Sonstiges & Allerlei

Abwege oder Irrungen

Oskar Szabo

Abwege oder Irrungen

Erzählungen

Leseprobe:

Greth

oder

Das aussichtslose Kokettieren mit Mephisto






1


Des Öfteren mal am Freitag, dann nämlich, wenn es ihm gelang, rechtzeitig gegen Mittag seine Arbeit zu beenden, begab er sich zu Fuß auf einen kleinen Stadtrundgang, in der Hoffnung, irgendjemanden anzutreffen, einen alten Bekannten vielleicht, einen guten Freund oder sonst wen, um allenfalls in angenehmer Gesellschaft eine Kleinigkeit essen zu gehen, kurzum eine Art Kaffeeklatsch abzuhalten, der ihn aus dem Alltag befreien sollte. Es konnte dabei nicht viel passieren, denn schlimmstenfalls müsste er vielleicht feststellen, dass die Begegnung langweilig und uninteressant war, um sie sofort wieder zu beenden und allein seines Wegs zu gehen. Arthur wäre längst schon Rentner gewesen, wenn er nur gewollt hätte, doch er fand den Ausgang ins andere, angeblich leichtere Leben nicht, und um seine umstrittene Haltung zu kaschieren, suchte er sich mühsam einige Ausflüchte zusammen, die er freimütig jedem bekannt gab, der zuhören wollte. Er hatte den Sprung in den leeren Raum einfach nicht geschafft, oder er war dazu noch nicht bereit, er wusste es selber nicht.

Seine wiederholten Rundgänge in der Stadt, Abwechslung und Bewegungstherapie zugleich, welche ihm sozusagen stellvertretend das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit vermitteln sollten, waren indessen kaum je zielführend und hatten eher den Charakter des unschlüssig Suchenden sowie beliebig nach allen Seiten Ausschau Haltenden, allerdings zumeist ohne ihm auch nur eine jener Begegnungen zu bescheren, nach welchen er planlos suchte. Die Mittagszeit war für sein Vorhaben im Grunde ungeeignet, kein Wunder also, dass der Erfolg bescheiden war, denn wer wusste schon, dass er genau zu jenem Zeitpunkt verfügbar wäre, den er sich für seinen ‚Öffentlichkeitsauftritt‘ auswählte? Selten also, wie gesagt, fand er jemanden, der zu irgendeinem Spontanprogramm zu überreden gewesen wäre, und so landete er zumeist in der Buchhandlung, deren Neuheiten er zum zehnten Mal durchkämmte, um erneut festzustellen, dass sie sein Interesse noch immer nicht in den Bann zogen, und wo sich, außer den Verkäuferinnen, auch keine Bekannten oder Freunde fanden, die wohl eher dabei waren, ihr Mittagsmahl zu konsumieren. Etwas resigniert und vielleicht auch ein wenig enttäuscht, so etwa, als wäre er beleidigt, dass keiner ihn erwartet habe, verließ er dann die Stadt und begab sich nach Hause, wo er Ruhe und Kalorien vorzufinden hoffte, die letzte Rettung sozusagen vor dem Zerfall.

