Science Fiction & Fantasy

Tausendturm

Sebahat Gülüzar Isik

Tausendturm

Die Rückkehr der Hexenfürsten

Leseprobe:

Ich widme dieses Buch
meinen Eltern
Riza und Gülüzar Isik Araz





Findelkind

Es wäre finstere Nacht gewesen, hätte der Vollmond nicht mit seinem Schein die Landschaft in silbriges Licht getaucht. Eine seltsame und nie da gewesene Stille hatte sich wie Blei über die Lichtung tief im Dornenwald gelegt; sie wirkte bedrohlich und kalt, so als kündigte sie Unheil an. Nicht einmal die Nachtigall sang wie in anderen Nächten das Lied vom Leben und Tod. Inmitten der Lichtung stand ein Haus; es wirkte zerbrechlich alt und morsch, so als würde es jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Es wirkte heruntergekommen und verlassen, umgeben von verwaisten Feldern und wilden Sommerwiesen, die wiederum überwuchert von Unkraut und hohem ausgetrockneten Gras geduldig auf den nächsten Regen warteten. Aus einem seiner kleinen Fenster, dessen Fensterladen auf einer Seite schief hinunterhing, flackerte ein schwaches Licht.
Von draußen konnte man nicht erkennen, ob das Licht von einem Kaminfeuer oder von Kerzen gespendet wurde. Ganz in der Nähe des alten Hauses flog plötzlich wie aus dem Nichts ein Vogelschwarm in die Lichtung. Tausende Flügelschläge wurden immer lauter, je näher sie wie eine schwarze Wolke an das Haus heranflogen. Sie setzten sich auf nahen Bäumen, dem Dach des Hauses und auf den umliegenden Feldern und Wiesen nieder. Bei Einbruch der Dunkelheit hatten sie sich vom Berg Tauron, der weit oben im kalten Norden lag, wo keine Menschenseele lebte, auf den Weg hierhin gemacht. Es waren Vögel von einer Art, die man hier nie zuvor gesichtet hatte. Ihre weißen adlerartigen Köpfe ragten aus schwarzem Gefieder. Doch kaum hatten ihre Füße den wild bewachsenen Boden berührt, da verwandelten sie sich in menschliche Wesen. Dunkle Kapuzen und lange Umhänge verhüllten ihre Gestalten, die sich in der Größe kaum voneinander unterschieden. Es waren Hexen. Vor langer Zeit aus Tausendturm verbannt, lebten sie zurückgezogen in den Untergründen dieser Welt. Nur in dunklen Nächten, wenn die Menschen sich in ihre Häuser zurückgezogen hatten, um sich zur Ruhe zu setzen, wagten sie sich aus ihren wohlgehüteten Verstecken in das Land der Menschen. Bei Tageslicht mieden sie die Menschen aus Angst vor Feuer und Scheiterhaufen. Die Jüngeren unter ihnen, die in der Unterwelt geboren und aufgewachsen waren, wussten nur aus den Erzählungen der Ältesten, die schon Tausende von Jahren in dieser Welt weilten, von den Umständen, die sie einst in die Unterwelt verbannt hatten. Die Ältesten erinnerten sich, als wäre es gestern gewesen, an ihre letzten Tage in Tausendturm und die Tragödie, durch die sie ihr Land mitsamt ihren Lieben im Feuer zurücklassen mussten, um untot in die Untergründe des Tauron-Gebirges zu flüchten. Lange Jahre waren sie wie vom Erdboden verschwunden, da sie die Zeit nutzten, um sich von der schrecklichen Nacht zu erholen, die ihr Leben so grundlegend verändert hatte. Nun waren die Hexen zurückgekehrt, gestärkt und mit neu gewonnener Macht, um zurückzuholen, was man ihnen einst gewaltsam weggenommen hatte. Denn sie waren stärker und zahlreicher denn je und hegten dunkle Pläne, um die Menschenländer wieder unter ihre Führung zu bringen.
