Sonstiges & Allerlei

Einmal Bahn und zurück

Stefanie Schiemann

Einmal Bahn und zurück

Leseprobe:

Auszug aus Kapitel 1: Nordrhein-Westfalen

Das Abenteuer Bahn kann beginnen





Am Ende meiner ersten Woche stand mein erster Kurztrip an, denn von Oberhausen-Sterkrade bis Emmerich waren es nur siebzig Kilometer.
Mit mir stiegen ein Vater und seine kleine Tochter zu. Sie saßen nicht unweit von mir und so bekam ich diese niedliche und zugleich auch rührende Episode der beiden mit.
Wie man schnell heraushörte, holte der Vater - anscheinend getrennt lebend von der Mutter der Kleinen -, sie über das Wochenende zu sich nach Hause. Sie war völlig aufgekratzt und man merkte ihr sichtlich die Freude an, das Wochenende mit ihrem Papa verbringen zu dürfen.
Die zwei unterhielten sich über die Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten. Man spürte sofort, die Chemie zwischen beiden stimmte. Das kleine Mädchen plapperte lustig drauf los, über all die Dinge, die für kleine Mädchen absolut wichtig waren und der Vater hörte ihr aufmerksam zu. Zwischendurch stellte er ihr kleine feine Fragen, sodass sein Töchterchen merkte, was sie erzählte interessierte ihren Papa wirklich.
Es war rührend, wie die zwei miteinander umgingen. Vor allem, wie locker und frei das kleine Mädchen anscheinend mit der Trennung seiner Eltern umging. Sicher hatte sie an der Trennung zu knabbern, aber es schien zumindest nach außen, dass ihre Eltern bisher alles richtig gemacht hatten.
Danke, dass ich diese wenn auch nur kurze Zeit mit Vater und Tochter verbringen durfte, es hat mich sehr berührt und mir meinen Tag ein wenig wertvoller gemacht. Nun ja, manchmal sind es eben einfach nur die kleinen Begegnungen, die einen glücklich und nachdenklich machen, und diese Begegnung gehörte mit Sicherheit dazu.
In Wesel verließen die beiden den Zug und es würde mich freuen, kreuzten sich unsere Wege irgendwann, irgendwo noch einmal.
Ohne besondere Zwischenfälle ging es weiter bis Emmerich und dort empfing mich ein ziemlich trostloser Bahnhof. Hier hatte ich mir mehr versprochen; zumindest einen kleinen Shop für den Reisebedarf mit Verkauf von heißem Kaffee. Der einzige Lichtblick hier war die nette Frau im DB-Reisecenter, die ich interessehalber nach einer Verbindung bis Mönchengladbach fragte.
Da ich in Emmerich etwas mehr Zeit hatte, entschloss ich mich, bis zur Uferpromenade des Rheins zu gehen. Denn diese war vor allem bei schönem Wetter sehr reizvoll. Doch leider war das Wetter heute genau das Gegenteil von schön. Es war grau in grau, und Nieselregen sowie leichter Wind wurden zu meinen Begleitern.
Doch alles im Leben hatte zwei Seiten und somit auch das Wetter an der Uferpromenade von Emmerich. Seien wir doch mal ganz ehrlich, immer schön ist doch auch nichts … oder?
Den Rückweg nutzte ich für einen kleinen Bummel durch die Fußgängerzone und eh ich mich versah, saß ich auch schon wieder im Zug.
Schräg von mir saß eine sehr hübsche junge Frau. Um noch hübscher zu sein wurde gepudert, getuscht und gekämmt, was das Zeug hielt. „Wofür?“, stellte ich mir die Frage, „meines Erachtens ist sie doch schon attraktiv genug“. Hingegen schien ihre Parole zu lauten „Schöner geht immer! Egal wo, wie und wann“. Bitteschön, mir sollte es recht sein, solange nicht auch noch gesprüht und parfümiert wurde. Kaum dass ich mich dieser Szenerie abgewandt hatte, erweckte Miss Beauty erneut meine Aufmerksamkeit. Nun startete das in Eigenregie geführte Fotoshooting in Form von Selfies. Von oben, von unten, von links, von rechts. „Was ist ihr Auftrag?“, überlegte ich, „die Nominierung zur Schönheitsprinzessin der Deutschen Bahn?“, oder schien dieses Verhalten gar normal? Ich wusste es nicht, wer kannte sich damit schon aus? Ich habe zwei Söhne und demzufolge hatte ich, was die Entwicklung der jungen, weiblichen Spezies der letzten Jahre anbetraf, wohl einiges verpasst.
Allerdings, musste ich zu meinem Bedauern feststellen, gab es einen kleinen Makel. Miss Beauty hatte im Übereifer an das bevorstehende Bahnshooting an alles gedacht, nur nicht an ihre Tempos. Denn auch eine selbsternannte Schönheitsqueen hatte eine Nase und diese Nase hatte sich anscheinend etwas verkühlt, was bedauerlicherweise nicht zu überhören war.
Somit gab es Abzüge in der A- und B-Note. Schließlich verstieß dieses Verhalten gegen jegliche Etikette und war einer wirklichen Lady nicht würdig.
Während meiner Fahrten wurde ich immer wieder unfreiwillig Zeugin solcher Missachtung des Benehmens. Und glauben Sie mir, hätte ich all denjenigen ein Taschentuch angeboten, ich wüsste nicht ob eine Familienpackung ausgereicht hätte.










