Sonstiges & Allerlei

In 2390 heißen Stunden um die Welt

Peter Neumann

In 2390 heißen Stunden um die Welt

Leseprobe:

Kapitel 1
Ich will gar nicht fahren

Der 20. September 2013 war ein herrlicher Freitag, fast noch ein Sommertag mit seinen 18 Grad schon kurz nach neun, stellte Oskar beim Blick aus dem Fenster fest. Emsiges Treiben herrschte unten auf der langen Straße im Herzen der Solling-Stadt Uslar. Die Marktstände wurden regelrecht gestürmt. Vor allem die Obst- und Gemüsehändler hatten alle Hände voll zu tun. Sie brachten ihre Waren aus dem nahen Weserbergland, und von dort gab es viel zu verkaufen. Sogar schon die ersten frischen Weintrauben, die Oskar sehr liebte. Weshalb er beschloss, sich in das Marktgetümmel zu stürzen.
Vor gut drei Monaten hatte er dieses noch viel, viel lustvoller getan. Weil ihn da noch seine Margret begleitet hatte …
Irgendwer hatte vor dem Haus eine undefinierbare klebrige Masse verstreut, auf der Margret am frühen Nachmittag des 6. Juni 2013 ausgerutscht war. Sie war unglücklich auf den Hinterkopf gefallen und hatte sich schwer verletzt. Die Rettung war schnell gekommen, aber im Krankenhaus konnten sie nicht mehr viel für sie tun. Knapp zwei Wochen darauf, am 23. Juni, war sie ihren schweren Verletzungen erlegen.
Ein harter Schock nicht nur für Oskar, sondern auch für Tochter Monika und Sohn Michael. Auch die beiden konnten nur schwer fassen, was geschehen war.
Die Mutter war doch kerngesund, ein- bis zweimal im Jahr plagte sie eine kurze Erkältung, deretwegen sie sich aber nur höchst selten mal für ein bis zwei Tage ins Bett legte. Das war’s dann auch schon. Mit 56 hatte sie noch viel zu viel vor.
Die Familie strahlte Harmonie aus, Michi und Moni genossen eine wohlbehütete Kindheit. Die Mami war immer für sie da. Später, als die Kinder die Schule besuchten, werkte sie vormittags vier Stunden als Buchhalterin in einer kleinen Steuerberatungskanzlei, aber am Nachmittag unternahm sie viel mit den Kindern und kümmerte sich um die schulischen Belange ihrer Sprösslinge. Größere Probleme hatte es nie gegeben, die beiden lernten gut.
Michi, der um zwei Jahre Ältere, liebte sein kleines Schwesterlein heiß und innig. Am Anfang empfand er es als ein lebendiges Püppchen und fragte sich, woher es denn gekommen war.
Bis heute sind die beiden ein Herz und eine Seele.
Während andere Geschwisterkinder gern durch viele lästige Streitereien auffallen, fielen Michi und Moni durch ihre Liebe zueinander auf. Es sollte nun aber keiner glauben, dass Margret und Oskar dadurch keine Probleme hatten und nur Lob aus der Nachbarschaft geerntet hätten …

Moni war auch im wörtlichen Sinne Michis „kleine“ Schwester, weil sie später in der Schule immer zu den kleinsten Mädchen der Klasse zählte und dafür oft gehänselt wurde. Besser gesagt: Die Jungs aus der Klasse versuchten es, da Michi seine Schwester erbittert verteidigte. Es lag auf der Hand, dass da immer wieder mal ordentliche Raufereien zwischen den Jungs vorprogrammiert waren. Michi siegte aber stets, und Moni hatte ihre Ruhe. Sehr schnell sprach sich herum, dass Moni einen starken Beschützer hatte, und das ließ sie von da ab weithin in Frieden leben.

