Sonstiges & Allerlei

Hot Toque

Felix Benz

Hot Toque

Weitere scharfe Storys aus Schweizer Küchen

Leseprobe:

4
Albert von Monaco

Am Eröffnungstag lief natürlich nicht alles so, wie es sein sollte. Da die Restaurants alle neu bestuhlt und eingerichtet, die Menükarten neu geschrieben und auch viele neue Mitarbeiter eingestellt worden waren, nützten die Zahlen der Vorjahre nur sehr wenig. Wir waren zwar auf einen sehr großen Ansturm eingerichtet gewesen, aber was in den ersten Tagen abging, war sogar Chris unheimlich. Die Restaurants waren von elf bis fünfzehn Uhr brechend voll. Im Free Flow kamen wir kaum mit dem Kochen nach. Stuart hatte am ersten Tag seinen Haxen- und Hendl-Grill nur zur Hälfte gefüllt, da er den Eindruck hatte, das wäre genug. Um zwölf waren die Haxen und Hähnchen weg. Der Wurstgrill war gefüllt mit Kalbs- und Schweinsbratwürsten, Cervelats und Burgers. Trotzdem bildete sich eine lange Schlange vor der Essensausgabe, weil er alleine gar nicht nachkam. Ich hatte etwa dreißig Portionen malaysisches Chickencurry vorbereitet, welches knapp reichte. Nebenbei kochte ich in einer großen Pfanne laufend frische Älpler Makkaroni, während Giovanni, ein italienischer Koch, mir beim Schöpfen half. Sobald die automatischen Glastüren um elf Uhr öffneten, war der Laden proppenvoll.
Nachmittags füllte ich die Kuchentheke im Zweiminutentakt auf. Jetzt konnte ich mir sogar vorstellen, dass der Karottenkuchen, den ich im Tiefkühler gestapelt hatte, wohl nicht bis Weihnachten reichen würde. Ich rannte mit Nuss- und Mandelgipfeln, Eclairs, Kirschtorten, Sachertorten, Fruchtwähen und natürlich dem Karottenkuchen von der Küche ins Restaurant und mit den leeren Blechen wieder zurück in die Küche.
Der Pizzaiolo in der Pizzeria nebenan wirbelte die Teigfladen durch die Luft, schmierte hausgemachte Tomatensoße drauf und belegte sie mit Schinken, Pilzen, Salami, Rohschinken, Artischockenböden und vielem mehr, bevor er sie in den heißen Holzofen schob und ein paar Minuten später gekonnt mit seinem Paddel wieder herausnahm und auf einen vorgeheizten Teller rutschen ließ, bereit zum Verzehr für einen hungrigen Gast.
Im À-la-carte-Restaurant hasteten die Kellner von Tisch zu Tisch, in die Küche und zurück, mit Tabletts entweder beladen mit dreckigem Geschirr, frisch angerichteten Tellern oder Getränken in Flaschen, Gläsern und Tassen. Die Köche in der Küche hasteten hin und her, rissen Kühlschubladen auf, warfen Gemüse, Reis, Kartoffeln und Fleisch in die vorgeheizten Pfannen und Töpfe, schoben Bleche gefüllt mit Maisschnitten, Fischfilets oder Kartoffelgaletten in den rauchenden Ofen oder schütteten gefrorene Pommes frites und Hähnchennuggets in die dampfende Fritteuse. Jens stand am Pass und annoncierte die Bestellungen.
„Für Tisch 15 einmal Kinderpommes, zwei Gerstensuppen und eine Gulaschsuppe. Schicken, wenn fertig!“, schrie er. „Und neu Tisch 32: vier Walliser Schnitzel, zweimal mit Pommes, einmal mit Nudeln und einmal mit Salat. Tisch 18 kann man schicken, wo sind die Vorspeisen für Tisch zwei? Entremetier, Vollgas, schlafen kannst du zu Hause!“ Der Drucker begann wieder zu rattern, als immer mehr Bestellungen in die Küche kamen.
