Science Fiction & Fantasy

Magisches Vermächtnis

C. S. Rinke

Magisches Vermächtnis

Leseprobe:

Prolog

Der unerwartet starke Novemberregen barg an diesem Abend eine weitere Überraschung, als er sich von einer Sekunde zur nächsten in einen orkanartigen Gewittersturm auswuchs. Donner grollte, Blitze illuminierten den pechschwarzen Himmel. Regen peitschte an die Fenster. Die Welt schien im Sturm zu versinken.
Ohne Vorwarnung schwang die massive Holztür der Wirtschaftskammer auf. Der Sturm fegte ins Innere des Raumes, ließ alles Lose in heillosem Chaos durch die Lüfte tanzen. Erschrocken klammerte sich die zierliche Gestalt an den Tisch, vor welchem sie saß. Vorsichtig wandte sie den Kopf in Richtung Eingang und wünschte sich augenblicklich es nicht getan zu haben.
Dort stand er. Eine schwarze Silhouette, unbeweglich verankert im Türrahmen. Hinter ihm tobte das schlimmste Gewitter des Jahrhunderts, und vor ihm … saß sie.
Mit einem Schlag schien die Zeit stillzustehen. Einzig die Tropfen seiner triefend nassen Kleidung hallten bedrohlich durch den Raum, als sie Kanonenkugeln gleich auf dem Boden aufknallten. Sonst herrschte Grabesstille. Selbst das Gewitter verstummte zu einer geräuschlosen Kulisse. Kein Laut war mehr zu hören. Kein Atemzug. Nichts. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, ehe er sich schließlich rührte. Langsam, unglaublich langsam kam er nun auf sie zu.
„Wo sind sie?“ Er sprach so leise, dass seine Worte trotz der plötzlichen Stille um sie herum kaum zu hören waren.
„Herr, selbst wenn ich wüsste, nach wem Ihr sucht, könnte ich Euch nicht sagen, wo Ihr beginnen solltet.“ Ihre Stimme klang auf seltsame Weise angsterfüllt und fest zugleich. Doch vor allem klangen die Worte aus ihrem Munde so unglaublich fremd!
„Wage es nicht, mich zum Narren zu halten, elende Hexe!“ Die Ruhe, mit der er sprach, war weit bedrohlicher als die Tatsache, dass sie keine zwei Meter mehr voneinander trennten. „Und zwing mich lieber nicht, mich zu wiederholen.“
„Aber Herr, Ihr müsst mir glauben …“ Blut spritzte aus ihrem Mund, als seine Hand einem Hammer gleich auf ihr zartes Gesicht traf.
„Antworte, wenn dir dein jämmerliches Leben lieb ist. Wo ist meine Frau?“ Wie eiskalter Winterfrost trafen seine Worte an ihr Ohr. „Wo ist mein Kind?“
Eine Sekunde lang schien es, als bewegten sich ihre Lippen, doch kein Ton kam aus ihrem Mund. Er blickte ein letztes Mal in ihre vor Angst geweiteten Augen, als doch noch ein klägliches Flüstern über ihre Lippen huschte.
„Nein, nicht. Bitte.“
Das waren nicht die Worte, die er hören wollte. So entschied er, die Sache hier und jetzt zu beenden. Mit nur einer einzigen Handbewegung trennte er scheinbar mühelos ihren Kopf von den Schultern. Mit einem dumpfen Knall traf dieser auf den Fußboden und rollte vor seine Beine. Doch waren es nicht länger die Augen dieser vermaledeiten Magd, die nun leblos zu ihm aufblickten.
Mit einem Mal geriet die Welt um ihn herum aus den Fugen, während der Tod die Oberhand über den Zauber gewann – und den fatalen Irrtum offenbarte. Also hatte sie ihn erneut getäuscht. Hatte ihn mit ihrer Magie hinterhältig ausgetrickst. Oh, er hätte es wissen müssen! Doch diesmal war sie endgültig zu weit gegangen. Mit diesem letzten, niederträchtigen Akt des Verrates hatte sie ihr Todesurteil unumgänglich besiegelt.
