Sonstiges & Allerlei

Das Lazarettkind

Sarah Samuel

Das Lazarettkind

Leseprobe:

Kapitel 1

Wie schön es wäre, mein geliebtes Paris einfach nur als Besucherin zu genießen, wenn nicht das Grab am Ende des Weges wartete!
Paris, die Stadt der Leichtigkeit, die Stadt voller Träume. Anfang März und die Forsythien prangen bereits mit gleißendem Gold in den Gärten und Parkanlagen. Nur das schüchterne Azur des Himmels lässt ahnen, dass diese Blüten lediglich Vorboten sind, die einem farbentrunkenen Lenz freudig voraneilen. Eine tüchtige Brise treibt milde, herbsüße Luft aus den Fluren der Normandie mit sich her. Die Gesichter der Menschen beginnen, die grämliche Trübseligkeit des Winters wie zu lange getragene Trauerkleidung abzulegen. Junge Paare nehmen die neue Saison der Flirts und Liebschaften beflügelt in Besitz, Hand in Hand, flüchtige Küsse austauschend, die unfertig im Wind flattern.
Vor Kurzem noch Wien. Ein tristes, harsches, winterliches Wien. Schmutzige Schneereste befleckten die Gehsteige wie Wundmale. Dürres Geäst im Milchschaum des Nebels. Dumpfe, morose, eingefrorene Mienen. Über den Wolkenbauschen auf Schwingen dann, metallisch und glatt. Starr im eisblauen Himmel schweben und doch schwerelos im Äther vorwärts gleiten. Nach wenigen Stunden ein beseligter Wechsel der Jahreszeiten. Der Duft des aufkeimenden Frühlings im Jardin du Luxembourg. Sonnenstrahlen tanzen ausgelassen auf den Straßen. Scharen munterer Gäste auf den endlich, nach den Monaten der beharrlichen Kälte, der triefenden Nässe, der schwermütigen Düsternis, in fröhlichem Glanze wiedereröffneten Caféterrassen im Quartier Latin und auf der Ile de la Cité.
Welch einen heiteren Empfang hat Paris für meine Mission des Gedenkens vorbereitet! Eine Mission, die eher zu einem Allerseelentag passt als in eine Zeit der zu erneutem Wirken und Gestalten strebenden Natur. Eine Mission überdies, die mein Innerstes bewegen und aufwühlen wird wie keine andere meiner Unternehmungen zuvor.
Unser erster Rundgang nach der Ankunft führt unverzichtbar auch auf den Boul´ Mich´, meinen mythischen Ort, den Boulevard der Rebellion, wo noch immer die Aschenglut meiner verlorenen Ideologien glost. Die erregenden Tage der Mairevolution 1968. Und ich als Studentin in Wien, die mit brennendem Sinn den Aufruhr aus der Ferne verfolgte. Ich bewunderte die Pariser Studenten, die ihren Marx, Bakunin, Kropotkin, Trotzki und Marcuse gelesen hatten und sich auf diese Propheten beriefen, um endlich den faschistischen und autoritären Stumpfsinn der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinwegzufegen. Sie trachteten, voller Beherztheit und voller Ideale, den Geist der Aufklärung, den Geist des klaren Lichtes, nach einer langen Epoche der Unterdrückung unter den neuen Flaggen des humanistischen Existentialismus und des solidarischen Trotzkismus in Europa wiederzuerwecken. Der Hauch der Freiheit wehte durch die Welt. So wie die Rebellen erschauderte ich in ohnmächtigem Zorn vor der gewalttätigen Reaktion der Reaktionäre, mit ihren geballten paramilitärischen Sondertruppen der Polizei und ihren bezahlten Schlägerbanden auf dem Boulevard Saint-Michel, dem Hitzepol des Aufstandes.
Wie so oft übernachten wir in einem jener anheimelnden, im klassizistischen Stil erbauten Hotels im fünften Arrondissement, die meist von Vietnamesen geführt werden und den Charme einer Pariser Herberge des 19. Jahrhunderts wie ein Kleinod behütet haben. Vielleicht sind schon Figuren aus Romanen Balzacs oder Erzählungen Maupassants in solchen Etablissements abgestiegen, als sie in die Hauptstadt kamen, um Erbschaftsangelegenheiten zu regeln oder la vie parisienne kennenzulernen.
