Sonstiges & Allerlei

Kein Pardon auf Montmajour

Xavier Stalder

Kein Pardon auf Montmajour

Curriculum eines mittelalterlichen Miniaturenmalers

Leseprobe:

AD UNUM:

Es ist ein Morgen wie viele andere, die Hanno im Skriptorium des Franziskanerklosters zu Parma verbringt. Die Schreiber, junge Mönche mit bleichen Gesichtern und feinen Händen, sitzen immer bereits über ihrer Arbeit, wenn er eintritt und sich an den Lehrlingsplatz setzt. Kaum hat er die zwei Filzkeile unter seine wackelige Holzbank geschoben, nähert sich der Aufseher der Schreibstube seinem Tischchen und weist ihm das heutige Übungspensum zu. Frater Custos ist ein geduldiger Lehrmeister. Wenn Hanno zappelig zu werden droht, legt er ihm den Zeigefinger auf die grobe Hand und führt mit sanftem Druck die Feder des Zöglings über das weiße Blatt. Jetzt passiert es ihm kaum mehr, dass er in ungeduldiger Eile den Papyrus durchsticht, sodass die geübten Kopisten ihn mit verächtlichen Blicken eindecken. Ihn, den Bauerntölpel, den weiß der Teufel, wer vom nahen Pächterhof in die Schreibstube des Klosters geholt hat.

Ja, die Arbeit auf dem Hof lag dir besser, Hanno. Im Stall konntest du mit den Kühen reden, dich an ihre warmen Bäuche drücken, wenn es kalt wie im letzten Winter war, sie bei einem Horn fassen und leise ihre Namen in die rosaroten Muschelohren flüstern. Lioba und Arna, Marina und Aja, sie hoben die schweren Köpfe und trotteten dir entgegen, wenn du auf der Weide ihren Namen riefst. Und wen ruft der Statthalter beim Namen, wenn ein einzelner Graf oder Herzog dem Kloster einen unerwarteten Besuch abstattet? Dich, Hanno, den Pächtersbuben! Du hilfst dem hohen Herrn aus dem Sattel, führst sein Pferd sogleich an den Brunnen zur Tränke, ziehst das Zaumzeug vom Rücken, hängst dem müden Ross den Hafersack um den Hals, befreist es mit einem nassen Schwamm vom Straßenstaub, reibst das Tier mit dem Wolllappen trocken und schüttest ihm im Stall neues Stroh auf.

Nach einem halben Jahr – es ist wieder einer jener heißen Sommer, der die Flüsse zu Rinnsalen macht und die Rinde der spröden Olivenbäume noch weiter aufspringen lässt – sitzt Hanno bereits auf einem bequemen Schreiberstuhl vor dem erhöhten Pult, das an seinem Stuhl befestigt ist. Viel früher, als man es seinen groben Händen zugetraut hätte, hat er gelernt, die angespitzte Gänsefeder mit den drei Fingern so ruhig zu halten, dass sie gleichmäßige Haar- und Schattenstriche ausführt, ohne abzugleiten oder einen Tintenfleck zu hinterlassen. Dabei muss er die Rechte nicht auf dem Blatt abstützen, wie es noch jene Novizen zu tun pflegen, die ihn bei seinen Anfangsschwierigkeiten als ungeschickten Bauernlümmel verspottet hatten.
Jetzt sieht er mit Genugtuung, wie Frater Custos seine Spötter immer wieder darauf hinweisen muss, sie würden mit der Hand das Pergamentblatt beschmutzen. Ja, Hanno schreibt nicht nur freihändig, auch seine linke Hand berührt den Bogen nicht. Zudem hat er gelernt, den Federkiel mit dem Federmesser kunstgerecht nachzuschneiden. Einst war er gar in der Abenddämmerung in den klösterlichen Gänsestall eingedrungen, um sich ein eigenes Original für seine Schreibkunst zu verschaffen. Die Gänsefeder hat er zwar erwischt, aber die bestohlene Gans hat ihn an der linken Hinterbacke zu schnappen bekommen. Eine Woche lang saß er so halbseitig vor seinem Schreibpult, dass es dem Frater Custos auffallen musste. Schon am Morgen darauf fragte er nach dem Grunde dieser merkwürdigen Sitzposition.
Als Hanno den Federklau gestanden hatte, meinte der Frater nur, er mache aus dem puer podex bald einen puer codex. Hanno verstand das Wortspiel nicht, aber seither durfte er seine immer präziser werdenden Schreibübungen auf Pergamentblättern machen. Nicht auf perfekten Pergamentbögen natürlich, sondern jeweils auf einem Blatt, das bei der Herstellung einen Riss bekommen oder einen solchen schon vorher hatte. Das Franziskanerkloster von Parma war nicht so reich wie das benachbarte Benediktinerkloster und war für den Kauf von Pergament auf Gönner angewiesen.

