Sonstiges & Allerlei

Das Land der Antworten

Wolfgang Rostek

Das Land der Antworten

Leseprobe:

Einleitung

Liebe Leser,

Ende der siebziger Jahre besuchte ich Thailand, um einen entspannten Badeurlaub auf der Insel Phuket zu verbringen. Zur damaligen Zeit war Bangkok meist der Ausgangspunkt der Rucksacktouristen, um ihre Reisen durch Thailand, Malaysia bis über Indonesien und nach Australien zu beginnen.
Meine Reise sollte jedoch schon vom ersten Tag an nicht den geplanten Ablauf nehmen, doch jetzt, fast vierzig Jahre später, wird mir bewusst, wie gravierend die Einflüsse waren, die mein zukünftiges Leben bis zum heutigen Tag beeinflusst haben.
Den Titel des Buches „Das Land der Antworten“ hatte ich schon einige Jahre später gewählt, doch erst mit dem Abstand zu den darauf folgenden Jahrzehnten und den gesammelten Erfahrungen war es mir möglich, es zu schreiben.
Das Cover zu dem Buch habe ich bereits einige Jahre nach meiner Rückkehr aus Thailand gemalt, doch die Geschichten der damaligen Zeit in einem kleinen Dorf gerieten immer mehr in Vergessenheit, bis ich mich im Februar 2016 spontan entschloss, das erste Kapitel zu schreiben. Ein ganzes Buch zu schreiben oder gar zu veröffentlichen war nicht geplant.
Doch mit jeder Seite wurden die Zeit und die Personen lebendiger und so wurde es mir ein Vergnügen, mich letztmalig mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Mit jedem Kapitel schien ich meinen eigenen Film zu sehen und beschrieb, was ich sah und erlebt hatte.
Ich hatte damals meiner Hauptfigur Pappa San und einigen der mit mir in dem Dorf lebenden Personen das vage Versprechen gegeben, irgendwann dieses Buch zu schreiben.
Egal, wie viele Leser bereit sind, mir zu folgen, mit diesem Buch habe ich dieses Versprechen eingelöst.

Einige Namen wurden geändert, doch die Geschichten beruhen auf den Tatsachen, an die ich mich erinnern konnte.
Ich würde mich freuen, wenn ich Sie, liebe Leser, noch einmal in eine vergangene Zeit und an einen Ort mitnehmen kann, der nicht mehr existiert.

