Sonstiges & Allerlei

dienstags

Christina Posch

dienstags

Roman

Leseprobe:

Und plötzlich hat es mich erwischt


Ich beginne an einem Dienstag damit, euch meine Geschichte zu erzählen. Das heißt, eigentlich ist seit wenigen Minuten bereits Mittwoch. Also Korrektur: Gestern war wieder einmal Dienstag. Warum der Dienstag als Wochentag für mich so eine besondere Bedeutung erlangt hat, nun, ihr werdet es im Folgenden erfahren.
Wir schreiben das Jahr … Nein, wir sind nicht bei „Star Trek“, und keine Angst, ich beginne nicht gleich sirenenartig die Kennmelodie von mir zu geben. Obwohl ich es könnte, ich bin nämlich Sängerin. Also, im Chor. Ich beginne meine ganz persönliche Lebens- und Liebesgeschichte einfach … mittendrin, was sagt ihr? Es war einmal mitten in der Nacht von einem Dienstag auf einen Mittwoch. Vor wie vielen Jahren, fragt ihr? Sagen wir, es ist schon ein paar Monde her. Alles ist anders geworden in jener Nacht, dabei hat es so wunderbar begonnen. Achtung: Spoiler-Alarm! Aber was habt ihr erwartet? Ein Märchen? Wenn ihr eines lesen wollt, dann nehmt das dicke Buch aus dem obersten Regal, das mit dem rosaroten Ledereinband und den Goldbuchstaben drauf. Das Leben verläuft oft ganz und gar nicht so wie im Märchen. Aber wir sitzen alle im gleichen Boot: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Hier ist meine.
Dieser Dienstag damals fing genauso an wie jeder Dienstag in jenem Jahr. Ich stand am Morgen auf und freute mich, wie immer, schon die ganze Woche auf diesen Tag, weil Dienstag, ja, das war der Tag, an dem ich IHN immer traf. Die ganze Woche über wuchs meine Sehnsucht nach IHM stetig an, und dann, am Dienstag, war es endlich wieder so weit. Ich hatte mich eigentlich dazu entschlossen, einen Spanischkurs für Anfänger an der Volkshochschule zu belegen. Warum? Ich könnte jetzt sagen, ich fand die Sprache so sexy. Aber ihr glaubt mir höchstwahrscheinlich nicht, oder? Die Wahrheit ist, eine Chorkollegin von mir arbeitete damals an der Volkshochschule und managte sämtliche Unterrichtseinheiten für lebende Fremdsprachen für den lokalen Standort. Ich nannte sie scherzhalber meistens „Frau Chef“ oder „Frau Direktor“. Und eben diese erzählte immer wieder von dem „schönen Lehrer“, der dienstags in der örtlichen Volksschule einem kleinen, aber feinen Grüppchen die Grundbegriffe der spanischen Sprache zu vermitteln versuchte. Eben diesen schönen Lehrer wollte ich mir eines Tages dann auch ansehen. Noch dazu hatte die Chefin erwähnt, dass ER ebenfalls in seiner Freizeit Musik mache. ER spiele in einer Unterhaltungsband. So musste ich meiner Chorkollegin eines Tages „dringend“ Notenmaterial im Büro vorbeibringen, natürlich rein zufällig an einem Tag, an dem sie eine kurze Besprechung mit IHM hatte. Und da sah ich IHN damals zum ersten Mal, als ER ihr Büro zügig verließ und mich keines Blickes würdigte, und bei mir machte es „Wumm“. Und das, obwohl ich gar nirgends hineingelaufen war. Einfach so. Die Frau Chef kannte IHN zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre lang. Wenn ich es mir recht überlege, ist „kennen“ eigentlich und uneigentlich ziemlich und überhaupt sehr übertrieben. Sie wusste ja nahezu nichts von IHM, wie ich feststellen musste, denn ich konnte ihr kaum Informationen über IHN entlocken. Außer das mit der Band, und das klang schon mal sehr vielversprechend.
