Sonstiges & Allerlei

Durch Abwege zum Glück

Lisa Bauknecht

Durch Abwege zum Glück

Leseprobe:

Das Mädchen saß auf seinem Platz und starrte an die Tafel. Es hörte nichts und wollte es auch nicht. Leute kamen und gingen, es störte es nicht. Es war in seiner eigenen Welt voller Vertrauen und Liebe. Keiner sprach mit dem Mädchen und auch es mit niemandem. In seinem Kopf war Ruhe und Stille.“
Anika stand vor ihrer AG und trug ihr Gedicht vor. Das Thema in dieser Woche war Beschreibung von Personen. „Gut, Anika. Du hast dich von der Schule inspirieren lassen“, komplimentierte Herr Auer sie. „Ich fand es auch gut. Ich konnte mich richtig in die Person reinfühlen“, schloss sich Janet an. „Du hättest vielleicht noch einen Tick mehr auf die beschriebene Person eingehen können“, kritisierte Pierre sie.
Anika war sechzehn Jahre alt und wohnte in Berlin. Sie ging auf eine Gesamtschule und war ein eher ruhiges und verträumtes Mädchen. In ihrer Freizeit setzte sie sich gerne an irgendwelche Plätze in Berlin und schrieb über diese, dazu nahm sie ihre Kamera mit und fotografierte sie noch. Wenn sie anfing zu schreiben, fühlte sie sich wie in einer anderen Welt. Die AG war zu Ende, und Anika lief zur S-Bahn-Station. Sie wohnte eher außerhalb von Berlin. Als sie am Abend gegen 17 Uhr zu Hause ankam, ging es wieder drunter und drüber. Ihre drei kleineren Geschwister rannten durch die Wohnung und machten einen entsetzlichen Lärm. Als sie reinkam, lief sie sofort in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Ihr Zimmer war recht klein, doch Anika mochte es. Sie hatte es sich schön zurechtgemacht. An ihrem Schreibtisch, der am Fenster stand, verbrachte sie oft Zeit und schrieb ihre Gedichte oder erledigte ihre Hausaufgaben. So wie jetzt. Sie hatte noch einige Matheaufgaben auf und musste noch etwas Französisch lernen. Während sie sich in ihrem Mathebuch auf die x und y konzentrierte, wurde der Lärm ihrer Geschwister unerträglich laut. „Könnt ihr vielleicht etwas leiser weiterspielen, ich muss mich auf meine Hausaufgaben konzentrieren“, fragte sie mehr, als dass sie es sagte. Die Kleinen blieben stehen und blickten sie unwissend an. Ihre Geschwister waren sechs, dreizehn und fünfzehn Jahre alt. Kim, die Kleinste, war ihre einzige Schwester und eigentlich ein lieber Engel. Kevin war dreizehn Jahre alt und hatte es schon faustdick hinter den Ohren. Der älteste der drei war Tim. Er war fünfzehn Jahre und dachte, er könne machen, was er wolle. Anika hatte noch einen zwanzigjährigen Bruder, Gerd, er arbeitete und wohnte nicht mehr zu Hause. „Ignorier uns doch einfach, und mach deine Hausaufgaben“, entgegnete ihr Kevin. „Ja, eben! Hör Musik, und lass uns unseren Spaß!“, stellte Tim klar. „Ihr solltet doch nur ein bisschen leiser sein …“, meinte Anika immer noch ruhig und versöhnlich. „Nein!