Das Viertel um das Hotel besitzt Flair und Atmosphäre. Altmodische Buchläden, Antiquariate und Kunstgalerien. Coole Jazzlokale. Traditionsreiche Bäckereien und Kaffeehäuser. Chinesische, vietnamesische, indische und italienische Restaurants. Studentenvolk der nahen Universitäten belebt die schmalen Gassen. Es revitalisiert das historische quartier immer wieder aufs Neue mit jugendlichem Geist. Ruth und mich erfüllt es mit Erstaunen, wie das Viertel vergangene Zeitalter absorbiert und bewahrt hat und das Beste davon, mit Raffinesse und Geschmack ausgewählt, in die Zukunft projiziert.
Wir wohnen in der Mansardenetage des Hotels. Das stellt sich zwar als etwas beschwerlich heraus, aber von dort aus kann man gewissermaßen als Entschädigung zumindest die obersten Abschnitte der Türme von Notre Dame erblicken, die wie zwei immerwährende Eckpfeiler des Christentums in den blassblauen Himmel ragen. Beschwerlich deswegen, weil der Aufzug seltsamerweise nur bis zur vierten Etage fährt und dieser Umstand die unangenehme Konsequenz hat, dass die Koffer über die letzte Wendeltreppe zwischen den hohen Stockwerken mit der Kraft der Arme hinaufzuschleppen sind. Und die Gäste müssen es mit ihren eigenen Armen tun, denn hilfreiche Pagen hat diese Preisklasse von Hotels schon seit Jahren nicht mehr zu bieten.
Die Einrichtung des Zimmers kommt etwas zu sehr dem Geschmack der Touristen – oder was der Besitzer dafür hält – entgegen. Prunkstück ist das große, in hygienisch sauberem Weiß erstrahlende Badezimmer, das selbst den höchsten Ansprüchen gerecht wird. Die Ästhetik des Äußeren gilt eben in Frankreich immer noch als eine bestimmende Kategorie. Willkommen ist uns auch der kleine Tisch, Pseudo-Empire oder Pseudo-Louis-Seize, wer kann das schon wissen, den wir unter ein Dachfenster schieben, um von der durch die Frühlingssonne gespendeten Helligkeit zu profitieren. Wir haben immer etwas abzufassen, eilig hinzuwerfen oder schriftlich aufzuzeichnen und festzuhalten – Ansichtskarten, Briefe, Notizen, Gedankensplitter und Reisetagebücher. Il faut écrire comme tout le monde, so wie alle Welt muss man schreiben, wie es bei Voltaire heißt.
Das breite, Wohlgefühl ausstrahlende Doppelbett gewährt uns, nach den Mühen der Reise, eine erholsame Nestgeborgenheit in der ersten Nacht in Paris. Am nächsten Morgen gehen wir durch unsere übliche Routine, mit einem zärtlichen Kuss nach dem Aufstehen und der gemeinsamen Toilette im Badezimmer. Ruth pflegt sich gerne nackt und genießt meine Blicke auf den Perlenschmelz ihres Körpers. Jede Pore ihrer Haut, jede Faser und jede Ader ihres Leibes sind mir wohlvertraut und doch auch etwas Fremdem zugehörig, bei mir beheimatet und entrückt zugleich. Ruth ist ein Teil von mir und dennoch die unergründliche Andere. Die anderen müssen nicht immer die Hölle sein, aber unfassbar und ferne bleiben sie allemal. Gut möglich, dass Sartre seinen Aphorismus gleichfalls so meinte.