Eine Weile standen sie reglos da und warteten auf den Moment, in dem sich ihr Werk vollbringen sollte. Zuerst hörten sie nur das Knistern des Feuers, das sich wie von Zauberhand und ohne jeglichen Grund im Haus entflammte. Sie sahen zu, wie die Flammen aus den Fenstern heraus züngelten. Sollte es der Mutter nicht gelingen, ihre Brut eigenhändig aus dem Haus zu schaffen, würden sie eingreifen. Doch noch war es zu früh. Die Flammen leckten nun aus einem der Fenster die Außenfassade des Hauses und stiegen rasch weiter empor zum Dach. Die Menschenfrau rannte mit letzter Kraft aus dem Haus. In ihren Armen hielt sie ein Neugeborenes, gehüllt in weiße Laken. Ohne die Gestalten auf dem Feld wahrzunehmen, legte sie den Säugling auf den Boden. Ihr Nachthemd hatte Feuer gefangen. Sie versuchte, es auszuziehen. Binnen Sekunden stand das ganze Nachthemd in Flammen und ihr Haar fing Feuer. Schreiend rannte sie zum Brunnen vor dem Haus, fiel auf halbem Weg hin und verendete kläglich. Die Schreie des Säuglings mischten sich mit denen seiner Mutter und verschwanden im lauten Geknister des Feuers und des kühlen Nordwindes, der das Feuer nährte.
Er brachte vom Norden her dunkle Wolken über das Land, sie bedeckten den Blutmond. Die Landschaft verwandelte sich in ein dunkles Nichts, nur die Flammen des Feuers trotzten der Dunkelheit, solange sie ihre Kraft aus dem alten, morschen Holz des Hauses holen konnten.
Eine der Gestalten wollte zum Säugling, um ihn zu trösten. Doch die Anführerin ließ sie nicht. „Es wird ihn stärken“, sagte sie nur.
Dann hörten sie Stimmen. Pferdehufe galoppierten von der anderen Seite der Lichtung heran. Sie sahen einen Reiter am Waldrand, dem weitere folgten. Einer der Reiter stieg ab und lief zum Haus, während zahlreiche andere am Waldrand erschienen. Vergeblich versuchten sie, ihre aufgescheuchten Pferde zu beruhigen. Der Zeitpunkt war gekommen. Die Hexen verwandelten sich in ihre Urgestalten, flogen zu den Baumwipfeln, setzten sich in den Kronen der Bäume nieder und beobachteten die Vollendung ihres Werkes. Ein Reiter eilte zuerst zum Haus und als er sich vergewissert hatte, dass keine Menschenseele mehr zu retten war, lief er um das Haus herum. Da hörte er die Schreie des Säuglings. Er folgte ihnen und entdeckte die tote Frau, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war, am Boden. Dann entdeckte er den Säugling nur wenige Meter weiter von der Mutter entfernt im hohen Gras. Das Haus brannte lichterloh und brach in sich zusammen. Der Reiter nahm das Kind, legte es behutsam in seine Arme und ging zurück zu seinem Gefolge. Er stieg auf sein Pferd und ritt mit seinen Männern einen schmalen Pfad entlang zurück zur Weggabelung, wo eine Kutsche mit weiteren Reitern auf ihn wartete. Er stieg vom Pferd und kniete nieder.
„Hoheit, wir haben einen Säugling gefunden. Seine Mutter und vermutlich andere Familienmitglieder sind tot.“ Die Kutschentür ging auf und eine Dame mit edlem Kleid stieg in Begleitung mehrerer Zofen aus der Kutsche. Auf ihrem Haupt trug sie die Krone von Tausendturm.
Der Morgen dämmerte, bald würde die Sonne aufgehen. Der Reiter streckte der Königin das Kind entgegen.
„Es hat als Einziges den Brand überlebt, Hoheit“, sagte er, sein Blick demütig auf den Boden gerichtet.
Die Königin beugte sich zum Säugling, betrachtete ihn und befahl einer ihrer Zofen, das Kind an sich zu nehmen. Ein großer Schwarm Vögel flog dicht an den Baumkronen vorbei Richtung Norden. Die Königin und ihre Zofen stiegen in die Kutsche. Der Kutscher gab den Pferden die Peitsche, bog nach rechts und verließ den Wald Richtung Tausendturm.
Die Vögel flogen nach Norden, wo das Tauron-Gebirge lag, um die frohe Nachricht zu überbringen.