Zerrissenen Herzens sah er ein letztes Mal in die toten Augen seiner Liebsten. „Bei deinem Blut schwöre ich“, murmelte er zu sich selbst, „diese verwunschene Hexe wird kein weiteres Leid mehr über uns bringen!“
Ihr Kopf wird der meine sein – selbst wenn es bis in alle Ewigkeit dauert!


Kapitel 1

Die Gegenwart

Es ist eine tiefschwarze Nacht. Schwärzer noch, als man sich in seinen finstersten Träumen vorstellen kann. Der steinharte Boden fühlt sich kalt und nass an. Die Luft riecht nach Regen. Und nach morschem Holz. Nach feuchtem Laub. Und nach … Blut. Dann, plötzlich, taucht wie aus dem Nichts ein Gesicht auf. Nein, diesen entstellten Klumpen Fleisch als Gesicht zu bezeichnen wäre wirklich zu viel des Guten. Es ist eine Fratze. Die hässlichste, die er je gesehen hat. Und sie beugt sich über ihn. Sieht ihm in die Augen. Grinst ihn mit ihrem schiefen Mund an. Ihr Anblick allein ist schon Furcht einflößend, doch nun kann er auch noch ihren fauligen Atem riechen. Etwas tropft in sein Gesicht. Rinnt über seine Nase zu seinen Lippen, findet den Weg in seinen Mund. Der Reflex des Schluckens ist nicht zu unterdrücken. Und was er schmeckt ist … Blut!
Mit wild pochendem Herzen fuhr er in die Höhe. Er griff sich mit der Hand an die kalte Stirn, ließ die Finger durch seine schweißgetränkten Haare gleiten.
Verdammt noch eins!
Wie oft hatte er diesen Traum nun schon geträumt? Wie viele Jahrzehnte, Jahrhunderte, verfolgten ihn Episoden wie diese nun schon? Und noch immer versetzten ihn diese zugegebenermaßen extrem realen Traumbilder in Angst und Schrecken?
Frustriert setzte er sich auf. Herrgott nochmal! Er war doch wirklich kein kleiner Junge mehr, also was sollte das Ganze? Wie um alles in der Welt konnte sich ein erwachsener Mann, noch dazu von seiner Größe und Statur, durch einen lächerlichen Traum geradezu verängstigen lassen? Ja, auch diese Frage stellte er sich nicht zum ersten Mal – und wie immer blieb sie auch diesmal unbeantwortet.
Resigniert sank er zurück auf das Sofa. Was hatte er nicht schon alles versucht, um diesen Albtraum zu ergründen! Denn, und dessen war er sich sicher, diese grauenvollen Bilder suchten ihn nicht grundlos heim. Doch er konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Nichts aus seiner Vergangenheit enthielt Hinweise, die Rückschlüsse auf seinen Albtraum zuließen. Und diesen verdammten Traum hatte er, seit er denken konnte!
Also musste es mit seiner frühesten Kindheit zu tun haben. Womöglich verdankte er diesen beständig wiederkehrenden Horror einem Trauma bei seiner Geburt? Zumindest kamen die über die Jahrzehnte hinweg konsultierten Psychiater, Psychologen und Traumdeuter allesamt zu diesem Schluss. Nicht dass er tatsächlich an deren Schabernack geglaubt hätte. Aber wie schon gesagt, er hatte wirklich nichts unversucht gelassen. Was konnte es auch schon schaden, sich die Sichtweise eines anderen, Fremden, völlig Unbeteiligten zunutze zu machen? Vielleicht hätte ihm eine dieser Personen ja tatsächlich etwas vor Augen führen können, dessen er selbst all die Jahre hindurch blind gegenüber war. Doch dem war natürlich nicht so. Kindheitstrauma. Geburtsschock. Tja, zu diesen Themen konnte er nur leider niemanden mehr befragen!
