Science Fiction & Fantasy

Unicorn

Judith Billes

Unicorn

Erbe aus längst vergangener Zeit

Leseprobe:

<strong>In der Höhle des Löwen</strong>

Als sie wieder zu sich kamen, konnten sie sich nicht mehr bewegen. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt saßen sie da und blickten Susanna ins Gesicht. Sie war eine große, schlanke Frau mit blasser Haut und eiskalten blauen Augen. Um ihren Hals hing der Edelstein, der das Gegenstück zu Pias Juwel bildete. Die Frau sah sie so höhnisch und selbstzufrieden an, dass die Mädchen verstanden, warum Pia sich gesträubt hatte, wieder herzukommen.
„Langsam werdet ihr lästig“, stellte sie fest, „jetzt stört ihr mich schon zum dritten Mal. Nur, diesmal hattet ihr die Frechheit, direkt in mein Heim einzudringen. Das mag ich gar nicht.“
Sie musterte die bewegungsunfähigen Mädchen, die sie mit ängstlichen Augen ansahen.
„Jetzt sitzt ihr da wie die verängstigten Karnickel. Aber ich werde euch schon loswerden, ich habe da schon eine Idee … Aber nein. Ich werde noch ein bisschen mit euch spielen. Was haben wir denn da? Du bist stolz darauf, in der Lage zu sein, selbst in den schwierigsten Situationen eine vernünftige Entscheidung zu treffen und die anderen zu führen. Wie edelmütig!“
Susanna hatte sich Pia zugewandt und diese verzog das Gesicht, so als ob sie Schmerzen hätte, dann wurde ihr Blick stumpf.
„Jetzt nicht mehr. Du kannst dich ruhig einmal auf die anderen verlassen.“
Dann blickte sie zu Kiara. Diese verspürte einen stechenden Schmerz, als Susanna in ihren Geist eindrang.
„Okay, die Nächste. Mutig wie eine Löwin. Was Originelleres ist dir wohl nicht eingefallen? Aber mir soll’s egal sein, gegen Mut ist man immer schon gut mit Angst angekommen.“
Kiara sah das Juwel um Susannas Hals aufleuchten und verspürte kurz darauf den Drang, sich zu verstecken, vor der Angst, die sich in ihrem Herzen breitmachte, bis sie alles auffraß.
Als Nächstes wandte sich Susanna an Ivonne: „Ruhig und durchdacht sowie nach Möglichkeit bemüht, objektiv zu sein. Ganz ehrlich, ein bisschen Feuer würde dir nicht schaden.“
Zum dritten Mal leuchtete der Stein auf und Susanna blickte zur letzten Saveron, die noch übrig war.
Saskia versuchte mit aller Kraft, Susanna in Brand zu setzen, wie sie es mit ihrer Schwester so oft getan hatte, doch die Angst blockierte ihre Fähigkeiten.
„Da habe ich gerade von Feuer gesprochen und stelle fest, du hast davon mehr als genug. Du entscheidest alles nach Gefühl, bloß nicht warten! Ja ja, solche Charaktere gibt es oft, aber bei keinem hat es so gut funktioniert wie bei dir, stelle ich fest. Leider auch bei mir damals nicht, sonst säße ich hier nicht fest.“ Sie ist eine Gefangene! „Richtig, schade, dass du in Zukunft kalt und gefühllos sein wirst.“
Noch bevor Susanna Saskias Gefühle auslöschen konnte, schleuderte diese ihr noch ein von Herzen kommendes „Miststück!“ entgegen. Doch dann leuchtete der Stein ein letztes Mal auf und Saskias feuriger Blick stumpfte ab.
Susanna klatschte in die Hände.
„So, jetzt dürft ihr gehen!“
„Wo liegt der Sinn?“
Ivonnes Stimme zitterte, als sie die Frage stellte.
„Sinn? Hast du eine Ahnung, wie lange sechzig Jahre ohne eine einzige Herausforderung sein können? Ich versuche nur, diese so lange wie möglich zu genießen. Ihr seid stark – stärker, als ihr glaubt –, aber unerfahren. So etwas muss man nur zu nehmen wissen. Also, soll ich euch zur Tür begleiten, oder findet ihr selbst hinaus?“
Sie ließ ihren Blick durch die Runde schweifen und beschloss, dieses Häufchen Elend selbst aus dem Tempel zu schaffen.