Aber im Frühsommer des ersten Jahres seiner Teilpensionierung - ach, also doch - wurde er eines Tages fündig. Eine seiner vielen Töchter, die jüngste von allen, saß in einem kleinen Restaurant, mitten in der Stadt, und zwar zusammen mit einem jungen Herrn und einer eigenartig gekleideten, grauhaarigen Frau, deren Haare zu einem kunstvollen Knoten zusammengebunden waren, einem Knoten, den er aufgrund seiner speziellen Form wiederzuerkennen glaubte. Nur eine einzige ihm bekannte Person hatte es bislang geschafft, dieses außergewöhnliche Kunstwerk zu vollbringen, es war Greth, eine ‚unvergessliche‘ Bekannte, welcher er seit unzähligen Jahren nicht mehr begegnet war. Doch damals, als er diesen Knoten kennenlernte, waren die Haare noch dicht und braun, das dazugehörige Gesicht schmal und rechthaberisch und ihre Kleidung beinahe ebenso altertümlich wie heute, indem sie meist knöchellange, dunkelgraue Röcke trug und eine blütenweiße Bluse mit einem zahmen Krägelchen, das während der kälteren Jahreszeit züchtig um den hochgeschlossenen Pullover gestülpt wurde. Sie trug nie Schmuck, keine Armbanduhr und brauchte nur ausnahmsweise Schminke, denn sie bediente sich einer betont bescheidenen Ausdrucksform, eine unmissverständliche Botschaft an die luxuriöse Gesellschaft, in der zu leben sie nun mal gezwungen war. Sie war unablässig auf Konfrontationskurs mit ihren Zeitgenossen, ohne sich darüber zu ärgern, dass man sich über sie und ihr Gehabe lustig machte und ihre Botschaft für schrullig hielt. Sie verfolgte damit wohl eines ihrer Lebensziele, dessen Inhalte sie sich nicht selber aussuchte, nein, vielmehr wurden sie ihr von Kindsbeinen an aufgezwungen, was jedoch dem Enthusiasmus, mit welchem sie dafür einstand, keinen Abbruch tat. Nun ja, es war Greth, welche in diesem Kaffeehaus saß, daran bestanden keine Zweifel, die überraschende Verbindung jedoch mit seiner Tochter war gelinde gesagt eher auffällig, um nicht zu sagen beunruhigend, wenngleich er noch nicht wusste, welcher Art sie war, indes sogleich vermutete, was dahinterstecken könnte. Ja natürlich, sie kannte sie von Kindsbeinen an, doch gab’s ausreichend Gründe, anzunehmen, dass der Kontakt abgebrochen worden war, war doch bekannt, dass sie längst den Wohnort gewechselt hatte. Die Szene machte ihn stutzig und auch nachdenklich, ja löste geradezu ein erhebliches Missbehagen aus, denn die Erinnerung an verflossene Zeiten war mit einer skurrilen Geschichte verbunden, die neu aufzurollen ihm gar nicht zupasskam, sodass er nahezu reflexartig an Flucht dachte, sich dann aber eines Besseren besann.

