Sonstiges & Allerlei

Idil und Warsame

Warsame Ahmed Amalle

Idil und Warsame

Eine Sehnsucht, die nie vergeht – eine Erinnerung, die nie verblasst

Leseprobe:

Wenn sich zwei in der Trockenzeit streiten,
können sie sich in der Regenzeit wieder versöhnen.
Wenn sie jedoch in der Regenzeit streiten,
ist eine Versöhnung fast unmöglich!



Danksagung

Mein Dank geht an Beate Wernegger, ohne deren tatkräftige Unterstützung und kritische Aufmerksamkeit es für mich nicht leicht gewesen wäre, dieses Buch zu schreiben und herauszugeben.

Auch Mag. Werner Lahnsteiner, der mir seine kostbare Zeit geschenkt hat, sage ich danke.

Außerdem möchte ich mich beim Land Salzburg – Kultur, Bildung und Gesellschaft und beim Integrationsbüro der Stadt Salzburg für die finanzielle Förderung bedanken.



Zusammenfassung

Warsame kam als Kind einer nomadischen Familie auf die Welt und wuchs in der somalischen Savanne auf. Seine Aufgabe war es, die Kälber zur Weide zu führen und sie zu beschützen. Er wünschte sich, bald die großen Tiere – die Rinder und Kamele – begleiten zu können, weil er aus seiner Sicht schon fast ein Kurey war. Eines Tages bekam er jedoch den Auftrag, die Ziegen und Schafe der Familie zur Wasserstelle zu bringen. Das machte ihn unglücklich, weil er sich schämte, als junger Mann eine Arbeit zu machen, die für Mädchen bestimmt war. Doch das änderte sich, als er die lebhafte Idil traf, die ebenfalls ihre Tiere zum Brunnen begleitete.

Am Anfang wollte er vor ihr weglaufen, weil es ihm peinlich war, dass ihn ein Mädchen mit den Ziegen und Schafen sah, aber es gelang ihm nicht und sie holte ihn mit den Tieren ein. Als er jedoch mit ihr ins Gespräch kam, die beiden sich näher kennen lernten und er schließlich den ganzen Tag mit ihr verbrachte, wollte er sich nicht mehr von ihr trennen. Sie verabredeten, am nächsten Tag wieder die Tiere gemeinsam zur Weide zu führen. Warsame freute sich auf die Verabredung und fieberte dem nächsten Morgen voller Aufregung entgegen.

Doch zu seiner Enttäuschung musste er am nächsten Morgen erkennen, dass Idil mit ihrer Familie schon im Morgengrauen fortgezogen war. So begann für ihn ein trauriger Tag voller Fragen ohne Antwort. Wohin ist sie gegangen? Hat die Erde sie mitsamt ihrer Familie verschluckt? Manchmal zweifelt er sogar daran, dass er sie wirklich gesehen und kennen gelernt hat, und fragt sich, ob sie vielleicht nur in seiner Phantasie existiert.

Ohne je wieder etwas von Idil gehört zu haben, verließ er die Gegend und zog nach Mogadischu zu seinem Onkel, wo er das erste Mal die Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen. Nach dem Abschluss einer höheren Schule absolvierte er die Polizeiakademie und wurde Offizier. Doch den Tag mit Idil und seine Verabredung mit ihr hat er niemals vergessen. Das Bild von Idil – ihre Bewegungen und ihre Mimik – sind so lebendig und wach, als ob die Begegnung erst gestern stattgefunden hätte.

Seit diesem Tag trägt Warsame die unvergängliche Erinnerung an die Gespräche und Diskussionen mit Idil und an die gemeinsame Verabredung mit sich. Er träumt jeden Tag davon, Idil wiederzusehen oder zumindest eine Nachricht von ihr zu erhalten, aber das ist für ihn bis heute ein unerfüllter Wunsch geblieben.




Wer begleitet die Tiere zur Wasserstelle?

An diesem Tag ist Warsame mit den Kälbern unterwegs, wie all die anderen Tage auch. Am liebsten würde er mit den Kühen oder den Kamelen zur Weide gehen, aber darauf muss er noch ein bisschen warten. Davor muss er nämlich das Alter eines Kurey erreichen und beweisen, dass er auch mit den großen Tieren gut umgehen und auf sie aufpassen kann. Als Kurey muss er imstande sein, das Wasser für die Tiere aus dem tiefen Brunnenschacht hochzuziehen. Außerdem muss er die Kühe und Kamele melken können. Zum Melken der Kamele muss er auf einem Bein stehen und mit dem anderen den Milcheimer auf dem Knie halten, damit er die Kamelstute mit beiden Händen gleichzeitig melken kann. Er muss sogar ein Gewehr tragen und es benutzen können, wenn es notwendig ist. Aber nur dann, wenn ein Dieb das Kamel stehlen will oder sich ein Löwe in die Nähe der Kamele oder Kühe wagt. Jedoch für all das ist er noch zu jung, meinen seine Eltern. Warsame selbst hingegen ist davon überzeugt, dass er diese Aufgaben und noch viel mehr bereits jetzt erfüllen kann.

Sobald er die Kälber in die Umzäunung gebracht hat, muss er jedes einzelne Kalb an einen tief in die Erde gebohrten Stock anbinden, bevor die Kühe von der Weide zurückkommen. Falls nämlich die Kühe kommen, bevor die Kälber angebunden sind, laufen diese schnell zu ihren Müttern und beginnen sofort an ihren Eutern zu saugen, und das dürfen sie nicht. Wenn die Kühe von der Weidestelle zurückkommen, heulen sie vor Schmerz, weil ihre Euter prall gefüllt sind mit Milch, während die Kälber vor Hunger weinen. Wenn aber die Kälber ungehindert zu den Kühen laufen, bedeutet das, dass er seine Aufgabe nicht erfüllt hat, und das würde seine Anerkennung als Kurey verzögern – das will er auf keinen Fall riskieren. Um ein Kurey zu werden, muss er nämlich nicht nur ein bestimmtes Alter erreicht haben, sondern auch seinen Eltern beweisen, dass er die damit verbundene Verantwortung übernehmen kann. Warsame arbeitet hart daran, diese Anerkennung zu erlangen, auch wenn er für einen Kurey noch nicht alt genug ist.

Astur, seine Mutter, die gerade die Zicklein und Lämmer in den Edeg treibt, sieht, dass Warsames Schwester Hodan, die mit den Ziegen und Schafen schon am Lagerplatz angekommen ist, Hilfe braucht, um die Tiere in ihre Umzäunung zu bringen. Da Warsame mit seiner Arbeit fertig ist, bittet sie ihn: „Warsame, hilf deiner Schwester, die Ariga in die Umzäunung zu bringen.“
„Ja, das mache ich“, sagt Warsame. Ohne zu zögern, läuft er hüpfend zu Hodan, die Mühe hat, die Tiere zusammenzutreiben. Normalerweise braucht sie dafür keine Hilfe, wundert er sich nicht zum ersten Mal. Was ist nur mit meiner Schwester passiert? Seit sie von der Geediyo zurückgekommen ist, bewegt sie sich nicht mehr so schnell wie früher. Er fragt sich: Was hat diese Frau meiner Schwester angetan? Doch auf diese Frage hat er bis jetzt keine Antwort erhalten.

Es kommt hin und wieder vor, dass die Ziegen nach ihrer Rückkehr von der Weide noch hungrig sind und in der Umgebung des Lagers grasen wollen. Dann gehen sie an der Umzäunung vorbei und marschieren zielsicher zu den Plätzen, wo sie Futter finden. Das darf man jedoch nur zulassen, solange es noch hell ist. Sobald es dunkel wird, muss man darauf achten, dass zwei oder drei Personen die Tiere begleiten, damit sie hungrige Raubtiere verjagen können, falls welche auftauchen. Aber da die Tiere am nächsten Morgen sehr früh zur Wasserstelle gebracht werden und alle früh aufstehen müssen, will Astur, dass die Tiere sofort in die Umzäunung gebracht werden. Außerdem muss Astur für die Familie das Abendessen kochen, und Warsame und Hodan können diese Aufgabe nicht ohne die Hilfe einer erwachsenen Person durchführen. Auch scheint Hodan geschwächt zu sein und Hilfe zu benötigen. Nach getaner Arbeit zieht sie sich gleich in die Hütte zurück.

Sobald die Tiere innerhalb des Zaunes sind, werden sie gemolken, und das ist die Aufgabe der Mutter. Sie holt eine Ziege nach der anderen aus der Umzäunung und jeweils ein Zicklein aus dem Edeg. Nachdem das Ziegenjunge ein bisschen an den Eutern seiner Mutter gesaugt hat und die Milch in Fluss gekommen ist, drängt Astur es weg und melkt die Mutterziege ein bisschen. Sobald der Harub voll ist, überlässt sie den Rest wieder dem Zicklein. Diese Prozedur wiederholt sie zweimal pro Tag bei 30 Ziegen, einmal in der Früh und einmal am Abend. Die Schafe werden nicht gemolken, weil sie nicht viel Milch geben, daher gehört ihre Milch den Lämmern allein. Es kann aber vorkommen, dass Schafmilch als Medikament zur Behandlung gewisser Kinderkrankheiten verwendet wird.

Astur ist innerhalb der Familie sowohl Wirtschaftsministerin als auch Verwalterin und zugleich die Anwältin der Kälber und Zicklein. Sie erinnert Kadiye, den zweitältesten Sohn, beim Melken der Kühe immer daran, die Kälber lange genug von der Milch der Kühe trinken zu lassen, da die Familie auch von den Ziegen und Kamelen genügend Milch bekommt. Denn nur gut gefütterte und gepflegte Kälber werden die Dürre überstehen, wenn der Regen lange Zeit auf sich warten lässt. In dieser Zeit sterben viele Tiere und sogar Menschen. Nur das Kamel kann es längere Zeit ohne Wasser aushalten, aber auch nicht auf Dauer. Solange die Menschen Tiere haben, überleben sie, aber wenn die Tiere sterben, bleibt ihnen nur die Wahl, in die Stadt zu fliehen oder ihren Tieren in den Tod zu folgen.

Bald bringt auch Kadiye die Kühe nach Hause. Die Kühe schreien, sobald sie ihre Kälber sehen, weil ihre Euter schmerzen, aber auch weil sie wie alle Mütter ihre Kinder vermisst haben. Kadiye bindet ein Kalb nach dem anderen vom Stock los, lässt es von der Milch seiner Mutter saugen und bindet es anschließend an einen anderen Stock, der sich vor der Kuh befindet, damit sie ihr Kalb sehen kann, während er sie melkt. So ist die Kuh beruhigt und lässt sich widerstandslos melken. Wenn der Harub gefüllt ist, lässt er das Kalb bei seiner Mutter weitertrinken. Das wiederholt er bei 15 Kühen jeden Tag in der Früh und am Abend. Weil er in dieser Arbeit Routine hat und jung und stark ist, ist er damit bereits nach kurzer Zeit fertig.

