Science Fiction & Fantasy

Uria Begegnungen

Marcel Junge

Uria Begegnungen

Band 2

Leseprobe:

In liebevoller Erinnerung an
meinen Opa Heinz
(†1998)



Jede Sekunde stirbt ein Mensch.
Ein Licht erlischt,
um nie mehr angezündet zu werden, ein Stern,
der vielleicht ungewöhnlich schön gebrannt –
der jedenfalls sein eignes,
nie gesehenes Spektrum gehabt hat.
(Andersen Nexo, Ditte Menschenkind)



Vierter Teil


I.

Der Morgen graute und die Sonne blinzelte am Horizont, was den Beginn eines neuen, schönen Sommertages ankündigte. Es sah seltsam aus, aber irgendwie waren die Welt, die Tiere und Pflanzen und auch die Menschen, die auf ihr wohnten, erheblich vom Licht dieses nahen Sternes abhängig. Es war gegen fünf Uhr morgens, doch die Vögel hatten schon beim ersten Sonnenstrahl mit ihrem zarten Gesang begonnen und irgendwie war die Luft von Zuversicht und Lebensfreude erfüllt. Ein Mensch, der nur im Dunkeln lebte, würde zugrunde gehen wie eine Zimmerpflanze, die nicht gegossen wurde. Darüber hinaus war es schwierig, eine solche Helligkeit wie die der Sonne mit einfachen Mitteln zu erzeugen. Wenn man bedachte, wie viele Millionen Kilometer die Menschen von ihr entfernt waren und dass sie doch noch wärmende Strahlen auf der Haut spürten, dann konnte man erahnen, welche Kraft und Energie in diesem Stern steckte. Charlotte lag mit dem Kopf auf einem weichen Daunenkissen und schaute an die Zimmerdecke des Schlafzimmers. Wie jede Nacht hatte sie lediglich einige Stunden geschlafen oder mehr oder weniger geruht. Es war merkwürdig, aber wenn man nicht schlafen konnte, wurde die Nacht zur Ewigkeit und die Zeit, in der man im Bett lag, zur Qual. Als Charlotte jung und arbeitstätig gewesen war, hatte sie sich sehr oft nach Ruhe und Zeit zum Schlafen gesehnt, war oft erschöpft vor dem Fernseher eingeschlafen, was in den sechziger Jahren vermutlich nicht vielen Zuschauern passierte, da die Übersättigung mit den bewegten Bildern eines Farbfernsehers, der damals ein regelrechtes Statussymbol darstellte, noch lange nicht eingetreten war und es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis viele Menschen die Lust am Fernsehen verloren hatten und die Gewohnheit jegliche Aufregung zerstört hatte.
Charlotte atmete tief ein, drehte sich auf die Seite und schaute auf ihren digitalen Wecker, den sie von ihrem Enkel geschenkt bekommen hatte. „5:15“ stand dort in hellgrün leuchtenden Lettern und Charlotte entschied sich, aufzustehen. Sie schlug die Bettdecke zur Seite und versuchte, sich aufzusetzen, was jedoch einen zweiten Versuch erfordern sollte, bis es gelang. Sie war mittlerweile zweiundachtzig Jahre alt und jedes ihrer Gelenke ließ sie dieses Alter spüren. Die Muskeln waren lahm und Charlotte musste wie jeden Morgen erst einmal in Gang kommen wie ein Dieselmotor, den man vorm Losfahren warmlaufen ließ. Ihre Beine waren schwer. Sie stützte sich am Bettrand auf und stemmte ihren Körper hoch, so dass sie kurz darauf auf der Bettkante saß und mit ihren Füßen in die Hausschuhe, die sorgfältig nebeneinandergereiht vor dem Bett standen, schlüpfen konnte. Sie holte etwas Schwung, um vom Bett aufzustehen. Es war zwar hoch, doch trotz alledem musste sie sich einen Ruck geben, um ihre Schlafstatt verlassen zu können. Ihre Hüfte schmerzte, was ein bevorstehendes Unwetter erahnen ließ. In den siebziger Jahren hatte sie eine künstliche Hüftprothese bekommen und seit dieser Operation spürte