Nun ja, er traute zunächst seinen Augen kaum … ein Trugbild vielleicht? Es war durchaus denkbar, dass er sich täuschte, ein letzter hoffnungsvoller Strohhalm, an den er sich zu klammern versuchte, vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Er stand noch draußen auf der Straße und erblickte diese eifrig diskutierende Dreiergruppe durch die großen Glasfenster, welche von außen her einen vorzüglichen Einblick ins Innere des Kaffeehauses gewährten und durch die man die Menschen, welche dort saßen, auch recht gut erkennen konnte, ja sogar ohne sich des Voyeurismus bezichtigen zu lassen, in völlig unauffälligem Vorbeimarschieren sah, was sie aßen und tranken. Obwohl seine Neugierde aufs Heftigste geweckt war, wollte er sich keinesfalls auffällig gebärden, denn er, noch unentdeckt, konnte nicht wissen, ob sein unerwartetes Erscheinen denn willkommen wäre, ja nicht einmal, ob es genehm wäre, wenn man drinnen plötzlich der Tatsache gewahr würde, dass er sie zusammen gesehen haben könnte. Zumindest witterte er Schwierigkeiten, welche sein Auftauchen dann herbeizuführen imstande wäre, wenn die mutmaßlichen Zusammenhänge, welche blitzartig seine Gedanken durchzuckten, tatsächlich bestünden und sogleich sein und gleichermaßen auch Greths Gewissen zu belasten begännen. Und eine schreckliche Vorstellung, eine bestimmte Furcht sogar, erfasste ihn plötzlich so sehr, dass er sich nunmehr vorzustellen begann, aller Hemmungen zum Trotz einzutreten und sich zu zeigen, ja sie, diese drei Personen zu begrüßen und damit kundzutun, dass er sie erkannt habe, egal was er dadurch auslösen könnte. Er war mittlerweile so weit, dass er sich nicht mehr allemal versteckte und seine Anwesenheit wie auch seinen Kenntnisstand nicht unbedingt zu unterdrücken versuchte. Ein bisschen mehr Selbstvertrauen hatte er sich in letzter Zeit schon zugelegt, nicht sehr viel, aber genügend, um in solchen Fällen die Flucht nach vorne anzutreten. „Was soll’s?“, gestand er sich schließlich ein, „es gibt mich nun mal, und ich bin so, wie ich bin, meine Geschichte, einschließlich der äußerst problematischen Begegnung mit Greth, hat sich einst vollzogen, ist zudem einigen wenigen Personen bekannt, und ich stehe dazu.“ Nein, er brauchte sich wahrlich nicht zu verbergen, denn er hatte ebenso viel Gutes wie Tadelnswertes getan, sodass er mit beinahe jedem Zeitgenossen durchaus mithalten konnte. Seine Bilanz war auch nicht verwerflicher als diejenige seiner Mitmenschen und damit sein Wirken auf Erden insgesamt weder zu- noch abträglich einzustufen, gutes Mittelmaß und braver Konformismus eben, was wohl den meisten Erdenbürgern zuerkannt werden darf, denn mit dieser Haltung kommt man am ehesten hürdenfrei durchs Leben. Doch hier erkannte er einen alten Stolperstein der Vergangenheit, der sich nun als nachhaltig erweisen könnte, gravierend gar und fatal.

War es denn überhaupt Greth, oder eine andere Frau, etwa eine ‚Leidensgenossin‘ ihres Clans, jener wohlbekannten Menschengruppe mithin, welche durch betrübliche historische Ereignisse schließlich auf die Jurahöhen verbannt wurden, wo sie seither in Abgeschiedenheit und weitgehend außerhalb der übrigen Gesellschaft lebten und beteten? Noch einmal meldeten sich Zweifel, die sich jedoch ebenso rasch wieder verflüchtigten, wie sie sich einstellten, als er noch einmal genauer hinsah; doch wer mochte der junge Mann sein und … nun ja, er erkannte seine Tochter, da war er sich sicher, auch wenn er sie seit Langem nicht mehr gesehen hatte. Indes, der Wahrheitsgehalt all dessen, was sein fieberhaft arbeitendes Gehirn an Erinnerungen zusammenscharrte, hing letztlich davon ab, wer dieser junge Mann war, er und nur er war zunächst einmal die Schlüsselfigur seines Sinnierens, insbesondere aber auch seiner Bedenken, welche unvermittelt aufflackerten. Es ging dabei vor allem um dessen Identität, die zu entscheiden erlaubte, ob seine Ahnungen berechtigt waren oder nicht, und diesen maßgebenden Punkt zu klären, war plötzlich zu seinem Hauptanliegen geworden. Es wäre ja unter gewissen Umständen nicht ganz an den Haaren herbeigezogen, dass er drohendes Unheil abzuwehren hätte, dessen Relevanz sich allerdings nur dann ermessen ließe, wenn er den Raum beträte und sich zu erkennen gäbe. Noch zögerte er feige: Wollte er dies wirklich tun, wollte er der Vergangenheit entreißen, was sie wohl seit Langem schon mit dem Schleier des Vergessens zu bedecken versuchte, ja wollte er sich letztlich seiner eigenen Geschichte stellen und vielleicht aufarbeiten, was sie in diesem Zusammenhang an Spuren hinterlassen hatte? Doch dann entschloss er sich mutig, die Flucht nach vorne anzutreten, und trat beherzten Schrittes ein, näherte sich dem fraglichen Tisch und stellte sich provokativ an dessen einer Seite auf: „Guten Tag ihr drei, schön euch wieder einmal anzutreffen …“

