Sonstiges & Allerlei

Das verzerrte Spiegelbild

Vesa Starabanja

Das verzerrte Spiegelbild

Leseprobe:

Der Spruch, der so viel in mir auslöste

„Bereue nichts, erst wenn es zu spät ist“, las ich in meinem geliebten Buch, welches voll mit Sprüchen und Zitaten war. Ich liebte dieses Buch. Ich hatte es seit bereits einem Jahr und ich hatte es immer noch nicht zu Ende gelesen. Als ich mit Mum in dem Einkaufszentrum war, welches nur fünf Minuten entfernt lag, sah ich das Buch. Es sprach mich direkt an. Ich las und erfand Sprüche aus Leidenschaft. Damals hatte es mir Mum nur gekauft, weil sie Mitleid mit mir hatte. Glaubte ich jedenfalls. Na ja, auch egal. Die Hauptsache war, dass sie es mir gekauft hatte. Der Grund war irrelevant.
Doch was sollte dieser Spruch? Der gefiel mir irgendwie gar nicht. Aber wenn ich ein bisschen darüber nachdachte … Er war vollkommen wahr. Irgendwie brachte mich der Spruch zum Nachdenken. Doch wieso nur? Ich hatte diesen komischen Spruch noch nie gehört und trotzdem empfand ich etwas Seltsames, als würde er auf mein Leben zutreffen.
„Sophia, komm jetzt endlich! Du hast mir versprochen, du hilfst mir bei meinen Hausaufgaben. Ich kann das einfach nicht. Ich hasse Mathe!“, hörte ich Adrian verzweifelt rufen.
„Ich komme in zwei Minuten, versuche es einfach nochmals!“, lautete meine Antwort.
Er seufzte so laut, dass ich es hören konnte, obwohl ich in meinem und er in seinem Zimmer war. Das war auf jeden Fall Absicht, damit ich hörte, dass er keinen Bock hatte zu warten. Ich durfte diesen Spruch nicht vergessen. Ich stand auf, nahm mein rot-gestreiftes Lesezeichen, legte es an die gewünschte Stelle, wo der Spruch war, und schloss das Buch.
Direkt links neben meinem Zimmer war das Zimmer meines drei Jahre jüngeren Bruders Adrian. Für seine zwölf Jahre war er ziemlich frech und eine totale Nervensäge. Er konnte mir so auf die Nerven gehen, dass ich übelste Kopfschmerzen von ihm bekam. Trotzdem wurde er von meinen Eltern bevorzugt. Doch wieso das so war, verstand ich nicht.
Eigentlich hätten meine Eltern viel mehr Rücksicht auf mich nehmen sollen statt auf diesen kleinen, dünnen Ruhestörer.
Er hatte ein viel leichteres Leben als ich. Während er so viel aß, wie er wollte, und kein Gramm zunahm, musste ich bei jedem Lebensmittel zweimal nachlesen, wie viele Kalorien es hat. Denn ich wollte nicht zunehmen. Ansonsten würde ich ja wieder einmal von meinen Mitschülern gehänselt und genervt.
Meine Eltern redeten mir ein, dass es völlig normal sei, mit fünfzehn auf das Aussehen zu achten. Doch wenn jemand in das gewünschte Schema nicht passte, wurde er beleidigt. Das glaubte ich aber nicht. Ich musste das ja schließlich hautnah miterleben, um zu wissen, wie ernst es werden konnte.
Als ich das Zimmer von Adrian betrat, sah ich als Erstes eine Chippackung und eine Cola auf seinem Nachttisch. Ich versuchte, es zu ignorieren und mich auf Adrians Hausaufgaben zu konzentrieren.
Wütend warf er mir sein Mathematikheft vor die Füße und meinte: „Ich will nicht mehr! Ich habe es nochmals berechnet und ich schaffe es nicht!“ Ich sprach ihm Mut zu und er war bereit, die Aufgabe nochmals gemeinsam mit mir zu versuchen. „Adrian, minus sieben minus vier gibt nicht minus drei!“, sagte ich. „Aber wieso denn? Wenn man von sieben vier subtrahiert gibt es ja drei!“, meinte er und warf mir einen traurigen Blick zu. „Nein Adrian, du musst bedenken, dass das negative Zahlen sind. Stell dir vor, du bist in einem Lift im minus siebten Stock und willst vier Etagen tiefer gehen. Im wievielten Stock bist du dann?“, fragte ich und schaute ihn hoffnungsvoll an.
„Ich glaube … ähm … im minus elften Stock?“
In dem Moment fühlte ich mich wie mein Grundschullehrer, der mir es vor drei Jahren exakt gleich erklärt hatte.
„Genau, super! Siehst du, du darfst niemals aufgeben. Du kannst das. Stell dir einfach immer diesen Lift vor. Ich verspreche dir, dass dir meine Erklärung helfen wird. Das Ergebnis ist also minus elf“.
„Ach jetzt verstehe ich das! Danke, Sophia. Könntest du mich jetzt bitte alleine lassen, denn ich muss mich konzentrieren!“
Ich schaute ihn verwirrt an und ging, ohne ein Wort zu sagen, ins Wohnzimmer.
Auf einmal klingelte das Telefon. „Wer könnte das außer meiner Mum schon sein?“, fragte ich mich. Meine neununddreißig Jahre alte Mutter wurde vor drei Monaten als Verkäuferin entlassen. Sie hatte Streit mit ihrem damaligen Chef. Was der Auslöser für diesen Streit war, verriet sie mir nie. Ich wusste nicht, wieso sie mir das verschwieg. Ich war ja schließlich alt genug, um solche Angelegenheiten zu verstehen.
