Sonstiges & Allerlei

Licht in der Dunkelheit

Andrea Schwegler

Licht in der Dunkelheit

Leseprobe:

Prolog



1990. Zitternd am ganzen Körper kam er eines Mittags von seiner Arbeit nach Hause. Als er sich auf die Treppe legte, war der Moment gekommen, der Moment, der alles veränderte. „Ich wusste nicht mehr, wie man eine Heizung macht.“ Seine Frau, mit der er heute bereits 51 Jahre verheiratet ist, und seine beiden jüngeren Töchter erstarrten für einen Moment. Keiner wusste, was los war. Ein unabhängiger Geschäftsmann, der selbst den Mut hatte von Grund auf ein eigenes Haus zu bauen und ein eigenes Geschäft zu eröffnen, lag nun da, wie ein kleines Kind, das nicht mehr wusste, wie man aufsteht. Schließlich konnte er sich langsam aufraffen, sah verwirrt in die Augen seiner Frau und ging Richtung Schlafzimmer in sein Bett. Den ganzen Tag bekam man ihn nicht mehr zu Gesicht.
Als die beiden Töchter nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit gingen, übermannte seine Frau eine unheimliche Stille. Sie musste das ganze Erlebnis erst mal verdauen, bevor sie schließlich den Hörer des Telefons in die Hand nahm und zögernd die Nummer des Hausarztes ihres Mannes wählte.
Am nächsten Tag, nach einem Telefonat mit ihrer ältesten Tochter, die in Thurgau mit ihrer eigenen Familie wohnte, machte sich seine Frau bereit für den Arztbesuch mit ihrem Mann. Als sie ins Zimmer kam, um ihren Mann zu holen, übermannte sie großes Mitleid. Da lag er, antriebslos und sich am Bett festklammernd. Er hatte keine Lust sich überhaupt nur ein wenig zu bewegen, es war ihm alles egal. Er sah bedrückt aus und es schien, als merkte er, dass etwas nicht stimmte. Leise flüsterte er seiner Frau zu: „Ich habe keinen ,Mumm‘ mehr, um etwas zu machen.“ Mit Tränen in den Augen erwiderte sie: „Alles wird wieder gut.“ In dem Moment jedoch glaubte sie selbst nicht an ihre Worte.
Niemand hätte gedacht, dass ein einziger Satz ganze Lebenseinstellungen ändern konnte. „Sie haben starke Depressionen.“ Eine hoffnungsvolle Welt brach zusammen, nicht nur für ihn, sondern besonders für seine Frau. Gefühle wie Trauer, Mitleid und Angst kamen in ihr auf. Wie ging es jetzt weiter? Ein aussichtsloses Leiden nahm seinen Lauf.










Kapitel 1

„Wer es bis 30 nicht schafft, der schafft es nie mehr.“



1959. Schweißtropfen liefen mir entlang der Stirn bis hin zum Kinn nach unten und ich merkte, wie meine Muskeln langsam den Geist aufgaben. Es war ein schöner Sommernachmittag und es herrschten Temperaturen von über 30 Grad. Ich spürte, wie die Sonne auf meiner Haut brannte, jedes Mal wenn ich die Axt anhob, um das Holz zu hacken. Im Sommer musste ich oft zu Hause rund um unser Haus in Mols am Walensee mitanpacken. Ob beim Holzen, Jäten oder beim Steine-Zusammenlesen, meine Eltern waren auf mich und meinen Bruder angewiesen, da meine Mutter tagsüber in der Fabrik arbeitete und so unsere Familie ernährte. Mein Vater blieb zu Hause, weil er schwerkrank war. In seiner Lunge entstand eine narbige Veränderung des Gewebes, was man in der Fachsprache Silikose nennt.
Eines Nachmittags, als ich vom letzten Schultag der Primarstufe nach Hause kam, hörte ich ein lautes Husten, das wie schrille, hohe Schreie klang. Eilend lief ich ins Haus, um zu sehen, was los war. Als ob es vom Schicksal so bestimmt war, sah ich, wie mein Vater nochmals kräftig hustete, anschließend Blut spuckte und seine letzten Atemzüge nahm. Sein Leiden hatte ein Ende.
Anfangs hatte meine Mutter große Mühe mit dem Verlust ihres Mannes umzugehen. Es gab Tage, da ging sie einfach nicht zur Arbeit und man brachte sie fast nicht aus dem Bett. Seit dem Tod meines Vaters schien es, als wäre ihr alles egal geworden.