Ein Jahr vor Margrets Tod, mit Ende Mai 2012, war Oskar aus dem Berufsleben ausgeschieden. Nach 51 versicherungspflichtigen Arbeitsjahren bei ein und demselben Arbeitgeber. Etwas beileibe nicht Alltägliches …
Ja, nach der dazumal achtjährigen Pflichtschule hatte er eine kaufmännische Lehre begonnen. Bei der örtlichen Brauerei. Drei Jahre hatte die Lehrzeit gedauert. Oskar hatte die Ausbildung mit Auszeichnung bestanden und kam in die Vertriebsabteilung. Dort war er sein ganzes Berufsleben lang geblieben und hatte die Abteilung 30 Jahre lang geleitet. Und das mit permanentem Erfolg. Sowohl die Geschäftsleitung als auch die Kolleginnen und Kollegen schätzten ihn sehr, weil er immer freundlich und kompetent aufgetreten war. Obwohl er sehr streng war, einen festen Standpunkt vertrat und klare Ziele hatte sowie der Belegschaft hohe Leistungen abverlangte. Aber er wusste Fleiß sehr zu schätzen, und für gute Mitarbeiter kämpfte er bei der Geschäftsleitung wie ein Löwe, wenn es zum Beispiel um eine Gehaltserhöhung, eine Prämie, außerordentlichen Urlaub ging.
Dementsprechend entsetzt waren seine ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, als sie von Margrets Tod erfuhren. Fast 100 Trauergäste waren dem Sarg gefolgt …

Dabei hätte alles ganz anders verlaufen sollen …
Eine mit Oskars 65. Geburtstag fällig gewordene Lebensversicherung plus der Firmenabfindung zum Rentnerstart sollte eine Weltreise mit der „Costa Deliziosa“ finanzieren. Oskar hatte sich gleich in den ersten freien Tagen, als er eigentlich noch kein Rentner war, sondern seinen ihm zustehenden Resturlaub genoss, in sein Stammreisebüro, gleich zwei Häuser weiter, begeben, natürlich zusammen mit Margret, und sich ausführlich beraten lassen. Für einen so guten Kunden, wie Oskar einer war, der alle seine Reisen hier gebucht hatte, bemühte sich der junge, sehr aktive Gerhard sehr, und die drei wurden schnell handelseinig: Die Globusumrundung sollte am 6. Januar 2014 in Savona starten und 100 Tage dauern, sodass Margret und Oskar am 16. April wieder am Ausgangspunkt landen würden und somit gerade noch rechtzeitig zum Osterfest wieder daheim einträfen.
Und auf der großen Reise wollten Margret und Oskar ihren 30. Hochzeitstag feiern. Am 24. März. Was noch zusätzlich für ausgerechnet diesen Reisetermin gesprochen hatte …
Zum Schiff würde sie ein von Costa organisierter Bus bringen. Der von Uslar nächste Abfahrtsort hierfür war am Bahnhof Göttingen. Dort würden die beiden auch am 16. April 2014 spätabends wieder ankommen.
Michi und Moni würden die Eltern zum Bus chauffieren und nach der Rückkehr wieder abholen. Es war also alles bis ins Letzte gut geplant.
Bis eben der 6. Juni 2013 kam …
Von einem auf den anderen Augenblick kann plötzlich alles ganz anders werden …
Klar war natürlich eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen worden, aber jeder hofft doch dabei immer, dieses Geld unnötig auszugeben. Wo du dich sonst über unnötige Geldausgaben ärgerst, ist das bei diesen Versicherungen komischerweise genau umgekehrt.

Gerhard hatte Oskar geraten, die Reise allein anzutreten und eine kostenlose Umbuchung veranlasst. Er bekam statt der Kabine 6337 die 6281, natürlich auch eine Balkonkabine mit Komfort.