sie immer, bevor ein Gewitter tobte, einen stechenden Schmerz in ihrem linken Hüftgelenk, der sie an diesen Fremdkörper erinnerte. Die Operation war notwendig gewesen, denn als sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat Ostpreußen geflohen war, hatte sich Charlotte eine Hüfttuberkulose eingefangen, was fünf Jahre später dazu geführt hatte, dass man sie als achtzehnjähriges Mädchen ein Jahr ins Gipsbett gelegt hatte. Danach hatte sie wieder laufen und gehen lernen müssen, doch das linke Hüftgelenk war zerfressen und das Gehen seitdem mit großen Schmerzen verbunden gewesen. Es war ein Segen, als sie die Operation überstanden hatte und der Schmerz zumindest etwas im Zaum gehalten wurde.
Es war gegen acht Uhr zehn als es Charlotte nach ihrer morgendlichen Zeitung verlangte. Sie hatte ihre Morgentoilette bereits beendet und ihre Medikamente genommen. Nun wollte sie wie jeden Morgen beim Frühstück die Zeitung studieren, lesen, was auf der Welt passierte und ihr tägliches Kreuzworträtsel lösen. Charlotte ging ohne ihren Gehstock Richtung Wohnungstür, schloss diese mit dem Schlüssel, der an einem Haken neben der Tür hing, auf und trat in den Flur. Es war ruhig. Die arbeitenden Nachbarn waren bereits außer Haus und diejenigen ihrer Mitbewohner, die über keine feste Anstellung verfügten, waren noch nicht dem Bett entstiegen und drehten sich nun vermutlich nochmals herum, um den begonnenen Traum, vielleicht von Reichtum und Überfluss, zu Ende zu träumen. Charlotte ließ ihre Wohnungstür offen, wozu diese schließen, war sie doch nur einen Augenblick weg und hatte sie immer in Blickweite. Sie fasste auf den Handlauf und setzte ihren rechten Fuß auf die Stufe der Treppe, die sie überwinden musste, um zum Briefkasten zu gelangen. Langsam ging sie die Stufen hinab, eine nach der anderen. Plötzlich, auf der vierten Stufe, versagte ihr linkes Bein seinen Dienst und Charlotte war nicht mehr im Stande, das Knie durchzudrücken, um ihr Gewicht zu halten. Sie rutschte mit ihrem Pantoffel ab und fiel etwa drei Stufen hinab. Sie spürte Schmerzen, die sich anfühlten, als würde ihr Körper auseinanderbrechen. Ihr wurde schwindlig und kurzzeitig verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, konnte sie sich nicht mehr bewegen. Starke Schmerzen machten jede Bewegung unmöglich. Charlotte wimmerte. Ihre Schulter und ihre Hüfte schmerzten. Ihre Zahnprothese war ihr aus dem Mund gefallen und lag nun auf dem dreckigen Boden des Hausflurs. Charlotte flehte still, dass es aufhören möge. Sie wollte, dass die Schmerzen nachließen, sich in weißes Licht verwandelten und ihr Herz aufhörte, zu schlagen. Die Schmerzen waren so quälend, dass Charlotte außer Stande war, zu schreien. „Hilfe“, wimmerte sie, doch niemand hörte sie. „Hilfe“, flehte sie erneut, doch ihre Worte blieben ungehört. Charlotte weinte vor Schmerzen, doch niemand war zu dieser Zeit im Hausflur unterwegs. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch selbst die kleinste Regung war mit solchen Schmerzen verbunden, dass sie beinahe erneut das Bewusstsein verloren hätte. Ihre Brille war nicht mehr auf ihrer Nase und lag etwa einen Meter weiter im Flur. Das linke Glas war zersprungen und ein Bügel verbogen. Ihre Zahnprothese war ebenfalls nicht mehr dort, wo sie hingehörte, und lag zerbrochen unweit der Brille. Charlotte merkte, dass ihre Blase drückte. Sie harrte aus, versuchte, gegen den Harndrang anzukämpfen, doch