Sonstiges & Allerlei

Auf der Spur des Sterns

Sievert Karsten Frank

Auf der Spur des Sterns

Leseprobe:

Wieder schwiegen sie eine Weile, und der Weise ergänzte: „Der Stern hat sich seit fast einem halben Jahr angekündigt. Er ist aus einem neuen, fremden, vorher nicht gesehenen kleinen Funken bis zu seiner jetzigen Größe angewachsen. Er wird weiter zunehmen, bis seine Zeit erfüllt ist. – Und jetzt ruft er mich.“
„Und woher wusstest du es?“
„Ich wusste es zuerst nicht.“
„Aber was brachte dich dann auf deinen Weg? Anscheinend hat dein Schicksal gewusst, dass dieses Licht zu dir kommen soll, und dich so geführt, dass du dieses Ziel erreichen und erkennen konntest – auf diesen Stern hin. Hat der Stern dich auf diesen steinigen Pfad der Entsagung geführt? Du hast auf vieles verzichtet. Dir war doch als Erstgeborenem der gute, reiche und ehrenvolle Weg als Scheik nach unserem Vater vorherbestimmt.“
„Ich werde es dir erzählen. Du kennst die Doppelberge und den Eingang in das Tal des Wassers. Immer fließt wenigstens ein kleines Rinnsal an seinem Grund. Auch du, Bruder, weißt von dem besonderen Brunnen …“ Er wehrte die besorgte Geste seines Gegenübers ab. „Nein, ich werde ihn nicht genauer beschreiben und nicht nennen. Auch die Winde unter dem Himmel, die doch am nächsten Morgen schon in ganz anderen Gefilden wehen, und ihre fernen Lauscher sollen es nicht hören.“ Er flüsterte: „Er bleibt das ewige Geheimnis in den Zelten unserer Familie. Nur wir wissen davon. Mit dem Brunnen des Lebens3 kann der Stamm gerettet werden, wenn irgendwann das Wasser an den Weiden ganz versiegt und auch das letzte Rinnsal im Grunde jenes Tales austrocknet. Deshalb soll niemand von ihm wissen, kein Fremder und kein Einheimischer.“
Der Weise sank in sich zusammen, als wäre ihm jetzt wieder aus der Erinnerung eine schwere Last auferlegt worden, die er immer noch tragen müsse. Eine Weile schwieg er mit fast stöhnendem Atem, als stiege er mühsam und wie beladen in die Vergangenheit hinab. „Du weißt, es ist ein Geheimnis und soll um des ewigen Lebens willen, das von diesem Brunnen für den Stamm ausgeht, unbedingt verborgen bleiben. Als unser Vater mich in das Geheimnis einweihte, gab er mir bei den Schatten unserer Vorfahren auf, jedem, der den Brunnen entdeckte, unter allen Umständen und mit jedem erforderlichen Einsatz das Geheimnis wieder zu entreißen. So hat der Vater es vom Großvater gelernt, so hat er es erst mir und dann dir aufgegeben. Dieser eine Brunnen ist die segensreiche Gabe der Götter an unseren Stamm und darf auf keinen Fall verunreinigt werden. Er enthält das letzte Wasser, das uns auch dann noch ein Leben ermöglicht, wenn sonst nichts mehr bleibt. Der Brunnen des Lebens ist ein Heiligtum. Du weißt es. Niemals darf er aufgedeckt werden, ehe nicht absolute Not und tödlicher Wassermangel herrschen. Jeder Scheik unseres Volkes weiß, dass er auf dieses Wasser vertrauen kann. Aber um der Reinheit willen haben immer nur der Scheik und sein Nachfolger Zutritt zu dem Geheimnis4. Allen anderen bleibt es wie die Wahrheit in einer Sage hinter einem dunklen Vorhang5 verborgen.