Auch die sinnende Philosophin des Seins mit ihren ontologischen Betrachtungen zum Tagesanbruch braucht Nahrung. Der Frühstücksraum liegt im Souterrain, weil im Erdgeschoss dafür nicht ausreichend Platz vorhanden ist. An den Wänden hängen Fotos und Impressionen, die mit Saigon beschildert sind – der Eigentümer hat sich offensichtlich noch nicht an den verordneten Namen Ho Chi Minh City gewöhnt. Dazwischen die unvermeidliche Graphik des Eiffelturms, wohl bei einer Trödlerbude am Seinekai erstanden und zur Erinnerung angebracht, dass wir uns schließlich doch in Paris befinden. Es gibt kein opulentes Frühstücksbüffet, das aber für uns ohnedies verzichtbar ist, denn wir sind mit Kaffee, tartine und croissant zufrieden. Ich darf auch auf der Reise nicht vergessen, am Morgen meine Thrombo ASS zur Verminderung des Auftretens von Blutgerinnseln einzunehmen. Seit einigen Monaten machen mir zuweilen Herz- und Kreislaufprobleme zu schaffen.
Der gesprächige patron, der sein Lächeln bis über die Backenknochen hinaus streckt, erzählt von seinem Vater, einem jener Vietnamesen, die nach der verheerenden Niederlage von Dien Bien Phu und dem Rückzug aus Indochina von der ehemaligen Kolonialmacht mildtätig aufgenommen wurden, falls sie ihre Loyalität zu Frankreich bekundeten. Er muss sich oft bei seinem Spürsinn bedankt haben, denn so blieb ihm die noch viel größere Katastrophe erspart, welche die Amerikaner in seiner Heimat anrichteten. Die gigantische Invasion, die Vietnam im Würgegriff einer halben Million GIs erstickte. Die Napalmbomben. Die Entlaubung der Regenwälder durch das Pflanzengift Agent Orange. Die sadistischen Vergeltungsmassaker wie das von My Lai. Und über allem die abscheulichen Lügen des Pentagons, mit denen Erfolge der Kriegsführung fabriziert wurden.
Bevor wir uns vom Frühstück erheben, müssen wir noch das Tagesprogramm absprechen. Kein Tag ohne Plan, keine Reise ohne Ziel, keine Arbeit ohne Abschluss – das gebietet mein Tugendbrevier. Nach meiner Gepflogenheit erledige ich zunächst die Pflichten, und das sind die Telefonate mit den Familien der vier Kandidaten. Mit Ruths Hilfe übe ich zu diesem Zweck einen nüchternen und sachlichen Tonfall ein, denn ich spreche ansonsten lebhaft und animiert. Meine Aussprache im Französischen ist perfekt, aber ich könnte mir zur Tarnung einen österreichischen Akzent zulegen. Wir haben viel Vergnügen bei meinen entsprechenden schauspielerischen Versuchen. Die Idee mit dem Akzent lasse ich aber dann wieder fallen, denn dieser würde in meiner imitierten Form vielleicht lächerlich wirken; doch ich muss bei diesen Anrufen ja vor allem Seriosität ausstrahlen.
Ruth entscheidet sich, während meiner Telefongespräche das Marais-Viertel zu besichtigen. Sie liebt die historischen Straßenzüge dort mit den Bürgerhäusern und Stadtpalästen aus dem 17. und 18. Jahrhundert; den Place des Vosges mit seinen Galerien der zeitgenössischen Kunst im klassischen Ambiente eines Renaissancehofs; das Hôtel de Sully, das architektonische Juwel aus der Epoche von Louis Treize; das Picasso-Museum als einen Edelstein der Moderne. Wenn Zeit bleibt, wird sie auch das Jüdische Museum besuchen, an seiner angemessenen Adresse in der Rue du Temple. Den Nachmittag werden wir gemeinsam, gewissermaßen malerischen Pfaden folgend, im Musée d’Orsay verbringen. Zum Mittagessen verabreden wir uns in dem mit hinreißender Stilsicherheit eingerichteten Museumsrestaurant, das wir sehr schätzen.
Nach einigen Versuchen erreiche ich alle meine gewünschten Gesprächspartner am Telefon. Die Franzosen und Französinnen am anderen Ende der Leitung sind betont höflich, denn sie erwarten ja etwas Positives von mir, vielleicht sogar etwas Signifikantes, das ihnen ganz überraschend in den Schoß fällt. Die Anrufe gleiten also glatt dahin wie flinke Schritte auf einem frisch gewachsten Parkettboden. Einzig die Dame in Lunéville wirkt geistig etwas schwerfällig. Eine Kleinstädterin eben. Die letztlich ausgemachten Besuchstermine sind sehr konvenabel für mich: morgen am späten Nachmittag in Lunéville und übermorgen bei den drei Familien in Nancy – zwei Treffen am Vormittag und das dritte am frühen Nachmittag.