Am Abend dieses sonnigen Freitags fand unten bei Fritz der erste Stammtisch nach der Sommerpause statt. Eigentlich trafen sich die Freunde am ersten Freitag im Monat, aber am ersten September-Freitag weilten noch zu viele auf Urlaub.
Heute waren bis auf Richard und Max alle da, was Oskar erstaunte. Und sie wollten wissen, wie es ihm jetzt so gehe.
„Na ja, ich kann mich nur schwer ans Alleinsein gewöhnen. Nach fast 30 Ehejahren, und vorher hatten wir uns auch schon gut zwei Jahre gekannt. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier, und wir hatten uns doch auch gut verstanden …“
„Ich weiß, ich weiß“, fiel ihm Rudi ins Wort. „Bei mir sind’s nun schon drei Jahre her, als ich dasselbe durchgemacht hatte …“ Noch immer kamen ihm bei diesem Gedanken die Tränen.
Bei Bier, Nordhäuser Doppelkorn, Currywurst mit Pommes oder Schnitzel mit Salat erzählte ein jeder von seinen Sommererlebnissen in den Bergen, am Meer, am waldumrandeten See, beim Erkunden unbekannter Städte. Bis – das lag wohl auf der Hand – diese Frage im Raum stand, gestellt vom Fleischer Willi: „Sag Oskar, nun gehst du ja bald auf deine große Reise, nicht wahr, das ist doch bald?“
Der Angesprochene räusperte sich, rückte auf seinem Stuhl hin und her, bis er leise antwortete, fast so nervös, als wäre er vor einer Prüfungskommission gestanden:
„Ja, das stimmt, aber ich habe gar keine Lust. Allein auf so eine lange Reise zu gehen, das ist doch nix.“
„Aber es würde dich ablenken, auf neue Gedanken bringen, als hier in deinen vier Wänden rumzusitzen und zu grübeln“, warf Willi ein, und Rudi ergänzte: „Da hat der Willi recht. Und du lernst neue Leute kennen …“
„Ja, auch das ist richtig, aber auf dem Schiff würde ich immer bloß daran denken, dass ich diese Reise mit Margret genießen wollte und …“ Oskar seufzte tief und musste husten. „Das würde mir die Freude mächtig verderben und wäre rausgeschmissenes Geld.“
„Aber du hast doch umgebucht, dass du allein fahren willst!“, wunderte sich Rolf.
„Du, das hat mir der Gerhard so eingeredet, aber der hat mir auch gesagt, dass ich immer noch stornieren kann.“
„Mach das bloß nicht!“ stürmte Willi auf Oskar ein …

Oskar überlegte das ganze Wochenende über, was er tun oder nicht tun solle. Zum einen hatten die Stammtischfreunde recht. Ich würde auf andere Gedanken kommen und neue Leute kennenlernen. Da ist schon was dran. Besser, als allein zu Hause rumzusitzen und auf trübe Gedanken zu kommen. Und sie haben mir ja auch eine andere Kabine gegeben. Aber trotzdem. 100 Tage allein unterwegs sein …
Aber ich bin nicht immer allein. Auf den großen Schiffen ist ständig was los. Ich weiß es doch, war immerhin schon einige Male mit den Costa-Schiffen unterwegs. Die geben sich wirklich große Mühe.

Michi und Moni bestärkten Oskar nicht minder, die Reise unbedingt anzutreten.
„Dass du mir die Reise bloß nicht stornierst!“, befahl ihm Moni mit strengen Worten. „Sonst bin ich dir sehr böse!“
„Wehe, wenn du nicht fährst!“ Auch Michi erhob seinen rechten Zeigefinger und wollte auch das noch gesagt haben: „Wo du dich schon so lange auf die Reise gefreut hast!“
„Ja, aber mit Mami zusammen!“ Oskar war den Tränen nahe. Die Kinder ließen ihn in Ruhe, aber beim Gehen ermutigte Moni ihren Vater noch leise: „Überleg es dir mit der Reise noch mal in Ruhe, aber wirklich!“

Beim nächsten Stammtisch kam das Thema natürlich wieder zur Sprache. Nicht, weil die Kumpel auf Oskar einreden oder ihn gar quälen wollten, sondern weil er schon jahrelang immer wieder von einer Weltreise mit einem Kreuzfahrtschiff geschwärmt hatte und die Monate und kurz vor Margrets Unfall sogar schon die Wochen bis zum Start zu zählen begonnen hatte.

