Sonstiges & Allerlei

- begegnung mit afrika -

Margret Lehmann

- begegnung mit afrika -

Reiseerlebnisse

Leseprobe:

<strong>– KAPITEL 1 –
Beginn des afrikanischen Abenteuers</strong>

Nach einigen Fahrten durch die Schweiz, durch das nahe Ausland und einer Ferienreise in den Norden Europas planen wir nun 1981 eine Tour in den Süden. Der afrikanische Kontinent zieht uns an und so beschließen wir, vorerst einmal nach Marokko
zu fahren. Wir haben einen gebrauchten VW-Bus gekauft, und nachdem wir den Innenraum entsprechend unseren Wünschen zum Campen ausgebaut haben, kann es nun losgehen. Ein Klassenkamerad von Thomas begleitet uns.


<strong>Samstag, 2. Juli 1983</strong>

Wir haben einen guten Start zur Reise, der VW läuft … und läuft … und läuft … Mittags gönnen wir uns eine längere Pause bei Vinay in Frankreich. Das Rhonetal kennen wir bereits von früheren Touren (Jürg sogar mit Fahrrad) und außerdem wollen wir ja nach Marokko, so halten wir uns nicht weiter hier auf und fahren zügig hinunter ans Mittelmeer. Bei Sète probieren wir erstmals die Camping-Ausrüstung aus: Christian stellt sein Zelt ohne Mühe auf, Thomas und Monika haben auch schon Übung und sind schnell fertig. Eine bequeme Sitzgelegenheit bietet der hintere, mittlere Sitz im Auto. Jürg hat die Befestigung so kon­struiert, dass er mit ein paar Handgriffen ausgebaut und draußen beim Campingtisch aufgestellt werden kann. Im Bus haben Jürg und ich dann bequem Platz zum Schlafen. Ein erster Abendspaziergang am Meer ist doch immer wieder eindrucksvoll.


<strong>Sonntag, 3. Juli 1983</strong>

Das Zusammenpacken der Zelte klappt noch nicht so gut wie das Aufstellen. Schließlich haben wir es geschafft und nur unterbrochen von den nötigen Ruhepausen fahren wir zielstrebig durch Spaniens Norden; immer die Küste entlang nach Süden. Bei Torreblanca finden wir einen schönen, nigelnagelneu eingerichteten Platz zum Campen.


<strong>Montag, 4. Juli 1983</strong>

Während des Vormittags geraten wir in eine längere, stehende Autokolonne. „Machen wir doch Pause, eventuell löst sich die Schlange in kurzer Zeit auf! Da gibt es auch eine Tankstelle und wir müssen sowieso bald tanken.“ Gesagt, getan und die Kolonne hat sich inzwischen tatsächlich aufgelöst. Sorglos beginnen wir die Weiterfahrt – aber nicht sehr weit, da stockt der Motor, das Auto macht noch ein paar Hüpfer und steht dann still. Des Rätsels Lösung: Man hat uns den Tank mit Diesel (Gasoleo) aufgefüllt statt mit Benzin. Wir schaffen es gerade noch zurück zur Tankstelle. Der Austausch des Treibstoffs kostet uns eine Menge Zeit, eine brauchbare Elektropumpe kann erst für den letzten Rest des noch im Tank verbliebenen Diesels aufgetrieben werden.
Auf Nebenstraßen geht es dann weiter nach Süden. Obwohl wir an Stellen mit schöner Aussicht, zum Beispiel auf das urtümliche Hügelstädtchen Bocairente oder zum Bestaunen der blühenden Agaven und Sabres (Opuntien) am Straßenrand, halten, kommen wir abends zeitig in Garrucha an.


