich breitete der Adler seine Schwingen aus, erhob sich mit dem Schrei eines Adlers in die Luft und kehrte nie wieder zurück.


<strong>Gespalten: Der Adler und das Huhn</strong>

Ich habe ein Ich,
das sich fortsehnt, das reisen will, aufbrechen will, Neues möchte,
das frei herumziehen will und seine Zukunft in der Fremde plant,
ein Ich, das selbstbewusst und voll Elan alles angeht,
kreativ Ideen entwickelt, alles kann,
das Unmögliches für möglich hält, ja in die Tat umsetzt,
das voll Begeisterung ist und träumt von einem neuen Leben.
Von einer Farm und einem Gästehaus,
vom Fotografieren für Reisemagazine und Journale,
von der Produktion von Ansichtskarten und Kalendergestaltung,
vom Aufbau einer Zukunft in Afrika …

Der Adler will fliegen!

Und ich habe ein zweites Ich,
das daheim sein will, beim Altbekannten und Bewährten bleiben,
geborgen im Heimeligen rasten will,
das von einem Bauernhaus oder Forsthaus träumt,
von alten Mauern, die es bewohnt oder bewohnbar macht,
das sich nach alten Räumen zum Gestalten sehnt,
ein Ich, welches das andere Ich für verrückt erklärt,
das alles „Sich-Fortsehnen“ als Firlefanz, Aberwitz,
Blödsinn und Dummheit abtut,
das gar nicht weg, sondern im Schneckenhaus zuinnerst sitzen will, festhalten am Geborgenen und sich in schützenden Mauern
verstecken …

Das Huhn ist zufrieden, wenn es im Hof scharren darf!

Heimat oder Fremde?
Bleiben oder aufbrechen?
Geborgenheit oder Freiheit?
Zu Hause sein oder fortgehen?
Am Boden bleiben oder fliegen?

Ich habe ein Ich, das daheim sein und eines, das fortgehen will.
Welches wird siegen? Huhn oder Adler?
Oder gibt es ein Miteinander?

Aber – bin ich denn zu Hause, wenn ich nicht fliegen darf?


<strong>Aufbruch in Neuland</strong><strong>Auszeit</strong>

Dass ich den genussreichen Seiten des Lebens viel abgewinnen kann, wurde mir schon als Kind nachgesagt. „Sie ist nur für die Gaudi!“, pflegte mein Vater in seltener Übereinstimmung mit meiner Mutter gern zu sagen und meine Geschwister waren überzeugt davon, dass ich mich vor der Arbeit drückte, und übernahmen stillschweigend meinen Part.

Es stimmt auch heute noch: Ich bin eine „Lebefrau“! Ich möchte das freie Leben in all seinen angenehmen Facetten so richtig auskosten. Das ist einer der Gründe, weshalb ich um eine Auszeit vom Berufsleben angesucht habe und mir nun ein Sabbatjahr gönne. In diesem Wunsch und Tun kommt aber auch eine unbändige Sehnsucht nach Freiheit, Ungebundenheit, nach Abenteuer und Aufbruch zum Ausdruck. Die Freiheit ist mein Lebenselixier! Auch das ist ein Grund für mein Freijahr.

Die Lust, mein Leben zu genießen, ist auch einer der Gründe, weswegen ich mich vor einem halben Jahr gegen einen Einsatz in einem Entwicklungsland entschieden habe.

Ich bin eine gläubige Christin und fühlte schon seit einer Weile eine gewisse Unruhe in mir. Sollte ich nicht für ein Jahr lang alles Bekannte hinter mir lassen und im christlichen Dienst ein Jahr in einem Entwicklungsland arbeiten? Es drängte mich dazu, anderen Völkern, die weniger auf die Butterseite des Erdballs gefallen waren, meine Dienste anzubieten, einmal etwas Abstand zu nehmen vom „Haben wollen“ und stattdessen etwas herzugeben, da zu sein für andere, Gutes zu tun, den ärmeren Bevölkerungsschichten etwas von unserem Überfluss zukommen zu lassen. Und so wollte ich das geben, was ich zu geben hatte und gut konnte, nämlich meine Kenntnisse und Fähigkeiten als Lehrer, erst versuchsweise und danach möglicherweise für immer …

Aber dann, nach unzähligem Hin- und Herwenden dieses Gedankens, beschloss ich: Nein! Ich wollte dieses eine freie Jahr doch lieber für mich verwenden! Ich wollte einmal Zeit für mich und keine Pflichten haben. Ich wollte frei sein und mein Leben genießen! Ich wollte eine Auszeit nach jahrelangem braven Arbeiten und intensivem Schaffen, ich wollte heraus aus der dauernden Plackerei und dem täglichen Einerlei, heraus auch aus dieser Enge des geregelten Arbeitslebens, die nur eine bestimmte Tätigkeit zulässt und keinen Raum für die vielen anderen ungelebten Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Und ich beschloss auch, mir einen lang gehegten Wunsch in der Mitte meines Lebens zu erfüllen: eine Reise nach Australien! Was würde der rote Kontinent, der kleinste, wildeste, trockenste in mir zum Leben erwecken?

Und dennoch machte ich zwei Monate vor meiner Abreise noch einen letzten, eher halbherzigen Versuch, herauszufinden, ob dies nun wirklich meine Bestimmung sei, sozusagen zur Absicherung, dass ein Aufenthalt in Afrika tatsächlich nicht sein sollte, und gab einem Entwicklungshilfe-Einsatzteam nach Afrika die Frage mit auf den Weg, ob man dort nicht etwa einen Lehrer benötigte, überzeugt davon, dass dies ohnehin abgelehnt werden würde. Fragen kostet ja nichts!