Auszug aus Kapitel 7: Bayern 2

„Meine kleine Mutter Theresa“





Ich persönlich war von Garmisch-Partenkirchen ein wenig enttäuscht. Mir fehlte auf den ersten Blick das typisch bayrische Flair. Meine Vorstellung von diesem Ort war wieder eine ganz andere als die, die ich antraf. Ich war mir sicher, diesen urigen Kern würde es hier geben, doch die Zeit, ihn zu suchen, hatte ich leider nicht.
Da ich am Samstag von München aus zurück nach Hause fahren wollte, erkundigte ich mich im örtlichen Reisezentrum nach den Wagen des ICE mit Bahn-Comfort-Plätzen. Das waren Plätze, die in den ICE und IC für Bahn-Comfort-Kunden von der Deutschen Bahn freigehalten wurden.
Als ich das Reisezentrum betrat, war es erstaunlich leer und somit konnte ich direkt zu einem der beiden freien Schalter gehen.
„Grüß Gott“, begrüßte ich die für mich zuständige Auskunftsperson. Vor mir saß ein Mann im fortgeschrittenen Alter mit grauem Haarkranz. „Ich fahre am Samstag um 11:55 Uhr mit dem ICE von München bis Duisburg. Können Sie mir bitte sagen, in welchen Wagen sich die Bahn-Comfort-Plätze befinden?“
„Des konn i net sagn, i hop koa Wagenreihung“, kam postwendend die Antwort.
Ah, ich hatte es hier mit einem wahrhaftigen Hellseher zu tun, stellte ich fest. Denn ohne einen Blick auf seinen Computer zu werfen, besaß er anscheinend die außergewöhnliche Fähigkeit, alleine durch seine Gedanken, die nicht vorhandenen Wagenreihungen des von mir angefragten Zugs am Samstag zu erkennen.
War das zu fassen? Die Deutsche Bahn hatte einen „Propheten“.
Ich muss zugeben, für einen Moment war ich sprachlos über so viel Desinteresse eines Angestellten der Deutschen Bahn und musste mich kurz sammeln, bevor ich etwas reserviert nachhakte: „Sonst habe ich immer eine Auskunft auf diese Frage bekommen. Zumindest haben sich ihre Kollegen die Mühe gemacht und wenigstens nachgesehen.“
„I konns bei mir net sehen. Tut mir leid“, wiederholte er gelangweilt. „Das sehe ich“, bemerkte ich mit einem leicht ironischen Unterton in der Stimme. Also ehrlich, Desinteresse hatte einen Namen und saß im DB Reisezentrum von Garmisch-Partenkirchen. Mit den Worten „Eine äußerst kundenfreundliche Bedienung haben Sie hier“, verließ ich das Reisezentrum. Jedoch das erste Mal um keinerlei Information reicher.
Dafür sollte ich auf meiner Rückfahrt einiges zu hören bekommen.
Da sich der Zug vor der Abfahrt ziemlich schnell füllte, war jeder Platz heiß begehrt. So blieb auch mein Nebenplatz nicht lange frei. Neben mich setzte sich ein junger Bursche mit Wanderstöcken im Schlepptau. Etwas unbeholfen wusste er zuerst nicht wohin damit, bis er sie dann endlich zwischen Arm- und Rückenlehne stellte. Er wischte sich mit dem Arm über die Stirn, als hätte er gerade eine schier unlösbare Aufgabe bewältigt.
Kaum dass er saß, sprach er mich an. Er teilte mir mit, dass er und seine Klasse von einer viertägigen Wanderung kämen und sie nun auf der Rückfahrt seien. So zumindest hörte ich es heraus, denn er sprach Bayrisch in seiner ausgeprägtesten Form. Ich musste mich einhundert Prozent konzentrieren, damit ich überhaupt etwas davon verstand.
Er erzählte weiter und was er erzählte, hörte sich für mich erst einmal wie „bayrische Dörfer“ an. Also erklärte ich ihm, dass ich seinem bayrischen Dialekt nicht so schnell folgen konnte und forderte ihn auf, etwas langsamer und deutlicher zu sprechen. Worauf er erwiderte „Ah, a Preiss’“, und dabei lächelte er mich etwas mitleidig an.
