Sonstiges & Allerlei

Konstruktionen von Wirklichkeit und Tagträume

Karin Siegrist

Konstruktionen von Wirklichkeit und Tagträume

Leseprobe:

Tagträume mit Pappeln ?und andere Szenen


Es muss alles auf die Kerngeschichte zulaufen. Und die Kerngeschichte ist ein Tagtraum. Ein langer Tagtraum mit allem. Sonst ist da nicht groß ’ne Handlung, nur eben dieser Tagtraum und was sich noch im Kopf und zwischen Menschen abspielt. Es gibt keinen Anfang, es gibt kein Ende. Wasser kommt viel vor und Wüste gelegentlich.
Wenn es Szenen gibt, wird in ihnen gefühlt, gedacht, geredet über Gefühle, Gedanken aus Literatur, Geschichte und Philosophie, über die Einkaufsliste, die Jürgen und ich zusammen machen, aber Jürgen kauft ein. Ich kaufe nicht gern ein, gar nicht gern.
Intensives Erleben bei Alkohol, Drogen, im Wahn kommt nicht vor; das ist alles nicht meins. Meins ist die mangelnde Konstanz meines Bildes von mir, von anderen, von meinen Beziehungen zu anderen, zur Welt. Jedenfalls manchmal (wenn müde, allein, noch was?); jedenfalls in Bezug auf manche andere und manche Beziehungen. Die normalerweise funktionierenden Konstrukte (Konstrukte oder Bilder) erscheinen mir plötzlich als beliebig, fragil, nicht mehr tragfähig, und ich verliere den Boden unter den Füßen. – Andere Konstrukte (welche?) funktionieren immer, aber vor allem dann: Wenn ich arbeite (fast egal, was), bin ich ganz ich, die anderen sind die anderen, und die Welt ist die Welt. Ganz ich? Oder ein funktionierendes System ohne Selbstreflexion? Das fühlt sich angenehm unbeschwert an. Wieso habe ich vergessen zu erwähnen, dass meine Konstruktionen der Wirklichkeit in Gesprächen mit anderen – auch in Tagtraumgesprächen – bestätigt und verändert werde?. Wie überhaupt nur so Wirklichkeit im Kopf entsteht. Weil das, was ich sehe, sonst nur unverbundene Fetzen sind. Was tue ich dazu, dass Wirklichkeit in meinem Kopf Gestalt annimmt? Ich stelle mir Fragen. Ich probiere Antworten aus. Nein, das läuft nicht nur bewusst ab, das wird von unteren Hirnarealen beeinflusst, an die ich nicht herankomme. Unruhe und Angst, die ich spüre, generiert die Amygdala, ins Glückserleben sind Belohnungsbahnen des limbischen Systems involviert, ins Wissen um wirkliche Orte der Hippocampus. Dazu die Sonne, die jetzt alles wärmt und erleuchtet und die auch damals schien. Ja, keine klaren Grenzen zwischen damals und jetzt; vermittelnde Wirklichkeitsbilder. Jürgen liebt mich, irgendwie. Und ich ihn. Wir gehen an den Teichen entlang, ich zeige ihm die jungen Entchen. Er wirft einen Blick auf die Kleinen, auf meinen Wunsch. Wir gehen Hand in Hand weiter. An der Weggabelung trennen wir uns, Jürgen geht nach Hause, vom Schreibtisch angezogen, ich mache meinen Powerwalk durch den Stadtwald. Danach der Schreibtisch, vielleicht.