Die Tochter erkannte Arthur sofort und begrüßte ihn zwar höflich, aber mit sichtlich mäßiger Begeisterung und unverkennbarer Zurückhaltung, um nicht zu sagen Verlegenheit, der junge Mann blickte ihm mit fragendem Gesichtsausdruck entgegen, um seinem nichts ahnenden Erstaunen Ausdruck zu verleihen, aber auch die grauhaarige Frau wandte ihm ihr Gesicht zu, staunte und schwieg vorerst, erhob sich dann aber betont langsam und küsste ihn leidenschaftslos auf beide Wangen, eine ungeahnte Geste, die er in ähnlichem Stil erwiderte … „welch ein Zufall“, die ebenso spärlichen wie nichtssagenden Worte, die sie sich entlocken ließ. Die Begrüßung fiel insgesamt erwartungsgemäß aus, und die Begeisterung hielt sich selbstredend in Grenzen! Sicherlich, es war Greth, unverkennbar, aber weidlich gealtert und scheinbar krank, jedenfalls schien ihr das Aufstehen schwerzufallen. „Darf ich dir meinen Sohn Daniel vorstellen, du weißt ja“ … formeller Handschlag … „Freut mich!“ - das feierliche Höflichkeitsgemurmel gemäß offizieller Spielregeln, doch die überdeutlichen Fragezeichen in seinem verdutzten Gesichtsausdruck verschwanden einstweilen nicht. Unhöflicherweise blieb er auch sitzen, wahrscheinlich absichtlich, um zu demonstrieren, dass er keinen weiteren Gesprächspartner wünsche, oder gar aufgrund des Schreckens, welcher die Bekanntmachung mit Arthur, dessen Name wohl mit einer negativen Konnotation behaftet war, bei ihm auslöste. Die spannungsgeladene Atmosphäre war jedenfalls deutlich fühlbar, seine Befürchtungen oder Vorahnungen also weder abwegig noch unberechtigt. Dass man seinem Erscheinen - sein Zögern vor dem Fenster wurde wohl beobachtet - bereits eine Kurzbiografie vorausschickte, welche Sohn wie Tochter einschlägig ins Bild setzten, war damit so gut wie erwiesen, wenngleich zu befürchten war, dass die ausschlaggebenden Fakten verdreht oder zumindest zweckdienlich bereinigt worden waren. Doch den genauen Wortlaut von Greths apologetischen Erklärungen kannte er natürlich nicht, er konnte nur ahnen, durch welche ‚Ammenmärchen‘ sie die Schatten der Vergangenheit, welche sie wohl kurzerhand wieder zum Leben erweckte, erneut ins Rampenlicht rückte.

Ob er sich zu ihnen setzen dürfe, fragte er gleichwohl, die überdeutlichen Zeichen der Spannung absichtlich missachtend … Aber bestimmt, wiewohl sie sehr bald wegzugehen gedächten, da sie noch ein recht umfangreiches Programm zu absolvieren hätten … „Im Übrigen kannst du kaum wissen, dass deine Tochter und Daniel sich im Pfingstlager kennenlernten, wo sie sich auch angefreundet haben, und sie möchten sich fortan öfters mal treffen; ein wunderbarer Zufall, nicht wahr? Eine göttliche Fügung wohl. Ich freue mich sehr, und eine Art Glücksgefühl hat mich erfasst, indem ich nun möglicherweise erleben darf, dass mein einstiger Traum wenigstens eine Generation später in Erfüllung gehen wird … du weißt schon, wovon ich spreche. Gottes Wege sind eben unerforschlich, aber gerecht, darauf habe ich stets gebaut, erfolgreich, wie man sieht.“

