Science Fiction & Fantasy

Rückkehr ins Reich der Elfen

Elke Edith

Rückkehr ins Reich der Elfen

Leseprobe:

Als sie an das Bett und zu Aviyan zurückkehrte, war er vor Erschöpfung und durch die starken Schmerzen, die ihn bei der Prozedur gequält hatten, bereits wieder eingeschlafen, sodass sie sich nur still neben ihn setzte und ihn einfach ansah. Was war es nur, was sie an ihm so faszinierte? Was war es, dass ihm ihr Herz zufliegen ließ?
Sicher, er sah in ihren Augen sehr gut aus. Er war in seinem Reich ein Prinz, den man bald zum König krönen würde. Er besaß ein gutes, gerechtes Herz. Er war einfach liebenswert. Aber würde das bereits reichen, damit sie alles aufgab, um hier mit ihm zu leben im Reich der Elfen? Fernab ihrer Heimat und ihrer bisherigen Freunde, ja sogar ohne ihre Familie, konnte sie das wirklich?
Kaïtara wusste es einfach nicht, und diese Gedanken erschreckten sie zutiefst. Sicher, mit ihrem Erbanteil hätten sie als Paar auch in der Welt der Menschen ein unbeschwertes Leben führen können, doch auch ohne Aviyan gefragt zu haben, spürte sie, dass er sein Volk nie verlassen würde, dass eine solche Lösung für ihn keinesfalls infrage kam.
Erst als ihr eine Träne über die Wange lief, merkte sie, wie sehr sie diese emotionalen Gedanken doch belasteten. Dabei wusste sie doch noch gar nicht, wie Aviyan dazu stand. Seine Worte: „Ich liebe dich!“ waren schnell dahingesagt. Aber was bedeuteten sie ihm wirklich? Hatte er dabei an ein gemeinsames Leben gedacht? Sie war doch erst siebzehn Jahre alt und hatte keine Ahnung von der Liebe. Woher sollte sie wissen, dass ihr zu Hause in ihrer eigenen Welt nicht auch ein Mann begegnen würde, den sie lieben konnte? Vielleicht war Aviyan ja nichts anderes als eine erste Schwärmerei.
Diese Gedanken setzten ihr so sehr zu, dass sie gar nicht bemerkte, dass der Prinz längst wieder aufgewacht war und sie nachdenklich beobachtete. Er hatte auch ihre Tränen gesehen und war sich nicht sicher, warum sie weinte. Lag es an seinem Zustand? War es vielleicht, weil sie wusste, dass sie wieder gehen musste, sobald sich das Dimensionstor weit genug aufgeladen hatte? Er wusste schließlich, was es bedeutete, in ihrer Welt noch nicht volljährig zu sein. Sie konnte dort nicht einfach gehen und ihre Familie und ihr bisheriges Leben hinter sich lassen. Außerdem konnte er einen solchen Schritt doch auch gar nicht von ihr verlangen. Es wäre ein zu großes Opfer, das sie bringen müsste! Schließlich hatte sie dort ein gutes und erfülltes Leben. Sie wurde geliebt, hatte Freunde, war finanziell versorgt. Aber in seinen Augen war sie nun einmal das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte! Keine Elfe konnte mit ihr mithalten! Aber ein Opfer musste gebracht werden, entweder von ihr oder von ihm.
„Kari“, sprach er sie leise an, als es ihm nach einiger Zeit ungehörig vorkam, sie weiter zu beobachten, ohne dass sie es merkte. „Kari, du … du weinst ja.“
Als würde sie es erst jetzt merken, schreckte sie sichtlich zusammen, zog ein Taschentuch aus ihrem Kleid und wischte sich die feuchten Wangen ab. Sie fühlte sich ertappt.