Ich stelle mir vor, die schwarze Schokolade enthält Kokain. Zwei kleine Stückchen, ich werde wacher. Ich bleibe wach. Ich kann jetzt die Geschichte aus Marrakesch erzählen, Sehnsucht nach dem Geliebten, Sehnsucht nach dem gesunden Geliebten, er möge so stark, so offen und fröhlich sein und liebend wie im Jahr davor. Das bin nicht ich, die mit der brennenden Sehnsucht und der heftig glühenden Liebe, das ist Beatrice. Nach der Schokolade eine Kumquat für mich, auch mit Kokain, wie es aussieht. Beatrices Hotel scheint ein Sultanspalast. Kellner und Zimmermädchen sind ihr zu Diensten, ahnen ihre Wünsche, blicken in ihre Augen, in ihre Seele, fühlen mit ihr. Marrakesch als Erlösungstraum. Sie kleidet sich schön, schminkt sich und fühlt sich von allen bewundert und geliebt, Hotelgästen, Personal, den Menschen auf der Straße. Sie geht durch die Gassen des Basars, viele Blicke fallen auf sie, sie genießt das Gesehen- und Geliebtwerden. Später erzählt sie mir davon, ohne Hochmut. Noch später erinnert sie sich nicht mehr genau. Merkwürdig; er sei die Liebe ihres Lebens, hatte sie immer wieder gesagt. Das war ihre Formel, die erklärte, warum sie mit ihm zusammenblieb.
Ich wünsche mir, meinen Kopf für ihn weit zu öffnen. Ich meine den, der mich heimlich beschäftigt. Er darf alles sehen, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Synapsen, meine früheren Erfahrungen, alles. Und ich möchte, dass er mich in seinen Kopf sehen lässt. Vielleicht liebe ich ihn. Ich nenne ihn meine Tagtraumliebe. Vielleicht gibt es ihn wirklich. Vielleicht gab es Berührungen von Hand und Hirn in der wirklichen Welt. Ich könnte mit ihm glücklich sein.
Eine ganz andere Art von gutem Gefühl, viel kleiner, harmloser, als es glücklich sein wäre, dieses Gefühl von Befreiung. Der Druck ist weg, alte Aufgaben sind erledigt, an ihrer Stelle neue Aufgaben. Vielversprechende Anfänge (Schreiben; praktische und kleine wissenschaftliche Projekte). Ich merke den Sog des Neuen. Es kann sein, dass ich etwas kann. Ich kann arbeiten. Es kann sogar sein, dass mir Freundschaften möglich sind, dass andere mich eine Weile lang mögen können und ich sie. Die neue Freundin Marie ist mir sehr lieb. Die Freundschaft scheint mir wirklicher als meine Tagtraumliebe. Wir mailen und simsen andauernd, wie die Teenies, ich freue mich über jede ihrer E-Mails, jede ihrer SMS, freue mich schon, wenn mein Handy wie ein Singvogel flötend die neue Message meldet. – Und warum zeigt dann mein Blutdruckmessgerät 159/109 mmHg? – Keine Ahnung. Hellhammer würde nichts dabei finden; seine Stressforschung zeigt (wie andere gute und ehrliche Stressforschung auch), dass verschiedene Indikatoren von Angst oder Erregung nicht unbedingt korrelieren. Und der Blutdruck steigt nicht nur bei Stress. Diesen Aspekt von Wirklichkeit leuchte ich jetzt nicht aus. Wird besser werden. Später wird die Beziehung zur neuen Freundin schwierig. Ich merke zu spät, dass ich anstrengend bin für sie mit meinen grammatikalisch korrekten E-Mails, ganz Sätze ohne orthografische Fehler, explizite und einwandfreie logische Verknüpfungen. Aber wie gesagt zu spät. Ich ahnte das nicht schon Wochen vorher; das kann nicht vor Wochen schon meinen Blutdruck hochgetrieben haben. Bevor es schwierig wurde, sagte ich zu Jürgen: „Die Freundschaft zu Marie hat mein Leben verändert.“ „Hm“, sagte Jürgen.