Das Musée d’Orsay, welches aus dem trostlosen, das linke Seineufer verunzierenden Wrack eines stillgelegten Bahnhofs als Kulturtempel neu auferstand, inspiriert Ruth und mich immer zu lebhaften Diskussionen über die verschiedenen Stilrichtungen der Malerei. Kenner sind wir beide, aber natürlich bilden sich unsere ungleichen Wesen andersartig im Geschmack ab, so wie zwei unterschiedliche Holzschnitte leicht unterscheidbare Lithographien auf dem Papier liefern. Die Impressionisten, für die das Museum berühmt ist, geben sich für mein Empfinden oft etwas zu kokett, geziert und verspielt; da differiere ich etwa mit Ruth.
„Bewundert meine Kunstfertigkeit“, prahlt der Impressionist. „Aus 50 Zentimetern Entfernung seht ihr nur verschmierte Ölfarbe und aus fünf Meter Distanz erkennt ihr plötzlich den blühenden Kirschbaum.“
Ich bevorzuge in diesem Museum die Vorläufer wie Ingres, Courbet und den frühen Manet und dann wieder Postimpressionisten wie die Fauves und Seurat. Diese Maler sind Meister der ausgewogenen Komposition, bei ihnen triumphiert die Präzision über die Verwaschenheit. Die romantischere Ruth präferiert Monet, Pissarro und die weiblichen Akte von Renoir. Vielleicht erkennt sie in Letzteren auch getreue Abbilder ihres sanften, wohlgerundeten Körpers.
Wie üblich dichte Menschentrauben vor den beiden legendenumwobenen Gemälden von Courbet, L’origine du monde und Un enterrement à Ornans. Der genaueste Maler lockt auch die genauesten Betrachter an.
Der Ursprung der Welt. Die schockierend realistische Großaufnahme eines weiblichen Schambereichs bei gespreizten Schenkeln. Der Kunstskandal des 19. Jahrhunderts par excellence. Und selbst in unserer heutigen Zeit sind viele Blicke auf dieses Bild vom Reiz des Verbotenen angezogen.
Eine Beerdigung in Ornans. Alleine schon seine riesigen Ausmaße – die Dimensionen eines barocken Schlachtengemäldes – verleihen diesem Bild ungeheure Wucht und darstellerisches Selbstbewusstsein. Ein ganzer Sektor des Museums wird dominiert von einem schlichten Dorfbegräbnis, vom Maler zu einem bedeutenden historischen Ereignis überhöht, vergleichbar einer feierlichen Prozession im Rahmen eines höfischen Festaktes. Die Bäuerinnen sind von einer Würde und gravitas, an die auch edle Damen kaum heranreichen. Die dunklen Farben, nur aufgehellt durch das sparsame Weiß der Ministrantenkleider und des Hundes, formieren sich wie Todesengel zu einer Phalanx der Trauer.
Ich verharre eine Viertelstunde lang wie gebannt vor diesem Werk und reflektiere, vom Motiv dazu gedrängt, über meine Grabmalmission. Gedanken an Letzte Dinge beherrschen mehr und mehr meinen Geist. Gedanken an Gebrechlichkeit, an Siechtum, an Hinfälligkeit, an die Nichtigkeit des sich selbst überhöhenden Ichs, an den Kampf um jeden Atemzug, an Umnachtung und Wahn, an das Aushauchen der Seele, an das Eintauchen in die Große Finsternis schließlich.
Ruth reißt mich aus meinem pechschwarzen und orkustiefen Seelenstrom. Sie nimmt mich behutsam am Arm und meint:
„Komm doch, Liebste. Wir sollten noch die Impressionisten ansehen, bevor das Museum zusperrt. Hier im Musée d’Orsay sind sie so grandios vertreten wie nirgendwo anders.“
Und so gehen wir zum nächsten Gemälde weiter. Ich kann die sich anbiedernden Impressionisten heute besser ertragen, da ich weiß, dass mich zum Ausklang des Museumsbesuches noch eine Sonderausstellung über Gustave Courbet als lohnender und belohnender Höhepunkt erwartet.

