Science Fiction & Fantasy

Zu Besuch auf Planet Erde

Karl Peter Paul Hinterlechner

Zu Besuch auf Planet Erde

Leseprobe:

Kapitel 4

Ich flog am wunderschönen türkisblauen Karibischen Meer dahin über klarstem Wasser und konnte viele Fische unter mir beobachten. Zuerst schwebte ich Richtung Norden, und als ich dann zwischen der Dominikanischen Republik und Kuba links in Richtung Westen nach Mexiko abbiegen wollte – mein Ziel war die Halbinsel Yucatán, genauer die Pyramide von Chichen Itza –, spürte ich plötzlich eine sehr starke Kraft, die mich vom Kurs abbrachte, liebe Tante! Diese unerklärliche Kraft zog mich immer weiter in Richtung Nordosten aufs offene Meer hinaus in Richtung der sogenannten Bermuda-Inselgruppe. Ich kämpfte gegen den Richtungswechsel an und verstand überhaupt nicht, wie mich, wo ich doch aus reinem Geist bestehe, irgendetwas so magnetisch anziehen konnte. Es wurde immer stärker und stärker, ich konnte nichts dagegen machen. Dann wollte mich diese mysteriöse Kraft in die Tiefe des Meeres ziehen. Glücklicherweise hatte ich die Koordinaten der Pyramide in Chichèn Itzà in Pyramidenkunde gelernt. Diese abgespeicherte Information war meine Rettung, denn bevor es der ominösen Kraft gelang, mich ins Wasser zu ziehen, konzentrierte ich mich sehr stark auf die Koordinaten, und in letzter Minute gelang es mir, mich mit einem Gedankensprung zu retten.
Als ich dann in Sicherheit war, zapfte ich sofort die Akasha-Chronik an, um herauszufinden, was da gerade geschehen war. Ich fand heraus, dass sich an diesem Punkt im Meer das sogenannte Bermudadreieck befindet. An dieser Stelle sind schon unzählige Schiffe und Flugzeuge samt Besatzung spurlos verschwunden.
Um zu erklären, was es mit dieser Stelle im Ozean wirklich auf sich hat, muss ich ein wenig ausholen, liebe Tante:
Es gab einmal eine Zeit hier auf Erden, in der die Menschen ein höheres Bewusstsein als heute hatten. Jeder Mensch war erleuchtet, man wusste Bescheid über die Wirkung der Prana-Atmung. Alle atmeten die Energie der Lebenskraft des Universums in ihren Lichtkörper, auch Merkaba, genannt ein. Als dann aber die Erde in ein dunkles Zeitalter, Kali-Yuga genannt, eintrat, konnten die Menschen ihre Merkaba nicht mehr mit Prana versorgen und wurden immer unbewusster. Die Menschen suchten verzweifelt nach Lösungen und ihr einziger Ausweg, dachten sie, sei es, eine Maschine zu bauen, die eine künstliche Merkaba für alle herstellt. Beim Bau dieser Maschine sind ihnen durch verloren gegangenes Wissen viele Fehler unterlaufen. Denn als sie die Maschine in Betrieb nahmen, gab es verheerende Vulkanausbrüche, Erdbeben und Sinnfluten, ganze Kontinente versanken im Wasser. Und heute liegt diese Maschine am Meeresgrund und arbeitet immer noch. Obwohl sie aus einer anderen Wirklichkeit/Dimension stammt und für die Menschen unsichtbar ist, verursacht diese Maschine immer noch Anomalien im Raum-Zeit-Kontinuum und wirkt für feinstoffliche Wesen wie mich wie eine Geistfalle. Man wird magnetisch angezogen und irgendwo in einer anderen Zeit oder in einer Parallelwelt wieder hinausgeschleudert!
Naja, und so war ich nun in Mexiko gelandet, liebe Tante. Mexiko liegt in Zentralamerika und hat 112 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt heißt Mexiko City, die Währung heißt Peso, man spricht spanisch und 62 weitere indigene staatlich anerkannte Sprachen. Es gibt 82 % Christen, der Rest ist anglikanisch oder protestantisch. In Mexiko gibt es viele alte Kultplätze der Mayas, die ich mir natürlich alle anschauen wollte. Die Pyramide von Chichèn Itzà war gigantisch, sie hat an allen vier Seiten Stufen in der Mitte, die bis zur Spitze hinaufführen. Eine in Stein gemeißelte Schlange dient als Geländer. Am höchsten Punkt der Pyramide befindet sich ein Opferraum mit einem Eingang in jeder Himmelsrichtung. Wenn man unten vor der Pyramide in die Hände klatscht, macht der Schall in dem Raum oben auf der Pyramide ein ganz spezielles Geräusch als Echo, es klingt fast wie ein Vogelzwitschern. Eine wunderschöne Anlage, nur leider werden Touristen scharenweise mit Bussen angekarrt, es gibt Führungen in sämtlichen Sprachen, von Fremdenführern, die meist irgendwelche Märchen erzählen.