<strong>Nicht ich selbst</strong>

Sobald sie aus dem Tempel draußen waren, verabschiedete sich Susanna zuckersüß von den Mädchen, was ihr ein gezischtes „Heuchlerin!“ von Ivonnes Seite einbrachte.
„Schätzchen, du kannst ja schimpfen! Dabei habe ich gedacht, da stehst du drüber …“
Ivonne explodierte. Wutschnaubend wollte sie sich auf Susanna stürzen, doch Saskia hielt sie geistesabwesend zurück.
„Ich sehe, ich habe ganze Arbeit geleistet. Bye, wir sehen uns noch!“
Und weg war sie.
„Könntest du dem, was du tust, etwas mehr Beachtung schenken, du zerquetschst mir den Arm! HÖRST DU MIR EIGENTLICH ZU?!“
Ivonne war außer sich, Saskia lockerte halbherzig den Griff, Kiara versteckte sich, um aus der Schusslinie zu kommen, und Pia trat unschlüssig von einem Bein aufs andere.
„Eigentlich war die untergeordnete Bitte, dass du mich LOSLÄSST!“
„Wenn du nicht bald etwas leiser redest, stecken die dich ins Irrenhaus oder verpassen dir ein Hörgerät, wir sind nicht allein“, stellte Saskia nüchtern fest, nahm seelenruhig ihre Hand von Ivonnes Arm und schlenderte davon.
„WO GEHST DU HIN?“
„Heim.“
„DAS TUST DU NICHT!“
„Siehst du doch.“
„Ruhe, ihr ma-ma-macht mir A-A-Angst!“, piepste Kiara dazwischen. Es hörte sich lächerlich und verzweifelt an, vor allem, wenn man Kiaras feste, auffordernde Stimme gewohnt war.
„Ach, dich gibt es auch noch.“
„Und mich.“
Schüchtern hatte sich Pia zu diesen Worten durchgerungen, doch dann verschwand der letzte Rest ihrer Entscheidungskraft. Saskia gähnte.
„Ich glaube, da gehört etwas gemacht. Du kannst dich kaum dazu entscheiden zu sprechen, Kiara versteckt sich, weil sie Angst vor einer Schäfchenwolke hat, und du“, ihr Blick ruhte auf Ivonne, „brüllst herum, wenn dir ein Sandkorn auf die Nase fällt.“
Ihre Stimme war leiernd und ausdruckslos, sie reihte lediglich die Fakten aneinander.
„Gefühlloses Miststück!“
„Mit dem ersten Teil magst du recht haben, deswegen konzentriere ich mich auf die Tatsachen. Was den zweiten Teil angeht, so kann ich das nicht beurteilen.
Übrigens, wenn du dein neu gewonnenes Temperament in die richtigen Bahnen lenkst, kann das sogar nützlich sein. Gut, dass Susanna das übersehen hat. Ich bin zwar nicht ich selbst, aber sie hat mir jede Erinnerung an Gefühle genommen, deshalb fehlen sie mir nicht – auch das ist ein Vorteil. Reg dich ab!“, fügte Saskia noch hinzu, als Ivonne erneut kurz vor einem Ausbruch stand.
„Ich glaube, wir sollten uns in Saveron bei der alten Weide treffen, momentan sind wir – so unberechenbar, wie wir sind – eine Zumutung für unsere Umgebung.“
Ivonne nickte kurz, nahm sich zusammen und wandte sich an Kiara: „Du hast gehört, was sie gesagt hat. Wenn du dich nicht sofort aufmachst, spring ich dir an die Gurgel.“
Kiara tat, wie geheißen, sie hatte nicht genügend Mut, der aufbrausenden Ivonne zu widersprechen, also wechselte sie die Welt. Währenddessen nahm Saskia Pia die Entscheidung ab.
„Du wirst Kiara folgen und bei der alten Weide auf uns warten. Du wirst nicht widersprechen.“
Pia hatte nicht genügend Willenskraft, diese klaren Befehle nicht auszuführen. Wie eine Marionette tat sie, was ihr gesagt wurde.
„Auch dieses Problem wäre gelöst. Wie ich sehe, hat Susanna nicht alle Möglichkeiten durchdacht.“
Dann folgten Ivonne und Saskia Pia und Kiara, insgeheim froh darüber, dass ihre hervorstechendsten Eigenschaften ihre Ruhe beziehungsweise ihr Temperament waren, denn das jeweilige Gegenteil konnte man durchaus in den Griff bekommen.
Doch gelöst waren ihre Probleme noch lange nicht.