Meine Mutter behandelte mich seit den Vorfällen und den Hänseleien in der Schule anders. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie meinte, sie müsse von nun an aufpassen, wie sie mit mir umging, da ich das ansonsten falsch verstehen könnte.
Ich war schon immer ein Mamakind und das Verhältnis zwischen uns war mehr als nur gut. Es war nahezu perfekt. Manchmal fand ich aber, dass meine Eltern mir bewusst Sachen erlaubten, die sie mir sonst nicht erlauben würden. Aus Mitleid eben.
Wie wäre mein Leben, wenn mich niemand mobben würde? Wenn ich diese unnötigen Kilos nicht auf meinem Körper hätte? Wenn man mich endlich als eine selbstbewusste, zufriedene, selbstüberzeugte und junge Frau bezeichnen würde? Wenn ich mit meinem Gewicht und mit meinem Körper zufrieden wäre? Wie wäre mein Leben, wenn ich ununterbrochen glücklich wäre?
Fragen, die ständig durch meinen Kopf gingen, doch auf die ich nie eine Antwort fand.
Meine Mutter war seit ihrer Kündigung auf der Suche nach einer neuen Stelle. Sie wollte noch den Beruf als Verkäuferin ausüben. Sie war ständig gestresst und häufig erschöpft von den vielen Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen. Die vielen Absagen, die sie kriegte, ließen Mum nicht kalt. Sie nahm das sehr persönlich und verstand den Grund nicht. Ich probierte öfter, es ihr zu erklären, dass es zu hundert Prozent nichts mit ihr zu tun hätte. Doch sie ließ sich nichts von einer Fünfzehnjährigen sagen.
Als sie endlich die Zusage für einen Job, der nur zwei Straßen entfernt war, bekam, waren wir umso glücklicher. Sie arbeitete den ganzen Tag von morgens bis abends. Außer am Mittag, da kam sie regelmäßig nach Hause und kochte für sich, meinen Vater, Adrian und mich. Das Abendessen bereitete immer mein Vater vor. Ich half mit. Ich machte mal den Abwasch und mal half ich ihm, den Salat vorzubereiten. Von Adrian war keine Hilfe zu spüren.
„Sophia Danson, hallo?“, nahm ich das Telefon fragend ab.
„Hallo Schatz, ich wollte nach dem Rechten bei euch fragen. Was macht ihr gerade und wo ist Adrian? Wie war es in der Schule und habt ihr schon zu Abend gegessen?“, fragte sie.
„Ja, Mama, haben wir. Papa und ich haben Pizza gemacht. Es war sehr lustig. Außerdem half ich Adrian bei seinen Matheaufgaben, da ich keine aufhabe“, sagte ich gelangweilt. „Freut mich, mein Schatz. Ich habe gerade fünfzehn Minuten Pause und dachte mir, ich rufe mal zu Hause an. Wie war es in der Schule?“, fragte sie gespannt nach.
Was sollte ich jetzt sagen? Sollte ich ihr die Wahrheit erzählen? Wenn ich ihr die Wahrheit beichten würde, würde sie mich wieder mit Fragen löchern. Ich wollte das nicht!
„Hm, Mum, es tut mir Leid, aber Papa ruft mich gerade. Bis später, hab dich lieb“, sagte ich und versuchte, der Frage auszuweichen.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, legte ich das Telefon auf.
War das die richtige Entscheidung?
Mir war klar, dass sie merkte, dass da was faul war. Eigentlich würde es mir tatsächlich guttun, mit jemandem darüber zu sprechen. Wie wäre es mit meinem Tagebuch? Ich ging in mein Zimmer. Auf meinem Bett sah ich mein geliebtes Sprüchebuch. Wieso war mein Lesezeichen auf einer Stelle? Ich war gespannt und öffnete diese Seite des Buches. „Bereue nichts, erst wenn es zu spät ist.“
Ich hatte diesen Spruch völlig vergessen. Ich las ihn ein zweites Mal durch. Ich bekam ein Kribbeln im Bauch. Wieso löste der Spruch so viel in mir aus?
Ich machte die Schublade des Nachttisches auf und nahm mein Tagebuch hervor. Mein Tagebuch war in meiner Lieblingsfarbe Pink. Durch die vielen Aufkleber war es ziemlich dick geworden. Früher hatte ich die Angewohnheit, nach jedem Eintrag einen Smiley-Sticker aufzukleben. Der Sticker entsprach meiner Laune. Mal war der Smiley glücklich, mal traurig. Die Aufkleber waren extra dick und mit Glitzer in Pink verziert – perfekt für mein pinkfarbenes Tagebuch.
Mein Tagebuch war schon fast voll. Nur noch wenige Seiten waren leer. Ich zählte nach. Es waren noch genau sechzehn Seiten unbeschrieben. Das sollte für sechzehn Tage reichen.
Ich öffnete es an einer leeren Seite und wollte das Datum schreiben. Natürlich mit meinem pinkfarbenen Glitzerstift.
Nach kurzem Überlegen fiel mir das heutige Datum ein. Der zwölfte Oktober zweitausendfünfzehn. Ich fing blitzschnell an zu schreiben.
Nachdem ich das letzte Wort geschrieben hatte, liefen mir einige Tränen hinunter. Meine Tränen drückten Schmerz aus. Grausamen Schmerz.
Ich wischte sie mir mit meinem Handgelenk ab, bevor Dad in mein Zimmer kommen und mich heulend im Bett sehen würde. Ich atmete tief durch und wollte den Eintrag nochmals in Ruhe laut vorlesen. Ich fing an:

Freitag, 12.10.2015

Liebes Tagebuch. Ich bin froh, dass ich dich habe und dir mein Leben anvertrauen kann.
Ich fange mal mit dem heutigen Morgen an.
Als ich um 7:15 Uhr meine beste Freundin, Alea, abholte, war sie mir gegenüber sehr abweisend. Sie wollte mir jedoch den Grund nicht verraten. Doch wie es sich rausstellte, bekam ich später den Grund zu hören. Was der Grund war, erzähle ich dir am Schluss.
Ich erkannte meine beste Freundin nicht mehr. Alea kannte ich schon seit klein auf. Meine Mutter war mit ihrer Mutter befreundet.
„Alea, mir geht es gar nicht gut! Eigentlich wollte ich nicht einmal in die Schule kommen. Ich habe Angst. Ich habe fürchterliche Angst. Ich möchte, dass die Hänseleien endlich aufhören!“, waren meine ersten Worte, als ich sie sah.
„Sophia, kann ich nicht einmal in Ruhe meine Schuhe binden? Hör auf mit diesem Gelaber, ich kann das nicht mehr hören!“, äußerte sie sich halblaut.
Was habe ich Falsches gesagt? Seit wann ist meine beste Freundin so? Ich hatte viele Fragen im Kopf, doch ich war still. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich war sprachlos.
Unsere Schule war ungefähr zehn Minuten entfernt. Wenn Alea und ich ein tiefgründiges Gespräch auf dem Schulweg führten, konnten es auch fünfzehn Minuten werden. Die ersten fünf Minuten des Schulweges liefen wir, ohne ein Wort miteinander zu tauschen. Doch dann begegneten wir Sina. Ich habe dir schon öfters von ihr erzählt. Sie geht leider mit Alea und mir in eine Klasse und hat einen extremen Hass auf mich. Durch sie begann auch das Hänseln in der Klasse.
Sina, die Hübscheste aus der Schule. Sina, die Beliebteste in unserem Schulhaus. Sina, die einen Traumkörper hat.
Ich kann ihren Namen nicht mehr hören!
Sina hat mein Leben zerstört!
Ihr Vater hat ein Unternehmen und ist reich. Das ist der Grund, wieso sie dauernd neue Markenkleider trägt. Das ist aber auch der Grund, wieso so viele sich bei ihr einschleimen.
‚,Na, du Schweinchen, auch hier? Dass du dich überhaupt noch mit deinem Gewicht in die Schule getraust “, bemerkte Sina.
Alea war still. „Sina, bitte höre auf. Wieso sagst du so was zu mir? Deine Worte verletzen mich“, sagte ich mit einem traurigen Blick. „Haha, ach Süße, du musst lernen, damit umzugehen. Du wirst immer gehänselt werden, wenn du nicht endlich abnimmst. Wie viel wiegst du überhaupt? Hast du den Elefanten schon eingeholt?“, fragte sie provokant.
Wusste sie überhaupt, was sie sagte? Wusste sie nicht, dass man einen Menschen mit solchen Worten verletzen kann?
Auch wenn ich mich schon ein bisschen daran gewöhnt habe, es verletzt mich immer wieder aufs Neue.
Wir ignorierten Sina, denn ich getraute mich nicht, etwas zu sagen. Wieso meine beste Freundin sie ignorierte, wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht.
Alea war normalerweise nicht so. Wenn jemand etwas gegen mich sagte, mischte sie sich sofort ein. Ich fühlte mich beschützt und verstanden von ihr.
„Alea, können wir bitte etwas langsamer laufen und Sina vor uns lassen? Ich möchte nicht, dass wir zusammen mit ihr laufen“, flüsterte ich Alea zu. Ich hatte Angst, dass Sina mich hören könnte. Doch zum Glück war das nicht der Fall.
Alea schaute mich verwundert an. Sie schaute so, als würde sie nicht verstehen, weshalb ich das gesagt hatte.
Sie meinte: „Nein, lauf jetzt weiter! Wir müssen in fünf Minuten in der Klasse sein!“
Was sollte ich nur sagen? Ich war verzweifelt, doch sagte nichts.
In der Klasse angekommen, sah ich endlich meinen besten Freund Leon. Den kennst du auch bereits, liebes Tagebuch. Leon ist mein bester Freund. Er ist wie ein Bruder für mich. Er stand mir zur Seite, als alle gegen mich waren. Er beschützt mich und ich bin überglücklich, dass ich ihn habe. Bei ihm fühle ich mich momentan sicher.
