Science Fiction & Fantasy

Vereint als Rabenbrüder

Elisabeth Vinera

Vereint als Rabenbrüder

Leseprobe:

Prolog

Ich war der jüngste von vier Brüdern. Wir wohnten am Rande der Handelsstadt Estropus, die berühmt war für ihre üppigen Märkte, auf denen unzählige Waren aus fernen Kontinenten verkauft oder für hohe Preise versteigert wurden.
Meine Mutter wäre gerne in eines der neu gebauten, kunstvollen Häuser der Stadtmitte eingezogen, aber das konnten wir uns nie leisten - dafür hätten wir vermutlich drei Leben lang arbeiten müssen. Somit hausten wir in einem verwahrlosten Hüttchen, welches wir bei Kräften versuchten, instand zu halten. Jeder gab sein Bestes, um wenigstens ein wenig Geld nach Hause zu bringen. Na ja, fast jeder. Mein Bruder Rupert, der drei Jahre älter war als ich, liebte das Spiel mit dem Feuer. Oft setzte er die Tegs im Glücksspiel ein, die er selten selbst erwirtschaftete oder Mutter aus ihrem Depot für den Notgroschen stahl. Er verlor viele, viele Male und verstand einfach nicht, wie sehr er damit seiner Familie schadete. Rupert war jähzornig, verbissen und wütend. Fast täglich begann er den Tag mit schlechter Laune. Häufig wussten wir nicht, wogegen sich sein Zorn richtete. Nein, das ist falsch. Wir wussten es. Ich wusste es. Der Groll galt dem Zweitgeborenen, Raise. Rupert gab Raise für alles die Schuld - dass wir arm waren, in solch einem Loch lebten und dass Vater uns verlassen hatte.
Rupert begriff nicht, dass er im Unrecht war. Was konnte Raise dafür, dass er gezeugt wurde - und das nicht von unserem Vater? Doch als dieser von der schändlichen Tat durch Zufall erfuhr, entschloss er sich kurzerhand, uns den Rücken zu kehren. Dies geschah unmittelbar nach meinem fünften Geburtstag. Raise hat seinen leiblichen Vater nie kennengelernt und das ist wohl schlimmer, als nicht zu wissen, wohin mein Vater entschwunden war.
Raise hatte ich lieb gewonnen, von Anfang an. Und auch wenn er nur mein Halbbruder war, änderte das nichts. Für Rupert allerdings hatte diese Offenbarung schwerwiegende Folgen. In dieser Stunde entwickelte er seinen Hass auf Raise, der Jahr um Jahr mehr geschürt wurde.
Dann gab es noch Thaisen. Er war der Älteste von uns vieren, fünfundzwanzig, um genau zu sein. Ich glaube, er bemühte sich, eine Art Vaterersatz für Rupert und vor allem für mich zu sein. Rupert war leider unbelehrbar.
Raise war stark genug, dass er ohne ein Vorbild fähig war, seinen Weg zu gehen. Wenn ich ehrlich bin, war er mir sogar der Liebste von allen. Das ist jetzt auch noch so. Denn Raises Zuwendung ist kostbar. Er ist aufrichtig, zielstrebig und wie ein Fels in der Brandung, dem die schneidenden Wellen nichts anhaben können. Es gab Augenblicke, da waren seine Worte sanft wie eine Feder, als wüsste er genau, wie er die Seele eines anderen besänftigen könnte, und im nächsten Moment prügelte er sich mit den Nachbarsjungen, um einen streunenden Hund zu schützen, den diese aus Lust und Laune erschlagen wollten.
Es gab so viele Menschen in der Ortschaft, die Raise ablehnten und nicht akzeptierten, weil er ein Bastard war - spätestens seitdem Rupert es im hiesigen Pub bewusst ausplauderte, wussten nahezu alle um unser Familiengeheimnis.
Ich bin übrigens Fin. Eigentlich heiße ich Fini. Mutter hängte das i an meinen Namen, weil sie fest davon überzeugt war, ich würde ein Mädchen werden. Wann immer ich mich mit Fini vorstellte, wurde ich ausgelacht. Demzufolge unterließ ich es, dass i zu betonen und verschluckte es. Mittlerweile nannten mich bloß noch meine Mutter und Rupert Fini, wenn er sauer auf mich war und mich kränken wollte.