dieser wurde immer stärker. Es begann, zu schmerzen, doch Charlotte versuchte, immer noch dagegen anzukämpfen. Eine viertel Stunde verging und der Drang wurde unerträglich, bis Charlotte ihm letztlich nachgab. Sie konnte es nicht länger halten, da die Schmerzen es fast unmöglich machten, dem starken Druck entgegenzuwirken. Es wurde warm und ihre Hose war vollkommen durchnässt. Charlotte begann, leise zu weinen, da noch immer niemand gekommen war, um ihr zu helfen. Sie konnte nicht laut schreien, zu lähmend waren die Schmerzen. Es war schrecklich, nicht nur, dass ihr die Schmerzen in Schulter und Hüfte fast den Verstand raubten, nein, sie lag auch noch in einer Lache Urin, ihre Zahnprothese und ihre Brille lagen neben ihr im Flur. Sie wünschte sich so sehr, dass sie jemand fand, obgleich es ihr im selben Moment unangenehm gewesen wäre, denn sie wollte nicht, dass sie jemand so sah. Nur welche Alternativen boten sich – keine. Also musste sie ausharren und warten, sich möglichst wenig bewegen und hoffen, hoffen, dass es bald zu Ende sei.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte Charlotte ein metallisches Klicken, welches verriet, dass einer ihrer Nachbarn seine Wohnungstür aufschloss. Ein Husten war zu hören und Charlotte erkannte ihren Nachbarn Tobias, der direkt über ihr wohnte. Er lebte seit etwa zwei Jahren hier im Haus und war bei den meisten Nachbarn nicht allzu beliebt. Charlotte hörte, wie Tobias seine Tür schloss und sie absperrte. Anschließend zog er sich seine Turnschuhe an und ging die Treppenstufen hinunter. Charlotte überkam Erleichterung. Tobias näherte sich und bog auf die Treppenstufen zum Erdgeschoss. Plötzlich sah er Charlotte und stürzte die Treppe hinab. „Frau Winkler, oh mein Gott, was ist passiert?“, sagte er aufgeregt, als er bei Charlotte angelangt war. „Ich weiß nicht, ich bin gefallen“, antwortete Charlotte mit zitternder Stimme. „Ich ruf einen Notarzt“, sagte Tobias. Er nahm sein Handy zur Hand und wählte den Notruf. Charlotte konnte hören, wie er wählte, denn beim Drücken der Tasten ertönte ein helles Signal. „Hallo? Mein Name ist Tobias Kleinert, meine Nachbarin ist schwer gestürzt. Wir brauchen einen Notarzt!“ Man merkte, dass die Stimme am anderen Ende Informationen benötigte, um den Notruf auslösen zu können, denn Tobias sprach etwa anderthalb Minuten, bis er auflegte und mit den Worten schloss: „Bitte beeilen Sie sich!“ Dann steckte er das Handy wieder in seine Hosentasche und fragte: „Kann ich irgendwie helfen?“
„Ich weiß nicht, ob ich aufstehen kann?!“
„Nehmen Sie meine Hand“, sagte Tobias und versuchte, Charlotte aufzuhelfen oder sie zu drehen, doch bei der kleinsten Bewegung schrie sie vor Schmerz.
„Nein, das scheint nicht zu gehen“, sagte Tobias, der sich nicht mehr traute, Charlotte anzufassen. Ihr rannen wieder Tränen von der Wange, Tränen, die mehr aus Schmerz als aus Traurigkeit flossen. Wieder gefasst sagte sie: „Können Sie mir meine Brille geben?“