Im Laufe eines Jahres ist Hanno vom Pferdejungen zu einem perfekten Scriptor geworden. „Er hat eine geschickte Hand und einen praktischen Kopf“, sagte der Schreibstubenaufseher zum Abt. „Ich würde ihm gerne das Abschreiben eines größeren Werkes übergeben.“ „Ja, kann er denn Latein?“ „Nicht eigentlich“, erwiderte Frater Custos seinem Klostervorsteher, „er kennt schon recht viele Wörter, aber sie sind ihm noch nicht zum Begriff geworden, und von Grammatik will er nichts wissen. Aber um eine größere Handschrift gewissenhaft zu kopieren, braucht er weder lateinische Grammatik noch lateinische Stilistik. Er ist einfach der beste Schreiber, den ich momentan im Skriptorium habe.“ „Bene“, schloss Abt Bonifatius die Unterredung, „audeamus, wir wollen es wagen!“

Warst du nicht am meisten erstaunt, Hanno, als dir dein Lehrmeister und Magister das Amt eines offiziellen Chronik-Kopisten übertrug? Du fuhrst ein paarmal mit den Fingern durch dein rötlich-blondes Haar, wie du es immer machst, wenn dich etwas stark beschäftigt. Und weil du den Kopf gesenkt hieltest und die Augen auf den Strick gerichtet waren, der die Franziskanerkutte des Custos in der Mitte zusammenhielt, konntest du es nicht sehen. Du konntest nicht sehen, wie die jungen, aristokratisch bleichen Schreibermönche noch bleicher wurden, als Frater Custos in feierlicher Geste die lateinische Chronik des Salimbene de Adam auf dein Pult legte. Und weißt du noch, dass dich deine Conscriptores in den folgenden Wochen keines Blickes mehr würdigten? Das hat ihnen übrigens eine Strafzeit eingetragen, als sie nach dem Noviziat definitiv in die Mönchsgemeinschaft aufgenommen werden wollten. Aber das hast du erst lange Zeit später erfahren.



AD SECUNDUM:

Hanno hütet die Chronik des Salimbene wie das heilige Sakrament. In den ersten Stunden nach seiner Einsetzung als Hauptkopist nimmt er das Buch fort und fort in beide Hände, hebt es empor, schätzt sein Gewicht, dreht es um, besieht sich Buchdeckel und Buchrücken, streicht mit der Hand über das feine Hirschleder, mit dem die Holzdeckel überzogen sind. Das muss ein ganz kostbarer Codex sein, den man nicht einfach in Ziegen- oder Schafsleder einhüllen wollte. Sachte dreht er den Handteller seiner Rechten über die messingenen Eckbeschläge und befühlt die Nägelköpfe, die an den Ecken in die Deckel eingeschlagen sind, damit der kostbare Einband nicht mit der Unterlage in Berührung kommt.

Weißt du denn nicht, Hanno, dass Salimbene einer der berühmten Söhne Parmas war, der stolzesten Stadt an der Via Aemilia? Haben dir die Franziskaner von Parma nicht von ihm erzählt? Dass er als Chronist mit Päpsten und Kaisern verkehrte und die Geschichte Italiens in diesem Buch aufgeschrieben hat? Und dass er vor zwei Jahren im Franziskanerkloster der Nachbarstadt Reggio gestorben ist?
Aber vielleicht haben sie es dir verschwiegen, weil sie wussten, dass Salimbene sich wohl noch im Nischengrab umdrehen würde, wenn er sähe, dass man dich zum Kopisten seiner Chronik bestimmt hat. Er war nämlich ein sehr selbstbewusster Sohn des edlen Geschlechts der De Adam. Ein De Adam beachtet die kleinen Leute nicht und misstraut als Patrizier von Parma zum Beispiel den plebejischen Bolognesen. Er hätte auch dich nicht geliebt, Hanno, und den Rossknecht sicher nicht in die klösterliche Schreibstube geholt.

Ehrfurchtsvoll öffnet Hanno den Lederband. Sorgfältig löst er den schmalen Verbindungsstreifen am Buchdeckel aus der metallenen Halterung.