Beim November-Stammtisch gab er schließlich nach, und alle waren froh, klopften ihm freudig auf die Schulter und stießen mit den gewohnten Getränken an.

Den entscheidenden Ausschlag, doch zu fahren, gab die immer näher rückende Adventszeit, die erste ohne Margret …
Da war es für Oskar sehr gut, zu wissen, dass gleich nach den Feiertagen etwas Großes auf ihn zukäme. Er fand, das würde ihm das erste Weihnachten ohne seine Frau maßgeblich erleichtern, und so war es dann auch.
Natürlich war der Blick auf den Weihnachtsmarkt, den er von seiner Wohnung gut überblicken konnte, ein trauriger, hatte er doch auch diesen bislang immer zu zweit besucht. Der Weihnachtsmarkt stand auf dem Gelände des sonst üblichen Wochenmarktes. Dazu gab es noch das tägliche Türöffnen am Adventskalender, der das alte Rathaus zierte und es damit weithin bedeckte. Allabendlich Punkt 17 Uhr ging’s los, verbunden mit einer Tombola, bei der es gute Preise zu gewinnen gab. Oskar hatte schon ein paarmal ordentlich zugeschlagen. Ein Essensgutschein für zwei, drei weiße Hemden, eine Kiste Bier – mal nicht von seiner Brauerei.
Und schließlich einen Werkzeugkoffer, den er sogar noch am Heiligen Abend an Land gezogen hatte, als das Türenöffnen bereits vormittags um elf stattfand.

Den Heiligen Abend verbrachte Oskar bei Moni, die seit Mai 2008 mit ihrem Detlef verheiratet ist. Beim Sommertanz im nahen Verliehausen hatte es ein Jahr zuvor gewaltig gefunkt. Auf beiden Seiten …
Detlef ist Maurer, und die beiden feierten das erste Weihnachten im neuen Heim, auch in Verliehausen, wo Detlef herkommt.
Eine Riesenfreude nach dem beengten Wohnen im Hause von Detlefs Eltern.
Und dieses neue Haus hatte Oskar den Heiligen Abend um vieles leichter gemacht, weil an einem Ort gefeiert wurde, an welchem er bisher noch kein Weihnachten erlebt hatte.
Für Enkel Kevin war es nun schon sein fünftes Christfest, und in jedem Jahr nahm er es natürlich bewusster wahr. Ja, wie die Zeit vergeht! Im Februar wird er tatsächlich schon fünf …
Aber diesmal geschah etwas, was er nicht für möglich gehalten hatte: Der Weihnachtsmann war höchst persönlich erschienen! Kevin bekam den Mund vor lauter Staunen nicht zu. Also beschenkt er die Kinder nicht nur heimlich, sondern übergibt ihnen manchmal die Geschenke direkt aus dem großen Sack, der anscheinend schon ein paarmal vor lauter Paketen geplatzt war, weil er mehrere Flicken hatte.
Einen aufziehbaren VW bekam Kevin, dazu einen kleinen Beutel voller Süßigkeiten, ein Bilderbuch … Was er sofort erspähte. Die anderen Sachen waren in geheimnisvollen Päckchen versteckt und wurden erst nach der Verabschiedung des Weihnachtsmannes nervös geöffnet.

Zum Gänsebraten am ersten Feiertag fuhr die gesamte Großfamilie, Michi natürlich eingeschlossen, in das ebenso wie Verliehausen zur Stadt Uslar gehörende Fürstenhagen. Was schon langjährige Tradition war. Nicht nur bei Oskars Familie, sondern bei vielen Familien in der näheren und weiteren Umgebung – wie die Besucherzahlen verrieten und die Tatsache, dass schon langfristig vorbestellt werden musste. Es war eben die ausgezeichnete Qualität des dortigen Gasthauses, und so etwas spricht sich nun mal herum und ist die beste Werbung. Und die Hausfrau muss nicht auch noch zu Weihnachten in der Küche schwitzen.