Nur blöd, dass ausgerechnet dieser Spanischkurs bereits völlig ausgebucht gewesen war, und selbst die Warteliste von hier bis nach Lateinamerika gereicht hätte. Die schöne Optik des Vortragenden hatte sich wohl bereits herumgesprochen, und so blieb die Frage, was tun? Und schon hatte die Frau Chef eine wunderbare Idee: „Du kannst doch singen, oder? Biete doch private Gesangsstunden an! So ein bisschen Extra-Kohle schadet nie, und wir schaffen das schon irgendwie, dass du Tür an Tür mit IHM unterrichtest. Was sagst du?“ So war das. Musik machte ich von meiner frühesten Kindheit an, was sage ich, pränatal bereits, und so wurde ich im Handumdrehen zur Gesangslehrerin an der besagten Volkshochschule. Für den Dienstagabend. Unterrichtsort: Volksschule. Dienstbeginn: Sommersemester. Für einen eingeweihten Kreis von interessierten Hobby-Chor-Experten. Und so wusste ich jeden kommenden Dienstag, um exakt 16:55 Uhr, würde ER bei der Volksschule eintreffen, und ich würde IHN für wenige Minuten, natürlich rein zufällig, treffen, den schönen „Kollegen“.
Die Einteilung der Räumlichkeiten für den Nachmittag variierte von Semester zu Semester, da die Zimmer ja auch seitens der Volksschule zu unterschiedlichen Zeiten frei wurden, und es war eine der Aufgaben der Frau Chef, ab einem gewissen Stichtag gedankenverhangen tagelang über der passenden Raumplanung zu brüten. Sie schaffte es damals sogar, dass unsere beiden Kammern von den restlichen völlig ab vom Schuss waren: Während alle anderen Kollegen an der Vorderseite des Gebäudes ihre Unterrichtsräume bezogen, „mussten“ wir beide in den oberen Stock, den langen Gang hinunter, nach der Aula in den Neubau-Trakt wechseln, und dort waren wir alleine und quasi schallisoliert. Manchmal zahlt es sich unerhört aus, einen guten Draht zur Chefität zu haben.
Wenn man nebeneinander arbeitet, kann das mit einem Treffen nicht so schwer sein, könnte man hier nun einwerfen. Na ja, aber so leicht war es auch nicht. Es musste doch total spontan wirken, beiläufig, also, als wäre es nichts Besonderes. ER sollte doch nicht den Eindruck kriegen, ich würde diesen Augenblick tagelang planen und in halbszenischer Aufführung mit Freudinnen üben. Ganz zu schweigen von den stunden-, tage- und nächtelangen Überlegungen dazu, die meisten in nicht ganz nüchternem Zustand, wie ich zugeben muss.
Nach unserem dienstäglichen Treffen war mein Befinden der restlichen Woche dann vom Ausgang dieses einen Wochenereignisses abhängig: War es meiner Meinung nach positiv, kriegte ich mich tagelang nicht mehr ein, war es negativ, kriegte ich mich auch nicht mehr ein, aber eben aus anderen Gründen. Na ja. So bin ich. Ich heiße übrigens Christina. Mein Vater nennt mich immer noch Tina, aber ich hasse diese Abkürzung regelrecht. Gut, mit fünf fand ich sie noch süß, aber inzwischen sind auch schon ein paar Jährchen ins Land gezogen. Damals waren es etwa zweiundzwanzig. Um genau zu sein, blieben mir noch zweieinviertel Jahre bis zu meinem Dreißiger. Das dauerte also noch eine halbe Ewigkeit!
Am Jahresende wurde ich damals zunächst achtundzwanzig. Zehn Tage vor Weihnachten. In dieser Zeitspanne Geburtstag zu haben, ist echt nicht so schlecht. Das ist gerade noch der Abstand, bei dem man zum Geburtstag UND zu Weihnachten Geschenke bekommt. Und wenn frau sich etwas „Größeres“ wünscht, hat man immer ein gutes Argument, weil das eine Geschenk doch für zwei Anlässe zählen würde. Echt praktisch. Aber damals war mir auch das egal. Mir war seit jenem Dienstag sowieso alles egal. Mein Leben war praktisch vorbei. Praktisch und theoretisch. Also, vor allem theoretisch.