CHRONICA FRATRIS SALIMBENE
DE ADAM ORDINIS MINORUM

liest er über dem vergilbten ersten Pergamentblatt. In seinem Lehrlingsjahr hat der 14-Jährige nicht nur lesen gelernt, er hat sich auch die Bedeutung mancher lateinischer Wörter fest im Kopf eingeprägt. Der Rotschopf hat wirklich ein erstaunliches Gedächtnis, wie Leute es haben, die ihr Leben naturnah und in einfacher Umgebung verbringen. Manchmal findet er auch den Sinn ganzer Sätze heraus, jedenfalls, wenn darin verschiedene bekannte Wörter vorkommen.
Aber irgendwie ist der begeisterte Scriptor jetzt doch enttäuscht. Er hat erwartet, dass ein so wichtiges Werk mindestens mit einem farbigen, großen Anfangsbuchstaben beginnt, wie er es bei jenem Buch gesehen hat, aus dem beim gemeinsamen Essen im Refektorium jede Woche ein anderer Novize vorliest. Aber wie er nun langsam den ersten Satz gelesen hat, fährt er sich mit den Fingern durchs dichte Stoppelhaar. Das versteht er ja.
Amodo incurrimus verba inculta et rudia et grossa et superflua, quae in multis locis grammaticam non observant. Da beklagt sich also der Chronist, dass sein Vorgänger in unkultivierten, rüden, groben und überbordenden Worten geschrieben habe. Und was Hanno besonders auffällt: Auch dieser frühere Autor hatte wie er, der ungebildete Schreiber, offenbar keine Ahnung von lateinischer Grammatik.
Auf dem zweiten Blatt fallen ihm die Städtenamen auf. Von Cremona und Pavia ist die Rede, von Brescia und Piacenza und von Bogenschützen aus Lodi. Offenbar geht es da um Streit oder gar Krieg unter den genannten oberitalienischen Städten. Jedenfalls wird auch der berühmte carroccio von Mailand erwähnt. Davon hat schon jedes Kind in Oberitalien gehört oder den eisenbeschlagenen Karren gar bei einer Siegerparade selber gesehen. Es ist wahrlich ein prachtvoll ausgestatteter Kampf- und Fahnenwagen, mit dem die übermütigen Mailänder in jeden Krieg ziehen. Nur einmal haben sie ihn verloren, als nämlich der Kriegselefant des Kaisers Friedrich II. unversehens dem Mailänder carroccio gegenüberstand und mit seinem hölzernen Turm auf dem Rücken weit über diesen hinausragend das Mailänder Heer in Furcht und Flucht versetzte.
Das hat Hanno nicht durch die Fama vernommen, die sonst wie ein Lauffeuer sich über Städte, Burgen und Klöster hermacht. Wie so viele andere Unternehmungen des viel gelobten und viel geschmähten Kaisers Friedrich steht es in Salimbenes Chronik. Ganz bewusst hat Frater Custos Hanno darauf hingewiesen, um ihm zu zeigen, welch spannende Ereignisse ihn bei der Kopierarbeit noch erwarten werden.

Und Hanno hat sich verleiten lassen. Bevor er sich an die Pflichtarbeit macht, blättert er jeweils neugierig im Geschichtswerk, ob er anhand von bekannten Wörtern etwa auf weitere interessante Begebenheiten stößt. Und tatsächlich findet er auf einer späteren Textseite beim Stichwort crucis signaculum assumere das Zeichen des Kreuzes an sich nehmen, Salimbenes Notizen zum Kinderkreuzzug. Das hat Hanno schon als 10-jährigen Junge fasziniert. Da heften sich doch in der Gegend von Köln drei etwa 12-jährige Knaben das Zeichen des Kreuzes auf ihr Wams, scharen weitere kreuzzugsbegeisterte Jugendliche um sich, ziehen durch die deutschen Lande nach Süden, pilgern von einer unzähligen Menge von Kindern beiderlei Geschlechts begleitet nach Italien, in der festen Meinung, „dass sie trockenen Fußes übers Meer schreiten – se per siccum maria transituros – und das heilige Land Jerusalem (Terram Sanctam Hierusalem) wieder in Gottes Gewalt bringen würden.“