Er startete von neuem und dieses Mal konnte ich ihm folgen. Er war Mitglied in einem Trachtenverein, worauf er sichtlich stolz zu sein schien. Dann fragte er, ob es mich überhaupt interessieren würde, oder ob er seine Goschen halten solle? Ich bestätigte ihm, dass es mich sehr interessierte und forderte ihn auf, weiter zu erzählen.
Seine frische, natürliche und direkte Art gefielen mir. Und überhaupt, wann bekam ich denn schon einmal die Gelegenheit, mit einem echt bayrischen Original zu plaudern?
Nun war er vollends in seinem Element und ich wurde über sämtliche Trachtenvereine in seiner näheren und weiteren Umgebung aufgeklärt. Des Weiteren folgte die präzise Vorstellung seiner Tracht. Dies demonstrierte er mir auf der ausklappbaren Ablage seines Vordersitzes. Zu meinem Bedauern verfiel er zwischenzeitlich ins Oberbayrische, sodass ich wieder nur die Hälfte verstand. Bei einem Wort stoppte ich ihn und fragte nach dessen Bedeutung. Es war die Bezeichnung der Trachtenstrümpfe und ich bat ihn, mir dieses Wort als Andenken aufzuschreiben. Es lautete „Goazlschpoizn“.
Beflügelt von so viel Interesse meinerseits folgte die Aufzählung sämtlicher Feste in ganz Oberbayern, so hatte ich zumindest das Gefühl. Auch die ortsansässigen Blaskapellen durften nicht fehlen und wurden mir samt Name und Ort mitgeteilt. Doch der Höhepunkt war, als er mir sogar einige Schuhplattlerkombinationen in Kurzform präsentierte.
Zwischendurch stellte er mir immer wieder Fragen. Woher ich kam? Was meine Lieblingsspeisen in Bayern seien? Ob ich die Bayern mochte? Was mir in Bayern am besten gefiele? Wo ich in Bayern wohnte? Ob wir auch Trachtenvereine hatten? Und ob ich wiederkommen wollte?
So viele Fragen hatte ich nicht von ihm erwartet und freute mich umso mehr über sein ehrliches Interesse. Kurz bevor ich aussteigen musste, wollte er mir unbedingt noch einen Witz erzählen und gab sich allergrößte Mühe, ihn für mich auch ja verständlich rüberzubringen. Er lautete so:
Auf einer bayrischen Alm grüßt ein Tourist den Almhirten. Als dieser seinen Gruß nicht erwidert, meint der Fremde: „Ganz schön doofe Menschen gibt es hier in den Bergen!“ „Mach da nix draus“, sagt der Bayer, „die bleibn höchstens zwoa Wochn do.“
Nachdem er den Witz zum Besten gegeben hatte, stellte ich fest: „Das macht ihr Bayern gerne, Preußenwitze erzählen; stimmt’s?“
„Jooo“, kam zur Antwort, und dabei strahlte er übers ganze Gesicht.
Als ich in München-Pasing aussteigen musste, verabschiedete ich mich von ihm und sagte: „Tschüss, es war nett mit dir und alles Gute!“, worauf er antwortete: „Mit dir a und oan schona Urlaub noch!“.
Ich bedankte mich und stieg aus.
An diese herzerfrischende Begegnung werde ich mich sicherlich auch noch lange und gerne zurückerinnern. Sie war auf jeden Fall ein „Schmankerl“, so wie man hier in Bayern zu sagen pflegte.
In München-Pasing hatte mein Anschlusszug fünfzehn Mi-nuten Verspätung. Somit hatte sich meine direkte Weiterfahrt bis Bad Wörishofen erledigt, da ich in Türkheim nur vier Minuten Zeit für den Umstieg hatte. Die Folge war, ich musste eine zusätzliche Stunde in Türkheim verbringen.
Die Sonne knallte vom Himmel, es gab kaum Schatten, keinen Shop, geschweige denn eine Toilette. Kurzum, es gab gar nichts, was das Warten hätte etwas angenehmer gestalten können.
Ich erinnerte mich an die Szene aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“, in der sie an diesem gottverlassenen Bahnhof saßen, sengende Hitze sich breitmachte und dann die Mundharmonika ertönte …
Warum fiel mir ausgerechnet hier und jetzt diese eine Szene ein?