Mit dem Lesen neurobiologischer Artikel und Bücher verändert sich meine Identität oder die bewusste Konstruktion meiner Identität. Ich denke jedenfalls, sie müsste sich ändern mit diesem halb verstandenen neurobiologischen Wissen. Und für die neu konstruierte Identität müssten auch Freundschaft und Liebe neu aussehen. Leichter zu verstehen in Entstehen und Entwicklung, leichter zu verstehen im Scheitern, stelle ich mir vor. Darüber will ich irgendwann mit Marie sprechen. – Zunächst mal versuche ich beim Spazieren am Rhein alle meine sich erst formenden, noch unklaren Gedanken zum Hirn meinem Tagtraumliebsten zu erklären. Damit ich mich selber besser verstehe und er mich versteht und mich liebt, so wie ich bin mit der ganzen Komplexität des Hirns, mit der Unsteuerbarkeit der Vorgänge im Hirn und im ganzen Organismus. – Es ist wohl selbstverständlich, dass ich das so, wie ich es hier meinem Liebsten im Tagtraum erzähle, niemals einem wirklichen Menschen zumuten würde; niemals. Für Marie muss ich das anders zubereiten. Und selbst der Tagtraumliebste wehrt sich ja, wie man gleich sieht. – Ich bin meine Synapsen, ganz klar, fange ich an. Meine Lebens- und Lerngeschichte auf Basis dessen, was schon da war, ist in meinem Hirn gespeichert, irgendwo in meinen neuronalen Netzen, ist mir aber nur zum Teil und nur schemenhaft verfügbar. Vieles von mir selbst ist mir fremd, bleibt fremd, ist nicht zugänglich, mir genauso wenig wie dir oder noch weniger. Du kannst ja in meinem Gesicht lesen, ich sehe meinen Gesichtsausdruck normalerweise nicht. – Er sieht mich an, zweifelnd vielleicht? Ich rede einfach weiter: Mein aktuelles Selbst, was ist das? Ich, meiner, mir, mich selbst, wie erkenne ich mich? Ich erlebe nur einen Teil dessen, was in meiner Amygdala abläuft. Aber auch all das, was nicht bewusst abläuft und mich dennoch wesentlich bestimmt, in Amygdala, Hippocampus, Basalganglien, auch das bin ich. Ich bin nicht nur mein bewusstes Ich, nicht nur mein Frontalhirn, mein präfrontaler Cortex. Aber das bin ich auch. Also kann ich darüber denken, reden, schreiben. Wenn ich z.?B. jetzt schreiben wollte, und nur das jetzt wollen könnte, dann träfe ich die Entscheidung, so würde ich das nennen, und ich würde schreiben. Aber ich will jetzt nicht schreiben, ich will mit dir reden, es dir erklären, dich fragen, was du davon denkst. – Dann frag doch! – Ich übergehe das und übersehe, dass mein Liebster auch mimisch deutlich Einspruch gegen meinen Redefluss erhebt, rede einfach weiter. Ich kann das aber nur, sage ich, während er Kieselsteine ins Wasser kickt, weil mein Hirn es möglich macht. Ich verändere es dabei, bilde neue Synapsen, bemerke manchmal, dass ich lerne. Ich hätte die Entscheidung nicht treffen können, wenn nicht bewusste und unbewusste Prozesse gescheit zusammengespielt hätten. Ich verlasse mich auf meinen ganzen Organismus, Hirn und Hände, Arme und Beine, Füße, Rücken- und Bauchmuskeln, Skelett und innere Organe. Und mach dir klar, sage ich ihm, mein Hirn ist dabei mit allen seinen Teilen, assoziativer Cortex, sensorische und motorische Felder, präfrontaler Cortex, limbische Strukturen, Thalamus, Basalganglien, das und noch mehr. Ich bin ja das alles und darf alles als meines betrachten. – Was bedeutet sein zweifelnder Blick? Ich sage sicherheitshalber: Wir sind so, Menschen und andere Tiere, irgendwie höhere Tiere sowieso, zum Beispiel auch Hunde. Noch so ein zweifelnd fragender Blick. – Ja, Tiere haben das alles auch, stell dir vor, sage ich ihm, meinem Tagtraumliebsten. – Warum so aggressiv? Nur weil ich keinen Hund habe? Komm, das war viel auf einmal. Es war viel zu viel. Ich habe gerade nichts zur Neurobiologie gelesen, noch nie übrigens, war ja interessant, was du erzählt hast, aber mir sehr fremd; ich kann nichts dazu sagen. – Entschuldige, sage ich und wünsche mir, dass er meine Traurigkeit sieht und sie mir wegküsst.