Wozu erzähle ich euch dies überhaupt? Vielleicht weil es meine letzte Chance ist … Als ich vierzehn war, bin ich gestorben. Ich wagte zusammen mit meinen Brüdern einen heiklen Wettstreit um unser Schicksal. Wir hofften, dadurch einen friedlichen, gemeinsamen Neubeginn zu erfahren, aber wir wurden verdammt. Wir wurden bestraft - zur Durchführung eines bei Weitem grausameren Spiels. Und im Grunde ist das unsere Geschichte.
Seht ihr einen Raben, dann seid gewahr, dass es in Wirklichkeit ein Todbringer sein könnte.

***

Auszug aus Kapitel 2

Fin spürte einen harten, glatten Untergrund. Mühsam öffnete er seine Augen und stierte regungslos in eine Finsternis. Etwas Schlimmes war passiert, das wusste er.
Fin roch noch den Qualm, der ihn längst nicht mehr umgab. Er bewegte seine Hände. Sie fühlten sich an wie eingerostet. Der Junge drehte sich auf die Seite, winkelte die Beine an und umschloss sie mit seinen Armen. Fin weinte.
Das war nicht sein Zuhause. Er war woanders. In einer Dunkelheit gefangen. Allein.
„Ich bin tot“, wisperte er schluchzend. Fin kannte diesen Ort, dieses Nichts. Einen kurzen Blick hatte er vor Jahren in diese Zwischenwelt erhaschen können. Damals befand er sich an der Schwelle eines eindrucksvollen, uralten Tores. Ein Mann in schwarzer Kleidung hatte sich daneben postiert. Es war Raises Stimme, die Fin einst ins Leben zurückrief. Heute war es still. Heute würde er den geheimen Pfad nach Estropus nicht finden und beschreiten.
Ein Lichtstrahl trat unerwartet hervor und erhellte ein Fleckchen drei Meter vor ihm. Er hob seinen Kopf und wischte sich über das tränenfeuchte Gesicht. Im Schein des Lichtes begannen sich Menschen zu bewegen. Sie redeten miteinander. Sie traten aus der Düsternis in das Licht und verschwanden wieder in der Finsternis.
Fin richtete sich behutsam auf. Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Bedächtig näherte er sich dem Licht. Er sah seine Mutter darin. Schweißgebadet lag sie schreiend mit rundem Bauch auf einem Acker. Eine Frau kniete vor deren angewinkelten, gespreizten Beinen und ließ nervös verlauten: „Es kommt viel zu früh! Das kann nicht gut gehen! Nicht pressen!“ Die Frau wirkte verloren.
Mutters Finger bohrten sich verkrampft in die Oberschenkel, als eine Wehe von ihr Besitz ergriff.
„Nicht pressen, bitte! Die Hebamme wird gleich ankommen. Bitte gedulde dich! Ich kann kein Blut sehen! Ich kann das nicht!“
„Du wirst es … lernen“, schnaufte die Gebärende.
Der Muttermund hatte sich stark geweitet. Es gab kein Zurück mehr. Entweder wurde dieses Kind nun geboren oder es starb zusammen mit seiner Mutter.
Das Köpfchen schaute heraus. Die Frau überwand unter enormer Selbstbeherrschung gezwungenermaßen ihren Ekel vor Blut, stützte es mit verzerrter Miene und holte den Jungen in die kalte, lichte Welt.
„Ist es ein Mädchen?“, hechelte die Mutter beschwerlich. Die Frau wickelte das Kind in ein Kopftuch und übergab es ihr: „Dein vierter Sohn. So winzig, wie er ist, wird er den Abend wohl nicht überleben.“
Mutter wog das Baby in den Armen. Sie schmuste mit ihm. „Meine Fini“, hauchte sie ihm einen Kuss auf die Stirn, „ich habe dich ersehnt, Tochter.“
Fin streckte gebannt seine Hand aus, um Mutter zu berühren, aber sie war nur ein Geist. Eine Erinnerung. Er fasste durch sie hindurch.
