Sonstiges & Allerlei

Die Samtpfoten-Trilogie

Olaf Krätke

Die Samtpfoten-Trilogie

Leseprobe:

Mimi - die konsequent Entschlossene

Wo soll man beginnen, wenn es darum geht, den Anfang der Veränderung des eigenen Lebens festzumachen? Mit manchen wird man direkt konfrontiert und ist dies auch gewohnt. Doch manche bemerkt man zuerst garnicht, denn sie kommen schleichend und aus einer Richtung die man nicht erwartet hätte. So war es auch bei meiner Frau und mir. Sie schlich sich sozusagen, vollkommen unscheinbar und leise auf Samtpfoten an: Mimi! Einer Persönlichkeit wie Mimi gerecht zu werden, ist alles andere als leicht. Einer kleiner Person mit einer so großen Seele. Vielleicht fangen wir am Besten da an, wo für uns alles begann!
Es war ein schöner, warmer, sonniger Frühsommertag, und die leichte, milde Brise versprach ein sinnliches Vergnügen, wenn man sich ihr hingeben würde. Das verlockte meine Frau und mich dazu einen kleinen Spaziergang in der nahen Umgebung unseres Dorfes, in dem wir leben, zu unternehmen. Keiner von uns beiden hatte beim Aufbruch auch nur geahnt, dass dies kein gewöhnlicher Spaziergang werden und dieser Ausflug unser ganzes Leben verändern würde. Zuerst war alles genau so wie immer bei unseren Spaziergängen durchs Dorf und über den Fahrradweg durch die Wiesen war: Wir genossen die wundervoll wärmende Sonne, den uns umschmeichelnden lauen Luftzug und unterhielten uns über Gott und die Welt. Wir befanden uns gerade wieder auf dem Rückweg und waren schon in der Nähe der ersten Häuser, da sahen wir zum ersten Mal in unserem Leben Mimi. Nun zu diesem Zeitpunkt hieß sie natürlich noch nicht so, denn wir konnten ja nicht ahnen, dass diese Begegnung schicksalhaft werden würde. Eine kleine, sehr dünne Katze kam auf uns zu. Obwohl sie sehr mager war, schien es ihr dennoch soweit gut zu gehen. Was ich auf den ersten Blick sehen konnte, war die wunderschöne Zeichnung ihres Fells: dreifarbig, rotbraun, schwarz und weiß, wie ein Tiger. Eine Glückskatze, wie man so schön sagt. Nun dieses kleine Wesen kam schnurstracks auf uns zu, beschnüffelte uns, umschlich uns und rieb ihren Körper an unseren Beinen. Das wir auf unserem Spaziergan auf Mimi trafen war soweit nichts Ungewöhnliches, da es in dem Dorf in dem wir leben, sehr viele Katzen gibt. Natürlich ist nicht jede dieser Katzen so kontaktfreudig, wie es Mimi war, aber ihr Verhalten war für uns keine besondere Überraschung.
Da meine Frau und auch ich Tiere sehr lieben (wenn es sich nicht gerade um Schlangen, Skorpione und Ungeziefer handelt), verhielten wir uns wie die meisten Menschen: Wir fingen an, die kleine Katze zu streicheln. Dies wurde ihrerseits mit einem zufriedenen Schnurren goutiert, was unser Vergnügen sie zu streicheln natürlich steigerte. Sie legte sich vor uns hin, wälzte sich auf dem Rücken hin und her, um dann wieder aufzustehen und ihren Gang um unsere Beine slalomartig fortzusetzen. Nach einer gewissen Zeit dachten wir nun das es mit der Streichelei genug sei und setzten unseren Heimweg fort. Die Kleine schien diesbezüglich anderer Meinung zu sein und schloss sich uns an – immer ganz dicht bei uns laufend, um hin und wieder eine Streicheleinheit genießen zu können. Als die Dorfstraße in Sicht kam, waren meine Frau und ich der festen Überzeugung, dass die Kleine wohl umkehren würde, da dort sicher ihr Revier zu Ende sein würde.