Der ältere Hanno ist darüber nicht mehr begeistert, im Gegenteil. Am nächsten Morgen wird er seinem Lehrmeister die Frage stellen, wieso es Gott zugelassen hat, dass die Tausenden von unschuldigen Knaben und Mädchen ahnungslos ins eigene Verderben gerannt sind. Wieso sie das Heilige Land nie erreichten, ja zum Teil nicht einmal die Überquerung der Alpen überlebten oder dann in den unteritalienischen Hafenstädten verhungert, als Leibeigene verschachert oder von betrügerischen Reedern nach Nordafrika in die Sklaverei verschleppt worden sind. Wo war da der liebe Gott, wird Hanno fragen. Und Frater Custos wird ihm vorerst auch keine Antwort geben können.
Weiter hinten stößt er auf die Streiche, die der Franziskanerbruder Deustesalvet aus Florenz einem überheblichen Dominikanerpater spielt. Diese Streiche unterscheiden sich für Hanno nicht groß von jenen, mit welchen die leibeigenen Knechte auf seinem Hörigenhof sich gegenseitig foppten. Meistens spielten sie sich im Latrinenbereich ab. Aber den Florentinern hat man auch in klerikalen Kreisen jede trufa, jede noch so derbe Witztat verziehen; sie waren mit ihren satirischen Sprüchen und lustigen Späßen bei allen, bei Hoch und Niedrig, beliebt und gern gesehen.



AD TERTIUM:

Hanno ist beim Abschreiben nicht nur mit Kopf und Hand, sondern mit seinem ganzen jugendlichen Herzen dabei, sodass es Tage gibt, an denen er bis zu 200 Zeilen schafft. Nicht immer aber bringt er fünf Seiten zu je vierzig Zeilen zustande. Die Finger seiner Rechten, die früher den groben Holzstiel einer Mist- oder Heugabel umfasst hatten, fangen gelegentlich an zu zittern, sodass ihm die Feder zu entgleiten droht. Dann muss er aufstehen und ein paar Schritte machen oder, wenn das Zittern nicht nachlässt, das Skriptorium verlassen, mit lockeren Armen ein paar Runden im Kreuzgang drehen und ins Grüne des Kräutergartens schauen.
Die Mönche, denen er bei seinen Pausengängen begegnet, nicken ihm stets wohlwollend zu oder zeigen ihm, wie er mit Öffnen und Schließen der Faust die Schreibhand wieder beruhigen kann. Sie kennen sein Metier und sind stolz auf den Oblaten, der das Werk ihres bekanntesten Fraters weiter zur Verbreitung bringen wird.

Als Oblate ist Hanno nicht an die Klosterregel gebunden, er muss nicht an den obligaten Gebetsstunden teilnehmen, sich nur an die Essenszeiten halten. Doch die abendliche Complet will er nie verpassen. Der beruhigende Psalmenton des Gesanges des greisen Simeon „Nun entlässt du Herr deinen Diener im Frieden“ empfindet er immer als wohltuende Bestätigung seiner Tagesarbeit. Ihm ist, wie wenn Gottvater persönlich die Hand auf seine Schulter legen würde. „Gut gemacht, Hanno, servus meus, mein treuer Diener!“ Und Hanno wagt es dann den lateinischen Text leise mitzusummen: Nunc dimittis servum tuum, Domine!, bevor er in die Zelle verschwindet, die der Abt dem Scriptor der Chronik eigens zur Verfügung gestellt hat.

Doch es wird Monate dauern, bis er Salimbenes Chronik abgeschrieben hat. Das weiß auch Frater Custos. Er ermuntert ihn deshalb immer wieder mit kurzen Anekdoten aus der Chronik. Hanno besorgt sich diese im Geheimen zwar auch selber. Jeden Tag blättert er vor seiner Kopierarbeit neugierig im Codex und geht auf die Suche nach Salimbenischen Anekdoten.
Was ihn aber am meisten anspornt, ist der Zweck seiner mühsamen und langwierigen Arbeit: Seine Kopie soll im Tausch gegen eine Kopie der Märtyrergeschichte der Thebäischen Legion von St.Maurice nach Lyon gehen. Salimbenes Chronik für die Passio Agaunensium martyrum des Bischofs Eucherius. Hanno kann es kaum glauben. Seine Kopie soll dem Franziskanerkloster von Parma die Leidensgeschichte der Thebäischen Legionäre verschaffen, die vor fast 1000 Jahren in Lyon geschrieben worden ist. Der Abt hat es ihm persönlich bestätigt. Von diesen tapferen christlichen Legionären hatte Hanno schon gehört, aber nie begreifen können, dass ein Feldherr und Kaiser seine eigenen Soldaten niedermachen lässt, nur weil sie sich weigern, gegen unschuldige Zivilisten vorzugehen.