1962.
Sehr geehrter Herr,
ich bewillige Ihnen hiermit den Lehrbeginn als Heizungsmonteur im Betrieb Giger AG. Gemäß Absprache mit Ihrem Lehrlingsverantwortlichen und Ihrem Chef dürfen Sie aufgrund Ihres Alters von 15 Jahren nur maximal acht Stunden pro Tag arbeiten. Wir freuen uns, einem so jungen Mann eine Ausbildung zu ermöglichen.
Mit freundlichen Grüßen
Gemeinde Quarten

Morgens Punkt 6 Uhr klingelte mein Wecker. Gespannt schlüpfte ich in meine neuen Arbeitskleider. Der erste Tag eines neuen Lebensabschnittes konnte beginnen.
Im Geschäft angekommen wurde ich zuerst über die momentanen Arbeiten aufgeklärt und konnte diese bald darauf angehen.
Nach der Mittagspause konnte ich bereits den ganzen Nachmittag mit einem Mitarbeiter auf die Montage. Und so ging bald ein guter erster Arbeitstag zu Ende. Das gesamte Team behandelte mich bereits wie einen ausgelernten Heizungsmonteur.
Es war knapp 19 Uhr und ich machte mich bereit für einen weiteren strengen, aber lustigen Abend mit meinen Freunden. Noch zwei Tage und dann spielten wir gegen eine der besten Fußballmannschaften. Beim Training wurde es also ernst. Wir trainierten vier Mal die Woche, je drei Stunden lang. Es war eine harte, aber sehr schöne Zeit. Zugleich war es meine einzige Freizeitbeschäftigung zusammen mit meinen Freunden während des Sommers. Den Rest meiner Freizeit half ich meiner Mutter.
Im Winter war das anders, im Haushalt gab es dennoch immer viel zu tun, aber ansonsten blieb mir mehr Freizeit übrig. Dann gingen ein paar Freunde und ich oft Ski fahren.
Zweite Halbzeit und es stand bereits 3:0 für uns. Und das hätte eine der besten Mannschaften sein sollen? Das waren doch alles Vollidioten, die wussten nicht einmal, dass man nach zwei gelben Karten eine rote bekam und dann bestimmt nicht mehr spielen durfte.
Kurz bevor die Pause zu Ende gewesen war hatte ich einen Anruf meines Nachbarn bekommen. Er sagte, meine Mutter sei heute Morgen gar nicht in der Fabrik erschienen. Er hörte sich besorgt an, denn er hatte immer mit meiner Mutter zur selben Zeit Pause, da er in einer anderen Abteilung der Fabrik arbeitete. Ich dachte mir, dass sie eventuell krank sein könnte, und teilte meine Vermutung auch dem Nachbarn mit. Als er mir dann aber erklärte, dass unser Telefon zu Hause bestimmt eine halbe Stunde geklingelt hätte, wurde auch ich ein wenig unruhig. Schließlich bat ich einen Auswechselspieler für mich einzuspringen.
Hastig und ein wenig angespannt öffnete ich die Tür unseres Hauses. Ich rief den Namen meiner Mutter bestimmt drei Mal und nie bekam ich eine Antwort. Als ich dann leise ihre Zimmertür öffnete, sah ich eine zitternde Frau, die älter aussah, als sie es überhaupt war, in einem völlig abgedunkelten Raum. Sie sagte mit leiser Stimme zu mir: „Ich habe keine Lust mehr.“ Ohne etwas zu sagen, verließ ich den Raum und rief sofort den Arzt an.
Kurz darauf klingelte das Telefon. Am anderen Ende sagte man mir mit erfreuter Stimme: „Wir haben gewonnen! “

1962. Eine kalte Brise strich mir durchs Gesicht, als ich die Tür der psychischen Klinik in Oberwil öffnete. Ein kalter, windiger Herbsttag, der das Fußballtraining sausen ließ. Dieser Tag passte perfekt zur Stimmung meiner Mutter. Da lag sie, wie immer, im Bett, völlig lustlos. Ein kleines Lächeln in ihrem Gesicht konnte ich jedoch erkennen, als ich den Raum betrat. Ich kann mich nicht erinnern, meinen Bruder dort einmal gesehen zu haben. Bereits einen Monat besuchte ich nun meine Mutter jeden Freitagabend.
Wie sich herausstellen sollte, würde ich das dann nochmals zwei weitere Monate tun. Diese Vollidioten brauchten fast ein halbes Jahr, um herauszufinden, was die Ursachen für Mutters Depressionen waren. Am Ende hieß es dann nur, Überarbeitung und Mühe mit dem Umgang mit dem Verlust meines Vaters. Sie bekam nach drei Monaten dann endlich die richtigen Medikamente und wir ließen uns dort nie mehr blicken.
Ein paar Tage schien es, als ob es meiner Mutter wieder besser ging. Spätestens nach Neujahr pendelte sich alles wieder ein, sodass man hätte meinen können, es wäre nie etwas vorgefallen.