Dabei fing alles so an wie immer. Ich stand in der Früh auf und dachte: „Hey, heute ist Dienstag!“ Ach ja, so weit waren wir bereits. Nach dem Morgenkaffee – ohne den bin ich theoretisch und praktisch unausstehlich, auch für mich selbst – habe ich die Wohnung durchgeputzt. Kurz. Ich hasse Putzen. Und langes Putzen hasse ich schon sowieso. Kurzes Putzen geht gerade noch. Kurz heißt bei mir, den Staubsauger auf „Ultra-Saugkraft“ stellen und „grobflächig“ die Wohnung abfahren. Dann noch das Bett aufbetten und die wenigen Kästen und Regale, die sich in meiner neuen Wohnung eingefunden hatten, grob entstauben, die Abfalleimer leeren und die Türklinken abwischen, das Klo putzen und neue Handtücher aufhängen. Einmal pro Woche sollte man die schon wechseln. Anschließend besonders verschmutzte Flächen nochmals mit feuchten Bodentüchern behandeln. Am Ende sieht zwar alles so aus wie vorher, aber ich habe ein besseres Gefühl dabei.
Es kostet mich regelmäßig knappe zwei Stunden meiner kostbaren Zeit. Natürlich würde ich mich bei jedem „Gast“ gleich entschuldigen, etwa so: „Es sieht leider fürchterlich aus, aber bei meinem Terminkalender bin ich schon ewig nicht mehr zum Saubermachen gekommen.“ Außerdem ist eine Wohnung schließlich zum Wohnen und Leben da. Es gibt nichts Schrecklicheres als hermetisch desinfizierte Zimmer, wo man das Gefühl hat, dass in der nächsten halben Stunde ein komplettes Ärzteteam zur OP anrückt. Da traut man sich kaum einen Fuß auf den gewienerten Boden zu setzen. Wie kann man da bloß leben? Und vor allem, wie essen diese Menschen? Mit einem Staubsauger unter dem Kiefer, damit sich ja kein Brösel verirren könnte? Nein danke, das ist mir zu pathologisch. Da ist mir mein Lebensstil ehrlich lieber. Zwar mit dem Hang zum Chaos, aber dafür kann man sich gemütlich herumlümmeln und mit Genuss futtern. Ich persönlich finde ja, dass die Wohnung eigentlich recht ansehnlich aussieht. Speziell nach meinem diensttäglichen Reinigungsritual. Man weiß ja nie, wer sich am Abend die Couch ansehen kommen könnte. Na gut. Für das „wer“ kam damals ohnehin nur eine Person infrage, eine männliche Person. Aber dass ER abends auf meiner Couch landen würde, hielt selbst ich für ein Gerücht. Aber wie sagt man: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ja, wahrscheinlich? Meine beste Freundin würde sich jetzt kaputtlachen über mich. Wahrscheinlich lachen sich alle kaputt über mich, aber was soll’s. Ich bin eben eine Träumerin. Und wenn schon, realistisch betrachtet, keiner außer mir die Wohnung abends betreten wird, dann habe ich mein Putzpensum wenigstens für die restliche Woche erledigt. Auch gut.
Das ist eigentlich genau das Gleiche wie beim Bügeln bei mir. Wenn ich etwas noch weniger leiden kann als Putzen, dann ist das Bügeln. Ich kann überhaupt nicht bügeln. Ich bemühe mich, mache alles nach Anleitung, bügle ewig und noch ein Jahr an einer Bluse herum, um dann festzustellen, dass sich der Aggregatzustand des Teils nicht um die Bohne verändert hat. Da lob ich mir die Erfindung der Crash-Optik. Alle meine Blusen schauen irgendwie gecrasht aus mit ihren tausend Falten. Irgendwann kommt das Jahr, wo ich damit topmodisch gestylt erscheine, ganz bestimmt. Alles andere wird durch meine nicht ganz so schlanke Optik direkt am Körper gedehnt – das erspart auch gewisse Bügelarbeit.
