Sonstiges & Allerlei

Des Glückes Schmied

Marei Brauer

Des Glückes Schmied

Menschheit in der Würdekrise

Leseprobe:

Was ist das für ein Leben, dessen Inhalt nur darin besteht, bei der Geburt in eine kulturelle Einheitsschab­lone zu plumpsen, um in der trüben, öffentlichen Einheitsmeinungsbrühe zwischen den Suppeneinlagen Konvention, Konformismus, Kollektivismus, Konsum und Kompensation einem vorprogrammierten Wohlstandskollaps entgegenzudümpeln, den mann ­neuerdings glaubt, sozialverträglicher verplanen und eventuell vorverlegen zu müssen, weil die Alten angeblich zu alt werden, zu lange Ansprüche auf eine Rente erheben, die sie sich zwar durch lebenslange Arbeit in gutem Glauben, einmal in ihren Genuss zu kommen, zwangsweise sicherten, ...

Als vor einiger Zeit recht unverblümt während einer Radiosendung im Plauderton von einem Vertreter der Ärzteschaft und einem graduierten Vertreter des Sozialversicherungswesens kundgetan wurde, dass mann ernsthaft darüber nachzudenken habe, wie diesem überlangen Alterungsprozess in Zukunft am besten zu begegnen wäre, schließlich sei es den kommenden Generationen nicht zuzumuten, eine überalterte Gesellschaft ernähren zu müssen, dämmerte mir, womit ich zu rechnen habe, ...

Was hat mann vor mit uns? Ein faschistisch germanisches Säuberungs- oder Euthanasieprogramm à la Himmler und Heydrich, als Vernichtung unwerten Lebens durch Vergasen oder, ‚unauffälliger‘ als die Judenvernichtung, per Injektion wie bei der Todesstrafe? Mit dem Tod bestraft für zu langes Leben, das der Staat als unwirtschaftlich erachtet? Vielleicht nachdem mann uns in ein Altersgetto abgeschoben hat, wie zu Nazizeiten die über 65 Jahre alten Juden per erzwungener Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt, wo sie sich mit fingierten Altersheimverträgen ‚auf Lebenszeit‘ einkaufen konnten und dabei sozusagen rotierend um ihr Vermögen betrogen und bald darauf im Vernichtungslager ermordet wurden. Es gelang den Nazis sogar, eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes, die das Lager Theresienstadt ­visitierte, mit Blumenschmuck und Heilewelttapete über den perfiden Zweck hinwegzutäuschen.

Was hat mann also mit uns vor, mit uns lästigen Alten? So etwas? Oder ein modernisiertes Soylent-Green-Programm? Mit 60, 65, allerspätestens 70 ‚freiwillig‘ durch Kollektivdruck erzwungener Freitod per Einschläferungsspritze vor Naturkulisse, wie es in diesem Zukunftsschinken aus amerikanischer Filmwerkstatt aus den Siebzigerjahren, dessen Inhalt mann ins Jahr 2022 datierte, gezeigt wurde, und dessen Drehbuchautoren sich wohl von den Nazigräueln inspirieren ließen, der mir jedoch, nach all der Hetze gegen die Alten, immer realitätsnaher erscheint? So lange hin ist das bis 2022 nicht mehr! Vielleicht etwas moderner mit TV-XXXL-Bildschirm und Musikbeschallung in Quadro­fonie oder per MP3-Player für die zu Entsorgenden, um bald danach als Nährcracker in den Mägen des Volkes wiederaufzuerstehen? Leider ohne Kaviar, weil bis dahin, bei all der Klimagipfelzögerlichkeit und der rasanten Umweltverschmutzung, die Gewässer so verdreckt, vergiftet und tot sind und die Erde ein einziger großer, schwelender, stinkender Müllhaufen, dass der Rückfall in Barbarei und Kannibalismus sowieso unumgänglich wäre, jedenfalls für die große Masse, genau wie es in diesem Film gezeigt wurde. Nur dass in der realen Zukunft, bevor mensch zum Keks verarbeitet wird, das große Ausschlachten und Ausweiden kommt zum Nutzen all derjenigen, die sich auch dann noch eine Organverpflanzung leisten können, nebst teurer Rehabilitation und zeitlebens am Tropf der Pharmaindustrie. Für einige wenige wird es immer Kaviar und Weizencracker geben, dafür ist schon gesorgt!


