Sonstiges & Allerlei

Gebrochen … Zerbrochen … Ausgebrochen …

Ruth-Maria Baumann

Gebrochen … Zerbrochen … Ausgebrochen …

Leseprobe:

An einem Sonntagvormittag nach dem Kirchgang ging meine Mutter wie üblich die Hühner füttern, und dabei musste sie durch die Scheune, um in den Hühnerstall zu gelangen.
Ich war in der Küche und panierte die Schnitzel für das Mittagessen, als meine Mutter die Tür aufmachte und mit zitternder Stimme sagte: „Romy, komm sofort, du musst mir helfen mit Rudolf!“
Ich rannte hinter ihr her und mein Herz blieb fast stehen, als ich in die Scheune kam.
Mein Bruder stand auf einem Balken über dem Heuschober mit einem Strick um den Hals. „Ich kann nicht mehr, ich will, dass jetzt Schluss ist“, sagte er mit schluchzender Stimme. Meine Mutter und ich flehten ihn an, er solle doch den Strick ablegen und herunterkommen, was er nach einigen Minuten, die mir unendlich lange vorkamen, dann auch tat.
„Rudolf, was ist denn nur los mit dir?“, stieß meine Mutter mit gebrochener Stimme hervor.
Mein Bruder gab keine Antwort, als er langsam die Leiter herunterkletterte, dann öffnete er das Scheunentor und rannte auch schon die Wiese hinunter und war wenige Minuten später im nahe gelegenen Unterholz verschwunden.
Ich zitterte am ganzen Körper vor lauter Angst.
Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, Rudolf nachzulaufen, denn sein Benehmen verängstigte mich zu sehr und ich war dermaßen in einem Schockzustand.
Von diesem Zeitpunkt an lebte ich mit einem ständigen Angstgefühl, dass irgendetwas Furchtbares mit Rudolf passieren würde.

Wir gingen wieder in die Küche und meine Mutter sagte: „Lass uns zur Mutter Gottes beten, denn sie wird uns helfen!“ Sie holte ihren Rosenkranz heraus und stimmte das Gebet an.

Als mein Vater etwas später vom Frühschoppen kam, erwähnte meine Mutter mit keinem Wort, was heute Vormittag passiert war und sagte nur: „Rudolf ist wieder einmal mehr im Wald.“
Mein Vater sagte: „Dieser Bursche weiß wohl nicht, dass man zum Mittagessen nach Hause kommt.“
Dann fragte er meine Mutter: „Ich habe ihn auch nicht beim Kirchgang gesehen, ist er etwa gar nicht gewesen?“
Meine Mutter antwortete: „Nein, ich verstehe auch nicht, warum er nicht gegangen ist.“ Mein Vater, der eigentlich kein sehr frommer Mann war, sagte: „Manchmal wäre es schon gut, wenn der Hitler wiederkommen würde!“
Meine Mutter sagte darauf: „Johannes, sag nicht so etwas!“
Adalbert starrte auf seinen Teller und ich konnte es nicht lassen, mich zu fragen, welche Rolle mein Vater während des Krieges wirklich gehabt hatte. War er nur ein Mitläufer oder war er mehr gewesen?

Eine Woche später war Rudolf zwar zum Sonntagsgottesdient gegangen, jedoch nicht zur Kommunion. Als mein Vater wie üblich leicht angeheitert vom Frühschoppen nach Hause kam, fragte er Rudolf in einem Ton, der nichts Gutes ahnen ließ: „Bürschchen, warum bist du nicht kommunizieren gegangen heute?“ Mein Bruder antwortete: „Du gehst ja auch nicht!“ Mein Vater packte Rudolf beim Schopf und zog ihn zum Hausflur hinaus. Dort nahm er die lederne Peitsche, die seit ich mich erinnern kann an der Garderobe mit den Hüten und Jagdgewehren meines Vaters hing, und fing an auf meinen Bruder einzuschlagen. Rudolf fing ganz furchtbar an zu schreien, was meinen Vater aber noch mehr in Rage brachte, bis meine Mutter sich dazwischen stellte und meinen Vater anschrie, dass es genug sei. Mein Vater keuchte und sagte zu Rudolf: „Dich hätte man schon lange vergast während des Krieges!“ Mir wurde auf einmal klar, dass mein Vater im täglichen Leben eine Maske trug und sich dahinter ein ganz anderer Mensch verbarg, vor dem man Angst haben musste.