Wie jeden Dienstag kriegte ich dann auch an jenem Morgen um zehn Uhr die Panik, nicht rechtzeitig fertig gestylt die Wohnung zu verlassen. Also folgten zwei Stunden Intensiv-Beauty-Programm: Badewanne einlassen mit einem Schuss „Harmonie-Entspannungs-Bad“ und ein paar Tropfen Lavendelöl und „Be-happy-Schaumbad“. Nach entsprechender Regeneration dann die lästige Enthaarungsprozedur unter der Brause mit gleichzeitigem Haare waschen. Es folgten Bodymilk, Körperöl, Aloe vera-Creme, föhnen, Gesichtspeeling, schminken, abschminken, neu schminken. Als Höhepunkt dann grob geschätzt siebenmal umziehen. An anderen Wochentagen brauchte ich keine fünfzehn Minuten im Badezimmer, aber Dienstag war eben der Tag, an dem ich IHM begegnete (ich merke, ich neige zu Wiederholungen), und in diesen zwei Minuten, die ER mich sah, musste ich schon was hermachen. Das dauerte eben. Umso älter frau wird, desto länger.

Es hat dann nahezu das gesamte Semester gedauert, bis ER mich endlich einmal richtig sah. Meistens hatte ER mich überhaupt nicht wahrgenommen. Erst nach einer Konferenz, zu der alle Lehrenden von diesem Standort geladen worden waren, sagte ER das erste Mal irgendetwas zu mir. Ich glaube, ER hat sich wegen der Länge der Konferenz beschwert und mir dann erzählt, in wie vielen verschiedenen Schulstandorten ER unter der Woche so unterrichte. Es waren sieben. Glaube ich. So genau kann ich mich erstens nicht mehr erinnern und zweitens war ich durch SEINE Optik schon sehr abgelenkt. Ich weiß nur, es hat mich damals echt beeindruckt. Also, nicht das, was ER gesagt hat, sondern das mit den sieben Schulen. Ich hatte schon Stress mit der Koordination meines Hauptjobs und den paar Unterrichtsstunden am Dienstag.
Und dann fragte ER plötzlich, ob ich spontan Lust hätte, mit IHM einen weißen Spritzer in der Bar neben der Volksschule trinken zu gehen. Mir blieb die Luft weg. Es durchfuhr mich eine Welle und ich konnte nicht einmal beschreiben, was es war, aber irgendwas war auf einmal da. In der Bar an der Theke stehend, erzählte ER mir einiges, aber ich konnte SEINEN Worten gar nicht lauschen, so abgelenkt war ich. Mein Getränk habe ich auch hinuntergeschüttet, als wäre ich gerade erst nach tagelanger Wanderung durch die Wüste heimgekehrt und immer noch knapp vor dem Verdursten. Es waren viele Menschen in dem kleinen Lokal, sodass wir sehr dicht gedrängt aneinander standen und ich genoss SEINE Nähe ungemein. Es gab von SEINER Seite her keinerlei bewusst herbeigeführten Körperkontakt, nicht einmal den geringsten Annäherungsversuch. Leider. Aber bei so einem Gedränge kam es eben hin und wieder vor, dass man sich leicht berührte. Was für ein Blitz durchfuhr mich da! Ich stand die ganze Zeit über nur dümmlich grinsend da, blickte in SEINE wunderschönen, strahlenden Augen und hin und wieder nickte ich, damit ER den Eindruck vermittelt bekam, ich hätte IHM zugehört. ER lud mich jedenfalls auf das Getränk galant ein und, so schnell konnte ich gar nicht schauen, hatte ER sich anschließend verabschiedet und weg war ER. Die gefühlten vier Stunden dauerten höchstwahrscheinlich keine dreißig Minuten, aber dieses ungewohnte Prickeln im Bauch blieb noch eine ganze Weile, bevor auch das wieder verschwand. Der Alltag war wieder eingekehrt.