Stets formten sich neue Bilder in dem Lichtstrahl. Fin verweilte in dessen Mitte und beobachtete fasziniert sowie zugleich melancholisch, wie sein Leben in Szenen an ihm vorbeirauschte.
„Warum weinst du?“, hockte sich Raise zum kleinen Fin, der damals vier Jahre jung war. „Die Kinder haben mich gehauen“, heulte er. Am selben Tag verdrosch Raise die drei Jungs mit einem dicken Ast, die seinen Bruder fortwährend verhöhnt und schikaniert hatten.
Thaisen saß abends an Fins Bett und erzählte ihm Geschichten. Wenn sein großer Bruder lernen musste, las er ihm aus den jeweiligen Büchern vor. Die Texte, in der Regel waren sie interessant, erachtete Fin eher als unbedeutend. Viel wichtiger waren ihm Thaisens Anwesenheit und dessen wohlwollender Ton, welche Fin angenehme Träume bereiteten.
Das Letzte, an das er sich erinnerte, war das Feuer. Flammen schossen empor und hüllten ihn ein. Fin schrie aus Leibeskräften und sprang aus dem Lichtschein. Sofort löste sich die rote Bedrohung auf und alles um den Jungen herum wurde hell.
Er betrachtete ängstlich seinen Körper. Seine Haut brannte, als würde er wie eine Hexe auf dem Scheiterhaufen in Flammen aufgehen. Doch da war nichts. Seine Haut war rein und völlig unversehrt.
Fin atmete schwer. Scheu verschaffte er sich einen groben Überblick über die Umgebung. Er war vermutlich in einem riesigen Raum. Er konnte nicht einmal die Wände zur Begrenzung dieser Halle erkennen. Der Boden war mit schwarzem polierten Marmor ausgelegt, der von goldfarbenen Adern durchzogen war. Tageslicht strömte von oben herab. Dabei gab es keine Decke, keinen Himmel, kein Fenster. Ein Ort ohne Türen. Ein Ort ohne Entkommen.
„Erbarmst du dich, mir Gesellschaft zu leisten? Du hast eine Weile auf dich warten lassen“, sagte jemand. Fin schaute nach vorn. Ein bescheidener Holztisch mit zwei Stühlen stand dort.
Der Mann, den er bereits einmal kennenlernte, kam mit schwebenden Schritten auf ihn zu. Er trug eine schwarze Kutte. Um die Hüfte war eine gräuliche Kordel gebunden. Der Mann schob die Kapuze nach hinten und starrte Fin mit schmalen, rotbraunen Augen ins Angesicht. Sein Alter würde man, mit dem gepflegten Bart, der von einem Ohr zum anderen entlang der Wangenknochen verlief und seinen Mund umspielte, auf etwa fünfzig Jahre schätzen. Das war natürlich falsch, blanke Ironie. Er war mindestens so alt wie die Wandelsterne Kryon und Zazarek. Viele Jahrtausende konnten diese ihre Existenz wahren. Der Mann hatte den Anbeginn Zirons von seiner besonderen Position aus miterlebt und wachte seitdem an der Pforte über jene Welt.
Sein Mienenspiel, welches er exzellent einzusetzen wusste, zeugte von Ernsthaftigkeit und Freundlichkeit. Fin entdeckte in seinem Ausdruck noch etwas Ungewöhnliches. Etwas, das anderen womöglich verborgen blieb. Fin kannte es von Rupert. Verschlagenheit.
„Du bist …“
„Der Tod“, vollendete der Mann.
Ein Schauder fuhr Fin über den Rücken. Die feinen Härchen an seinen Armen richteten sich auf. Er bekam eine Gänsehaut.
„Du bist Fin. Fin Cautlet.“ Der Junge nickte eingeschüchtert. Der Tod lief musternd um ihn herum und äußerte: „Wir haben uns schon einmal gesehen.“ Er strich sich dabei durch seinen Bart.
„Ganz kurz“, gestand Fin.