An dem Tag, an dem ich später mit unserem Vater in Streit geriet, habe ich dieses Geheimnis des Stammes bewahrt, mit aller Folgerichtigkeit und dem ganzen tödlichen Ernst, das es von mir verlangte. Ich habe genau so gehandelt, wie der Vater des Volkes, der Scheik, es mir aufgetragen hatte.
Ich ritt damals zufällig hinter einer Gazelle her in das bewusste Tal und sah dort voller Überraschung einen Menschen, der unseren geheimen Brunnen aufgedeckt und auch schon den Ledereimer heraufgezogen hatte. Dabei war das Wasser an der tiefsten Stelle des Tals noch gar nicht versiegt. Es wäre für ihn also überhaupt nicht erforderlich gewesen, den Brunnen aufzudecken. Ich kann mir auch bis heute nicht erklären, wieso er ihn überhaupt gefunden hat. Der Mann war anscheinend zu Fuß. Kein Reittier war in der Nähe zu sehen.“ Der Weise flüsterte nur noch: „Ich habe getan, was das Gesetz des Stammes verlangt. Vater Sadr hatte es mich so gelehrt und mich mit einem heiligen Schwur darauf verpflichtet. Du weißt, dass mein Pfeil auch aus großer Entfernung sein Ziel nur sehr selten verfehlte.“ Er schwieg.
Sein Bruder sah ihm an, wie sehr ihn das Ereignis auch nach so vielen Jahren noch erschütterte. Leise fragte er: „Und, war er tot?“
„Nein, jedenfalls nicht gleich, obwohl ich ihn gut getroffen hatte. Als ich zu ihm trat, ächzte er noch. Der Pfeil stak dem alten Mann tief in der Brust, und er hustete etwas Blut. Ich erkannte gleich, dass es nicht mehr nötig war, jetzt auch noch meinen Dolch zu ziehen. Er würde hier in der Einsamkeit unweigerlich auch ohne mein Messer bald sterben.
Ich hatte mich in der dunklen Gestalt geirrt. Es war keiner aus den feindlichen Stämmen. Es war ein völlig Fremder: Er trug eine fremde Kleidung unter dem Mantel, und er redete leise in der Sprache der fernen Händler. Dann verlangte er nach Wasser. Ich schöpfte es ihm frisch aus der Quelle, die unserem Stamm das Leben verheißt.“
„Und hat er dir noch etwas gesagt?“
„Das Wasser des Lebens schenkte ihm anscheinend einen kleinen Aufschub. Es war sozusagen ein Becher voll Lebenszeit. Er konnte mir noch etwas sagen. Ja, er musste mir noch etwas sagen, wie ich heute weiß. Das war etwas, was mein Leben völlig veränderte.
Wie er berichtete, war er schon lange unterwegs. Er suche nach einem verheißenen Licht, nach dem großen Heil, das von Sonnenaufgang kommen solle. Er schien mir ein Fantast zu sein, ein Narr, wie ich damals zuerst dachte. Aber dann erklärte er mit leiser werdender Stimme, dass es bei ihnen eine alte Prophezeiung gebe. Ihre Seher hätten es vorhergesagt. Er hustete dabei immer wieder etwas Blut. Er sei auf der Suche nach der Erlösung, die durch dieses Heil kommen solle. Es sei für sein bedrängtes Volk lebenswichtig, und darum habe er sich auf den Weg gemacht, um dieses verheißene Heil zu suchen. Verheißen sei das erlösende Licht seinem Volk und es sei eine Lösung oder Erlösung sogar für die ganze Welt. Er übertrug im Sterben diese Aufgabe auf mich und versiegelte diesen Auftrag mit seinem Schwur, der in einen Fluch mündete: ,Ich beschwöre dich bei allem, was dir heilig ist und jemals heilig sein wird, bei der Ehre deines Vaters, dem Andenken deiner Mutter und dem Wohlergehen deines Stammes, meinen Auftrag zu übernehmen. Sonst sollen dein Stamm und dein Volk untergehen.‘“ Er hustete immer mehr Blut, während er sprach, und dann versickerte sein Leben so rasch, wie reicher Regen im losen Sand. Ich konnte ihn nicht mehr befragen, wie das Ziel aussehen solle. Er ließ mich auch im Unklaren darüber, wo ich suchen solle.