So kann man sich irren. Irgendetwas schien das kleine Wesen dazu zu bewegen, gemeinsam mit uns die Straße zu überqueren. Dumm wie wir Menschen manchmal sind, versuchten meine Frau und ich die Kleine verbal davon zu überzeugen, doch jetzt umzukehren und nach Hause zu laufen. Sie sah uns mit ihren großen runden, bernsteinfarbenen Augen an, hörte uns aufmerksam zu und … folgte uns weiter. Wie konnten wir auch nur davon ausgehen, dass eine Katze die menschliche Sprache verstehen würde? Das einzig Verständliche aus ihrer Sicht war wohl, dass dort zwei Menschen sehr freundlich und mitfühlend mit ihr sprachen. Toll!!
Schließlich erreichten wir unsere Haustür, unnötig zu betonen, das wir dies zu dritt taten. Noch einmal unternahmen wir den ebenso nutzlosen wie naiven Versuch der Kleinen zu sagen, das wir nun ohne sie hineingehen würden und sie doch nun besser nach Hause gehen sollte. Fasziniert lauschte sie unserem Redeschwall vor uns sitzend ohne sich zu rühren. Schließlich schlossen wir in der festen Überzeugung die Haustür auf, dass die kleine Katze, die geschlossene Tür sicher als Ende des gemeinsamen Spaziergangs verstehen würde und dann sogleich ihrerseits den Heimweg antreten würde.
Ein wenig unsicher geworden, ob die kleine Katze wirklich verschwunden war schaute ich nach einigen Minuten noch einmal durch die Milchglasscheibe der Haustür und musste feststellen, dass wir uns geirrt hatten. Die Kleine saß noch immer vor der verschlossenen Tür!
Der Duft des Kaffees, der aus der Küche drang und den meine Frau aufgesetzt hatte, lockte mich schließlich von der Haustür weg und wir gaben uns gemeinschaftlich den kulinarischen Genüssen des Kuchens und der Plätzchen hin.
Als ich nach etwa anderthalb Stunden nach oben ins Büro ging, stellte meine Frau fest, dass die kleine Katze verschwunden war. Nun, damit war die ganze Sache, so dachten wir zumindest, erledigt und wir widmeten uns unseren diversen Aktivitäten.
Am nächsten Morgen war ich mit der Vorbereitung des Frühstücks beschäftigt und wollte gerade das Tablett mit dem Geschirr zum Terrassentisch bringen. Ich kam gerade aus der Küche ins Wohnzimmer, um zur gläsernen Flügeltür zu gelangen, als ich abrupt und wie angewurzelt stehen blieb. Niemand wird meine Überraschung nachvollziehen können: Durch die Scheibe der Terrassentür blickte mich die kleine Katze an. Sie saß dort, als wäre das ihr angestammter Platz und schaute mich direkt und sehr neugierig an. Da ich meinen Augen nicht traute, rief ich meine Frau, die aber trotz ihrer großen Überraschung schneller als ich in der Lage war zu reagieren. Sie öffnete die Terrassentür und wurde dort äußerst freundschaftlich begrüßt. Während die Kleine schnurrend die Beine meiner Frau umstreifte und die Streicheleinheiten, die ihr zuteil wurden genoß, hatte ich für einen kleinen Augenblick den Eindruck, dass die Kleine stehen blieb, mich anschaute und mir zuzwinkerte. Mühsam konnte ich mich aus der Überraschungsstarre und diesem Eindruck lösen, dann deckte ich draußen den Tisch.
Nachdem alles für das Frühstück hergerichtet war, nahm die Kleine wie vollkommen selbstverständlich neben meiner Frau auf der Bank Platz und schaute uns an. Meine Frau war entzückt und streichelte sie erneut, während ich, meines Sitzplatzes beraubt, überlegen musste, was ich jetzt tun sollte. Ich halte mich für einen äußerst freundlichen und sanftmütigen Menschen und, entschied mich dazu mit sanftem Druck meinen Platzanspruch deutlich zu machen. Die Katze beobachtete mein Treiben zwar äußerst interessiert – vermutlich hielt sie meine körperlichen Verbiegungen für eine Art Tischritual, bewegte sich aber ansonsten keinen Zentimeter. Auf die Aufforderung meiner Frau „Nun setze dich doch einfach.“ holte ich, um den morgendlichen Frieden nicht zu gefährden, einen Stuhl uns setzte mich an den Tisch. Während meine Frau den Kaffee einschenkte traf mich der Blick der Katze, als wolle sie mir sagen: „Siehst du, nun hast du es kapiert!“ Die kleine Dame – es handelte sich um eine Sie, wie meine Frau festgestellt hatte – war offensichtlich von ihrer Mutter sehr gut erzogen worden. Sie saß da, schaute uns interessiert zu und machte zwar keine Anstalten zu betteln. Nach kurzer Zeit legte sie sich hin, kringelte sich zusammen und schnurrte genussvoll vor sich hin.