Ich dachte, dass man bei Rudolf sehen konnte, dass er nicht wie die anderen Burschen in seinem Alter war.
Seine Altersgenossen studierten natürlich auch nicht seit dem Alter von zwölf Jahren in einem katholischen Internat, und dies konnte vielleicht eine Erklärung für die restlichen Dorfbewohner sein.

Wenn man sonst mit den Leuten über meinen Bruder sprach, war es immer mit einem gewissen Stolz, denn er war ein hervorragender Schüler und hatte nur ausgezeichnete Noten.
Von meinem Vater hörte ich aber nie den leisesten Kommentar oder Ausdruck von Sorge bezüglich meines Bruders. Meine Mutter betete weiter, damit sich diese Phase auswachsen würde.
Meine Mutter sagte regelmäßig zu mir, nachdem wir für Rudolf gebetet hatten: „Das ist ein Pubertätsproblem und wird sich auswachsen.“

Meine Eltern fingen an zu überlegen, wie das zukünftige Baby heißen sollte. Mir war es eigentlich egal, ob es ein Mädchen oder ein Junge werden würde. Ich sah überhaupt keinen Grund zur Freude, noch ein Geschwister mehr zu haben.
Ich hatte in der Familie die Rolle des unkomplizierten und sonnigen Kindes zugeschrieben bekommen, welche ich unerschütterlich übernahm, denn ich fand, dass meine Mutter sicher schon genug Sorgen mit Rudolf hatte.

Auch Tante Geraldine und meine Cousinen machten Namensvorschläge, und meine Tante war überzeugt, dass ich eine Schwester bekommen würde.
„Du wirst es schon sehen, Romy, dass ich recht habe, und so bist du nicht mehr das einzige Mädchen im Hause.“
„Woher weißt du, dass es ein Mädchen sein wird?“, fragte ich meine Tante.
„Weißt du, bei einer Schwangeren sieht man das am Bauch, du wirst schon sehen. Wenn du groß bist und schwanger wirst, kann ich dir auch sagen, ob du einen Jungen oder ein Mädchen bekommen wirst.“
„Aber Tante Geraldine, ich will doch keine Kinder bekommen!“, antwortete ich ganz entsetzt.
„Du wirst doch wohl nicht ins Kloster wollen?!“, meinte meine Tante lachend und drückte mir ein Stück Kuchen in die Hand.
„So einen Schelm wie dich schicken die Klosterschwestern doch gleich wieder nach Hause“, sagte meine Tante augenzwinkernd.

Meine Eltern entschieden sich, wenn es ein Junge sein würde, ihn Leonard zu taufen, was an meinen Großvater väterlicherseits erinnerte, da er Leo geheißen hatte. Mich erstaunte dies etwas, denn mein Vater hatte sich immer über seinen eigenen harten Vater beklagt.
Sollte es ein Mädchen sein, würde sie Roberta genannt werden. Mir kam gleich in den Sinn, dass ich einmal gelesen hatte, dass die Deutschen im Ersten Weltkrieg eine große Kanone hatten, die als die „Dicke Berta“ bezeichnet wurde, weil sie so zerstörend war.

Meine Cousinen Petra und Anna waren zu hübschen jungen Mädchen herangewachsen. Besonders Anna war der Stolz ihrer Mutter. Meine um sechs Jahre ältere Cousine hatte goldblondes dickes Haar, das sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug, was ihre schönen blauen Augen noch besser zur Geltung brachte.
Wenn beim sonntäglichen Hochamt die drei Schreinertöchter bei der Seitentür eintraten, wo die Mädchen und die alten Jungfern hereinkamen, drehten sich die Köpfe und reckten sich die Hälse auf den gegenüberliegenden Bänken auf der Burschen- und Jungmänner-Seite.

Petra, die älteste Tochter meines Onkels und meiner Tante, war schon fast zwanzig und sie hatte sich entschlossen, Krankenschwester zu werden.
Petra war ein sportliches Mädchen mit dunkelbraunem Haar und haselnussfarbenen Augen. Sie kam oft, um beim Heumachen mitzuhelfen, obwohl sie jetzt auch eine junge Dame war. Einerseits waren ihre Eltern sehr stolz auf ihre Tochter, denn bis jetzt hatte nie jemand im Dorf den Beruf der Krankenschwester ergriffen. Andererseits würde sie wohl noch länger keine eigene Familie gründen.