Wolfgang (Wolf) Rostek, November 2016

***

1. Kapitel - Ankunft Bangkok

Bis zu meiner Ankunft in Bangkok verlief die Reise ohne erwähnenswerte Vorkommnisse, wenn man einmal davon absieht, dass zum Ende der siebziger Jahre eine Reise nach Thailand sehr lag war, da sie mit einem Zwischenaufenthalt in Karachi in Pakistan verbunden war.
Ich wollte einen unbeschwerten Badeurlaub auf Phuket, einer im Südwesten gelegenen Insel in Thailand, verbringen. Doch die Wochen, die folgen würden, sollten mein ganzes Leben verändern und blieben mir trotz eines Abstands von fast vierzig Jahren im Gedächtnis.
Mein Abenteuer sollte schon am ersten Abend beginnen, als ich in Bangkok mit einem Taxi vom Flughafen in die Innenstadt fuhr. Ich war im Flugdienst tätig und hatte auf eine große Reisevorbereitung verzichtet, da ich schon einige Jahre Erfahrungen im Ausland sammeln konnte.
Ich fragte den Fahrer am Flughafen, ob er mir für eine Nacht eine günstige Unterkunft besorgen könnte und er nickte freundlich, obwohl ich bezweifelte, dass er mich genau verstanden hatte. Doch ich war seit mehr als vierundzwanzig Stunden unterwegs, also stieg ich ein und wir fuhren Richtung Innenstadt.
Die Straßen waren hell erleuchtet, bis er in eine schmale dunkle Seitenstraße abbog und vor einer spärlich beleuchteten Einfahrt stehen blieb. Er deutete mir an sitzen zu bleiben, während er zum Haus ging. Ich nahm meine kleine Tasche mit allen Reisepapieren und dem Geld aus meinem Rucksack, steckte sie mir unter mein T-Shirt und wartete einige Zeit. Dann öffnete jemand die Autotür und nach einem kurzen „Welcome“ bat er mich, ihm zu folgen.
Über dem Eingang hing ein buntes Schild, auf dem in geschwungenen Buchstaben „Darling Lounge“ stand. Er ging hinter eine kleine Rezeption, legte eine Liste mit den Zimmerpreisen auf den Tisch, drehte sich zu den Fächern, in denen nur einige Schlüssel lagen um und strich bis auf drei alle anderen Zimmerangebote durch.
Mein Gepäck bestand aus einem Rucksack, einer kleinen Tasche und einer Mappe, die all meine Dokumente und mein Geld enthielt.
Ich deutete auf eines der übrig gebliebenen Angebote, während der Taxifahrer bereits mit meinem Rucksack zur Treppe ging, die sich neben der Rezeption befand. „Sie können Ihre Wertsachen hier deponieren und ich schließe sie in einem Safe ein“, bot mir der Mann an. Nach kurzer Überlegung verneinte ich und lief dem Taxifahrer hinterher, der bereits mit meinem Gepäck verschwunden war. Ein junges Mädchen überholte mich mit dem Zimmerschlüssel in der Hand, blieb vor einer Tür stehen und öffnete sie.
Als das Licht anging, sah ich in einen kleinen Raum mit einem angrenzenden Badezimmer und einem großen Bett, über dem ein Spiegel hing. Das Zimmer sollte 20 US-Dollar kosten, und da ich für den nächsten Morgen ein Stand-by-Ticket für den Flug nach Phuket hatte, war ich erleichtert, überhaupt ein Zimmer gefunden zu haben. Der Taxifahrer stand an den Türrahmen gelehnt neben dem Mädchen, das nur „35 Dollar“ sagte. Aber es sei eine Fahrt in die Stadt und ein Besuch in einer Bar inbegriffen.
„Very good“, sagte der Mann von der Rezeption, der nun ebenfalls neben der Tür erschien. Ich könne ihn auch später bezahlen, der Preis bliebe derselbe! Also stimmte ich zu, und als wir in der Eingangshalle standen, fragte mich der Mann erneut, ob ich meine Wertsachen nicht doch lieber einschließen wolle, was mir jetzt logisch erschien. Also legte ich meine kleine Tasche in einen großen Umschlag und verschloss ihn sorgfältig, worauf er in einem Schließfach verschwand. Der Mann übergab mir den Schlüssel und wir gingen zum Taxi zurück.
Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten, bis wir vor einer hell beleuchteten Bar hielten. Die Bar hatte eine kleine Theke, Discomusik dröhnte aus den Lautsprechern und an mehreren kleinen Tischen saßen einige Ausländer verstreut vor ihren Getränken. Man führte mich an einen leeren Tisch und ich bestellte ein Bier. Auch der Taxifahrer setzte sich zu mir und lächelte mich freundlich an. „Very good“, sagte er erneut und sog an einem Strohhalm, den er in eine Bierflasche gesteckt hatte. Mitten im Raum stand ein großer Glaskasten, der an der Vorderseite von einem Vorhang verdeckt war. Das Bier kam und eine ältere Frau setzte sich neben den Taxifahrer und nickte mir zu. Ein Scheinwerfer strahlte plötzlich auf den Glaskasten und dann über jeden einzelnen Tisch. Dann öffnete sich der Vorhang, und als das Licht erneut unseren Tisch traf, sah ich die schwarzen Zähne des Taxifahrers, der laut lachte und seine Zunge zwischen ihnen rein und raus rutschen ließ. „You like girls?“
Dann verstummte die Musik und die Lichter konzentrierten sich auf den Glaskasten. Man sah einen kleinen Hügel, auf dem verteilt etwa 20 Mädchen saßen. Sie waren mit Bikinis bekleidet und jede trug eine Nummer.
Trotz anfänglicher Bedenken und all meinen Beteuerungen, eigentlich zu müde zu sein, saß ich einige Zeit später mit einem hübschen Mädchen auf der Rückbank des Taxis und wir fuhren zur „Darling Lounge“ zurück. Der Mann hinter der Rezeption begrüßte uns, gab mir mit einem breiten Grinsen meinen Zimmerschlüssel und wünschte eine gute Nacht.
Ich muss zugeben, dass es eine entspannte und ausgesprochen angenehme Zeit war, was sich allerdings änderte, als es an der Tür klopfte und der Taxifahrer mit dem Mann von der Rezeption in der Tür stand und mir eine Rechnung über 100 US-Dollar präsentierte. Ich nahm den Beleg und ließ mich aufs Bett fallen. Meine gesamte Barschaft belief sich auf 470 Dollar, die für den Aufenthalt von 31 Tagen reichen sollte. Noch unter Schock klopfte es erneut und der Taxifahrer forderte mich diesmal etwas unfreundlicher auf meine Rechnung zu zahlen. Ich bat ihn noch um ein wenig Geduld, schloss die Tür und erklärte meiner „Bettgesellschaft“ kurz meine verzweifelte Situation. Sie überlegte kurz, stand auf, zog sich an und bat mich um den Schlüssel für das Schließfach. Der Vorschlag, den sie mir dann machte, schien mir noch unsinniger als der bevorstehende Verlust fast eines Viertels meiner Barschaft. Sie wolle erst einmal meine Tasche aus dem Fach holen und dann zurückkommen, versprach sie. Ihr Vorschlag war, dass wenn wir erst einmal die Tasche auf dem Zimmer hätten, sie ihren Bruder verständigen würde, der uns dann abholen und mich anschließend zum Flughafen bringen würde. Sie verlangte für die ganze Aktion 50 Dollar. Es befanden sich nicht nur mein Bargeld, sondern ebenfalls mein Pass und die Tickets in der Tasche. Auch bestand das Risiko, dass sie mit der ganzen Tasche verschwinden könnte. So stand ich vor der Entscheidung, mit ihr die spektakuläre Flucht zu wagen oder 100 Dollar an die beiden Männer zu verlieren, die ohne jeden Zweifel unter einer Decke steckten.
Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für ihren Vorschlag. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie schließlich wieder in der Tür stand und triumphierend meine Tasche über dem Kopf hielt. Sie verriegelte die Tür, nahm das Telefon und rief ihren Bruder an. Das Gespräch, obwohl auf Thailändisch geführt, erstreckte sich über so viele Schwankungsbreiten, dass mir klar wurde, wie viel Überzeugungsarbeit nötig war, um den Fluchtplan zu realisieren. Dann legte sie auf und erklärte mir, dass es ihr gelungen war, sie davon zu überzeugen, meine Rechnung am nächsten Morgen zu begleichen. Dann trat sie ans Fenster, öffnete es und zeigte hinaus. „Der Rucksack könnte ein Problem werden“, meinte sie, und als ich aus dem Fenster sah, wusste ich, was sie meinte. Bis in den Vorhof waren es wohl gut fünf Meter und ihn lautlos herunterzulassen ausgeschlossen. Ihr Bruder würde in etwa einer halben Stunde ankommen und ich solle mir bis dahin überlegen, wie man das Problem lösen könne. Obwohl es kurz vor Weihnachten war, war die Temperatur in dieser Nacht angenehm kühl, sodass ich auf die Idee kam, so viele Kleidungsstücke wie möglich übereinander zu ziehen und den Rucksack zurückzulassen. Letztlich zwängte ich mich fast bewegungsunfähig durch das Fenster, erreichte mit einem Fuß das Vordach und rutsche geräuschvoll hinunter in den Vorhof. Unten angekommen warf sie mir meine kleine Tasche und die Mappe mit meinen Wertsachen hinterher und schloss lautlos das Fenster. Nur kurz überkam mich der Gedanke, ob sich überhaupt noch etwas in der Mappe befand, doch verschwendete ich keine weiteren Gedanken daran.
Es dämmerte bereits, als wir auf der Flughafenstraße Richtung Domestic Airport fuhren. Als wir vor dem Gebäude ankamen, öffnete ich mit zittrigen Händen die Mappe, um ihrem Bruder die versprochenen 50 Dollar zu übergeben und … es war noch alles da! Während der Fahrt hatte er kein Wort gesprochen, und als er meine Erleichterung zu bemerken schien, lächelte er mich an. Ich zwängte mich aus dem Auto und sah, dass sich bereits einige Leute vor den noch verschlossenen Türen der Abflughalle eingefunden hatten. Erst als ich mich schwerfällig auf sie zubewegte und sie mich etwas verwundert ansahen, fiel mir wieder ein, dass ich sechs T-Shirts und drei Hosen übereinander trug. Dazu hatte ich mir zwei Paar Schuhe um die Schulter gelegt und nur meine kleine Tasche und die Geldmappe in der Hand. Der Bruder stieg kurz aus und begleitete mich bis vor die Halle. Ich gab ihm das versprochene Geld und umarmte ihn kurz, worauf er leicht die Nase rümpfte und mich auf meinen Geruch aufmerksam machte. Erst jetzt erinnerte ich mich, auch alle Hygieneartikel zurückgelassen zu haben. Doch es sollten noch einige schweißtreibende Ereignisse auf mich warten, bis ich endlich wieder Feuchtigkeit auf meinem Körper spüren würde. Er wünschte mir viel Glück und ich beruhigte mich langsam und entglitt in eine trügerische Sicherheit.
Die Sonne war im wahrsten Sinne für mich aufgegangen und ich schälte mich aus meinen zwei Hosen und übergestreiften T-Shirts, als sich die Tür zur Abflughalle knarrend öffnete. Ich war noch kurz in Gedanken an das Mädchen, das nun allein den beiden Männern gegenüberstehen würde, als ich plötzlich einen lauten Schrei hinter den wartenden Taxis vernahm. Ich blickte mich verwirrt um und sah einen Mann mit wirbelnden Armen auf das Abfluggebäude zurennen … es war der Taxifahrer von letzter Nacht! Er hatte zuerst einige andere Taxifahrer gefragt, ob einer von ihnen mich zum Flughafen gefahren hatte, als sich unsere Blicke trafen. Mit halb heruntergelassener Hose hüpfte ich in die Halle und wollte an den Abflugschalter. „Ihr Ticket“, forderte mich ein uniformierter Mann auf und ich wühlte mit zittrigen Händen in meiner Mappe und übergab ihm den gewünschten Beleg. „Stand-by?