Wird mensch über 65 jetzt zum Altersterrorist erklärt, weil er durch zu hartnäckiges Weiterleben und Beanspruchung seines Hab und Gutes und seiner Rente das als Sozialwesen getarnte Profitunwesen sabotiert? Wo ist die Achtung vor dem Alter hingekommen, die meiner Generation noch als Erziehungsgut eingebläut wurde? Sind die Alten nichts mehr wert und wenn, warum?

Wer nicht mehr mithalten kann beim Konsumboom, wird zum Paria, vom Konsum und durch Technik ausgegrenzt, schon bei der Arbeitssuche, wer kein Geld hat, kann sich kein Handy und keinen Internetanschluss leisten und ist für die Arbeitswelt megaout.
Weshalb wird einigen Millionen Menschen, so ein, zwei Generationen, einfach das unfreiwillige Opfer auferlegt, auf eine ausreichende Finanzierung ihres Lebens zu verzichten? Zumal es noch nicht einmal ein sinnvolles Opfer ist, da mit ihm nur ein veraltetes, untauglich gewordenes Wirtschaftssystem gestützt wird. Weshalb ist mann in Sachen Fortschritt so verdammt sparsam, wenn es darum geht, auch einmal diese Machtstrukturen auf den Prüfstand zu stellen und sie auf ihre weitere Tauglichkeit hin zu überprüfen?
Die Realität des Lebens und die Informiertheit der Informationsgesellschaft klaffen meilenweit auseinander, so weit, dass es einfach ist, Unbequemes zu ignorieren und weiter in der eigenen Heileweltsauce zu schmoren. Wie soll das gehen, arbeitslos zu sein und gleichzeitig bis 65 + fünf Monate bzw. 67 arbeiten zu sollen oder zu dürfen? So ein Widerspruch wäre bis vor Kurzem jedem Schulkind in seinem Aufsatz als Fehler rot und doppelt angestrichen worden, ein Widerspruch, den sich hoch bezahlte Politiker, Wirtschaftsweise und Wirtschaftsasse tagtäglich einfach leisten.


Die Welt steckt nicht nur in einer Wirtschaftskrise oder Finanzkrise oder in einer Wertekrise, sondern in einer ­Würdekrise. Woran soll Würde noch festgemacht werden?

„Das ist das Ende. Damit bin ich endgültig aussortiert, obwohl ich noch gerne gearbeitet hätte und Geld dringend brauche. Würde ich überhaupt noch in diese Arbeitswelt passen? Es geht bei Arbeit doch schon lange nicht mehr um Fachkunde oder Fleiß, sondern um Servilität und die Fähigkeit, sich, ohne mit der Wimper zu zucken, schamlos ausbeuten zu lassen und dieser Erniedrigung und Demütigung mit eingerasteter Aufgeräumtheit, im Kotau erstarrt, in vorauseilendem Gehorsam und mit perfekter Devotion zu begegnen, wie sie schon zu Kaiser- und Hitlerzeiten gefordert und gelebt worden waren. Da solches Verhalten bar jeder Würde ist, braucht sich mensch auch nicht zu wundern, warum sich in diesen Kreisen niemand gegen die Pfuscherei an den Menschenrechten ausspricht. Einzig und allein Konkurrenz zählt, als Machtmittel alltäglich normal gelebten Faschismus, tradiert, seit es hohle Gewaltmacht gibt. Und die satten, bis zur Unkenntlichkeit Anpassungsfähigen stehen in Siegerpose auf den Schultern der Armut, mann ist nicht in der Lage, dem Jammer auf gleicher Augenhöhe ins Gesicht zu blicken, aus Angst vor dem Eingeständnis, dass die Position auf ihren Schultern nicht freiwillig gewährt wurde, sondern als unerträgliche, quälende, tödliche Last empfunden wird.

‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ ist nur die Hälfte der Realität, jeder ist auch der Schmied jedes anderen Menschen Glücks, das sollte unter der schützenden Membran von Selbstgerechtigkeit, Selbstzufriedenheit und hinter der Fassade der Heileweltheuchelei nie vergessen werden.

An was soll der Mensch noch seinen Wert messen, wenn seine Arbeit nichts mehr wert ist? An all dem vergänglichen Ramsch, der ihm von der Marketingbranche als unverzichtbar angedient wird, den er nach Abbezahlung der letzten Rate auf den Sperrmüll stellt, per Elektroschrott entsorgt oder in die Mülltonne wirft?