„Es war nicht geplant, dass du umdrehst.“
Fins Worte wurden leiser: „Meine Zeit war nicht gekommen. Man brauchte mich.“
Der Mann blieb vor ihm stehen. Mit Schlitzaugen reagierte er vorwurfsvoll: „Nicht du hast zu entscheiden, wann du in welchen Gefilden wanderst. Das wird heute nicht ein weiteres Mal passieren.“
„Ich weiß“, wisperte Fin ohne Hoffnung und senkte seinen Blick.
„Folge mir, Fin! Deine Brüder warten“, stiefelte der Tod voraus. Fin horchte auf. Ungestüm heftete er sich an dessen Fersen und fragte: „Meine Brüder? Sind sie hier? Raise? Thaisen oder Rupert? Alle drei?“
„Ruhig Blut, Nesthäkchen. Du wirst sie gleich sehen“, beschwichtigte der Mann mit einer nervenaufreibenden Gelassenheit.
Als die beiden unmittelbar bei dem Tisch waren, klatschte der Tod zweimal. Daraufhin tauchten Raise und Thaisen, hinter einem unsichtbaren Schleier hervorkommend, an seiner Seite auf.
Ungläubig blickten sie einander an, da fiel Fin ihnen bereits vor Freude herzhaft weinend in die Arme. Er presste sich an sie, hielt sie ganz nah bei sich. Raise schlang seine starken Arme um den Jüngsten und drückte den Kopf an seinen Brustkorb.
„Bruder, du bist wohlauf“, rührte es selbst Raise bald zu Tränen.
Thaisen stierte den Fremden an: „Was hat das zu bedeuten? Wo sind wir?“
„Fragt euren Bruder! Er kennt sich bestens aus, war früher schon mein Gast“, erwiderte der Tod schlicht und nahm auf dem einen Holzstuhl Platz.
Fin klammerte sich an Raise und berichtete betroffen: „Du warst eingesperrt. Es hatte gebrannt. Ich blieb bei dir.“
„Wir sind tot“, kam die Erkenntnis dem Zweitgeborenen erschüttert über die Lippen.
„Warum bist du hier, Thaisen?“ Fin war bewusstlos gewesen, als sein ältester Bruder ihm zur Rettung eilte.
„Ich wollte euch helfen.“
„Und wem haben wir das zu verdanken?“, ballte Raise wütend seine Faust. Jeder kannte die Antwort. Keiner sprach sie aus.
„So“, holte der Tod Atem und beugte sich über den Tisch. Die Aufmerksamkeit galt ihm. „Wir verfahren mit euch standardmäßig weiter.“ Ein Tintenfass erschien wie von Geisterhand herbeigeschafft. Dazu ein Pergament und eine Schreibfeder.
Der Mann tauchte die Feder in das Fässchen und kritzelte auf dem Papier herum. Er brabbelte vor sich hin: „Cautlet Brüder. Raise. Thaisen. Fin. Gestorben am Vierzehnten der Wikim im Jahre des Jägers 54.“
Fin versteckte sich hinter Raise. Er hatte Angst vor dem, was geschehen würde - die Offenbarung des Tores. „Wir bleiben zusammen?“, piepste Fin. Raise wollte ihm gerade Zuversicht verleihen, da beteuerte der Tod sachlich: „Das kann ich euch nicht versprechen. Ich weiß, dass wenigstens einer von euch in seinem Leben nicht sehr unbescholten war.“
Für eine Sekunde linste der Tod bewusst zu Raise. Fin zuckte erschrocken. „Nein!“, protestierte er und stellte sich schnurstracks vor seinen Bruder. „Da wo meine Brüder sind, da will auch ich sein!“
Thaisen beobachtete das Szenario schweigend. Der Tod blickte von seinem Schreiben auf und starrte Fin an. Der Mann stampfte kräftig mit seinem rechten Fuß und eine Tür fiel wahrlich von oben herab.
Es handelte sich um ein massives, dunkles Tor aus Ebenholz, welches aufwendige Verzierungen in sich barg - Efeuranken, Blüten, prächtige Bäume, Ornamente und Menschenköpfe, deren Münder geöffnet waren, als wollten sie eine Botschaft preisgeben. Es wirkte auf seine Betrachter anziehend und Ehrfurcht gebietend. Fin empfand es abschreckend. Er nahm rasch Thaisen bei der Hand und zog seine Brüder flüchtend mit sich.