Anna ging auf die höhere Töchterschule in der Stadt, wo sie gleichzeitig eine Handelsschule absolvierte. Nachher konnte sie sicher eine gute Anstellung finden, wo sie auch einen standesgemäßen Ehemann finden würde.

Es war von vornherein klar, dass die Schreinermädchen nicht einen armen Schlucker oder gar einen Bauern heiraten würden. Da es keinen Stammhalter in der Familie gab, war nur die Frage, wer wohl eines Tages die Tischlerei übernehmen würde.

Auch meine engste Freundin und Cousine Gabrielle sah ich nicht mehr so oft. Sie ging jetzt auch in der Stadt in die Schule, um sich mit den Mädchen aus reichen Familien hauswirtschaftlich weiterzubilden. Mir war klar, dass ich wohl nie eine solche teure Schule besuchen würde, was mich aber mit meinen zwölf Jahren nicht besonders beschäftigte.

Seit Neuestem gab es auch einen Fußballverein in Langenegg. Der Lässerbauer, der zu den Reichsten im Dorf zählte, hatte eine seiner schönsten Wiesen an die Gemeinde verkauft, um daraus ein Fußballfeld zu machen.

Meine Tante war immer schon ein begeisterter Sportfan gewesen. Ich hatte sie zwar nie Skifahren gesehen, aber seit die Familie einen Fernseher besaß, verfolgte sie jedes Skirennen.
Sie war jedes Mal total aufgeregt, wenn ein österreichischer Rennläufer auf der Piste war, und bekam fast keine Luft mehr vor lauter Aufregung. Meistens half ein Gläschen Schnaps, um sie wieder zu beruhigen. Onkel Harald nahm sie manchmal auf den Arm, wenn er auch Zeit hatte, um ein Rennen anzuschauen, und sagte: „Man könnte meinen, dass es sich um deine Tochter oder deinen Sohn handelt, der da gerade runterfährt, denn so eine Aufregung zu haben für jemanden, den du nicht einmal persönlich kennst, ist schon verrückt.“
„Weißt du, wenn ich nicht so eifrig am Daumendrücken wäre, würden die Österreicher nie gewinnen“, antwortete meine Tante lachend.
So oder so, Tante Geraldine schien ihren Gatten nie besonders ernst zu nehmen.

Am Sonntagnachmittag stand sie jetzt ebenfalls mit dem Onkel Harald und in Begleitung ihrer drei hübschen Töchter auf dem Fußballplatz. Wie üblich war die ganze Familie chic herausgeputzt, denn die Schreinerfamilie gehörte schon zu den besseren Leuten im Dorf.

Meine Eltern gingen nicht zu dem Fußballmatch. Mein Vater sah diese neue Aktivität nicht mit einem guten Auge.
Er sagte: „Ich bin überzeugt, dass dieser Krach das Wild in den nahe gelegenen Wäldern verscheucht und es das Revier wechseln wird, da sich die Dorfgrenze nicht weit entfernt befindet.“
Meine Mutter meinte: „Wegen diesem gottlosen Spiel sind es jetzt viel weniger junge Leute, die in die Nachmittags-Vesper gehen. Wenn das so weitergeht, wird der Herr Hochwürden gar die Nachmittags-Vesper abschaffen müssen.“
Ich sagte nicht, dass mich dies sicher nicht stören würde, denn ich fand, dass ich mehr als genug in die Kirche gehen musste, und dass das viele Beten meines Erachtens eigentlich nichts änderte und es mir deswegen nicht besser oder schlechter ging, und dass ich immer noch eine Brille tragen musste und Rudolf sich nicht geändert hatte, sondern eher noch verschlimmert.

Mein Bruder Adalbert war zu einem schüchternen jungen Burschen herangewachsen. Ich fand, dass er eigentlich ein recht hübsches Aussehen hatte, aber es half ihm sicher nichts wegen seines fehlenden Selbstbewusstseins.
Auf Entschluss unserer Mutter machte Adalbert einen Tanzkurs, der jährlich Anfang Winter, wenn es nicht mehr so viel Arbeit auf den Feldern gab, abgehalten wurde.