Als wir fertig gefrühstückt und den letzten Teller weggeräumt hatten, ließen wir die Katze auf der Bank schlafend zurück. Im Laufe des Tages, wenn meine Frau oder ich an der Terrassentür vorbei kamen, bot sich immer dasselbe Bild. Entweder schlief die Kleine auf der Bank oder saß vor der Türscheibe und schaute herein. Von nun an erschien die Kleine jeden Morgen und blieb bis spät am Abend bei uns. Immer wieder versuchten wir, ihr klar zu machen, dass wir sie nicht hineinlassen konnten! Dies entsprach den Tatsachen, denn meine Frau hat in ihrer Arbeit täglich wechselnden Schichtdienst und ich bin als Schauspieler völlig unregelmäßig unterwegs und oft tage- oder wochenweise außer Haus. Mimi, wie meine Frau die Kleine inzwischen getauft hatte, schien das nicht im Geringsten zu stören. Was die Namensgebung anbelangt, so sei denen, die nun überrascht oder interessiert sind Folgendes erklärt: Im Allgäu, wo wir leben, werden grundsätzlich alle Katzen erstmal Mimi genannt, wenn sie nicht gleich einen anderen Namen erhalten. Warum das so ist, kann mir meine Frau, die aus dem Allgäu stammt, als Nordlicht auch nicht erklären.
Ich nahm das genauso schicksalsergeben hin wie das nun tägliche Erscheinen von Mimi vor unserer Terrassentür. Ich kam nicht umhin die kleine Katzendame zu bewundern. Sie saß dort von morgens bis abends unbeirrt und schaute durch die Glasscheibe. Ihre Beharrlichkeit, ihre Ausdauer und ihre offensichtlich feste Überzeugung, eines Tages durch diese Tür schreiten und im Haus bleiben zu können war schon bemerkenswert. Diese Zielstrebigkeit und eiserne Konsequenz nötigte meiner Frau und mir Respekt ab. Wir hatten es ganz offensichtlich mit einer starken Persönlichkeit zu tun. Wie stark sie wirklich war, erfuhren wir beide erst sehr viel später.
Der Sommer wich dem Herbst und dieser dann den ersten frostigen Tagen des beginnenden Winters. Unsere Gewissensbisse der kleinen Mimi gegenüber wuchsen von Tag zu Tag. Je weniger wir wetterbedingt auf der Terrasse verweilen konnten, umso mehr nahmen sie zu. Und dann kam er, der Winter und das mit aller Macht. Aber es konnte draußen noch so kalt sein, noch so schneien oder das Land vom Wind geschüttelt werden, Mimi war immer da! Sie saß jeden Tag unerschütterlich und eisern vor unserer Terrassentür. Wir wussten weder ein noch aus. Als es schließlich gegen Ende November unzumutbar wurde, da der Schnee, trotz Vordach, bis an die Terrassentür getrieben wurde, konnten meine Frau und ich nicht mehr.
Wir öffneten die Tür und … ein kleiner Schritt für eine Katzendame, aber ein ungeheuer großer für uns! Mimi hatte ihr Ziel erreicht und betrat unser wohlig warmes Wohnzimmer ohne Hast, mit der Selbstverständlichkeit einer Feldherrin, die sich ihres Sieges immer sicher gewesen war. Ihr souveränes Auftreten überraschte uns und ließ uns gleichzeitig schmunzeln. Nachdem Mimi erst einmal zu Trinken und zu Essen bekommen hatte, wählte sie die Couch direkt an der Heizung zu ihrem vorläufigen Schlafplatz und nahm sie fest in Besitz. Das stellte uns jedoch vor eine große Herausforderung, denn wir waren natürlich auf eine vierbeinige Mitbewohnerin überhaupt nicht eingerichtet. Es musste so manches besorgt werden, was wir nicht im Hause hatten, angefangen vom Katzenfutter bis hin zu einer Toilette für die kleine Dame und so manchem anderen. Wie wild begannen wir außerdem am Computer nach Informationen über Katzen zu googeln. Zwar brachten sowohl meine Frau als auch ich gewisse Erfahrungen in Sachen Katzen mit, da wir beide mit Katzen aufgewachsen waren, aber das lag schon viele Jahre zurück.