“, entgegnete Tim, und sie rannten weiter. Sie liefen in das Wohnzimmer und begannen Videospiele zu spielen. Anika sah auf die Uhr. Es war schon kurz vor 18 Uhr. Sie machte sich auf den Weg zur Küche, um Abendessen zu kochen. Da ihre Mutter nicht zu Hause war, musste sie kochen. Obwohl Gerd nicht mehr dort wohnte, kam er immer zum Essen vorbei. Er lebte in einer kleinen Wohnung in der Straße nebenan. „Hey Anika“, begrüßte Gerd sie und umarmte sie. „Wie geht es dir denn?“, fragte er nun. „Ja, ganz okay, ist halt anstrengend mit den dreien, aber sonst ist alles klar.“ Anikas Eltern mussten viel arbeiten. „Ja, das weiß ich, wie das ist, ich musste mal auf vier aufpassen, aber sag Mama doch, sie soll sie in so einem Jugenddings da anmelden, dass sie nachmittags dann dort sind und nicht hier.“ „Hm … vielleicht kostet das zu viel.“ Anika rührte die Nudeln noch einmal um. „Ich hol mal die drei Kleinen zum Essen“, entgegnete Gerd und lief raus. Anika deckte den Tisch und setzte sich schon. Die anderen vier kamen auch kurz darauf zu ihr. „Na, wie ist es so in der Schule, Kim?“, fragte Gerd als Gesprächsbeginn. „Schön“, sagte sie knapp. „Und bei dir, Kevin?“ „Joa, ganz okay. Die Lehrer nerven, aber sonst ist alles in Ordnung.“ „Das freut mich, und bei dir Tim?“ „Pff … scheiße, wie denn sonst. Scheißlehrer, die können mich nicht leiden.“ Tim hatte nicht wirklich Lust zu lernen, und das wusste die Familie auch. „Ja, wie immer. Alle sind schuld, nur nicht du …“ „So ist es auch. Okay, vielleicht bin ich manchmal selber etwas schuld, aber hauptsächlich sind es die Lehrer!“ „Gut … Und wie ist es bei dir, Anika?“ Anika sah erschrocken von ihrem Teller auf. In Gedanken war sie schon mit ihrem neuen Gedicht beschäftigt. „Ähm, was? Sorry, ich hab gerade nicht zugehört.“ „Die ist schon wieder mit ihren dämlichen Gedichten beschäftigt, oder mit den komischen Typen!“, verpetzte Tim sie. „Ich hab gefragt, wie es bei dir in der Schule war.“ „Ach so, ja, ganz gut. In der AG habe ich ein Lob für mein Gedicht bekommen“ freute sich Anika stolz. „Cool, das freut mich.“ Nun war wieder Stille, und sie aßen in Ruhe weiter. Etwas später kam ihre Mutter nach Hause. Sie arbeitete halbtags in einem Büro, und nach dieser Arbeit putzte sie. Ihr Vater arbeitete als Hausmeister in verschiedenen öffentlichen Gebäuden. „Hallo meine Kleinen“, begrüßte ihre Mutter sie und ihre Geschwister. „Mama“, riefen die drei Kleinen im Chor und liefen zu ihr, um sie zu begrüßen. Die Mutter setzte sich zu Anika und Gerd. „Oh, lecker, was gibt es denn heute?“ „Nudeln“, antwortete Gerd knapp. Die drei Kleinen gingen wieder spielen. Anika sah Gerd auffordernd an. Er verstand, was sie meinte. „Du, Mama … ich hab da mal so eine Idee …“, fing er an, nachdem seine Mutter saß und schon angefangen hatte zu essen. „Ja, was denn?“ „Also Anika passt ja eigentlich jeden Tag auf die Kleinen auf … und … sie sollte auch mal lernen oder was mit ihren Freunden machen, und darum haben wir uns gedacht, dass die Kleinen ja in so einen Jugendklub oder so was könnten, wo man auf sie aufpasst. Die gibt es hier in Berlin ja mehrfach.