„Na klar“, entgegnete Tobias und stieg über Charlotte, um ihr die lädierte Brille zu reichen. Charlotte versuchte, sie aufzusetzen, ließ sie dann aber wieder fallen, weil sie völlig verbogen war. „Was soll ich tun?“, fragte Tobias, der offenkundig mit der Situation überfordert war. „Halt nur meine Hand“, sagte Charlotte. Sie war froh, nicht mehr allein zu sein, war froh, dass Hilfe kam, was die Verzweiflung augenblicklich schmälerte und Raum für Hoffnung gab. Tobias setzte sich neben Charlotte und hielt ihre Hand. Dann fragte er plötzlich: „Soll ich Ihnen ein Kissen für ihren Kopf holen?“ Eine verständliche Frage, denn Charlotte lag mit dem Kopf auf den kalten Fliesen des Flurs, was selbst für einen jungen Menschen wie Tobias mehr als unbequem wirkte. „Nein, bleib einfach bei mir“, sagte Charlotte und lächelte Tobias gequält an. „Ist gut, ich bleibe hier“, sagte Tobias. Man merkte, dass er Charlotte ablenken wollte, doch nicht wusste, wie er dies anstellen sollte. Aber er tat, was vielleicht am besten war: Er blieb bei ihr und hielt ihre Hand. Etwa zwanzig Minuten vergingen, bis eine Sirene zu hören war. Charlotte hoffte, dass es sich dabei um den Notarzt handelte, der sie abholen wollte und sie konnte aus dem Augenwinkel den Blick von Tobias sehen, der verriet, dass er dasselbe hoffte. Die Sirene kam näher, so nah, dass sie unmöglich nicht zu den beiden im Hausflur wollte. Plötzlich verstummte das grelle, laute Signal und man hörte, wie ein Wagen vor dem Haus zum Stehen kam. Tobias sagte: „Ich geh nur kurz und hol sie her, ja?!“
„Ist gut“, sagte Charlotte, mit den Kräften am Ende. Tobias öffnete die Haustür und trat auf den Gehweg. „Hierher“, sagte er mit erhobener Stimme, da der Wagen vermutlich etwas weiter entfernt gehalten hatte. Drei Männer mit ruhiger Stimme waren zu hören, doch Charlotte konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie kamen näher und kurz darauf standen zwei stattliche Sanitäter und ein etwas kleinerer Notarzt vor ihr. Sie waren sehr ruhig und gefasst, doch sowohl Charlotte als auch Tobias waren sehr aufgeregt. Nur das Auftreten der Rettungskräfte, die Präsenz mit der leuchtend orangen und weißen Kleidung erweckte das Gefühl, in Sicherheit zu sein. „Können Sie sich bewegen?“, fragte der Notarzt. Charlotte verneinte. Der Notarzt sprach ruhig mit Charlotte und stellte weitere Fragen: wo es weh tat, wie es zu dem Sturz gekommen war, wie sie hieß und vieles mehr. Er maß ihren Blutdruck und untersuchte sie. Nach drei Minuten sagte der Notarzt: „Ich gebe Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen, Frau Winkler. Dann werden wir Sie auf der Trage transportieren und Sie ins Krankenhaus fahren, um weitere Untersuchungen vornehmen zu können.“
„Ist gut“, sagte Charlotte, die immer noch regungslos am Boden lag. Der Notarzt hatte die Tür geschlossen, vermutlich um Charlotte vor unangenehmen Blicken zu schützen, denn er war es gewohnt, dass Menschen stehen blieben und gafften, wenn ein Notarztwagen unweit des eigenen Heimes hielt. Charlotte bekam ein Mittel gespritzt und etwa eine halbe Minute später veränderte sich der Schmerz. Sie spürte ihn zwar noch, aber er wurde erträglich, ja, man hätte sagen können, er wurde ihr egal. Vermutlich hatte man ihr Morphium verabreicht, aber was es auch war, es erfüllte seine Aufgabe mit Bravour. Die beiden Sanitäter öffneten die Haustür. Dies war gerade so möglich, da Charlotte unten im Flur unweit der Haustür lag. Hätte sie nur dreißig Zentimeter näher an der Tür gelegen, wäre es schwierig gewesen, sie zu öffnen, ohne Charlotte zu bewegen. Sie kamen zurück mit einer Trage, die sie auf einem Gestell zur Haustür schoben. Dann griffen sie nach unten und klappten die Trage ein, was eine Umlagerung Charlottes erleichtern sollte, ohne Schaden anzurichten. Dann legten sie ihr einen dieser Kragen an, um sicher zu gehen, dass die Halswirbelsäule gestützt würde.



