Sonstiges & Allerlei

Lana - Ein Stück Leben

Ingrid Pircher

Lana - Ein Stück Leben

Leseprobe:

<p>Es gibt viele Geschichten über das Leben und die Liebe.<br />Ich möchte hier einfach meine Geschichte erzählen, die auch vom Leben und der Liebe handelt. Und um euch diese Geschichte näherzubringen, habe ich eure gebräuchliche Form der Kommunikation gewählt, nämlich die gesprochene Sprache, und vielleicht entstehen in euch auch ein paar Bilder. Dann haltet sie fest in eurem Herzen.<br /><br /><span style="font-weight: bold;">Lana<br /></span><br />Darf ich mich euch erst einmal vorstellen?<br />Mein Name ist Lana. Ich wohne an einem sehr schönen und zufriedenen Ort. Es ist hier sehr ruhig. Wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich manchmal die Nachbarskinder hören. Sie tollen im Garten herum und machen jede Menge Kinderkrach und Kinderlärm. Es ist einfach wunderbar. Dann lächle ich, lehne mich ganz zufrieden in meinen Stuhl und genieße es.<br /><br />Vor ungefähr 79 Jahren habe ich zum ersten Mal dieses „Zufrieden-sein-und-in-den-Stuhl-Lehnen“ erlebt. <br />Es war kalt draußen und auf den Straßen unserer Stadt war das Chaos ausgebrochen, denn es schneite seit Stunden. Mein Vater kam gerade noch rechtzeitig von der Arbeit nach Hause, um meiner Mutter die Schneeschaufel aus der Hand zu nehmen und sie in die warme Stube zu schicken. Sie war eine sehr fleißige, glückliche und zufriedene Frau. Jedoch manchmal – ebenso wie heute – musste sie mein Vater vor ihr selbst schützen. Er küsste sie dann auf die Stirn und sagte sanft zu ihr: „Ich liebe dich, mein Schatz!“ Meine Mutter lächelte und ging mit mir in unser warmes Haus. Sie machte sich eine Tasse Tee, setzte sich in den Lehnstuhl und streichelte über ihren Bauch. Ich war nämlich vom vielen Schneeschaufeln und dem Winterchaos schon ganz aufgeregt geworden.<br />Aber dann hörte ich die Stimme meiner Mutter und ihre beruhigenden Worte und wusste, dass ich bei ihr sicher war.<br />Am Tag meiner Geburt war mir dann alles klar. Als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich es: Ich habe das Glück, die schönste Mutter und den tollsten Vater zu haben. Beide lächelten mich an und sagten schöne, beruhigende Worte zu mir.<br />Natürlich kann ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern, aber ich weiß, dass es bestimmt so war. Denn die Sprache meiner Eltern war vom ersten Augenblick meines Lebens an das Beste, was mir passiert ist. Immer konnte ich mich auf ihre Worte verlassen.<br />Sie nannten mich Lana und es war das schönste Geschenk für den Start in mein Leben mit ihnen. Jeder Name, den sich Eltern für ihre Kinder ausdenken, ist ein Willkommensgeschenk. <br /><br /><span style="font-weight: bold;">Worte im Herzen<br /></span><br />Schon ganz früh war ich so begeistert von den Worten meiner Eltern, dass ich immer versuchte, sie nachzuahmen. Manchmal haben sie so melodisch mit mir gesprochen, dass es beinahe wie Musik in meinen Ohren klang. Es war wunderschön.<br /><br />Bald schon durfte ich lernen, was es bedeutete, wenn sich die Stimmlage meiner Eltern veränderte oder gar die Stimme etwas lauter wurde. Ich habe zwar nicht immer begriffen, warum, aber ich wusste, dass sie auch dann immer nur das Beste für mich wollten.