Unsere Mutter sagte zu meinem Bruder: „Ich bin mir sicher, wenn du ein guter Tänzer bist, wirst du an Selbstvertrauen gewinnen. Auch wenn du nicht das freche Mundwerk von deinem Vater hast, so wirst du dich doch im Leben als Forstgehilfe und später als Förster durchsetzen können.“

Wie üblich in unserer Familie wurde mein Bruder nicht gefragt, ob er die Kunst des Tanzens erlernen wollte, denn meine Mutter war eine enthusiastische Tänzerin und so war es für sie logisch, dass sich ihre Kinder für diese Aktivität ebenfalls begeistern sollten. Adalbert lehnte sich nie auf, er grummelte wie ich es von ihm gewohnt war vor sich hin: „Ich habe so oder so zwei linke Füße und das wird alles nichts bringen.“
Er zog aber trotzdem einmal pro Woche nach der Stallarbeit sein Sonntagsgewand an, um sich mit den diversen Tanzschritten vertraut zu machen.

Das Einzige, was mein ältester Bruder wirklich mochte, war die Bergsteigerei.
Mein Onkel Hans und mein Großvater waren auch immer schon begeisterte Bergsteiger gewesen. So ging Adalbert manchmal am Sonntag mit ihnen in die Berge. Am Vorabend legte er schon seine Kniebundhose und die roten Wandersocken bereit.
Die Proviantdose war mit hart gekochten Eiern, Wurst- und Käsebroten gefüllt, denn man wäre nie auf die Idee gekommen, beim Abstieg irgendwo in ein Gasthaus zu gehen, denn das Schöne war es, auf dem Gipfel seinen Proviant zu verzehren.

Mein Vater konnte es natürlich nicht lassen, ein paar zynische Bemerkungen zu machen, wenn sein Sohn mit seinem Schwager und Schwiegervater in die Berge ging. Der Johannes Steyrer vergaß nie, dass seine Frau nicht genug geerbt hatte.
Mein Vater sagte etwas hämisch: „Das sind eben gesunde Leute, die weder rauchen noch ins Wirtshaus gehen. Ich könnte mir davon eine Scheibe abschneiden, nicht wahr, meine liebe Hildegund?“
Meine Mutter schüttelte bei solchen Bemerkungen nur den Kopf und sagte: „Ach Johannes, sei doch nicht so ein Zyniker.“

Kurz vor dem Winter holte meine Mutter die Wiege, wo wir Kinder als Neugeborene alle schon drinnen gelegen hatten, vom Dachboden und nähte neue Vorhänge und einen dazu passenden Bettüberzug für die Wiege.
Meine Mutter kam mir wirklich steinalt vor mit ihrem riesigen Bauch.
Im März war ihr dreiundvierzigster Geburtstag und in diesem hohen Alter kannte ich niemanden, der in Kürze ein Baby bekommen würde.

Es gab jetzt auch immer mehr Frauen, die den Führerschein hatten, und Hildegund Steyrer fuhr einmal in der Woche mit ein paar anderen schwangeren Frauen, die natürlich erheblich jünger waren und fast ihre Töchter hätten sein können, zum Schwangerschafts-Turnabend. Dieser Turn-Kurs wurde im nächsten Dorf von der Hebamme abgehalten, denn es gab seit Neuestem auch ein Entbindungsheim.

Ich fuhr täglich mit dem Schulbus an diesem Haus vorbei, das äußerlich eigentlich wie ein Einfamilienhaus aussah, und fragte mich immer, wie das wohl sein müsse für all diese Frauen, Kinder zu bekommen.
Ich wollte auf jeden Fall keine Kinder haben, wenn ich erst einmal erwachen war. So einen riesengroßen Bauch wie meine Mutter jetzt hatte wollte ich sicher nicht. Ich fand schwangere Frauen einfach furchtbar hässlich, egal, ob sie noch so jung waren.
Meine Eltern redeten auch darüber, dass man jetzt bei jeder Geburt Geld vom Staat bekam. Das Ganze nannte sich ein „Mutter-Kind-Pass“. Mein Vater meinte verschmitzt: „So ein Batzen Geld wird uns nicht schaden.“
„Das wird ein großer Jahrgang werden, denn so viele Schwangere wie in diesem Jahr hat es wohl noch nie in Langenegg gegeben“, antwortete meine Mutter.
„Da können die vom Staat einmal richtig mit dem Geld rausrücken, anstatt es für irgendeinen Blödsinn in Wien auszugeben“, lachte mein Vater.

Angeblich hatten die Sozialisten, die jetzt im Parlament in Wien saßen, dieses neue System eingeführt. Von der neuen Regierung und dem Bundeskanzler Kreisky schienen der Förster und seine Frau nicht viel zu halten, jedoch das Extrageld war sehr willkommen.