Von Chichèn Itzà flog ich weiter nach Tulum an der Westküste Mexikos und schaute mir dort Mayaruinen an und dann gleich weiter nach Südosten ins Landesinnere. Dort, im Zentrum des Landes, genauer gesagt in Palenque, geschah etwas Schicksalsweisendes für mich, liebe Tante.
Ich hatte schon den ganzen Tag ein komisches Gefühl, als ob ich nicht aus Zufall hierhergekommen sei. Bei der Besichtigung der großen Gruppe der Mayatempel im Dschungel dachte ich, dass es vielleicht mit der Energie dieses Ortes zusammenhängen könnte, aber nicht im Geringsten, dass es etwas mit mir zu tun hat. Ich habe Schwingungen empfangen, dass etwas Unvorhersehbares passieren würde.
Dann hat mich eine höhere Macht auf einen Berg zitiert. Ich wurde von einer Zeremonie von Schamanen magisch angezogen. Es war eine sehr angenehme Energie, und ich wusste, ich muss dorthin. Und als es dunkel wurde, war es dann soweit.
Es war eine wunderschöne, klare Vollmondnacht. Millionen Sterne glitzerten am Firmament. Ich beobachtete gerade die Schamanen am Berg, die ein Heilungsritual für Mutter Erde abhielten. Während der Zeremonie, als sie Räucherwerk in eine Schale gaben und alte Mayaverse rezitierten, hatte ich plötzlich das Gefühl, die Kräuter-Harzmischung zu riechen. Aber das war ja unmöglich, ich war ja ein Geist. Aber dann spürte ich, dass ich immer schwerer und schwerer wurde. Ich kämpfte dagegen an, hatte aber keine Chance. Die Gravitation zwang mich zu Boden, und ich spürte noch ein komisches Kribbeln, bevor ich vor lauter Erschöpfung meinen Geist verlor und bewusstlos wurde.
Als ich wieder zu mir kam, konnte ich es zuerst gar nicht glauben, liebe Tante, aber ich hatte auf einmal einen menschlichen Körper.
Die Schamanen hingegen waren nicht überrascht oder verwundert, dass sich gerade vor ihren Augen ein Geist materialisiert hatte. Ich erzählte ihnen, dass ich nicht von der Erde stamme und von weit her nur zu Besuch gekommen sei. Und dass das Ganze eigentlich unmöglich sei, da auf meinem Heimatplaneten alle nur aus Geist bestehen bzw. feinstofflich sind.
Ich konnte immer noch nicht fassen, was da gerade geschehen war. Die Schamanen sagten zu mir, dass ich mich gerade jetzt materialisiert habe, hätte einen speziellen Grund. Und weil es gerade bei diesem speziellen Ritual passiert sei, müsse es mit der Heilung der Erde und dem Aufstieg der Menschheit in ein höheres Bewusstsein in Zusammenhang stehen. „Aber was könnte ich schon zur Heilung der Menschheit beitragen?“, fragte ich. Die Schamanen meinten, dass ich wohl einige Erfahrungen mit einem menschlichen Körper machen müsse, um bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen und dadurch der Menschheit auf irgendeine Art und Weise helfen zu können.
Sofort, liebe Tante, dachte ich an dich und sendete dir die folgende Botschaft: „Liebe Tante, ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber ich habe jetzt einen menschlichen Körper und es hat irgendetwas mit dem großen Umbruch auf der Erde zu tun. Kannst du mir bitte kurz deine Meinung zu dieser unglaublichen Verwandlung mitteilen? Vielleicht hast du eine Idee, was mein Beitrag zur Erleuchtung der Menschheit sein könnte?“
Später stieg ich mit den Schamanen den Berg hinunter und dachte an die Worte des Löwen in Kenia: „Zeig dich der Welt.“ Jetzt verstand ich, was er gemeint hatte. Genau wie mir auch der Schamane in Burundi schon prophezeit hatte, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und einen Dimensionssprung machen würde. Jetzt gehe ich gerade mit einem menschlichen Körber bergab. Und der Schamane hatte recht, nichts ist mehr so, wie es einmal war.
In einem kleinen Dorf in der Nähe von Palenque nahm mich ein Schamane bei sich auf. Er zeigte mir ein Zimmer mit einem Bett und sagte, ich solle mich ausruhen. Ich legte mich hin und kurz darauf schlief mein neuer Körper ein, aber mein Geist war hellwach. Die Menschen sagen dazu träumen, liebe Tante. Sie können sich aber im Vergleich zu mir nur an Fragmente eines Traumes erinnern. Ich ging in Gedanken gerade diese ganze unfassbare Verwandlung durch, als ich wieder diese Schwere fühlte und es mich zurück in den Körper zog. Es war schon wieder Morgen und mein Körper wachte auf. Völlig benommen glaubte ich, es wäre alles bloß Einbildung und meine Wahrnehmung wäre irgendwie aus dem Gleichgewicht oder mein Geist hätte mir einen Streich gespielt. Doch als sich meine Augen öffneten, sah ich, dass ich mich wirklich in einem Körper befand. Ich stand auf und spürte ein Unbehagen, ein Gefühl, das ich bis jetzt noch nicht kannte. Es breitete sich in meinen Füßen aus und äußerte sich als Brennen in den Muskeln. Plötzlich wusste ich, das müssen die sogenannten Schmerzen sein, von denen hatte ich schon einmal gehört. Der Schamane wünschte mir einen guten Morgen und erklärte mir, dass ich Muskelkater hätte, vom Abstieg gestern Nacht.