„Können Sie sich bitte ganz rausstellen, denn wenn Sie in der Tür stehen bleiben, geht sie irgendwann kaputt“, kam die Anweisung von der recht energisch wirkenden Zugbegleiterin. Erschrocken über so viel Feldwebelmanie, hüpfte die angesprochene Person augenblicklich auf den Bahnsteig. Dabei hatte sie sich doch nur noch eben von ihrer Tante verabschieden wollen, bei der sie zu Besuch gewesen war, und dann das. Es war dieselbe Frau, die ich heute Morgen zufällig beim Frühstück kennengelernt hatte. Und da wir am selben Tisch gesessen hatten, waren wir ins Gespräch gekommen.
Nun mussten wir beide in Türkheim umsteigen, und da wir uns auf Anhieb gut verstanden hatten, setzten wir uns im Zug bis München-Pasing nebeneinander. Wir unterhielten uns gut und so kamen wir in null Komma nichts in München-Pasing an. Auch wenn es wieder einmal viel zu kurz war, es war schön, sie kennengelernt zu haben.
Von dort fuhr ich weiter bis Tutzing am Starnberger See. Doch in Tutzing stellte ich fest, wäre es für mich viel zu weit gewesen, um zu Fuß an den See zu gelangen. Also fuhr ich mit dem nächsten Zug zurück bis Starnberg. In Starnberg fiel man quasi vom Bahnhof aus in den See, so nah war er.
„Wäre ich doch hier sofort ausgestiegen“, dachte ich, als meine Blicke über den See schweiften, „dann hätte ich etwas mehr Zeit an diesem schönen Ort verbringen können“. Doch für wäre, hätte und könnte konnte ich mir nichts kaufen. Was zählte, war das Hier und Jetzt, und deshalb kostete ich den Moment voll aus, bevor es kurze Zeit später weiterging.
Wieder musste ich in München-Pasing umsteigen, um an mein nächstes Ziel zu gelangen: Ingolstadt.
Als ich in meinem Anschlusszug Richtung Augsburg saß, wurde es Zeit, mir ein paar Notizen zu machen, damit ich später beim Schreiben nicht alles durcheinanderwarf. Somit holte ich Stift und Notizbuch hervor und begann, das Erlebte in Kurzform aufzuschreiben. Dies tat ich bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich eine gewisse Unruhe breitmachte. Eine Frau, die auf der anderen Seite des Ganges saß, gestikulierte mit beiden Händen zu einem älteren Pärchen, das vor ihr saß.
Leider hatte ich nicht mitbekommen, was der Grund dieser Gebärden war, da ich zu vertieft in meine Notizen gewesen war. Ich beobachtete das Geschehen nun weiter und stellte fest, das vor ihr sitzende Paar war anscheinend gehörlos. Ich hörte heraus, dass der Zug sich in Augsburg teilen würde und keiner von den drei Passagieren wusste, ob sie im richtigen Teil des Zuges saßen.
Die Frau fragte einen jungen Mann ob er vielleicht wisse, in welchem Teil des Zuges sie säßen Da dieser aber nur bis Augsburg fuhr, konnte er ihr nicht weiterhelfen. Sie wurde ganz unruhig, bis endlich der Zugbegleiter auftauchte, bei dem sie sich umgehend informierte. Danach war klar, sie und das taubstumme Paar saßen im falschen Teil des Zuges.
Wie aber sollte sie es jetzt den beiden Gehörlosenerklären? Der junge Mann hatte die rettende Idee und schlug vor, es auf einen Zettel zu schreiben. Da ich gerade alles zur Hand hatte, reichte ich ihr Stift und Papier herüber. Sie nahm es dankbar an und schrieb die Notiz auf das Blatt Papier. Anschließend klopfte sie dem Mann des Paares auf die Schulter und zeigte ihm das Geschriebene. Er las und nickte zur Bestätigung.