„Ihr könnt nicht fliehen“, machte es sich der Tod überlegen auf seinem Stuhl bequem.
Umso weiter sie sich zu entfernen versuchten, desto näher kamen sie dem Tisch. Oder war es gar der Tisch, der sie einholte? Bis die drei Brüder direkt vor dem Mann standen und keinen Zentimeter vor oder zurück gehen konnten.
Er erklärte: „Hinter dieser imposanten Tür empfängt euch das Gericht. Die Aufgaben eurer Seelenstufe werden, habt ihr sie erfüllt, ausgetragen. Eure guten und schlechten Taten werden aufgewogen, sodass ihr entweder Zutritt zum unendlichen Reich oder zur Unterwelt verdient - Letzteres, solltet ihr grobe Fehler begangen haben. Dies ist eine Maßnahme zur Eingliederung, und um zu begreifen, wie wertvoll es ist, barmherzig zu sein. Dort hat man viel Zeit, über sein gelebtes Leben nachzudenken. Manch einer kommt da nie wieder raus.“
Erneut warf der Tod einen absichtlichen Seitenblick zu Raise. Dieser erahnte dank dem deutlichen Hinweis, welches der beiden Gebiete ihm blühte. Thaisen und Fin hatten die Nachricht ebenso erfasst.
Fin wetterte: „Wie könnt ihr dermaßen ruhig bleiben? Wollt ihr etwa, dass wir getrennt werden? Ich will das nicht! Niemals! Und mir ist vollkommen gleichgültig, wo wir landen, Hauptsache wir sind zusammen!“
Raise wandte sich besonnen an den Tod: „Welche weiteren Möglichkeiten gibt es?“ Knappe Entgegnung: „Keine.“ Der Mann legte die Feder ab und pustete die Tinte auf dem Schriftstück trocken.
Raise platzierte seine Hand provozierend auf dem Pergament, um seiner Bitte mehr Ausdruck zu verleihen: „Wie können wir zusammenbleiben? Die Priester lehren, dass es immer einen Weg geben würde!“ Thaisen fügte hinzu: „Sei es bei den rechtschaffenen Seelen oder bei jenen, die es einmal werden wollen.“
Der Tod raunte geringschätzig vor sich hin: „Die Priester … reden viel, wenn der Tag lang ist. Selten vermitteln sie das, was wahrlich bedeutsam ist. Sie hinterfragen zu wenig, sind engstirnig. Scheuklappenblick nennt man das. Sie ignorieren die Zeichen, die ihnen gesandt werden. Die Priester sind seit Jahrhunderten erblindet. Es gab seit etlicher Dauer keinen Sehenden mehr unter ihnen.“ Nach einer kurzen Pause warf er eine gewichtige Frage ein: „Wollt ihr euren zarten Bruder wirklich dem Schlund der Unterwelt überlassen?“
Raise stierte mit angehaltenem Atem zum Jüngsten. Fin wäre ein Platz im Elysium sicher. Diesen wollte, durfte er ihm nicht nehmen! Unabhängig davon, was mit ihm passierte.
„Fin, vielleicht …“, suchte Raise stammelnd nach einer geeigneten Erläuterung. Das Argument müsste überzeugend sein. Gab es ein solches überhaupt? „Ich denke … Wir sollten … Also, es ist besser, wenn du und Thaisen …“
„Nein! Wir gehören zusammen. An der Seite der guten Seelen oder neben Tadur. Du kennst mich und weißt, dass du mich niemals von diesem Standpunkt abbringen kannst. Und wenn du mich liebst, Bruder, was du tust, dann akzeptiere meine Entscheidung!“
Raises Hochachtung für Fin stieg in ungeahnte Höhen. Der Zweitgeborene wusste, er hätte dasselbe für ihn getan, aber konnte er das wirklich verantworten?
Der Tod grinste schelmisch: „Eine Idee fällt mir ein. Ich könnte womöglich doch etwas für euch tun.“
„Inwiefern?“, erkundigte sich Raise misstrauisch. Der Mann zog das Papier unter der Hand des Zweitgeborenen vor.