<br /><br />An einem warmen Frühlingstag geschah etwas ganz Neues. Bei uns zu Hause gab es einen kleinen, gemütlichen Garten und ich entdeckte die Blumen darin. Dann griff ich mit meinen noch etwas ungeschickten Händen nach so einer wunderschönen, ganz roten Blume und riss sie aus. Es war fantastisch, dass ich es geschafft hatte. Ganz aufgeregt krabbelte ich zu meiner Mama, aber die war anfangs nicht so begeistert und sprach mit ihrer strengen Stimme zu mir.<br />Die Worte und die Stimme der Erwachsenen sind manchmal schon ein ziemliches Rätsel!<br />Dann wollte ich ihr die Blume wiedergeben und es geschah etwas Seltsames. In dem Augenblick, als ich ihr die ausgerissene Blume entgegenstreckte, lachte sie mich ganz zufrieden und entzückt an. Sie nahm mich auf den Arm und wir spazierten gemeinsam durch unseren Garten und entdeckten die schönen Blumen. Wir sogen den Duft der Geranien in uns auf und entdeckten so manche lustige Laus auf Mamas Rosen. Es war einfach toll. Und ich denke, dass meine Mama ganz klar spürte, dass ich sie liebte, denn ich strahlte, plapperte und jauchzte den ganzen Nachmittag – und Mama auch. <br /><br /><span style="font-weight: bold;">Kinderworte<br /></span><br />Von der Zeit an, als ich selbst Worte verwenden konnte, wurde mein Leben zum einen einfacher, aber zum anderen auch viel komplizierter.<br />Die Erwachsenen verstanden meine Worte zwar jetzt viel besser, aber es war wie verhext, sie verlernten, meine Gefühle zu verstehen. Es war, als würden meine Gefühle jetzt abgelöst von der Macht der Worte. <br />Aber es war wundervoll, die vielen Wörter zu entdecken. Es gab Wörter, die mochte Mama gerne. Denn sie strahlte mich immer ganz zufrieden an, wenn ich sie mit meinem noch ein bisschen untrainierten Mund formte und aussprach. Jedoch bei manchen hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. <br />Das Spannendste war, als ich entdeckte, dass Mama manchmal bei einem Wort ganz ernst wurde und ein bisschen mit mir schimpfte, aber Papa irgendwie schmunzelte. Sobald Mama ihn dann anschaute, machten beide das gleiche ernste Gesicht. Das war schon ziemlich verwirrend für mich. Doch lustig war es auch.<br /><br />Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir immer noch ganz warm ums Herz und meine Gesichtszüge werden weich, entspannt und hell. <br /><br />Ich denke, ich war so ungefähr drei Jahre alt. Es herrschten in unserem Land nicht die ruhigsten und besten Zeiten. Böse Stimmen, laute Stimmen, wilde Stimmen, sorgenvolle Stimmen – Stimmen waren überall zu hören. Papa war in dieser Zeit oft sehr ernst, und wenn er im Radio diese eine Stimme hörte, wurde er besonders still und ernst. Ich fand, die Stimme klang ein bisschen wie ein Roboter in einem Blechkasten, aber ich mochte sie auch nicht. Die Worte habe ich nicht verstanden, aber ich habe diese Worte gefühlt und ich mochte dieses Gefühl überhaupt nicht. Alles war dann bei uns zu Hause anders. Mama und Papa brachten mich ins Bett und haben mir dann immer besonders schöne Geschichten erzählt. Aber miteinander haben sie in dieser Zeit nur wenig gesprochen und wenn, dann nur ganz leise. Diese Zeit in unserem Zuhause war sehr komisch und auch ein bisschen unheimlich, jedoch war unser Haus voll mit Liebe, die wir beinahe greifen konnten.