So, da war ich nun in Mexiko in einem schmerzenden Körper aus Fleisch und Blut, wie sollte es nun weitergehen, überlegte ich. Mit dem Fliegen und Schweben ist es jetzt wohl vorbei. Bin ich überhaupt noch in der Lage, Gedankensprünge zu machen? Welche Rolle spiele ich beim Aufstieg der Erde? All das, und noch viel mehr, ging mir durch den Kopf und von dir, liebe Tante, hatte ich bis dato leider auch noch nichts empfangen.

Der Schamane, der bereits beim Frühstück saß, sagte zu mir, dass ich bestimmt besondere Fähigkeiten mitbringen würde. Er glaubte, dass ich bestimmt Sachen aus dem Nichts materialisieren könnte und noch ganz andere Dinge. Vermutlich, meinte er, würde ich nur Lichtnahrung benötigen. Und als ich ihm beim Essen so zusah, verspürte ich wirklich keinen Hunger oder Durst. „Gut“, dachte ich, „wenigstens brauche ich mich um das nicht zu kümmern.“
Ich wollte dann so schnell als möglich herausfinden, wie es mit meiner Geistessprungkraft steht. Ich suchte mir ein leichtes Ziel aus, und zwar den Berg, wo die Zeremonie stattgefunden hatte. Ich konzentrierte mich auf den Platz am Berg und versuchte einen Gedankensprung vorzunehmen. Aber nichts passierte, ich war immer noch am selben Fleck wie zuvor. Dann bekam ich glücklicherweise die Botschaft von dir, liebe Tante: „Alles ist gut, jeder hat eine bestimmte Aufgabe im Universum, du brauchst dich nur auf deine Intuition zu verlassen, und du wirst die Lösung bald herausfinden. Und wegen dem Fehlversuch eben bedenke, Materie besteht aus Licht bzw. Geist und alles, was existiert, wurde aus Gedankenkraft mit Liebe erschaffen.“
Danke, liebe Tante! Jetzt war ich mir sicher, dass ein Gedankensprung möglich sein musste, wenn ich mich ordentlich konzentrierte, und ich war gespannt, was für eine Aufgabe das Universum für mich ausgewählt hatte.
Daraufhin probierte ich es gleich noch einmal, und beim zweiten Anlauf gelang es mir dann, mit viel Konzentration, meinen Körper auf den Berg zu bringen. Hurra, es hat geklappt, dachte ich. Man konnte noch die Asche des Feuers sehen, das die Schamanen gemacht hatten, und auch den großen Steinkreis, in dem ich mich materialisiert hatte. Ich blieb ein wenig auf dem Berg, setzte mich in den Kreis und meditierte.
Zu Fuß ging ich dann wieder ins Dorf zurück, denn der Schamane sagte mir, dass der Muskelkater am besten durch Bewegung weggehe. Unten angekommen berichtete mir der weise Mann von Orten, die ich mir ansehen sollte. Er zeigte mir auf einer Landkarte ein Indianerreservat in Arizona, wo ein Freund und Schamanenkollege zuhause ist, den ich unbedingt besuchen sollte. Ich speicherte die Koordinaten innerlich ab, bedankte mich für seine Gastfreundschaft, verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.


Kapitel 5

Meine Reise ging weiter von einem Mayatempel zum anderen, und in Guatemala kam es dann zu einer sehr brenzligen Situation.