“, fragte er, und während mir der Angstschweiß langsam in die Augen floss, sah ich aus dem Augenwinkel, wie der Taxifahrer laut schreiend näher kam. „Bitte, da müssen Sie noch warten“, gab er mir zu verstehen, was für mich in diesem Moment einem Todesurteil glich. Würde mich der Taxifahrer jetzt erwischen … ich konnte nicht warten! Also rannte ich mit den Taschen, fünf T-Shirts, zwei Paar Schuhen um den Hals und herunterrutschenden Hosen an ihm vorbei zum Schalter. Im Vorbeistolpern riss ich dem uniformierten Mann mein Flugticket aus der Hand, stolperte und nach einigen weiteren kleinen Schritten lag ich ausgestreckt auf dem Boden der Abflughalle. Im Liegen sah ich den Taxifahrer, der verzweifelt versuchte, an einem anderen Uniformierten vorbei in die Halle zu gelangen. Dieser hielt ihn jedoch zurück, und als ich gerade mühsam aufzustehen versuchte, blickte ich auf ein Paar blank geputzte Schuhe. Ich beschrieb dem Mann in wenigen Worten meine Situation, ohne viel Hoffnung, dass er mich überhaupt verstehen würde, und wartete auf seine Reaktion. Zwei blonde Mädchen hatten neben mir gestanden und halfen mir, mich aufzurichten. Auch sie hatten wohl meine Geschichte mitbekommen und redeten auf den Uniformierten ein. „Mit einem Stand-by-Ticket können Sie nicht hier bleiben, sondern müssen draußen warten, bis Sie aufgerufen werden“, sagte er unmissverständlich.
Jetzt war ich erledigt und langsam baute sich in mir eine schreckliche Phantasie auf, wie ich durchschwitzt und verzweifelt auf dem Rücksitz des Taxifahrers meiner Hinrichtung entgegenfuhr, bis … ja, bis eines der Mädchen mir sein fest gebuchtes Ticket anbot! Der Mann schaute sie ungläubig an, überlegte kurz und nickte wortlos. Ich hatte in dem Moment keine Worte, entledigte mich endlich meiner übergestreiften Hosen und setzte mich erschöpft, nass geschwitzt aber glücklich in eine Ecke neben den Abfertigungsschalter. Kurze Zeit später kamen beide Mädchen zurück und gaben mir meine Bordkarte. Neben mir lag ein Haufen mit getragener Kleidung und ich war ein Häufchen Elend, das sie später einmal ‚Wolf‘ nennen würden.
„Hast du schon eine Bleibe auf Phuket?“, fragte mich eines der Mädchen und ich schüttelte den Kopf. Sie waren Schwestern, kamen aus Schweden und erzählten mir von einem kleinen Dorf im Süden der Insel, wo sie schon mehrere Male für ein paar Wochen gewesen waren. „Ich fliege mit dir nach Phuket und meine Schwester kommt mit der nächsten Maschine nach. Es ist noch früh und wir hätten noch Zeit, das Dorf bis zum Abend zu erreichen.“ Ich stimmte sofort zu und kurze Zeit später saßen wir im Flugzeug.
Seit meiner Ankunft in Bangkok waren noch nicht einmal 24 Stunden vergangen und eigentlich war mein Bedarf an neuen Erfahrungen schon jetzt gedeckt. Was sich allerdings durch die Begegnung mit den schwedischen Schwestern eröffnen sollte, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Fünf Stunden später saßen wir zu dritt in „George’s Restaurant“ am Naihan Beach und nach einem Sprung ins Meer überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl der Dankbarkeit. Am Strand gab es nur ein paar kleine Hütten und George war so etwas wie der Herbergsvater mit Restaurantbetrieb. Im Restaurant gab es einige warme thailändische Speisen, kalte Getränke und zu meinem Glück auch alle nötigen Artikel wie Zahnbürsten, Seife, Shampoo und ein dringend benötigtes Deodorant. Auch konnte man Geld tauschen, und so lud ich die Schwestern zu Essen und Getränken ein. „Nach dem Essen müssen wir noch weiter“, war das Letzte, was ich noch vernahm. Dann schlief ich am Tisch ein.
Als sie mich weckten, stand die Sonne schon tief am Horizont. Da die Artikel, die ich bei George gekauft hatte, nicht in meine Tasche passten, trat ich den Weg mit einer kleinen Tasche, meiner Geldmappe und einem zusammengeschnürten Karton an. Der Weg führte rechts neben dem Strand über einen steilen Pfad auf ein kleines Plateau, von wo man einen wunderschönen Blick auf die Bucht und den Strand hatte. Die Sonne ging sehr schnell unter, und als wir das „kleine Dorf“, wie sie es nannten, erreichten, war es fast dunkel.