Erschöpft stemmte er sich aus dem Sofa, schleppte sich ins angrenzende Bad, drehte den Wasserhahn auf und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Das eisige Nass und ein paar tiefe Atemzüge ließen ihn augenblicklich ruhiger werden. Nein, nicht ruhig. Klar. Fokussiert. Ja, das war der Mann, der er wirklich war. Er stützte sich mit den Händen auf den Waschtisch und richtete sich auf, gerade soweit, dass er sich im Spiegel betrachten konnte.
Ja, verdammt noch mal, das ist es, was du bist! Also reiß dich zusammen. Aug’ in Aug’ mit seinem Spiegelbild versuchte er das anzuwenden, was man ihm vor langer, langer Zeit eingebläut hatte: Ein klarer Verstand verliert nie den Fokus auf sein Ziel! Und was war sein Ziel? Die Ursache dieses Albtraums zu finden und ein für alle Mal zu eliminieren! Dann würde sein verkorkstes Leben zumindest um einen Fluch leichter sein!
Also Ruben, wer bist du?
Wie erwartet gab ihm sein Spiegelbild nicht die gewünschte Antwort. Demnach musste er es wohl oder übel alleine herausfinden. Er drehte den Wasserhahn zu, trocknete sich Gesicht und Hände und betrachtete sich von Neuem. Wer bin ich?
Nun, sein Name war Ruben Jakobsson, soviel stand fest. Doch wie war er zu diesem Namen gekommen? Es gab weder Vater noch Mutter, die zu diesem Umstand befragt werden konnten – hatte es auch nie gegeben.
Kindheitstrauma. Geburtsschock.
Immer wieder kehrten diese Worte in sein Bewusstsein zurück. Was war damals geschehen? Was versuchte sein Innerstes zu verbergen? Er betrachtete die Schweißperlen, die sich erneut auf seiner Haut bildeten. Ließ den Blick schweifen. Der Spiegel offenbarte ihm auch die Aussicht aus dem Fenster hinter ihm. Die Aussicht auf eine mondhelle Nacht. Sein Blick kehrte zu seinem Ebenbild zurück. Nun, was sein Innerstes nicht verbarg, war eindeutig. Doch es musste noch etwas anderes geben. Frustriert sah er sich an. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten war sein Haar klatschnass.
Nur dass diesmal alles Eiswasser der Welt nicht reichen würde, um dich abzukühlen!
Seine Haut begann bereits zu glühen. Bald würde er sich fühlen wie ein Luftballon kurz vor dem Platzen. Doch diese Zeit konnte durchaus sinnvoll genutzt werden.
„Also Ruben Jakobsson, woher kommst du wirklich?“
Die Frage laut auszusprechen änderte natürlich rein gar nichts. Doch es gab ihm das Gefühl von Gesellschaft – nicht dass es in seiner momentanen Situation ratsam gewesen wäre, jemanden in seiner Nähe zu haben. Nein, es gab ihm eher das Gefühl, sein Leid mit jemandem zu teilen – was tatsächlich sogar der Wahrheit am nächsten kam. Nur dass sein Leidenspartner die Situation wohl eher als Befreiung betrachtete. Aber selbst damit hatte er zu leben gelernt!
Also, zurück zum Anfang. Woran konnte er sich erinnern? Nun, genau genommen an gar nichts. Alles, was er über seine ersten Lebensjahre wusste, wusste er von den Mönchen. Und er musste darauf vertrauen, dass sie ihn nie angelogen hatten. Doch nach allem, was sie für ihn getan hatten, waren sie so gut wie über jeden Zweifel erhaben. Ja, diese treuen Seelen hatten sogar in seiner schwärzesten Stunde noch zu ihm gestanden. Hätten sie etwas über seine Herkunft gewusst, sie hätten es nicht verheimlicht!
Mittlerweile glühte seine Haut dermaßen, dass der Schweiß an Ort und Stelle verdampfte. Er zwang sich ein gequältes Lächeln von den Lippen.
Was, wenn Satan höchstpersönlich dein Vater war? Du willst die Wahrheit um jeden Preis – aber bist du ihr auch gewachsen?