“ Ihre Mutter ließ die Gabel in den Teller fallen und sah die beiden erschrocken an. Dann drehte sie ihren Kopf zu Anika. „Ist es dir etwa zu viel. ein paarmal in der Woche auf deine Geschwister aufzupassen?“ Sie klang eher geschockt als verständnisvoll. „Es sind ja schließlich auch deine Geschwister, oder? Darum ist es ja wohl nicht zu viel verlangt, dich mal um sie zu kümmern!“ Sie schob ihren Teller weg, zündete sich eine Zigarette an, stand auf und holte sich ein Glas Whisky. So setzte sie sich an den Tisch und trank zuerst einmal ein paar Schluck. Danach nahm sie ein paar Züge ihrer Zigarette und begann zu sprechen. „Außerdem haben wir gar nicht das Geld dazu!“, war nun ihre Ausrede. In Anika stieg eine leichte Wut auf. „Aber Mama, so etwas kostet doch nicht viel, und wir können ja nach einem billigen Klub schauen.“ „Zuerst sollte ich mit deinem Vater darüber reden, und wenn er dafür ist, überlege ich es mir noch einmal. Aber so viel Geld haben wir nicht, und das weißt du auch! Wir müssen Miete zahlen, Strom, Wasser, und dann noch die Kinder! Die brauchen Schulutensilien und natürlich auch Kleidung und Essen!“ „Ja, Mama, aber schau mal, Anika braucht auch so etwas wie Freizeit, und wenn sie dann in diesem Jugendteil sind, kannst du auch davon ausgehen, dass sie immer ihre Hausaufgaben machen.“ Ihre Mutter zog die letzten Züge ihrer Zigarette und drückte sie aus. Aber beeindruckt sah sie immer noch nicht aus. „Und warum sagst du nichts dazu? Denkst du, nur weil du Gerd vorschickst, werde ich Ja sagen? Du weißt, wir haben nicht viel Geld und müssen uns einteilen! Wir sind schon froh, dass Gerd sein eigenes Geld verdient. Wenn du jetzt noch einen Nebenjob haben würdest, dann …“ Doch weiter kam sie gar nicht, denn in Anika kam die Wut hoch. „Was dann? Dann könnte ich wieder nicht auf die Kinder aufpassen, das würde dir auch wieder nicht gefallen! Und außerdem würden wir das Geld haben, wenn du dein Auto verkaufen würdest, weil Papas Auto reicht. Obwohl wir kein Auto brauchen, da wir in Berlin wohnen! Und wenn wir das Auto verkauft haben, könntest du auch noch aufhören zu rauchen oder deinen Konsum verringern und nicht immer so viel Geld für den dämlichen Alkohol ausgeben! Wenn du dann nicht jeden Samstag Party machen würdest, dann wäre es sogar noch besser!“ „Also jetzt reicht es! Ich bin deine Mutter und muss mir von dir so etwas nicht sagen lassen! Ich bin kein Nikotinjunkie und auch keine Alkoholikerin.“ Anika reichte es. Sie stand auf und lief in ihr Zimmer. Dort holte sie ihre Tasche, packte einen Block, ihr Mäppchen und ihre Kamera ein. Sie zog sich ihren Schal und ihre Jacke an und lief zur Tür. „Ich gehe, du bist ja jetzt da! Auf Wiedersehen.“ Anika ließ die Tür ins Schloss fallen, steckte sich ihre Kopfhörer ins Ohr und hörte Musik.