Ich weiß nicht, was er in seinen Taschen trug. Ich weiß nicht, ob er überhaupt irgendwelche Wertgegenstände oder eine Waffe bei sich hatte. Ich habe ihn so, wie er war, mit all seiner Kleidung weit unterhalb des Brunnens in eine kleine Felsnische getragen und ihn dort mit dem Gesicht in Richtung der aufgehenden Sonne gesetzt. So könne er ihr neues Licht erwarten, dachte ich. Dann habe ich viele große Steine vor den Eingang gewälzt, bis die Nische völlig geschlossen und verborgen war. Dann deckte ich den verborgenen Brunnen wieder ab, bis seine Umgebung so unauffällig erschien, wie sie zuvor gewesen war.
Ich habe mein Tier eingefangen, um nach Hause zu reiten. Aber ich konnte den Weisen dort am Abend seines Todes nicht alleine lassen und saß noch lange auf einem Stein in seiner Nähe. Er hatte mir aufgetragen, das ihm verheißene Licht zu suchen, das er selbst noch nicht gefunden hatte; das Licht, das seinem Volk und der Welt die Erlösung bringen sollte. Die Lösung oder Erlösung wovon? Die Erlösung wessen – wovon – und wodurch? Der Mann hinterließ eine Menge Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Es waren mehr Fragen, als ich jemals zuvor gestellt hatte. Er war damals schon sehr weit von einem Land der untergehenden Sonne bis zu uns gewandert und hatte dieses Licht, das er gesucht hatte, doch noch nicht gefunden. Ich saß lange auf dem Stein an seiner Nische und überlegte. Mir war nur seine drohende Beschwörung bewusst. Ich hatte nie von so einem Licht gehört. Es schien mir absonderlich, nach etwas zu suchen, von dem ich keine Vorstellung hatte; nach einem Geheimnis, das ich nicht kannte. Ich wusste deshalb auch nicht, wie ich es anfangen sollte. Wo sollte ich anfangen zu suchen?
Dann erkannte ich in der Stille, die mich angesichts des Todes im Tal des Lebensstroms umgab, was ich tun sollte. Der Gedanke stieg plötzlich sehr klar und beherrschend in mir auf, und ich beschloss, ihm zu folgen. Ich würde nicht so weit reisen wie der Tote, sondern zunächst die alten Überlieferungen und Schriften der Völker studieren. Vielleicht würde ich so wenigstens herausbekommen, wo genau man nach dieser Verheißung suchen sollte und, vor allem, was sie bedeutete. Das erschien mir sinnvoll. Erst lange nach der Abenddämmerung wurde mir klar, dass das sogar der einzig richtige Weg für mich war. Ich kam damals deshalb erst sehr spät in der Nacht wieder zu unseren Zelten zurück.“
Der Weise schwieg. Die Erinnerung schien ihn stark zu berühren. „Ich konnte nicht so weiterleben, wie bisher. Meine neue Aufgabe konnte ich nicht ausfüllen, wenn ich den Viehdieben durch das Gras der Ebenen bis in die Berge hinterherjagte oder unsere Quellen und die Weiden mit Bogen und Lanze verteidigte. Das war bisher meine Aufgabe gewesen. Schließlich hätte ich auch meinem Vater eines Tages als Anführer folgen sollen.
Unser Vater hatte auf mich gewartet. Ich sagte es ihm. Er hat deshalb schwer mit mir gehadert. Er konnte mich nicht verstehen und hat mich deshalb verachtet, beschimpft und mich des Verrats am Stamm und an den Vätern geziehen.