Waren es die vielen weiblichen Akte im Musée d’Orsay? War es der unverhüllte Venushügel im Ursprung der Welt von Courbet? War es die geradezu anstößige Sinnlichkeit des lesbischen Liebespaares im Bild Le sommeil in der Sonderausstellung? Oder war es Ruths knapp geschnittene Hose, in der sie ihre femininen, für mich sexuell immer noch aufreizenden Hüften geschickt verpackte? Jedenfalls bin ich an diesem Abend erotisch enorm aufgeladen. Nach dem Souper mit einer Flasche vom heimtückischen Saint-Emilion als Liebesbeschleuniger und dem geflüsterten Austausch suggestiver Zweideutigkeiten wie „Ich habe heute noch Lust auf Alpinismus auf dem Venusberg“ kehren Ruth und ich in amouröser Hochstimmung in das Hotel zurück.
Auf der Wendeltreppe zu unserem Mansardenzimmer umfassen wir uns an den Taillen und drücken uns kokett lachend aneinander. Kaum dass wir im Zimmer angekommen sind, die Schuhe von den Füßen abgestreift und uns rasch der Überkleider entledigt haben, umarme und küsse ich Ruth schon, worauf sie meine Hände gleich auf ihre Pobacken legt, um zu signalisieren, dass sie für mich bereit ist. Sie scheint noch viel erregter zu sein als ich, denn binnen Kurzem spüre ich eine Hand zwischen meinen Beinen. Ich ziehe Hose und Slip aus, damit sie mich intimer befühlen kann, und sie greift alsbald nach meiner Klitoris. Dann drängt sie mich auf das Bett und liebkost meinen Schambereich, bis ich in Ekstase komme. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten und reiße Hose und Dessous von ihrem Körper. Sie versteht sofort, legt sich auf den Bauch und streckt mir ihren molligen und prächtig ausladenden derrière entgegen. Ich wandere die beiden kuppelförmigen Erhebungen und den Taleinschnitt dieser liebreizenden Hügellandschaft mit den Lippen und den Fingern so begehrlich ab, dass ich erneut wollüstige Glut zwischen meinen Schenkeln spüre. Schließlich falle ich in eine von aller Anspannung erlöste Mattigkeit.
Später in der Nacht werde ich durch ein Vibrieren der Matratze aufgeweckt. Ruth masturbiert neben mir, in einem gleichmäßigen Rhythmus, aber verhalten und sorgsam bemüht, kein lustvolles Stöhnen von sich zu geben, um meinen Schlaf nicht zu stören. Da wird es mir bewusst, dass ich vor lauter Selbstsucht vergaß, auch sie zu befriedigen. Ich lege meine Hand zärtlich auf ihre Schulter und flüstere:
„Ruth, ma douce, komm lass das.“
Zuerst wird sie steif vor Überraschung, doch als ich mich über sie beuge und sie inniglich küsse, entspannt sich ihr Körper. Ich massiere ihren heißen Kitzler liebevoll und gekonnt, bis sie vor Wohlbehagen wie ein Kätzchen schnurrt. Nachher lächelt sie mich selig wie ein satter Säugling an und flötet:
„Ah bon, chérie, merci, merci.“
Bei der Liebe spricht sie manchmal Französisch, obwohl sie es nur bruchstückhaft beherrscht, denn Französisch ist die Sprache des Familienglücks, wie schon Tolstoi schrieb.
Wir schlafen ganz ruhig und zufrieden nebeneinander ein. Auch ein Grab, irgendwo in Lothringen, wird friedvoll und gelassen ruhen. Es wartet auf mich mit der Geduld der Ewigkeit.


Kapitel 2

Ruth ist nicht nur meine perfekte Reisegefährtin, sondern auch die Frau, die mein gesamtes geistiges und emotionales Leben teilt. Wir haben zu viele Gemeinsamkeiten, als dass wir nach unserer ersten Begegnung in Wien jemals wieder aneinander vorbeigehen hätten können. Sie besitzt die ausgeprägte Neigung der Juden und Jüdinnen zum Intellektuellen und Künstlerischen, und diese Bestimmung definierte von Anbeginn unsere Beziehung. Ihr Charme und ihre erotische Ausstrahlung waren die freiwilligen und zusätzlichen Morgengaben der Fügung, mit denen ich natürlich nicht haderte.