Am zweiten Feiertag begab sich Oskar zu Michi, der nur fünf Minuten Fußweg von ihm entfernt in einer kleinen Neubauwohnung logierte und noch solo war. Ja, er hatte schon einige nette Mädchen getroffen, aber eben noch nicht „die eine“.
Wobei hier unbedingt gesagt werden muss, dass er sich die Partnerinnenwahl auch nicht unbedingt leicht machte, da seine „Angebetete“ unbedingt seiner geliebten Schwester gleichen sollte. Gut, sie könnte etwas größer als Moni sein, aber sie sollte ihr im Wesen unbedingt entsprechen. Auch sollte sie dunkelblondes Haar mit einem kurzen Pferdeschwanz tragen und auf jeden Fall ein so fröhlicher und liebenswerter Mensch wie Moni sein. An sich ein Kompliment an die Schwester, aber das Ganze war somit wahrlich kein leichtes Unterfangen.
Ach, was in den Gehirnen der Menschen auf unserer großen, weiten Welt so alles herumspukt. Nicht wenige junge Männer wünschen sich das Abbild ihrer Mutter als Partnerin. Also, warum soll’s nicht auch mal die Schwester sein? Nur führt beides selten zum gewünschten Ziel.
Aber Oskar konnte seinem Sohn trotzdem Mut machen, denn er hatte Margret auch erst mit 35 gefunden. Und das, obwohl er keine speziellen Ansprüche an seine künftige Frau gestellt hatte.

Beruflich war Michi in die Computerbranche eingestiegen und hatte damit gewissermaßen sein Hobby zum Beruf gemacht, zumindest so halbwegs, denn der Stress, den der Job so mit sich brachte, zählte ganz und gar nicht zu seinen Leidenschaften.
Er werkte in einer Servicewerkstatt in Uslar und wurde von seinem Chef in kleinere oder größere Firmen in der Umgebung geschickt, sogar bis in die Kreisstadt Northeim sowie die Universitätsstadt Göttingen, um die PCs, aber auch größere EDV-Anlagen wieder fit zu machen. Ab und zu riefen ihn aber auch Privatpersonen, die schnell wieder im Internet oder am PC herumspielen wollten.
Eines war aber allen gemeinsam: Der Servicemensch hatte sehr dringend zu erscheinen!
Einverstanden, wenn die EDV-Anlage in einer größeren Firma nicht so will, wie sie soll, kann das durchaus sehr problematisch sein, weil viel davon abhängt, unter Umständen steht der gesamte Betrieb still. Was Michi durchaus einsah und die Eile verstand …
Aber wenn ein Otto Normalverbraucher auf Biegen und Brechen schnell wieder am PC spielen oder im Internet surfen wollte, hatte das Wort „dringend“ bei dieser Angelegenheit absolut nichts verloren …

Wunderbar! Eine Hürde war überstanden, das Weihnachtsfest. Nun ging’s noch um die Silvesterfeier. Übertriebene Saufgelage hatte es da bei Oskar nie gegeben, allerdings auch kein trübsinniges Herumsitzen vor dem Fernseher oder gar Schlafengehen vor Mitternacht. Als die Kinder noch klein waren, veranstalteten Margret und Oskar mit ihnen lustige Spiele, bei denen sich manchmal auch alle verkleideten. Gern wurden dazu auch Freunde eingeladen. Große und Kleine.
Später, als die Kinder größer waren und mit ihren Freunden jugendgemäß feierten, gingen Margret und Oskar gern runter zu Fritz. Wo es immer sehr lustig zuging, aber nie übertrieben feuchtfröhlich.
Wohlgemerkt: All das passierte immer mit Margret …