Und dann, eines Tages aus heiterem Himmel, ich weiß gar nicht mehr wann genau, da habe ich an IHN gedacht. Einfach so. Und ich habe mir gedacht: Das darf doch jetzt nicht wahr sein, ich kann doch nicht ohne den geringsten Anlass an diesen Mann denken! Aber so war es. Und wie das Leben so spielt, wiederholte es sich und ich musste immer öfter an IHN denken und immer länger. Und dann habe ich plötzlich gewusst, was oder, besser gesagt, wen ich will: IHN.

Und dann kam es am Ende des Semesters kurz vor den Sommerferien zu einem besonderen Projekt an dieser Volksschule: Es kam eine große Gruppe an Schülern aus einem lateinamerikanischen Land auf Besuch, und daran waren wir beide beteiligt. ER würde als Dolmetscher die Projektwoche unterstützen, und ich wurde gebeten, ein kleines Chorprojekt anzubieten, zum Austausch von Volksliedern aus unserer und deren Heimat. Und, wie man sich denken kann, für dieses Austausch-Projekt gab es viel zu organisieren. Und infolgedessen dementsprechend viel zu besprechen. Und irgendwann zwischen den zig Konferenzen war mir aufgefallen, dass ich mich besonders angezogen hatte. Für die Konferenz. Ich war davor total nervös geworden. Und mir war aufgefallen, dass ich IHN währenddessen ständig beobachtete. Und dann, eines schönen Tages, saß ich in einer Konferenz neben IHM. Wir haben kaum ein Wort gewechselt, aber ich hatte unglaubliches Herzklopfen und ich schwitzte und bekam sämtliche Zustände, die frau in so einer Situation eben durchlebt. So richtig hatte ich es immer noch nicht begriffen, was da mit mir passiert war, aber dann kam die besagte Projektwoche. Ich bin fast gestorben vor Nervosität damals. Aber nicht wegen der fremden Schüler, mit denen konnte ich mich ohnehin kaum verständigen, nein, sondern wegen IHM. Ich wusste, wir würden uns eine ganze Woche lang zu Gesicht bekommen und, man möchte es gar nicht für möglich halten, sogar vielleicht das eine oder andere Wort MITeinander sprechen.
„Wort“ war in dem Fall genau die richtige Vokabel gewesen, denn für „Worte“ gab es keine Gelegenheit: ER ließ sich nämlich kaum blicken. Die ersten drei Tage gar nicht, und dann kriegte ich IHN auch nicht wirklich vor die Augen. Und abgesehen davon korrespondieren Männer ohnehin eher einsilbig. Gegen Ende der Woche war ich schon gefrustet, und niemand verstand natürlich, warum. Es nahte die Projektwochen-Abschluss-Performance, und ich probierte im Konzertsaal verschiedene Positionen aus. Ich positionierte Mikrofone samt Aufnahmegerätschaften, um den Vortrag meines Projektchores akustisch festzuhalten. So ganz genau wusste ich dabei nicht, was ich da tat, aber ich sah wichtig aus, und aus einem mir unbekannten Grund funktionierte die Aufnahme tatsächlich. Darum geht es hier aber nicht, und schon komme ich zum Wesentlichen: ER saß plötzlich in einer der Reihen hinter mir und beobachtete mich aufmerksam. Mir wurde zuerst schwindelig, dann schlecht, dann begann ich zu schwitzen, dann hatte ich eine Pulsfrequenz über 200. So ungefähr zumindest. Um es zusammenfassend auszudrücken: Mir war recht eigenartig zumute. Von Ruhe keine Spur. Es hat mich umgeworfen, aber Gott sei Dank nicht im wörtlichen Sinne (das wäre ziemlich peinlich gewesen). Ich kriegte keine Luft mehr, mein Herz machte Extrasystolen und vorbei war es mit mir. Dieser kleine blöde Amor hat seinen Pfeil zielgenau abgefeuert. Wumm! Ich bekam keinen geraden deutschen Satz mehr heraus. Okay, das alleine ist bei mir ja noch nicht so ungewöhnlich, möchte der eine oder die andere vielleicht sagen, bei meinem Schreibstil bisher. Wenn ich nicht gerade von IHM spreche bzw. schreibe, bin ich eigentlich recht eloquent, würde ich entgegnen.