Tut er nicht. War keine gute Idee von mir, das Thema Hirn. Als könnte ich damit mein Hirn so für ihn öffnen, dass er den direkten Blick auf meine Gedanken und Gefühle hätte. Dabei verstehe ich mich selber nicht. Und überhaupt, wäre das gut, wenn er diesen direkten Blick in mein Hirn hätte? Wir wechseln das Thema. Nein, wir gehen ohne Thema weiter an den Weidenbäumen entlang. Ich suche seine Hand. Wir sehen uns an, lange, suchen im Blick des anderen was? Dass jetzt die Welt nur aus unsern Blicken besteht, frei von Wissenschaft und Theorie, hier in der Sonne am Rhein. – Es macht nichts, dass du mich nicht verstehst, Hauptsache, wir lieben uns, hatte ich früher zu Jürgen gesagt. Bis ich dann doch verstanden werden wollte.
Irgendwann ein Thema, immer noch am Rhein. Er erzählt mir von Proust, bewundert ihn, so wie ich auch. Prousts Leben ist schreiben, sagt er. Es schreibt schon in ihm, während er es lebt. In Sätze bringt er es später. Hast du „Albertine disparue“ gelesen? Erinnerst du dich, wie er später damit umgeht, der Ich-Erzähler, dass Albertine ihn verlassen hat? – Ich nicke, ja, so ungefähr schon. Da ist dieser Abschiedsbrief, den Françoise ihm gegeben hat: Ja, heute Morgen habe sie ihr die Koffer runtergetragen. Sie hat ihn verlassen, er leidet wie ein Tier, egal ob es nun eine Albertine, ein Albert oder ein Amalgam aus Albert und dem Mädchen eines anderen ist. – Mich hat es gestört, sage ich, dass Albertine so blass bleibt. Das soll eine erotische Beziehung gewesen sein? Völlig fleischlos! – Versteh ich, klar. Aber wie Kunstfigur auch immer, das geschilderte Leiden und die Versuche, es durch rationales Argumentieren in gelassenes Abwarten zu verwandeln, sind für mich authentisch. Albertine möchte gerufen werden, Bedingungen für die Rückkehr stellen, er geht darauf ein, und sie ist wieder da. Sie möchte wahrscheinlich mehr Freiheiten, nicht eingesperrt sein wie bisher, dazu eine Jacht in der Normandie und einen Rolls vor der Tür. Das wird es sein. Er wird ihr sagen, dass sie all das haben soll, und sie zieht wieder bei ihm ein. Nein, er bittet einen engen Freund, für ihn zu verhandeln. – Du erinnerst dich? – Ich nicke, es ist Robert de Saint-Loup. – Soll ich weitererzählen? – Ich nicke. Also, der Freund ist einverstanden, und schon ist er erleichtert, das Leiden ist schwächer. Natürlich kommt Albertine nicht zurück, und er vergisst sie allmählich, natürlich nicht ganz. Schon gar nicht, als er erfährt, dass sie sich bei einem Reitunfall schwer verletzt hat und gestorben ist. Was meinst du, wie schafft man es, das Leiden so zu markieren, dass es Monate und Jahre andauert, und jeden Tag irgendwann starker Schmerz alles unterbricht? Wie? Idealisierung der Verschwundenen gehört dazu, vermutlich. – Ja, sage ich, ich weiß es. Ich erzähle meinem Liebsten, dass Harm es so gemacht hatte, mit mir, nachdem ich ihn verlassen hatte. Jahre und Jahrzehnte. Ich dagegen idealisiere ihn, meine Tagtraumliebe, sage es ihm aber nicht. In der wirklichen Wirklichkeit kenne ich ihn ja kaum, da kann nichts passieren. Mehr als leichtes Leiden geht nicht. Völlig unmöglich. Und meine Synapsen, meine neuronalen Netze, hinterlässt sie da eine Spur, meine geträumte Liebe? Eine starke Spur, doch, das glaube ich.
