Sonstiges & Allerlei

Das Tabu

Karin Henoch

Das Tabu

E-Mail-Roman

Leseprobe:

Erstes Kapitel

Betreff: contact
Datum: Sonntag, 29. August 2000, 12.38 Uhr


Hallo Gabriele,
bitte nicht wundern, es ist alles in Ordnung, so wie abgesprochen.
Du hast vorgestern nach unserem Meeting leider keine Visitenkarte dagelassen. Ihr habt ja eine Website, dort habe ich eine Adresse von Dir gefunden. Die wird wohl noch aktuell sein, auch wenn ich Euch eine neue, nette Website zaubern soll und Ihr alles modernisiert.
Ja, nun weiß ich nicht, wann Du so in Deine E-Mails guckst. Hm … Wo fange ich an? Ich beginne mal beim Einfachen: Ich hoffe, Du warst mit meinen ersten Ideen für das Design auch später noch zufrieden und kannst das morgen in Eurer Dienstberatung überzeugend rüberbringen. So, hm.
Du bist die erste Besucherin in meinem Studio (von Besuchern ganz zu schweigen), die sich Gedanken über den Hintergrund des großen Fotos da an der Wand über meinem „Cockpit“ gemacht hat. Diejenigen, die es überhaupt wahrnehmen,
kommentieren die fotografische oder grafische Seite, aber so wie Du hat noch niemand darauf reagiert. Du hast wie hypnotisiert darauf gestarrt und Dein Kommentar kam so aus Deinem Innersten. Das ging mir unter die Haut. Leider mussten wir ja die Zeit für ein Arbeitsgespräch nutzen. Ich hatte das Gefühl, wir hätten uns stattdessen mit einem Glas Wein in die Sitzecke kuscheln und in sehr weitgehende Betrachtungen vertiefen können. Als Du gingst, habe ich das sehr bedauert und es fiel mir schwer, mich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren.
Na ja, ich habe gedacht, ich müsste mich melden, wenn ich in Kontakt mit Dir bleiben will. Du übergibst das Projekt an eine Mitarbeiterin, da haben wir dienstlich nichts mehr miteinander zu tun.

Jetzt, während ich schreibe, merke ich schon: Ich lehne mich gefährlich weit aus meinem „Aussichtsturm“ hoch über der Stadt, da draußen pfeift ein heftiger Wind. Du sagtest ja zu dem Foto: Aha, die Höhe verschafft Abstand und Sicherheit. Aber schon das Hinauslehnen ist gegen die Sicherheitsvorschriften. Nun ist es passiert …
Viele Grüße,
Gabriel



Subject: Re: contact
Sent: Monday, August 30, 2000, 03.29 PM


Guten Tag, Gabriel,
solche netten E-Mails sind rar ;-). Dankeschön!
Zunächst das Dienstliche: Ich mache keine Abstriche an meiner Meinung, dass Deine Entwürfe funktional und ästhetisch ansprechend sind. Ich hatte erst einige Zweifel die Farbauswahl betreffend. Inzwischen denke ich, das passt gut. Ich musste nur umdenken und von Farbauswahl habe ich nicht so viel Ahnung, da nehme ich gern einen Rat an. Kurz und gut: Ich habe das Team überzeugen können, dass wir Deine Vorschläge annehmen. Es gibt einige kleine Änderungswünsche die Systematik betreffend. Das wird Dir meine Mitarbeiterin zuschicken.
Und nun zum inoffiziellen Teil:
Mir hat das Gespräch letzten Freitag, abgesehen von Deinen wirklich interessanten Entwürfen, ebenfalls gutgetan. Danke auch für den Tee! Bestimmt gibt es ganz viele sensible Menschen, die Dein Foto durchaus bemerken. Aber die meisten verstecken das lieber. Wahrscheinlich waren wir beide sehr offen für Empfindungen. Wie ich sehe, bist Du auch offen für Mitteilungen über Deine Empfindungen. Aus Deinem „Aussichtsturm“ hast Du Dich hinausgelehnt? Das ist wirklich etwas gefährlich da oben, in der fünfzehnten Etage. Der Ausblick über die City ist wunderschön. Mir war aber schon ohne Hinauslehnen etwas schwindlig. Ich wohne nur im sechsten Stock, das reicht mir schon. Ich habe auch nicht so eine tolle Aussicht. Also, ich hätte schon Lust dazu, weiter mit Dir zu plaudern, ist sehr angenehm. Abends bin ich meist mit allen nur möglichen Verpflichtungen besetzt. Wir können ja mal zusammen frühstücken gehen, Du bist doch freischaffend und kannst Dir Deine Zeit einteilen. Ich fange erst am Vormittag an, im Büro zu arbeiten, nicht so früh.
Eine Bitte noch: Das hier ist meine Dienstadresse. Es könnte ein bisschen peinlich werden mit privaten E-Mails, wenn meine Sekretärin, eine ältere Dame in Teilzeitarbeit, morgens die Post durchsieht. Sie würde mich grinsend fragen: Was soll ich in diesem speziellen Fall antworten? Was hätte sie Dir heute wohl schreiben sollen?? Aber sie war nicht da, sie hat sich krankgemeldet. Glück gehabt :-).