Die Kellner am Pass, allesamt Italiener, die täglich aus Chiavenna hier hochkamen, palaverten lauthals. Sie schwitzten und der Stress stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
„Chef, mir fehlen eine Portion Spaghetti Bolognese für Tisch 51!“, schrie ein junger Kellner durch den Pass in die Küche.
Jens nickte: „Entremetier, einmal Bolo schicken, sofort!“, wies er Luigi, den Entremetier, an. Die Portion vorgekochte Spaghetti verschwand augenblicklich in ein Sieb, das in einem großen Topf mit sprudelndem Wasser stand. Nach zehn Sekunden zog Luigi das Sieb wieder aus dem Wasser, schüttelte einmal kräftig durch und kippte die Spaghetti in eine Schüssel, würzte sie mit etwas Salz, goss etwas flüssige Butter drüber und stürzte sie auf einen Pasta-Teller. Den Teller schob er zum Saucier rüber, damit dieser die Bolognesesoße darübergeben konnte. Der Saucier stellte den Teller auf den Pass und Jens schob ihn dem Kellner vor die Nase.
„Fertig, avanti!“, rief er. Es hatte genau 34 Sekunden gedauert, seit er nach den Spaghetti verlangt hatte. Zu lange, seiner Auffassung nach. Aber es war der erste Tag. Man konnte sich noch verbessern.
Nachdem der riesige Ansturm vorbei, die Küche aufgeräumt war und wir jeder ein Bier in der Hand hatten, kommentierte Jens die vergangenen Stunden. Es gab noch viel zu tun, meinte er. Vor allem bei Stuart und mir draußen bei den Leuten müsse sich einiges ändern. Der Haxen- und Hendl-Grill müsse brechend voll und um elf Uhr bereit für den Ansturm sein. Stuart mischte sich ein und bemerkte, dass die Haxen nicht ganz durch gewesen wären und sich einige Gäste beschwert hatten.
„Wir müssen die Haxen vorkochen“, warf ich dazwischen. Alle schauten mich an.
„Ja, wie sie es zum Teil in Bayern auch machen. In Salzwasser kochen und dann heiß marinieren und am nächsten Tag in die Grillgitter hängen. Dann braucht eine Haxe bloß etwa eine Stunde und ist innen zart und außen knusprig, so wie sie sein sollte“, erklärte ich fachmännisch. Jens nickte bestätigend.
„So wird’s gemacht, Felix du kannst gleich noch schnell fünfzig Haxen aufsetzen. Mach die Marinade noch bereit und sag einem der Portugiesen, er solle sie später marinieren.“
„Jawohl, Chef!“, erwiderte ich und machte mich sogleich an die Arbeit.
Die nächsten Tage liefen ähnlich ab. Jens ließ mir freie Hand bei meinen orientalischen und asiatischen Kreationen und auch an der Pasta-Station konnte ich kochen, was ich wollte. Es sollte nur täglich etwas anderes sein. Die ‚exotischen‘ Gerichte liefen nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Gäste waren, von mir aus gesehen, doch sehr konservativ und aßen lieber Altbewährtes als etwas Neues, was sie noch nicht kannten. Einzig und alleine die Familie Meier, allen voran Chris, versuchten täglich meine Curry- und Stirfry-Kreationen.
Während der Bobweltmeisterschaft veranstaltete Chris Bankette für die internationalen Teams in dem gemütlichen Kaminsaal in Magnus. Die Gondeln fuhren extra für die Bobteams am Abend und einige von uns Köchen durften oben in der Küche bleiben und das Essen für die Mannschaften zubereiten.