Ich möchte ihm auch von Classic erzählen, von den Spuren, die er hinterlassen hat, meine Erinnerungen zu Bildern für ihn machen. Aber er ist ja nie geritten. Was soll er von meiner Geschichte mit Classic, Willis altem S-Dressur-Pferd, halten? Ich versuche es. – Stell dir ein Pferd vor, sage ich, das alles konnte, nicht immer wollte, aber sich überreden ließ. Ich muss dir jetzt sagen, ich bin keine gute Reiterin. Ich wäre es gern. Bestimmt hat er am ersten Tag gemerkt, wie leicht er mich einschüchtern konnte. Obwohl Willi dabei war und mir Stunde gab. – Und wer ist Willi? – Willi? Ein großartiger Dressurreiter, ein toller Reitlehrer, ein alter Bauer, krumm von der körperlichen Arbeit im Stall, ein lieber Mensch. Wir mochten uns. Also Classic: Es kam vor, dass er sogar mit mir eine gute Show machte, in unseren besten Momenten. Glücksmomente für mich. Ich müsste jetzt ein Pferd riechen und anfassen, müsste es im Stroh neben den Äppeln stehend putzen, um mich besser zu erinnern, um wie von selbst weiterzuerzählen. Die Glücksmomente waren bedroht von der Angst vor der Katastrophe, die nichts mit Pferd und Reiten zu tun hatte, die aber das Reiten immer schwieriger und dann unmöglich machte. Darf ich dir von meiner Angst erzählen? Sie ist mir noch nah. So nah, dass ich jetzt beim Erzählen Herzklopfen habe. Die Angst vor der Katastrophe hatte ich lange Zeit bändigen können mit „wir schaffen das schon“. Entschuldige, ich lasse das Thema lieber, vergiss es. – Ich mag dein „wir schaffen das schon“, sagt er. Aber das Pferd, wie sah es aus? Hattest du einen Hengst? – Nein, bloß nicht, Classic war ein Wallach. Ein mittelgroßer, schlanker Fuchs mit eleganten Bewegungen. Willi und seine Töchter hatten mit ihm einige Schleifen in S-Prüfungen geholt. Wir waren als Paar nicht ganz schlecht, als ich mit ihm die Aufgabe nachritt, die Mira für die M-Prüfung übte. Das war das Größte, das ging ein paar Wochen lang, dann war Spätherbst, grau, nass und kühl. Die Angst kam und nahm zu. – Wieso nahm sie dann zu? War das Pferd bei schlechtem Wetter anders? – Nein, ich, ich war anders. Herbst und Winter sind nichts für mich. Und meine Schulden wuchsen und wuchsen; ich konnte das nicht stoppen. Vergiss es, kein Thema für uns. Ich habe noch ein gutes Jahr durchgehalten. Das Reiten wurde mutloser und schlechter. Im Dezember habe ich Willi gesagt, es geht nicht mehr, ich friere so sehr, dass ich gar nichts mehr hinbekomme, mit weißen Fingern in den Handschuhen, kein Gefühl in den Waden, ich höre auf. Schade, fand Willi. Er sah mein Frieren und sah auch meine Angst und Zaghaftigkeit. Da war noch eine andere Angst im Spiel, übrigens, viel älter, die Angst vor meinem früheren Pferd, dem Fünfjährigen, der für mich zu viel war, der mich ein paar Mal in den Dreck geknallt hatte, gelegentlich mit Knochenbrüchen. Der Arm tat dann so weh, dass ich sofort wusste, gebrochen. – Warum hast du nicht mit dem Reiten aufgehört? Wäre doch eine normale Reaktion gewesen, oder? Oder es mit einem anderen Pferd probiert, einem ganz artigen? – Wollt ich nicht, obwohl, wäre vernünftig gewesen, klar. Und Claire kam viel besser mit ihm klar, jedenfalls. Das, die Sache mit dem andern Arm und mit dem Rückenwirbelquerfortsatz scheint meine Amygdala in irgendeiner Ecke gespeichert zu haben. Classic zuckt? Classic geht angespannt auf den neuen Blumenkübel in der Mitte der kurzen Seite zu? Angst, Angst, Angst. Beine