Ich leite Deine E-Mail weiter an meine private Adresse zu Hause und melde mich von dort noch einmal bei Dir. Okay? DFÜ ist wirklich eine bemerkenswerte Erfindung!
Viele Grüße,
Gabriele



Betreff: Re: contact
Datum: Montag, 30. August 2000, 22.54 Uhr


Hallo Gabriel,
die Umleitung ist hier angekommen! Meine Montagnachmittag­antwort an Dich bestimmt auch.
Wie Du siehst, schreibe ich zu Hause noch mit dem guten alten crosspoint.
Weil ich mich von alten Dingen immer so schlecht trennen kann, wenn sie funktionieren. Es ist so altmodisch, dass es nicht mehr lange gehen wird.
Abends (oder nachts) sitze ich oft noch über privater „Korrespondenz“. Da ich noch einige Briefe schreiben muss, habe ich mir eine CD gegriffen und warte auf eines meiner Lieblingslieder von Katzen-Stefan alias Yusuf Islam: Hard headed woman. Kennst Du garantiert.
„I know a lot of fancy dancers, people who can glide you on a floor, they move so smooth but have no answers … O I know many fine feathered friends, but their friendliness depends on how you do. I’m looking for a hard headed woman …“ Das hat nix mit Feminismus zu tun.
So long, herzliche Grüße
A.?Z. Gabriele



Betreff: Noch mehr contact
Datum: Dienstag, 31. August 2000, 01.27 Uhr


Liebe Gabriele,
um die zeitliche Dimension der Ereignisse zu ordnen:
1. Ich kam nach einigen Außenterminen zurück ins Studio
2. Ich fand Deine E-Mail Nr. 1 aus Deinem Büro
3. Ich antwortete Dir an selbige Adresse mit der Frage, wohin ich zukünftig senden soll (Text siehe unten)
4. Ich schickte meine Antwort an Dich ab (und bin gespannt, was Deine ältere Dame dazu sagt, falls sie morgen wieder gesund ist)
5. Ich sah noch einmal nach, ob inzwischen weitere Nachrichten eingetroffen sind – und finde einen zweiten Brief von Dir, wow!

Ich lese gerade etwas genauer nach und muss zunächst gestehen: Ich bin zwar ein waschechter Wessi, kann aber nur ganz schlecht Englisch. Ich habe eine humanistische Ausbildung genossen, Altgriechisch und Latein waren meine Leib- und Magensprachen. Danke für das Zitat von Katzen-Stefan (Woher hast Du denn diesen Ausdruck?), ich muss leider passen.
Den Rest kannst Du gleich weiter unten nachlesen.