Ich hatte keine Koordinaten von dem Tempel, den ich in Guatemala besuchen wollte, und konnte deshalb auch nicht per Gedankensprung reisen, also bin ich mit dem Bus nach Guatemala gefahren. Ich war schon geraume Zeit unterwegs, als der Bus plötzlich an einer Schranke stehen blieb. Überall waren Stacheldraht und Männer mit Maschinengewehren. Ich fragte meine Sitznachbarn im Bus, was denn hier los sei, und er antwortete mir, das sei nur die Grenzkontrolle. Alle Fahrgäste mussten aus dem Bus aussteigen. Männer mit Hunden durchsuchten den Bus, und wir alle mussten uns an einem kleinen Häuschen zur Passkontrolle anstellen. Mir wurde plötzlich ganz heiß und ich begann zu schwitzen. War das Angst? Auf jeden Fall war es ein Gefühl, das ich noch nicht kannte und noch nie gefühlt hatte. Als ich so in der Reihe stand ohne Pass erinnerte ich mich, was der Schamane bezüglich meiner eventuellen Fähigkeit, Dinge zu materialisieren, gesagt hatte, und das brachte mich auf eine Idee. Ich bat den Mann vor mir, mir einmal sein Reisedokument ansehen zu dürfen. „Gerne“, sagte dieser stolz. Ich blätterte den Pass Seite für Seite durch prägte mir jedes Detail so gut es ging ein. Dann gab ich ihn dem Mann wieder zurück. Im letzten Augenblick, als ich an der Reihe war und der Zöllner mich schon fragte, ob ich etwas zu verzollen hätte, gelang es mir, mit viel Konzentration in meiner Tasche einen eigenen Reisepass zu materialisieren. Ich nahm dem Pass heraus, gab ihn dem Zöllner und meinte, nein, ich hätte nichts zu verzollen. Er schaute streng, musterte mich, knallte einen Stempel in den Pass und machte mit der Hand eine Bewegung, dass ich weitergehen soll. Das war knapp, liebe Tante, dachte ich und schaute mir selbst einmal meinen materialisierten Pass genauer an. Ich war erstaunt, dass es fürs erste Mal so gut geklappt hat, denn das mit dem Materialisieren war nicht so einfach, ich musste blitzschnell kombinieren. Ich hatte als Vorlage den Pass eines Mexikaners und sah überhaupt nicht aus wie ein Landsmann von ihm, eher wie ein Südeuropäer. Nach der Erinnerung an die Reisegruppen, denen ich auf meiner Reise schon begegnet war, hätte ich mich als Italiener oder Spanier eingestuft. Ich musste mich schnell entscheiden, und habe dann in Gedanken überall, wo Nationalität steht, España hingeschrieben. Der erste Name, der mir in den Sinn kam, war Carlos Rodrigues. Barcelona habe ich als Ausstellungsort gewählt. Mein Körper sah aus wie um die 40 Jahre, und so habe ich einfach irgendein Datum eingesetzt, und zwar genauer gesagt den 8.4.1969. Als Ausstellungsdatum habe ich in der Hektik einfach den 25.10.2009 genommen. Ich bin später draufgekommen, dass es sich hierbei um einen Sonntag handelte, was aber noch nie jemanden aufgefallen ist.
Außerdem war meine Angst eigentlich unbegründet, denn wenn es mir nicht gelungen wäre, einen Pass zu materialisieren und sie mich verhaftet und in eine Gefängniszelle gesteckt hätten, hätte ich ja ohnehin jederzeit mit einem Gedankensprung fliehen können.