<strong>Das Ausmaß der Schwierigkeiten</strong>

Saskia hatte sich geirrt. Susanna hatte durchaus gewusst, was sie tat. Zwar konnten sie und Ivonne noch relativ klar denken, so wie es einen Weg gab, Pia und Kiara zu fast allem zu bewegen, doch leicht war ihre Aufgabe nicht.
Pia plapperte die ganze Zeit nur sinnloses Zeug, denn sie konnte sich nicht dazu entscheiden zu reden, aber auch nicht dazu zu schweigen. So war es mit allem. Egal was sie tun sollte, ihr musste ein klarer Befehl erteilt werden, der keine Hintertüren offen ließ. Eine zeitaufwendige Aufgabe, die selbst die gefühllose Saskia – der es nicht auf die Nerven gehen konnte, da sie buchstäblich keine hatte – nur zweckmäßig erfüllte.
Um Kiara stand es nicht besser. Sie war am Verhungern, da sie schreckliche Angst davor hatte, dass ihr Essen vergiftet sein oder sie sich daran verschlucken und ersticken könnte – ihr gingen nie die Gründe aus, sich zu fürchten. Auch wenn es ihr missfiel, so war Ivonne dafür zuständig, Kiara genug einzuschüchtern, dass sie das tat, was von ihr verlangt wurde – und handelte es sich dabei um etwas so Simples wie Essen.
Ivonne dagegen konnte zwar noch denken, aber sich zu beherrschen war ein Ding der Unmöglichkeit. Ständig lief jedes Lebewesen in ihrer Gegenwart Gefahr, ihrem ausgeprägten Temperament zum Opfer zu fallen – sei es im guten oder schlechten Sinne. Leider herrschte Letzteres vor, da Unzufriedenheit auch eine von Susannas Gaben war.
Was Saskia betraf, ihr war alles egal, sie maß einem Sandkorn nicht mehr oder weniger Bedeutung bei als der Sonne oder umgekehrt. Sie war nüchtern und sachlich, jedes Gefühl für Anstand war ihr abhandengekommen und Richtig und Falsch konnte sie nur aufgrund von Erinnerungen auseinanderhalten, denn zusammen mit ihren Emotionen hatte sie ihr Gewissen verloren. Sie aß nur, weil sie Hunger hatte, sie trank nur, weil sie durstig war, und sie schlief nur, weil sie müde war, alles andere ließ sie kalt.
„Um Himmels willen, wir müssen etwas unternehmen, ich bin es leid, wie ein aufgeschrecktes Huhn durch die Gegend zu laufen!“
„Dann setz dich doch, Ivonne!“
„Du weißt ganz genau, dass das nicht geht – immerhin spiele ich jetzt deinen Part in dieser Schmierenkomödie!“
„Ich weiß, dass du recht hast, aber egal ist es mir trotzdem. Manchmal ist diese Teilnahmslosigkeit ein echter Segen.“
Ivonne stieß einen gequälten Laut aus, der sie alle in den Ohren schmerzte.
„Wenn wir unsere Flüche untereinander austauschen oder sie vereinigen könnten, würden sie sich – zumindest teilweise – aufheben. Das wäre ein Fortschritt, aber …“
„… dir ist das egal. Ich weiß, Saskia. Und wie soll das gehen?“
„Gar nicht. Es hat keine Füße“, stellte Saskia fest.
Ivonne zerdrückte einen Stein in der Hand, um ihrer Wut Ausdruck zu verschaffen.
„ICH – MEINTE – FUNKTIONIEREN!“
„Ach, das ist etwas Anderes. Ich habe keine Ahnung. Allerdings meinte Susanna, dass wir zwar stark, aber unerfahren seien …“
„Zu Recht. Immer bekommen wir einen Brocken hingeworfen, friss oder stirb! Aber ich will nicht mehr nur schlucken, was man uns vorsetzt.“
„Unser Handeln war bis zu diesem Punkt reiner Instinkt, wir müssen anfangen zu denken.“
„Aber Saskia! Wir wissen doch nicht, was wir tun.“