„Was hast du denn? Es geht mir doch schon besser.“
„Es ist nichts“, wehrte sie ab. „Ich bin sehr glücklich, dass es dir besser geht. Ich hatte schreckliche Angst, als dein Vetter dich niedergestochen hat. Das werde ich nie vergessen!“
Sie zitterte richtig bei dem Gedanken, was geschehen war, doch Aviyan ergriff ihre Hand und meinte: „Das wird nie wieder geschehen, meine Liebste! Nie wieder! Und sobald ich wieder reiten kann, zeige ich dir mein Reich, das Reich der Elfen, zu dem auch du schon zu einem kleinen Teil gehörst. Dieses kleine Achtel Elfenblut muss doch fühlen, dass es hierher gehört, nicht wahr?“
Da war die Antwort auf ihre Frage, ob er wollte, dass sie bei ihm bleiben sollte, und obwohl es sie sehr freute, dass er so dachte, tat er ihr damit, ohne dass er es eigentlich wollte, auch weh. Diese wichtige Entscheidung würde bei ihr liegen, ganz allein bei ihr!
Ohne auf seine letzte Frage einzugehen, sagte sie: „Ja, ich freue mich darauf, alles zu sehen und deine Welt kennenzulernen. Ich möchte alles lernen und verstehen!“
„Das freut mich, Kari.“
Und Prinz Aviyan hielt Wort. Kaum dass er zwei Tage später sein Krankenlager wieder verlassen konnte – seine Wunden waren wirklich in Rekordzeit geheilt, und er benutzte sicherheitshalber nur noch den Gehstock –, zeigte er ihr persönlich zunächst das Schloss. Nicht ein einziger Raum sollte vor ihr verschlossen bleiben, alle Türen taten sich vor ihr auf. Er zögerte nur einen Moment, als sie den Teil des Schlosses erreichten, den früher einmal seine Mutter, die letzte Elfenkönigin, bewohnt hatte. Doch als zwei Diener auf seinen Wink hin die hohe Doppeltür öffneten und Kaïtara einen Raum betrat, der ein typisch weibliches Flair ausstrahlte, begriff sie seine Zurückhaltung.
Jetzt zögerte sie, sich näher umzusehen, und fragte ihn zaghaft: „Die Räume deiner Mutter, nehme ich an. Soll ich wirklich …?“
Aber Aviyan lächelt ihr zu und erklärte: „Natürlich sollst du dich auch hier umsehen. Mein Vater hatte oft bis spät in die Nacht hinein mit Regierungsgeschäften zu tun. Deshalb hat meine Mutter auch einen eigenen Wohnbereich gehabt, den sie nach ihren Vorstellungen gestaltet hat.“
Kaïtara konnte nur staunen, die Räumlichkeiten gefielen ihr ausgesprochen gut, vor allem das große Himmelbett mit den weißen und rosa Rüschen war einfach ein Traum. Sie konnte sich gar nicht genug daran sattsehen.
Und schließlich wagte sie auch die Frage, die ihr schon die ganze Zeit über auf der Seele brannte: „Würdest du mir sagen, wie deine Mutter gestorben ist und wann? Du musst es mir nicht sagen, wenn es alte Wunden aufreißt, ich hätte es nur gerne gewusst.“
Aufmerksam beobachtete sie bei diesen Worten sein Mienenspiel. Würde es ihm etwas ausmachen, ihr die Wahrheit zu sagen? Würde er es überhaupt tun? Zunächst schwieg Aviyan noch, anscheinend machte ihm die Erinnerung noch immer zu schaffen, doch nach einiger Zeit wandte er sich ihr zu und begann zu erzählen.
„Meine Mutter war wohl das erste Opfer in diesem sinnlosen Kampf, den Mindavis geführt hat. Niemand weiß, warum die Pferde vor ihrer Kutsche gescheut haben und durchgingen. Sie rasten viel zu schnell in einen Flusslauf, sodass die Kutsche umkippte. Ich weiß, die Wachen haben alles getan, um sie zu retten, doch ein Baumstamm im Wasser verkeilte das Gefährt. Und bis man die Königin endlich befreit hatte, war es für sie bereits zu spät. Sie war ertrunken.“
„Oh nein!“
Kaïtara schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Der Prinz hatte beide Eltern auf schreckliche Weise verloren. Wie konnte er nur damit leben? Kein Wunder, dass er seinen Vetter so sehr gehasst hatte, dass er zu diesem Zweikampf bereit gewesen war.