„Ja, dieser Umstand ist weidlich bekannt“, so seine etwas pikierte Erwiderung, die jedoch unerwidert im Raum stehen blieb, denn eine Debatte über alte Meinungsverschiedenheiten wäre wohl im Augenblick unerwünscht gewesen.
„In dieser Hinsicht waren wir ja nie ganz gleicher Meinung, aber diese Differenz war vermutlich nicht ausschlaggebend für die Tatsache, dass …“
Arthur erbleichte zusehends, hörte noch von Weitem, ob es ihm nicht gut ginge, und dann herrschte Dunkelheit und Stille … er fiel zu Boden, wo er angeblich regungslos liegen blieb. Dass er sich dabei den Kopf aufschlug, bemerkte er freilich nicht.

Kopfschmerzen, Dunstschwaden, orientierungslos durchquerte er den Raum … Langsam lösten sich aus der Dunkelheit einige schemenhafte Gesichter und Gestalten, Namenlose zunächst, Götzen des Unbewussten, doch mehr und mehr erkannte er ehemalige Vertraute, Freunde und Feinde, Figuren jedenfalls, welche ihn auf seinem Lebensweg einst für kürzere oder längere Zeit begleitet hatten. Sie tauchten auf, durchquerten schwebend sein Blickfeld, grüßten bisweilen flüchtig und verschwanden wieder, indem sie sich in nichts auflösten. Die flüchtigen Erscheinungen verstärkten sich zusehends, beschleunigten ihr Tempo und begannen bald wirr durcheinanderzuwirbeln, als vollführten sie einen ganz besonderen Hexentanz. Wie auf einem Karussell drehten sie sich im Kreise und spiegelten ihm in rascher Abfolge einen Großteil seiner Vergangenheit wieder, bis sich endlich eine konkrete Geschichte herausschälte und Bilder produzierte, welche wohl dem persönlichen ‚Archiv‘, mithin dem sogenannten ‚Erinnerungspool‘ entnommen wurden:

Arthur stand auf der untersten Stufe einer Treppe, welche zu einer seiner ehemaligen Wohnungen führte, die sich in einem Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt befand. Auf der obersten Stufe derselben saß Greth, die er nun genau erkannte. Als er zu ihr hochgestiegen war, erhob sie sich, nahm ihn sanft in ihre Arme und schmiegte sich an seinen Körper, wo sie sein steifes Glied deutlich wahrnahm und schließlich auch mit der einen Hand berührte: „Deswegen warte ich nun schon eine geschlagene Stunde, aber ich sehe, dass es sich gelohnt hat“, sagte sie laut und deutlich, doch es war ihm peinlich, denn sie standen noch im Hausflur vor der Eingangstür zu seiner Wohnung, und andere Bewohner, die ihm, dem Fremdling und Ehebrecher, ohnehin nicht gewogen waren, konnten über den Türspion ungehindert die reichlich kompromittierende Szene beobachten. Es war dennoch ein recht angenehmes Gefühl, das Gefühl, willkommen zu sein, und wohlig warm durchströmten ihn Erinnerungen aus früheren Zeiten, jene Erinnerungen nämlich, welche zu Greths Geschichte gehörten.