dran, feste, brüllt Willi. Ich mache, was Willi sagt, und Classic geht am Kübel vorbei. Komisch oder nicht komisch, normalerweise kam ich gut gelaunt vom Reiten zurück. Deshalb war trotz aller Schulden immer Geld da für Willis Pferd und den Unterricht. Jürgen wusste, ich brauchte das. Reiten war die Gegenwelt zur Welt, die finanzielle Katastrophen enthielt. – Was mach ich jetzt mit dieser Geschichte?, fragt er. Was soll ich streichen, was mir merken? – Du kannst das meiste streichen. Merk dir ein Bild, bitte: Classic und ich im Sommer auf dem kleinen Dressurplatz, ich reite Miras M-Aufgabe nach Willis Kommandos, und es sieht nicht ganz schlecht aus. Classic ist locker und entspannt, ich strenge mich an und bin beinahe locker. – Er lacht; es sieht aus wie freundliches Auslachen. Nächstes Mal erzähl ich dir von einem philosophischen Abenteuer, sagt er. Es geht da um zwei Katzen und das Glück. Schnelle Küsse am Rand der Galopprennbahn. Er geht nach Haus zu seiner Frau, stell ich mir vor, ich gehe nach Haus und koche für Jürgen und mich.
Mit Aurélie teste ich Hypothesen zum Effekt von Social Contacts bei Schizophrenen. Wir haben tolle Daten dazu, über tausend schizophren Erkrankte sind über einen Zeitraum von zwei Jahren fünfmal untersucht und befragt worden. Verschiedene psychiatrische Zentren in Deutschland, England und Frankreich haben an der Studie teilgenommen. Ich kenne etwa achtzig der deutschen Teilnehmer ganz gut, weil ich selbst Interviews gemacht habe. Und jetzt der Zugang zu den Daten über die französische Kollegin, deren Firma den Datensatz gekauft hat. Nur per E-Mail-Kommunikation schreiben Aurélie und ich ein Paper. Gesehen haben wir uns noch nie. Spannend irgendwie. Hypothesen zum Effekt von Social Contacts bei mir hab ich auch. In beiden Fällen hervorstechend eine positive, eine ermunternde Wirkung. Schizophren Erkrankte sind oft einsam. Anders als ich. Es gehört zur Therapie, die sozialen Kontakte zu verbessern, es sollte zur Therapie gehören. Das muss mit Bedacht geschehen, denn negativ gepolte Kontakte tun weh und machen kränker. – Ach nee! (Zwischenruf von mir an mich; da ist gerade kein Tagtraumgegenüber im Spiel). Klar tun sie das, bei jedem. Noch nach mehr als einem Jahr tut es mir weh, dass in die langjährige und zeitweise enge Freundschaft mit Hilda eine Schicht von Neid und Feindseligkeit eingelagert war, die sich in boshaften, feindseligen E-Mails entlud, als ich vulnerabel war. Vielleicht waren ihre plötzlichen, empört-aggressiven Ausbrüche der letzten zwanzig Jahre Ausdruck dieser selben Feindseligkeit. – Peter, Hilda und ich lesen einen Simenon-Krimi, der in den USA spielt. Peter und ich vermuten stark, dass es um eine Mafia-Szene geht. Hilda (in bombastisch-aggressivem Tonfall): Wieso denn, wie kommt ihr darauf? Da war gar nicht die Rede von Mafia! – Heute früh ein Albtraum: Sie steht da bewegungslos und erwartet von mir, dass ich auf sie zugehe. Und ich gehe schnell weg, drehe mich um und bin woanders. Marie hat diese Neid-Schicht nicht. Warum auch, sie ist jung, reich und schön. Vor ihr muss ich keine Angst haben. Oder doch? Relativ jung, so jung ja aber auch nicht, und schön? Das findet nicht jeder. Jürgen fragte nach: „Schön? Na ja.“ – „Ja“, sagte ich, „finde ich.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-95840-580-6
Erscheinungsdatum: 11.01.2018
EUR 15,90
EUR 9,99

Herbstlektüre