So, jetzt hatte ich das erste Mal mit einem Körper eine Grenze passiert und hatte sogar einen Reisepass. Ich befand mich nun in Guatemala, liebe Tante.

Guatemala hat 12 Millionen Einwohner, die Hauptstadt heißt Guatemala City, man spricht Spanisch, die Währung heißt Quetzal und es gibt 60 % Römisch-Katholische, 30 % Protestanten, und der Rest sind Indio-Religionen. In die christliche Folklore sind viele Rituale der Maya eingeflossen und es werden oft Opfer dargebracht. Zum Beispiel werden den christlichen Heiligen oft massenhaft Opfergaben auf die Kirchenstufen gelegt. Ich habe mir die Tempelanlagen der antiken Mayastätten Tikal und Cival angesehen. Sie sind wunderschön, nur war es sehr heiß und feucht und das subtropische Klima machte meinem Körper sehr zu schaffen. Ich konnte die Mayatempel irgendwie nicht richtig genießen und dachte, wie schön das Reisen doch als Geistwesen noch gewesen war. Im Hochland in der Stadt Quetzaltenango beschloss ich dann, die Klimazone zu wechseln und mich in Richtung Nordamerika auf den Weg zu machen, um den Freund des Schamanen zu besuchen.
Ich wartete, bis es dunkel war, suchte mir ein ruhiges Plätzchen, an dem ich ungestört war, und begann mich für einen Gedankensprung vorzubereiten. Die Koordinaten für das Indianerreservat in Arizona hatte ich ja in mir abgespeichert. Ich konzentrierte mich, und gleich beim ersten Mal funktionierte es.
Ich war in Arizona, Nordamerika, auch USA genannt, noch genauer gesagt United States of America. Amerika hat 50 Bundesstaaten und insgesamt 311 Millionen Einwohner. Man spricht Englisch, die Hauptstadt heißt Washington, D.C., die Währung heißt US-Dollar und es gibt 52 % Protestanten, 24 % Römisch-Katholische, 5,4 % Atheisten, 3 % Orthodoxe, 2 % Mormonen, 1,4 % Juden, 0,5 % Moslems, 14,2 % haben keine spezifischen Angaben gemacht und der Rest sind Buddhisten, Hindus, Unitarier und Zeugen Jehovas. Interessant finde ich, liebe Tante, die 14,2 %, die nicht wissen, was sie glauben, das sind nämlich über 45 Millionen Menschen!
Die Temperatur hier in Arizona war angenehm kühl, und die Luftfeuchtigkeit war nicht mehr so hoch. Der indianische Schamane war leider nicht zu Hause und seine Frau wusste nicht, wo er genau sei und wann er nach Hause kommen würde. Die Stimmung im ganzen Reservat war irgendwie bedrückend und depressiv. Tagsüber werden die Touristen veräppelt und betrogen, und am Abend betäuben sich die meisten Indianer mit billigem Fusel. Ich wollte sofort wieder weiter nach Asien zu den Tempeln von Angkor Wat in Kambodscha. Die Koordinaten hatte ich schon zuhause abgespeichert. Doch es kam anders, als ich dachte. Ich hätte nie geglaubt, dass mir so etwas passieren könnte, liebe Tante!