II.

Siebzehn Tage und vier Operationen später fand sich Charlotte auf der Station vierzehn einer Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie wieder. Seit ihrer Aufnahme hatte sie das Bett hüten müssen und das Zimmer nicht verlassen können, da der Arzt Ruhe verordnet hatte. Darüber hinaus waren Bewegungen noch immer mit enormen Schmerzen verbunden, weshalb Charlotte die ärztliche Anordnung entgegenkam, obschon sie Sehnsucht nach etwas frischer Luft und Sonnenschein hatte. Auf ihrem Nachttisch standen drei Blumensträuße, die auf gut vorbereitete Besucher schließen ließ, die sich am Krankenbett ein eigenes Bild von Charlottes Gesundheitszustand verschaffen wollten.
Es war acht Uhr dreißig und die allwöchentliche Chefarztvisite stand auf der sehr durchstrukturierten Tagesordnung. Ein Komitee, bestehend aus dem Chefarzt, dem Oberarzt, drei Assistenzärzten und zwei Stationsschwestern, betrat das Zimmer. Der Chefarzt, Prof.?Dr.?Schmidt, der mehr akademische Titel hatte, als eine gewöhnliche Adresszeile aushalten konnte, war beim Betreten des Zimmers noch im Gespräch mit dem Oberarzt, welches er jedoch schlagartig unterbrach, als der letzte Assistenzarzt die Tür hinter sich geschlossen hatte. Charlotte war als Erste an der Reihe, vermutlich weil sie am dichtesten an der Tür lag. Der Chefarzt war gedanklich zum einen noch beim letzten, zum anderen schon beim nächsten Patienten. Plötzlich, wie aus einem Traum gerissen, war er im Hier und Jetzt, stellte sich an Charlottes linke Bettseite und fragte: „Na, wie geht es Ihnen heute, Frau Winkler?“ Eine Schwester folgte aufmerksam jedem seiner Worte, so als wäre sie eine Stenografin im Gerichtssaal, die das Urteil über den Angeklagten erwartete, um dies zu protokollieren. „Noch nicht allzu gut, Herr Doktor. Ich habe immer noch starke Schmerzen in der Hüfte und auch mein Handgelenk schmerzt ziemlich stark.“
„Ich hoffe, die Mittel, die wir Ihnen verabreicht haben, machen es erträglich?!“ Er sprach ruhig und deutlich, man merkte förmlich jeden einzelnen seiner Titel in seinen Sätzen, die Bildung war hörbar und der Respekt, den Charlotte ohnehin vor den Göttern in Weiß hatte, wurde durch die Kittel und diese Art des Redens nur bestärkt. „Den Bruch am Hüftgelenk konnten wir genauso wie den Bruch am Handgelenk gut versorgen. Der Grund für diese Brüche ist eine Form der Altersosteoporose. Viele ältere Frauen leiden an dieser Krankheit.“
„Ich habe schon oft von Osteoporose gehört, weiß jedoch nicht genau, was das im Einzelnen bedeutet?!“
„Bei jedem Menschen findet ein permanenter Knochenauf- und Knochenabbau statt. Im Alter jedoch kann es passieren, dass einer der beiden Prozesse schwächer beziehungsweise stärker vonstattengeht. Also kann es vorkommen, dass der Abbau stärker ist als der Aufbau, was dazu führt, dass der Knochen an Stabilität verliert. Oft wird dies erst sehr spät bemerkt, da dies meist mit keinerlei Schmerzen verbunden ist. Man könnte die Struktur des Knochens dann mit einem Holzbalken vergleichen, der von einem Holzwurm befallen ist. Irgendwann ist die Struktur des Balkens derart geschwächt, dass er bricht. Genauso sind die Auswirkungen bei einem Knochen, der von Osteoporose befallen ist.“
„Und deshalb habe ich diese Brüche erlitten?!“
„Ich vermute, dass Sie sich beim Vertreten den linken Oberschenkelhals gebrochen haben. Als Sie dann gefallen sind, haben Sie vermutlich versucht, sich mit der Hand abzufangen, woraufhin das Handgelenk brach. Was ich bemerkenswert finde, ist, dass Ihre Hüftprothese unversehrt geblieben ist“, sagte der Chefarzt und lächelte leicht, um Charlotte die Schwere zu nehmen und etwas Zuversicht zu geben. „Obwohl das Haltbarkeitsdatum bereits seit zehn Jahren abgelaufen ist“, versuchte Charlotte zu scherzen und rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Jedenfalls haben wir beide Brüche versorgt. Wir haben Metallplatten eingesetzt, um den Knochen zu stützen. Der Knochen heilt zwar ganz normal, es wird aber doch noch Monate dauern, bis Sie wieder auf den Beinen sind und die Platten entfernt werden können.