„Geht ihr durch die Tür, kann ich euch nicht versprechen, dass ihr beisammen in der vorläufigen Ewigkeit verweilt. Aber ich garantiere euch die Nähe zueinander, seid ihr bereit, euer Schicksal auf die Probe zu stellen. Gewinnt ihr, ist euch dreien der Platz im Himmelsgefüge sicher. Verliert ihr, dient ihr mir. Drei Jahre lang sollt ihr meinem Wort gehorchen und in der Welt wandeln, die euch nun versagt ist.“
Das Tintenfass verwandelte sich in einen wuchtigen Becher. Die Feder teilte sich, schrumpfte und es entstanden zwei Würfel.
Ein verlockendes Angebot - immerhin schloss es die Unterwelt gänzlich aus. Raise und der Tod starrten sich einander herausfordernd und abschätzend an. Der Preis stand fest. Fin und Thaisen gaben ihre Zustimmung. Ihnen war bewusst, dass dies die einzige Alternative war, die sich ihnen bot. Raise zögerte, willigte aber auf Drängen seiner Brüder ein. Auf Gedeih und Verderb.
Der Tod und Raise schüttelten sich einvernehmlich die Hände.
„Es gibt bloß eine Runde. Wer die höchste Zahl wirft, hat gewonnen. Einer spielt um das Schicksal von euch dreien.“
Raise sah seine Brüder an. Beide nickten ihm bestätigend zu. Er setzte sich auf den Stuhl. Er tat die Würfel in den Becher und schüttelte. Wer hätte gedacht, dass gerade er um sein Leben und das seiner Brüder spielen würde?
Mit einem Ruck landete der Becher verkehrt herum auf dem Tisch. Raise hob ihn zitternd hoch. Drei. Sechs.
„Neun“, jubelte Fin. Das konnte der Tod gewiss nicht überbieten. Dieser nahm gelassen den Becher und die Würfel zu sich. Er fixierte Raise, während er die Würfel im Behältnis klappern ließ. Dann drehte er den Becher über der Platte um und die Würfel fielen heraus. Eine Sechs landete auf dem Tisch. Der zweite Würfel kullerte über den Boden. Fin hielt den Atem an. Die Zwei kippelte, letztlich siegte die Sechs.
„Zwölf“, triumphierte der Tod, ohne die Zahl des zweiten Würfels überhaupt gesichtet zu haben. Raise stutzte, verstand und packte ihn erbost am Halsausschnitt der Kutte: „Ihr habt uns betrogen!“ Ein Windstoß ergriff Besitz von dem Aufbrausenden und fegte ihn fort.
„Ich gewinne immer“, offenbarte der Mann erhaben. „Ein Pakt ist ein Pakt. Vom jetzigen Zeitpunkt an seid ihr meine Diener.“ Er erhob sich und vergrub seine Hände in den Trompetenärmeln. Raise rappelte sich in einiger Entfernung wieder auf.
„Seid zufrieden. Ihr dürft trotz allem zusammenbleiben. Das habt ihr euch gewünscht.“ Der Tod stampfte mit seinem linken Fuß. Das Tor verpuffte.
„Was stelle ich mit euch an? Was sollt ihr werden?“, begutachtete er die Brüder skeptisch. Sein Augenmerk lag zuerst auf Raise: „Ein Pulverfass. Jederzeit bereit, alles zu geben. Angriff und Verteidigung.“ Sein Blick schweifte nachdenklich zu Fin: „Durch die Welten fliegen … Auf gewisse Art und Weise frei sein … Zudem ein stark ausgeprägter Sinn für die Familie.“ Abschließend lugte er zu Thaisen und kommentierte: „Würdevoll. Intelligent. Dünkelt allerdings unrechtmäßig vor sich hin.“
Der Tod grübelte, lief auf und ab. Plötzlich hielt er inne. „Ich hab’s“, berichtete er stolz. „Ihr werdet die Rabenbrüder.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 214
ISBN: 978-3-99048-010-6
Erscheinungsdatum: 24.06.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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