<br /><br />Die Zeit verging und unser Land wurde wieder heller und ruhiger. Für mich war die Zeit gekommen, nun auch mich selbst immer mehr in Worten auszudrücken. Es schien, als wäre die ganze Welt um mich herum nur dazu bestimmt, meinen „Neuentdeckungen“ zu lauschen und diese zu bestaunen. Es war faszinierend. Meine Eltern haben mir bis zu diesem Zeitpunkt schon so viele wunderbare Gefühle in mein Herz gelegt, dass ich vor Glück über die Wirkung der Worte immerzu lächeln musste. Die ganze Welt schien mit einem „Wort-Glitzer“ überzogen und verzaubert zu sein.<br /><br />Immer öfters musste ich jedoch feststellen, dass mein „Wort-Zauber“ bei den Erwachsenen keine Aufmerksamkeit, kein Staunen und kein „Ach, hast du das gehört?“, auslöste. Da mein kleiner Kopf allerdings schon die Wirkung der Sprache kannte, wusste ich mir ganz schnell zu helfen. <br />Es waren die wunderbarsten, lustigsten, fantasievollsten und verrücktesten Worte, die ich je in meinem bis dahin noch nicht besonders langen Leben kreiert hatte. Sie waren so wunderbar, dass ich manchmal sogar selber staunte und auch lachen musste. Mama und Papa – auch alle anderen Erwachsenen – fanden dies jedoch gar nicht toll, sondern bekamen immer häufiger die mir bereits bekannten Sorgenfalten in ihr Gesicht. Die Welt war nun für mich gänzlich verkehrt. Ich war doch selber von meinen so anders klingenden Worten begeistert, war beeindruckt, dass ich dies überhaupt schaffte, aber die ganze Umwelt machte sich auf einmal Sorgen. Die einzige Verbündete in dieser Zeit war meine Freundin, mit der ich schon viele Stunden in unserem Garten verbracht hatte. Wir spielten gemeinsam, hatten Spaß an verrückten, anders ausgesprochenen Worten und fanden schon überhaupt nichts an unserer Neuentdeckung bedenklich. <br />Es war ein Gefühl der absoluten Verwirrung. Obwohl ich mich für sehr genial hielt und mich einfach unglaublich fühlte, hatten diese neu gebildeten Worte eine unheimliche Kraft. Ich machte nichts anderes, als ein bisschen zu experimentieren. Ich verdrehte meine Zunge ein wenig und das Wort „Sonne“ war plötzlich sehr lustig. Oder gar das Wort „Papagei“ – es klang doch als „Gagagei“ viel lustiger. Außerdem brauchte meine Zunge auch mal frische Luft und so schob ich sie halt beim Sprechen etwas nach draußen. Die „äußere Form“ der Sprache war amüsant und abwechslungsreich, jedoch den Inhalt konnte man nur dann wirklich verstehen, wenn man richtig zuhörte. <br />Wenn Mama mittags kochte und in Eile war, verstand sie mich oft nicht. Beim Spazierengehen am Nachmittag war das schon viel besser. Vermutlich lag es nicht an der frischen Luft, sondern daran, dass Mama jetzt alle Gedanken und Gefühle frei hatte für mich und meine Geschichten. Wenn ich damals hätte entscheiden dürfen, dann wäre mir am liebsten gewesen, wenn alle Menschen so gesprochen hätten, denn es verlieh dem Leben eine ganze Menge mehr Spaß und viel mehr Gefühl.<br /><br /><span style="font-weight: bold;">Picknick </span></p><p><span style="font-weight: bold;"></span>Als ich dann in die Schule kam, war ich sehr froh, dass meine Eltern mir den Spaß an den „richtigen“ Buchstaben, Worten und Sätzen mit viel Leidenschaft und Hingabe wieder in mein Herz gelegt hatten. Denn als ich diese vielen Worte auch noch schreiben und lesen konnte, kam ich mir schon ziemlich groß vor. <br />Obwohl ich nun eine richtige Schülerin war, erzählten mir Mama und Papa immer noch aufregende Geschichten und immer öfter erzählte auch ich ihnen meine Geschichten. Dabei durfte ich so viel Fantasie haben und mir so viele Verrücktheiten ausdenken, wie ich nur wollte.