Diesmal wurde Oskar von Detlef und Moni eingeladen. Sie feierten mit Gisela und Sven, ihren Nachbarn, die neu nach Verliehausen gezogen waren. Die beiden hatten erst im Juli geheiratet und waren noch kinderlos. Sven stammte aus Kiel und Gisela aus Offensen, auch einem Ortsteil von Uslar. Das junge Paar hatte sich übrigens auf einer Kreuzfahrt kennengelernt. Es war Liebe auf den, na sagen wir mal, achten Blick gewesen …
„Beim Tanzen ist’s um uns geschehen“, lachte Sven. „Wir probten den Foxtrott.“
„Ich hatte mächtig gestaunt, wie gut er tanzen kann“, schwärmte Gisela immer noch.
„Wart ihr auch auf einem Costa-Schiff?“, wollte Oskar verständlicherweise wissen, und Gisela nickte freudig: „Ja, auf der Favolosa waren wir. Auch ein schönes großes Schiff. Im August vor einem Jahr war’s. In Bremerhaven war’s losgegangen. Wir hatten dann in Antwerpen, London, Lissabon, Casablanca, Tunis, Málaga, Barcelona, Marseille, Genua, Rom, Messina, Korfu und Dubrovnik Halt gemacht, und in Venedig war Schluss.“
„Zweieinhalb Wochen hatte die Reise gedauert, und es war traumhaft!“ Auch Svens Augen leuchteten, er jubilierte und triumphierte förmlich in den höchsten Tönen. „Und das Wetter war immer super. Wir konnten uns auf den oberen Decks sonnen und hatten immer gut zu essen und zu trinken …“
„Mit dem Trinken war’s noch zusätzlich Spitze, dass wir das Getränkepaket gebucht hatten“, unterbrach Gisela ihren Mann, „da wurde dir nicht jeder Tropfen extra berechnet. Und essen konntest du sowieso den ganzen Tag immer irgendwo am Schiff was.“
„Aber das Schönste war, dass wir uns gefunden hatten! Ja, das war die wunderbarste Draufgabe!“ Sven musste herzhaft lachen. „Das hatte alles noch viel herrlicher gemacht. So hatten wir die Ausflüge noch mehr genossen und dabei festgestellt, dass wir im Großen und Ganzen dieselben Interessen haben. Uns hatten die alten Kirchen interessiert, die Burgen, die alten Rathäuser, überhaupt die alten Häuser und Höfe, die wir uns genau angesehen hatten. Natürlich auch die schönen Parks. Aber wir waren auch durch Supermärkte und Einkaufszentren geschlendert. Nicht, um unbedingt überall zu shoppen, nein, es hatte uns interessiert, was so angeboten wurde und was die Sachen kosteten. Auch daran kannst du ermessen, wie die Lebenssituation in einem Land so ist …“
„Papi, du kommst doch bei deiner Reise auch nach Barcelona, wo Gisela und Sven ja auch waren?“, fiel Moni plötzlich ein, und Oskar wusste sofort: „Ja, am 8. Januar legen wir in Barcelona an.“
„Dann musst du unbedingt die große Kirche Sagrada Familia besuchen“, fiel ihm Gisela ins Wort, „das ist eine sehr interessante Kirche, weil die nämlich noch gar nicht fertig ist.
Gaudi hatte die 1882 zu bauen begonnen lassen, und zu seinem 100. Todestag im Jahre 2026 soll sie endlich vollendet sein. Darum ist sie noch immer von Gerüsten umgeben. Aber sie ist innen ganz toll geworden. Aber du musst die Tickets schon vorher im Internet buchen, denn nur so kommst du ohne Wartezeit rein. Sonst kannst du nämlich stundenlang auf den Einlass warten, und womöglich musst du vorher wieder gehen, weil du zum Schiff musst, um nicht hinterherschwimmen zu müssen.“
Alle lachten, aber Oskar hatte genauestens zugehört. Welche interessanten Empfehlungen sie ihm gaben …
Und freute sich, wenigstens schon an einem Ort zu wissen, was er beachten musste …

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 470
ISBN: 978-3-99064-162-0
Erscheinungsdatum: 02.07.2018
EUR 19,90
EUR 11,99

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