Ich begrüßte ihn wie gewohnt, doch Alea lief eiskalt an ihm vorbei.
Leon gehörte seit zwei Jahren auch zu uns. Wir nahmen ihn auf und wurden beste Freunde. Alea, Leon und ich – die drei Musketiere. So nannten wir uns, denn wir waren unzertrennlich. Viele Mädchen beneideten mich deswegen, denn Leon war ein absoluter Mädchenschwarm. Das war auch das Einzige, was an mir zu beneiden war.
Wir durften im Mathematikunterricht die Plätze selber aussuchen. Alea saß tatsächlich neben Sina. Als ich die beiden zusammen lachen sah, war das wie ein Stich ins Herz. Meine beste Freundin mit meiner Feindin lachend auf einer Bank.
Leon kam zu mir und ich fragte ihn, was los sei mit Alea. Er wusste es. Wieso wusste er das und ich nicht?
„Hatten wir Mathehausaufgaben?“, fragte Leon. „Nein, wir hatten keine, doch sag mir, was mit Alea los ist, und weich nicht ab!“, sagte ich wütend. „Ich erzähle dir alles in der Pause. Du wirst geschockt sein“, flüsterte mir Leon zu.
Unsere komische Mathelehrerin kam ins Klassenzimmer rein und der Unterricht begann.
Der Unterricht war sehr langweilig. Wer braucht in seinem Leben schon zu wissen, wie man einen Zins berechnet? Ich weiß jetzt schon, dass der Test über dieses Thema eine reine Katastrophe wird.
Als es endlich läutete, konnte ich es kaum erwarten, mir Leon zu schnappen. Wir hatten nur fünf Minuten Pause zwischen den Lektionen. Ich riss ihn an seinem Arm nach draußen und wir saßen auf einer Treppe.
Nachdem ich ihm erzählte, wie der Schulweg verlief, rückte er endlich mit der Sprache raus.
„Sophia, ich möchte nicht, dass du verletzt bist. Ich werde immer hinter dir sein, egal was passiert. Ich erzähle dir jetzt im Schnelldurchlauf die Geschichte.
Alea kam gestern nach der Schule zu mir und wir sprachen miteinander. Sie sagte mir, dass sie etwas bedrückt. Sie fing an zu erzählen, dass sie es satthat, als Außenseiterin bezeichnet zu werden. Die Schuld hat sie dir gegeben. Sie sagte mir auch, dass sie endlich zu den Cooleren gehören möchte, wie zum Beispiel zu der Sina. Sie sagte mir auch, dass, wenn du nicht ihre beste Freundin wärst, sie dann beliebter wäre. Ich habe das nicht verstanden, Sophia. Es tut mir so leid für dich. Ich kann dir nur raten, dich von ihr zu distanzieren.
Ich habe ihr natürlich gesagt, dass das sehr unfair dir gegenüber ist und sie falsch ist. Außerdem habe ich zu ihr gesagt, wenn sie nicht mit dir darüber spricht, kann sie mich vergessen!“, erzählte mir Leon mit einer zittrigen Stimme.
Ich war entsetzt, doch jetzt wurde mir auf einmal alles klar. Das komische Benehmen auf dem Schulweg. Die ignorante Art mir gegenüber. Dass sie mich nicht verteidigt hat, als Sina mir ihre Sprüche zuwarf. Dass Alea Leon nicht begrüßt hat, und das Schlimmste: Alea neben Sina auf einer Bank.
Ich brachte nichts aus mir heraus. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Alea, meine beste Freundin, ist nun auch gegen mich!
Leon wischte mir die Tränen weg. Ich bedankte mich bei ihm, dass er es mir erzählt hatte, und umarmte ihn ganz doll.
Er schaute mir tief in die Augen und sagte mir, dass ich auch mit meinem nicht zufriedenstellenden Gewicht wunderschön sei.
Als es anfing zu läuten, gingen wir zurück in die Klasse und ich war den ganzen Tag über nachdenklich.
Ich hing nur noch mit Leon ab und Alea mit Sina. Alea und ich hatten keine Worte mehr miteinander getauscht.
Ich bin glücklich, dass nun Wochenende ist und ich für zwei Tage nicht mehr in die Schule muss!
Meinen Eltern habe ich das natürlich verschwiegen. Mum hat nachgefragt, wie es in der Schule war. Ich wich von der Frage ab. Dad hat mich noch nicht gefragt, wie mein Tag verlief, doch ich denke, das wird noch folgen.
Ich bin überglücklich, dass ich dich habe, liebes Tagebuch. Hätte ich dich nicht, würde ich mit niemandem darüber sprechen.