***



Sie lief zur nächsten S-Bahn-Station und stieg ein. Irgendwann stieg sie am Alex aus und lief über den Platz, der mit einer Menschenmenge gefüllt war. Als ihr kühl war, kaufte sie sich bei Starbucks einen Kaffee und setzte sich auf eine Mauer. Die Musik hatte sie inzwischen aus und das Handy weggesteckt. Wenn sie von ihrer Familie genervt war, fuhr sie weg, irgendwo hin, wo viele Menschen waren, die aber nicht mitredeten. Den Kaffee hatte sie schon fast getrunken, und so ging sie mit einem halb leeren Becher Kaffee zu einer U-Bahn-Station, weil es dort unten windgeschützt war. Sie lief wieder einmal gedankenverloren durch die Stadt. Als sie gerade die letzte Stufe zur U-Bahn-Station erreicht hatte, rempelte sie jemand an, und der Kaffeebecher flog ihr aus der Hand. „Pass doch auf!“, meckerte Anika den Passanten an. „Sorry, war unbeabsichtigt. Soll ich dir einen neuen kaufen?“ Da Anikas Handy aus der Tasche fiel, beugte sie sich und hob es auf. Währenddessen schweifte ihr Blick auf die Schuhe des Fremden. Es waren schwarze Lackstiefel mit schwarzen Schnürsenkeln. Sie wusste, was das für einer war. Sie hob ihren Kopf und erwartete einen jungen Glatzkopf, doch vor ihr stand ein junger Mann Mitte zwanzig mit blonden Haaren. Allerdings hatte Anika für solche Menschen nichts übrig. „Nein, der war eh schon kalt, trotzdem danke“, meinte sie, lächelte und ging an ihm vorbei. Der junge Mann lief achselzuckend sie Treppe hoch. Anika setzte sich auf eine Bank und wartete. Sie zog ihren Block und einen Stift hervor und fing an zu schreiben. „Entflohen von dem Terror zu Hause, ab in die Stadt. Dort die Leute angeschaut. Froh und munter, aber auch in Gedanken versunken durch die Stadt gewandert. Die Treppen hinunter in die geschützte Zelle. Hinein in den Bunker, die Insassen gehen raus.“ Sie kam sich selbst blöd vor darüber zu schreiben, dass ein wildfremder blonder Junge sie anrempelte und sie ihn, genau wie die anderen Menschen, für einen Neonazi hielt. Sie packte den Block weg und überlegte, warum jeder Mensch auf so was kam. Sie fand keine Antwort. Aber direkt vor ihren Füßen saß ein kleiner brauner Hund und bellte sie freudig an. Anika sah um sich rum, doch niemand war da, also nahm sie ihn auf den Schoß und streichelte ihn. Der kleine Hund war ungefähr vier Monate alt. Er legte sich auf ihre Beine und genoss es. „Na, du wie heißt du denn?“, fragte sie den kleinen Hund. Sie fand eine Hundemarke am Halsband. Auf dem stand allerdings nur der Name. „Benji“ hieß der kleine Hund. „Na, du bist ja süß, aber wo wohnst du denn?“ Immer noch war niemand zu sehen. Da sie noch ein belegtes Brot in ihrer Tasche hatte, legte sie es dem kleinen Hund hin. Doch dieser schlief schon. Sie streichelte den kleinen Hund und kraulte ihn am Hals. In der U-Bahn-Station war abnormal wenig los. Es waren ein paar vereinzelte Leute und Jugendliche dort. Benji wachte durch das Piepen der U-Bahn auf und sah Anika an. Sie gab ihm das Stück Brot, und er fraß es. Neben ihr stand nun jemand und sprach mit ihr. „Entschuldigung, kann es sein, dass das mein kleiner Hund ist, den sie da auf dem Schoß haben? Er heißt Benji.