Er hat nicht verstanden, dass ich dieser mir übertragenen Aufgabe schon wegen des angedrohten und verhängten Fluches nicht ausweichen durfte. Er konnte nicht begreifen, dass ich mich dem Auftrag nicht entziehen durfte und auch nicht wollte. Er sah nur, dass ich meiner natürlichen Bestimmung als sein Erbe nicht treu blieb und damit für seine Nachfolge verloren war. Er fühlte sich in seiner Liebe zu mir, seinem Erstgeborenen, schwer getäuscht. Alles, was er wusste und konnte, hatte er mir beigebracht, und ich wollte nun plötzlich einen anderen Weg gehen. Das konnte er nicht verstehen.“ Nach einem Moment fügte Assis traurig hinzu: „Seine Lebensaufgabe war unser Volk. Er war ein guter Scheik. Sein Denken kreiste um unsere Männer und unsere Herden. Ich habe ihn enttäuscht. Leider verstand er mich nicht.“ Die Erinnerung an den Vater überwältigte ihn fast. „Ich habe einen Suchenden getötet, der uns keinen Schaden getan hatte und unserem Stamm auch danach nicht geschadet hätte. Das war nach dem Gesetz unseres Volkes richtig und dennoch war es auch falsch.6 Die drohende Verwünschung des Mannes gegen den Stamm habe ich sehr ernst genommen. Ich habe oft daran gezweifelt, dass dieser Weg wirklich erforderlich war. Wer weiß? Der Stamm lebt.“ Er neigte sich zu seinem Bruder. „Du hast ihn gut geführt, als unser Vater nicht mehr unter den Lebenden weilte.“
„Und du hast mir oft genug mit deinen guten Ratschlägen geholfen.“
„Ich habe hier oben genug Zeit, um über alles nachzudenken. Es gibt Menschen, die mit dem Schwert kämpfen und die Herden weiden, und es muss auch Menschen geben, die mit den Göttern und mit sich selbst kämpfen, um herauszufinden, was für die Menschen wichtig und richtig ist. Ich hatte immer Zeit genug, das Für aufzurufen und das Dagegen zu bedenken.“
„Dieser reisende weise Mann hatte es dir damals verkündet. Woher wusste er von dem Himmelswunder, er, der doch schon lange zu seinen Vätern versammelt worden war, ehe der neue verheißene Stern in unseren Tagen aufging?“
„Es sprach von einer alten Prophezeiung. Es geht nur mittelbar um den Stern. Der Stern ist nur ein Zeichen in unserer Zeit. Ihm war es durch meinen Todespfeil nicht vergönnt zu erleben, was er gesucht hatte. Er sollte die Botschaft und die Sehnsucht nur bewahren und mir weitergeben. Ich aber zweifelte. Er hatte mich angesehen und hatte in seiner letzten Stunde wohl erkannt, dass ich der nächste Träger dieser Botschaft sein sollte. Ich zweifelte immer wieder. Aber der Gott, der das Licht über die Dunkelheit gesetzt hat, kam in dem Stern zu mir: mit seinem Licht.