<strong>Dienstag, 5. Juli 1983</strong>

Wir kommen gut voran, der VW-Bus fährt prima. In Richtung Westen geht es durch Spaniens Süden mit dem Ziel Gibraltar. Zwischen blühenden Agaven erblicken wir an der Costa Blanca weit oben am Hang die schneeweiß herausgeputzten Häuser des Ferienortes Mojacar. Später säumen Obstplantagen ein größeres Getreidefeld. Landwirtschaft ist nur möglich, wenn genügend bewässert werden kann. Die Landschaft sieht braun und gelb aus. Kann Marokko noch trockener sein? In der Sierra de Gador mit Ortsnamen wie Santa Fe, Santa Cruz und San Francisco wächst außer ein paar Akaziensträuchern nichts mehr. Ab und zu sieht man an der Straße aus Filmkulissen bestehende Westernstädtchen; die spanischen Western sind sehr beliebt. Vor Almería passieren wir ein Sonnenkraftwerk, interessant, wie die Strahlen sich bündeln. Als wir einen letzten Halt bei Almuñecar einschalten, wird es langsam Zeit, dass wir uns wieder auf die Zeltplatzsuche machen. In Marbella, im Camping La Buganvilla, finden wir das Gesuchte. Wenn es nur nicht so verflixt heiß wäre! Die Schattenplätze sind natürlich alle längst besetzt.


<strong>Mittwoch, 6. Juli 1983</strong>

Früh schon sind wir in der Hafenstadt Algeciras und finden auf der Fähre nach Ceuta einen Platz zur Überfahrt auf den afrikanischen Kontinent. Wir sind alle dankbar für die kühle Brise auf dem Meer, denn die Temperaturen sind in den vergangenen Tagen immer mehr gestiegen. In einiger Entfernung erspähen wir bald den bekannten Felsen von Gibraltar – er ist jedoch zu weit weg, als dass wir etwaige Affen, welche da in den Felsen rumklettern, erkennen könnten. Nach anderthalb Stunden Fahrt mit dem Fährschiff landen wir in der Hafenstadt Ceuta, einer spanischen Enklave in Marokko. Wir halten uns nicht lange auf, sondern reisen sofort weiter. Afrika, das heißt Marokko, empfängt uns mit gelb-dürrer Landschaft. Mit Strauchwerk bestandene Hügel säumen die Straße. In den ausgetrockneten Bachläufen blüht wunderbar der Oleander. Trotzdem ist der Norden Marokkos relativ fruchtbar und kühl. Auf den Straßen herrscht wenig Verkehr, die Menschen ziehen es offenbar vor, tagsüber im kühlen Schatten zu verweilen. Im „Camping International“ in Arbaoua sind wir die einzigen Gäste. Der Platz hat wohl während der französischen Kolonialzeit bessere Zeiten gesehen. Die Ansprüche betreffend europäischen Komfort müssen wir stark reduzieren. Auf jeden Fall werden wir gut bewacht, ein schwarzer Hund mit weißen Pfoten schließt sofort mit Monika Freundschaft und weicht nicht mehr von ihrer Seite.


<strong>Donnerstag, 7. Juli 1983</strong>

Es ist wieder still morgens, als wir weiterfahren, nachdem uns der Muezzin zu früher Stunde geweckt hat. Als die Gläubigen nach dem Morgengebet wieder ihrer Arbeit nachgehen, steht die Moschee verlassen auf dem großen Platz in Arbaoua. Ein Mann mit zwei Eseln sitzt im Schatten der niedrigen Bäume. Auf relativ guter Straße geht es südwärts. Die Schatten spendenden Platanen – die Alleen wurden noch von den Franzosen angepflanzt – werden bei dieser Hitze sehr geschätzt. Die Getreidefelder an der Straße sind bereits abgeerntet. Frauen suchen nach liegen gelassenen Ähren, lassen zum Dreschen die Esel darüberlaufen und im Wind wird anschließend die Spreu von den Körnern getrennt. Überall begegnen uns Männer mit bepackten Eseln. Irgendwo steht ein Brunnen. Eine Familie füllt weiße Kunststoffkanister, welche nachher den Eseln umgehängt werden, mit Trinkwasser und lässt auch eine kleine Herde Schafe trinken. Die aus Lehmziegeln gebauten Häuser sind viereckig mit Flachdächern.
Dann erreichen wir Rabat, die Hauptstadt von Marokko. In der Avenue Mohammed V. parken wir unseren Bus und bummeln über den Souk (Markt). Die Gassen sind mit Schatten spendenden Tüchern überdeckt. An den Ständen finden wir das übliche Angebot an Früchten, Gemüse, allerlei Nüssen – viele uns unbekannte Arten, auf Schnüre zu Kränzen aufgezogene, getrocknete Feigen, vielerlei Brotsorten und sehr süßes Gebäck. Vor einer Metzgerei, wo das Fleisch auf grünen Kräutern gelagert wird, steht ein Messerschleifer. Der Schleifstein ist nicht mehr ganz rund; das Messer wird wohl trotzdem nach erfolgtem Schliff wieder scharf schneiden. Der Schleifstein ruht auf einem ganz primitiven Stangengerüst auf vier verschieden großen Rädern. Der Schleifer benutzt seine Füße, um den Stein in Bewegung zu setzen und um beide Hände zum Arbeiten frei zu haben.
Anschließend an den Marktbummel geht unsere Fahrt weiter. Vor Casablanca fahren wir ungefähr 100 Kilometer auf der Autobahn – aber was sich auf dieser großen Hauptverkehrsader alles bewegt, ist fast unbeschreiblich. Viehherden überqueren die Fahrbahn, Eselkarren zuckeln den Mittelstreifen entlang, Fußgänger überqueren die Straße, wo es ihnen gerade beliebt, Schafe und Ziegen suchen nach Fressbarem … und so weiter. Wir umfahren die Molochstadt Casablanca auf der Autobahn, welche bald wieder in eine normale Landstraße mündet. In El Jadida finden wir am Atlantik wieder einen schönen Campingplatz zum Übernachten.


