Science Fiction & Fantasy

Olivia Endless

A. B. West

Olivia Endless

Die Prophezeiung

Leseprobe:

Prolog

Tal der Sehnsucht, 1995.




Er stand mitten im Urwald. Mit einer Schaufel in der Hand grub er ein Loch. Neben ihm weilte seine Dienerin. Schwarze Knopfaugen verzierten ihr schmales Gesicht. Er war der Herrscher des Tals der Sehnsucht. Ein junger, aber dennoch weiser Mann. Mittlerweile regierte er seit 81 Jahren. Eine lange Zeit. Allerdings nicht für ihn.
Als die Grube endlich groß genug war, nahmen seine Dienerin und er eine Kiste. Noch bevor sie diese in die Grube stellten, sperrte seine Dienerin das Schloss dreimal ab und warf den Schlüssel sicherheitshalber in den Wald. Niemand sollte etwas davon mitbekommen. Also dachte sie, wenn der Schlüssel im Wald läge, würde es keine Menschenseele wagen, ihn zu suchen. Behutsam stellten sie die Kiste in das Erdloch.
„Sind Sie sich sicher?“, fragte sie.
„Ja, niemand darf an diese Fakten kommen. Wenn es jedoch passieren sollte …“
Unsicher blickte sie in den Himmel. Hier im Tal der Sehnsucht konnte man in der Nacht die ganze Galaxie sehen. Es war für sie jedes Mal erneut atemberaubend schön.
„Ihr wolltet immer die Macht über das ganze Tal und über die Welt der anderen. Jetzt etwa nicht mehr?“, fragte sie ihren König und bangte.
„Es wird immer meine größte Begierde sein, das ganze Tal, die ganze Welt der anderen zu erobern. Doch jetzt sind meine Prioritäten dem Mädchen gewidmet. Wir müssen es überwältigen!“
Diese Machtworte brachten die Dienerin zum Schaudern. Ohne ein weiteres Wort nahm sie ihm die Schaufel aus der Hand und schüttete die Erde retour in das Loch.
Als sie fertig war, ließ sie den Spaten zu Boden fallen. Beide drehten sich um und kämpften sich zurück durch den dichten Urwald, zum Palast, wo sie beide wohnten. Die Dienerin musste kurz daran denken, wie sie das Gift eines Vampirs getrunken hatte, um für immer bei ihrem König bleiben zu können. Da er blaublütig war, was bedeutete, er würde ein ungewöhnlich langes Leben führen, wollte sie nicht vor ihm alt und schrumpelig werden. Sie wollte es gar nicht …
Plötzlich raschelte etwas im Gebüsch, was sie aus ihren Gedanken riss.
Sie sah jemanden: einen Mann mit einem schwarzen Anzug. Er hatte eine Taschenuhr bei sich. Und hielt den Schlüssel, den sie soeben in den Wald geworfen hatte, in einer seiner Hände. Da rannte sie los. Direkt zu dem lauernden Mann, der soeben versuchte zu entkommen. Eine Zeitlang war sie ihm dicht auf den Fersen, aber als sich der Beobachter in Luft auflöste, war es zu spät. Goldener Sternenstaub flog durch die Luft und blitzte leicht, wenn der Mondschein ihn traf.
Eine Person mehr, die von dem Geheimnis wusste.
Er fluchte und schrie darauf seine Dienerin an: „Hättest du besser aufgepasst, müssten wir jetzt nicht immer auf der Hut sein!“
„Der Mann weiß nichts. Außer einer Kiste hat er nichts gesehen“, erwiderte sie.
„Aber er hat den Schlüssel“, fauchte er.
Damit hatte er recht. Doch würde dieser Mann diesen Ort je wiederfinden? Der Wald sah überall gleich aus.
„Wir müssen darauf Acht geben, dass nie eine Person diesen Weg betritt“, meinte der König mit seiner tiefen und herrischen Stimme.
Sie nickte ihm zu und schaute in seine grauen Augen. Sie hatten schon so vieles gesehen, was sie nicht gesehen haben sollten. Da er, seit er vierzehn war, der König eines ganzen Reiches war, musste er viele Opfer bringen. Und bei deren Folterungen war er leider Gottes jedes Mal dabei.
„Überlege dir etwas, Weib!“, schrie er sie an.
Sie nickte wieder. „Ja, Mylord!“ Er war ihr Meister, deshalb ließ sie sich seinen Tonfall auch gefallen. Wäre er nur ein normaler Bürger gewesen, würde er nun im Kerker schmoren, wenn er sie so angefaucht hätte. Auch sie hatte Macht, obwohl sie nur die Dienerin des Königs war.
Dahinter steckte jedoch mehr, als man glauben mochte …
„Und wegen meiner Prophezeiung lass dir auch was einfallen! Vielleicht habe ich nicht mehr so viel Zeit.“
Sie sah ihn bedächtig an und nickte.
Achtsam wanderten sie zurück zum Palast. Beide hofften, dass niemand Wind davon bekommen würde, was sie so tief im Dschungel getan hatten.
Eigentlich sollte man diesen überhaupt nicht betreten, da dort viele Gefahren lauerten. Die Rede war von Phönixen und Greifen und Gott weiß was noch. Das Tal der Sehnsucht war überall sehr gefährlich. Trotzdem gab es mehrere Dörfer, in denen die Übernatürlichen lebten. Diese wagten es auch in den gruseligen Hain. Ihnen blieb nichts anderes übrig, da sie aus dem Königreich verbannt wurden. Doch dies ist eine andere Geschichte. Die Geschichte des ehemaligen Herrschers.
Die Dienerin dachte noch lange darüber nach, wie sie ihr Geheimnis verbergen konnte.

Doch was der Beobachter wirklich mitbekommen hatte, barg fatale Folgen für den König.
Und die Frage war: Wer war der rechtmäßige Beschützer dieses Geheimnisses?










1. Kapitel




Ich starrte auf die Uhr, die im Klassenzimmer über der Tafel hing. Es waren nur mehr ein paar Minuten, dann fingen endlich die Sommerferien an. Mrs. Jones, unsere Klassenlehrerin, teilte die Zeugnisse aus.
Bei mir blieb sie stehen, blickte mir tief in die Augen und sagte: „Sehr gut, Olivia! Wieder nur As! Das Stipendium für Oxford ist dir jetzt schon sicher.“ Mit einem Lächeln im Gesicht ging sie weiter und teilte meinen Mitschülern ebenfalls ihre Zeugnisse aus.
Jedes Jahr machte sie so ein Trara. Ich bemühte mich einfach. Nicht, dass ich eine Streberin wäre. Nein, eigentlich war ich nur ein Naturtalent, zumindest behauptete das meine beste Freundin Chris.
Wir waren, seit ich denken kann, beste Freundinnen.
Als die Glocke endlich ertönte und die Lehrerin sagte „Habt schöne Ferien“, stürmten Chris und ich als Erstes zur Tür hinaus. Die stickige Luft im Klassenzimmer war erdrückend heiß gewesen.
An dem Tag war nicht nur der letzte Schultag, sondern auch mein Geburtstag. Ich wurde um exakt 11:23 Uhr siebzehn Jahre alt.
Alle Klassenzimmer waren geöffnet, und Scharen an Schülern stürmten in die Aula. Die Gänge waren zum Bersten voll, sodass Chris und ich uns durch die Menge schmuggeln mussten, um an unsere Spinde zu gelangen. Links und rechts flogen immer wieder ein paar Zettel in der Luft herum, und ein Basketball wurde herumgespielt.
Das waren wir alle gewohnt. Jedes Jahr musste man aufpassen, dass man am letzten Schultag nicht von irgendeinem Geschoss getroffen wurde.
„Na, wie hat Ihnen das Schuljahr gefallen, Miss Endless?“, fragte mich Chris neckend.
„Es war recht amüsant“, antwortete ich meiner besten Freundin mit hochnäsiger Stimme. „Und Ihnen, Miss Coleman?“, erwiderte ich ihre Frage.
Chris’ Familie kam aus Nordamerika, und sie wohnten nun schon seit zwei Generationen in England. Chris’ Mom, Dr.?Coleman, war eine erfolgreiche Ärztin und eine gute Freundin meiner Mom. Sie lernten sich in dem Vorbereitungskurs für werdende Mütter kennen.
Chris war für mich wie eine Schwester. Wir teilten jedes Geheimnis, jede Sorge, und wir mochten sogar dieselben Bücher. Meistens gingen wir nach der Schule in die Bibliothek und „lasen“ dort.
Das dachten zumindest die Lehrer. Eigentlich taten wir genau das Gegenteil davon, was man in einer Bücherei machen sollte - wir tratschen. Oft redeten wir über Jungs. Also über die Jungs von Chris. Ich hatte noch nie einen Freund.
Anscheinend standen Jungs wirklich auf Blondinen. Denn Chris war durch und durch eine. Aber eine sehr schlaue, musste man zugeben.
Sie war ein typischer amerikanischer Teenager - blond, groß, schlank, und sie hatte eine große Oberweite.
Alles, was ich nicht hatte. Na ja, fast. Schlank war ich schon, ich hatte aber weder blondes Haar noch einen großen Busen - jedoch für eine Ex-Ballerina schon. Und meine 1,62 Meter konnte man nicht gerade groß nennen.
Chris meinte immer, ich sei wunderschön und glich einer Waldelfe mit meinen langen roten Haaren, meiner zarten Statur und der sommersprossenlosen Haut.
Doch ich sah das nicht so.
Und meine Mitschüler sahen diese Waldelfe auch nicht.
Wir standen an unseren Spinden und räumten diese aus. Auf einmal hörte ich schallendes Gelächter ein paar Spinde weiter den Flur hinauf.
Ein Schüler hatte seinen geöffnet, und ekliger grüner Schleim spritze ihm ins Gesicht. Die Schüler, die ihm diesen Streich gespielt hatten - es waren drei Jungs aus dem Basketballteam -, lachten ihn jetzt aus.
Nun gesellten sich drei Mädchen zu den Jungs aus dem Basketballteam dazu. Es waren Hailey und ihre Freundinnen - die Zicken der Schule. Hailey war die Freundin des Basketballcaptains und fühlte sich deshalb wie die zweite Queen von England.
„Solche Idioten!“, hörte ich Chris sagen.
Ich schmunzelte.
„Was, stimmt doch?“, meinte sie und schmiss ihren Spind zu. Ich tat es ihr gleich.
Schnell stopfte ich meine Schulbücher in meine Handtasche.
„Also, wäre ich sie, würde ich mich nicht so aufführen“, erklärte Chris und musterte Haileys wippenden Gang. Ihre Hüfte drohte ja beinahe zu brechen, würde sie sie noch ein wenig mehr nach links und rechts schwingen.
„Ach, würdest du?“, fragte ich sarkastisch.
Dann gingen wir zum Ausgang. Zum Glück waren die meisten Schüler schon gegangen, also hatten wir mehr Platz als zuvor.
„Hätte ich mir doch nur andere Schuhe angezogen!“, beklagte sich Chris über ihre High Heels.
„Hab ich dir doch gesagt. Nur weil heute der letzte Schultag ist, heißt das nicht, dass du dir solche Todes-Dinger anziehen musstest“, erwiderte ich.
„Wer sagt, dass ich sie für den letzten Schultag angezogen habe?“, meinte Chris und starrte hinter sich.
Schnell drehte ich mich auch um. Da stand ein braunhaariger Typ, der ebenfalls im Basketballteam war.
Vermutete ich zumindest.
„Nicht dein Ernst?“, fragte ich ungläubig. „Ich will nicht, dass du auch so wirst wie eine von diesen … Bitches.“ Das letzte Wort zischte ich nur mehr, so verabscheute ich Haileys Clique. Sie waren so … unterbelichtet.
„Hab ich nicht vor.“
Ich atmete hörbar aus. Innerlich betete ich dafür, dass sie nicht so werden würde wie die. Ich wurde - warum auch immer - von ihnen gehänselt. Egal was ich tat, sie machten sich darüber lustig. Und genauso lachten sie immer über meine verkorkste Familie.
Draußen angekommen, mussten wir noch auf meine Mom warten, die uns heute abholen sollte.
An normalen Schultagen fuhr ich mit dem Bus, da er direkt vor unserem Haus stehen blieb. Es war manchmal echt praktisch, so zentral in London ein Haus zu haben. Wir gingen zum Denkmal des Schulpatrons der First Battersea Academy (unsere Schule). Dort setzten wir uns auf den kalten Stein des Fundaments.
„Übrigens, alles Gute zum Geburtstag“, sagte Chris und lächelte mich fröhlich an.
„Danke“, erwiderte ich.
„Wir müssen diese Ferien wieder einmal Graysons Eltern besuchen“, schlug Chris vor.
„Auf jeden Fall.“ Gedankenversunken starrte ich in den strahlend blauen Himmel. Für London war es heute ziemlich warm. „Aber ich glaube, sie haben jetzt eine neue Nummer. Ich wollte sie letztens anrufen, da ist gleich die Mailbox rangegangen. Auch als ich es erneut probiert habe.“ Kurz dachte ich an meinen misslungenen Versuch, Graysons Eltern anzurufen. Sie waren sonst immer sofort ans Telefon gegangen, wenn ich sie angerufen habe.
„Na und? Das heißt gar nichts. Vielleicht …“ Chris brach ab, weil sich nun Hailey und ihre Clique zu uns gesellten.
Ich warf einen Blick auf Chris, die nicht sehr glücklich aussah. Dann beobachtete ich Hailey, wie sie ihre Haare über die Schulter warf. „Ich fliege dieses Jahr nach Barcelona! Und ihr?“, fragte sie in die Runde.
„Wir fliegen in die Schweiz“, meinte einer ihrer Freundinnen.
Hailey warf ihr einen Blick zu, der sagte: „Ich bin besser als du.“ Das hatte sie besonders gut drauf.
Dann begann sie eine ihrer braunen Haarsträhnen um ihren Finger zu zwirbeln.
„Und du, Chris?“, sagte sie herablassend. Überrascht, dass sie uns überhaupt bemerkt hatte, sahen wir sie an. „Fährst du in den Ferien weg?“
Zuerst dachte ich, Chris würde ihr nicht antworten. Aber als sie es dann doch tat, machte ich große Augen.
„Wir werden höchst wahrscheinlich einen Roadtrip durch Großbritannien machen. Es steht aber noch nicht ganz fest, ob er wirklich stattfindet“, antwortete Chris mit einem breiten Grinsen auf ihren Lippen.
„Cool!“, antwortete Hailey knapp. „Und du?“ Sie starrte mich feindselig an.
„Ich fliege mit meiner Mom nach Venedig.“ Darüber habe ich mich schon so lange gefreut. Meine Mom hielt nichts vom Reisen. Also musste ich sie ein Jahr lang dazu überreden, mit mir in den Ferien in ein anderes Land zu fliegen. Und Überraschung! Es hat sogar funktioniert.
Hailey verdrehte die Augen. Dann kam ihr Freund zu ihr und legte seinen muskulösen Arm um ihre Schulter.
„Erzähl der Roten, was wir noch machen“, forderte er sie auf. Mit der Roten war ich gemeint. Aufgrund meiner Haarfarbe nannten mich viele meiner Mitschüler so. Die Rote, Rotschopf oder Rotkäppchen.
„Wollen wir das überhaupt wissen?“, flüsterte mir Chris zu, und ich musste ein Lachen unterdrücken.
„Okay, Schatz“, sagte Hailey und schaute mich wieder feindselig an. „Mein Freund und ich fahren diesen Sommer zu meinen Verwandten nach Schottland. Sie wollen ihn unbedingt kennenlernen.“ Mit ihren langen Fingernägeln fuhr sie seine hohen Wangenknochen nach. Das erinnerte mich etwas an eine alte Katzenbesitzerin, die ihre Tiere wie Menschen behandelte. Nur hier war es umgekehrt.
Ich verdrehte genervt die Augen.
„Zwei Sachen die Olivia nicht hat: einen Freund und eine Familie“, ärgerte mich Haileys Freund.
Alle begannen schallend zu lachen. Alle außer Chris, die mich verteidigte: „Warum zieht ihr sie damit auf? Kann es euch nicht egal sein, ihr blöden, charakterlosen Vollpfosten?“
Ich musste Chris regelrecht wegziehen. Sonst wäre sie noch auf Hailey oder ihren Möchtegern-Freund losgegangen und hätte sie mit bloßen Händen erwürgt. Gemächlich ging ich auf das rote Auto zu, das neben dem Schulgelände parkte. Chris im Schlepptau. „Gut, dass wir die jetzt los sind“, lachte sie. Über diese nett gemeinte Aussage musste ich ebenfalls schmunzeln.
Ich öffnete die Tür des Autos meiner Mutter und stieg ein.
„Alles Gute zum Geburtstag, Schätzchen!“, rief sie zu mir nach hinten auf die Rückbank. Meine Mom war eine hübsche braunhaarige Frau mit grünen Augen, die sie an mich weitergegeben hatte. Sie arbeitete bei einer Bank und trug daher immer sehr schicke Kleidung, die eigentlich überhaupt nicht zu ihr passte. Chris sagte daher immer, sie sei eine Hippie-Braut, gefangen in schicker Kleidung. Meine Mom war, genauso wie ich, nicht besonders groß. Aber trotzdem, sie war ein paar Zentimeter größer als ich. Dann schaltete sie das Radio aus, das vorhin noch so laut spielte, dass man fast schreien musste, um sich zu verständigen.
„Danke!“, rief ich laut zurück, obwohl die Musik nicht mehr zu hören war.
Noch immer bedrückt wegen Haileys Freund, starrte ich auf die Fußmatte im Auto. Warum waren die immer so fies?
„Was ist denn, Mäuschen?“, fragte meine Mutter besorgt.
„Nichts“, antwortete ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sie wurde wieder geärgert“, verpetzte mich Chris.
Ich schaute sie mit einem eisigen Blick an.
„Wieder, weil du noch keinen Freund hattest? Schätzchen, du musst wissen, es ist nicht das Wichtigste im Leben, einen Partner zu haben. Schau mich an. Ich komm ohne genauso gut aus“, versuchte mich meine Mom aufzumuntern. Jedoch scheiterte sie.
„Es würde dir sehr wohl gut tun, wenn du in einer Beziehung wärst, Mom“, fuhr ich sie an. „Du bist ziemlich … verrückt.“
Es störte mich immer, wenn sie sich in meine Angelegenheiten einmischte. Sollen die mich einfach nerven. Ich ignoriere es lieber, als mich zu fügen.
Glücklicherweise war ich kein Mobbingopfer wie solche Nerds wie Pickel-Paul.
Nein, ich wurde nur ab und zu gehänselt, weil ich nie meine Verwandten kennengelernt hatte. Außerdem hatte ich keinen Vater, und das wussten alle aus meiner Schule.
Anscheinend war man nur „cool“, wenn man Familie hatte.
Also eigentlich hatte ich ja auch Familie. Meine Mom, meinen Kater Simon und Chris. Wir wohnten in der Chelsea Street in einem Backsteinhaus. Jedoch ohne Chris. Die wohnte bei ihren Eltern in Mayfair in einem der noblen Häuser. Unseres hingegen war … na ja, mäßig.
„Was noch?“, erkundigte sich meine Mom bei Chris.
„Nichts“, schaltete ich dazwischen.
„Sie haben sie wieder wegen ihrer Familie aufgezogen“, beantwortete Chris die Frage.
Plötzlich wurde meine Mom ernst.
Sie schaute mich über den Rückspiegel an.
„Schweine“, zischte sie. Meine Mom konnte es nicht leiden, wenn andere Leute über unsere Familie redeten. Und noch weniger konnte sie Leute leiden, die sich darüber lustig machten, dass wir kein besonders gutes Verhältnis zu unseren Verwandten hatten. Oder besser gesagt: kein Verhältnis.
Es wirkte noch etwas länger so, als stünde das Auto unter Strom. Doch als wir uns Geschichten über das vergangene Schuljahr erzählten, lockerte sie sich.
Nach rund einer Viertelstunde im Londoner Verkehr kamen wir an unserem kleinen Reihenhaus an. Es war nicht besonders prächtig, aber ich hatte es trotzdem gerne.
Chris stieß mich förmlich aus dem Auto, und wir rannten zur Tür. Meine Mutter öffnete sie, und der Geruch von verbrannter Schokotorte stieg mir in die Nase.
Eine gute Köchin war meine Mutter noch nie gewesen, aber eine wunderbare Party-Veranstalterin. Jedes Jahr machte sie eine Feier zu meinem Geburtstag, nur mit mir, Chris und ihr. Und natürlich Simon, unserem schwarzen Kater.
Chris und meine Mom gingen schon vor in die Küche, um die Kerzen anzuzünden.
Langsam kam ich nach. Da hörte ich auch schon meinen Zweimann-Chor Happy Birthday singen. Ihr Gesang war ein bisschen schief, aber doch sehr süß. Ich sah auf dem gedeckten Tisch ein Päckchen liegen. Es war in einem pinken, mit blauen Blumen verzierten Papier verpackt.
„Danke, das wäre doch nicht nötig gewesen“, sagte ich und dachte mir: Na ja, eigentlich schon, aber ich will bescheiden klingen. Was auch so rüberkam, denn meine beiden Partyfeen antworteten: „Doch, das war es. Für dich auf jeden Fall.“
Nachdem wir den etwas verbrannten Kuchen gegessen hatten, machte ich mich an mein Päckchen. Fragend schaute ich meine Mutter an, ob ich es öffnen dürfte. Sie nickte zustimmend, und ich riss das Papier von dem Geschenk. Darunter kam eine Schmuckdose zum Vorschein.
Vorsichtig machte ich diese ebenfalls auf, und da war sie: eine kleine goldene Kette mit einem filigranen Schlüssel als Anhänger. Ich legte meine Haare über meine Schulter, und Chris stand auf, um mir die Kette um den Hals zu legen.
„Das war einmal meine“, sagte meine Mutter und kämpfte mit den Tränen, „und davor gehörte sie meiner Mutter. Dad hat sie ihr einmal geschenkt.“ Kurz seufzte sie. „Ich bin so stolz auf dich.“
Sie strich sich eine Träne aus dem Auge. Simon kam in das Esszimmer und hüpfte auf meinen Schoß. Ich fing an ihn zu streicheln.
Ich spürte das Schnurren an meinem Bauch. Zögernd stand meine Mutter auf. Nervös ging sie auf und ab und legte sich ihre Hand auf die Stirn.
„Olivia, wir können dieses Jahr nicht nach Venedig fliegen.“ Sie setzte sich wieder hin und griff nach einer Serviette und putzte sich die Nase.
„Warum? Ist was dazwischengekommen?“
„Hm, ja. So könnte man das auch nennen.“
Hilfesuchend schaute ich zu Chris.
Doch diese zuckte nur mit den Schultern.
„Du fährst diese Ferien zu deinen Verwandten“, sagte Mom schnell und schmerzlos, so wie man ein Pflaster abriss.
„Warte, was?“ Geschockt starrte ich sie an.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 394
ISBN: 978-3-99064-277-1
Erscheinungsdatum: 22.05.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 18,90
EUR 11,99

Sommer-Tipps