Selbstverständlich weiß ich noch genau, dass ich Ruth zum ersten Mal beim Gastspiel des Open Theater aus New York während der Wiener Festwochen sah. Diese Schauspieltruppe galt als die Speerspitze der Hippie-Bewegung auf dem Theater, und daher brannte ich darauf, den ersten Auftritt dieses Ensembles in Wien mitzuerleben. Es wurde klarerweise kein Theaterstück im herkömmlichen Sinn geboten, sondern eine Performance, die man damals Happening nannte. Nie zuvor hatte ich eine derart radikale Sprengung des althergebrachten Konzepts der Guckkastenbühne erlebt.
Zunächst tanzten die Schauspieler, die für uns Zuschauer ungewohnt in Trikots und Jeans auftraten, zum Beat der 60er-Jahre. Hämmernde Rockmusik und schrille Jazzsynkopen durchdrangen unsere Körper, aufgepeitschte Sturmfluten von vibes durchbrandeten sie. Immer mehr glitten die Akteure in aufrüttelnde Sprechchöre und suggestive rituelle Mantras hinein, die sich wie im Le sacre du printemps fortwährend zu höheren Ekstasen aufbäumten.
Dann stimmten sie einen hypnotisierenden Hymnus an, vergleichbar nur mit dem von Richie Havens einige Jahre später beim Woodstock Festival. Sein Song Freedom. Der archaische Schrei der gefesselten Kreatur nach Freiheit, wie der des festgeschmiedeten Prometheus am Felsen. Rhythmenrausch der Menge im prasselnden Regen. Trance der Massen im Morast. Die Legende Richie Havens entstieg aus dem Schlamm – und die leidenschaftlichen Libertären gewannen einen neuen, mitreißenden Schlachtgesang.
Schließlich bewegten sich die Schauspieler in einer Menschenkette von der Bühne und umkreisten mit einem parodistisch gebrochenen Reigentanz das Publikum, das begeistert zu den begleitenden Trommelwirbeln akklamierte. Das Happening endete mit einem dramatisch übersteigerten Wortschwall, den uns die Akteure entgegenschleuderten, den ich aber wegen des amerikanischen Slangs und des New Yorker Akzents nicht verstehen konnte. Daher fragte ich mich vergeblich, ob die Schauspieler uns überrumpelte Zuschauer im Sinne der Publikumsbeschimpfung von Handke verhöhnten oder uns zu noch mehr Mitklatschen und Mitsingen zur elektrisierenden Hintergrundmusik aufforderten. Wir alle entschieden uns für frenetisches und rhythmisches Applaudieren, und dabei stieß ich mit dem rechten Arm meine Nachbarin an – es war Ruth.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Ruth lächelte mich an und spannte damit sogleich einen Bogen zu meinem Herzen. Bei unserem Blickkontakt bannten mich ihre südländischen Augen, die eine warme Sinnlichkeit ausströmen. Ruth hatte damals einen Kurzhaarschnitt à la Jean Seberg in A bout de souffle, der das becircende Augenpaar noch besser zur Geltung brachte. Nach dem tosenden Schlussapplaus, der gewiss eine Viertelstunde dauerte, kamen Ruth und ich beim Hinausgehen ins Gespräch und beschlossen, gemeinsam ein Kaffeehaus aufzusuchen, um das Happening zu rezensieren.
Als mein Gegenüber auf eine Melange und ich auf einen kleinen Braunen wartete, konnte ich erstmals ihr Gesicht näher studieren. Ich sah ein fein ziseliertes Antlitz, wie ich es vorher selten bewundern durfte. Natürlich hing die Außerordentlichkeit dieses Anblicks auch mit meiner damaligen eingeschränkten Lebenserfahrung zusammen und stand in absolut schrecklicher Weise in dem historischen Kontext, dass die Nazis dafür gesorgt hatten, dass es in Wien kaum mehr Jüdinnen gab.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-903155-40-4
Erscheinungsdatum: 29.06.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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