„Halt’s Maul!“, knurrte er sein Spiegelbild an. Sein Leidenspartner konnte es kaum noch erwarten, die Oberhand zu gewinnen, doch noch musste er sich in Geduld üben. Noch hatte Ruben die Macht über diesen Körper, und er wollte noch einige Antworten, ehe er sich geschlagen gab. Also zwang er seine Gedanken in eine lang, lang vergangene Zeit. Versuchte sich zu erinnern, was ihm die Mönche erzählt hatten, über den Tag, an dem sie ihn einst fanden. Es war in der Tat eine halbe Ewigkeit her. Ruben hatte diese Geschichte so oft gehört, sich ausgemalt, wie es gewesen sein mochte, dass die farbenfrohen Bilder seiner kindlichen Fantasie prompt in sein Gedächtnis zurückkehrten. Die Sonne schien so unermüdlich und doch vermochte sie jenen Sommertag nicht so recht zu erwärmen. Nun, auf beinahe dreitausend Metern über dem Meeresspiegel, war dies freilich nicht ungewöhnlich.
Die Mönche weilten noch nicht lange in dieser Gegend. Sie zählten acht Brüder und betrachteten sich selbst als Wandermönche. In jener Zeit war es vonseiten der Kirche zwar verpönt, sich vom Kloster loszusagen, doch stellten sich diese acht Brüder ihr Leben in Glauben und Askese anders vor, als es hinter Klostermauern zelebriert wurde. Es lag ihnen fern, sich der Häresie schuldig zu machen, sie waren ergebene Diener Gottes. Doch ein Leben in Schlichtheit und Demut stellten sie sich eben nicht so vor, wie ihre Äbte es taten. Demnach verließen sie Kloster und Heimat, um ein Leben im Einklang mit Glaube und Natur zu führen, fernab altgediegener Zwänge. Für ihre Klöster waren sie von nun an Ausgestoßene. Doch solange sie keinen Schaden anrichteten, konnte auch die Kirche mit dieser Entscheidung leben.
Wohl auch von ein wenig Abenteuerlust gepackt, führte sie ihre Reise zunächst nach Spanien, wo sie einander auch das erste Mal begegneten. Von dort aus setzten sie ihre Reise gemeinsam fort, denn alle acht wollten über den großen Ozean. Während der Überfahrt lernten sie einander besser kennen, entdeckten grundlegende Gemeinsamkeiten. Noch ehe sie das südamerikanische Festland erreicht hatten, war beschlossen, dass sie zusammenbleiben würden.
Da waren sie also, eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus aller Herren Länder, die ausgezogen war, um in der Neuen Welt ihren Frieden zu finden. Unerschrocken setzten sie ihre Reise fort. Blieben an einem Ort, wenn es etwas zu tun gab. Zogen weiter, sobald die Arbeit verrichtet war. Sie lernten fremde Kulturen kennen und fühlten sich Gott näher denn je, als sie die Anden erreichten. Welch imposantes Bergmassiv sich doch da vor ihren Augen auftat. Die Gegend hatte es ihnen angetan. So wanderten sie von Dorf zu Dorf, um die schlichte, raue Schönheit der Natur in sich aufzunehmen. Und in einem dieser Dörfer geschah es auch, dass sie noch etwas anderes aufnahmen.
Nun, jener Sommertag ließ die schroffen Felsformationen in den buntesten Farben erstrahlen. Es war das reinste Wunder der Natur, befanden die Mönche – und noch lange nicht das einzige Wunder, das ihnen an jenem Tage widerfahren sollte. Der Jahreswechsel stand beinah vor der Tür, und die Mönche hatten beschlossen sich mit einer Wanderung gen Gipfel für ihr Mühen zu belohnen. Der Tag war einfach zu schön gewesen, um ihn mit schweißtreibender Arbeit zu verbringen.
Nach drei Stunden des Wanderns konnten sie das Dorf kaum noch sehen. Doch auch der Gipfel rückte immer weiter in die Ferne. Ihr Vorhaben erschien bald aussichtslos. Aber ehe sie kehrtmachten, wollten sie ein wenig rasten, um dem Abstieg auch gewachsen zu sein. Und da plötzlich entdeckte Bruder Jakob etwas Seltsames hinter einem Felsen. Er ging los, um das Ding näher zu untersuchen, und traute seinen Augen nicht.
„Seht, ein Junge!“, war alles, was er in seinem ungläubigen Erstaunen immer wieder von sich gab. Die Mitbrüder eilten herbei und sahen schließlich, was auch Bruder Jakob sah: Inmitten der kargen Wildnis lag ein friedlich schlafender Säugling.
Zuerst dachten die Mönche, angesichts des vollkommen nackten Körpers, der Junge sei tot. Doch zu deutlich hob und senkte sich die Brust des kleinen Wesens. Völlig still und zudem auch noch makellos sauber lag er da in seinem Bettchen aus Stein und Geröll. Ruben konnte sich noch gut an diesen Teil der Geschichte erinnern. Oft hatten die Mönche gerätselt, wie der kleine Kerl in dieser feindlichen Umgebung überleben hatte können. Nun, es gab natürlich Wildtiere in jener Gegend. Doch die Vorstellung, eines dieser Tiere hätte sich als Amme für den kleinen Menschen erboten, schien den Mönchen gar befremdlich. Aber die Tatsache, einen nicht nur lebenden, sondern noch dazu kerngesunden Säugling inmitten dieser menschenleeren Einöde zu finden, war noch weit seltsamer als die Vorstellung einer tierischen Amme.
Wie alt er damals war, konnten die Mönche nur vermuten. Schließlich verfügte keiner der Brüder über so etwas wie Erfahrung mit Säuglingen. Der Größe nach schien er nur wenige Tage alt zu sein, so unglaublich zart und zerbrechlich war er. Doch zog man in Betracht, dass hier schon seit Wochen kein Fremder mehr durchgekommen war, so musste der Knabe wohl schon ein paar Tage mehr auf dem Buckel haben. Die Mönche jedenfalls sahen sich einem Wunder gegenüber. Sie betrachteten es als den Willen des Herrn, den Weg dieses hilflosen Geschöpfs zu kreuzen. Gott hatte ihnen – im übertragenen Sinne – einen Sohn geschenkt. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, nahmen sie den Jungen bei sich auf, um von nun an für ihn zu sorgen.
Als Erstes galt es nun, einen geeigneten Namen zu finden für dieses so achtlos weggeworfene Kind. Ja, Ruben hatte diese Bezeichnung seiner selbst mehr als nur einmal gehört. Die Mönche konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch, eine Mutter, tatsächlich solche Grausamkeit in sich tragen konnte. Und dennoch hatten sie den Beweis für solch schändliches Verhalten vor sich. Umso wichtiger erschien es den Brüdern, einen guten Namen auszuwählen.
Dieser war, dank einer sehr passenden Übereinstimmung aus dem Alten Testament, schneller gefunden als erwartet. Denn da stand geschrieben von einem hebräischen Patriarchen namens Jakob. Dessen erster Sohn wurde Ruben genannt, was in der hebräischen Sprache gleichzusetzen war mit ‚Seht, ein Sohn!‘ Nun, Bruder Jakob hatte das Findelkind entdeckt, und sein erstaunter Ausruf kam der Bedeutung des Namens erstaunlich nahe. Also wurde der Knabe von nun an Ruben genannt, der ‚Sohn‘ des Bruders Jakob – woraus Ruben selbst dann in späterer Folge die nordische Version Jakobsson machte und sich so einen Nachnamen kreierte.
Tja, soviel zum Thema Namensforschung! Doch was das alles mit seinem Traum zu tun hatte, war noch immer nicht zu erahnen. Nichts, rein gar nichts aus dem Traum stimmte überein mit seinem Fundort. Das Puzzle seiner Herkunft war noch lange nicht vollständig. Er betrachtete sein Spiegelbild.
Die Transformation auch noch nicht!
Aber noch blieb etwas Zeit übrig. Zeit, für eine weitere Reise in seine Vergangenheit.