2. Kapitel - Das kleine Dorf

Dann standen wir oberhalb einer großen Hütte, aus der ein Sprachgewirr zu hören war. Ein schmaler Weg führte direkt an den hinteren Eingang des lang gezogenen Gebäudes, das sie das Restaurant nannten. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, neben dem auf jeder Seite eine lange Bank aufgestellt war. Rechts daneben gab es noch drei kleinere Tische, von denen allerdings nur der vordere besetzt war. Von der Decke hingen Petroleumlampen, die ein diffuses Licht verbreiteten. Im hinteren Teil gab es eine kleine Theke und rechts daneben eine Küche, aus der dicke weiße Rauchschwaden nach außen strömten. Dann tauchten zwei Thaimädchen auf, die die beiden Schwestern herzlich begrüßten. Erst jetzt bemerkte ich einen älteren Mann, der auf einem Stuhl am Ende des langen Tisches gesessen hatte. Ich stand mit meinem Karton und den wenigen Utensilien, die ich noch besaß, im Hintergrund, bis die Schwestern mit ihm zu mir kamen und ihn mir vorstellten.
„Das ist Pappa San“, sagte eine von ihnen und ich bemerkte erst jetzt, dass wir uns trotz all der vorangegangenen Ereignisse noch nicht einmal vom Namen her kannten. Pappa San, wie sie ihn nannten, hatte trotz seines Alters kräftige Beine und einen athletischen Körper. Dann fragte er die Schwestern, wen sie als Gast mitgebracht hatten. „Wolfgang“, sagte ich hastig und wollte ihm die Hand reichen. Doch er nickte nur freundlich mit dem Kopf und führte die beiden zum langen Tisch.
„Wir haben ihn sozusagen auf dem Boden aufgelesen“, sagte eines der Mädchen lachend. Ich stand immer noch ziemlich verdutzt im Halbdunkel, bis ich vom ersten Tisch neben dem Ausgang eine Stimme vernahm.
„Hallo“, sagte eine nach vorn gebeugte Person mit langen, fettigen Haaren, setz dich zu uns“, fügte er in deutscher Sprache hinzu. Ich ging mit meinem Karton an den Tisch und sah erst jetzt eine zweite Peron, eine Frau, die mit angezogenen Beinen in eine Decke gehüllt an einem Pfosten lehnte und mich wortlos ansah.
„Das ist Vera und ich heiße Herb. Bin heute etwa schläfrig, aber du bist ja gerade erst angekommen und wir haben noch genug Zeit, uns zu unterhalten.“ Dann standen beide auf und verließen das Restaurant. Eines der Thaimädchen kam an den Tisch und fragte mich, ob ich etwas trinken wolle. „Ich hätte gern ein Bier“, sagte ich und bemerkte, dass sie etwas zögerte. Das Mädchen blickte zum großen Tisch hinüber und ein Mann am Ende des großen Tisches drehte sich um und nickte kurz. Ich war zu fertig, um mir große Gedanken über die Situation zu machen, und als sie mir eine große Flasche und ein Glas auf den Tisch stellte, war ich einfach nur zufrieden.
Ich sah zufällig auf meine Uhr und bemerkte, dass es fast die gleiche Uhrzeit war, zu der ich gestern angekommen war. Mir kamen die letzten 24 Stunden vor, als hätte sich alles in Zeitlupe abgespielt, so intensiv waren die Eindrücke über diesen Zeitraum. Im Hintergrund sah ich, wie der ältere Mann am hinteren Ausgang neben der Küche das Restaurant verließ.
Dann kam der Mann, der die Zustimmung für mein Bier gegeben hatte, an meinen Tisch und erklärte mir, dass es heute Nacht noch keine Unterkunft für mich geben würde, er mir aber ein Kissen und eine Decke besorgen würde und ich im Restaurant übernachten könne.
Gegen 22 Uhr hatte der letzte Gast das Restaurant verlassen und als eines der Mädchen mit einer Decke und einem Kissen kam, blickte ich aufs Meer hinaus. Es war nicht weit entfernt und ich wäre gern aufgestanden, um an den Strand zu laufen, aber ich konnte mich kaum noch bewegen.
Ein fahler Halbmond war über dem Wasser zu erkennen, aber vielleicht war es auch eine Illusion, denn als ich das Kissen sah, lehnte ich mich an den Pfosten, an der Stelle, wo Vera gesessen hatte, schob mir das Kissen in den Nacken und bemerkte nur noch im halb wachen Zustand, dass sie mir die Decke überlegte.
Dies war die erste Station einer Reise, die mich an einen Ort geführt hatte, den ich bis heute nicht vergessen habe.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 264
ISBN: 978-3-95840-351-2
Erscheinungsdatum: 23.02.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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