Und siehe da, gerade vor der Abfahrt in die heiß ersehnte Freiheit kam die Antwort per Anruf des Einsatzleiters mit einem unglaublichen Angebot: Man wollte mich, Christine, in Afrika als Lehrer haben!

Da erschrak ich tief, schob diesen Gedanken beiseite, verwahrte ihn aber im Herzen und nahm ihn schließlich mit auf meine Reise in die Freiheit.


<strong>Aufbruch in Neuland</strong>

Etwas bange ist mir schon wegen meines wagemutigen Aufbruchs in ein unbekanntes Land, nicht wissend, was auf mich zukommt und welchen Menschen ich begegnen werde. Monatelang werde ich mutterseelenallein durch Australien reisen, fremde Fernen durchstreifen. Ich werde selbstständig handeln und mit allem, was mir begegnet, allein fertig werden müssen.
Vieles muss ich loslassen: meine Familie, meine Freunde, meine Wohnung, mein Auto, all die kleinen Dinge, die ich besitze. Nur Weniges nehme ich mit auf den Weg: meine Reisetasche mit ein paar Sachen, mein Handy, das mir eine Brücke nach Hause lässt und das kleine Herz aus Lindenholz, das meine Mutter und ich manchmal drücken werden, zum Zeichen unserer Verbundenheit. Das sind meine einzigen Vertrauten, ein paar kleine Annehmlichkeiten, aber nicht mehr.

Dennoch bin ich wild entschlossen mich auf die Reise ins Unbekannte zu begeben – und bin mit Gott auf dem Weg. Ich will mich in das Abenteuer werfen, will den Sprung wagen! Alles oder nichts! Und ich will mich öffnen! Mich ganz dem Neuen öffnen: Neuland Australien! Mich auch dem öffnen, was neu auf der Landkarte meiner Seele entstehen wird, dem Neuland auch im Seeleninneren. Wer hat das noch mal gesagt? Die Seele ist ein weites Land! Ich denke, sie ist noch mehr als das. Sie ist ein Planet wie unsere Erde mit unzähligen Landschaften, Kontinenten und Meeren. So viele ungelebte Leben, so viele Möglichkeiten gäbe es zu leben. Ich möchte sie zum Leben erwecken!

Die Vorbereitungen sind längst getroffen. Für die Wohnung und die Blattpflanzen, das Postkästchen und die Post ist gesorgt, die Bankgeschäfte sind abgewickelt, Zahlungen allesamt in Einziehungsaufträge umgewandelt und die Bank ist informiert, dass in der nächsten Zeit größere Beträge abgebucht werden.
Ich habe der Arbeit den Rücken gekehrt, den Kollegen Lebewohl gesagt, meine Schüler verlassen, Verabschiedungen von Freunden hinter mich gebracht, Abschied genommen von der Familie, den Segen meiner alten Mutter erbeten und bin von ihr gesegnet, in die Freiheit entlassen, ja gesandt worden: Flieg, mein Adler! – Ich fliege.

Bewaffnet mit einer gehörigen Portion Aufbruchsstimmung, Mut, Unternehmungsgeist und Freiheitsdrang stürze ich mich ins Abenteuer. Ich bin ausgestattet mit einem guten Versicherungspaket für alle erdenklichen Notfälle: einem teuren Rückflugticket, gültig ein Jahr lang, das mir erlaubt, das Datum meines Heimfluges jederzeit bedenkenlos hin- und herverschieben zu können, und einem Visum für sechs Monate. Meine Angehörigen haben mir versichert, mein Rückkehrdatum spiele keine Rolle, sie würden kommentarlos akzeptieren, wenn ich länger bliebe, aber auch wenn ich meine Reise früher abbräche, und sie würden mir jeglichen Spott ersparen, falls ich gar nach kurzer Zeit reumütig, kleinlaut zurückkehre als eine an Heimweh, Mutlosigkeit oder anderen Unpässlichkeiten Gescheiterte. Außerdem habe ich eine Adressenliste einer Gruppe von Australiern in der Tasche, mit denen ich früher einmal eine Afrikareise gemacht habe, und eine gut geplante Reiseroute, wissend, dass man zu dieser Jahreszeit besser von Norden nach Süden reist, um der Regenzeit in den Tropen zu entgehen und ganz allgemein den Klimaverhältnissen bestmöglich zu begegnen. Ein gutes Hotel für die Ankunft und zur Überwindung des Jetlags ist ebenfalls reserviert. Die ersten sechs Wochen in Australien sind völlig durchgeplant, um den Einstieg in das freie, wilde Leben zu erleichtern. Ich habe eine zehntägige Abenteuerfahrt ins Outback vor, dann einen Aufenthalt in einem sündhaft teuren Hotel mit Dschungelerlebnispaket für die Erholung von der sicherlich anstrengenden Tour und einen Inlandflug von Alice Springs nach Cairns. Zu meinem Reisepaket gehören aber auch ein Aussie-Kilometerpass für fünftausend Kilometer im Bus, fünfunddreißig Übernachtungsgutscheine für Jugendherbergen, ein gutes Hotel für die Weihnachtszeit in Sydney und vor allem die Frage:

Willst du, Christine, nach deiner Rückkehr nach Afrika gehen und dort als Lehrer arbeiten?


<strong>Ankunft auf dem roten Kontinent</strong>

Kupferrot begrüßt mich der kleinste Kontinent der Erde aus der Luft. Sympathisch, freundlich und bunt leuchtet er mir in der Tageshelle entgegen. Wir sind beim Anflug auf Sydney, es ist fünfzehn Uhr fünfzehn Ortszeit. In mir jedoch fühlt es sich nach Nacht an.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 412
ISBN: 978-3-99003-887-1
Erscheinungsdatum: 28.11.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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