<strong>Freitag, 8. Juli 1983</strong>

Heute wenden wir uns vom Atlantik weg mehr ins Landesinnere Richtung Marrakesch. Die Straße ist asphaltiert und gut befahrbar, mit wenig Verkehr. Ab und zu begegnen wir Bauern mit ihren Eseln. Unbeschreiblich, was diesen Tieren alles aufgeladen wird. Oft erkennt man unter der riesigen Ladung das Tier nicht mehr. Die Esel werden natürlich auch als Reittiere benutzt. Obschon sie traben und die vier dünnen Beine sich flink bewegen, werden sie vom Reiter trotzdem immerfort mit einem Knüppel geschlagen. Wir geraten darob richtig in Rage.
Die Ortschaften unterwegs sehen fast alle gleich aus: kleine eckige, niedrige Lehmhäuser und vielleicht noch ein paar Nomadenzelte. Fast in allen Ortschaften ist an jedem Tag auch Markt, die Leute versuchen all ihre Erzeugnisse schnell an den Mann zu bringen. Außerhalb der Dörfer sieht man die geparkten, meist gummibereiften Transportkarren stehen, daneben dösen die ausgespannten Esel. Am Straßenrand bietet ein Schneider mit einer uralten Tretnähmaschine seine Dienste an.
Durch wenig fruchtbares Land, manchmal schon fast Wüstensteppe, erreichen wir gegen Mittag Marrakesch. Das Ortsschild ist in Arabisch und Lateinisch beschriftet und trägt auch eine Tafel mit der Geschwindigkeitsangabe – generell 40. Nachdem wir uns auf dem Campingplatz häuslich eingerichtet haben, wandern wir in die Stadt … bei 48 °C Hitze! Mindestens ein Dutzend Führer drängen sich auf. Wegen dieser aufdringlichen Kerle kann ich den ansonsten ganz interessanten Soukbummel gar nicht genießen. Ich mag es nicht, wenn man mich dauernd belästigt; erst recht nicht bei dieser Hitze. Im Souk werden in jeder Gasse verschiedene Waren angeboten: Da gibt es Kupfer- und Messinggeschirr aller Art, gefärbte Wollgarne und so weiter. Wir haben inzwischen einen Führer angestellt, nur damit wir endlich Ruhe vor den anderen haben. Dieser schleppt uns natürlich auch in eine Teppichmanufaktur. Aber wir lassen uns auch vom sehr guten Angebot und dem frisch servierten Pfefferminztee nicht zu einem Kauf verleiten. Und wieder geht es durch eine Gasse mit Kupfergefäßen. Die Auswahl ist reich, doch sind jetzt im Hochsommer die Käufer rar. In der „Möbelgasse“ sitzt ein Drechsler am Boden. Die sehr einfach konstruierte Drechselbank ist echt sehenswert. Das zu bearbeitende Holzstück hält der Mann mit den nackten Zehen fest, das Werkzeug dreht er mithilfe eines Pfeilbogens, wobei es einmal mit der gespannten Schnur umwickelt ist, damit es sich beim Hin- und Herziehen des Bogens dreht. In der Gasse der Schuhmacher herrscht Hochbetrieb, ein richtiges Gedränge. Thomas kauft sich ein Paar Babouches, bequeme Sandalen aus Kamelleder, handgenäht. Müde vom ungewohnten Schauen und auch von der Hitze mieten wir einen Fiaker – so etwas gibt es auch in Marrakesch – und fahren an der großen Moschee vorbei durch staubige, versandete Straßen zurück zum Campingplatz. Jürg hat heute Geburtstag; um groß zu feiern, sind wir aber alle viel zu müde! Trotzdem: Herzliche Gratulation und weiterhin viel Glück!