Betreff: Fw: contact
Datum: Montag, 30. August 2000, 23.30 Uhr


Liebe Gabriele,
ich gebe unumwunden zu, heute erwartungsvoll meinen E-Mails entgegengesehen zu haben. Und tatsächlich, eine Antwort von Dir war dabei. Ja, Du hast recht, eine tolle Technik. Am liebsten würde ich Dich jetzt hierherbeamen, oder mich zu Dir (die vielen Abendtermine sind bestimmt vorbei), dann könnte ich Dich auch sehen – aber dafür gibts noch keine Technik.
Die Bezeichnung „Aussichtsturm“ für mein Studio hoch über der Stadt ist – das ahnst Du sicher – eine Metapher. Einmal, weil man einen gewissen Abstand zur Rest-Welt bekommt, während man auf sie draufschaut, und zum anderen, weil die Rest-Welt einen nicht so leicht vereinnahmen kann. Beobachtungsposten und Schutzwall in einem.
Und wenn ich Dir so eine E-Mail schreibe, einer mir eigentlich unbekannten Frau, die lediglich kommt, um einen Auftrag zu besprechen, dann bin ich selbst etwas überrascht über mich. Ich kann es (noch) nicht erklären, aber es war so schön, dass Du hier warst, Du hast mir so gut gefallen, ich habe mich den ganzen Tag so wohlgefühlt und so gern an Dich gedacht. Das war nicht einfach nur Deine und meine Offenheit. Ich kann mich nicht erinnern, an eine eben mal so hereingeschneite Auftraggeberin vergleichbare E-Mails geschickt zu haben. Zum Thema „Offenheit“ wären dann doch noch einige Worte zu verlieren.
Zu Deinem Vorschlag: Frühstücken ist gut. An den Wochen­enden bin ich oft nicht in der Stadt, stattdessen draußen in der Natur. Da restauriere ich eine alte Kate und genieße die Ruhe und die weite Landschaft der Uckermark. Aber da musst Du Dich bestimmt auch um Deine Familie kümmern? Ein guter Termin wäre für mich zum Beispiel der Mittwochmorgen. Ich habe am Vormittag regelmäßig einen Termin in der Nähe Deines Büros. Wir könnten uns irgendwo zum Frühstück treffen, wenn Du das mit Deinen Arbeitsterminen vereinbaren kannst. Sollte Dir ein solcher Termin passen, hast Du vielleicht eine Idee für einen Ort?
Jedoch nur, wenn Dir wirklich danach ist. Keinen Stress. Bitte nie Verpflichtung.

Und wenn Du Lust hast, Dich mit mir auf diesem elektronischen Wege weiter zu unterhalten, bin ich sofort dabei.
Jetzt ist es eigentlich an der Zeit, schlafen zu gehen. Aber ich bin nicht müde, trotz eines harten Tages. Es ist so spät, ich übernachte heute im Studio. Draußen sausen die Laserstrahlen über die Stadt. Ich habe „Genesis“ aufgelegt … Ich verabschiede mich jetzt trotzdem von Dir, es fällt mir aber sehr schwer.
Liebe Grüße,
Gabriel

P.?S.: An welche Adresse soll ich eigentlich senden? Diese oder besser die „private“?



Betreff: Re: Noch mehr contact
Datum: Dienstag, 31. August 2000, 08.50 Uhr


Hallo Gabriel,
soeben habe ich Deine nachmitternächtlich abgesendeten ­E-Mails entdeckt. Oh, oh, Gabriel, was ist das? Sind Deine ­E-Mails Gefühlsausbrüche, Hilferufe „vom Turm“? Ich habe keine Probleme mit Deinen Rufen. Sympathiebekundungen sind doch etwas sehr Angenehmes oder nicht? Sie schmeicheln unserem Ego, sieh Dir selbst tief in die Augen! Vielleicht sind ja meine Antworten so eine Art Hilferuf? Dabei hatte ich mir vorgenommen, endlich erwachsen zu werden, das heißt endlich zu lernen, allein sein zu können und keine Katastrophen mehr erleben zu müssen. Dazu würde ich am liebsten auf so einen Turm klettern, wie Du ihn hast, und mindestens ein Jahr Zeit haben, ein Buch zu schreiben. Ein Katastrophenbuch, aber ein mehr heiteres. Welche Aufgabe mag dahinterstecken, wenn mir ein gewisser Gabriel so nette E-Mails schickt? Ausgerechnet Gabriel! Gabriel und Gabriele, ein neckischer Zufall oder unabdingbare Notwendigkeit oder ein Wink mit dem Zaunpfahl? Na, mal sehen. Wie Du sagst, ohne Stress. Ich habe schon genug Stress mit dem Alltag.
Apropo (Shit, wie schreibt man das?) Familie: Ich bin eine alleinerziehende Mutter einer Tochter in der Pubertät. Ich muss viel arbeiten und sie ist zu viel allein, seitdem eine Freundin im Haus weggezogen ist, die sie am Nachmittag betreut hat. Deshalb kann ich auch nicht abends so oft weggehen. Ich muss meinen Mutterpflichten nachkommen. Eigentlich nehme ich nur unabwendbare dienstliche Termine abends wahr. Passiert leider häufiger, dass ich auch so spät noch unterwegs bin. Da bleibt für private Vergnügungen kaum noch Zeit. Ein Freund versucht mir seit Langem einzureden, ich hätte eine große erotische Ausstrahlung und müsste mich nicht retten können … Aber ich lache ihn aus und frage: Wo sind sie denn, die sich so angezogen fühlen? Das endet regelmäßig im Streit. Na warte, er wird demnächst Vater, da wird er mal sehen, wie das ist mit den Außenkontakten.
Ich fahre an den Wochenenden auch manchmal raus, in die Altmark zu Freunden. Das ist ein bisschen Ersatz für die grünen Wiesen aus der Kindheit.
Verdammt, die Zeit läuft weg. Ich merke schon, ich schreibe Dir total gern Briefe. Aber wer zum Teufel bist Du eigentlich???