Für mittags hatte Chris extra einen Tisch mitten in der Küche aufstellen lassen, damit die Bobfahrer ungestört von den üblichen Gästen essen konnten. Sie saßen dort manchmal zu zehnt oder mehr mitten in der Serviceschlacht, umringt von schwitzenden Köchen, dampfenden Töpfen und fluchendem Servicepersonal. Jeder Koch konnte eine Platte mit Gerichten aus seinem Fundus beisteuern und den Sportlern auf den Tisch stellen. Sie aßen alles, was man ihnen vorsetzte. Und sie mochten meine Gerichte am meisten, was mich sehr stolz machte.
Ich war gerade dabei, Penne abzukochen, als Chris von hinten aus der Küche kam, gefolgt von einem Mann, dessen Gesicht mir bekannt vorkam, das ich aber in diesem Moment nicht zuordnen konnte.
Chris sprach in Englisch.
„Das ist der Koch, der deine Mahlzeit gekocht hat“, sagte er zu dem unbekannten Bekannten, und dann zu mir:
„Felix, darf ich vorstellen: Prinz Albert von Monaco.“
Mir fehlten die Worte. Ich überlegte einen Moment und fragte dann, wie ich ihn denn ansprechen müsse.
„Ihre Königliche Hoheit, aber ich heiße Albert“, antwortete er und hielt mir die Hand hin. Ich ergriff sie und lächelte.
„Dein Essen war hervorragend, Felix. Wie kocht man so ein schmackhaftes Curry? Ich freue mich schon aufs nächste Mal!“
Natürlich war ich erfreut und erzählte ihm gleich, wie ich die Rezeptur für das Curry bekommen hatte. Nämlich von einem indischen Koch aus Fidschi.
Als ich auf den Cookinseln gewohnt hatte, war eines Abends ein Inder zu mir in die Küche gekommen und hatte, ohne sich vorzustellen, mir einen Vortrag über die speziellen Currys der südpazifischen Küche gehalten. Er hatte von fermentierter Kokosmilch und Pandanusblättern, von sauren Buschfrüchten und von indischen Gewürzen erzählt. Er erklärte mir, wie die ersten Inder als Plantagenarbeiter aus Pandschab nach Fidschi gekommen waren und Samen ihrer heimischen Gewürzpflanzen auf die Inseln gebracht hatten. Und wie nach jahrelanger mühseliger Arbeit auch auf Fidschi später Fenchelsaat, Bockshornklee, Kreuzkümmel und vieles mehr gedieh und verarbeitet wurde. Und so plötzlich, wie er aufgetaucht war, so plötzlich war der Inder auch wieder aus meiner Küche verschwunden.
Am nächsten Tag stand er wieder vor meiner Küche. Diesmal mit einem Korb voller interessanter Produkte. Er ging schnurstracks zu meinem Herd, wo er ein Lammcurry zubereitete, welches ich nie wieder vergessen werde.
Es war nicht scharf, aber würzig. Das Fleisch war samtweich, die Soße prickelnd mit der sauren Note von frischen Limonenblättern im Gaumen. In der Küche hing der Duft von etwas Verführerischem, etwas Orientalischem. Zimt und Kardamom verbreiteten ein Aroma, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Er hatte mir erklärt, dass die Kombination von scharf, sauer und fruchtig in der Fidschianischen Küche maßgebend sei. Dass Gegensätze sich anziehen würden und dass das Gleichgewicht durch ein drittes, parallel verlaufendes Element wiederhergestellt würde. Man müsse nur die verschiedenen Ingredienzien aufeinander abstimmen und die Grundregeln beachten.