„Dann müssen wir uns eben aus dem, was wir wissen, eine Lösung basteln.“
„Und wie soll die bitte schön ausschauen?“
„Wenn ich das wüsste, hätte ich es gesagt. Also die Fakten …“
„Wir beziehen unsere Kraft, Magie, wie auch immer, aus demselben Einhorn“, spann Ivonne den Faden ungeduldig weiter. „Na und?“
Doch Saskia war ins Grübeln gekommen.
„Ein Einhorn, ein Wesen … vier Mädchen, vier Wesen. Eins – vier …“
„Weiter: Das genannte Einhorn hat mit seinem Gegenstück gekämpft, keines hat den Kampf überlebt, aber beide wurden gefunden. Das ist dann aber auch schon alles, mehr haben wir nicht. Warum muss man uns auch immer nur einen Brocken hinwerfen, ohne jede Erklärung? Nie ist irgendwer da, der einem den Sinn dahinter erklärt. Das ist so ungerecht!!! Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das stört …“
„Ich kann es mir vorstellen. Aber bevor du dich zu sehr rein­steigerst“, wurde sie von Saskia unterbrochen, „hilf mir lieber, die Antwort liegt irgendwo im eins zu vier!“
„Komm mir jetzt bloß nicht mit Verhältnissen, mir steht der Sinn jetzt wirklich nicht nach Mathe!“
„Wenn du nachdenkst, weißt du, was ich meine.“
„Ja, das weiß ich, na und? Du bist doch jetzt die Ruhige, streng dich gefälligst an!“
„Ich stehe auf der Leitung, ich …“
„Hab dich nicht so! Die Lösung ist einfach: Wir sind eins, nach wie vor, nur dass die eine Seele – ich nenn es jetzt mal so – des Einhorns auf uns vier aufgeteilt wurde. Um unsere Leiden zu vereinen und dadurch möglicherweise aufzuheben, müssen wir nur den Kanal, der damals entstanden ist, wieder öffnen und …“
„… und die Einzelteile zusammenfügen wie ein Puzzle! Ivonne, du hast recht!“
Ganz kurz kam die alte Saskia zum Vorschein, wurde dann aber wieder vom Zauber unterdrückt.
„Wir wissen nur nicht, wie man dieses Puzzle zusammensetzt. Also, was nützt uns eine Lösung, die wir nicht umsetzen können?“
„Ach, Saskia! Wie haben wir Saveron gefunden? Wie haben wir unsere Elementarkräfte entdeckt? Als ob wir da gewusst hätten, was wir taten! Willst du wieder du selbst werden? Bist du bereit das Risiko einzugehen und den Preis, der vielleicht zu zahlen ist, zu zahlen? Du hast zwar keine Gefühle mehr, aber dein Wille wurde dir nicht genommen!“
Ivonne war außer sich. Jetzt hatte sie eine reelle Chance, wieder sie selbst zu werden – diese Chance wollte sie nutzen, komme, was wolle!
Saskia nickte. Auch sie hätte nichts dagegen einzuwenden, wieder in ihr altes Leben zurückzukehren.
„Ich bin dabei, allerdings musst du mir schon sagen, wie du dir das vorstellst.“
„Ich weiß nicht – einfach versuchen, irgendwie wird’s schon klappen.“
„Kleine Bemerkung am Rande: Früher hast du gepflegter gesprochen.“
Ivonne überhörte Saskia gekonnt, um sich nicht schon wieder einem Wutanfall hingeben zu müssen. Stattdessen war sie dabei, Pia und Kiara einzusammeln.
Pia sah Ivonne mit großen Augen an, ließ sich aber willenlos von ihr schieben, und Kiara folgte den beiden geduckt und mit scheuem Blick, wie ein geprügelter Hund.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-99003-253-4
Erscheinungsdatum: 11.02.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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