Meine Hand fängt vom Schreiben schon an wehzutun und deshalb beende ich diesen Eintrag.

Xoxo, Sophia.

Ich spürte wieder, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Als ich sie wieder abwischte, merkte ich, dass ich den Sticker vergessen hatte. Irgendwie hatte ich keine Lust, aufzustehen und einen traurigen Sticker zu holen. Ich zeichnete einen weinenden Smiley neben meinen Namen.
Ich stellte fest, dass ich noch nie einen längeren Eintrag geschrieben hatte. Verblüffend, wie viel ich zu sagen hatte und mit niemandem darüber sprach.
Ich war schon immer ein sehr verschlossener Mensch und wollte mit keinem über meine Probleme sprechen. Ich mochte es nicht, wenn sich jemand Sorgen um mich machte. Dann fühlte ich mich schuldig. Ich fühlte mich so, als wäre ich es nicht wert, dass sich jemand Sorgen um mich macht.
Es gab wenige Menschen, die sich für mich interessierten. Zu denen gehörte natürlich Leon. Ich musste zugeben, Leon war ziemlich süß zu mir. War er manchmal vielleicht zu süß?
Ich stellte fest, dass er mir öfters tief in die Augen schaute und dabei sagte, dass ich wunderschön sei.
Er machte mir oft Komplimente. Ob ich lachte, weinte, verzweifelt oder wütend war, ich war immer schön für ihn.
Er wusste eben, wie er mich dazu brachte, stärker und selbstbewusster zu werden. Mit seinen Komplimenten erreichte er das auf jeden Fall.
Doch war das sein Ernst oder nur eine Ermutigung? Das wusste ich nicht. Ich dachte mir aber, dass er es nicht ernst meinte. Nein, eigentlich war ich mir sicher. Wer fand mich denn schon schön? Ich war nicht hübsch. Mit meinen überflüssigen Kilos fand ich mich selber hässlich.
Doch wieso machte mir Leon überhaupt ständig Komplimente? Fand er mich vielleicht doch schön?
Ach, ich hätte mir nichts einreden sollen. Leon war und bleibt mein bester Freund, mehr aus uns wird bestimmt nicht werden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-99048-989-5
Erscheinungsdatum: 31.07.2017
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