<strong>Samstag, 9. Juli 1983</strong>

Durch vorerst noch fruchtbare und abwechslungsreiche Landschaft fahren wir dem hohen Atlas entgegen. Die Olivenhaine werden bewässert. Um das Wasser dazu aus den Brunnen zu schöpfen, braucht es harte Arbeit von Eseln, welche die Wasserräder immer rundumgehend in Bewegung halten. Die Getreidefelder werden immer kleiner. An der Passstraße zum 2 260 Meter hohen Col de Ziti-n-Ticha bewundern wir kleine Bergdörfer, die wie braun-schwarze Flecken an den trockenen Hängen kleben. Nicht weit daneben befindet sich meist der Dreschplatz. Ein runder, ebener, sauber geputzter Platz, wo das Getreide ausgelegt und mit den Hufen der Esel gedroschen wird. Was ist bloß mit unserem Auto los? Seit geraumer Zeit treten immer mehr Aussetzer des Motors auf. Des Rätsels Lösung ist die enorme Hitze. Das Benzin verdunstet im sehr einfachen Vergaser und kommt nicht mehr in genügender Menge zur Zündung.
Auf der Passhöhe angelangt, legen wir eine kleine Rast ein. Ein einen halben Meter hohes, ziemlich breites Mäuerchen am Straßenrand lädt zum Ausstrecken der Beine und zum Sonnenbaden ein. Auf dieser Höhe ist es merklich kühler als gestern in Marrakesch. Nun läuft auch unser Motor wieder rund. Das Atlasgebirge, welches sich rundum ausbreitet, ist eher felsbetont oder nur ganz dünn mit kleinen Bäumen bewachsen.
In einem einsamen Bergdorf am Südabhang des Atlas begegnen wir drei Berberjünglingen. Sie bestürmen den Bus, um möglichst an Bonbons heranzukommen. „Cadeau, cadeau … bonbons, stylos“, betteln sie. Die Gegend zwischen Atlas und Antiatlas ist zurzeit ziemlich ausgetrocknet, zählt aber nicht zum Wüstengebiet. Zahlreiche, jetzt trockene Flussläufe (Wadis) zeugen von gelegentlichen Regenfällen. Die Felder sind jetzt zumeist dürr. Die Gegend scheint menschenleer, nur bei den Brunnen ist Leben sichtbar. Kein Wunder bei Temperaturen – jetzt wieder im Tiefland – von gut 50 °C! Wir unternehmen einen Abstecher nach Ait-Benhaddou, einem sehr malerischen Berberdorf. Die ineinandergeschachtelten Lehmhäuser sind sauber verputzt, zwischen den Häusern spenden ein paar Bäume etwas Schatten. Ein kleines Rinnsal ermöglicht Pflanzenwuchs und Leben. Kein Mensch ist in der Mittagshitze draußen zu sehen.
Bei Ouarzazate angekommen, besuchen wir eine Töpferei mit vielen hohen, zylinderartigen Brennöfen. Hier werden nach alter Manier Ziegel, Schüsseln und kleine Ziergegenstände gebrannt, welche dann auf dem Markt verkauft werden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 564
ISBN: 978-3-99003-329-6
Erscheinungsdatum: 22.07.2011
EUR 20,90
EUR 12,99

Krampus & Nikolo