Wie ist es um eine Demokratie bestellt, die einen Teil ihrer selbst zum Bettlerdasein verurteilt? Unfreiwillig und ohne Schuld zum Bettler Gewordene, die um Geld betteln müssen, um auf niedrigstem, sozialem Niveau überleben zu können. Bettler, die um Arbeit betteln müssen um jeden Preis, in der Hoffnung, sich einen Rest Selbstachtung bewahren zu können, der ihnen durch eine Ausbeutungssituation wieder genommen wird. Menschen, die um Arbeit betteln, um nicht mit denen gleichgesetzt zu werden, die, gemäß einem altbewährten, von jeder Verantwortung befreienden Vorurteil, als unnützer, fauler Bettlermob in dem von Neid und Missgunst zerfressenen Gedankenwust der Mitwelt spuken. Bettler, die sich um jeden Preis die launische Duldung durch ihre Mitwelt erkaufen sollen? Wo bleibt da die ‚Würde des Menschen‘? Sie ist fragwürdig, und zwar auf beiden Seiten, aufseiten derer, die in diese Bettler- und Almosensituation gezwungen werden, aber vor allem aufseiten derer, die sich hinter Gleichgültigkeit, Unsolidarität und ausschließlichem Profitdenken verschanzen, die es eh und je vollkommen in Ordnung fanden und finden, dass große Teile der Menschheit hungern, an Körper, Seele und Geist verhungern, zum Vorteil des bequemen Wohlstands, in dem sich die Satten eingerichtet haben, zu dessen Verteidigung sie sich all derer bedienen, die sich per Demokratisierung des Luxus mit ein paar ihrem Reichtum ähnlichen, größeren Brosamen an Macht pflegen abspeisen zu lassen.
Das Pokern um die Arbeitslosenquoten hängt den Betroffenen schon längst zum Hals heraus. Es ist für sie unerheblich, ob es 9,5 oder 10 % sind oder wie für demnächst prognostiziert, 50 %. Diese Zahlen sollen nur die bei der Stange und demütig halten, die noch Arbeit haben. Mann schönt die Arbeitslosenzahlen, weil ihre wirklichen Werte zu sehr Mahnmal für das ­Versagen der Wirtschaft und Politik wären, die ganze ihnen zugrunde liegende Ideologie infrage stellen würden und die von ihnen praktizierte Demokratie, die als Füllhorn der Glücksgöttin propagiert wurde, sich als Büchse der Pandora entlarven könnte, aus der mit vollen Händen Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit, Entwürdigung, Erniedrigung, Ohnmacht, Demütigung, sozialer Psychoterror et cetera ausgestreut werden.