Ich hatte damals nur Bahnhof verstanden, aber das Resultat hatte unheimlich gut geschmeckt. Und ich hatte gelernt, von der Norm, in die einem die klassische französische Küche einkesselt, auszubrechen. Und alle gelernten Regeln über Bord zu werfen und neuen, unbekannten Koch- und Zubereitungsarten ohne Skepsis zu begegnen. Es ging hier nicht einfach um Fragen wie: Warum brät man Fleisch an, bevor man es würzt? Nein, es ging um wesentlich elementarere Fragen. Es ging darum, dass der Koch sich mit den Lebensmitteln auseinandersetzte und ihr Potenzial richtig erkannte und im Voraus schon entschied, wie er das Endresultat beeinflussen wollte. Und es auch konnte! Damals dachte ich zuerst, eine Welt bräche unter mir zusammen. All meine Erfahrungen, die ich bislang gesammelt hatte, waren auf den Grundkenntnissen der französischen Küche aufgebaut gewesen. Mein Blickwinkel war von Regeln beengt gewesen, die mir während der vier Lehrjahre in der Schweiz eingehämmert worden waren. Ich hatte nicht gewagt, sie zu hinterfragen. Ich war am Boden zerstört.
Der Inder hatte mir auf die Schultern geklopft, nachdem ich sein Curry versucht hatte und nach seinem Vortrag den Tränen nah gewesen war.
„Keine Angst. Du wirst das schon begreifen. Lass dich nicht unterkriegen. Versuche zu verstehen. Die Zeit hinter dir war die Zeit des Unwissens. Jetzt kommt die Zukunft, die Zeit des Lernens und bald auch die Zeit des Wissens. Manchmal kommen neue Erkenntnisse erst nach langer Zeit. Aber es ist nie zu spät, sie umzusetzen.“ Seine philosophischen Worte hallen noch heute in meinen Ohren nach, wenn ich vor einem Tisch gefüllt mit Gemüse, in einem Kühlhaus voller Leckereien oder in einem Supermarkt vor einem Regal stehe.
„Lass dich vom Produkt inspirieren, spiel mit der Fantasie und wage Ungewöhnliches.“
Und ich habe mich an seinen Rat gehalten, den er mir zum Schluss noch gegeben hatte: Beurteile nie einen Koch, bevor du nicht sein Essen versucht hast!
Ich fing an, mit Gewürzen und Zubereitungsarten zu experimentieren, das Kochen machte plötzlich wieder Spaß. Und ich fühlte mich frei. Ich konnte von vorne beginnen. Einen Neuanfang als Koch starten. Dank diesem kleinen Mann aus Fidschi war ich in Magnus fähig gewesen, aus Zutaten wie Kaffeerahm, Orangenmarmelade, Kokosmakronen, Zimtstangen, Pizzasoße, Knoblauchpaste, Schwarztee und gebratenem Madraspulver eine Soße herzustellen, für die mich sogar Prinz Albert von Monaco persönlich lobte. Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, so etwas auszuprobieren. Oder aus dem verkochten Fleisch der Kalbshaxen von gestern mithilfe des Mixers, trockenem Karottenkuchen und Korianderpaste kleine, schmackhafte Fleischbällchen zu zaubern und zusammen mit der Soße als Spezialität aus Malaysia mit dem blumigen Namen ‚Kofta Ibm Sultan Abdul‘ zu bezeichnen.
Natürlich log ich Albert an, als ich ihm mein Rezept erläuterte. Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass das Resultat dasselbe gewesen wäre, hätte ich es so gekocht, wie ich sagte.
Ich erwähnte Zutaten wie Orangenblütenwasser, frisch gepresste Kokosmilch, angebratenen Knoblauch, in Zimt marinierte San Marzano-Tomaten, Fenchelsamen, Koriander, Senfsaat, Teebaumblätter und Kurkuma. Nicht zu vergessen gehacktes Bio-Kalbfleisch gemischt mit Kichererbsen, Zitronenschale und frischem Koriander.
Ich erklärte ihm, wie man die Soße zubereiten und im richtigen Moment die angebratenen Fleischbällchen hinzugeben musste und wie lange das Gericht auf dem Herd vor sich hin kochen durfte. Albert hörte gespannt zu. Chris nickte verstehend.
Als Albert später weg war, fragte mich Chris, wo ich denn all die exotischen Zutaten für meine speziellen Gerichte herhätte. Zum Beispiel Orangenblütenwasser hatte er im Engadin noch nirgendwo gesehen. Und auf den Bestelllisten, die Jens ihm ins Büro legte, wären ihm solche ungewöhnlichen Zutaten bestimmt ins Auge gefallen.