„Gib mir noch einen Becher Wein!“ Der Römer stürzte das schwere Getränk in sich hinein, band seine Sandalen fest und schnallte seine Rüstung über die Tunika. „Irgendetwas liegt in der Luft. Ich will gleich zurück zu meinen Legionären.“ Er warf ihr zwei schwere Münzen zu. „Es war trotzdem gut, bei dir zu sein. Der Braten war wiederausgezeichnet. Das andere holen wir ein anderes Mal nach.“
Mit einem gekonnten eleganten Schwung legte er den dunklen Umhang um und befestigte die Schnallen auf der Schulter, schob das Schwert in die Scheide, während sie den Balken vor der Tür leise aus dem Mauerloch entfernte und auf die Gasse hinauslugte. „Es ist alles leer. Sie laufen anscheinend alle zur Karawanserei hinüber.“
Die Juden in der Stadt waren alle fast immer unbewaffnet, aber für einen einzelnen Römer blieb es trotzdem geraten, in der späten Nacht sehr vorsichtig zu sein. Zu leicht konnte einem irgendein Hitzkopf ein Messer oder doch einen größeren Stein nachwerfen. Darin waren sie Meister. Im offenen Kampf fürchtete er keinen Hebräer. Die verfügten über keinerlei Kampftechnik und auch über keine Erfahrung im Umgang mit der Waffe. Eine einfache Finte reichte meistens, und man konnte den Gegner erledigen. Aus dem Hinterhalt konnten sie einem aber schon gefährlich werden. Er lockerte das Schwert in der Scheide und ließ es leicht wieder fallen. Dann trat er mit der Hand auf dem Knauf der Waffe hinaus in die Gasse.
An der nächsten Biegung holten ihn fast zwei Männer ein. Der Hauptmann drückte sich in eine Nische. Sie sprachen aramäisch. Das konnte er gerade verstehen. Das war die Sprache, die hier und von der Provinz Asien am Hellespont bis hinüber nach Arabien und bis zu den großen Strömen überall verstanden wurde. Diese Sprache mussten alle Offiziere im Osten des Reiches lernen.
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Was redeten die? Das konnte doch nur Herodes sein. Sollte er aus der Festung aufgebrochen sein? Also doch ein Aufstand? Aber Herodes war sich doch seiner eigenen Leute nicht sicher. Dafür hatten sie schon gesorgt. Man konnte die Unzufriedenen leicht für einen kleinen lokalen Aufstand gewinnen und bezahlen – unter der Hand natürlich. Die Rädelsführer verschwanden dann in der Wüste – sie wurden später ja wieder gebraucht, und die enthusiastischen Freiheitskämpfer, die idealistischen Mitläufer, die sich denen angeschlossen hatten, die wurden als Aufrührer gekreuzigt. Aber jetzt gerade sollte eigentlich alles ruhig sein. Die letzten Gefangenen hatte man doch erst im Herbst ans Kreuz geschlagen. Das reichte als Warnung und zur Einschüchterung meist ein gutes halbes Jahr. Wenn die Zuträger dann wieder von latenter Unruhe sprachen, konnte man die Revolutionäre aus der Wüste zurückrufen und mit ihrer Hilfe unter der Hand einen neuen kleinen lokalen Aufstand vorbereiten und riskieren. So etwas würde Herodes nur zu gut daran erinnern, dass er von ihnen, den Römern, abhängig war. Ein kleiner örtlicher Aufstand – eben nur in der Provinz und fern von Jerusalem. Völlig unter der Kontrolle der Armee. Der Prokurator war zufrieden ob ihrer Wachsamkeit und der Erfolge der Legion im Kampf mit Aufständischen. Quirinius konnte die Erfolge siegreich nach Rom melden und Herodes blieb dankbar auf ihrer Seite. Die wenigen Sesterzen, die man dafür aufwenden musste, waren es wert.
Es geschah jedes Mal mit dem gleichen Ausgang. Diese Juden hatten zwar Mut, das gab er gerne zu, aber wie gesagt, sie hatten keine Erfahrung. Sie konnten ihren beiden Kohorten nicht gefährlich werden. So funktionierte das ja auch in anderen Gegenden des Reiches. Darin hatte die große Armee reichlich Übung.
„Ein Gerechter und ein Helfer?“ Nein, das konnte sich nicht auf Herodes beziehen. Und der göttliche Kaiser? Ja, der war ein Gerechter. Aber der würde im Traum nicht daran denken, nach Palästina zu reisen.
Es war wirklich besser für den Centurio, in die Garnison zurückzukehren. Seine Hütte hinter den Wällen war zwar nicht so angenehm, wie das weiche Lager bei Maria, aber er war hier schließlich im Dienst und, solange die Parther und Araber sich still verhielten, schließlich auch in einem sehr angenehmen Dienst.