„Das ist schlimm, und es tut mir sehr leid für dich. Aber wieso glaubst du, sie sei das erste Opfer gewesen?“
„… weil am selben Tag Mindavis Aufforderung zum Rücktritt vom Thron und zur Aufgabe meiner Ansprüche überbracht wurde. Er wollte wahrscheinlich meinen Vater und mich in eine Art Schockzustand versetzen, wobei mir nicht klar ist, ob der Tod meiner Mutter nur billigend in Kauf genommen wurde oder ob er geplant gewesen war. Ich halte beides für möglich, aber das ist ja jetzt nicht mehr von Belang. Ich würde es nur gerne sehen, wenn die zukünftige Königin diese Räume ebenfalls bewohnen und nach ihrem Geschmack gestalten würde.“
Bei diesen Worten ruhte der Blick des Thronfolgers mit fragendem Ausdruck auf ihr. War das gerade ein Heiratsantrag? Kaïtara wusste es nicht, aber sie hätte jetzt auch nicht antworten können. Sie fühlte sich viel zu aufgewühlt und war sich ihrer Gefühle Aviyan gegenüber absolut nicht sicher. Plötzlich fühlte sie sich in diesen Räumen nicht mehr wohl. Sie hatte den Eindruck, hier nicht mehr atmen zu können.
„Du erzählst immer von deiner Mutter“, platzte sie deshalb heraus. „Gibt es denn nicht auch ein Bild von ihr? Ich hätte gerne gewusst, wie sie ausgesehen hat.“
Dabei setzte sie einen reinen Unschuldsblick auf, als hätte sie nicht begriffen, was er mit seiner Andeutung habe ausdrücken wollen. Doch Aviyan hatte sehr wohl verstanden, dass sie nicht näher auf dieses Thema eingehen wollte, räusperte sich kurz und wies dann auf die Tür.
„Im Arbeitszimmer meines Vaters hängt ein Gemälde, das du dir gerne ansehen kannst.“
Er wusste seine Enttäuschung, wenn er sie denn wirklich empfand, geschickt zu überspielen und ließ sie vorangehen, um ihr auf dem Flur wieder den Arm zu reichen, denn das Arbeitszimmer des toten Königs Kelanar befand sich im Erdgeschoss. Als sie zwei Minuten später vor der hohen verzierten Tür standen, musste er erst einen Schlüssel hervorholen und in das Schloss stecken. Hier stand auch kein Wächter vor der Tür, denn seit dem Verschwinden des Königs hatte Prinz Aviyan diesen Raum selbst nicht mehr betreten und ihn einfach verschlossen gehalten. Zusätzlich hatte er auch einen Bann an der Tür angebracht, der sicher nur sehr schwer zu lösen war, wenn man die entsprechenden Kreuzpunkte der magischen Linien nicht kannte. Er hatte nicht gewollt, dass dort drinnen irgendetwas verändert wurde. Somit bedeutete es auch für ihn eine gewisse Überwindung, die Tür jetzt zu öffnen und über die Schwelle zu treten. Trotzdem tat er es nach einem kurzen Zögern und bat sie ebenfalls herein.
Neugierig, wenn auch zögernd, folgte ihm Kaïtara und trat an seine Seite, um sich umzusehen. Es war ein großer, heller Raum mit einem wuchtigen Schreibtisch auf der linken Seite, wo sich auch das hohe Bogenfenster befand, damit der Arbeitsbereich immer erleuchtet wurde. Die schweren Samtvorhänge waren zurückgezogen, der durch Schnitzereien reich verzierte Stuhl schien noch so zu stehen, wie sein Besitzer ihn verlassen hatte. Auf der Tischplatte lagen die üblichen Schreibutensilien nebst Feder und Tintenfass, sowie ein paar Schriftrollen. Der Prinz hatte es noch nicht gewagt nachzusehen, womit sich sein Vater vor seinem Verschwinden befasst hatte, doch irgendwann würde er es tun müssen.
Auf den Möbelstücken und dem hellen Marmorboden hatte sich bereits eine Staubschicht gebildet. Aviyan fasste Kaïtara jetzt bei der Hand und zog sie auf die andere Seite des Zimmers, um ihr die Wand zu zeigen, auf die das Auge des Betrachters fallen musste, wenn man am Schreibtisch saß. Und das Mädchen bekam augenblicklich große Augen, denn dort hing ein überlebensgroßes Gemälde, das mit Sicherheit den König und seine Gemahlin zeigte. Sie war beeindruckt von der Schönheit der Königin, die weiche, angenehme Gesichtszüge zeigte. Und obwohl Aviyan seinem Vater sehr ähnlich war, wies sein Gesicht die Weichheit und Anmut seiner Mutter auf. Auch die Augen musste er von ihr geerbt haben.