E-Mail ist echt geil (würde meine Tochter sagen). Kennst Du den Film „E-Mail für dich“ (oder mich?) mit Tom Hanks? Ich auch nicht. Der soll sehr sentimental sein. Ich kann den genauen Titel nicht im Internet recherchieren, so „modern“ bin ich privat noch nicht. Kommt aber demnächst dran. Neue Technik nervt mich immer total.
Tut mir leid, Dich mit Englisch gestresst zu haben. Das ist aber sehr ungewöhnlich: Ein Wessi* ohne Englischunterricht :-0. Schau mal an. Da habe ich ja einen Wissensvorsprung als Ostfrau. Hm. Und es kommt noch dicker: Ich habe auch eine „humanistische“ Schulausbildung genossen, wenn ich es an den Sprachen festmache wie Du. Ja, ich habe eine Schule mit Altsprachenzweig besucht: Griechisch, Latein und Hebräisch. Hört, hört, das gab es im Osten auch! Leider wurde ich gegen meinen Willen in den naturwissenschaftlichen Zweig gesteckt (da haben wir sie wieder, die Diktatur, grins). Ich musste höhere Mathematik pauken und konnte so nur nebenbei und freiwillig das kleine Latinum machen. Schade. Weil wir gerade bei den Vor- und Rückständen in puncto Bildung sind: Für viele Deiner Kollegen westlich der Elbe war ich vor zehn Jahren die junge Frau mit der auf Bananenart halb geschälten grünen Gurke auf dem schnuckligen Nachwendeplakat, auf dem da stand: Gabis erste Banane! Alles klar?
Herzlichst, „Gabi“ ;o))

* Letztens schickte mir ein Bekannter aus „alten Zeiten“ eine Postkarte, die Vorderseite gelb, schwarz umrandet, mit der Aufschrift: WESSIFREIE ZONE! Ehrlich gesagt, ich finde das blöd. Obwohl ich manchmal auch die Faust in der Tasche ballen muss. „Eure“ Witze über DAS OSSI sind genauso blöd.



Betreff: Vergessen
Datum: Dienstag, 31. August 2000, 09.37 Uhr


Noch mal hallo!
Damit Du nicht sauer bist: Ich muss ja noch auf Deinen Vorschlag wegen des Frühstückens eingehen. Ich war ein bisschen leichtsinnig. Es geht diese Woche nur am Freitag früh oder nächsten Freitag früh. Du musst Dich beeilen, sonst sind die Termine weg! Aber es findet sich Zeit, weil ich sie ja haben will.
Tschüss,
Gabriele



Betreff: Schnell-contact
Datum: Dienstag, 31. August 2000, 10.33 Uhr


Wow! So ein langer Brief, leider muss ich jetzt loslegen zu arbeiten und kann Dir nicht ausführlich antworten, erst heute Abend beziehungsweise Nacht wieder. Deshalb ganz kurz:
1. Keine Angst, das sind keine Hilferufe meinerseits. Eher überschäumende Kommunikationslust und dazu noch auf eine sehr ungewöhnliche Art, die mir Spaß macht.
2. Ja, Du hast eine sehr erotische Ausstrahlung. Wenn andere das nicht merken, kann ich ja nix dafür. Außerdem ist das eine sehr individuelle Angelegenheit, was Mann erotisch findet.
3. Ja, ich möchte ein Frühstück mit Dir, Gabi, buchen, zum Beispiel nächsten Freitag 9.00 Uhr an einem Ort Deiner Wahl. Oder an irgendeinem anderen Tag, sobald Du kannst.
Bis später, liebe „Gurken-Gabi“ (’tschuldigung)
Gabriel



Betreff: Wieder zu Hause …
Datum: Mittwoch, 01. September 2000, 00.48 Uhr


Liebe Gabriele, ich bin endlich zu Hause, habe mich ein wenig gesammelt, etwas gegessen und versuche, vom Arbeitstrip runterzukommen. War ein anstrengender Tag heute.