Die Frau war erleichtert, dass sie bis hierher erst einmal helfen konnte. Sie schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die beiden unversehrt in Augsburg in den anderen Teil des Zuges zu befördern.
Eine super Aktion, wie ich fand, und sprach die sympathische Frau darauf an. „Da haben Sie sich ja eine Aufgabe angenommen“, sagte ich zu ihr. Sie lächelte zu mir herüber und erwiderte: „Sie werden es nicht glauben, aber jedes Mal, wenn ich mit dem Zug fahre, habe ich Verspätung. Einmal waren es sogar drei Stunden und wenn dann noch etwas dazwischenkommt, weiß ich gar nichts mehr und bin dann immer heilfroh, wenn die Leute mir helfen. Und jetzt kann auch ich einmal helfen.“ Und während sie erzählte, merkte man ihr an, wie glücklich sie darüber war.
Sie sprach mit leicht rheinischem Akzent, was sie für mich noch sympathischer machte. Denn ich mochte die Rheinländer. Sie waren ein nettes, offenes und lustiges Völkchen.
„Also ist Zugfahren nicht gerade Ihre Lieblingsbeschäftigung“, stellte ich fest. „Nein, um Gottes Willen, ich trau’ mich zu Hause schon gar nichts mehr zu erzählen. Dann verdrehen wieder alle ihre Augen und denken, oh je, jetzt kommt sie wieder mit ’ner neuen Story über ihre Zugfahrten an.“ Ich musste schmunzeln, denn sie erzählte es so drollig, dass ich es mir bildlich vorstellen konnte.
Plötzlich wurde mir ganz heiß als ich bemerkte, dass wir schon kurz vor dem Augsburger Hbf waren. Ich hatte meinen Ausstieg in Augsburg-Hochzoll verpasst, dort, wo ich hätte umsteigen müssen, um in den Zug nach Ingolstadt zu gelangen. So etwas war mir ja noch nie passiert.
Was nun? Blöde Frage! Natürlich in Augsburg aussteigen und eine neue Verbindung heraussuchen. Es gab Schlimmeres!
Zwischenzeitlich hatte die kleine „Mutter Theresa“ der Bahn, wie ich sie heimlich getauft hatte, ihre Berufung der Nächstenliebe wieder aufgenommen. Sie versuchte nun, den beiden Gehörlosen ziemlich stark gestikulierend mitzuteilen, dass sie am nächsten Bahnhof aussteigen mussten. Mit Erfolg. Alle drei machten sich bereit für den Ausstieg und begaben sich zur Zugtür. Ich folgte ihnen und wünschte der kleinen „Mutter Theresa“ viel Erfolg bei ihrer weiteren Challenge. „Ja, ich hoffe, ich bekomme das hin“, antwortete sie mit etwas unsicherer Stimme. „Sie schaffen das!“, machte ich ihr Mut. Der Zug hielt und wir stiegen aus. Trotz anstehender Aufgabe verabschiedete sie sich noch sehr freundlich von mir. Dann wendete sie sich voller Eifer ihren beiden Schützlingen zu.
Ich hingegen widmete mich meiner Bahn-App und suchte die nächste Verbindung bis Ingolstadt. Als ich damit fertig war, sah ich wie die kleine „Mutter Theresa“ immer noch auf die beiden einredete, beziehungsweise in Richtung des anderen Zugteils zeigte, in den sie nun einsteigen mussten, denn langsam wurde es höchste Zeit, ihr Zug würde in knapp zwei Minuten abfahren. Keiner wusste, wieso, und es würde wohl auch in die ewigen Jagdgründe eingehen, warum die beiden nicht mit in den anderen Zugteil wechseln wollten. So blieb der kleinen „Mutter Theresa“ nichts anderes übrig, als sich nun schnellstmöglich alleine in Bewegung zu setzen, wollte sie ihren Zug nicht verpassen. So lief sie auch los und ich sah, wie sie kurz vor der Abfahrt einstieg. Das gehörlose Pärchen jedoch verschwand indessen Richtung Ausgang.