Von jenem schicksalshaften Tage an gehörte Ruben nun also zu den Wandermönchen. Sie waren seine Familie geworden. Und sie taten ihr Bestes, den Jungen großzuziehen. Sie nährten ihn, lehrten ihn ihre – sehr unterschiedlichen – Sprachen, ihren Glauben. Und sie lehrten ihn zu überleben. Der Junge erwies sich nicht nur als gelehriger und ungewöhnlich intelligenter Schüler, er verfügte auch über handwerkliches Geschick. Kurzum, er wurde zu einer echten Bereicherung für die Mönche, und sie schlossen ihn von Tag zu Tag mehr in ihr Herz. Dennoch bereitete er ihnen auch von Jahr zu Jahr mehr Kummer. Doch es waren nicht die üblichen Probleme des Älterwerdens, die die Sorge der Brüder anfachte. Vielmehr war es sein körperlicher Zustand, der sie in Bangen versetzte.
Obwohl er ein guter Esser war, wollte der Junge nicht an Größe und Gewicht zulegen. Er war und blieb ein enorm schmächtiges Geschöpf. Selbst im Alter von zehn Jahren war er kaum größer als ein Fünfjähriger. Die Mönche standen vor einem schier unlösbaren Rätsel. Wenn auch sonst gesund und noch nie verletzt, so wollte und wollte das Kind nicht so recht gedeihen. Doch was man nicht ändern konnte, musste man annehmen. Und schließlich schien es dem Knaben ja nicht schlechter zu gehen. Doch auch das sollte sich ändern.
Ruben kam in die Pubertät. Und auf der Schwelle zum Erwachsenen suchte ihn das Fieber heim. Nicht einmal, nicht zweimal. Immer und immer wieder. Bald wurde es zu einem allmonatlichen Zyklus, der den Jungen drei Tage lang mit den schlimmsten Fieberschüben ans Bett fesselte. Er verlor regelmäßig das Bewusstsein, konnte sich auch nie an etwas erinnern. Es war ein Drama ohne Finale. Zwischen den Schüben erfreute sich der Knabe bester Gesundheit – abgesehen von seiner weiterhin besorgniserregend schmächtigen Statur. Erneut standen die Mönche vor einem Rätsel. Ganz gleich, welche Medizin sie auch versuchten, das Fieber kam und ging völlig unbeeindruckt. Mit ihrem Latein am Ende ließen sie die Medizin gänzlich weg. Das Fieber kehrte zurück. Das Fieber verging. Es machte rein gar keinen Unterschied. Doch es sollte noch schlimmer kommen.
Mit der Zeit gesellten sich Anfälle zum Fieber. Es war fast unerträglich mit anzusehen für die Mönche. Von einer Sekunde zur nächsten zuckte der Junge in den merkwürdigsten Verrenkungen. Es war, als ob der Leibhaftige selbst in den Körper des Kindes gefahren wäre. Genauso schnell wie die Anfälle kamen, waren sie auch wieder vorbei. Und drei Tage später war nichts mehr von alledem zu erahnen – bis zum nächsten Mal. Die Hilflosigkeit zermarterte die Mönche, allen voran Bruder Jakob. Er musste etwas tun. Irgendetwas. Also begann er die Fieberanfälle zu dokumentieren. Und tatsächlich, nach einiger Zeit kam er zu einem durchaus beeindruckenden Ergebnis. Er hatte festgestellt, dass sich die Anfälle des Jungen in regelmäßigen Abständen ereigneten, welche sich stets mit dem Mondzyklus überschnitten. Doch diese Erkenntnis war nicht im Geringsten hilfreich.
Vielmehr schürte sie die Angst der Mönche noch weiter. War der Junge tatsächlich ein Geschenk Gottes gewesen? War dies die Strafe des Herrn? Aber wofür? Der Knabe wäre gestorben, hätten sie sich seiner nicht angenommen – es sei denn, dies wäre seine Bestimmung gewesen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 272
ISBN: 978-3-99048-606-1
Erscheinungsdatum: 30.06.2016
EUR 16,90
EUR 10,99

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