Wir unterhielten uns damals im Anschluss das erste Mal richtig und es war erwartungsgemäß grenzgenial. Ich meine, die Situation an sich, nicht gerade das, worüber wir sprachen. Auch unter größter Anstrengung meines Gehirnvolumens kann ich nicht mehr sagen, was wir sagten. Also, „wir“ ist da auch wieder sehr dehnbar, weil ich außer Nicken und ab und zu „hm“ eigentlich nicht wirklich was herausgebracht habe. Ach, jetzt fällt mir wieder ein, worüber ER unter anderem referiert hat: sein Hobby, das Golfen.
Golfen. Als ob mich Sport im Allgemeinen und der Golfsport im Besonderen jemals interessiert hätte. „Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf?“, fällt mir dazu spontan ein, aber der Ausspruch kommt wahrscheinlich nicht gerade gut, wenn man vor seinem persönlichen Adonis hockt und auf dem Sitz nervös hin- und herrutscht. Golfen. Nicht, dass ich mir Fußball im Fernsehen anschauen würde, aber wenn ich beim Herumzappen mal ganz kurz hängenbleibe, kann ich da schon kaum erkennen, wo sich der Ball gerade befindet, und der ist im Vergleich zum Golfball riesig. Nämlich auch in weiblichen Maßeinheiten geschätzt. Bei Männern ist schnell einmal etwas „riesig“. Ein männlicher Bekannter berichtete mir einmal fast unter Tränen, dass er bei seiner eigenhändigen Badezimmerrenovierung ein riesiges Loch verursacht habe, aus Versehen. Eh klar, dass es aus Versehen war, wer macht so was schon absichtlich? Egal, jedenfalls stellte ich mir unter „riesig“ etwas, nun ja, etwas echt Großes vor. Wie er mir das „riesige“ Loch dann einige Tage später zeigen wollte, habe ich zunächst ewig die betreffende Wand abgescannt, um ein „Loch“ zu suchen, bevor ich dann quasi eine Lupe gebraucht hätte, um überhaupt irgendetwas zu entdecken. Also, wie gesagt, „riesig“ scheint bei Männern irgendetwas im Bereich „mikroskopisch klein und doch gerade noch auszumachen“ zu sein. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Männer das vielleicht für ihr Selbstwertgefühl brauchen, wenn sie sich so im Adamskostüm betrachten. Da bekommt die männliche Maßeinheit dann unter Umständen plötzlich Sinn.
Wie in schlechten Sexgeschichtchen: „Er stößt bis zum Anschlag in sie.“ Blöd, wenn sie sich eigentlich fragt, ob er schon angefangen hat. Liebe Männer, ich muss die größte weibliche Lüge enttarnen: Die Wahrheit ist, es kommt eigentlich doch auch auf die Größe an. Ja, Mann muss natürlich trotzdem wissen, was er tut, aber zu klein bringt es einfach nicht. Und Mädels, gebt acht: Wenn er von seinem „riesigen Teil“ schreibt, ist es vielleicht gar nicht so groß, wie ihr euch das im Kopfkino ausmalt. Warum lügen wir Frauen dann, werden sich manche Männer vielleicht fragen. Weil wir euch lieben und euch nicht verletzen wollen. Darum. Und manche Geschlechtsgenossen wissen ihre Minimalausstattung doch gekonnt zu kaschieren, indem sie mit sonstigen Körperteilen umzugehen gelernt haben und im richtigen Moment die richtige Stelle berühren. Und Mann unterschätze nicht die Bedeutung der richtigen Worte! Bei uns Frauen spielt das Gefühl nämlich eine „riesige“ Rolle, und mit dem richtigen Halbsatz zur rechten Zeit werden die richtigen Knöpfe glasklar gedrückt – und wie!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-99064-614-4
Erscheinungsdatum: 25.04.2019
EUR 18,90
EUR 11,99

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