Als ich wieder im Zug saß, schweiften meine Gedanken noch einmal zu der offenherzigen Frau. Mit ihrer entzückenden, warmen und klaren Art hatte sie mein Herz berührt. Ich wünschte mir, es gäbe viel mehr Menschen, die solch eine Herzlichkeit in sich trugen. Das Miteinander würde schöner und unser Leben ein Stück weit angenehmer Vielen lieben Dank für diese wunderbare Begegnung, die ich sicher nie vergessen werde.
Wenige Minuten später hielt der Zug in Augsburg-Hochzoll und dieses Mal stieg ich aus. Doch wo war Gleis sechs, zu dem ich wechseln musste? Ich sah nichts außer einem ellenlangen Bahnsteig, der Richtung Ausgang führte. Dort angekommen, führte eine Treppe hinunter zu einer Hauptstraße, von wo aus ich in einiger Entfernung ein Hinweisschild für Gleis fünf und sechs entdeckte.
„Was ist das denn?“, wunderte ich mich und machte mich auf den Weg dorthin. Ich stieg eine Treppe hoch auf die gewünschten Gleise. Oben angekommen, betrat ich zunächst Gleis fünf und entdeckte weiter hinten endlich mein Gleis sechs.
Für Ortskundige sicher kein Problem, aber für Frischlinge wie mich, die nur auf der Durchreise waren, war es sehr verwirrend. Vor allem fehlte bei der Ankunft ein Hinweisschild, das auf die Splittung dieser Bahnstation aufmerksam machte.
Wie geplant erreichte ich vierzig Minuten später Ingolstadt, wo ich mir bis zu meiner Weiterfahrt nach Donauwörth die Zeit vertrieb.
Ohne Angabe von Gründen fuhren wir mit einer achtminütigen Verspätung in Ingolstadt ab. Hierfür verantwortlich war die Eisenbahngesellschaft „agilis“, mit der ich schon des Öfteren durch die bayrischen Lande gefahren war. Bisher allerdings ohne Mängel. Zwischenzeitlich hielten wir zudem noch unplanmäßig für fünf Minuten im Nirgendwo und kamen letztendlich mit einer Verzögerung von fünfzehn Minuten n Donauwörth an. Für mich Gott sei Dank kein Grund zur Sorge, da mein verbleibendes Zeitpolster hier recht komfortabel war.
Die Rückfahrt nach Bad Wörishofen verlief ohne besondere Vorkommnisse, und so erreichte ich am frühen Abend meinen Ausgangspunkt.
Bevor es morgen wieder nach Hause ging, wollte ich doch nicht abgefahren sein, ohne mir vorher noch ein wenig Bad Wörishofen angesehen zu haben. So ging ich vom Bahnhof Richtung Kurhaus, lief dann aber nicht den gewohnten Weg zu meiner Unterkunft, sondern orientierte mich links und flanierte gemütlich durch die Stadt bis zum Kurpark.
Das Wetter war ein Träumchen und für meinen kleinen Rundgang wie geschaffen.
Die vielen Kurgäste und Urlauber entspannten sich bei einem Spaziergang oder genossen die Abendsonne in einem der zahlreichen Straßencafés oder Restaurants.
Die Stimmung hätte nicht besser sein können. Nach einem langen Tag auf den Schienen war es genau das Richtige für mich, um einen Gang runter zu schalten.
Als ich an einem Kneipp-Wassertretbecken vorbeikam, wurde dies von etlichen Anhängern jener gesundheitlichen Förderung von Kreislauf und Durchblutung recht rege genutzt und ich unterlag für einen Moment der Versuchung, es ihnen gleich zu tun. Doch ich war zu geschafft und wollte einfach nur, diesen angenehmen Abendspaziergang fortsetzen.
„Eigentlich schade“, dachte ich auf dem Weg dorthin. Hier im Mekka des Sebastian Kneipp, wo er über vierzig Jahre gelebt und gewirkt hatte, nicht eine seiner bekanntesten Anwendungen genutzt zu haben.
Nächstes Mal.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 326
ISBN: 978-3-95840-709-1
Erscheinungsdatum: 08.10.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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