Ich weiß, Hanno, was du bei deiner Arbeit am meisten vermisst, es ist die Nähe deiner Tiere. Da ist auch der Kräutergarten, der deine überanstrengten Augen beruhigen kann, kein Ersatz. Wo sind die Tiere geblieben, wo die Wärme der Kühe und das dumpfe Blöken der willigen Schafe? Mit ihnen konntest du reden, wenn dich das Gezeter der Mutter verstummen ließ. Statt in den Schoss der Mama hast du deinen kindlichen Kummer in die Wolle des Mutterschafes geschluchzt oder deine Tränen am weichen Fell ihres Jungen getrocknet. Du hast dieses sogar auf die Arme nehmen dürfen und bist dir dann selber wie der gute Hirte vorgekommen, der über dem Portal der Klosterkirche das Lamm auf der Schulter trägt.

Dass er nicht auf den vorgezogenen Linien schreiben darf, machte ihm anfangs besondere Mühe. Könnte er die Schreibhand auf das Pergament stützen, wäre es bedeutend leichter, den Text zwischen die Linien zu setzen. Doch die gotische Schrift gefällt ihm und mit einer leichten Drehung der Feder bringt er auch die dekorativen Haarstriche zustande. Und einmal hat er sich sogar den Spaß erlaubt, beim s wie beim f den kleinen, dicken Querstrich zu ziehen.
Als Frater Custos am Ende des Tages wie immer die geschriebenen Seiten kontrollierte, stutzte er auf einmal: „Hat Salimbene wirklich Fridericus fecundus und nicht Fridericus secundus geschrieben?“ Der Kaiser sei zwar auch fruchtbar gewesen, vor allem außerhalb der Ehe, aber der Chronist meine natürlich den Enkel des großen Fridericus primus, vulgo Barbarossa. Hanno strich sich durch die rotblonden Stoppelhaare und starrte ganz unschuldig auf den verräterischen Dickstrich.
Er wusste schon einiges mehr über den Kaiser, als er seinem Betreuer eingestehen wollte. Noch heute Morgen hatte er vor seiner Fronarbeit in der Chronik über die seltsame Geburt des Imperator Friedrich gelesen. Und wenn er das richtig verstanden hat, schreibt Salimbene, Friedrich sei der Sohn eines Metzgers von Jesi gewesen: filius cujusdam beccarii de civitate hesina. Den Stadtnamen Hesium hat er im Ortsverzeichnis nachschlagen können, das in der Präsenzbibliothek des Skriptoriums aufliegt. Und beccarius bringt er mit seinem mundartlichen beccaio, dem Metzger, zusammen.
Aber er wird bei der abendlichen Kontrolle seinen Lehrmeister fragen, ob das wirklich wahr ist. Der Sohn eines Metzgers könne doch nicht Kaiser werden. Und noch etwas will er ihn fragen: Bei seinem Blättern in der Chronik ist er auf ein seltsames Zeichen gestoßen, das nicht etwa ein misslungener gotischer Buchstabe sein kann. Frater Custos wird darin einen Kreis sehen, der über einem Tau-Kreuz steht, und es als Weltherrschaft Christi deuten: Christus trägt die Weltkugel auf seiner Schulter. Das passe gut zum Weltbild des Franziskaners Salimbene de Adam. Hanno ist aber aufgefallen, dass der Chronist dieses Kreuzkugel-Gebilde nur einmal, und zwar am Rande neben dem Text hinzeichnet, der von der frühesten Kindheit des Imperators spricht. Jetzt wird auch Frater Custos nachdenklich. „Die ersten Jahre hat der Kaiser tatsächlich nicht bei Vater und Mutter, sondern in der Familie des Konrad von Urslingen verbracht. Das war ein schwäbischer Adliger, der sich im Dienste Barbarossas in Italien bewährt hatte und zum Herzog von Spoleto ernannt worden war.“ „Dann war also die Herzogin von Spoleto des Kaisers Pflegemutter und der kleine Friedrich ist mit ihren Kindern groß geworden.“ „Ja, und zwar nicht in Spoleto, sondern im kleineren Foligno, das zwischen Spoleto und Assisi liegt.“ Aber was soll denn das Symbol an dieser Stelle?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-903067-19-6
Erscheinungsdatum: 22.07.2015
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Krampus & Nikolo