„Chris“, erklärte ich mit belehrender Stimme, „Albert wollte bloß wissen, wie man das Curry zubereiten kann und nicht, wie ich es tatsächlich gekocht hatte. Das ist mein Geheimnis.“
Die italienischen Köche versuchten von nun an, mich bei meiner Kocherei zu beobachten, um herauszufinden, wie ich meine Soßen und Gerichte zubereitete. Sie wunderten sich, dass die Bobfahrer meine Spezialitäten so gerne aßen. Sie selber waren bislang zu konservativ gewesen, die Gerichte zu probieren. Oder vielleicht hatten sie auch nur Angst um ihre Gesundheit gehabt. Auf jeden Fall stellte ich meine Zutaten von nun an schon im Lager zusammen und füllte sie in Schalen und Schüsseln, damit keiner sah, was ich in meine Töpfe gab. Hinter meinem Rücken spekulierten die Herren und palaverten in Italienisch in der Annahme, ich würde sie nicht verstehen. Ich kam mir vor wie ein Druide bei der Zubereitung seines Zaubertrankes bei Asterix und Obelix.
Wenn ich fertig war und der Duft von exotischen Gewürzen den Geruch von Pizza und Alpkäse ergänzte, der Rauch von Stuarts Hähnchen- und Haxen-Grill im Restaurant stand und alle Köche auf dem Entremetier-Posten Kaffee tranken, wurde mir wieder bewusst, was ich in den letzten Jahren alles verpasst hatte. Immer nur als Alleinkoch zu arbeiten hatte mich schon sehr verändert. Ich war ein Einzelkämpfer geworden. Ich musste erst wieder lernen, mit Köchen zu kommunizieren und im Team zu arbeiten.
„Dein Curry riecht wie gekotzte Babynahrung“, meinte Pasquale, der zweite elsässische Gemüsekoch, während er seinen Espresso schlürfte.
„Lieber schlecht riechen, als scheiße schmecken. Wie zum Beispiel deine schwule Gemüsesuppe“, antwortete ich, während ich meinen Milchkaffee umrührte.
„C’est vrai. Ist wahr. Die Suppe ist noch nicht ganz fertig. Aber sie schmeckt tatsächlich nicht. Was kann ich tun?“, fragte er mich.
Ich steckte meinen Finger in die Suppe und probierte.
„Schmeiß noch eine Handvoll Salz, etwas schwarzen Pfeffer, Kerbel und einen Liter Rahm rein. Und ich gebe dir noch ein paar Fenchelsamen und etwas Kreuzkümmel.“
Er schaute mich skeptisch an, tat aber wie geheißen. Ich schmiss die zerstoßenen Fenchelsamen und den Kreuzkümmel noch dazu. Als die Suppe nach wenigen Minuten wieder kochte, probierten wir sie beide.
„Wow, lecker!“, rief Pasquale überrascht. Ich nickte zustimmend, während ich mit den Schultern zuckte. Na klar doch, Mann. Logisch. Ich kann schließlich kochen.
Die Temperaturen nachts sanken bislang auf minus 20 Grad. Verdammt kalt. Als Koch kannte ich natürlich diese eisige Kälte aus den Tiefkühlhäusern. Fast jede Hotel- und Restaurantküche hatte mittlerweile solche Kühlhäuser, standardgemäß eingebaut, nur wenige Schritte vom Herd entfernt. Für teures Geld gebaut, damit gestresste Köche nicht in irgendwelche Keller zu krabbeln brauchten, um ihre Mise-en-Place einzusammeln. Aber in der Südsee waren solch extravagante Errungenschaften noch nicht alltäglich gewesen und ich hatte mit einer normalen Tiefkühltruhe vorliebnehmen müssen. Also brauchte ich eine Weile, bis ich mich wieder an die Kälte gewöhnt hatte.