Mimi ließen unsere Aktivitäten vollkommen kalt und sie stand nur vor der schwierigen Entscheidung, in welcher Weise sie es sich vor der Heizung auf der flauschigen Decke bequem machen konnte. Unsere größte Sorge bestand aber auch darin, wie sich Mimi bei einem Tierarztbesuch verhalten würde. Dieser war unbedingt erforderlich, das war uns vollkommen klar! Doch schon der Gedanke an die Autofahrt dorthin ließ uns ins Grübeln kommen, denn wir gingen davon aus, dass Mimi bisher zwar reichlich Autos hatte vorbeifahren sehen, aber noch nie in einem mitgefahren war. Für uns Menschen ist ein Arztbesuch schon nicht unbedingt angenehm, aber wie würde Mimi darauf reagieren, da dies auch für sie eine vollkommen neue Erfahrung sein dürfte!
Schon nach den ersten Tagen des Zusammenlebens in unserem Haus konnten wir erkennen, dass es sich bei Mimi wirklich um eine kleine Dame handelte, die von ihrer Mutter ausgezeichnet erzogen worden war. So bestand sie zum Beispiel darauf, nur draußen im Garten auf die Toilette zu gehen, und sah auch davon ab unsere Wohnräume zu markieren. Dies ließ uns zumindest darauf hoffen, dass der nun vereinbarte Arzttermin halbwegs gut verlaufen würde.
Als es ein paar Tage später schließlich soweit war, überraschte uns dieses kleine Wesen erneut. Während meine Frau am Steuer saß, hatte ich mit Mimi auf dem Arm auf der Rückbank Platz genommen. Und obwohl sie offensichtlich und verständlicherweise Angst hatte immerhin war sie in ihrem ganzen Leben noch nie Auto gefahren, bergab sie sich vertrauensvoll in unsere Hände.
So angenehm überrascht wir während der Autofahrt waren, so verblüffend war Mimis Verhalten bei der Tierärztin in der Praxis. Die kleine Katzendame erkannte offensichtlich wirklich, dass die einfühlsame, freundliche Ärztin Isabel und auch wir nur das Beste für sie wollten. Was immer die Ärztin auch an Untersuchungen durchführte und ihr an Medikamenten und Spritzen gab, Mimi ließ alles ganz geduldig über sich ergehen. Und dieses Mal zollten nicht nur wir der Kleinen ein weiteres Mal Respekt, sondern auch die Tierärztin. Sie kam nicht umhin festzustellen, dass dieses ruhige und geduldige Verhalten ihrer Patientin schon äußerst ungewöhnlich war, besonders unter den gegebenen Umständen. Nicht ganz ohne Stolz nahmen wir das zur Kenntnis, denn immerhin wurde gerade ein Familienmitglied gelobt.
Auch die Rückfahrt nach Hause verlief in vollkommen ruhigen Bahnen, doch nachdem wir unser Haus erreicht hatten, hatte Mimi erst mal genug und wollte ihre Ruhe. Das wir es bei Mimi mit einer ausgeprägten und großen Persönlichkeit zu tun hatten, war uns schon längst klar geworden, doch wie außergewöhnlich sie wirklich war, erfuhren wir erst in den nächsten Tagen.
Ein Nachbar von uns, der in der Zwischenzeit mitbekommen hatte, das Mimi jetzt bei uns lebte, ergriff die Gelegenheit, mich anzusprechen, als ich gerade im Garten arbeitete. Während dieses Gesprächs erzählte ich ihm, wie unsere neue vierbeinige Mitbewohnerin zu uns gekommen war. Mit Interesse hörte er zu und konnte mir zu meiner Überraschung sogar die Vorgeschichte der kleinen Katzendame erzählen, die meiner Frau und mir bisher vollkommen unbekannt gewesen war.