Was sie brauchte, war eine Arbeit zum Überleben, bis sie ins Rentenalter käme. Da sie mit ihren Bewerbungen bisher nur auf Ablehnung gestoßen war, suchte sie sich aus dem Telefonbuch die Nummer der Agentur für Arbeit in der nächsten Kleinstadt heraus, um dort nachzufragen, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gebe, sich über diese Institution vermitteln zu lassen. Zwei Tage lang versuchte sie erfolglos, telefonisch durchzudringen, entweder war die Leitung besetzt oder die Durchwahl, die sie von der Zentrale erhalten hatte, wurde blockiert, indem auf der anderen Seite der Hörer kurz aufgehoben und wieder auf die Gabel geworfen wurde. Frustriert setzte sie sich an den Computer und schrieb einen Brief, in dem sie ihre Situation schilderte und um einen Termin bat. Vierzehn Tage später erhielt sie die telefonische Auskunft eines Beamten, dass für ihren Fall nicht die Agentur für Arbeit zuständig sei, sondern die Agentur für Beschäftigung in der nächsten Großstadt, die Telefonnummer, um Näheres zu erfahren und einen Termin zu vereinbaren, könne sie sich aus dem Telefonbuch heraussuchen. Servicewüste Bürokratie oder ein Vorgeschmack auf Hartz IV? Abermals schrieb sie nach zahllosen Versuchen, telefonisch durchzudringen, einen Brief an die Agentur für Beschäftigung. Es dauerte erneut vierzehn Tage, bis die Antwort eintraf, dass ihr Fall erst geprüft werden könne, wenn sie einen Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach SGB II gestellt und alle dafür nötigen Unterlagen eingereicht hätte. Sie konnte mit dem Inhalt des Briefes nichts anfangen und versuchte, telefonisch herauszufinden, um welche Unterlagen es sich handle und wo oder wie sie ein Antragsformular bekommen könne. Das Einzige, was sie erfuhr, war, dass die in dem Schreiben angegebene Kontaktperson in Urlaub sei, und erhielt die Durchwahl von deren Vertretung. Eine geschlagene Woche verbrachte Silvi damit, telefonisch zu dieser Vertretung durchzudringen, auch hier war die Leitung ständig besetzt beziehungsweise der Hörer wurde kurz aufgehoben und wieder aufgelegt, um den Anrufer aus der Leitung zu werfen. Der Versuch, über die Zentrale zu dieser Vertretung durchzudringen, wurde auf die gleiche Weise abgeblockt und abgewürgt, wie es ihr ergangen war. Es gelang ihr jedoch, wenigstens dort in Erfahrung zu bringen, dass sie den Antrag persönlich bei der Agentur für Beschäftigung zu stellen und alle erforderlichen Unterlagen mitzubringen habe. Auf ihre Frage, welche Unterlagen das seien, wurde sie auf den Inhalt des Antrages verwiesen. Ihr Hinweis, dass es unlogisch sei, bei der Antragstellung die Abgabe von Unterlagen zu fordern, wenn die Information, um welche Unterlagen es sich handle, Teil des Antrages sei, den mann sich weigerte ihr zuzuschicken, rief Missstimmung auf der anderen Seite hervor. Silvi, ohnehin schon knapp bei Kasse, wollte nicht zweimal die teure Bahnfahrt in die Großstadt bezahlen müssen. Von diesem eingesparten Geld könnte sie locker eine weitere Woche überleben. Sozialhilfeempfänger gab es auch in ihrem Dorf, also fragte sie bei der Gemeinde nach, ob sie vielleicht dort diesen Antrag stellen könne, und wurde belehrt, dass das nur bei der Behörde in der Großstadt ginge, dass sie sich aber wenigstens schon einmal das Antragsformular bei der Gemeindebehörde abholen könne. Sie radelte zur nächstmöglichen Öffnungszeit dorthin, holte den Antrag, füllte ihn aus, trug die aufgeführten, nötigen Unterlagen zusammen und machte Kopien davon. Ebenfalls zum nächstmöglichen Termin fuhr sie in die Großstadt. Schon
von Weitem sah sie das Gebäude, das architektonisch wie eine Mischung aus Gefängnis und uneinnehmbarer Festung wirkte. Zur Öffnungszeit stand sie in einer der Warteschlangen im Empfangsbereich der Agentur für Beschäftigung, in einer tristen ­Atmosphäre von Leichengrau und verstaubten Kunststoffpflanzen. Der Raum war angefüllt mit einer Masse stummer Menschen, angeordnet in zwei endlosen Reihen. Ein großes Schild ersetzte die Kommunikation: „Ausweis bereithalten.“ Ein dichtes, aggressives Klima vibrierte vor und hinter dem Anmeldetresen. Silvi fühlte sich, als würde sie sich freiwillig zur Hinrichtung melden. Es dauerte lange, bis sie sich schrittweise dem brusthohen Tresen näherte, hinter dem stumm zwei Empfangsdamen von routinierter Eisigkeit die Daten der Menschenmassen in Computer einspeisten. Sie grüßte und reichte der Frau am Computer ihren Ausweis und das Schreiben der Agentur. Gruß- und blicklos tastete diese nach dem Ausweis, fütterte die Daten in das System ein und schob ihn ihr samt einer Nummer wieder zu, ergänzt durch den knappen Hinweis „dritter Stock“. Nummer 666 war sie vorläufig, bis sie bald eine echte Nummer im Gefüge der Ausgespienen sein würde. Sie musste erst noch lernen, dass mann sich hier nicht grüßte und nicht ansah. Menschen, die nur noch verwaltet werden, haben das Lachen verlernt, die anderen, die Verwalter, haben keinen Blick und kein Lächeln übrig für die würdelos Gewordenen. Mit ihrem Lächeln kam sie sich fehl am Platz vor und hilflos mit ihrem Bedürfnis nach Zwischenmenschlichkeit. Ein mit Menschen vollgestopfter Aufzug brachte sie in den dritten Stock, den ersten Stock des Leidens, dort wurde der Mensch endgültig zur Nummer degradiert. Am gleichen Tag erfuhr sie, dass es noch zwei weitere ­Stockwerke des Leidens gab, alle gleich trostlos, alle gleich stickig, angefüllt mit unglücklichen, verzweifelten, resignierten Menschen, die vermieden, einander in die Augen zu blicken. Zwei Drittel davon stammten aus aller Herren Länder, die Frauen sowieso standesgemäß in männlicher Begleitung, die Söhne und Väter in Begleitung ihrer Mütter und Frauen. Nur wenige junge Menschen waren vertreten, sie wirkten unruhig, ungeduldig, desillusioniert von Anfang an. Mit feindseligen, ja hasserfüllten Blicken musterten sie die Alten und die Ausländer. Bei der Nummernver­gabe am Empfang war es beinahe zu einer Prügelei gekommen, weil sich die patriarchalischen Clans weigerten, wie die anderen in der Schlange zu warten, sondern mit Massenmacht ihren Sonderstatus als Ausländer ausnutzten. Sie zischten einfach an den Wartenden vorbei, drängten sich mit Familienmacht in die vorderste Front und taten so, als würden sie die Proteste der anderen über diese Dreistigkeit nicht verstehen, so viel zur Integrationsfähigkeit dieser Mitbürger. Die meisten Frauen ohne Familienbegleitung, die wie Silvi ebenfalls stundenlang ausharrten, bis ihre Nummer aufgerufen wurde, waren ungefähr in ihrem Alter, sie tauschten wortlos scheue Blicke, es bedurfte keiner Worte, sie hatten wohl alle das gleiche Schicksal: zu alt! Zu alt für den patriarchalischen Jugendkult.