Auf dem Gemälde stand die Elfenkönigin leicht schräg hinter ihrem Gatten, der im Vordergrund auf einem Stuhl saß. Und auch wenn er in seinem Gesicht die Würde des Königs zu wahren versuchte, so war eindeutig der Stolz auf seine schöne Frau darin zu erkennen, zu der er aufblickte. Sie trug dabei ein bodenlanges mitternachtsblaues Kleid, auf dem Tausende von kleinen Tröpfchen zu funkeln schienen, wahrscheinlich ein Effekt des Elfenhaars, das auch hier im Stoff verwoben sein musste. Und ihr langes, wirklich sehr langes eigenes Haar trug sie kunstvoll mehrfach um den Kopf geschlungen, ohne dass ihre spitzen Elfenohren dabei ganz verdeckt worden wären, während um ihren Hals die Kette mit den grünen Steinen lag, die Aviyan mittlerweile ihr selbst geschenkt hatte. War es etwa ein Familienerbstück? Konnte sie die Kette unter diesen Umständen überhaupt behalten?
„Deine Mutter war wirklich eine sehr schöne Frau“, brachte sie leise hervor. „Und du hast viel von ihr geerbt.“
„Glaubst du wirklich? Man sagt, ich sehe meinem Vater ähnlich.“
„Ja, im Grunde schon“, gab sie zu, „aber ich glaube eher, es ist ihr Wesen, das du in dir trägst. Und es sind ihre Augen und ihr Mund. Sieh doch nur.“
Er musste bei diesen Worten lächeln, während sie noch einen Schritt vortrat, wobei er noch immer ihre Hand hielt. Eigentlich wollte er sie an sich ziehen und küssen, doch das Schicksal wollte es anders, denn dieser eine Schritt bedeutete für Kaïtara fast das Verhängnis. Obwohl sich vor ihr der marmorne Boden erstreckte, trat sie ganz plötzlich ins Leere. Da war nichts mehr! Sie kippte nach vorne, verlor auch mit dem zweiten Fuß den Halt und stieß einen gellenden Schrei aus, da sie in eine gähnende schwarze Tiefe zu stürzen drohte, genau dort, wo sich gerade noch der Fußboden befunden hatte.
Alles ging furchtbar schnell und doch reagierte Aviyan im Bruchteil einer Sekunde. Seine Hand schloss sich gleich einer Stahlklammer um die ihre, und obwohl ihn der kräftige Ruck durch ihr Gewicht zu Boden riss und er an der Kante dieses seltsamen Loches zu liegen kam, schaffte er es, nicht nur sich selbst dort, sondern auch sie festzuhalten.
„Hab keine Angst! Ich halte dich!“, presste er vor Anstrengung zwischen den Zähnen hervor. „Nicht so zappeln!“
In ihrer Angst strampelte sie so stark mit den Beinen, dass sie es ihm fast unmöglich machte, sie zu halten und heraufzuziehen. Sie hielt auch augenblicklich still, starrte mit angsterfüllten Augen zu ihm herauf. Nur er konnte sie noch retten! Er keuchte vor Anstrengung und knirschte mit den Zähnen, während er sie jetzt langsam, aber trotzdem Stück für Stück nach oben zog. Dabei steigerte sich ihre Angst aber noch, da sie die Kälte spürte, die aus der undurchdringlichen Dunkelheit der Tiefe zu ihr heraufdrang und sich unter ihrem Kleid anzusammeln schien. Sie hörte Aviyans keuchenden Atem, wusste, dass er selbst Gefahr lief, auf dem glatten Marmor wegzurutschen und mit ihr in die Tiefe gerissen zu werden. Seine Zähne knirschten hörbar aufeinander, aber er war wirklich sehr stark und zog sie immer höher, bis sie plötzlich mit der anderen Hand die Kante des Loches zu fassen bekam und mithelfen konnte. Ein letzter Ruck an ihrem in Mitleidenschaft gezogenen Schultergelenk und der Prinz zog sie mit letzter Kraft gänzlich auf den festen Boden und zu sich hinauf.