Als junges Katzenkind war unsere Mimi kurz nach der Entwöhnung von ihrer Mutter in eine Familie mit einem Kind gekommen. Soweit ist das ja eine ganz alltägliche Sache und auch nicht ungewöhnlich. Diese Familie, so fuhr mein Nachbar mit seiner Erzählung fort, lebte ebenfalls in unserem Dorf, nur ein paar Häuser von uns entfernt. Eines Tages – da war das kleine Katzenkind ungefähr ein Jahr alt gewesen – hatte sich die Familie dazu entschlossen, sich zusätzlich einen Hund anzuschaffen. Wohl in dem Glauben, das die junge Katze und der Hund friedlich miteinander aufwachsen könnten, schritten sie zur Tat. Doch sie hatten die Rechnung ohne ihre vierbeinige Hausbewohnerin gemacht. Nachdem die kleine Katzendame dem Treiben in ihren vier Wänden eine Weile zugeschaut hatte, hatte sie einen Entschluss gefasst: Entweder sie oder der Hund konnte im Haus leben, aber ganz sicher nicht beide!
Da ganz offensichtlich die menschlichen Hausbewohner ihre nonverbalen Zeichen nicht verstanden hatten und sich in Sachen Hund keine Änderung abzeichnete, hatte die kleine Dame einen einschneidenden und mutigen Entschluss gefasst! Wenn sich also ihre Menschen für das Bleiben des Hundes entschieden hatten, gab es für sie hier keinen Platz mehr! Die junge Katzendame war kurzentschlossen ausgezogen und hatte fortan auf der Straße gelebt. Sie hatte sich seitdem tapfer in ihrem neuen Leben durchgeschlagen, übernachtete mal in Ställen, mal in einer kleinen Abstellkammer einer Autowerkstatt, und entwickelte sich zu einer ausgezeichneten Jägerin. Das alles hatte sie bis zu jenem schicksalhaften Tag getan, an dem sie uns auf dem Fahrradweg begegnet war. Was auch immer die kleine Person bei uns gespürt oder gefühlt haben mag, es hat sie offensichtlich dazu bewogen, uns einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Der Eindruck, den sie während der nächsten Wochen und Monate von gewonnen haben muss, war scheinbar derart positiv, dass sie uns zu ihrer neuen Familie erwählt hatte. Sicherlich hat natürlich auch unser Haus mit den vielen Fenstern, dem großen Garten und der Sonnenterrasse zu ihrer Entscheidung beigetragen. Katzen sind ja durchaus auch sehr praktisch veranlagt. Dies pragmatische Ader oder vielleicht ihr Instinkt hatte sie wahrscheinlich auch zu der Erkenntnis geführt, dass sie ein neues Zuhause brauchte. Weitere Jahre auf der Straße oder auch nur einen weiteren harten Winter dort draußen hätte sie wohl nicht überlebt.
Meine Frau und ich konnten nicht anders, als die kleine Person dafür zu bewundern, mit welcher Konsequenz, Entschlossenheit und welchem eisernen Willen sie ihr Leben in die eigenen Pfoten nahm. Dabei war sie voller Sanftmut, Geduld und unerschütterlich tiefem Vertrauen. Was für eine große Persönlichkeit in diesem kleinen Wesen steckte!
Nach und nach richteten wir drei uns in unserem gemeinsamen Leben ein, und je länger dieses Zusammenleben dauerte, umso mehr stellten wir fest, dass die kleinste Person in diesem Haushalt klammheimlich die Führung übernommen hatte, auf Samtpfoten und in schnurrend gurrender Weise, wohl wissend, welchen Katzencharme sie besaß!
Doch ihre konsequente Lebensweise und ihr damaliger Auszug hatten ihren Preis gefordert: Wie die Tierärztin feststellte, hatte das Leben auf der Straße bei Mimi zu einer chronischen Bronchitis geführt und damit zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Erkältungskrankheiten. Doch diese unerfreuliche Botschaft wurde in den nächsten Monaten durch amüsante Erlebnisse überdeckt. So mussten wir feststellen, dass Mimi alle Wasser- oder Milchschalen einfach ignorierte und zum Trinken nur an die Gießkanne ging. Natürlich leicht nachvollziehbar bei jemandem wie ihr, die auf der Straße gelebt hatte. Einige der wenigen Wasserstellen für Streuner waren nun mal die Gießkannen in den Gärten. Deshalb wundern sich Gäste bei uns auch nicht mehr darüber, dass überall kleine Gießkannen stehen. So hat eben auch eine kleine Dame wie Mimi trotz ausgezeichneter Erziehung, kleine Marotten und die eine oder andere Ecke oder Kante in ihrer Persönlichkeit.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 62
ISBN: 978-3-95840-356-7
Erscheinungsdatum: 13.02.2017
EUR 15,90
EUR 12,99

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