Es ist ein erbärmliches Geschäft und Gefeilsche mit der Not der ­Hartz-IV-Unkultur!!! Ob diese Menschen in Not unterbezahlt sind, trotz Tarif- oder Mindestlohn, ob die Arbeitsbedingungen verheerend und gesundheitsschädigend sind, ist dabei völlig gleichgültig. Nur der Erfolg der Vermittlung zählt statistisch.

Es geht nicht da­rum, diesen Arbeitslosen zu helfen, dauerhaft eine Arbeit zu finden, sondern einzig und allein darum, die eigene Jobsituation ­aufrechterhalten zu können. Ein übles, schmarotzerisches Verhalten, nicht nur an der Situation der Arbeitslosengeld-II-Empfänger, mit deren Not Schindluder getrieben wird, sie sind nur Mittel zum Zweck, sondern mann hält sich auch schamlos am Steuergut der Allgemeinheit schadlos, was aber nicht den Profiteuren angelastet wird, sondern den Hartz-IV-Menschen, über die sich der von der Boulevardpresse und entsprechenden ­TV-Sendern aufgehetzte Steuerzahler das Maul zerreißt, über Menschen, die durch ein bürokra­tisches System behandelt und verwaltet werden wie eine Viehherde, nach dem Motto: Friss, was wir dir bieten, oder verrecke! Sozialdarwinismus pur, wie es ihn auch zu Nazizeiten gab, zu denen ebenfalls das hoch gerühmte Wirgefühl herrschte, das sich jetzt wieder breitmacht in der Bevölkerung, ein extrem brauner Nationalismus, während der Staat schon pleite ist und nur noch die Reste von solchen unternehmerischen Machenschaften geplündert werden. Jeder bedient sich noch, so gut er kann. Leichenfledderei, dieses Mal unter dem sauberen Label der Demokratie, die Menschenrechte und die Menschenwürde wurden längst
ausgebucht wie veraltete Utensilien.