Kurz nach Sonnenuntergang bringen Weheliye, der Vater der Familie, und der älteste Sohn Diiriye die Kamele nach Hause. Der Vater ist nur mit einem Schlagstock bewaffnet, während Diiriye immer ein Gewehr trägt, wenn er mit den Kamelen unterwegs ist. Da die Kamelkälber zusammen mit ihren Müttern unterwegs sind, können die Kamele entweder auf dem Weg gemolken werden, und die frische Kamelmilch wird in einem Dhiil nach Hause gebracht, oder man bindet die Euter der Kamele mit einer Baumfaser ab, um ihre Jungen am Saugen zu hindern und die Kamele zu Hause zu melken. Manchmal werden auch nur zwei der vier Euter abgebunden und die anderen zwei dem Kameljungen überlassen. In diesem Fall werden die abgebundenen Euter erst am Abend am Golaha gemolken. Die Ziegen werden in gebückter Haltung, die Kühe im Sitzen und die Kamele im Stehen gemolken.
Das Kamel ist für die Nomaden das wertvollste Tier. Wer kein Kamel hat, will unbedingt eines haben. Und wer eines besitzt, möchte mehrere haben. Daher ist ein Kamelhirte immer in einer Kriegssituation. Die Kamele haben keine Umzäunung, sondern sie übernachten im Freien angebunden an ihrer Gole. Deshalb muss Diiriye bei den Kamelen schlafen, um sie in der Nacht vor Löwen und Dieben zu beschützen. Manchmal bleibt sogar der Vater bei ihm, um seinem Sohn zur Seite stehen zu können, falls etwas passiert.

Diiriye ist ein tüchtiger und verantwortungsvoller junger Mann, trotzdem wird seine Arbeit fast jeden Tag von seinem Vater kontrolliert. Er ist auch bei den jungen Frauen in dieser Gegend sehr beliebt, weil er ein guter Tänzer ist und eine schöne Stimme hat. Er tanzt sehr leidenschaftlich den Dhaanto und alle anderen Tänze, die die Leute in diesem Gebiet kennen. Und als sich einmal zwei Freunde auf dem Tanzplatz beschimpften und der eine gegen den anderen die Waffe erhob, wäre der Streit sicherlich tragisch ausgegangen, wenn sich Diiriye nicht zwischen die beiden gestellt und die Streitenden auseinandergebracht hätte. Seitdem nennt man ihn Diiriye Nabad doon – den Friedensstifter.

Kühe und Ziegen werden nicht so oft gestohlen wie Kamele, ihre Hauptfeinde sind Hyänen oder Füchse. Das gemeinste Raubtier ist aber der Schakal, meinen die Nomaden, weil er Lust am Töten hat und alle Tiere tötet, die er erwischen kann, auch wenn er sie überhaupt nicht fressen kann. Deshalb schläft Kadiye zwischen dem Gole der Kühe und der Umzäunung der Ziegen, um die Tiere zu bewachen.

Die Ruheplätze für die Tiere sind rund um die Hütte der Familie verteilt, auf der rechten Seite befindet sich der Kamelhof, auf der linken der Platz für die Kühe und daneben die Umzäunung für Ziegen und Schafe. Sobald die Tiere auf ihren Plätzen eingetroffen sind und gemolken worden sind, kommt die Familie vor dem Aqal zusammen. Dort warten alle auf das Abendessen, das von der Mutter zubereitet wird. Der Aqal ist das Haus der Nomaden und wird meist von den Frauen aufgebaut. Es besteht aus trockenem, zusammengebundenem Gras, aus mit Ledern verbundenen Ästen und einer langen und starken Schnur, die alle Materialien zusammenhält.
In der Hütte wird nur geschlafen, davor befindet sich der Ardaay, auch Daar genannt, den man als das Wohnzimmer der Nomaden bezeichnen könnte. Im Ardaay essen die Familienmitglieder gemeinsam und verbringen den Abend zusammen. Im Ardaay tagt auch das Familienparlament und zugleich das Gericht, denn hier werden alle wichtigen Gespräche geführt und alle Entscheidungen getroffen. Im Ardaay unterhalten sich die Männer und tauschen sich über die Erlebnisse des Tages aus.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 76
ISBN: 978-3-99064-680-9
Erscheinungsdatum: 29.08.2019
EUR 13,90

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