“ „Ja, der Kleine kam auf mich zugelaufen, und ich hab ihn dann auf den Schoß genommen und ihn gestreichelt, damit er nicht vor die U-Bahn läuft oder so.“ „Danke schön.“ Derjenige, dem der Hund gehörte, war etwa Anfang zwanzig. „Ich bin übrigens Jessy, und wer bist du?“ „Anika.“ Sie lächelte, weil sie es unter Freundlichkeit einstufte. Jessy setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihr Benji ab. Sie war sich sicher, dass sie mit der nächsten Bahn nach Hause fahren wollte. „Wohnst du hier in Berlin oder in Potsdam oder so?“, fragte Jessy sie nun. „Nee, ich wohn schon hier in Berlin, und du?“ „Ja, ich auch, und in welchem Teil?“ „Spandau.“ Jessy sah sie an, als ob sie gesagt hätte, sie wäre die Tochter von Klaus Wowereit. „Das gibt’s nicht, ich auch“, lachte er. „Aber lange wohn ich noch nicht dort, wir sind vor drei Wochen hergezogen.“ „Okay, cool.“ Anika hatte nicht wirklich Lust zu reden, aber das bemerkte Jessy erst gar nicht. „Gehst du noch zur Schule?“ „Ja.“ „Oh, bestimmt auf diese Gesamtschule in Spandau, oder?“ Anika fragte sich, warum es ihn interessierte, aber da die Bahn erst in zehn Minuten kommen würde, könnte sie auch mit ihm reden. „Jap. Genau. Und du, wo arbeitest du?“ Nun schaute er sie schon wieder so verwundert an. „Ich geh auch noch zur Schule, seit letzter Woche auch auf die Gesamtschule.“ „Ist ja cool“, sagte Anika, aber mehr ironisch als ernst gemeint. Innerlich hoffte sie ihn nie auf dem Pausenhof zu treffen. Jessy quatschte sie noch eine Weile zu, und sie antwortete meist nur mit „hm“ oder „aha“. Das störte ihn eher wenig. Endlich kam die Bahn, doch Anika vergaß, das Jessy auch in Spandau wohnte, und so hatte sie ihn noch neben sich. Doch jetzt war er ruhig. Sie nutzte die Chance und hörte wieder Musik. In Spandau angekommen, lief Jessy neben ihr her. Auf seinem Arm Benji. „Wo wohnst du?“, fragte nun Anika. Sie war selbst von sich überrascht. „Ach, die übernächste Straße muss ich rein, und du?“ „Eine Straße weiter“, sagte sie und schaute sich um. Es war schon dunkel, und die Straßenlaternen waren an. Um sie rum lauter Häuser mit kleinen Vorgärten. Sie mochte diese Gegend. Seitdem sie denken konnte, wohnte sie schon hier. „Also ich muss dann mal hier rein, und danke noch mal, dass du auf Benji aufgepasst hast“, lächelte Jessy ihr zu. „Ja, kein Problem, hab ich gern gemacht“, sagte Anika und lief weiter. Als sie endlich vor ihrer Wohnungstür stand, sah sie die Schuhe ihres Vaters. Sie schloss die Tür auf und hörte den Fernseher schon aus dem Wohnzimmer. Sie lief zu ihm und schaltete ihn aus. Ihre Mutter lag auf dem Sofa und vor ihr auf dem Tisch drei leere Flaschen Bier. Sie nahm die Flaschen und brachte sie in die Küche. Sie entsorgte sie besonders laut und hoffte, dass ihre Mutter so aufwachte. Danach ging sie in ihr Zimmer und packte ihre Tasche aus. Sie legte sich in ihr Bett und musste an Jessy denken. Komisch fand sie ihn ja schon. Dann drehte sie ihren Kopf nach rechts und schlief ein.