Völlig erschöpft blieb er schwer atmend einfach auf dem Boden liegen, ohne die noch immer entsetzte Kaïtara loszulassen, als könne er sie auch jetzt noch verlieren. Doch er spürte ihren vor Erleichterung unter Tränen zuckenden und zitternden Körper neben sich und war beruhigt. Noch immer konnte er nicht fassen, was da eben geschehen war, doch kaum, dass er sich etwas erholt hatte, setzte er sich auf und zog das Mädchen in seine Arme, strich ihr tröstend über das Haar und wischte ihr mit einem Finger die Tränen weg. Ganz fest hielt er sie und war sich sicher, dass er sie liebte, wie er noch nie zuvor ein Mädchen oder eine andere Frau geliebt hatte. Kaïtara hatte sein Herz im Sturm erobert. Die Angst, sie in diesem schrecklichen Moment zu verlieren, hatte es ihm bewiesen. Doch noch wollte er sich diese Tatsache selbst nicht eingestehen, denn immerhin war sie keine Elfe, sie gehörte nicht zu seinem Volk!
Nach einiger Zeit wagte er es, sie anzusprechen, da er fühlte, dass sie sich wieder beruhigt hatte, indem er fragte: „Hast du dich verletzt? Geht es wieder, Kari?“
Mit ihren verweinten Augen sah sie ihn an und nickte heftig. In ihrem Blick lagen dabei das große Vertrauen und jetzt auch ihre Dankbarkeit, die sie ihm entgegenbrachte. Vorsichtig stand er auf und zog sie mit sich hoch, ohne der Stelle am Boden zu nahe zu kommen, wo sie beide fast das Verhängnis ereilt hätte. Doch jetzt sah der Marmorboden wieder genauso aus wie zuvor, nichts deutete mehr auf das schreckliche Geheimnis hin, das sich darunter verbarg. Da er bei dem Sturz auf den harten Boden nicht nur recht heftig auf die linke Hüfte gefallen war, sondern auch seinen Gehstock verloren hatte, der in das gefräßig wirkende Loch geschlittert war, stand er etwas unsicher auf seinen Beinen. Trotzdem drückte er ihren zitternden Körper an sich, da Kaïtara es kaum wagte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Zu groß war ihre Angst, dass sich erneut das Loch unter ihren Füßen auftun würde. Da er sie aber auch nicht stehen lassen wollte, packte er einfach zu und nahm sie auf seine Arme. Sofort schlang sie ihre Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn. Noch immer erbebte ihr Körper unter heftigem Schluchzen.
So trat er schließlich mit seiner süßen Last zwei Schritte zur Seite und wollte sie dort wieder auf den Boden stellen. Doch da er ihren erschrockenen Blick bemerkte, erklärte er rasch: „Ich glaube, ich weiß, was hier geschehen ist. Und es ist mir jetzt auch klar, wieso mein Vater so plötzlich verschwunden ist. Komm!“
„Nein! Nicht!“
Sie hatte eine panische Angst davor, noch einmal diesen Boden zu betreten.
„Vertraue mir“, flüsterte er leise, „ich weiß, was ich tue.“
Fest schlang sie ihre Arme um seinen Hals, während er die bewusste Stelle umrundete und sich dabei so weit wie nur möglich an der Wand hielt. Erst an dem wuchtigen Schreibtisch setzte er sie einfach auf einer freien Fläche wieder ab.
„Ich glaube, dass der Boden hier magisch verändert worden ist, um meinen Vater entführen zu können. Schau her!“
Er ergriff das Tintenfass und zielte auf die bewusste Stelle am Boden, doch Kaïtara wollte ihn daran hindern.
„Nicht doch, du wirst den ganzen schönen Marmor verschmieren. Das geht doch nicht mehr weg!“
„Lass mich nur!“
Dann warf er das Fässchen kraftvoll auf die veränderte Stelle, doch anstatt dort aufzuschlagen und seinen Inhalt über den Marmor zu ergießen, verschwand es einfach, schien von dem Boden einfach aufgesaugt zu werden. Entgeistert hatte sie den Vorgang verfolgt und sah ihn verständnislos an.