Maria schloss die Tür, nachdem ihr Gast gegangen war, legte den Balken vor und löschte die Öllampen bis auf ein kleines Licht aus. Dann stieg sie selbst aus dem kleinen Hof auf das Dach hinauf. Die Treppe bestand eigentlich nur aus schmalen Trittsteinen, die aus der Wand herausragten. Aber für die vier Ellen hinauf zum Dach reichte es völlig. Außerdem war es schon so gewesen, als sie dem Wirt das Häuschen von ihrem Ersparten über einen Verwandten abgekauft hatte. Einer ihrer Vettern war als Käufer aufgetreten, und das Haus und der kleine Hof gehörten nun natürlich ihm, auch wenn es sich um ihr Geld gehandelt hatte.
Es musste schon eine Weile nach Mitternacht sein. Auf dem Dach vernahm sie deutlich das ungewöhnliche zarte Klingen, und dieses noch nie gehörte zarte Schwingen der Luft ließ sie leise zittern. So ähnlich stellte sie sich das Gefühl vor, das sich beim Gottesdienst im Inneren des Tempels einstellen würde.
Ja, als Frau war sie vom inneren Tempel ja sowieso ausgeschlossen. Aber sie wäre gerne wirklich einmal, wenigstens einmal, bis in die Nähe des Heiligen gekommen: bis in den Vorhof der Frauen.
Der hohe Marmor leuchtete so herrlich in der Sonne – doch sie war ausgeschlossen.
Der Rauch des Opferaltares stieg zum Himmel – doch sie war ausgeschlossen.
Die Gemeinschaft der Gläubigen stand dicht gedrängt um das Heiligtum, um Psalmen zu singen und Gottes Wort zu hören – doch sie war ausgeschlossen.
Trotzdem lebte in ihr eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.
Und jetzt? Jetzt empfand sie einen Frieden und eine Weite im Herzen wie sonst nie. Die Sterne leuchteten heller als sonst. – Auch der eine Stern, über den sich alle so viele Gedanken machten. Er stand drüben am Himmel, fast so, als ob er über der Karawanserei von Jussuf stehen geblieben sei. Maria hob ihre Hände zum Himmel. Es war unmöglich für eine Frau wie sie, Gott anzureden. Das wäre eine Beleidigung für den Herrscher der Heerscharen gewesen. Sie behielt ihre sehnsuchtsvollen Worte auch für sich. Aber mit dieser verlangenden Geste wenigstens wollte sie Ihm zeigen, dass sie von Ihm wusste und dass sie Seine unberührbare Heiligkeit begriffen und anerkannt hatte. So konnte sie Ihm doch wenigstens ihre Sehnsucht zeigen.
Die junge Frau lauschte über die Brüstung hinab. Die Heimkehrer sprachen von einem neugeborenen Kind, und davon, dass die Hirten behauptet hatten, dies Kind sei der verheißene Messias. Die lauten Männer verhielten gerade vor ihrem Haus.