***



Am nächsten Morgen wurde sie erst einmal von Kevin geweckt. „Anika, Anika! Steh auf, wir müssen los, Mann!“ Anika schaute verschlafen auf ihren Bruder und danach auf ihren Wecker. Es war schon halb acht! „Verdammt! Danke, Kevin.“ Sie sprang aus dem Bett, zog sich etwas an und lief in das Bad, um sich zu schminken und fertig zu richten. Danach schnappte sie sich eine Flasche Wasser, nahm ihre Tasche und ihre Schulbücher und lief schnell aus dem Haus. Die anderen drei waren schon weg. Sie zog sich noch schnell ihre Schuhe an und versuchte auf dem Weg zur Schule ihre Bücher, den Block und den Ordner schnellstmöglich in die Tasche zu packen. „Guten Morgen“, rief jemand neben ihr. Sie erschrak zu Tode und ließ ihre ganzen Sachen auf den Boden fallen. „Oh, Entschuldigung, das wollte ich nicht.“ Es war Jessy! Der hat mir ja gerade noch gefehlt!, dachte Anika sich und packte nun ihre Sachen in die Tasche ein. Jessy half ihr. Er nahm ihren aufgeschlagenen Block in die Hand. Dort stand ein Gedicht von ihr, über den Frühling und die Gefühle. „Wow, ist das von dir? Das ist echt gut!“ „Gib das her!“, meinte sie nur zu dem Lob und packte den Block auch ein. Nun standen sie wieder auf und liefen los. Jessy war sich wahrscheinlich unsicher, was er sagen sollte, und sagte einfach nichts. Als sie an der Schule ankamen, lief Anika zu ihrer Freunden Isi. „Hey Isi“, begrüßte sie sie. „Hey Anika. Wo kommst du her? Der Unterricht beginnt in fünf Minuten.“ „Ja, ich hab verschlafen, und als ich mich dann hierher beeilen und währenddessen meine Tasche packen musste, wurde ich angerempelt, und alles fiel auf den Boden.“ Anika und Isi liefen hoch. Unterdessen erzählte Isi ihr von dem Film, in dem sie gestern war. Die beiden setzten sich in ihrem Klassenzimmer auf ihre Plätze. „Ey, Anika hast du die Matheaufgaben?“, fragte Timo sie. „Ja klar, hier.“ Sie gab ihm ihr Blatt. „Oh danke, du bist meine Rettung.“ Die Schule verging schnell, und Anika, Isi und noch ein paar andere Freunde standen vor der Schule und unterhielten sich. Rosa war ein nettes Mädchen, doch wenn sie einmal anfing zu reden, konnte sie es kaum stoppen. „Ich bin heute so durch die Schule gelaufen, und da war so ein Typ, der sah voll gut aus, echt, und nett gelächelt hat der vielleicht, aber ich glaub, der ist schon in der Zwölf oder so, aber Hammerjunge.“ „Hast du ihn denn angesprochen?“, fragte ihre Freundin Angi. „Nee, ich kannte den ja nicht.“ Die Mädchen mussten lachen. „Lasst uns morgen doch zusammen shoppen gehen. Habt ihr Lust?“, fragte Angi nun. „Klar“, kam es von allen. Auch Anika sagte zu. Es war ihr egal, ob ihre Mutter Ja oder Nein sagte. Sie würde trotzdem gehen. Als sie sich wieder unterhielten, fiel Rosa erneut allen ins Wort. „Hey, der da drüben, das ist der Typ, den ich gemeint habe, der da drüben in dem weißen T-Shirt und der Lederjacke.“ Die anderen Mädchen verstummten und sahen in die Richtung, in die Rosas Finger zeigte. Sie waren sprachlos. Doch Anika schaute weg. Natürlich war es Jessy! Die anderen Mädchen waren total von ihm begeistert. „Der kommt in unsere Richtung, Leute“, erkannte Anna es als Erste. Anika stand mit dem Rücken zu ihm und hoffte, er würde einfach weiterlaufen. Die Mädchen versuchten so schön, wie es nur ging, dazustehen. „Er kommt immer näher“, flüsterte Thalia. „Hey Anika, hast du auch schon aus?“ Sie kniff die Augen zu, als er mit ihr sprach. „Ja“, sagte sie wieder einmal knapp. „Cool, ich auch. Sollen wir zusammen heimgehen?