„Mein Vetter ist anscheinend noch niederträchtiger gewesen, als ich bisher geglaubt habe“, erklärte er mit rauer Stimme. „Er wusste, dass mein Vater immer wieder gerne vor diesem Gemälde gestanden hat, um die Frau zu betrachten, die das Schicksal von seiner Seite gerissen hat. Er muss einen Magier beauftragt haben, der wahrscheinlich nur als Bittsteller gekommen ist und damit diesen Raum betreten konnte, um den Boden zu manipulieren. Und als mein Vater später vor das Bild trat, hat sich der Boden geöffnet und ihn in die Tiefe der alten Gewölbe gerissen. Deshalb haben wir ihn nicht finden können!
Und wenn ich recht vermute, hat man ihm, weil er bei dem Sturz nicht umgekommen ist, sondern nur verletzt wurde, deshalb auch noch geköpft, um das Ziel zu erreichen.“
Nicht nur seiner Stimme war anzumerken, wie sehr ihn diese Erkenntnis auch jetzt noch mitnahm. Kaïtara sah es auch seinem Gesicht an. Selbst als man ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters überbracht hatte, war er ihr nicht so niedergeschlagen und entsetzt vorgekommen, wie das in diesem Moment der Fall war.
„Dein Vater hat von Anfang an recht gehabt, als er mich davor gewarnt hat, dass die Feinde hier von innen zuschlagen könnten. Ich wollte es nicht wahrhaben und hätte doch besser auf ihn hören sollen. Aber ich habe es nicht getan, und beinahe wäre es auch für dich zu spät gewesen!“
Betrübt ließ er den Kopf hängen, sodass sie sich jetzt verpflichtet sah, ihm wieder Mut zu machen, die Hand hob und sacht seine Wange berührte. Überrascht wandte er ihr den Blick zu und konnte kaum begreifen, was sie dann zu ihm sagte.
„Du hast mich gerettet, Aviyan. Du warst da, als ich dich am nötigsten gebraucht habe. Nur das zählt im Hier und Jetzt! Mache dir bitte keine Vorwürfe. Du konntest weder etwas tun, um deine Mutter, noch um deinen Vater zu retten, aber du bist für mich da gewesen!“
Aviyan schaute in ihre ehrlich blickenden braunen Augen, die ihm vom ersten Moment an so gut gefallen hatten, und zog sie ganz fest in seine Arme. Er musste sie jetzt einfach küssen, und sie genoss es mit geschlossenen Augen, gab sich dabei ganz dem wundervollen Gefühl der Zuneigung zu ihm hin. Erst nach einer ganzen Zeit lösten sie sich wieder wortlos voneinander, er hob sie erneut hoch und trug sie vorsichtig an der Wand entlang. Erst auf dem Flur setzte er sie ab, verschloss sorgfältig die Tür und ließ später eine Wache davor Posten beziehen. Niemand sollte diesen Raum betreten und in Gefahr kommen können, bevor nicht dieser magische Zauber wieder aufgehoben worden war.
„Es tut mir sehr leid, Kaïtara, dass dieser Tag mit einem solch schlimmen Erlebnis für dich enden musste, aber du wirst sicher verstehen, dass ich jetzt erst einmal einige Dinge in die Wege leiten muss, nicht wahr? Aber ich werde dir nach dem Dinner gerne noch einen Wunsch erfüllen, sofern es in meiner Macht steht.“
Natürlich verstand sie ihn, wandte sich ihm hastig zu und fragte: „Könntest du mir heute nicht noch die Ställe mit den Pferden zeigen? Ach bitte, bring mich doch dort hin!“
Der Prinz hätte ihr nie und nimmer einen Wunsch abschlagen können, außerdem hatte er es versprochen, sodass er auch sogleich lächelnd zustimmte: „Gut, nach dem Essen gehen wir in die Ställe.“
Galant bot er ihr seinen Arm und geleitete sie zu ihrem Zimmer, wo er sich nur schweren Herzens von ihr verabschiedete.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-95840-149-5
Erscheinungsdatum: 16.06.2016
EUR 16,90
EUR 10,99

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