1965. Ich genoss den Applaus der ganzen Gesellschaft, auch wenn es nur für einen kurzen Moment war. Mit einer Note von 5.0 schloss ich die Lehre als Heizungsmonteur erfolgreich ab.
Kurz nach meiner Abschlussfeier fuhren meine Freunde und ich mit dem Zug nach Mels zum Tanz, um die bestandene Prüfung zu feiern. Die Tanzfläche war sehr groß und fast alle tanzten. Da sah ich sie. Schlank, kurze braune Haare und mit einem verführerischen Blick, der mich sofort mitriss, sodass ich plötzlich vor ihr stand. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie um einen Tanz zu bitten. Der Abend verfloss, wie im Fluge. Wir trafen uns seither fast täglich und bei jedem Mal gefiel sie mir besser.

1969. Ich war gerade bei der Arbeit, als das Telefon klingelte und mein Vertreter mir zurief: „Das Dritte, es ist geboren!“
Im Spital angekommen wartete meine Familie auf mich. Jetzt drei Töchter zu haben, bedeutete für mich, noch mehr zu arbeiten. Als Erstes jedoch hieß ich mein neues und bestimmt letztes Kind in unserer Familie willkommen.
1970. Als ich den Schreibstift in die Hand nahm und ihn auf dem Vertrag ansetzte, überrumpelte mich ein Gefühlschaos. Einerseits war ich glücklich und stolz, das Elternhaus in Mols zu übernehmen, andererseits kamen eine Leere und eine tiefe Trauer in mir auf, denn ich wusste, meine Mutter würde nie mehr zurückkommen. Bereits vor ihrer Beerdigung war alles für die Übergabe des Hauses bereit. Auch ich war inzwischen bereit, diesen neuen Schritt zu wagen.
Die Glocken läuteten drei Mal und anschließend sprach der Pfarrer das Willkommensgebet. Die Trauerfeier dauerte fast ganze zwei Stunden, da uns viele Leute ihr Beileid aussprechen wollten.
Nach der Kirche und der Beisetzung traf ich beim gemeinsamen Mittagessen auf meine Tante. Sie sah nicht gut aus. Ihr Gesichtsausdruck war völlig leer und sie hatte weder geweint, noch gelacht. Das Einzige, was sie mir ins Ohr flüsterte, war: „Ich habe keine Lust mehr.“ Der Verlust ihrer Schwester und ihrer beiden Söhne ging ihr sehr nah; so dachte ich damals zumindest. Zwei Tage später jedoch bekam ich zu hören, dass sie aufgrund starker Depressionen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden war. Langsam wurde es mir ein wenig mulmig zumute und ich merkte, wie es mir eiskalt den Rücken hinunterlief.

1973. Ein heißer Sommermorgen brach an. Es waren Sommerferien und auch ich und meine Frau hatten zwei Wochen frei. Wir entschieden spontan mit den Kindern in die Berge zu fahren. Seitdem ich Vater war, war ich nicht mehr im Fußballverein dabei. Stattdessen verbrachte ich viel Zeit mit den Kindern in den Bergen beim Wandern. Mein Hobby im Winter, das Skifahren, behielt ich aber bei. Ich gab es meinen Kindern weiter, indem ich sie oft mitnahm.
Fürs Wandern packten wir die Rucksäcke und machten uns auf den Weg in die Flumserberge, einen meiner Lieblingsorte. Wir wanderten bestimmt vier Stunden lang. Beim Restaurant angekommen traf ich meinen Vertreter. Er sagte zu mir, er müsse noch etwas besprechen, das mich bestimmt interessieren würde.
Meine Kinder und meine Frau setzten sich schon mal hin. Der Vertreter kam ursprünglich aus der Innerschwyz, genauer gesagt aus dem Muotathal. Er erzählte mir, dass es dort kein richtiges Heizungsgeschäft gäbe. Daraufhin schlug er mir vor, dort ein eigenes Geschäft zu eröffnen und dies mit dem Verkauf meines Elternhauses zu finanzieren. „Dort wirst du bestimmt gut verdienen“, fügte er hinzu. Ich dachte mir, was das wohl für Vollidioten wären, nicht einmal in der Lage, ein Heizungsgeschäft zu eröffnen, und ergänzte: „Ich werde es mir überlegen.“
Als ich meiner Frau davon erzählte, sagte sie, dass es ein Neuanfang wäre nach dem Tod meiner Mutter und meiner zwei Cousins, die aufgrund ihrer Depressionen Selbstmord begangen hatten.

1974. Die Eröffnung meines eigenen Geschäfts und der Bau meines Hauses im Muotathal waren die richtige Entscheidung. Meine Kinder hatten es schön, sie hatten immer ein eigenes Haus. Unsere neue gemeinsame Zeit im Muotathal war harmonisch. Ich arbeitete viel und erreichte auch viel. So begann eine anfänglich wunderbare Zeit.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 52
ISBN: 978-3-99064-593-2
Erscheinungsdatum: 11.06.2019
EUR 13,90

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