Unser italienischer Pizzaiolo Giovanni aus Chiavenna hatte während einer Zigarettenpause auf der Sonnenterrasse ein Schneehäschen angebaggert. Sie war auf seine Italo-Farce hereingefallen und nach Feierabend hatten sich die beiden im Wäldchen unterhalb von Magnus zu einem Rendezvous verabredet. Beide waren dort sehr schnell und ziemlich stürmisch zur Sache gekommen. Und als Pizzaiolo wollte Giovanni natürlich nichts anbrennen lassen. Leider hatten die beiden nicht mit der Kälte, die nach Sonnenuntergang rasant hereinbrach, gerechnet. Giovanni hatte seinem Häschen die Skihose bis an die Knie heruntergezogen und sie lehnte nun mit nacktem Hintern an der verzinkten Leitplanke, die während der Sommermonate die Autos davon abhalten sollte, von der engen Straße in die Schlucht zu stürzen. Während der Wintermonate war die Straße gesperrt. Teile der Leitplanken schauten hie und da aus dem Schnee. Während der Hitze des Gefechts schwitzte das junge Mädchen am Hinterteil und merkte nicht, wie der Schweiß gefror und sie an der Leitplanke festfror. Als sie dann nach getaner Arbeit die Hose hochziehen wollte, erlebte sie eine böse Überraschung. Sie bekam ihren Po nicht vom Metall los. Panik. Was sollte sie nur machen? Sie schrie Giovanni an, er solle gefälligst etwas unternehmen. Dieser versuchte, nicht lauthals loszulachen, was nur bedingt gelang.
Aber was sollte er tun? Da kam ihm die rettende Idee. Er stellte sich hinter das Mädchen und pinkelte via Leitplanke an ihr wertes Hinterteil. Durch die dadurch entstehende Wärme schmolz das Eis und das Mädchen konnte sich von der Leitplanke entfernen und ihre Hose hochziehen. Diese war nun natürlich durch Giovannis Urin von hinten völlig durchnässt. Nachdem sie die Hose zugeknöpft hatte, ging sie auf Giovanni zu und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
„Wehe, du erzählst irgendjemandem, was hier zwischen uns passiert ist! Ich bringe dich um, falls du auch nur eine Andeutung davon machst! Du Schwein!“, schrie sie ihn an. Natürlich hielt Giovanni seine Klappe nicht lange und die Geschichte machte relativ schnell die Runde. Zuerst bei uns Köchen, dann zog sie immer weitere Kreise, bis schließlich das halbe Engadin über die unglaubliche Story lachte. Aber eigentlich hatte Giovanni ja richtig reagiert. Wie hätte er seinen Skihasen sonst so schnell von der Leitplanke losgeeist?
Stuart, der Irländer, war mittlerweile bei Flasche Nummer zehn angelangt. Und er hatte ein hübsches junges Mädchen aus Russland namens Svetlana kennengelernt, die noch mehr trank als er. Aber keinen Whisky, sondern Wodka. Sie war Snowboardlehrerin bei einer russischen Skischule in St. Moritz und lebte seit Kurzem bei ihm in der Wohnung in Celerina, und jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam, musste ich entweder Whisky oder Wodka trinken. Ich mochte beides nicht, aber die zwei hatten außer den harten Sachen nur noch Leitungswasser anzubieten. Ich entschied mich für Wodka und hatte dadurch bei Svetlana schon mehrere Pluspunkte.
Manchmal, wenn sie nicht bis in die Nacht arbeiten musste, kam Marion mit dem Bus nach der Arbeit nach Celerina und wir aßen gemeinsam zu Abend. So wie auch an jenem verhängnisvollen Abend. Dabei fing alles so lustig an. Svetlana und ich tranken unseren Wodka und Stuart goss sich einen Famous Grouse nach dem anderen hinter die Binde. Wir hatten einen Eintopf aus Hirschfleisch, Zwiebeln und Tomaten vorbereitet. Dieser blubberte langsam auf dem Herd vor sich hin und im Ofen warteten die Kartoffeln und das Gemüse nur darauf, von uns hungrigen Mäulern verzehrt zu werden.