Königin Elisabetta

Als die ersten Sonnenstrahlen den allmorgendlichen Tau, der für diese Jahreszeit üblich war, berührten, erreichte Königin Elisabetta mit ihrem Gefolge Schloss Tausendturm. Sie liebte diesen Anblick. Tausend runde purpurne Türme ragten wie Pfeile in den Himmel empor. An nebligen Tagen verschwanden ihre höchsten Spitzen in den Wolken. Sie bildeten den Kern des Schlosses. Legenden erzählten, dass sie aus Zeiten der Hexenherrschaft stammten, und da es so viele waren, dass es kein Mensch geschafft hatte, sie je zu zählen, nannte man das Monument Tausendturm. Eine runde Mauer mit vier hohen Türmen umzingelte sie schützend.
Die Reise war anstrengend und durch das ständige Holpern des Wagens schmerzten Königin Elisabettas Glieder. Sie befahl ihren Zofen, sich um den Säugling zu kümmern, und zog sich in ihre Gemächer zurück, um ein Bad zu nehmen. Das würde ihre Glieder lockern und ihre Stimmung, die von der anstrengenden Reise getrübt war, vielleicht etwas heben. Außerdem brauchte sie Zeit für sich, bevor sie ihren Gatten, König Porheneb, aufsuchte. Eine ihrer Zofen nahm das kleine Bündel an sich und verschwand hinter einer der zahlreichen Türen, die aus ihren Gemächern hinausführten. Die anderen zwei halfen ihr aus ihrem Kleid und begleiteten sie ins Bad, das nach Rosenblüten duftete. An den Wänden brannten Kerzen in blumenkelchartigen Haltern. Elisabetta winkte die Zofen fort, ließ den seidenen altrosafarbenen Badeumhang auf den Boden fallen und schritt die Stufen hinab in das warme Wasser, dessen Oberfläche mit roten Blütenblättern bedeckt war. Sie ging einige Schritte bis zum Beckenrand und lehnte ihren Kopf an dessen Ende, das mit bunten kostbaren Tüchern gepolstert war.
Weiße Säulen mit goldenen Verzierungen umgaben das Becken und spiegelten ein buntes Lichtspiel an der Decke und im Wasser wider. Am anderen Ende des Bades zwischen zwei Säulen brannte in einem übergroßen Kamin ein Feuer. Elisabetta schloss ihre Augen und tauchte ins Wasser ein. Als sie wieder auftauchte und ihre Augen öffnete, da erinnerte sie sich an das Ereignis, das sie so sehr beschäftigt hatte. Das Feuer im Kamin, es erinnerte sie an den Brand im Wald und an den Säugling. Was für ein Schicksal, dachte sie. Die Götter hatten ihr ein so schönes Kind geschenkt, warum nahmen sie ihr kurz danach das Leben? Wieso schenkten die Götter Elisabetta keine Kinder? Weiß Gott, wie lange der König noch auf ihre Niederkunft warten würde. Irgendwann würde er ihre Ehe auflösen und sich mit einer anderen fruchtbaren Frau vermählen, die ihm die Söhne schenkte, die ihm Elisabetta nicht geben konnte. Seit Jahren wünschte sie sich ein Kind und auch wenn König Porheneb es ihr gegenüber nie äußerte, so wusste sie doch, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als einen Erben. Er brauchte einen Erben, um an der Macht zu bleiben. Obwohl er ihr immer wieder seine Liebe beteuerte und sie so glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben war, war ihr Glück eben von diesem einen Unglück überschattet, da sie ihm nun, sechs Jahre nach der Eheschließung, noch immer keinen einzigen Erben geschenkt hatte. Je mehr Zeit verging, umso größer wurden ihre Sorgen. Sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem ihr der König kundtun würde, dass er unweigerlich die Ehe auflösen müsse, um mit einer anderen Frau einen Erben zu zeugen. Sie wusste es, seine Berater drängten ihn schon seit langer Zeit dazu.
Doch bis jetzt wollte der König nichts von einer anderen Frau wissen, da er, und sie fühlte es, sie über alle Maßen liebte. Doch sie war klug und wusste, der Tag würde irgendwann kommen, da der König ihr überdrüssig würde, spätestens in ein paar Jahren, wenn sie ihre Jugend und Schönheit verlor und junges Blut sich um seine Gunst bemühte. So weinte sie oft nächtelang und machte sich große Sorgen um ihre Zukunft. Eigens dafür war sie vor einigen Monaten nach Mohnland gereist, um mit ihrer Mutter und Großtante zu einer Quelle zu reisen, die Wunder versprach. Monatelang hatte sie in den warmen Quellen von Ork gebadet und von ihrem Wasser getrunken – und nun, da sie zurückgekehrt war, wollte sie so schnell wie möglich ihrem Gatten beischlafen, bevor die Wirkung nachließ. Vielleicht klappte es diesmal und sie würde genauso ein süßes Baby gebären wie dieses kleine Mädchen, das sie aus dem Dornenwald gerettet hatte. Es war so winzig und hatte doch schon so ein schlimmes Schicksal hinter sich. Was gab es Schlimmeres für ein Kind, als seine Mutter am Tag seiner Geburt zu verlieren und auf die Gnade fremder Menschen angewiesen zu sein, die von nun an seine einzigen Weggefährten waren. Elisabetta beschloss, den König um Erlaubnis zu bitten und sich von nun an um das Mädchen zu kümmern.