Dieses Jahr fing der Winter schon sehr früh an. Anfang November hatten wir schon Unmengen von Schnee, oft schneite es fast den ganzen Tag ohne Unterbrechung.
Es war unmöglich mit dem Milchkarren in die Sennerei zu gehen, und so wurde mir die Milchkanne auf den Schlitten gebunden, damit ich die Milch abliefern konnte, bevor ich den Schulbus nahm.

Die Urlauber kamen auch im Winter in unsere Gegend, zwar nicht zum Wandern, aber um auf die Langlaufloipen zu gehen oder zum Skifahren.
Der neu gebaute Skilift von Langenegg war nicht der größte in der Gegend, aber trotzdem waren besonders am Wochenende immer Leute am Skifahren.

Manchmal durften wir auch am Sonntagnachmittag gehen. Obwohl unsere Eltern zuerst am Mittagstisch keine Begeisterung dafür hatten.
„Hinter dem Haus ist doch die Wiese auch gut zum Skifahren, und bevor es den Skilift gegeben hat, habt ihr dort eine Piste gemacht und es hat euch doch auch Spaß gemacht“, sagte unsere Mutter, und mein Vater fügte hinzu: „Obendrein kostet das ein Heidengeld.“
Unsere Mutter konnte es nicht lassen, uns daran zu erinnern, dass es gescheiter wäre, in den Nachmittagsgottesdienst zu gehen.
Warum konnten sich unsere Eltern nie für etwas Neues begeistern und uns eine Freude machen?
Würden sie je einmal sagen können, dass sie etwas toll finden würden, was nicht mit ihnen oder mit Geld zusammenhing?
Die wenigen Male im Winter, die ich am Skilift verbrachte, konnte ich mich nie richtig freuen, denn irgendwie fühlte ich mich immer schuldig, für was, wusste ich jedoch nie so genau.

Es wurde auch nie bei uns zu Hause gefragt, ob uns etwas Freude machen würde und wir irgendeinen speziellen Wunsch hätten. Laut meiner Eltern waren Wünsche etwas für verwöhnte Kinder.

Ich hatte zu Weihnachten eine neue dunkelblaue Skihose bekommen, mit einer moderneren Passform als meine alte schwarze Keilhose. Dazu hatte ich einen dunkelblauen Kapuzenanorak mit roten Einsätzen an den Ärmeln und an der Kapuze. Ich trug den Anorak auch, um in die Schule zu gehen.
Ich besaß auch einen braunen Sonntagsmantel, der mir aber zu kurz geworden war. Meine Mutter hatte ihn auf eine ganz intelligente Art verlängert. Sie hatte in einem Stoffgeschäft in der Stadt eine Imitation von einem Tigerpelz gekauft und an den Saum und die Ärmel genäht.

Meine drei Nachbar-Cousinen waren natürlich ganz anders als ich zum Skifahren ausgerüstet.
Alle drei hatten moderne Jet-Anzüge mit dazu passenden Handschuhen und Mützen, und sie sahen aus wie die Skirennfahrerinnen im Fernsehen. Aber in der Schreinerfamilie sprach man nun mal nicht ständig vom Sparen.
Obwohl wir uns jetzt sehr durch unsere Kleidung unterschieden, waren meine Cousinen weiterhin mit mir befreundet und ich war ihnen dafür sehr dankbar. Es verband uns einfach unsere ganze Kindheit, und das konnte niemand so schnell vergessen.
Ich beklagte mich nicht, denn ich wusste eh, dass es nichts ändern würde.
Meine Art, mit diesen ständigen Frustrationen umzugehen, war, mich in meine geliebten Bücher zurückzuziehen. Ich las alles, was ich finden konnte. Ich war auch Stammkunde in der Schulbücherei geworden. Auf diese Art begab ich mich in eine andere Welt.
Diese parallele Scheinwelt begleitete mich durch den Tag und half mir, meine Rolle als das unkomplizierte Mädchen, das weder sehr hübsch noch hässlich, weder intelligent noch dumm war, perfekt zu spielen.
In meiner Fantasie war ich jedoch ein außergewöhnlicher Mensch und ich nährte mich von der Hoffnung, dass eines Tages mein Leben ganz anders verlaufen würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 188
ISBN: 978-3-99064-647-2
Erscheinungsdatum: 08.07.2019
EUR 15,90
EUR 9,99

Herbstlektüre