Ich wollte mir gerade einen Platz suchen für meinen nächsten Gedankensprung, als ich von einer Gruppe junger Indianer angesprochen wurde, die im Kreis um ein kleines Lagerfeuer saßen und mich fragten, ob ich ihnen Gesellschaft leisten möchte. Ich wollte nicht unhöflich sein und setzte mich zu ihnen. Sie boten mir sofort Alkohol zu trinken an. Ich lehnte dankend ab. Es dauerte nicht lange, bis der Nächste kam und meinte, ich solle mit ihnen ein Glas trinken, es würde mir nicht schaden und es wäre eine Beleidigung ihrer Gastfreundschaft, würde ich ablehnen. Ich sagte trotzdem „Nein, danke“ und erzählte ihnen, dass ich heute noch abreisen werde. Worauf mir zum dritten Mal ein Glas mit Alkohol gereicht wurde, quasi als Abschiedstrunk. Nach langem Zögern ließ ich mich doch noch überreden, vielleicht aus Mitleid. Sie taten mir auf irgendeine Art und Weise leid, vielleicht war aber auch das Feuer schuld daran. Es erzeugte in meinem Körper eine ganz besondere Stimmung.
Jedenfalls, nach dem einem Glas, zu dem ich mich überreden ließ, trank ich noch ein Glas und dann noch ein Glas und noch ein Glas. Und dann war ich völlig betrunken, liebe Tante, und musste dann natürlich auch noch unbedingt an der Friedenspfeife ziehen, die in der Runde herumgereicht wurde. Das gab mir dann den Rest. Alles begann sich zu drehen und ich musste mich übergeben. Einer der Indianer brachte mich dann in ein Tipi, ein Zelt, das eigentlich als Fotokulisse für die Touristen diente. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich wieder dieses Gefühl, das die Menschen Schmerzen nennen, nur viel, viel stärker als in Palenque, und diesmal im Kopf, liebe Tante. Als ich aus dem Zelt kroch, waren auch schon die ersten Touristen im Indianerreservat. Sie posierten vor dem Tipi, um sich gegenseitig zu fotografieren. Als ich bei den Verkaufsständen vorbeiging, wo sie Ketten, Indianerfederschmuck, Traumfänger usw. anboten, hörte ich einen Verkäufer zu den Touristen sagen, dass alles von ihnen handgemacht sei. Aber in Wirklichkeit war alles nur importierter, billiger Plunder aus China, zwar handgemacht, aber nicht von ihnen, sondern von Kindern. Das hatten mir die Indianer letzte Nacht anvertraut, und das war aber auch schon das Einzige, an das ich mich noch erinnern konnte. Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Mir wurde klar, da komme ich heute nicht mehr weg. In diesem Zustand hätte ich die nötige Konzentration für einen Gedankensprung unmöglich aufbringen können.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-99038-414-5
Erscheinungsdatum: 02.12.2014
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Herbstlektüre