Ich frage die Satten, die Politiker, die Volksvertreter, die Pfarrer, die Priester, die Väter, die Mütter, all die Friedliebenden und Heileweltkandidaten im In- und Ausland: Warum und wofür werden ältere Arbeitslose auf diese Weise entmündigt und bestraft und für was?? Dafür, dass sie leben??? Ist Leben über fünfzig schon ein Verbrechen, das so bestraft werden muss??? Und wie verträgt sich die soziale Entmündigung dieser Menschen mit der Demokratie??? Wenn es darum geht, sich eine Meinung zu bilden über die Hartz-IV-Situation, werden feigerweise immer nur die gefragt, die von diesem Übel profitieren. Die, die unter der Situation leiden, kommen fast nie zu Wort. Ist es tatsächlich schon wieder so, dass in der Presselandschaft Zustände herrschen wie zu NSDAP- und SED-Zeiten, zu denen es auch nur noch eine „herrschende Meinung“ gab???
Silvi wusste nun, wovor sie sich immer gefürchtet hatte. In ihrer Gruppe, die an dem Projekt teilnahm, war die Hälfte der TeilnehmerInnen in psychotherapeutischer Behandlung, unter anderem wegen ihres unerträglichen Hartz-IV-Status und der gesellschaftlichen Ablehnung, die sie durch ihn erfahren, ein Drittel litt unter Suchtproblemen aus dem gleichen Grund und alle, auch die anderen nicht Therapierten und nicht Süchtigen hingen psychisch in den Seilen, sprachen immer wieder davon, vor der Situation zu stehen, Schluss zu machen, Selbstmord zu begehen, um aus diesem sinnlosen, entwürdigenden, entmündigenden bürokratischen Würgegriff wieder herauszukommen, für den sich weder die Satten noch die Politiker noch die Kirchen noch die Medien auch nur eine Sekunde interessieren.
Zehntausend Menschen nehmen sich in Deutschland pro Jahr das Leben, eine stattliche Kleinstadt, so um die 850 unglücklichen Bürger jeden Monat. Die Dunkelziffer ist hoch, mann rechnet mit zehn bis zwölf Mal so viel Versuchen, was bedeutet, dass um die 120000 Menschen jedes Jahr versuchen, aus dem unerträglichen Gesellschaftskrampf endgültig auszusteigen, eine ganze Großstadt. Die Gründe sind Gefühle des Versagens, des Verlassenseins. Die Aussagen der „Geretteten“: Ich gehöre nicht mehr dazu, ich bin nichts mehr wert, ich kann nichts mehr, ich bin anders, ich bin arm, ich bin arbeitslos und werde ausgegrenzt.

Wurden eigentlich schon einmal die toten Arbeitslosen gezählt, die an der Kaltschnäuzigkeit dieser Gesellschaft aus Kummer verreckt sind, die aufgaben und sich selbst töteten, weil sie den sinnlosen Frust, der sich Fortschritt nennt, nicht mehr mitmachen wollten, oder werden sie totgeschwiegen, wie mann einst die am System Frustrierten, Havarierten und Verreckten des Nazi­regimes und der Extäterä totschwieg? In der DDR gab es auch nur intern Statistiken über die Todesrate der vom System Frust­rierten, die statt der SED den Freitod wählten. Ist der Mensch nur durch seine Existenz schon ein wertvolles und würdiges Individuum? Dann wäre es auch jedes Scheusal in Menschengestalt. Wie werde ich ein wertvoller, würdiger Mensch? Durch Anschluss an einen fragwürdigen bis sinnlosen Massenkonsens, der nur dazu installiert ist, eine Machtstruktur aufrechtzuerhalten, die auf ewigen Konkurrenzkrieg und Profitwahn ausgerichtet ist?

Die Aussicht jedoch, in einer psychisch kranken, von Dekadenz gebeutelten Gesellschaft leben zu sollen, die Faschismus als Normalität einstuft, ist alles andere als verheißungsvoll. Das größte Problem ist, dass sowohl der christliche Aspekt der Nächstenliebe als auch der der Sozialethik durch patriarchalische Politik und deren Missbrauch durch die Wirtschaft unwiderruflich in Misskredit geraten sind. Worauf soll der Mensch heute noch vertrauen als darauf, dass er ausgebeutet und belogen wird, das ist das einzig Sichere in seinem Leben!“
Silvi stand auf, trat ein letztes Mal an den Teich, sah Tropfenringe im Wasser. Kein Regen, ihre Tränen, stumme Tränen. Solange das Leben, die Arbeit des Menschen, das Brot oder eine Frucht nicht wieder als Kostbarkeiten gelten, würde sich an der globalen Inhumanität nichts ändern. Die Absicht der Politik ging und agierte immer an den Menschen vorbei, die das Ergebnis zu tragen hatten. Sie ging langsam durch den Garten zum Haus zurück, streichelte mit ihren Händen über Blüten, Baumrinden, zerrieb ein Blättchen Ysop, ein Blättchen Salbei zwischen den Fingern und saugte den würzigen Duft ein, bedankte sich für alles Schöne und Wohltuende, das ihr durch dieses Stückchen Welt zuteilgeworden war, verabschiedete sich von den Vögeln, ...

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 492
ISBN: 978-3-99003-496-5
Erscheinungsdatum: 02.08.2011
EUR 20,90
EUR 12,99

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