“ Sie überlegte. Wenn sie Nein sagen würde, müsste sie ihm wieso und den Mädchen erklären, woher sie ihn kenne. „Ja.“ Sie verabschiedete sich von den Mädchen mit einem zuwerfenden Kuss und lief dann zu Jessy. „Tschüss“, sagte Jessy nett zu den Mädchen. Diese grinsten ihn alle an. „Sind das deine Freundinnen?“ „Ja, schon.“ „Sehen nett aus.“ „Das sind sie auch.“ Anika fand ihr Verhalten total schwachsinnig. Sie redete kaum mit ihm und wusste nicht mal, wieso. „Was machst du heute so? Hast du vielleicht Zeit, mit mir und Benji laufen zu gehen?“ „Würde ich gerne, aber ich muss heute noch lernen und dann noch jemanden besuchen gehen. Doch sonst gerne“, lächelte sie ihn an. „Okay, na ja, und morgen?“ „Da geh ich mit den Mädels shoppen, sorry. Aber am Wochenende hätte ich Zeit.“ „Ja, okay, dann reden wir da einfach morgen oder so mal drüber. Laufen wir morgen zusammen zur Schule?“ „Klar, können wir machen“, sagte sie zum Abschied und ging geradeaus weiter. Jessy musste in seine Straße einbiegen. So viel hatte sie wohl schon lange nicht mehr mit einem Fremden gesprochen. Kaum zu Hause angekommen, kam ihr der Lärm aus der Wohnung schon entgegen. Als sie reinkam, packte sie erst einmal alle leeren Pfandflaschen zusammen und stellte sie sich neben die Tür. „Kommt ihr? Wir bringen schnell das Pfand weg“, rief sie ihren Geschwistern zu. „Wir haben aber Hunger!“ „Ich kauf euch eine Protion Pommes, okay?“ Nach kurzem Überlegen willigten die drei Kleinen ein. Anika nahm die vollen Taschen und lief mit ihren Geschwistern aus der Tür. Die Kleinen rannten vor ihr her. Sie hasste es, mit so vielen Taschen zum Kiosk zu laufen. Vor allem waren die meisten Flaschen Bierflaschen. An der Kreuzung warteten die Kleinen auf sie. Bevor sie in den Kiosk gingen, mussten sie noch zu Gerd. Er hatte diesen Mittag frei. „Hey meine Kleinen“, begrüßte er die vier freudig. Anika ging als letzte in seine Wohnung und stellte erst einmal die Taschen ab. „Wollt ihr was essen?“ „Nee, Anika hat uns Pommes versprochen“, freute sich Kim. „Okay, da kann ich natürlich nicht mithalten“, lachte Gerd. Anika setzte sich erst einmal auf sein Sofa. Er hatte eine kleine Wohnung mit einem Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer. Es war klein, aber fein. „Willst du was trinken?“ „Ja, gerne.“ „Wollt ihr auch was trinken?“ „Ja.“ Er schenkte allen etwas ein und gab ihnen das jeweilige Glas. „Mama hat mit Papa darüber gestern noch geredet. Er fand die Idee, glaub ich, gar nicht so schlecht. Aber du kennst sie ja, wenn sie ihre Zigaretten oder sogar ihr geliebtes Bier aufgeben muss, dann … Na ja.“ „Oh, musst du wieder Pfand wegbringen?“ „Ja, wird nun mal wieder Zeit.“ „Ich komm mit dir mit, ich muss auch noch zu trinken kaufen“, sagte Gerd zu ihr. Kurz darauf machten sie sich wieder auf den Weg. Gerd nahm ihr eine Tasche ab. Die drei Kleinen liefen vor ihnen her. Gerd und Anika sprachen nicht miteinander. Nun fragte Anika sich, wieso sie nicht sprachen. Es störte sie aber nicht. Sie mussten die nächste Straße links abbiegen, um an den Kiosk zu kommen. Die Kleinen kannten den Weg schon und liefen los. Als Gerd und Anika um die Ecke bogen, standen die drei vor dem Kiosk. „Auf was warten die denn?“, fragte Anika sich. „Hm. Weiß auch nicht, lass uns mal zu ihnen gehen.“ Die beiden liefen einen Schritt schneller.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-95840-241-6
Erscheinungsdatum: 11.01.2017
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