Aber das sind nur die kleinen Lappalien des Lebens, die großen Fußnoten stehen ganz woanders. Ich habe mir unsere E-Mails ausgedruckt, um sie richtig zu sortieren und hintereinander zu lesen.
Ich möchte mich ein bisschen entschuldigen für meinen „schnellen contact“ heute Morgen und vor allem für die „Gurken-Gabi“. Ich hätte das so nicht schreiben sollen, wir kennen uns doch gar nicht.
Es kommt mir jetzt ziemlich unangemessen vor. Ich wollte Dir einfach ganz schnell antworten, weil ich mich so gefreut hatte über Deinen langen Brief und dadurch einfach übermütig wurde. Ich hoffe, Du bist mir nicht böse.
Ich habe so viele Fragen zu Deinem Brief. Was meinst Du damit, wenn Du über die Aufgabe nachdenkst, die dahinterstecken könnte, wenn Dir ein gewisser Gabriel nette E-Mails schickt? Da bin ich aber mal gespannt.
Welche Aufgabe steckt denn dahinter, wenn eine gewisse Dame Öffentlichkeitsarbeit namens Gabriele höchstpersönlich in mein Studio kommt unter dem Vorwand, sie müsse den Gestalter der neuen Website ihrer Organisation höchstselbst auf die Gediegenheit seiner Arbeit testen? Da muss es doch einen anderen Grund geben!? Den sollten wir herausfinden. Mehr Fragen: Wie kommt es, dass Ihr im kommunistischen Osten das kleine Latinum machen oder gar Hebräisch lernen durftet? Ist mir völlig neu! Ich dachte, Ihr habt fleißig die russische Sprache gepaukt und aus unabwendbaren Gründen noch Englisch gelernt. Habt Ihr etwa Cat Stevens (alias Steven Demetre Georgiou) Texte durchgenommen und dabei gekifft?
Bei alldem bekomme ich nun wirklich das Gefühl, es wäre besser, über solche komplexen Fragen zu sprechen, statt zu schreiben. Wenn ich dann noch nach der Tochter frage und warum Du unter der durchschnittlichen Zahl der Lebendgeburten pro Ostfrau liegst … Oder wenn ich Dir erzählen wollte, wie ich in die Uckermark geraten bin und was ich da genau mache. Das ist alles zu viel zum Aufschreiben. Jedenfalls im Moment, wo ich sehr müde werde.

Zum Schluss: Der Film „E-Mail für dich“ ist ein ziemlich ­kitschiger Kinderfilm, leider, das hätte nicht sein müssen. Die beiden, die sich da gemailt haben, kannten sich nicht, jedenfalls glaubten sie das und haben sich deshalb gemailt.
Ich maile Dir, weil ich Dich gesehen habe.
Ich glaube, ich falle jetzt wirklich gleich um.
Ich melde mich morgen wieder.
Gute Nacht, Gabriel



Betreff: Re: Schnell-contact
Datum: Mittwoch, 01. September 2000, 01.49 Uhr


Hey, Gabriel,
Du meintest gestern
1. Keine Angst, das sind keine Hilferufe meinerseits. Eher überschäumende Kommunikationslust …
Aha. Was sagt der Heinichen dazu: communicatio = Mitteilung, spl. orationis = Teilnahme, Gemeinschaft
Ergo: Du hast eine überschäumende Lust auf Mitteilung, Teilnahme und Gemeinschaft (sinnbildlich). Also kein Hilferuf, sehr schön. Das ist doch mal richtig gut nach so viel Seelenmüll, den die Männer bisher bei mir ausgek… haben.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 324
ISBN: 978-3-99003-205-3
Erscheinungsdatum: 07.09.2010
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre