Sonstiges & Allerlei

Im Dschungel der Träume

Marion Kluge

Im Dschungel der Träume

Leseprobe:

„Sam!“, flüsterte Robert mir ins Ohr und streichelte mir die Wange, um mich zu wecken.
„Ja? Sind wir endlich da?“ Schlaftrunken sah ich zu ihm auf. Er zeigte nickend zum Fenster, und ich folgte seinem Blick.
Die Gräser wurden hüfthoch, die Büsche üppiger. Das vor uns liegende Bergland teilte sich. Auf der einen Seite des Passes erstreckte sich ein immer dichter werdender Wald, während sich auf der anderen Seite ein riesiger felsiger Berg erhob, dessen Spitze die darüberziehende Wolke zu zerschneiden schien. Ihm galt jetzt mein Interesse, während die anderen auf der Waldseite nach einem Hinweis auf das abgestürzte Flugzeug Ausschau hielten. Sie mussten nicht sehr lange suchen, das Flugzeug hatte eine sichtbare Schneise im Wald hinterlassen.
„Oh Mann, wir waren so dicht an der Straße und sind ewig durch den Wald geirrt?“ Fassungslos sah Daniel sich um. „Shani hätte vielleicht überlebt, wenn wir diesen Weg gewählt hätten, statt schwer verletzt durch …“
„Das konnte keiner ahnen, also höre auf, dir Vorwürfe zu machen“, mahnte Robert, doch auch er schien den Gedanken nicht ganz abschütteln zu können. Der Klang seiner Stimme und der Blick verrieten seine Zweifel und sein Unbehagen.
„Wir können nur hoffen, Hinweise auf Shanis Mann zu finden, damit Wangari wenigstens mit einem Elternteil aufwachsen kann.“ Es klang fast wie eine Entschuldigung, als könne Robert damit das Unglück zwar nicht ungeschehen machen, aber den Schaden begrenzen; die Trauer etwas mildern.
Wir folgten der Schneise in den Wald, mussten uns durch das – sich inzwischen wieder aufgerichtete – Gestrüpp schlagen, ehe das Weiß des Flugzeugs durch die Bäume schimmerte.
„Wie seid ihr da rausgekommen?“ Fassungslos betrachtete Ngumo das Wrack, und jeder von uns stellte sich wohl gerade die gleiche Frage.
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Dem folgte ein ächzendes Geräusch, und wir erschraken, als plötzlich ein Baum auf uns zukam, der auf die Tragfläche des Flugzeugs krachte, die ihn bei der Bruchlandung nur angeschlagen hatte. Es hatte den Anschein, als hätte er die vergangenen Tage standgehalten; auf uns gewartet, nur um uns jetzt aus Rache unter sich begraben zu können. Das Flugzeug wippte beim Aufprall hin und her; schließlich trennte sich die Tragfläche von seinem Körper. Robert zog mich hastig beiseite und schützte mich mit seinem Körper, als ein paar Teile auf uns zugeflogen kamen.
„Verdammt, das war knapp!“, fluchte er, schüttelte sich die Splitter aus den Haaren und vom Shirt. „Sam, ist bei dir alles in Ordnung?“
„Ja, ich bin okay. Aber du hast was abbekommen“, stellte ich erschrocken fest, als ich das Blut an seinen Armen herunterlaufen sah. „Daniel, Robert ist verletzt!“
Er kam sofort, um sich die Wunde anzusehen, was Robert wohl albern fand; jedenfalls widerstrebte es ihm, deshalb so ein Aufsehen zu erregen.
„Daniel, lass den Quatsch, und hör auf an mir rumzudoktern, es ist nichts. Sieh lieber mal nach Sam“, brummelte er missbilligend und entzog ihm den Arm.
„Es sieht tatsächlich nicht schlimm aus, aber wir müssen die Wunde trotzdem reinigen und verbinden. Sam scheint in Ordnung zu sein, aber ich sehe sie mir gleich an, nachdem ich mit dir fertig bin. Wo ist sie eigentlich?“ Suchend blickten jetzt beide um sich.
Ich umrundete das Flugzeug, um einen Zugang zu finden, musste dabei immer wieder über verstreute Wrackteile steigen oder klettern.
Aus der Frontscheibe ragte der Baum, welcher Jack, unseren Piloten, aufgespießt hatte. Robert hatte mich bei Jacks Bergung fortgeschickt, damit mir sein verstümmelter Anblick erspart blieb. Ich hatte mich in der Zwischenzeit um die hochschwangere Shani gekümmert, die relativ unverletzt schien. Ein Irrtum, wie sich später herausstellte. Ihre inneren Verletzungen waren so stark, ich konnte mir auch im Nachhinein nicht vorstellen, dass der Weg über die Landstraße ihr Leben gerettet hätte. Daniel hatte alles Mögliche getan, konnte wenigstens Wangaris Leben retten. Nein, er brauchte sich ganz sicher keine Vorwürfe zu machen.
„Sam, verdammt, wo steckst du schon wieder?“ Robert klang besorgt.
„He, ich glaube, hier können wir einsteigen!“ Ich hatte einen Eingang gefunden und machte die anderen winkend auf mich aufmerksam.
„Du bleibst hier!“, befahl Robert mir, als ich Anstalten machte hineinzuklettern, und zog mich wieder zurück.
„Wieso? Ich will euch beim Suchen helfen!“, forderte ich entschieden.
„Du wartest hier draußen! … und das ist keine Bitte!“, bekräftigte er kategorisch seine Anweisung – und bekam Rückendeckung.
„Samuta, … ist zu gefährlich. Du bleiben mit Jendayi hier. Wir geben raus, was wir finden, und ihr nehmen entgegen, okay?“
Mein zorniger Blick traf auch ihn, und er wich eine Sekunde erschrocken zurück.
„Tja, sie kann auch anders“, grinste Robert und reichte Ngumo seine helfende Hand, die ihn hineinzog.
Daniel war bereits während unseres Disputs reingeklettert und reichte die ersten brauchbaren Fundstücke heraus. Jendayi war so erpicht darauf, die Sachen, die Ngumo, Daniel und Robert dann abwechselnd herausgaben, in Empfang zu nehmen, dass ich mir ziemlich überflüssig vorkam. Sie bemerkte nicht einmal, dass ich den Weg zur Straße zurückging, um mich dem gegenüberliegenden Berg zu widmen.
Es führte ein kleiner Pfad nach oben, der teilweise steil und unwegsam schien. Auf halber Höhe gab es offenbar eine Art Plattform, die mit Bäumen bewachsen war. Dort müsste die Höhle, meinem Traum nach, ungefähr liegen, denn direkt in der Felswand war sie von hier unten nicht zu sehen.
Es war sicher leichtsinnig, alleine den Berg besteigen zu wollen, aber was sollte mir schon passieren? Ich wollte unbedingt da hoch, … jetzt!
Meine ersten Schritte auf dem Pfad prüften die Beschaffenheit des Bodens, denn er war mit losem Geröll gepflastert. Es war imponierend, wie kleine Büsche aus dem Felsen wuchsen; dass so etwas überhaupt möglich war.
„Samuta!“
Ich war noch nicht sehr weit gekommen, als Ngumo sich plötzlich von hinten auf mich warf, umriss und mit mir in seinen Armen das Stück des Berges, welches ich hinter mich gebracht hatte, hinunterkullerte. Unten angekommen rang ich nach Luft; einerseits weil ich total erschrocken von Ngumos Überfall war, andererseits weil er auf mir lag.
„Geh runter von ihr!“, schnaubte Robert und riss ihn hoch.
„Ich wollte Samuta retten vor Schlange!“, rechtfertigte Ngumo sich empört.
Als wollte die Schlange seine Behauptung beweisen, kroch sie noch kurz den Pfad entlang, bevor sie im Felsen verschwand.
„Samantha Hall!“
„Ups!“ Robert war sauer; ziemlich sauer, stellte ich fest, denn nur dann nannte er mich beim vollen Namen – ausgenommen, als er mir einen Antrag gemacht hatte.
„Sag mal, spinnst du? Du kannst doch nicht einfach verschwinden! Was hast du dir nur dabei gedacht?“, brüllte er mich wütend an, während er mich am Arm packte und vom Boden hochzerrte.
„Ich habe mich gelangweilt. Du wolltest mich ja nicht mit in das Flugzeug lassen“, beschwerte ich mich. „Habt ihr wenigstens was Brauchbares gefunden?“
„Wieso wolltest du gehen auf Berg?“, mischte sich Ngumo in das Gespräch.
„Nein, keine Hinweise auf Shanis Mann“, antwortete Robert mir knapp und wandte sich Ngumo zu. „Sie sucht dort eine Höhle“, ließ er gereizt die Katze aus dem Sack, ohne seinen wütenden Blick von mir abzuwenden – dem ich jedoch locker standhielt.
„Was für eine Höhle?“, wollte Ngumo wissen, und sein veränderter Tonfall ließ mich aufhorchen.
„Gibt es dort eine Höhle?“ An Roberts Körper vorbeischielend, zeigte ich jetzt unverhohlenes Interesse.
„Ja … aber woher weißt du?“, beantwortete er unmutig meine Frage.
„Ngumo, kannst du mich dorthin bringen?“
„Das ist Höhle, wo Geist unserer Ahnen wohnt. Du kannst da nicht hin. Nur Männer, Stammesangehörige, dürfen betreten diese Höhle“, lehnte er ab.
„Aber ich muss sie sehen. Bitte bringe mich dorthin“, flehte ich.
„Was willst du da? Ist nur eine Höhle, keine Touristenattraktion.“ Sein Ton blieb abweisend, eine Seite, die ich an ihm bisher nicht kannte.
„Ngumo, sie erscheint in meinen Träumen. Vielleicht wollen deine Ahnen mir irgendwas sagen … Keine Ahnung, was, aber ich werde diese Träume einfach nicht los. Ich sehe fünf alte Männer, eingehüllt in Decken, um eine Feuerstelle sitzen. An den Wänden sind Figuren: Antilopen, Schlangen, Jäger …“, versuchte ich verzweifelt, ihn mit meiner Beschreibung davon zu überzeugen, dass ich die Wahrheit sagte.
Völlig verdutzt sah er mich an.
„Ngumo, kennst du die Höhle da oben? Passt sie zu meiner Beschreibung?“
„Die Alten reden zu dir in deinen Träumen?“, fragte er ungläubig. „Wieso? Sie reden nur zu Kabona“, stellte er misstrauisch fest.
„Ich weiß nicht, wieso – und sie reden ja auch nicht mit mir, … sie zeigen mir Visionen“, erklärte ich und stockte einen Moment. „… von Jendayi … und dir“, fügte ich dann flüsternd hinzu. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, sein Interesse geweckt zu haben.
„Sie zeigen Jendayi und mich?“, fragte er ungläubig. „Erzähle mir mehr davon“, forderte er, und sein Blick schien mich durchbohren zu wollen.
„Erst wenn ich selbst weiß, was sie bedeuten.“
Das war eindeutig Erpressung und gemein, aber ich wusste mir keinen anderen Rat, wie ich ihn dazu bewegen konnte, mich zu dieser Höhle zu führen.
„Gut, gehen wir!“, beschloss er. „Aber du vorsichtig sein, passen auf deine Schritte auf, wegen Schlangen“, mahnte er.
Robert und Daniel machten sich ebenfalls bereit, aber Ngumo hielt sie zurück.
„Ihr bleiben hier. Nur Männer von unserem Stamm dürfen Höhle betreten, sonst werden Ahnen zornig.“
„Aber Sam gehört auch nicht dazu … und ist eine Frau!“ Robert wollte das Argument nicht akzeptieren, sich nicht ausschließen lassen.
„Samuta wurde wohl in Traum von Ahnen eingeladen, sie wollen reden mit ihr, darum kann sie in Höhle.“
Robert zog mich zur Seite. „Ich lasse dich auf keinen Fall mit ihm alleine da hochgehen“, zischelte er aufgebracht.
„Robert, diese Höhle gibt es wirklich … und es muss die Höhle aus meinen Träumen sein, sonst hätte Ngumo sich nicht überzeugen lassen, mich dorthin zu bringen.“ Ich war total aufgelöst, doch Roberts ablehnender Blick bremste meine Euphorie. „Ich verstehe dich nicht. Du wusstest, was ich vorhatte, und warst einverstanden“, erinnerte ich ihn.
„Da bin ich auch noch davon ausgegangen, dass wir sie gemeinsam aufsuchen. Nein, wenn ich dich nicht begleiten kann, gehst du auch nicht“, legte er fest.
„Wie bitte? Ich brauche deine Erlaubnis nicht“, entgegnete ich zickig, drehte mich um und wollte zu Ngumo gehen. Diese Tour wollte ich mir auf keinen Fall von ihm vermasseln lassen, jetzt, wo ich schon so weit gekommen war und die Antworten in greifbare Nähe rückten.
Robert ergriff meinen Arm und zog mich zurück. „Sam, bitte, sei vernünftig!“, flehte er mich an. „Du weißt nicht, was dich da oben erwartet, es könnte gefährlich sein.“
Ich schüttelte verneinend den Kopf.
„… und wenn ich dich bis zur Höhle begleite? Ich muss sie ja nicht betreten.“
„Warum machst du dir solche Sorgen? Ich bin nicht allein, Ngumo ist dabei.“
„Eben“, maulte er vor sich hin.
„Samuta, wir wollen gehen!“, forderte Ngumo mich auf; er hatte es plötzlich eilig.
„Sam!“, hielt Robert mich mit bittendem Blick fest.
„Tut mir leid, dass ich dich nicht überzeugen kann, aber ich gehe mit!“, entschied ich, löste meinen Arm aus seiner Hand, die ihn immer noch umklammert hielt, und lief, ohne mich umzusehen, an Daniel und Jendayi vorbei, hinter Ngumo her.
Gerade Wegstrecken wechselten sich mit steilen ab, wobei die steilen überwogen.
Auf halber Strecke legten wir eine kurze Pause ein. Ngumo hätte sie sicher nicht gebraucht, aber er bemerkte, dass ich kaum noch Schritt halten konnte und zurückblieb. Klettertouren waren eben nichts für mich.
„Ngumo, woher kennst du Jendayi, und was weißt du von ihr?“, nutzte ich die Verschnaufpause, um etwas über ihre Beziehung zu erfahren.
„Wir haben uns kennengelernt in Universität, vor ein Jahr. Sie lebte auch in Wohnheim. Ich bin fertig mit lernen, Jendayi nächstes Jahr. Wir wollen zusammen dort in eine kleine Wohnung, weil ich nicht mehr bleiben konnte. Ihre Mom ist tot; eine Krankheit. Sie mag nicht die andere Frau von ihrem Dad, will nicht dahin zurück. Wenn wir heiraten, können wir zusammenwohnen. Meine Mom hat sie kennengelernt und mag sie, aber Dad hat Jendayi nur auf kleines Foto gesehen, weil sie nicht oft bei uns war; er dann immer unterwegs gewesen.“ Er verdrehte die Augen.
Offenbar war Sibusius auch viel auf Reisen und hatte wenig Zeit für Ngumo.
„Gehen wir weiter“, schlug er vor, und ich war ziemlich erledigt, als wir endlich die bewaldete Plattform erreichten. Aber der Anblick, der sich mir bot, entschädigte mich für die Strapazen – es war idyllisch hier. Der Pfad war nicht der einzige Zugang zur Höhle. Hinter einer Baumreihe entdeckte ich, umgeben von einer Wiese, einen klaren Gebirgssee mit einem kleinen Wasserfall.
„Wow, das ist ja Wahnsinn!“, staunte ich.
„Samuta, wenn du mit Ahnen sprichst, kannst du bitte fragen, warum Dad gegen Verbindung mit Jendayi ist?“, bat Ngumo und erinnerte mich an den eigentlichen Zweck unserer Wanderung: die Höhle.
„Dein Dad hat die Hochzeit verschoben? Wieso?“
Blöde Frage, das sollte ich ja herausfinden.
„Er sagt nicht, wieso“, erwiderte er traurig. „Nur, dass er hat einen Geist gesehen …“
„Ngumo, die Geister reden aber nicht mit mir, und was sie mir zeigen, kann ich nicht deuten, … noch nicht. Vielleicht sprechen sie ja hier mit mir oder zeigen wenigstens mehr, damit ich die Visionen verstehe“, machte ich ihm Hoffnung.
Er schob das Gestrüpp vor dem Eingang beiseite und ließ mich eintreten.
Es war die Höhle, so hatte ich sie gesehen in meinen Träumen.
Die Feuerstelle, die farbigen Wandmalereien … Die Figuren sahen lebendig aus, doch sie bewegten sich nicht im Schein des Feuers wie in meinen Träumen, da die Feuerstätte verwaist war. Kein Feuer, keine Männer, die drum herumsaßen …, ich war enttäuscht.
„Geister sitzen hier nicht einfach rum, du musst sie rufen“, verkündete Ngumo und belächelte meine Naivität.
„Klar, … und wie soll ich das bitte anstellen? Ich kenne keine Beschwörungsformeln … oder so was.“ Fragend sah ich ihn an und erklärte: „In meinen Träumen erscheinen sie ohne Einladung, einfach so. Ich habe keinen Einfluss darauf.“
„Dann weiß ich auch nicht“, gestand er resignierend.