<br />Das Glücksgefühl in meinem Herzen war dann manchmal so groß, dass ich fast Angst hatte, dass mein Herz zerspringen könne. <br />In unserem Garten unter dem Apfelbaum hatten wir wöchentlich ein Picknick. Aufgeregt wartete ich, bis Papa endlich von der Arbeit nach Hause kam. Ganz egal, ob es Sommer oder Winter war – wir suchten uns immer einen Tag aus, an dem das große Picknick stattfand. Zugegeben, im Winter war es manchmal ziemlich kalt, aber mit einer Tasse heißem Tee, Keksen in Papas Manteltasche und tollen Wintergeschichten hatte dieses Ereignis immer etwas ganz Besonderes. Außen ganz kalt und innen erwärmt vom Tee und den Geschichten, die wir uns erzählten, schlief ich dann im Handumdrehen mit einem zufriedenen Lächeln auf meinem Gesicht und in meinem Herzen ein.<br /><br /><span style="font-weight: bold;">Unsere Stunde<br /></span><br />Mit den Jahren verlor ich den Spaß an unserem Picknick. Ich hatte die vielen Geschichten satt und fand es richtig doof, mir noch welche ausdenken zu müssen. Das große Glück war, dass auch Mama und Papa eine Veränderung in mir spürten. Da sich mein Körper auch anfing zu verändern, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich fühlen sollte. An manchen Tagen hätte ich es sehr gerne gehabt, wenn meine Eltern mir noch solche Geschichten erzählt hätten, aber an anderen Tagen fand ich das Ganze einfach zu kindisch. An den sogenannten „Erwachsenentagen“ wollte ich über mich, das Leben, die Liebe, den Glauben, Freunde und was weiß ich nicht alles reden. Leider fühlte ich oft nur ganz wirre Worte in mir. Meine Eltern waren wirklich toll. Denn in dieser Zeit führten sie ein neues Ritual ein. Sie nannten es „unsere Stunde“. Ich durfte bestimmen, wann diese Stunde stattfinden sollte. Es war so wunderbar, dass ich es jetzt einfach erzählen möchte.<br />Jeden Sonntagabend haben wir kurz davon gesprochen und wir machten aus, wann es im Lauf der kommenden Woche am besten passen würde. Es war ein fixer Bestandteil im Wochenablauf. Jeder von uns trug den von mir bestimmten Termin in seinen Kalender ein. Natürlich trafen wir uns immer erst, wenn Papa nach der Arbeit wieder zu Hause war, denn alles andere wäre ja wirklich unsinnig gewesen. Wir haben uns in der Küche zusammengesetzt und jeder nannte seinen Wunsch für diese Stunde. Erst war es ein bisschen komisch, denn keiner hatte wirklich ein Thema. An diesen Abenden saßen wir dann einfach da und tranken Tee, manchmal beschlossen wir auch, die Stunde zu verkürzen und unseren alltäglichen Tätigkeiten nachzugehen. Jedoch ergaben sich immer häufiger Gespräche, in denen ich meine wirren Gedanken äußern konnte. Meine Eltern versuchten nie, mir etwas auszureden, etwas richtig zu stellen oder gar mir Vorschriften zu machen. Jeder durfte seine Meinung sagen, allerdings ohne den anderen damit in die Enge zu treiben oder gar ihn von seiner Meinung abzubringen. Ich fand in dieser Zeit die Ansichten meiner Eltern nicht immer gut, aber ich durfte ja meine eigenen haben. Damals hörten sich meine Gefühle wirklich chaotisch an, wenn ich versuchte, sie in Worte zu fassen. Mama und Papa hatten allerdings das große Talent, meine Empfindungen gelten zu lassen und mir dann ihre zu schildern.<br /><br /><br /></p>

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 38
ISBN: 978-3-99003-461-3
Erscheinungsdatum: 24.05.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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