Sie trug noch ihre braunen Haare, was bewies, dass die Szene in der Vergangenheit spielte, braune Haare also, welche am Hinterkopf zu einem kunstvollen Knoten zusammengebunden waren. Der Knoten war ihr Wahrzeichen, wiewohl auch Symbol für Zusammengehörigkeit und Demut, welcher sich alle Frauen befleißigten, die sich in ihrer religiös geprägten Vereinigung zusammentaten. Ihr Gesicht war noch jung und verführerisch, doch ihr Gewand nach üblicher Regel, langweilig und fad, verbarg jedenfalls sämtliche weiblichen Formen und hatte offensichtlich dafür zu sorgen, dass es die Lust des Mannes nicht anheizte. Es war beiden klar, dass sie allein waren, nachdem sie Arthurs Wohnung betreten hatten, denn er hat die Türe hinter sich fest verschlossen. Nein, es handelte sich nicht um ein gewöhnliches Stelldichein, die Episode ereignete sich allein dank Greths eigenwilligem Entschluss, diese eher ungewöhnliche Zusammenkunft herbeizuführen, koste es, was es wolle. Sie wusste ja nicht, ob und wann Arthur kommen würde und setzte sich aufs Geratewohl auf die oberste Stufe der einzigen Treppe, die zu dessen Wohnung führte. Sie wartete geduldig, angeblich darauf bauend, dass ihre Intuition sie nicht täuschen würde, und sie wurde scheinbar vollumfänglich belohnt, dachte sie zunächst im ersten Glückgefühl, das sie empfand. Es war ihr Entscheid, entsprach ihrem Willen, nur, Arthurs Reaktion stand noch aus, denn er kannte ihre Hintergedanken, die sie zu keinem Zeitpunkt verheimlichte.

„Die Gelegenheit ist günstig, um endlich unser Kind zu zeugen, das du mir seit Langem schon versprochen hast. Genug des Hinhaltens, und bitte auch keine platten Ausflüchte mehr, zumal du wohl kaum vergessen hast, was widrigenfalls auf dem Spiel steht. Aber lass es uns in Liebe tun, nicht unter Druck und erpresserischer Drohung, denn es ist mein innigster Wunsch, deine Erbeigenschaften mit den meinigen zu vereinen, eben ein Kind zu zeugen, das sie in sich trägt, die verborgenen Schätze unserer beider Gene. Ich habe alles geregelt, meine Welt ist in Ordnung, und die deine wird dadurch nicht verändert werden. Die Vaterschaft dieses Kindes wird immer unser Geheimnis bleiben, und nichts und niemand auf dieser Welt wird je in der Lage sein, es zu lüften.“

Sie löste den Haarknoten und warf ihre langen Haare mit laszivem Schwung über die Schultern, öffnete ihre weiße Bluse, wodurch die kleinen Brüste sichtbar wurden, und zog den knöchellangen Rock bis zu den Hüftknochen hinauf, um ihm ihr stark behaartes Geschlechtsorgan anzubieten. Eine rötliche Schleimhaut schimmerte durch die buschigen Haare hindurch und markierte Bereitschaft zum Beischlaf. Sie war unwiderstehlich, aber er zögerte noch, trotz wachsender Begierde, doch plötzlich von der Macht weiblicher List und Zielstrebigkeit übermannt, schwand sein Widerstand dahin, und so schickte er sich an, den nunmehr unabwendbaren Beischlaf zu vollziehen. Beinahe gleichzeitig bemerkte er aber, dass sich wider Erwarten sonst noch jemand in der Wohnung aufzuhalten schien, sodass er innehielt und den bereits begonnen Zeugungsakt unterbrach, was beinahe einem Martyrium gleichkam, aber unausweichlich schien, um den Störenfried auszumachen und zu vertreiben, denn keiner sollte diesen Akt je bezeugen können. Greth blieb liegen, etwas ungehalten zwar, aber scheinbar geduldig auf die Fortsetzung wartend, ohne dazu einen Kommentar abzugeben. Arthur fand im Zimmer nebenan einen glatzköpfigen, etwas rundlichen Herrn, den er nicht kannte. Befragt nach seinem Begehr, packte er irgendein Dokument hastig in seine Aktentasche und verschwand, ohne eine Antwort zu erteilen. Er enteilte nicht durch die Wohnungstür, vielmehr löste er sich in Luft auf. Als Arthur, etwas verdutzt zwar, aber dennoch zufrieden, wieder zum Liebesnest zurückkehrte, um zu vollenden, was er begonnen hatte, war Greth verschwunden …

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 494
ISBN: 978-3-99064-725-7
Erscheinungsdatum: 15.10.2019
EUR 16,90

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