“ Charlotte schaute auf den Gipsverband ihres Handgelenkes und spürte in diesem Moment die Drähte und Platten an ihrem Hüftgelenk und stellte sich vor, wie es im Inneren aussehen mochte. Für einen kurzen Moment war sie leicht abwesend, dann sagte der Chefarzt jedoch: „Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden: Ich glaube nicht, dass Sie sich in diesem Zustand allein in Ihrer Wohnung versorgen können. Unsere Sozialarbeiterin, Frau Schneider, hat bereits Kontakt zu Ihrer Tochter aufgenommen. Ich würde Ihnen empfehlen, erst einmal in eine stationäre Pflegeeinrichtung zu gehen, zumindest so lange, bis Sie wieder vollständig mobilisiert und genesen sind.“ Als er diese Worte sagte, schaute er Charlotte nicht an, schaute durch sie hindurch. Vielleicht wollte er nicht der Überbringer der schlechten Nachricht, der Übermittler der Wahrheit sein. Oder er war müde, denn wie oft hatte er Angehörigen erklären müssen, dass man aus medizinischer Sicht nichts mehr für den Patienten tun konnte. Es bestand auch die Möglichkeit, dass er dies gern anderen Personen überließ. Charlotte war keine Medizinerin, aber sie wusste zu deuten, was dies hieß. Sie hatte sich zwar in den letzten Jahren mit dem Einzug in ein Pflegeheim gedanklich auseinandergesetzt, jedoch nicht gedacht, dass es so schnell so weit wäre. Es war ungefähr wie mit dem Gedanken an das Sterben. Man setzte sich zwar damit auseinander, aber alle Überlegungen endeten oft damit, dass es nicht klar war, wann es so weit sein würde. Man wusste zwar, dass man sterben musste, aber nicht, wann. Es war seltsam, wenn man sicher wusste, dass etwas passierte, aber nicht, wann. So ungefähr war es mit der Aufnahme in ein Altenheim. „Wir werden Sie nächste Woche entlassen. Hier können wir nicht mehr viel für Sie tun. Nun müssen Sie mobilisiert und wieder auf die Beine gebracht werden und dafür ist eine Pflegeeinrichtung am besten geeignet.“
„Hm“, brummte Charlotte nachdenklich. „Es wird alles wieder gut werden“, sagte der Chefarzt und hielt kurz Charlottes gesunde Hand. Dann sagte er: „Alles Gute, Frau Winkler.“ Gerade hatte er diese Worte gesprochen, da ging er bereits zum nächsten Patienten, der ein Bett weiter lag. In diesem Moment wurde Charlotte klar, dass sie nicht mehr als eine Nummer, nur ein weiterer Patient von tausenden weiteren war und es den Chefarzt nicht weniger hätte interessieren können, was mit ihr nach diesem Aufenthalt geschehen würde. Ihr war bewusst, dass es zu viele Patienten auf dieser Station gab und es einfach nicht möglich war, sich um jeden zu sorgen beziehungsweise für jeden Patienten alles zu geben. Wenn man bedachte, dass der Chefarzt unzählige Patienten und vermutlich hundert Personen Personal unter sich hatte, war dies nur allzu verständlich. Obwohl es verständlich war, irgendwie tat es doch weh. Charlotte war zwar nicht egoistisch oder nur auf ihren Vorteil bedacht. Sie hätte nicht einmal sagen können, was sie von den Ärzten und der Klinik erwartete. Vielleicht wollte sie einfach nur, dass alles wieder so werden würde, wie es gewesen war. Auch wenn es utopisch war, wünschte sie es sich. Sie würde es nicht sagen, doch dies änderte nichts an ihrem tiefen Wunsch, an dem Verlangen nach Normalität. Sie hörte zwar, dass der Chefarzt mit ihrem Bettnachbarn sprach, konnte jedoch nicht verstehen, was er sagte, zu abgelenkt, zu sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt. Aber sie vernahm dieselbe Stimmlage, dieselbe Art, zu reden. Die andere Patientin hatte ein künstliches Kniegelenk bekommen und stand kurz vor einer Rehabilitation. Sie war etwas jünger als Charlotte. Ihr ging es wesentlich besser und die Aussichten waren rosiger, denn eine Rehabilitation kam für Charlotte nicht in Frage. Sie verspürte Angst. Es war eine Angst vor Veränderung, die sie vor allem spürte, wenn es sich um Veränderungen handelte, die man nicht abschätzen beziehungsweise deren Tragweite man nicht einschätzen konnte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-95840-884-5
Erscheinungsdatum: 24.06.2019
EUR 16,90
EUR 10,99

Herbstlektüre