Sie rief nach ihrer Zofe und stieg aus dem Wasser.
„Meine geliebte Elisabetta! Wie glücklich bin ich, dass Ihr wieder zu Hause seid“ König Porheneb befahl den Zofen, die Gemächer der Königin zu verlassen, und nahm sie in seine Arme.
„Mein Gott, wie sehr habe ich Euch vermisst!“
Er küsste sie leidenschaftlich.
„Kommt, erzählt mir, wie war Eure Reise? Wie geht es Eurer Mutter und Eurem Vater? Sind alle wohlauf?“
„Ja, mein Gemahl, allen geht es wunderbar. Ihr wisst aber, dass ich nicht nur meiner Familie wegen nach Mohnland gereist bin“, sagte sie mit verführerischer Stimme. Er lehnte sich an ein Kissen und zog sie an sich heran.
„So, und warum erzählt Ihr mir das gerade jetzt, da ich bei Euch liege?“ Sie wurde rot. Es ärgerte sie, dass sie nach so vielen Jahren der Ehe mit ihm immer noch rot wurde, wenn sie in Verlegenheit war. Doch entweder bemerkte es König Porheneb nicht oder er ließ es sich nicht anmerken, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Stattdessen drückte er sie enger an sich.
„Oh Weib, wie sehr ich Euch vermisst habe.“ Er küsste sie auf den Mund und knetete ihre Brust.
Dann tastete er unter ihrem Rock nach ihrem Schritt.
„Ihr seid ja ganz feucht“, flüsterte er, küsste ihren Hals und Mund, legte sich zwischen ihre Beine und stieß sein Glied in sie hinein. Sie stöhnte vor Lust auf und küsste seinen Hals, während er sich auf ihr erregt auf und ab bewegte. Dann ergoss er sich in ihr, noch bevor sie den Höhepunkt erreichte, doch es machte ihr nichts aus. Das war bei ihm immer so, wenn sie lange weg war; ein Zeichen, dass er während ihrer Abwesenheit keine anderen Frauen bestiegen hatte. Nach dem Akt liebkosten sie einander zärtlich, bis sich ihr Atem beruhigte.
„Ich muss gehen, meine Liebe, Menschen warten im Thronsaal auf Audienz“, sagte er nach einer Weile, richtete sich auf, zog sich an und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ich liebe Euch Elisabetta“, sagte er und verließ ihre Gemächer.
Erst als er weg war, spürte sie die Müdigkeit der Reise. Ihre Glieder hatten sich durch den Akt entspannt, sie schloss die Augen und fiel in einen langen tiefen Schlaf.
Als sie wieder aufwachte, war es bereits Abend. Sie ließ sich von ihren Zofen einkleiden und machte sich auf den Weg in den Esssaal zum Abendmahl. Ihr Gatte saß schon an der Tafel und unterhielt sich angeregt mit einem Mann, der zugleich sein Freund und Erster Minister war. Als sie hereinkam, unterbrachen die beiden Männer das Gespräch. Balthasar erhob sich und begrüßte die Königin mit einem Handkuss. Sie erwiderte seinen Gruß, lief um die Tafel herum, gab ihrem Gatten einen Kuss auf die Stirn und setzte sich ans andere Ende der Tafel. Draußen regnete es. Ein eisiger Wind pfiff um die Mauern des Schlosses. Im Kamin loderte das Feuer und tauchte den Saal in angenehme Wärme. Einer der Diener reichte ihr einen Teller mit feinstem Kaninchenbraten, gebratenen Kartoffeln und einen Laib frisches Brot.
„Wie war die Reise, Hoheit?“, fragte Balthasar, nachdem sich der Diener zurückgezogen hatte.
„Danke, Balthasar, die Reise war sehr anstrengend, aber es geht mir gut.“
Irgendwie fühlte sich Balthasar, jetzt, da die Königin an der Tafel saß, fehl am Platz, er spürte, dass er die beiden besser allein lassen sollte. Er spülte seinen letzten Bissen mit Wein herunter, entschuldigte sich und verließ den Speisesaal.
Der König wartete, bis Balthasar den Saal verlassen hatte, nahm seinen Teller, lief um den Tisch herum und setzte sich neben Elisabetta an die Tafel. Er nahm ihre zarte Hand und führte sie an sein Glied.
„Ihr habt keine Vorstellung, wie sehr ich Euch vermisst habe, meine geliebte Elisabetta.“ Dann liebkoste er ihren Hals. Sein leidenschaftlicher Blick blieb an ihrer Brust hängen. Er schickte die Dienerschaft weg und schob die Teller und Speisen beiseite. Einige Teller fielen klirrend auf den Boden, Wein wurde verschüttet. Er packte Elisabetta an ihrer Taille und setzte sie auf die Tafel. Dann schob er ihren Rock bis an ihre Lenden zurück und drang in sie ein. Bei jedem Stoß stieß sie einen lauten Seufzer aus. Als der Liebesakt vorbei war, nahm er sie in seine Arme und sie gingen gemeinsam in seine Gemächer, um die Nacht miteinander zu verbringen.