Da der Lichteinfall nur gering war, ging ich näher an die gegenüberliegende Wand, um die Zeichnungen besser betrachten zu können. Fasziniert strich ich vorsichtig mit meiner Hand darüber. Sie hatten was Mystisches und Ehrfurchteinflößendes, wie die Alten, wenn ich sie im Traum am Feuer sitzen sah. Die Atmosphäre war bestens geeignet, um von der Realität in die Traumwelt zu entschwinden.
„Ngumo?“ Die fremde raue Stimme, die seinen Namen gerade nannte, hatte dagegen eher etwas erwartungsvoll Verachtendes.
Ich drehte mich neugierig zu ihr um, erblickte die Umrisse eines dunklen Schattens, welcher vom grellen Tageslicht eingehüllt war. Es sah irgendwie unheimlich aus.
„Ein Geist?“, flüsterte ich Ngumo zu, der stumm verneinend den Kopf schüttelte.
Der vermeintliche Geist betrat die Höhle, und ich erkannte, dass es ein Mann mittleren Alters war, der so gar nichts Geisterhaftes oder Mystisches an sich hatte.
Ich konnte das folgende Gespräch nicht verstehen, da sie sich in ihrer, mir fremden Sprache unterhielten, stellte jedoch fest, dass sie wohl nicht gerade freundschaftliche Gefühle füreinander hegten. Im Gegenteil: Feindselig sahen sich beide an, und so klangen auch ihre Worte.
„Ngumo, kennst du ihn? Wer ist das?“, fragte ich verhalten.
Er antwortete mir vor Aufregung in seiner Sprache.
„Könntest du bitte so reden, dass ich es auch verstehe?“
„Entschuldige! Kennen? Nein! Aber ich habe gehört von ihm. Sein Name ist Warui. Er hat gelebt in unser Dorf, dann gemordet und wurde von Kabona aus unserem Dorf verbannt“, flüsterte er, ließ den Mann dabei jedoch nicht aus den Augen.
„Nein, ich nicht gemordet! Kabona hat gelogen, das nur gesagt, weil ich gehen sollte!“, wütete Warui in meiner Sprache, wohl um sich auch vor mir zu verteidigen, setzte das Gespräch mit Ngumo dann aber wieder in ihrer Sprache fort.
Plötzlich stellte Ngumo sich vor mich, als müsse er mich vor ihm beschützen. Etwas, was Warui sagte, schien ihn zu erregen; heftig gestikulierend widersprach er.
„Was ist denn los? Was will er?“ Neugierig wagte ich einen Blick an Ngumos Körper vorbei. Warui starrte mich seltsam an, es machte mich nervös.
„Er will … dich.“
„Was? Wieso? Nein!“, rief ich entsetzt.
„Er glaubt, du bist meine Braut. Er sagt, weil mein Dad hat seine früher gestohlen, also meine Mom, will er jetzt dich für sie.“
„Njeri nicht deine Mom“, behauptete Warui, wieder in meiner Sprache.
„Aber ich bin nicht deine … Und wieso ist Njeri nicht deine Mom?“ Es war verwirrend.
„Dann du kommen mit mir, bis Ngumo bringen mir seine andere Frau und wir tauschen“, forderte er mich auf. „Seine Familie hat gestohlen, sie müssen gutmachen, … was zurückgeben“, erklärte Warui.
„Was? Nein! Ich gehe nirgendwohin!“, stellte ich empört klar.
Ngumo schob mich hinter seinen schützenden Rücken zurück und diskutierte aufgebracht mit Warui. Der Streit eskalierte; artete zunächst in Handgreiflichkeiten aus, als Warui meiner habhaft werden wollte, dann in einen Kampf.
„Samuta, du verschwinden hier!“, forderte Ngumo, während er versuchte Warui an die Wand zu schieben, um mir den Weg zum Ausgang auf der gegenüberliegenden Seite frei zu halten. Ich zögerte. Warui war älter und sicher erfahrener im Kampf. Ich konnte nicht einfach verschwinden, musste Ngumo irgendwie helfen; aber wie?
Ich nahm einen großen Stein von der Feuerstelle und zielte auf Warui, aber sie bewegten sich so schnell beim Kampf, dass Gefahr bestand, versehentlich Ngumo außer Gefecht zu setzen. Der schlug sich gut. Diese Kraft und Beweglichkeit hätte ich ihm gar nicht zugetraut, da er seinen muskulösen Körper bisher unter legeren Shirts versteckte, jetzt aber, während des Kampfes, sein Hemd abgestreift hatte.