Hoffentlich wollten sie nicht herein! Heute hatte sie den Balken wieder vorgelegt und würde in dieser Nacht auch nicht wieder öffnen. Der Römer hatte ihr für diese Nacht mehr als genug gelöhnt. Sie hörte, dass die Männer den Gedanken verwarfen, es könne sich um den Messias handeln: „Sicher waren die Hirten voll des guten Weines.“
„In einer Grotte zwischen den Tieren! Hat man so einen Unsinn schon mal gehört?“
„Der Messias, der in Israel König sein soll! Es ist Gotteslästerung, dass Sein Gesalbter jetzt in so einem Stall zur Welt gekommen sein soll.“
Als die palavernden Männer weitergegangen waren, stieg Maria entschlossen die Stufen hinab, verhüllte sich nach Art der Frauen ganz in einem großen dunklen Wolltuch, das sie auch über den Scheitel bis tief ins Gesicht zog, und verließ leise und heimlich das Haus durch einen engen Hinterausgang des Hofes. Sie drückte sich im tiefen Schatten des ein wenig überstehenden Daches eines Nachbarhauses an den gekalkten Wänden entlang und schlug den schmalen, langen Umweg über die Felder ein. In der Stadt herrschte noch zu viel Betrieb. Die Sterne und gerade dieser besondere Stern gaben genug Licht, sodass sie den steinigen Pfad eben erkennen konnte. Sonst wäre es des Nachts auch zu gefährlich gewesen, über diesen unebenen Untergrund zu laufen. Trotzdem fand sie es durchaus erstaunlich, dass sie auf diesem nur bedingt ausgetretenen schmalen Weg mit ihren dünnen Sandalen an keinen Stein stieß27 und über keinen einzigen der Felsen stolperte, die hier und da den Weg einengten.
Schließlich erreichte sie ungehindert und ohne jemandem zu begegnen auf diesem Umweg das kleine Tal hinter Jussufs Karawanserei. Sie hatte sehr vorsichtig diesen großen Bogen geschlagen. Es ging niemanden etwas an, dass sie in der Nacht unterwegs war. Nun kam sie von der freien Seite wieder auf die Stadt zu.
Bei den Grotten leuchtete das Licht noch immer, von dem die Männer gesprochen hatten. Es war heller, als sie je eine Laterne hatte leuchten sehen. Das Kind lag in der Krippe und hatte das Heu und einen älteren Mantel, der wohl die trockene Streu bedecken sollte, etwas zur Seite gestrampelt. Die junge Mutter, die kaum älter sein konnte, als sie selbst, lehnte an einem Stützbalken und hatte die Augen geschlossen. Der Vater schnarchte! Natürlich! Er hätte über Frau und Kind wachen sollen! Aber er schnarchte! Natürlich! „Männer!“ dachte sie verächtlich. „Männer sind wohl irgendwie so.“
Maria trat zu dem lieblichen Kind, das sie mit seinen großen dunklen Augen ansah, jedenfalls schien es ihr so. Sie kniete nieder und küsste seine nackten Zehen. Dabei fiel ihr Haar unter dem Umschlagetuch heraus auf die bloßen Füßchen und wärmten die winzigen, rosigen Zehen. Maria fühlte sich so leicht und frei, dass sie einen Moment verharrte. Das Kind schien die Berührung zu mögen. Es hielt jetzt ganz still, als genieße es diese Fürsorge.
Als sie wieder aufsah, hatte die junge Mutter ihre Augen geöffnet und lächelte sie freundlich an, ohne ihr die Berührung des Kindes zu verwehren. Maria richtete sich auf, schob die Tücher so zurecht, dass die kleinen Füßchen bedeckt wurden, häufelte die Streu und den Mantel über den Wickel und verließ beseligt die Grotte.
Warum sollte das wohl nicht der Heiland sein, der verheißene Messias? Sie hatte sich noch nie so gut gefühlt, so befreit und leicht. Nein, sie hatte nichts mitgenommen, was sie dem Kind und seiner Mutter hätte schenken können. Die Drachmen, die sie erworben hatte, ausgerechnet sie, sie mit ihrem Beruf, die waren wohl nicht als Geschenk geeignet. Sie konnte aber für das Kind, ja, für die kleine Familie beten. Gott würde ihr Gebet hören. Sie selbst verlangte ja nichts für sich. Das durfte sie ja auch nicht bei ihrem Lebenswandel. Aber für dieses Kind zu beten, wurde ihr sicher nicht verwehrt.
Leise kehrte sie auf dem gleichen Weg ungesehen wieder in die Stadt und in ihr Haus zurück und schloss sich ein.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 700
ISBN: 978-3-99038-281-3
Erscheinungsdatum: 18.02.2014
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