Königskinder

Es war die Nacht, in der die Königin ihr erstes Kind empfing, ein Mädchen. Sie nannten es nach ihrer Großmutter: Isaura. Ein Jahr nach dieser Niederkunft brachte die Königin ihr zweites Kind zur Welt, wieder ein Mädchen. Doch die Freude über die Geburt der kleinen Prinzessin Arunia war nur von kurzer Dauer. Es war ein schwarzer Tag im Königreich Tausendturm. Die Vorfreude auf die zweite Niederkunft der Königin verwandelte sich urplötzlich in Trauer, als die Königin nur kurze Zeit nach der Geburt verstarb. Der Schmerz und die damit verbundene Trauer um seine geliebte Elisabetta begleiteten den König danach über viele Jahre hinweg. Selbst neunzehn Jahre nachdem seine geliebte Gattin verstorben war, hatte er nicht wieder geheiratet. Sie war die Liebe seines Lebens gewesen. Entgegen all ihren Befürchtungen über die Jahre, in denen sie unfruchtbar gewesen war, hatte der König nicht wieder geheiratet.
Jedes Mal, wenn er sich in seine Gemächer zurückzog, erinnerte er sich an den lauen Sommerabend in Mohnland, als er sie das erste Mal an der Seite ihres Vaters gesehen hatte. Es war an einem Turnier der Könige, die der Herrscher von Mohnland alljährlich ausrichtete, um die Wogen nach jahrelangem Krieg zwischen dem Reich Mohnland und den Nachbarländern zu glätten. Vom ersten Augenblick an hatte sie ihn ganz und gar verzaubert. Von diesem Tag an hatte der junge Prinz Porheneb und Thronerbe von Tausendturm nur noch Augen für Prinzessin Elisabetta. Keine andere schien ihm angemessener als sie, die schönste und anmutigste von allen Prinzessinnen, die man ihm bis zu diesem Tag vorgestellt hatte.
Ihr blondes lockiges Haar, das sehr ungewöhnlich war für eine Prinzessin aus dem Mohnland, da die meisten von ihnen dunkles Haar hatten, fiel weit über ihre schmalen Hüften bis zu den Wurzeln ihres Gesäßes. Hingegen all den verhätschelten Prinzessinnen, die er kannte, hatte sie hervorragende Manieren.
Obwohl man ihm wegen ihres Vaters von einer Heirat dringend abriet, ließ der Prinz sich von seinem Vorhaben nicht abbringen und heiratete Elisabetta nur wenige Monate, nachdem er sie das erste Mal gesehen hatte. Diese Heirat zwischen den beiden Königshäusern sicherte gegen allen Zweifel den Frieden zwischen Tausendturm und dem Mohnland.
Die Zeit mit ihr war die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen. Und gerade als er dachte, sein Leben hätte seinen Höhepunkt erreicht, da sie ihm endlich Nachkommen schenkte, da spielte ihm das Schicksal dieses böse Spiel und die Götter nahmen ihm seine geliebte Gattin. Die ersten Monate nach ihrem Tod waren für ihn wie ein Irrweg durch eine unendliche Dunkelheit, die ihn umzingelte wie eine Nacht, die nie enden wollte. Von Kummer zerfressen, vergaß der König alles um sich herum. Er überließ seine Erstgeborene und den Säugling den Ammen und verbrachte oft Wochen auf der Jagd. So konnte er der Realität wenigstens für eine kurze Zeit entfliehen. Oft betrank er sich auf der Jagd, damit er nach seiner Rückkehr die Gegenwart ertrug.
Der Todestag seiner Gattin war mitunter der Tag, an dem er seinen Glauben an die Götter verloren hatte. Seit diesem Tag hatte nie wieder ein Papst die Mauern seines Schlosses betreten und kein einziges Gebet mehr seine Lippen verlassen. Nichts war mehr so, wie es einst gewesen war, als würde die Welt, wie er sie einst gekannt hatte, auf dem Kopf stehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-99048-570-5
Erscheinungsdatum: 25.09.2017
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