Während ich erstaunt seinen Körper bewunderte, zückte Warui sein Messer.
„He, das ist unfair! Er ist unbewaffnet!“, beschwerte ich mich, bemerkte aber sofort die Absurdität meines Ausrufs. Es ging hier ganz sicher nicht um Fairness.
Die Messerspitze traf Ngumo und verletzte ihn an seiner Brust. Die Wunde schien nicht tief oder bedrohlich, aber in Waruis Gesicht spiegelte sich Genugtuung. Er grinste Ngumo hämisch an, was ihn noch mehr erzürnte.
„Samuta, lauf! Sofort!“, brüllte er mich an.
Ich kämpfte mit mir, was ihm nicht entging.
„Bitte, du musst gehen, schnell!“, flehte er deshalb, was ihn kurz ablenkte und ihm eine weitere Verletzung einbrachte.
Nur der Gedanke, dass ich Hilfe holen könnte, setzte meine Füße in Bewegung. Ich schlich, meinen Körper an die auf der anderen Seite liegende Höhlenwand gedrückt, in Richtung Ausgang; hatte es fast geschafft, bemerkte jedoch, dass Ngumo schwächer wurde. Obwohl Warui von ihm abgelassen hatte, brach er plötzlich zusammen und krümmte sich vor Schmerzen.
„Ngumo!“ Ich stürzte auf ihn zu.
„Geh!“, stöhnte er, doch es war zu spät. Warui stand vor mir, versperrte mir den Weg.
„Was hast du mit ihm gemacht?“, schrie ich ihn an, griff erneut nach einem Stein und hielt ihn drohend hoch, was ihm jedoch nur ein müdes Lächeln entlockte.
„Du kommen mit mir. Ngumo werden schmerzvoll sterben, tot sein in drei Tagen. Gift von Messer jetzt in seinem Blut.“ Blasiert betrachtete er es und verstaute es wieder.
„Gift?“, wiederholte ich entsetzt. „Egal was zwischen euch steht, du kannst ihn nicht einfach hier liegen … und sterben lassen. Bitte hilf ihm“, flehte ich.
Sein verachtender Blick auf Ngumo sagte mir, dass ich umsonst bettelte. Er würde Ngumo hier seinem Schicksal überlassen.
„Du kommen jetzt mit mir!“ Er hielt mir seine Hand hin, als wäre es selbstverständlich, dass ich mit ihm gehen würde.
„Wie kann man nur so kalt und abgebrüht sein? Ich werde nirgendwo mit dir hingehen“, fauchte ich und stürzte mich zornig, mit dem Stein in der Hand, auf ihn.
Er fing meinen Arm ab, quetschte mein Handgelenk, dass sich die Hand öffnete und der Stein zu Boden polterte. Verzweifelt versuchte ich mich loszureißen und trat hilflos auf ihn ein, was ihn aber nicht sonderlich beeindruckte. Hätte ich wie bei Vasek damals High Heels getragen, wäre meine Verteidigung sicher erfolgreicher gewesen – aber diese trägt man nun mal nicht bei so einer Wanderung. Bevor ich auf die Idee kam, mein Knie einzusetzen, hatte er mich umgedreht; mein Rücken klebte an seiner Brust, seine Arme umschlangen und fesselten meinen Körper.
„Du haben Temperament, das sein gut“, stellte er befriedigt fest.
Die Rippen schmerzten, als er mich anhob. Meine Füße zappelten widerstrebend wild in der Luft, als sie den Boden verloren und er mich aus der Höhle schleppte.
Unten, am Fuß des Berges, warteten Robert, Daniel und Jendayi. Robert lief nervös auf und ab, blickte immer wieder nach oben, doch Warui hielt sich hinter den Bäumen und Sträuchern versteckt; keiner von ihnen konnte uns sehen.
Ich wollte um Hilfe schreien, aber Warui erkannte meine Absicht und hielt mir den Mund zu. Ich schaffte es, ihn in den Finger zu beißen, und seine Hand gab für wenige Sekunden meinen Mund frei.
„Rob…!“
Ein Schlag am Kopf ließ meinen Hilferuf ersticken; um mich herum wurde es Nacht.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 548
ISBN: 978-3-99038-633-0
Erscheinungsdatum: 31.10.2014
EUR 16,90
EUR 10,99

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