Marion kam kurz vor acht, hundemüde und abgearbeitet in Stuarts Wohnung an. Ihre Laune sank innerhalb weniger Minuten, als sie merkte, dass wir drei bereits ziemlich einen im Kahn hatten. Die Blicke, die sie mir quer durch die Küche zuwarf, hätten einen nüchternen Menschen bestimmt eingeschüchtert. Aber einen besoffenen Koch konnte sie damit nicht beeindrucken. Stuart lallte vor sich hin, immer wieder von Lachkrämpfen geschüttelt. Ich kannte dieses seltsame Benehmen von der Arbeit. Dort krümmte er sich manchmal vor Lachen. Ohne dass irgendein ersichtlicher Grund dafür zu erkennen gewesen wäre. Jedenfalls nicht für Außenstehende. In seinem von Alkohol umnebelten Hirn musste irgendein Defekt diese Art Kurzschluss auslösen. Peinlich war es dann, wenn er mitten im Mittagsservice einem Gast ins Gesicht sah und ohne Vorwarnung losprustete. Oft waren diese Gäste natürlich Frauen und daher meistens ziemlich eitel. Sie bezogen das Gelächter auf sich und reagierten zum Teil sehr unwirsch, manchmal auch aggressiv. Es war schon öfter vorgekommen, dass eine beleidigte Frau, meistens handelte es sich dabei um eine in Armani und DG ausstaffierte Russin, ihren Ehemann rief und dieser sich dann lauthals pöbelnd vor Stuart aufbaute. Die meisten der Männer konnten aber dem riesigen Iren nicht das Wasser reichen, und wenn dieser mit sonorer Stimme und freundlich lächelnd, sie dazu aufforderte, sich gefälligst schleunigst zu verpissen, kamen sie seiner Aufforderung sofort nach. Sie verstanden zwar meistens kein Englisch und schon gar nicht Stuarts irischen Akzent, aber sie wussten von der Tonlage her, was gemeint war. Ich persönlich hatte zu Beginn der Wintersaison ziemliche Bedenken, was Stuarts Anstellung als Koch betraf. Ich dachte, dass er entweder nach hinten in die Küche versetzt oder wegen seiner Unfreundlichkeit entlassen würde. Doch ich hatte mich getäuscht. Die meisten Gäste verstanden nicht, wenn er sie mit irischen und englischen Fluchworten übergoss. Da er dabei entweder lächelte oder lauthals lachte und vor sich hin nuschelte, dachten die meisten bestimmt, dass er ihnen schmeichelte oder nach ihrem Wunsch fragte.
Wenn er die Kunden ansprach mit: „Hey you fat fucker, was darf’s denn sein? Bratwurst, Hähnchen oder Haxe? Make your mind up fast, eejit, Senf und Ketchup gibt’s an der Kasse, stupid, now piss off!“, verstanden die meisten nur Teile von diesem Standardsatz, den er täglich tausendmal wiederholte. Für sie hörte es sich dann wahrscheinlich so an: „Hejafätfuggr, was darf’s denn sein? Bratwurst, Hähnchen oder Haxe? … Senf und Ketchup gibt’s an der Kasse … tnappetit. Na, Piste offen?“ Dadurch bekam er dann auch Antworten wie: „Bratwurst, danke, ja merci, alle Pisten offen und super Schnee!“ Die Kunden lächelten ihn meistens freundlich an, während sie dann mit dem Essenstablett in Richtung Kasse weitergingen.
Stuart schüttelte dann nur den Kopf und meinte: „Irrenhaus!“
Recht hatte er. Und er war der Irrste von allen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-99038-013-0
Erscheinungsdatum: 24.02.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 11,90
EUR 7,99

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